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JOSEPH MEDER/DIE HANDZEICHNUNG
Digitized by the Internet Archive
in 2010 with funding from
University of Toronto
http://www.archive.org/details/diehandzeichnungOOmede
loSEPH jWeDER
DIE
HANDZEICHNUNG
IHRE TECHNIK
UND ENTWICKLUNG
iQnly^iQ
KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL^^CÖ
G'MBH- IN^WIEN
DIESES WERK ENTHÄLT 353 ZUM TEIL FARBIGE
ABBILDUNGEN IM TEXT UND AUF TAFELN
OCT 4 1268
Di
T/o
DAS ÜBERSETZUNGSRECHT WIRD VORBEHALTEN
COPYRIGHT 1919 BY KUNSTVERLAG ANTON SCHROLL & CO. G. M. B. H.WIEN
DRUCK VON ADOLF HOLZHAUSEN IN WIEN
VORWORT.
JL)as Entstehen dieses Werkes hatte seine Ursache zunächst in dem persön?
liehen Bedürfnis und Bestreben, die graphischen Mittel der Zeichnung ihrem
Material und der Entwicklung nach zu behandeln, sicherer zu erfassen und die
Resultate in einem Bändchen zu veröffentlichen. Erst im Laufe dieser ex;;
perimentell^historischen Klarstellungen ergab sich aus der vielgestaltigen \'erj
Wendung die Erweiterung des Themas von selbst. Der tagtägliche Umgang
mit derselben Materie in der an Originalen aller Schulen so reichen Sammlung
Albertina durch mehr als drei Dezennien, das interessierte Umtun in fast allen
Kabinetten des Auslandes brachten indes immer neue Gesichtspunkte an die
Oberfläche und erstreckten das Gebiet auf Komposition und Teilstudien jeglicher
Art, auf des Künstlers Bedarf und Brauch. Heinrich Ludwigs klar gesetzter
Gedanke, daß jener die Kunstgeschichte einer Periode wahrhaftig darstellen
werde, der die inneren Motive ihrer Kunstpraxis kenne, ward auch in unserem
Falle allmählich zur Leitlinie, den Aufbau eines Kunstwerkes vom Stand;
punkt der Zeichnung — versuchsweise — zu entwickeln: der Zeichnung
als Kunstäußerung, für den einen mehr, für den anderen weniger, aber für alle
Schaffenden Vorarbeit zu einem höheren Ganzen. Damit hatte sich der Arbeits*
plan aus eigenem festgelegt. Wenn dessen Durchführung in manchem nicht der
Erwartung entspricht, weil vieles nur angedeutet oder kaum berührt werden
konnte, so lag der Grund in der sich drängenden Stoftmasse, die zum ersten
Male zu bewältigen war.
Erst nach vierjährigem Zuwarten konnte im Jahre des Unheils unter Sorgen
und Bangen die Drucklegung erfolgen. \'on der seelischen Depression ab*
gesehen, die allzeit auf dem Gemüte lastete und ein frohgemutes Schaffen
lähmte, ließ der Verzicht auf die Segnungen des Friedens auch sonst die an*
gestrebte Stufe nicht erreichen. Vieles wäre mit deren Hilte besser geworden.
Ebenso mußten in dem eine Hauptrolle spielenden Abbildungsmaterial an die
Stelle reichlich geplanter, aber derzeit unerreichbarer Lichtdrucke die Kli*
schees treten. Nur der energischen Inangriffnahme und Opferwilligkeit des
Verlages SchroU in erster Linie — ferner der werktätigen Unterstützung der
Universitätsbuchdruckerei Adolf Holzhausen sowie der photo*chemigraphischen
Kunstanstalt C. Angerer & Göschl ist es zu danken, daß sich die Schwierigkeiten
auf ein Mindestmaß reduzierten.
\'I Vorwort.
Und so wie den genannten Firmen hier der verbindlichste Dank ausge*
sprochen sei, so fühle ich mich auch jenen verpflichtet, die das Zustande*
kommen der Arbeit gefördert haben: dem Herrn Dominik Artaria, der vor
seiner Übergabe des Verlagsrechtes an die Firma Schroll das Abbildungsmaterial
in der entgegenkommendsten Weise anfertigen ließ, den Herren Musealdirek*
toren, Bibliotheksvorständen und Privatsammlern sowie auch allen, die mir
mit Rat und Tat oder durch freundliche Überlassung von Photographien und
Reproduktionen hilfreich zur Seite standen. Schließhch meiner Nichte Poldi
Meder, die mich im Korrekturenlesen unermüdlich unterstützte und die Her?
Stellung der Strichprobe.itafel wie des Personen? und Sachregisters besorgte.
Wien, im September 1919.
Inhaltsverzeichnis.
Seite
Vorwort V
Inhaltsverzeichnis VII
Verzeichnis der Abbildungen XI
Einführung 1
Begrenzung des Themas 6
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck 16
I. Teil.
Die graphischen Mittel der Zeichnung.
Federzeichnung 33
Die Entwicklung der einfachen Federzeichnung 33
In Italien 34
Im Norden 41
Federzeichnungen auf flüchtiger und solider Grundierung 46
A. Flüchtige Grundierung 46
B. Solide Grundierung 47
WeißschwarzsTechnik 50
Lavierungen 51
Lavierungsfarben 57
Federn und Tinten 60
Rohrs und Kielfedern 60
Tinten. 1. Schreibtinte 62
2. Tusche 64
3. Bister 66
4. Sepia 69
5. Andere braune und farbige Tinten 71
Metallstiftzeichnungen 72
Bleigriffel 72
Silberstift und andere Metallstifte 79
Das Grundieren 86
Grundierungsfarben 90
Entwicklung 93
Breitzeichnende Stifte 101
Kohle 101
Fettkohle. Ölkohle 106
Schwarze und weiße Kreiden 109
1. Steinkreide .... 109
2. Kunstkreiden 116
3. Weiße Natura und Kunstkreiden 117
Rötel 119
Kreide^Röteltechnik 130
Pastelle 133
Graphitstifte 140
Pinselzeichnung 148
Zeichenflächen 164
I. Zeichentäfelchcn 164
\'III Inhaltsverzeichnis.
Seite
II. Pergament 168
III. Papiere 172
A. Weiße Papiere 172
B. Naturpapiere 174
C. Geölte und andere präparierte Papiere 179
D. Chinesische und japanische Papiere 180
IV. Tüchlein und andere Zeichenflächen 181
Verschiedene Behelfe 183
IL Teil.
Werdegang des Künstlers und der Kunstwerke.
Des Künstlers Laufbahn 207
Lehrknabenzeit 209
Theoretische Studien 218
Öffentliche Akademien 233
Gehilfen; und Wanderjahre 240
Meistertum . . 245
Der Weg zum Kunstwerk 251
A. Zeichnerische Vorstufen 251
1. Stufe. Kopieren nach Handzeichnungen und Stichen 254
2. Stufe. Zeichnen nach Gemälden 259
3. Stufe. Das Relievozeichnen nach Antiken, Abgüssen und zeitgenössischen
Skulpturen 263
4. Stufe. Das Naturstudium 276
B. Das Kompositionszeichnen 284
Die Kompositionsskizze 284
Die Kompositionszeichnung und ihre Anwendung in verschiedenen Kunst*
zweigen 293
1. Die Bildzeichnung 293
Allgemeines 293
Formaler Aufbau 298
Das Nacktkomponieren 314
Das Korrigieren 320
Arten der Kompositionszeichnung 326
Merkmale der Bildzeichnung 333
2. Weitere Arten von Vorzeichnungen 335
a) Architekturzeichnungen, Plafond* und Rahmenentwürfe 343
b) Glasvisierungen, Scheibenrisse 347
c) Vorzeichnungen für Kupferstich und Holzschnitt 353
d) Bildhauerzeichnungen 361
e) Medaillen* und Plakettenzeichnungen 369
C. Zeichnen von Teiistudien 373
Das Zeichnen nach dem menschlichen Körper 379
Das männliche Modell 381
Das weibliche Modell 394
Der Naturakt in Ruhe und Bewegung 403
Die vermittelnde Antike 403
Das freie Posieren 405
Werkstattpraxis 414
Bekleidete Modelle 425
Kopf*, Hand* und Fußstudien 427
Gewandstudien 437
Tierstudien 45O
Inhaltsverzeichnis. IX
Seite
Die Bildniszeichnung 458
Die Landschaftszeichnung 471
Technischer Aufbau 477
Entwicklung 493
Hilfszeichnungen 521
1. Der Karton 521
2. Pausen 534
3. Umdrucke 538
A. Nach Zeichnungen 538
B. Nach Gemälden 540
Werkstattbehelfe 544
III. Teil.
Körper* und Raumgestaltung in der Zeichnung.
I. Körperplastik 561
A. Schattierung 566
B. Belichtung 580
C. Das Losgehen vom Hintergrund 591
II. Raumplastik 599
A. Raumkonstruktion 604
B. Lichtplastik im Räume 626
Von den Lichtquellen in Bildern 627
Die Anwendung in Zeichnungen 631
IV. Teil.
Vom Sammeln.
Die Sammler 643
Kopie, Pasticcio und Fälschung 658
Verluste und Schädigungen 677
Über das Signieren 687
Einiges über Wasserzeichen 695
Vom Restaurieren und Autmachen 700
Anhang:
Literaturverzeichnis und Abkürzungen 709
Register 713
Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. Seite
1 Ritzzeichnung nach einem Mammut. Grotte des Combarelles . . 6
2 Strichtechnik. Kopfausschnitt aus einem Fresko Dom. Ghirlandaios. S. Maria
Novella, Florenz 7
3 A. Pollaiuolo, TafeUVorzeichnung zur Caritas. Rückseite der CaritassTafel. Uffizien 9
4 Rembrandt, Findung Mosis. Kompositionsskizze, Feder. Haag, Hofstede de Groot 11
5 Mantegna, Ausschnitt aus dem Bacchanal, Stich B. 20 18
6 Dürer, Federkopie nach Mantegna. Ausschnitt. A 19
7 Rätselzeichnungen der Carracci, aus Malvasia 20
8 Leonardo, Kriegerkopf. Ausdrucksstudie, Rötel. Budapest 24
9 Rembrandt, Zuschauer. Physiognomische Studien, Feder. Berlin. Ausschnitt . . 25
10 A. Pollaiuolo, Federzeichnung mit gleichmäßigem Umriß auf dunklem Hinters
grund. Brit. Mus. Ausschnitt 35
11 Filippino, Pietä. Federzeichnung mit aufgelöstem Umriß. Florenz, Loeser .... 37
12 Michelangelo, Rückenakt. Federzeichnung mit engen Kreuzlagen. Ausschnitt. A. 38
13 G. B. Franco, Sitzender Mann. Schnörkelstil, Feder. Ausschnitt. A 39
14 V. Carpaccio, Hl. Maria. Ruckweise Federführung. London, GathornesHardy.
Ausschnitt 40
15 G. B. Tiepolo, Knabe. Impressionistische Federzeichnung mit Halbton und Schat;
tenflccken in Braun. Schottland, Nationalgalerie. Ausschnitt 41
16 Guercino, Mädchenakt. Konturen mit Lichtwerten, Feder mit Lavierung. Brit. Mus. 42
17 J. Callot, Offizier. Vertikale Federführung. Uffizien. Ausschnitt 43
18 Botticelli, Minerva. Feder auf angeröteltem Grund. Uffizien. . . . Tafel nach 46
19 Dürer, Betende Hände zum Helleraltar. Tuschpinsel auf blauer Grundierung,
weiß gehöht. A 49
20 Illuminiervorrichtung. Holzschnitt 51
21 V. Carpaccio, Student. Vertikale Schattierung und Belichtung. Bistcrpinsel auf
blauem Naturpapier. Ausschnitt. A 55
22 P. Veronese, Anbetung. Zweischalensystem in Bister. Ausschnitt. A 55
23 Giovanni da San Giovanni, Ruhe auf der Flucht. Rötel, Feder und braune La;
vierung. Vorstufe zur Rembrandttechnik. Uffizien 56
24 Rohrfeder. Aus dem ErasmussPorträt von Holbein d. J. Basel 60
25 Rembrandt, Titus. Lavierte Rohrs und Kielfederzeichnung Haag, Hofstede. Aus«
schnitt 61
26 Feders und Tintenzeug (Perpendiculum). Nach eigener Zeichnung 62
27 Raffael, Madonnenentwurf in Bleigriffel mit Feder. Ausführung auf dünner Grüns
dierung. Ausschnitt. A Lichtdruck nach 72
28 Raffael, Kreidestudie mit Griffelspuren. Brit. Mus. Ausschnitt 75
29 Verschiedene Silberstiftformen. Nach eigener Zeichnung 77
30 Bleigriffel um 1830 78
31 Silberstift. Sammlung A. Figdor, Wien 82
32 Madonnenfigürchen von Abb. 31, vergrößert 82
33 Stilus aus Orvieto 82
34 Doppelsilbcrstift aus dem Lukasbilde des Rogier van der Weiden. München , . 83
35 Doppelsilberstift aus dem Lukasbildc des Mabuse. Wien 84
36 Silberstift aus dem Regentenstück von A. Pietersen, 1599. Amsterdam. Nach eigener
Zeichnung 85
XII Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. Seite
37 Dürer, Selbstporträt. Silberstift. Ausschnitt. A Lichtdruck nach 94
38 Silberstiftornamente über gelöschten figuralen Entwürfen. Pergament. A 96
39 Messingstift mit «Schreibkalenderlein» von 1596. Wien, A. Figdor 97
40 Silberstift und Lagerbüchlein, um 1650. Linz, Schwanenstädter Fund 98
41 Silberstift samt Notizbüchlein. Wien, A. Figdor 99
42 Weidenstäbchen, in Lehm gepackt und zum Brennen vorgerichtet 102
43 Deutscher Meister um 1520, Kohlebildnis. Ausschnitt. A. . . Lichtdruck nach 104
44 Guercino, Engelkopf in Ölkohle. Ausschnitt. A Tafel nach 108
45 Bouchardon, Matitatoio. Rötel. Louvre 118
46 Leonardo, Früher Rötelentwurf zum Reiterdenkmal. Windsor . . . Tafel nach 120
47 »Leonardo, Eingerüstetes Fferdemodell. Rötelzeichnung. Mailand 122
48 G. Biliverti, Magdalena. Kreideröteltechnik. Ausschnitt. A. . . . Tafel nach 128
49 A. Portail, Die Stickerin. Kreideröteltechnik. Ausschnitt. A. . . . Tafel nach 132
50 Älteste Form des Graphitstiftes (nach Gesner) 140
51 Originale Strichproben Tafel nach 144
52 V. Carpaccio, Weiblicher Kopf. Gelockerte parallele Strichführung. London,
GathornesHardy 149
53 Brescianer Schule, St. Josef. Vertikale Pinselschattierung. Ausschnitt. A 152
54 Deutscher Glasriß, St. Barbara. Feder; und Pinselzeichnung. Erlangen. Ausschnitt 153
55 Jac. Tintoretto, St. Martin. Halbtrockenes Pinselzeichnen mit Belichtungsflecken.
National gallery of Scotland. Ausschnitt 155
56 Dürer, Welsberg. Malerisch^farbige Pinselzeichnung. Oxford 157
57 Rembrandt, Porträtstudie. Breite Pinselskizze. Louvre. Ausschnitt 159
58 H. Fragonard, Stierkopf. Pinselzeichnung, Freilichttechnik. Ausschnitt. A. . . . 161
59 WeißschwarzsPinselzeichnung. Lanna, Prag. Ausschnitt 162
60 Florentiner Täfeichenzeichner des 15. Jahrhunderts. Lavierte Feder. Uffizien . . 165
61 Wachstäfelchen um 1475 mit Eisengriffel. A. Figdor, Wien ' 166
62 Deutscher Täfeichenzeichner des 16. Jahrhunderts. Gemälde in Innsbruck. Aus«
schnitt. Nach eigener Zeichnung 167
63 Das durch Stäbe gespannte Pergamentporträt. Rotterdam. Ausschnitt aus dem
Gemälde des Dirk van Deelen 170
64 Eisenstifte 183
65 Französischer Wischer, um 1740 185
66 C. Maratta, Correggio mit dem Matitatoio zeichnend. Kreide. A 186
67 Proportionszirkel. Albertina^Exemplar 187
68 Proportionszirkel aus dem Leonardo^Manuskript 188
69 Storchschnabel (Pantograph) 189
70 Französischer Storchschnabel des 18. Jahrhunderts 189
71 Fixiertopf. Nach eigener Zeichnung 193
71a Kopf aus dem Wiener Modellbüchlein, Hofmuseum 194
72 Skizzenbuchblatt aus Villard de Honnecourt, 13. Jahrhundert. Feder. Paris . . 195
73 Wiener Modellbüchlein, nach 1400. Hofmuseum 196
74 Kamel aus einem Silberstiftbüchlein nach 1400. Rom, Galleria nazionale .... 197
75 Rembrandt, Der Zeichner. Rad. B. 130 200
76 PollaiuolosSchule, Zeichnender Lehrknabe. Lavierte Feder. Uffizien 210
77 P. Brueghel d. Ä., Meister und Lehrknabe. Feder. Louvre 213
78 Abendkurs in der Accademia di Bacchio Brandin, 1531. Gestochen von Agost.
Veneziano, B. 418 215
79 Die geometrisch^perspektivischen Elemente nach Marattas Zeichnung, 1728. Aus«
schnitt aus Dorignis Stich 220
80 Gotische Proportionsfiguren aus Villard de Honnecourt. Feder. Ausschnitt . . 222
81 Kopfschema aus Villard de Honnecourt. Feder 223
82 Deutsches Proportionsmodell um 1530. Wien, Hofmuseum 225
83 Säulenzeichnung nach dem Vitruv^Kanon. Feder. Budapest 226
Verzeichnis der Abbildungen. XIII
Abb. Seite
84 Körperproportion, angewandt auf Architekturen. Lavierte Feder. Budapest . . 227
85 G. P. Lomazzo, Zeichnen nach sezierten Leichen. Lavierte Feder. Ausschnitt. A. 228
86 Römische Malerakademie. Radiert von P. F. Alberti 234
87 Die Pariser Akademie, nach G.deSaintsAubin. Gewischte Kreide. Coll.Ch.Pardinel 236
88 Kopfpreiszeichnen. Gestochen von Flipart nach Cochin fils ^ . 238
89 P. de Laer (?), Kneipe der Bentvögel. Lavierte Feder. Berlin 244
90 Aus Rubens' Zeichenschule. Gestochen von Pontius. Ausschnitt 255
91 Das Gipszeichnen, nach F. Zuccheri. Lavierte Feder auf roter Grundierung. A. 264
92 M. V. Heemskerck, Gartenhalle im Palazzo Medici;Madama. Feder. Berliner
Skizzenbuch 266
93 F. Zuccheri, Der Laokoonzeichner. Gestochen von Mulinari 271
94 M. Sweerts, Zeichnen nach dem bekleideten Modell. Gemälde in Antwerpen.
Ausschnitt 277
94a Leonardo, Selbstbildnis. Rötel. Turin 278
94b Dürer, Greisenkopf. Pinselstudie. A 279
94c Rembrandt, Lesender Alter. Pinsel. Weimar. Ausschnitt 280
95 Tierstudie aus dem Pisanello^Skizzenbuch. Feder in Bister auf roter Grün;
dierung. Ausschnitt 281
96 Pisanello, Kompositionsskizze. Feder. Ausschnitt 287
97 Carpaccio, Kompositionsskizze in Rötel. London, H. Oppenheimer 288
98 A. del Sarto, Entwürfe zur Madonna del Sacco. Rötel. London, J. P. Heseltine 290
99 Teniers, Naturstudie als Kompositionsskizze mit Farbenangaben. Bleigriffel. A 292
100 Ambr. Lorenzetti. Bildzeichnung mit Teilstudien. Feder. Paris 294
101 Raffael, Traum des Ritters. Bild; und Kartonzeichnung. Feder. London, Nat. Gall. 295
102 Guido Reni, Aurora in Silhouettenwirkung. Nach eigener Zeichnung 299
103 Jan Fijt, Stilleben mit Kompositionslinien. Feder. Wien, Liechtenstein .... 300
104 Kompositionsschema von Abb. 103 301
105 Pieter van Loo, Blumenstück. Aquarell. A 302
106 Kompositionsschema von Abb. 105 303
107 Claude Lorrain, Landschaft mit Diagonalgliederung. Lavierte Feder. Frank;
fürt a. M., Stadel 304
107a Timoteo Viti, Werkzeichnung mit 2 Heiligen. Kreide. London 306
107bTimoteo Viti, Das ausgeführte Bild. Urbino 307
108 Jörg Breu d. A., Lucretia. Feder auf blauem Naturpapier. Budapest 308
108a G. B. Gaulli, Plafondentwurf. Ölfarbenskizze. Rom, Pal. Spada 310
108b G. B. Gaulli, Deckengemälde. Rom, il Gesü 311
109 Salomon de Bray, Tempelszene. Feder. A 312
HO A. Mantegna, Nacktkomposition zu Jacobus' Gang zum Richtplatz. London.
Gathorne;Hardy 314
111 Leonardo, Nacktkomposition zur Anbetung der Könige. Feder. Louvre .... 315
112 Nach Raffael, Transfiguration, zurückgeführt auf Akte. Feder. A 317
113 Dürer, Madonna mit Heiligen. Feder. Ausschnitt. A 318
114 Luca Cambiasi, Abendmahl in kubischer Darstellung. Feder. A 319
115 Der Engel verläßt Tobias. Schülerzeichnung mit Klebekorrektur von Rembrandts
Hand. Feder und Pinsel in Bister. A 321
116 Giulio Campi, Ursprüngliche Kopfzeichnung zum Stifter Francesco Sforza. La;
vierte Feder. Ausschnitt. A 322
117 Klebekorrektur mit der verbesserten Kopfhaltung 323
118 Pictro da Cortona, Kompositionserweiterung durch Unterkleben. Kreide. A. . 324
n9 Rembrandt, Christus am Brunnen. Abdecken der Fehlstellen mit Deckweil^.
Lavierte Federzeichnung in Bister. Ausschnitt. A 325
120 Pontormo, Entwurf zur Wanddekoration eines Badezimmers. Rötel. Brit. Mus. 327
121 Pottcr, Tierstück. Naturstudie als Kompositionsthema. Kreide. Oxford .... 332
122 Potter, Tierstück. Gemälde in Amsterdam, Sammlung Six 333
XIV Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. Seite
123 Dürer=Schule, Bildzeichnung zu einem Triptychon. Farbig aquareUierte Feder?
Zeichnung. A Tafel nach 334
124 Bernt van Orley, Triumph der Keuschheit. Gobelinzeichnung. Lavierte Bister«
feder. A 338
125 Holbein d. J., Deckelbecherentwurf mit abgeklatschter Hälfte. Tuschfeder. Basel 340
126 Baldassare Peruzzi, Dekorativer Entwurf für die Apsis im Dome zu Siena. La«
vierte Bisterfeder. A ' 342
127 Lorenzo di Credi, Altarentwurf. Bisterfeder. Uffizien 345
128 Pieter de Jode, Kirchenfensterentwurf. Kreide. Ausschnitt. A 349
129 Altniederländer, Tod der Jungfrau. Scheibenriß in Clairobscurtechnik. A. . . 350
130 Dürer, Vorzeichnung zum Adam und EvasStich. Feder. Pierpont Morgan . . . 354
131 Dürer, Probedruck des Stiches Adam und Eva. A 355
132 Dürer, Vorzeichnung zu einem nichtausgeführten Stich. Feder. Windsor . . . 357
133 Paul Pontius, Philipp IV., Kupferstichzeichnung nach Rubens. Tuschpinsel. A. 358
134 Paul Pontius, Der ausgeführte Stich 359
135 F. Bartolozzi, Mädchen mit Schüssel. Pasticcio nach Guercino. Feder. A. . . . 360
136 Sienesische Bildhauerzeichnung zu einer Kanzel. Feder auf Pergament, Fragment.
Berlin 362
137 Michelangelo, David. Bildhauerskizze. Feder. Louvre 363
138 Michelangelo, Apostelfigur im Umriß und drapiert. Feder. Brit. Mus 364
139 Michelangelo, Modell mit den Hauptmaßen für den Marmorblock. Feder.
Brit. Mus 365
140 Amberger, Entwurf zur Chlodwigfigur. Lavierte Feder. Dresden 366
141 E. Bouchardon, sechs Aktzeichnungen und fertiges Modell zu einem Amor.
Rötel. Louvre Tafel nach 368
142 Pisanello, Naturstudie zur Medaille Alphons L, König von Neapel. Feder. Louvre 369
143 Pisanello, Umgestaltung der Naturstudie zur Medaillenform. Feder. Louvre • . , 370
144 Pisanello, Fertige Medaille 371
145 Dürer, Skizze zu einer hl. Konversation. Feder. Bonnat 374
146 Dürer, St. Barbara. Teilstudie zum genannten Entwurf. Bleigriffel auf grüner
Grundierung. Louvre 376
147 Dürer, St. Apollonia. Teilstudie zum genannten Entwurf. Bleigriffel auf grüner
Grundierung. Berlin 377
148 PollaiuolosSchule, Malerbursche einen Heiligen posierend. Lavierte Feder. Uffizien 382
149 Unbekannter Florentiner, Lehrknabe als DavidsModell. Bisterpinsel auf grüner
Grundierung. Stockholm 384
150 PollaiuolosSchule, Nacktmodell. Lavierte Feder. Uffizien 385
151 A. Pollaiuolo, Naturstudie zu einem Johannes d. T. Feder. Uffizien 386
152 Signorelli, Rückendoppelakt. Pinselzeichnung. Ausschnitt. Berlin 387
153 Leonardo, Rückenakt als Proportionsfigur. Rötel. Windsor .... Tafel nach 388
153a Unbekannter Niederländer, 15. Jahrhundert, Schächerfigur. Silberstift. Frank»
fürt a. M., Stadel 390
154 Cochin fils, Academie zu einem Entrüsteten. Nach einem Stich 393
155 Pisanello, Akte nach Bademädchen. Feder auf Pergament. Berlin 395
156 Dirk Vellert, Akt nach einem Bademädchen. Feder. Louvre 396
157 Dürer, Weiblicher Rückenakt. Pinselstudie auf blauem Naturpapier. Braunschweig 397
158 RembrandtiSchüler, Rembrandt im Aktsaal. Feder. Weimar 399
159 Rembrandt, Modell an der Aktschlinge. Pinselzeichnung. Haag, Hofstede . . . 400
160 Fra Bartolommeo, Fliegende Putten nach einem Wachsmodell. Kreide. Uffizien 401
161 I
Dürer, Weinender Cherubim nach demselben Modell. Clairobscur. Berlin und
^^^ ' Braunschweig 402
163 Baldovinetti, Antik schreitender Verkündigungsengel. Tafelbild. Uffizien. Auss
schnitt 404
164 Benozzo Gozzoli, Antikes Standmotiv. Lavierte Feder. Brit. Mus 405
Verzeichnis der Abbildungen. XV
Abb. Seite
165 Unbekannt. Quattrocento=Akt. Kreide auf Ockergrundierung. Uffizien .... 406
166 Signorelli, Männliches Modell am Seil. Kreide. Louvre 408
167 Michelangelo, Männlicher Akt zur Lybischen Sibylle. Rötel. Madrid, A. de
Beruete Tafel nach 408
168 Annibale Carracci, Barockakt. Studie zum Pal. Farnese. Kreide auf bräunlichem
Naturpapier. Louvre 410
169 Leonardo, Bewegungsschemen mit Lotlinien. Feder. Paris, Institut de France.
Ausschnitt 412
170 Wachsmodell in drei verschiedenen Stellungen nach Correggios Figurengruppe
aus der Domkuppel in Parma. (Nach eigenen Versuchen) 415
171 Tintoretto, Sturzmotive nach einem Wachsmodell gezeichnet. Kreide. Budapest 414
172 Tintoretto, Rückseite von Abb. 171 415
173 Palma Giovine, Zwei Modellmännchen als Ringer, in verschiedenen Zusammen*
Stellungen. Lavierte Feder. Louvre 416
174 Florentiner des 15. Jahrhunderts, Junger Krieger am Hängeseil. Feder. Louvre 417
175 Michelangelo, Der Auferstehende. Aufschweben mit 4 Stützpunkten. Kreide.
Brit. Mus 418
176 Annibale Carracci (?), Aufschwebender nach einem Liegeakt. Rötel. A 419
177 Tintoretto, Starkes Vorneigen am Seil. Kreide. A 420
178 Tintoretto, Jungfrau aus einer Geburt Johannis. Ausschnitt 421
179 Mantegna, LiegesSkurz. Feder. Brit. Mus 422
180 Der moderne Skurzzeichner 423
181 Rubens, Figur eines Verdammten. Sturzmotiv mit 3 Stützpunkten und Akts
schlinge. Kreide. A 424
182 C. Bega, Das bekleidete Modell. Rötel. Frankfurt a. M., Stadel 426
183 Signorelli, Aufblickender Kopf. Pinsel. Berlin 428
184 Leonardo, Judaskopf. Vorstudie zum Abendmahl. Feder. Windsor 429
185 Leonardo, Kopf des Bartholomäus zum Abendmahl. Rötel. Windsor 431
186 Dürer, Markus. Vorstudie zum Münchner Bilde. Kreide. Berlin. Tafel nach 432
187 E. L. Vigee Le Brun, «Tete d'expression». Kreiden und Rötel. A 433
188 Dürer, Arms und Handstudien zur Adamfigur (B. 1). Feder. Brit. Mus 436
189 Toskanisch um 1400, Gesammelte Gewandmotive. Feder. Brit. Mus. Ausschnitt 440
190 Florentiner des 15. Jahrhunderts, Malerbursche mit Manteldrapierung. Silberstift
auf blauer Grundierung. Ausschnitt. A 442
191 F. Zaganelli, Draperiestudie nach geleimten Stoffen. Pinsel. Stockholm. Ausschnitt 443
192 D. Ghirlandaio, Manichinodrapierung. Pinsel. Uffizien 444
193 D. Ghirlandaio, Phantasiedrapierung zu flatternden Gewändern. Lavierte Feder.
Stockholm. Ausschnitt 445
194 Leonardo, Kniedraperie. Pinselsfumato auf Leinen. Louvre 447
195 Pisanello, Pferdekopf. Federzeichnung. Louvre 452
196 Pisanello, Hundestudie. Feder. Louvre. Ausschnitt 453
197 Pisanello, Der lauernde Hund. Feder. Louvre. Ausschnitt 454
198 P. Potter, Wachhund. Teilstudie zum SixsBilde. Kohle. A 456
199 UccellosSchule, Männlicher Profilkopf. Früher auf dunklem Hintergründe.
Pinselstudie. Verkleinerter Ausschnitt. A 461
200 Van Dyck, Porträtskizze. Tuschpinsel. A 462
201 Van Dyck, Das ausgeführte Gemälde. Genua, Coli. Galliera 463
202 Com. Dusart, Der Bildnismaler. Lavierte Tuschfeder. Amsterdam 464
203 Gerbrandt van den Eeckhout, Skizze zu einem Gruppenporträt. Lavierte Bister;
feder. A 465
204 Dürer, Der Glastafelzeichner. Holzschnitt B. 146 466
205 Holbein d. J., Lady Ratclif. Glastafelpause. Windsor Tafel nach 466
206 Glastafelapparat für Porträtzeichner von 1799 467
207 Der Netzrahmenzeichner, 17. Jahrhundert 468
XVI Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. ^"'^
208 Der Silhouettenzeichner. Nach Lavater, um 1776 470
209 Silhouettenapparat mit Sessel. Nach einem Stich von I. R. Schellenberg .... 470
210 Salvatore Rosa, Waldeinsamkeit. Lavierte Feder. A 471
211 Elsheimer, Landschaft in malerischer Technik. Feder und Pinsel. Frankfurt a. M.,
Stadel 474
212 Rodler, Landschaftszeichnen mit Fensternetz. Holzschnitt 475
213 Landschaftszeichnen mit schwarzem Konvexspiegel 476
214 Camera lucida. Nach eigener Zeichnung 477
215 Jan van de Velde, Landschaft mit Horizontalgliederung. Feder. Ausschnitt. A. 479
216 Claude Lorrain, Römische Landschaft mit betonter Mitte. Bister mit Tuschs
lavierung. A 481
217 A. Cuyp, Wasserschloß. Naturstudie. Kreide. A 482
218 A. Cuyp, Wasserschloß. Gemälde. London 483
219 Landschaftliche Schemen mit Flächengliederung und Raumwirkung. Nach
eigener Zusammenstellung 484
220 Altdorfer, Landschaft mit Baum als Tiefenwirker. Radierung B. 67. Wien, Hof bibl. 486
221 Jan Both, Landschaft mitSeitenkulissen. Braun lavierte Federzeichnung. Amsterdam 487
222 Wolf Huber, Traunkirchen. Umrißlandschaft. A 489
223 Giotto, Flucht nach Ägypten. Fresko. Fadua, Arenakapelle 490
224 Guercino, Landschaft mit sturmzerzaustem Baum. Feder. A 491
225 L. Bakhuysen, Stürmische See. Braune Pinselzeichnung. A Tafel nach 492
226 Hendrik van Minderhout, Nachtlandschaft. Tuschpinselzeichnung. A 493
227 Jac. Bellini, Landschaft mit Schlängelfluß. Feder. Louvre 495
228 Leonardo, Landschaft von 1473. Feder. Uffizien 497
229 Leonardo, Gewitterlandschaft. Rötel. Windsor 499
230 Raffael, Madonna mit landschaftlichen Hintergrundskizzen. Feder. Oxford • . 500
231 Raffael, Umkehrung der Motive von Abb. 230. Feder. Oxford '501
232 Raffael, Weitere Ausgestaltung von Abb. 231. Feder. Oxford 502
233 Tizian, Baumstudien. Feder. New» York, Metropolitan Mus. Ausschnitt .... 504
234 Claude Lorrain, Römische Landschaft. Pinselzeichnung. A Tafel nach 506
235 Geburt Christi aus der Weltchronik des Rudolf von Ems, 1370. Miniatur.
München, Hof* und Staatsbibliothek 507
236 Dürer, Bodenseelandschaft aus der Apokalypse, B. 70, mit Abdeckung der
Säulenfigur 509
237 Elsheimer, Baumlandschaft. Feder. Frankfurt a. M., Stadel 511
238 Patinir, Bauernhütten. Skizzenbuchausschnitt. Feder. P. Errera, Brüssel .... 514
239 P. Brueghel d. Ä., Ideale Gebirgslandschaft. Feder. Louvre 515
240 Roland Savery, Vlämische Landschaft. Zweifarbenlandschaft. Lavierte Feder. A.
Tafel nach 516
241 J. van Goyen, Kanallandschaft. Getuschte Steinkreide. A 518
242 Boucher, Hofinneres. Kreide. A 520
243 Leonardo, Madonnenkopf aus dem Karton: Hl. Anna selbdritt. Kreide. London,
Royal Academy Tafel nach 522
244 Piero della Francesca, Freskoausschnitt mit Pausepunkten. Arezzo, St. Francesco 523
245 Raffael, Kartonzeichnung zur Predella der vatikanischen Krönung. Lavierte
Feder. Louvre 524
246 Verrocchio, Engelkopf. Kartonrest mit Nadellöchcrn. Kohle. Berlin 529
247 Mabuse, Adam und Eva. Kartonausschnitt nach dem AlbertinasOriginal. Kreide,
gewischt 531
248 Pausierapparat nach A. Böhm 537
249 Rubens, Kriegerkopf. Original und Abklatsch. Kreide^Rötel. A. Tafel nach 540
250 Berchem(?), Konturenabklatsch nach dem Gemälde, in Ölfarbe und laviert.
Ausschnitt. A 542
251 Dürer, Der Netzzeichner. Holzschnitt 545
Verzeichnis der Abbildungen. XVII
Abb. Seite
252 Vorlage mit Netzrahmen und die reduzierte Kopie 545
253 Dürer, Glastafelapparat aus dem Dresdener Skizzenbuch. Feder 546
253 a Glastafelapparat nach Fr. Chr. Müller, 1776 r 547
254 Der schwarze Konvexspiegel 548
255 Camera obscura des schwäbischen Malers J. F. Beich. Ausschnitt 549
256 Camera obscura, Durchschnitt. Nach eigener Zeichnung 550
257 Französische camera obscura in zwei Formen, 18. Jahrhundert 551
258 Modellmännchen und Correggio«Engel. Nach eigenem Modell 552
259 Deutsches Pavimentmodell von 1564 mit Lucretia^Darstellung. Holzschnitt . . 553
260 Altgriechische Tongliederpuppe nach Baumeister 554
261 Fra Bartolommeo, Weibliche Gliederpuppe in 3 Stellungen. Rötel. München . 555
262 Holzgliederpuppe des 16. Jahrhunderts. Innsbruck, Ferdinandeum 556
263 Holländische Gliederpuppe nach A. v. Ostades Bild in Dresden. Ausschnitt . . 557
264 Französische Gliederpuppe des 18. Jahrhunderts, Durchschnitt 558
265 Bemaltes ägyptisches Tiefrelief, nach Springer. Berlin 562
266 Lorenzetti, Kompositionsskizze mit perspektivischen Versuchen. Feder. Ausschn. A. 563
267 Polygonale Flächenzerlegung aus dem Architektur; und Musterbuch. Feder.
Budapest, städt. Bibliothek. Ausschnitt 564
268 Mattbemalte Schnabelkanne aus Mykene, nach E. Buschor 567
269 Dirck Vellert, Maria Geburt. Drahtkontur mit punktierten Schattengrenzen.
Lavierte Feder. Weimar. Ausschnitt 569
270 Schattierungsschemen eines Zylinders. Nach eigener Zeichnung 570
271 Raffael, Rückenakt. Feder. Ausschnitt. A 571
272 Unbekannter Florentiner um 1410. Diagonalschattierung. Feder. Ausschnitt. A. 572
273 Stefano della Bella, Männlicher Akt ohne Kontur. Feder. A 573
274 G. M. Chiodarolo, Systemlose Schattierung. Feder. Uffizien. Ausschnitt .... 574
275 Niederrheinischer Meister um 1450—70. St. Paulus. Härchenschattierung. Feder.
Budapest. Ausschnitt 575
276 Meister E. S., Madonna. Häkchenschattierung. Feder. Stadel. Ausschnitt . . . 576
277 Dürer, Ausschnitt. Häkchen und Parallelstriche. A 577
278 T. Stimmer, Horizontalschattierung. Feder. Donaueschingen. Ausschnitt .... 578
279 Deutscher Zeichner, 15. Jahrhundert, Planetenfigur. Aquarellierte Federzeichnung.
Budapest. Ausschnitt 581
280 Belichtungsschemen. Nach eigener Zeichnung 582
281 Grünewald, St. Antonius. Harmonische Vereinigung von Licht und Schatten.
Kreide. Göttingen, Ehlers 583
282 Dürer, Grüne Passion. Höhung in der Landschaft. Ausschnitt. A 584
283 Jac. Vignali, Thisbe. Weißpinselzeichnung. Ausschnitt. A 585
284 A. Bloemart, Versuchung. Clairobscur in Grün. A 589
285 Griechische Vasenfigur auf schwarzem Grunde 590
286 Dieselbe Figur auf weißem Grunde. Nach eigener Zeichnung 591
287 Dürer, Bildnis mit Kontrastfolie. Kohle. Berlin 592
288 Figurenfries mit abschattiertem Hintergrund. Feder. Budapest. Ausschnitt . . 593
289 Rosette in Schwarz=weiß und Weiß^schwarz. Feder. Budapest 594
290 Raffaellino del Garbo, Handstudie. Silberstift. Ausschnitt. A 595
291 Fr. Bonsignori, Profilporträt. Kreide. A 596
291a Elisabetha Sirani, Taufe Christi. Schlagschatteneffekte. Ausschnitt. Pinsel. A. 597
292 Römische Wandbemalung aus Bosco reale. Ausschnitt 600
293 Pisanello, Pavimentkonstruktion. Feder. Louvre. Ausschnitt 604
294 Pavimentkonstruktion mit Distanznachweis. Nach eigener Zeichnung 605
295 J. Bellini, Perspektivische Architekturkonstruktion. Feder. Louvre 606
296 Benozzo Gozzoli, Heiligenszene. Asymmetrische Perspektive. Feder. Dresden 607
297 P. Veronese, Entwurf zur Gloria di Venezia. Lavierte Tuschfeder und Weiß;
pinsel. Sammlung Agnew Tafel nach 608
X\'III Verzeichnis der Abbildungen.
Abb. Seite
298 Leonardo, Hintergrundanlage zur Anbetung der Könige. Feder. Uffizien ... 611
299 Leonardo, Anbetung der Könige. Gemälde. Uffizien 612
300 D. Ghirlandaio, Zacharias und der Engel. Feder. A 613
301 P. Veronese, Das Gastmahl bei Simon. Lavierte Federzeichnung. Budapest . . 614
302 Perspektivgerüst zu J. Breus Lucretia. Nach eigener Zeichnung 615
303 Rodler, Gehäuseschema mit 2 Augenpunkten. Nach dem Holzschnitt 616
304 Perspektivisches Modell, 15. Jahrhundert. Florentiner Zeichnung. Pinsel auf
Grüngrundierung. Stockholm 617
305 Nachkonstruktion eines Glasrisses von Dirk Vellert. Nach eigener Zeichnung 618
306 Erhard Schön, Estrichkonstruktion mit kubischen Figuren. Holzschnitt .... 619
307 Mantegna, Die figurale Behandlung bei tiefem Horizont. JakobussFresko, Padua 620
308 Dürer, Kopf mit Flächenzerlegung. Feder. Dresdener Skizzenbuch. Ausschnitt 622
309 Holbein d. J., Perspektivische Versuche im Figuralen. Feder. Basel 623
310 Lor. Costa, Das Abschattieren als Tiefengewinnung. Feder. Uffizien. Ausschnitt 624
311 Raum; und Lichtwerte der Linie. Nach eigener Zeichnung 625
312 Rembrandt, Dammweg. Lineare Stärkeabstufung. Kreide. A 626
313 Jac. Bassano, Verkündigung an die Hirten. Pinselzeichnung. Wien, Liechtenstein 632
314 Bart. Manfredi, Spielergruppe. Beleuchtungsstudie. Pinselzeichnung. A 633
315 Van Dyck, Pfingstwunder mit imaginärer Beleuchtung. A 635
316 Rembrandt, Unter der Türe. Helldunkelstudie. Feder und Pinsel. Bonnat 637
317 Rembrandt, Weibliches Modell im Reflexlicht. Feder und Pinsel. Oxford ... 638
318 M. F. Quadal, Der Aktsaal. Pinselzeichnung. A 639
319 Carlo Maratta, Der Sammler Pater Seb. Resta. Rötel. Chatsworth 654
320 Raffael, Studie zur Madonna mit dem Stieglitz. Feder. Oxford 660
321 Kopie von Abb. 320. Oxford 661
322 Kopistenstriche aus einer alten Rembrandtkopie. Feder. Ausschnitt. A 662
323 Anonyme Kopie, St. Ludwig nach Pesellino. Pinsel. Louvre ' 664
324 Pesellino, Madonna mit Heiligen. London, Captain Holford. Bildausschnitt . . 665
325 C. W. Dietricy, Ruhe auf der Flucht, in Rembrandt^Manier. Pinsel. A 668
326 Neuere RembrandtsFälschung. Pinsel. A 671
327 Gefälschte alte Schriftzüge. Vergrößertes Detail 672
328 Fälschung im Sinne einer Hans Baldung«Zeichnung. Feder. A. Tafel nach 672
329 Niccolö da Foligno (?), S. Franciscus, von fremder Hand umgestaltet. Pinsel. Berlin 680
330 Pier di Cosimo, Drei Fragmente. Lavierte Feder. Brit. Mus 681
.^,_ Dürer, Auseinandergeschnittene Zeichnungen. A 683
333 Dürer, FrauenHgur. Verschnittene Rückseite. A 685
334 Signatur des Urs Graf mit Boraxbüchse 689
335 N. Berchem, Tierstudie mit später zugefügter Signatur. Rötel. A 692
336 Abklatsch von Abb. 335, vor der Signatur 693
337 Richtig und falsch nachgezeichnete Wassermarken 696
338 Nebenmarke 697
339 Foliobogen mit voller Wassermarke 698
340 Schabmesser 703
341 Passepartout mit Türchen. Nach eigener Zeichnung 704
342 Klappassepartout. Nach eigener Zeichnung 705
Einführung.
Denn große Liebe entspringt nur aus eins
gehender Erkenntnis des geliebten Gegen;
Standes; und kennst du diesen wenig, so
wirst du ihn kaum, wenn überhaupt, zu
lieben vermögen. Leonardo.
JUas Studium der Handzeichnungen gehört ob de.s umfangreichen und
vielseitigen Materiales und dessen lebendigen Beziehungen zu Kunstwerken
höherer Art zu den interessantesten, wenngleich äußerst schwierigen Erkennt?
nissen und setzt reiches Kunstwissen, zeichnerische und technische Erfahrungen,
Blickbegabung, ein gutes Gedächtnis sowie einen möglichst vollkommenen,
allezeit dienstbaren Vergleichsapparat voraus.
Ein Bestimmungsbuch wie in der Botanik gibt es nicht und etwas Ahn*
liches ist nicht zu erhoffen, weil sich künstlerische Ausdrucksweisen nicht in
Formeln fassen lassen, wenngleich seitens alter und neuerer Sammler und
Kunstschriftsteller wiederholt Versuche gemacht wurden, die Manieren einzelner
Meister zu beschreiben. So hat Vasari (1550) in seinen Viten häufig die
Handzeichnungen berücksichtigt. Malvasia, gleichfalls ein eifriger Sammler,
streute in seiner «Felsina Pittrice» (1678) bei der Würdigung einzelner bolo#
gnesischer Maler viele Notizen über zeichnerische Art ein.
Im Jahre 1/'41 schrieb P. J. Mariette die Reflexions sur la maniere de des*
siner des principaux peintres (M. J. de Dumesnil, Bd. I, p. 241). Antoine
Dezallier^d'Argenville, Kunstschriftsteller und Amateurradierer, benennt
die Einleitung zu seinem Abrege de la vie des plus fameux peintres et la
Maniere de connoitre les Dessins et les Tableaux (1745 — 1752) sogar mit «Dist
cours sur la connoissance des Dessins et des Tableaux». Da dieselbe hinsichtlich
Manier und Material mancherlei Aufschlüsse enthält und das Gesamtwerk unter
den einzelnen Meisternamen spezielle Hinweise auf deren charakteristische
Eigenheiten anführt, so wurde dasselbe für Zeichnungensammler sogar zu
einer Art Handbuch, das sich besonders in der zweiten Auflage (1762) grofkr
Beliebtheit erfreute, heute aber nur mit Vorsicht zu gebrauchen ist. Bald zu*
treffend, weil von echten, bald irreführend, weil von unechten Belegen aus*
gehend, stehen diese Erkenntnisse nur auf der Stufe damaliger «Conoisseurs».
Dai^ gerade diese von ersten Meistern die tollsten Begriffe besafkn, bezeugen
die Attributionen in alten Sammlungen.
Einen ähnlichen Zweck verfolgten H. Reveleys Notices illustrative of
the Drawings and Sketches of the most distinguishcd Masters, London 1S20.
Auch hier der Standpunkt des damaligen Liebhabers. Battista Franco steht in
Meder, Uic Handzeichnung. 1
Einführung.
der Einschätzung höher als Dürer, der erste zeige die höchste Korrektheit,
letzterer sei steif und gequält!
Erst im 19. Jahrhundert trat die energische wissenschaftliche Wertung
der Meisterzeichnungen ein, indem man sie für die Entwicklung eines Künstlers
und seiner Werke heranzog. Passavant (Raffael), Woltmann (Holbein),
Thausing und Ephrussy (Dürer), Morelli und Franz Wickhoff, Hofstede de
Groot (Rembrandt) wirkten hier in aufsteigender Linie bahnbrechend.
Auch in den während der letzten Dezennien veranstalteten fleißigen
Ausgaben von Monographien trat man dem Thema immer näher, indem
man manche Separatbehandlung über graphisch begabte Künstler «als
Zeichner» anschloß; dankbare Versuche, das zeichnerische Kunstschaffen im
Zusammenhange zu würdigen.
Hieher gehören auch die beschreibenden Gesamtverzeichnisse erster Mei#
ster, von denen jene älteren Datums, wie z. B. Raffaels, wegen der seiner*
zeit noch mangelnden Vergleichsmöglichkeit des ganzen Materials als verfrüht
betrachtet werden müssen. Selbst die neuester Zeit und mit kritischer Sonde
geführten Aufzählungen und Beschreibungen können nicht den Anspruch auf
eine lückenlose und einwandfreie Behandlung erheben, solange nicht die
ganze Materie in Reproduktionen der allgemeinen Nachprüfung zur Verfügung
steht.
Zahllos sind Einzelaufsätze über zufällig aufgedeckte Beziehungen zwis
sehen Vorzeichnung und Gemälde. Als Bausteine erscheinen diese Notizen
gewiß wünschenswert, verlieren aber nur zu häufig den notwendigen Anschluß
an die Gesamtliteratur. Die allgemeinste und fruchtbarste Anregung bieten
die heute unaufhörlich aus dem reichen Born der Sammlungen fließenden
Publikationen faksimilierter Blätter. Leichter zugänglich als die Originale,
geschickte Vermittler des gegenseitigen geistigen Verkehrs, fördern sie das
Studium bei Künstlern und Historikern, schaffen Kenner und Freunde und
erwecken neue Sammellust.
Aber so erfreulich und umfangreich auch heute das Reproduktionsmaterial
schon sein mag, es gewährt, weil meist nur eine Auswahl aus einer Sammlung
oder eines Meisters berücksichtigend, nur einen relativ bescheidenen Nutzen.
«Das Beste vom Besten» in loser Reihenfolge zu geben, verschafft Anregung
und Genuß, läßt den Spezialforscher manches Körnlein finden, vermag aber
das Studium nur einseitig zu fördern. Die einen weiteren Gesichtspunkt auf«
weisenden und auf breiter Basis aufgebauten Kollektivausgaben, ohne
Rücksicht auf Nation, Schule, Ort und Sammlung, tragen schon im vorhinein
den Keim frühen Abbrechens in sich, weil sie an den Opfersinn des Verlegers
wie der Abnehmer übergroße Anforderungen stellen, es sei denn, daß Staat*
liehe Unterstützungen eingreifen.'
' Als ich im Jahre 1896 mit groikn Hoffnungen daran ging, eine Gesamtaus*
gäbe aller in Österreichs Ungarn befindlichen Handzeichnungen in einer billigen und
handlichen Ausstattung ins Werk zu setzen, erfüllte mich die Erwartung, daß dieses Unters
nehmen in ähnlicher Weise, oder vielleicht auch im Anschlüsse, von anderen Staaten eine
Fortsetzung finde. Allein die österreichische Ausgabe, «Handzeichnungen alter Meister
aus der Albertina und anderen Sammlungen» mulke mit dem 12. Jahrgange, d. i. mit
Einführung.
Erst durch die monumentalen Gesamtpubhkationen einzelner Künstler,
wie z. B. von Raffael, Michelangelo, Dürer, Rembrandt, werden wir in
die Lage versetzt, die Bedeutung der Zeichnung für den betreffenden Meister
restlos zu würdigen und ihm auf Schritt und Tritt in seinen Zielen und Pia*
nen zu folgen. So wie die großen Bahnbrecher der Kunst müssen aber auch
kleinere Geister allmählich eine Zusammenfassung ihrer zeichnerischen Tätigkeit
erfahren. Nicht aus dem einzelnen Beispiel, nicht aus katalogmäßigen Zu#
sammenstellungen, wohl aber an der Hand vollständiger Tafelwerke wird einst
eine fruchtbare Kritik gedeihen. Erst in der Fülle wird die Klarheit liegen
und jene Übersicht des Riesenmateriales aufdämmern, die zur Vermeidung
grober Irrtümer notwendig erscheinen.
Dabei hätten Gelehrtentum und Empirie in gleicher Weise zusammen*
zuwirken, zwei Nachbarn, die sich gerne ausweichen. Warmes, aufrichtiges
Kunstempfinden, wissenschaftliche Methode, vereint mit technischen Erfahrungen
und ausgerüstet mit einem an vielseitigem Material geübten Urteil, müßten der
Pflege und Forschung der Handzeichnung die besten Dienste leisten.
J_Jie Zahl universeller Zeichnungenkenner und leidenschaftlicher Lieb*
haber ist heute eine weit geringere denn je. Die geriebenen alten Sammler
, sind fast ausgestorben und ein Nachwuchs mit Rücksicht auf die Seltenheit
und Kostspieligkeit des Materiales kaum mehr zu erwarten. Die Kapitalisten,
bei Auktionen zwar nie fehlend, werten ihre goldene Angel doch nur nach
wohlverbürgten Qiialitäten aus, um dieselben in Prunksälen an die Wand zu
hängen. Zusammenhangslos mit allem übrigen Dekor, stets profaniert durch
allerlei Erwerbungsgeschichten, gleichen sie mehr gerahmten Wertpapieren als
Kunstwerken. Das große kunstbeflissene Publikum anderseits hat bei dem
heutigen internationalen, reklamesüchtigen Kunstbetrieb, durch modernste Aus*
Stellungen an allen Ecken und Enden, durch verwirrende Vorträge über die
allerletzte Kunsttheorie, durch Schriften und Schlachtrufe jede Beziehung zu
dieser subtilen alten Kunstform verloren. So beschränkt sich denn die kleine
Gemeinde der Liebhaber, Sammler und Kenner fast nur mehr auf verantworte
liehe Kabinettsvorstände und strebsame Kunsthändler.
An den Universitäten, den berufensten Stätten, hat die Handzeichnung
leider noch nicht ihre volle Einwertung erringen können. Die Erwerbung der
notwendigen Fachdisziplinen, das frühzeitige Sichspezialisieren, Mangel an Zeit
und Gelegenheit entfremden die jungen Kräfte vom Anbeginn gerade diesem
Kunstzweig und verhindern das Erwachen eines besonderen Interesses, so daß
in weiterer Folge unsere öffentlichen graphischen Sammlungen eines erfahrenen
und praktisch geschulten Nachschubes entbehren müssen. Die Zeichnungen
dienen in Seminaren, und zwar nur in photographischen Nachbildungen, vor*
übergehend als Übungsmittel im Betrachten des Zeitstiles, im Einzelfalle als
Bestimmungsmittel oder als archivalische Belege. Nur zu oft fühlt man die
irrtümliche Auflassung heraus, als ob der Endzweck dieser Kunstproduktc in
1440 Tafeln, nbscliliclkn und Auswärtige Fortsetzungen, von einem holländischen N'ersuch
bei Kleinmann abgesehen, blieben aus.
l*
Einführung.
einem bescheidenen Forschungsresultate bestünde. Weil eine Zeichnung glück*
lieh zu der Erkenntnis geführt, ein mit ihr im Zusammenhang stehendes Bild
sei nicht 1506, sondern 1507 entstanden, hat sie noch nicht aufgehört, Teil
eines künstlerischen Werdeganges zu sein. Insbesonders halte ich es nicht für
pädagogisch, in Seminarübungen unerfahrenen jungen Leuten mit Absicht
Fälschungen oder Pasticcios, noch dazu in Photographien, zur Bestimmung in
die Hand zu geben, um in der nächsten Besprechungsstunde den Effekt eines
Aufsitzers zu erzielen. Nie darf einer einseitigen Dressur wegen die Liebe
zum Kunstganzen und die Achtung vor dem zeichnerischen Ringen eines
Meisters im Keime erstickt werden. Nur das beste Material an Originalen
oder Faksimilen kann zu einem lebendigen Anschauungsquell werden, der den
weiteren Zusammenhang mit aller ideellen und technischen Entwicklung ergibt.^
Vvenn sich das vorliegende Werk neben der handwerksmäßigen und
künstlerischen Entwicklung der Zeichnung auch deren vielgestaltige Technik
in graphischer Hinsicht als besondere Aufgabe gestellt hat, so geschah dies
nicht allein der persönlichen Neigung zuliebe, an der Hand alter Rezepte
durch praktisches Nachprüfen und täglichen Umgang mit Originalen jeder
alten Zeichenweise nachzugehen, sondern auch in der Erkenntnis, daß hier
eine klaffende Lücke des Studiums auszufüllen sei. Wer sich je mit Hand*
Zeichnungen ernstlich beschäftigt hat, weiß aus eigener Erfahrung, wie bei
zeichentechnischen Fragen die wenigen Nachschlagebücher versagen. Die heute
geltenden Ansichten über die Verwendung einzelner Zeichenmittel beruhen nur
auf Tradition, jede Tradition aber steckt voll Irrtümer. Dazu kommt der
allgemein empfundene Mangel eigener zeichnerischer Übung und Fertigkeit,
der immer eine Unsicherheit im richtigen Sehen, ein hilfloses Herumtappen
und Anlehnen zur Folge haben kann. Von den endlosen, auf Flüchtigkeit
beruhenden Irrtümern sei hier nicht die Rede, wohl aber von einzelnen auf
seminarmäßiger Gelehrsamkeit aufgebauten Aussprüchen. Was soll man sich
von einer Stelle denken, die in einer 1903 geschriebenen Biographie eines
Florentiner Quattrocento* Meisters vorkommt: «Kohle haben die damaligen
Künstler nie verwendet, sie tritt erst im 19. Jahrhundert (!) als neue Technik auf.»
Oder: «Auf rötlichem Papier ist in weißer (!) und brauner'Tusche in kühnen,
fast impressionistischen Flecken und Zügen der kleine Entwurf ausgeführt.»
Man mag einwenden, daß Kohle oder Kreide, Feder oder Silberstift,
blaues oder weißes Papier für die Erfassung eines Künstlers ganz irrelevant,
wohl aber das Studium seiner Formen und deren Entwicklung Hauptaufgabe
' «Zeichnungen sollten nicht nach der immer noch zu sehr verbreiteten Gewohnheit
als Äuf^crungen einer besonderen künstlerischen Betätigung, gesondert von ausgeführten
Werken der Malerei, Bildhauer^ oder Baukunst, behandelt werden, sondern vielmehr im
engsten Zusammenhang mit solchen, da sie vielfach von Bestrebungen Zeugnis ablegen,
die auf andere Weise teils überhaupt nicht, teils wenigstens nicht in vollkommen bes
fricdigender Weise zu einer äulkrn Darstellung gelangt sind; vor allem aber, weil sie
unmittelbarer als die ausgeführten Werke in das Geistesleben des Künstlers einführen und
daher die allerwichtigsten Urkunden für die Kenntnis seiner Wirksamkeit bilden.» (Seidlitz,
Leonardo da Vinci, Berlin 1909, I, 291.)
Einführung.
eines Historikers sei. Im beschränkten Sinne mag dies seine Richtigkeit haben,
aber nicht im vollen Umfange eines exakten Studiums. Was dem Monographien*
Schreiber heute absolut als Nebensache erscheint, war seinerzeit dem Künstler
ein Bedürfnis, eine Notwendigkeit; jeder Künstler von Gottes Gnaden wählte
sich sein Material. Und daß dasselbe allezeit mit stilbildend, stilformend
gewesen, wird heute mehr als je erkannt und zugegeben. "VCelche formale
Umwälzung die Erfindung der Ölmalerei zur Folge hatte, weiß uns nicht
nur die Entwicklung der niederländischen, sondern auch jene der italienischen
Kunst zu berichten.
Außerdem führt eine flüchtige Behandlung der technischen Ausdrucks?
mittel auch den Fachhistoriker in große Irrtümer. Wie viele falsche, auf alter
und neuer Tradition beruhende Benennungen wären im Lichte einer sicheren
technischen Erkenntnis im vorhinein unmöglich gewesen! Noch heute prangt
in Thausings Dürer I, 95 die Abbildung nach einer seinerzeit gefeierten Zeich=
nung: dem Porträt Wohlgemuts (A.). Schon die eine Konstatierung, daß
dieses Blatt mit Graphit ausgeführt, hätte den Anachronismus und damit ein
fremdes Machwerk erweisen müssen. Das kritische Beschauen der Form allein
hat den Autor nicht vor dem Irrtum bewahrt. Wenn eine Rötel Zeichnung
(Christophorus, Uff. 20, 4) einem Anonimo artifice del sec. XIV zugeschrieben
wird, so irrt diese zeitliche Bestimmung, technisch genommen, um ein Jahrhundert.
Ebenso darf man, ein gegenteiliger Fall aus jüngster Zeit, eine Silberstifts
Zeichnung nicht deshalb einem Meister abstreichen, weil sich ihre Farbe — es
handelt sich hier einfach um eine Oxydation — von jener anderer Originale
durch eine hellere oder dunklere Nuance unterscheidet. Solche anscheinend
scharfe, jedoch der elementaren Kenntnis alter Techniken entbehrende Beob*
achtungen bilden zu dem Kapitel: Grenzen einseitiger Kritik allerlei Erbauliches
und ließen sich endlos vermehren.
Einen besonders starken Fall bedeutet eine Hercules Seghers* Radierung:
«Die Beweinung Christi», die noch 1902 in dem Katalog einer Kölner \'er*
Steigerung als Zeichnung und noch dazu von Mantegna figurierte.' Schließ*
lieh muffte man auch fragen, warum gerade eine technische Beschreibung,
wenn man schon eine gibt, das Recht haben soll, unrichtig zu sein.-
Aber nicht allein in rein graphischem Sinn ist der Begriff Technik zu
fassen. Jede Entstehung, jeder x\ufbau eines Kunstwerkes erheischte soviel
werkstattmäßige Erfahrung, Behelfe aller Art, die sich ununterbrochen über*
lieferten und vervollkommneten.
Handwerk bedeutet nicht bloß die zunftgemäße Ausführung von Aufträgen,
mit der das Mittelalter sein Begnügen hatte, nicht bloß den banausenhaft
erstarrten Betrieb einer Meisterschule mit für alle Welt bereitliegenden Kartons,
Schablonen und Figurinen gleich der Zimmermalerei, wie wir es z. B. in der
' Vgl. Jaro Springer, Hercules Seghers, Taf. I.
* Ein besonders häufiger Mii^brauch wird mit dem Ausdruck Sepia getrieben, der
so gerne auf alle braunen Farben aller Jahrhunderte angewendet wird, wenngleich sie erst
dem 18. Jahrhundert entstammt. Die Hcrcichnung von Sepi^ wäsh iür eine Go;-oli.
Zeichnung klingt recht absonderlich.
Einführung.
Werkstatt des alternden Perugino oder des Lukas Kranach sehen, sondern auch
gutdeutig alle im Begriff Praxis (Pratica) liegenden Hantierungen, Erfahrungen,
Handgriffe und Vorbereitungen, die sich auch heute noch erste Künstler an*
eignen mußten, um ihren Namen Ehre zu machen.
Kunst und Handwerk (Ars et usus) gehen Hand in Hand. Tafel*, Fresko*
und Plafondmalerei oder Holzschnitt und Radierung lassen sich ohne gründ*
liehe Kenntnis der Technik weder ausführen, noch richtig beurteilen. Die
Prozeduren des perspektivischen Aufbaues, der Komposition, der Proportions*
lehre, des Akt* und Draperiezeichnens setzten sich aus hunderten von Kunst*
griffen zusammen, die sich stetig verbesserten, vereinfachten und nur in der
Werkstatt oder in den Akademien vom Meister auf den Schüler übergingen.
Was die Zeichnung in dieser Beziehung zu erproben und zu leisten hatte,
geht weit über den landläufigen Begriff, den wir mit ihr zu verbinden gewohnt
sind. Freilich in bescheidener Unterordnung, denn in der Kunst soll das
Technische nie zum Selbstzweck werden.
Begrenzung des Themas.
Vviewohl der Stoff dieses Buches in all seiner Vielgestaltigkeit durch mehr
als zwei Dezennien mit großer Zähigkeit immer wieder aufs neue in Angriff
genommen wurde, so kann das Ganze
doch nur als wohlgemeinter Versuch
gelten. Als ein Versuch, der angesichts
der vielen Gesichtspunkte, des kaum über*
sehbaren Materials an Handzeichnungen
und Literatur schon deshalb seine Gren*
zen in einem rechtzeitigen Abbruch der
Arbeit finden mußte, um sie überhaupt
zu erleben. Wie bei jeder erstmaligen
zusammenfassenden Bearbeitung eines The*
mas drängte sich auch hier eine solche
Stoffülle zusammen, daß es oft schwer
wurde, sich über dieselbe zu erheben, eine
Übersicht zu gewinnen und das Wesentliche innerhalb des gesteckten Umfanges
herauszugreifen. Von so manchem der in Bibliotheken noch als Manuskript lie*
genden Rezeptenbücher, von so mancher wichtigen literarischen Quelle mußte abge*
sehen werden. Nach der Durchsicht öffentlicher und privater Sammlungen fanden
oft nur die wichtigsten Blätter Berücksichtigung. Und trotzdem konnte nicht die
Hälfte des vorbereiteten Notizenmateriales Aufnahme und Verarbeitung finden.
Ebenso erfuhren die zeitlichen und stofflichen Grenzen nach vor* und
rückwärts eine unvermeidliche Einschränkung. Weder die in dämmerige Zeiten
fallenden primitiven Erzeugnisse, noch die antiken Produkte auf Wänden, Vasen
oder Metallplatten, noch die weiten Gebiete früher und später Buchillustra*
tion oder gar die diversen Sticharten (disegni a stampa) ^ konnten hier eine
Abb. l. Ritzzeichnung.
So genannt bei dem Anonimo dl Morelli, ed. Frizzoni, p. 172.
Einführung.
Behandlung erfahren, wenngleich von gelegentlichen Hinweisen und gegen*
seifigen Beziehungen nicht abgesehen werden konnte.
Ihrer Entstehung nach war die Zeichnung von allem Anfange an ein
selbständiges, primitives Schaffen, entsprechend dem menschlichen Nach*
ahmungsbedürfnis, Formen seiner Umgebung, zunächst der Tiere, mittels ein*
facher Konturen sichtbar aus*
zudrücken (Abb. 1).^ Ob diese
mit scharfen Steinen auf ge*
glätteten Höhlenwänden oder
in Knochen eingeritzt wurden,
oder ob man mit Holzkohle
von der Feuerstätte hantierte,
immer hatte man nur simple
Umrisse im Sinne von Form*
typen im Auge, welche dem
Naturkünstler und seinen ge*
wif^ Beifall spendenden Genos*
sen genügten. Bloß das dem
Tiere Eigentümliche, sich von
anderen Unterscheidende, wur*
de als Gedächtnisbild, als er*
starrte Vorstellung, in Umriß
und Bewegung frei wiederzu*
geben versucht. Innenzeichnung
nur insoweit, als das Form*
erkennen sie benötigte.
Durch Jahrtausende wieder*
holte sich dieser Vorgang; er
bedeutete kaum eine höhere
Kunstform, als sich die Zei*
chenmittel änderten, verbesser*
ten, als man mit zerkautem
Schilf oder zerklopften Holz*
Stäbchen nassen Farbstoff auf
glatte Flächen auftrug, eine
Innengliederung der Formen
versuchte und die umzogenen
Flächen mit Manganschwarz,
Ocker oder Rötel ausfüllte. Auch
jene in die Periode vor der
ersten Dynastie fallenden Ausschmückungen ägyptischer Grabkammern mit Figuren*
streifen — gewöhnlich Malereien genannt — blieben trotz aller Farbenwirkung
in Weiß, Rot und Schwarz nur rein zeichnerische Produkte in unserem Sinne.
Abb. 2. Strichtechnik aus einem Fresko
D. Ghirlandaios.
*• Aus A. Springer, Kunstgesch., Abb. 5, Text S. 2. Ritzzeichnung auf einem Mammut«
:ahn aus den Höhlen von Dordogne. Vgl. Revue de l'licole d'anthropologie.
8 Einführung
Wollte man bei diesen frühen Stufen auch ein Vorarbeiten, etwa mit Kohle
(Vorzeichnung), und ein reinliches Fertigmachen (Ausführung) unterscheiden,
beides waren nur zeichnerische Vorgänge, ob man sich der Schablonen be#
diente oder aus freier Hand schuf. Weil das Formsuchen und Formvollenden
nie aufhörte und letzteres nur ein exakteres, längs und innerhalb der Spuren
des Linienentwurfes erfolgendes Ausgestalten war, konnte sich selbst eine hoch?
entwickelte Maltechnik nicht ganz des zeichnerischen Charakters entäußern.
Nicht zu reden von gotischer Tafel* und Freskomalerei, tragen selbst Werke der
Frührenaissance das Gepräge linearen Entstehens so deutlich an sich, daß De*
tails, aus unmittelbarer Nähe gesehen, jederzeit mehr an eine Zeichnung als
an ein Gemälde erinnern (Abb. 2).^
Der ausführende spitze Borstenpinsel arbeitete in Schattierung und Beiich*
tung ohne Rücksicht auf die Farbe in gleicher Weise wie Kohle und weiße
Kreide auf dem Papierkarton. Die Farbentöne gehörten der Fernwirkung des
Ganzen an.
Aber trotz gleichzeitigen und gleichartigen Entstehens und gemeinschaft*
lieber Ziele ergab sich mit einem Male zwischen den vorbereitenden Arbeiten
und der auszuführenden Malerei eine ersichtliche Trennung, als sich ihre tech*
nischen Voraussetzungen geändert hatten. Dies geschah, als sich der Fiächenstil
in einen Reliefstil und letzterer in einen Raumstil umwandelte und ein umfang*
reiches Teilstudium hinsichtlich Entwurf, Plastik, Bewegung und Tiefe,
Licht und Luft vorher geltend machte. Zwischen zeichnerischem Verschaffen
und malerischem Ausführen, zwischen Anstreben und Erreichen standen die
gärenden Forderungen des Zeitwandels. Im Vergleich zur gotischen Periode
trat in allen Werkstätten eine neue, doppelte Arbeitsmethode ein, die an den
Zeichner nicht geringere Ansprüche stellte als an den Maler.
Tür uns, d. h. der Aufgabe dieses Handbuches entsprechend, bedeutet
die Handzeichnung nur die Vorstufe zu einer höheren künstlerischen
Ausdrucksweise. Zunächst als Abstraktion eines Formbildes, entstanden vor
der Natur oder aus Eindrücken, Erinnerungen und Beobachtungen und geleitet
vom rastlosen Nachahmungstrieb des künstlerischen Genius (Einzeldarstellung,
Figuren, Teile derselben, Landschaft); dann als momentaner linearer Ausdruck
einer aufkeimenden Idee (Komposition). Damit ergibt sich die weitere Begren*
zung, nur jenen Typus der Handzeichnung technisch und historisch
zu behandeln, den uns die Entwicklung christlicher und profaner
Kunst tatsächlich in die Hand gegeben hat und wie er in allen großen
Sammlungen dem Forscher und Kunstfreund begegnet. Von miniaturartigen,
ihrem Charakter nach aber noch ins Zeichnerische fallenden Produkten abgese*
hen, setzt die Entwicklung unserer Handzeichnung mit dem Trecento ein. Als
zeitliche Abgrenzung der Arbeit wurde 1800 angenommen.
Aus diesem Gesichtspunkte resultiert ferner, daß wir es in erster Linie nur
mit jener großen Gruppe von Zeichnungen zu tun haben, die ihrer Bestim*
' Ausschnitt aus dem Kopf der Tornabuoni aus D. Ghirlandaios Fresko, Geburt des
Täufers in Horcnz, Santa Maria Novella.
Einführung.
mung nach, wie erwähnt,
eine Vorbereitung für
ein höheres Kunst*
werk (Architektur, Skul*
ptur, Gemälde oder gra*
phischesWerk) bildeten,
selbst aber eine unter?
geordnete|Kunstform,
«ein Fragment» eines
Kunstwerkes bezeichne?
ten.
Am einfachsten, um
einige Beispiele anzu*
führen, stellt sich das
Erkennen der vorberei*
tenden Stufe ein, wenn
in unvollendeten Minia*
turen oder auf alten
Tafelbildern unter den
dünnen Farbschichten die
Konturen und Schatten*
striche als Spuren des
vorhergegangenen Ent*
Wurfes erscheinen und
durchschimmern oder —
noch ersichtlicher — wenn
Tafelbilder im Entwürfe
stecken geblieben sind
(Abb. 3).^ Ebenso deut?
lieh überzeugt der allge*
meinste Fall, wenn wir
neben das ausgeführte
Werk eine entsprechende
Vorzeichnung, Detailstu?
dien oder einen Karton
zum Vergleich halten
können (Abb. 121, 122
und 217, 218).
Scheinbar zusammen*
hanglos drängt sich jene
zweite große Gruppe von
Handzeichnungen auf,
welche keine direkte Aus*
tvn
'^ .-
.^.iL.
■^<^ " ■-
^mJk.X
Abb. 3. A. Pollaiuolü, TafebV'orzcichnung zur Caritas. Uft.
' Aus Berenson, The Drawings of thc Horentinc Painters, London 1903, Taf. XV,
Text Nr. 1900, Rückseite der Caritastafcl, üfHzicn 73.
10 Einführung.
tührung beanspruchen, wie Übungen durch Kopieren oder in freier Natur
und im Aktsaale. Auch sie bilden auf dem langen Wege künstlerischer Ausbils:
düng nur Stufen, aufweichen sich die Reife zu höheren Aufgaben auf baut.
In besonderen Fällen erlangten Zeichnungen einen gewissen Grad von Selb*
ständigkeit, wenn dieselben, wie z. B. Porträtzeichnungen, direkt bestellt und wie
fertige Kunstwerke an die Auftraggeber ausgefolgt wurden. Dies ändert nichts
an der Grundbestimmung vorbereitender Kunstformen. Die Möglichkeit, nach
derartigen Porträtstudien Gemälde, Holzschnitte oder Stiche zu schaffen, blieb
often. Ebensowenig verlieren Studien, die sich bereits durch jene lebendige
Seelenäußerung, die dem Gemälde zugedacht war, zu einem vollendeten Kunst*
werke erheben, ihre Vorbestimmung. Mögen auch Dürers «betende Hände»
(Abb. 19) kaum mehr als ein Stück Naturnachahmung, sondern bereits als
künstlerischer Ausdruck einer Idee, der innigsten Andacht, erscheinen, für ihn
waren sie ein Detailstudium zum Helleraltar.
Eine wirkliche Ausnahme bilden die graphischen Blätter. Wiewohl sich auf
dem Wege des Holzschneidens oder Stechens gewisse technische Veränderungen
einstellen, der graphische Charakter der Zeichnung und deren Selbständig*
keit bleiben gleichzeitig gewahrt. Ersichtlicher noch in der Radierung oder
Lithographie, sobald die zeichnerische Anlage direkt auf der Platte oder dem
Stein erfolgt.
Die vorbereitende Bestimmung bedingte rasch schaffende, handliche und
gut sichtbare Ausdrucksmittel und bevorzugte jene, welche gelöscht oder ge*
ändert werden konnten. Graphische Behelfe wie Stifte, Kohlen, Kreiden ent*
sprachen früh der formsuchenden Phantasie. Neben den trockenen Zeichenmitteln
erscheinen die Tintenfeder oder der spitze Farbenpinsel. Ebenso konnte
jede Fläche als Unterlage dienen, Pergament, Papier, Elfenbein, Holz, Lein*
wand, Schiefer, Kalkstein, Marmor, Metall, eine Mauerwand. Doch haben
billige, leichte, rasch zugängliche Stoffe, Papier, oder dauerhafte wie Perga*
ment, den allgemeinen und natürlichen Vorrang erworben und erhalten. In
technischer Beziehung lassen uns die ältesten Nachrichten leider völlig im Stich,
kaum daß wir erfahren, daß man in Griechenland und Rom mit Kohle, mit
Griffeln und feinen Pinseln auf Holz (Buchsbaum) oder Pergament gezeichnet
habe. ^ Wie auf so manchem technischen Gebiet wiederholt sich auch hier
die bedauerliche Erscheinung, daß jahrhundertalte Erfahrungen verloren gingen
und neuerdings schrittweise errungen werden mußten; kaum daß sich kümmer*
liehe Reste antiker Zeichentechnik bei den Miniatoren in stillen Klöstern weiter*
fristeten und vererbten bis zu jener Zeit, wo sie wieder einer genialen Hand
dienen sollten, wo kunstbegabte Männer das Handwerksmäßige aufgriffen und,
dasselbe technisch und formal ausbildend, wieder höheren Aufgaben zuwandten.
Als Giotto erstand, lag noch vieles brach, als Masaccio in die Kunst eintrat,
reifte schon die Frucht, und in weiteren hundert Jahren hatten die praktischen
und theoretischen Zeichnungserkenntnisse eine Höhe erreicht wie noch nie
zuvor. Dabei erscheint es erstaunlich, wie mit dem Wechsel der Zeichenmittel
Hugo Blümner, Technologie und Terminologie der Gewerbe und Künste bei Grie>
chcn und Rumern. Leipzig 1887, IV, 425, mit gleichzeitiger Angabe der Literatur.
Einführung.
11
auch bewährte Techniken und deren Tradition abermals verschwanden, so daß
es heute der Heranziehung aller Quellen, der Ausprobung und Beobachtung
aller alten Rezepte bedurfte, sie neuerdings aufzufinden.
Die weitreichende Bestimmung der Zeichnung gestattete die skizzenhafteste
Andeutung und die feinste Ausführung bis ins Detail, je nach Zweck, Indi*
vidualität, Formengedächtnis und Reproduktionslust. Ob von angeborener Pedan*
Abb. 4. Rembrandt, Findung Mosis. Haag, Hofstede de Groot.
terie geleitet oder von genialer Oberflächlichkeit, ob durch geruhsames Hervor*
bringen oder durch impulsive Schaffenskraft entstanden, immer bedeuten solch
lineare Fragmente oder wohlabgerundete Formen mit plastischer Durcharbeitung
ein und dasselbe: die individuelle Aussprache einer Idee. Innerhalb der Zei*
chenmittcl war dem Künstler jede Art und Weise gestattet, welche diese Auf-
gabe erfüllte, daher die Vielgestaltigkeit, das bunte Bild der Handzeichnungen.
Ihrem Wesen nach soll eine Zeichnung rein zeichnerisch sein, d. h.
den Charakter graphischer Mittel an sich tragen, von linear abgekürztem oder
unvollendetem Gepräge, das nur das Wesentliche an Form und Flächen wieder«
gibt und dennoch die Impression des Ganzen erzeugt. In ihrer Selbstbeschrän*
kung liegt ihr Wert, in dem fragmentarischen Stehen und Schweben der Gebilde
12 Einführung.
ohne Halt und Hintergrund ihr Reiz. Ein Zuviel der Ausführung stößt uns ab,
Kupferstichvorlagen langweilen uns; Rembrandts Skizzen aber fesseln den
Beschauer, weil sie ihn mit Überraschungen und Entdeckungen überschütten
(Abb. 4). ^ Ob dabei der reine, gleichmäßige Konturenfluß eines Körpers be#
tont wird (linear), oder sich alles Umreißen gelockert, schmissig, ruckweise
vollzieht (malerisch), ist Sache des Zeitstiles und beeinflußt nicht die Qualität.
Eine weitere Frage ist die: Wann geht der Charakter des Zeichnerischen
ins Farbig^Bildmäßige über? Die Farbe allein macht es nicht; Jordaens'
farbengrelle Gobelinentwürfe bleiben durchaus zeichnerische Produkte. Es
wird erst hervorgebracht, wenn der Künstler seinen Gegenstand derart nach
allen Seiten hin räumlich ausgestaltet und plastisch durcharbeitet, daß der
Zeichen* oder Malgrund unter dieser Gesamtillusion verschwindet und nur der
leer gebliebene Rand noch an das Stoffliche erinnert.^ Der Widerstreit der
illusionistischen Tiefenwirkung der Darstellung mit der etwa noch vorhandenen
flachen, unbezeichneten Umgebung wird vom Auge stets unangenehm empfunden.
Farbstiche, farbige Radierungen, wiewohl graphische Produkte, kommen daher,
wenn sie Bildmäßigkeit anstreben sollen, mit Recht ohne Rand und Passepartout
und knappgerahmt auf den Markt.
Dagegen erinnern — ein umgekehrter Fall — unvollendete, mit Ölfarbe
und Pinsel auf Leinwand skizzierte Porträts oder auch Kompositionen mehr
an den Charakter einer Zeichnung als eines Bildes, weil die offenen Hinter*
grundstellen, das Flächenhafte zwischen den Pinselstrichen, noch zur Genüge
das graphische Entstehen erkennen lassen. Der Übergang zum Bild tritt aber
sofort ein, wenn die leeren Leinwandstellen zugestrichen werden und raummäßig
zu wirken beginnen. Jedes, auch gut ausgeführte Aquarell kann eher zeichnerisch
erscheinen als ein Guasch mit seinen alles deckenden Farbschichten. ^
Am ersichtlichsten entwickelt sich vor unseren Augen der technische Über*
gang von linearen Formen zum farbigen Bilde in der Pastelltechnik. Scharf
konturierte Kreideköpfe mit bescheidener farbiger Belebung auf weißen Bogen
im Beginne und weiche, nur in Wischfarben herausmodellierte Porträts auf
einem in gleicher Technik fein abgestimmten Hintergrund am Ende der Ent*
Wicklung, bezeichnen eine lange Reihe von Stufen und Übergängen, ohne daß
man an einer bestimmten Stelle die Zäsur machen könnte. Aber die Grenze
besteht.
In welchem Sinn und Umfang der Begriff Technik aufzufassen sei,
ergibt das Werden eines jeden Kunstwerkes. Alle Mittel und Wege, die
dazu führen, gehören in dieses weite Gebiet. Alle Elemente materieller Art,
aus welchen es sich aufbaut, sowie die Art und Weise ihrer zweckdienlichen
' Aus : Teekeningen van Rembrandt in de Verzameling C. Hofstede de Groot,
Nr. 33. — Die Zeichnung wurde von F. Bol zu einem Bilde verwendet. (Feestbundel Abra=
ham Bredius aangeboden: Hofstede, Onderwijs aan zijne Leerungen I, 87 u II. Teil, Taf. 26.)
* Wölfflin, Kunstgeschichtliche Grundbegriffe, S. 43. — Ais Beispiel Rembrandt, Ruhe
auf der Flucht, Bonnat; Rembr. Z. 1892, IV, 181.
^ Auf diesen wesentlichen Unterschied hat zuerst Broder Christiansen hingewiesen.
Philosophie d. Kunst, Hanau 1909, S. 271 f.
Einführung. 13
künstlerischen Ausnützung, um es auf eine möglichst vollkommene Stufe
zu bringen, müssen in Betracht gezogen werden. Darin liegt die natürliche Zwei:;
teilung jeder Technik begründet, auch innerhalb unseres Themas: die Hand*
Zeichnung und deren Entwicklungsgeschichte.
Demnach war vor allem die Aufgabe zu lösen, die zeichnerischen
Materialien in ihrer historischen Aufeinanderfolge, ihrer Erzeugung und
schulmäßigen Anwendung ausführlich zu behandeln (Teil I). Die alten Rezept?
bücher, Trattati und Precetti mit ihrem reichen Schatz empirischer und theore=
tischer Kenntnisse, die immer wieder vererbt und kopiert und argwöhnisch
gehütet wurden, bildeten den Ausgangspunkt. Sie überlieferten, von schrift*
stellerisch veranlagten Künstlern zusammengestellt, nicht nur die jeweiligen
Normen der Werkstattpraxis, sondern auch wissenschaftliche Fragmente aus
antiken Schriftstellern wie Plinius, Vitruv und Eukhd.^ Das Buch vom
Berge Athos, die frühen von M. Ch. Merrifield und E. Berger publizierten
Quellenschriften und Rezepte, Cenninos und vereinzelt auch Leonardos
Trattat enthielten eine Fülle des Wissenswerten und Brauchbaren für Zeichner,
Maler und Bildhauer, Miniaturisten und Glasmaler. Vasari in seiner Einleitung
und Armenino in den Veri precetti (1. 1, c. VTl) gewährten technische Be*
lehrungen für das 16. Jahrhundert. Für Holland kam außer den eingestreuten
Bemerkungen in Karel van Manders Lehrgedicht (c. 1604) und Gerhard
de Lairesses Schilderboek 1716, vor allem S. v. Hoogstraetens Schilder*
konst (1678) mit dem Kapitel: verscheyde wyzen van teykenen en Stoffen daer
toe noodig in Betracht. Daneben wurden alte Wörterbücher wie Baldinuccis
Vocabulario, das umfangreiche Akademiewerk Vocabulario della Crusca
(1612), ferner Enzyklopädien, mineralogische Werke wie A. Caesalpino, De Me*
tallicis (1596), Imperato Ferrante, Dell' historie naturale (1599), Joh. Ma*
thesius, Bergpostille (1564) oder Konr. Gesner (Zürich 1565) und für das
18. Jahrhundert jene zahlreichen französischen und deutschen Manuels, L'arts
de laver, Methodes, Kunst? und Illuminierbüchlein systematisch ausgebeutet.
Auf den prägnanten Artikel F. Lippmanns über alte Zeichenmittel in seinem
Textband zur Publikation der Berliner Handzeichnungen (1882) sowie auf
Rosenbergs Bemerkungen über Silberstifttechnik in seiner Ausgabe des H. Bai?
dung?Skizzenbuches (1889) sei hier gebührenderweise hingewiesen.
Für die Forschung aber galt es erst, die Verbindung zwischen trockenen
Rezepten und Notizen und dem tatsächlichen technischen Verfahren in alten
Handzeichnungen herzustellen, den Weg der Praxis und des Experimentes zu
betreten. Die Zeichenweisen mit Metallstiften und den dazu gehörigen Grundie*
' Die hier nur kurz skizzierten Quellen^ und hiteraturangaben, die in den einzelnen
Kapiteln ihre spezielle Benützung und möglichst reiche Erweiterung erfahren haben, be;
ansprachen nur die Bedeutung, die eingeschlagene Richtung anzugeben. Ebenso konnte
auf eine Kritik Verzicht geleistet werden, als dieselbe in der zusammenfassenden Übersicht
allen kunsthistorischen Quellenmaterials in historischer Abfolge von J. von Schlosser
in den «Materialien zur Quellenkunde der Kunstgeschichte» eine erschöpfende
und mustcrgiltigo Behandlung erfahren hat. Bisher erschienen in den Sitzungsberichten
der kais. Akademie d. Wissensch. in Wien: Heft 1, 1914 in Bd. 177, 3. Abh.; Heft 11, 1915
in Bd. 179. 3. Abh.; Heft 111, 1915 in Bd. 180, 5. Abh.; Heft IV, 1917 in Bd. 184, 2. Abh.
14 Einführung.
rungen oder mit Fettkohle, mit Bister und Galläpfehinte benötigten jahrelange
Versuche, bis jene nur durch die Zeit verursachten und eintretenden Veranden
rungen beobachtet werden konnten.^ Dagegen wurde von den durch moderne
industrielle Chemie auf den Markt gebrachten neuartigen Erzeugnissen, über
welche spezielle Handbücher ausgegeben wurden, völhg abgesehen.
In zweiter Linie (Teil II) wurde versucht, auf historischem Wege den
zeichnerischen Lehrgang eines Künstlers, d. h. die handwerks* und schulmäßige
Heranbildung des Garzune (Malerknaben) zum Gehilfen und Meister, das all;
mähliche Eintreten der hiezu notwendigen Disziplinen in übersichtlicher, wenn
auch skizzenhafter Weise darzustellen. Denn ausgehend von dem Handwerk*
liehen, das nur in der Werkstatt erworben werden konnte, reichte die Technik
bis zu den letzten Kunstgriffen meisterlicher Vollendung. Während ersteres für
einen bestimmten Zeitabschnitt allgemein, schulmäßig und jedem erreichbar er#
schien, war die letztere ein persönliches «Ausdrucksmittel der Phantasie». «Die
Technik ist Ausfluß des Genies oder sollte es wenigstens sein» (M. Liebermann,
S. 44). Die Technik der Handzeichnung kann sich daher nicht mit der Behand?
lung des Materials allein begnügen, sondern greift ebenso in das Gebiet der
Komposition, der Licht* und Schattenprobleme, der Naturstudien und selbst
des seelischen Ausdruckes.
Demnach ergab sich im weiteren mit der Entstehung und Fortbildung
eines Kunstwerkes — von den praktischen Voraussetzungen und theoretischen
Erkenntnissen bis zu den ersten schüchternen Versuchen, Selbstempfundenes zu
skizzieren und mit wachsenden Kräften auszubauen im Ganzen und vielgestal*
tigem Detail — auch für uns der scharf markierte Stufengang von Schulzeichs
nungen, Kompositionsgedanken, fertigen Bildzeichnungen, Detail*
Studien und Kartons, möglichst unter den Gesichtspunkten zeitlicher An*
schauungen, als Grundlage für die Einteilung und Behandlung des erhaltenen
Zeichnungenmaterials.
Dabei mußte auch an verschiedenen Stellen die Gelegenheit wahrgenommen
werden, auf die individuelle Technik hinzuweisen, auf hervorragende Beispiele
schöpferischer Meister und deren neue Stilformen. Schon ihr Herauswachsen
aus dem lähmenden Schulverband zu freiem, eigenem Neugestalten bedingte
einen Übergang vom Handwerk zur persönlichen Technik. Neben den persön*
liehen führten auch zeitliche Impulse zu neuen technischen Ausdrucksweisen,
die dem physischen Schauen und jeweiligen geistigen Sehen entsprachen. Dem
neuen Erkennen folgte das geänderte Können.
Literarische Stützpunkte gewährte hier neben Cennini vor allem Leonardo
im 2. und 3. Teile seines Buches durch die Precetti del Pittore. Beginn und
Entwicklung aller Zeichen* und Malkunst vom Kopieren zum Naturzeichnen,
vom einfachen Akt zur Stellung und Bewegung, von der Draperie bis zur Land*
Schaft und schliefMich die hohe Kunst der Komposition finden darin zeitliche
und persönliche Behandlung. Für das Cinque* und Seicento und deren kunst*
theoretische Anschauungen wurde die bei K. Birch*Hirschfeld zusammengestellte
' Diesen Versuchen verdankte «Das Büchlein vom Silbcrsteft» von J. Meder, Wien
1909, seine Entstehung.
Einführung. . 15
Literatur herangezogen und besonders L. Dolce (1557), G. P. Lomazzos Trattato
(1585) und F. Zuccaros Idea (1607) vom Standpunkt zeichnerischer Probleme
verwertet. Wiewohl auf diesen genannten Quellen fußend, lieferten Fernando
de Herrera und Fr. Pacheco in der Arte de la pintura (1649) für Spanien
und Carel van Mander in dem Grondt der edel vry Schilderkonst (1604)
spezielle lokale Gesichtspunkte für die Niederlande. Neuester Zeit Hofstede
de Groot für Rembrandt: Onderwijs aan zijne leerlingen (1915).
Die kümmerlichen Entwurfsreste Dürers zu seinem geplanten Werke über
Malerei, wichtige Stellen aus seiner «Proportion» und «Messung», die Elementar*
bücher seiner Nachfolger wie E. Schön, Lautensack, Rodler u. a., Statuten
deutscher Zunft* und Zechbücher und vor allem Sandrarts Teutsche Academie
(1675) bildeten gleichfalls für diesen Teil sachliche Ergänzungen. Der französische
Akademismus mit seinen sich in immer neue Theorien spaltenden Parteien lieferte
zunächst in den Preceptes des H. Testelin, in dem durch Roger de Piles über*
setzten und erläuterten Lehrgedicht über Malerei Du Fresnoys (1668), in den
zahlreichen akademischen Konferenzen und Diskursen (A. Fontaine, Conferences
inedites 1903) und in den antiakademischen Lettres, Dissertations, Reflexions eine
Flut an Literatur, die bereits 1912 Jean Locquin: «La peinture d'histoire en
France de 1747 ä 1785» und 1915 Albert Dresdner in seiner verdienstvollen
«Kunstkritik» reichlich ausgewertet und der Benützung näher gebracht haben.
Der dritte Teil behandelt die Plastik in der Zeichnung, ein stofi^*
reiches Gebiet, das sich im einzelnen zwar vielfach aus Unterrichtselementen
praktischer und theoretischer Art zusammensetzte, die in dem vorhergehenden
Teil behandelt wurden, das aber im Interesse der Übersicht eine einheitliche
Zusammenfassung erfahren mußte. Es wäre unmöglich gewesen, aus den an
verschiedenen Stellen erörterten Einzelthemen die zweite große Aufgabe der
Zeichnung, die Lösung plastischer Hauptfragen, von der einfachen Schattierung
bis zum Helldunkel, von dem einfachen Körper bis zum komplizierten Innen*
räum in vollem Umfange zu überschauen. Wenngleich die Zeichnungen selbst
hier den Ausgangspunkt der Betrachtungen bildeten, so gewährten die vielen
Paragraphe Leonardos in seinem 5. Buche und die Kapitel I— VI des 2. Buches
Armeninos für jene Zeiten reichen Einblick wie für den weiteren Verlauf
Borghini und Lomazzo (Trattato und Idea).
Teil IV, in erster Linie für Sammler bestimmt, baute sich aus jenen
Erfahrungen, praktischen Arbeiten, Sorgen und Enttäuschungen auf, wie sie
einem verantwortlichen Kustoden im Laufe vieler Jahre begegnen. Mit den
meist im Sinne einer Belehrung mitgeteilten Hinweisen sollen Kollegen und
Kunstfreunden Winke gegeben werden, die sowohl bei der Erwerbung als auch
Konservierung von Zeichnungen in Betracht kommen.
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
Persön=
liches.
Was dem Dichter gedankliche Notizen und Dispositionen, Tagebücher
und Briefe, das bedeuten dem Künstler in weit höherem Maße Skizzen und
Handzeichnungen. Lebendige Zeugen seiner innersten Natur, voll Intimität
und Persönlichkeit, von der momentanen Schaffenslust geboren und nur für
ihn bestimmt, enthüllen sie seine Seele voll und ganz, während Gemälde,
allerlei äußeren Umständen wie technischen Schwierigkeiten, Auftragsmodalitäten,
der mitredenden Kritik und dem Markte unterworfen, das Persönliche leicht
umstellen. «Zeichnungen sind nur für den Künstler selbst da und allenfalls
für diejenigen, die er an seinem inneren Prozeß teilnehmen lassen will»
(Hans von Marees).
All sein Tasten und Suchen, Ringen und Streben, der Natur in ihren
wundersamen Formen nahe zu kommen, das unermüdliche Umgestalten kom*
positioneller Gedanken, Verwerfen und Neuaufgreifen, sein Aufsteigen und
Abfallen — kurz der stimmungsreiche Werdegang offenbart sich in dem
Studienmaterial eines zeichnerisch begabten Künstlers schärfer und lebendiger
als in seinen anderen Werken.
Selbst in den Urtagen bildete sie schon eine selbstherrliche Äußerung,
als der Kelte die Wand seiner Höhle mit Tierumrissen schmückte; denn diese
Versuche entsprangen nicht einem Bedürfnisse, sondern angeregter Laune, dem
unwiderstehlichen Drang des Nachahmungstriebes. Höhlenwohnung, Schutz*
hütte, Mauern und Dach verdankten ihr Entstehen der Not, der simpelste
Innenschmuck aber der Daseinsfreude.
Wird die Zeichnung zum vermittelnden Organ von Künstler zu Kunst?
1er, zur sichtbaren Aussprache zwischen ihm und dem Besteller oder zur
klärenden Unterweisung für den Kunsthandwerker, so verliert sie im vor*
hinein einen Teil ihres Persönlichen. Wenn Giotto ein Grabmal, Signorelli
ein Pluviale, Holbein Dolchscheiden skizziert, so enthalten diese Entwürfe,
weil an fremde Technik gebunden, bereits Konzessionen.
Deutlicher als das Psychische offenbart sich das Formale eines Künstlers
Ausdrucks^ in seinen Handrissen und in deren bewunderungswürdigen Befähigung zur
'^ ^* • mannigfaltigsten Ausdrucksweise. So verhältnismäßig wenig Zeichenmittel zur
Verfügung stehen, so endlos vielgestaltig wächst deren Äußerung von Künstler
zu Künstler, von Jahrhundert zu Jahrhundert und ihre Entwicklung fand ebenso*
^ wenig einen Abschluf^ als die Kunst überhaupt. Das Ausmalt geistiger und
physiologischer Anlagen, erworbener Kenntnisse, Erinnerungen und Erfahrungen
wird in dem Abringen der Form von dem Naturvorbilde mittun. Jeder wird
Formale
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck. 17
nach seiner Weise zum Ziele gelangen wollen, der Wege dahin werden so viele
sein, als es Künstler gegeben hat und noch geben wird.
Handzeichnungen mit ihren bescheidenen Darstellungsmitteln sind am Natürliche
wenigsten in der Lage, dem Modell in Form und Farbe so nahezukommen. Beschränk
als daß nicht ein großer Rest von Unerreichtem sich ergeben würde.' In '""8-
diesem optischen Defizit und in der materiellen Beschränktheit liegen aber die
unbegrenzten Freiheiten der mitschaffenden Phantasie und damit auch ein Stück
Eigenart künstlerischer Natur.
Die Formdifferenz vervielfacht sich beim Nachzeichnen eines plastisch
runden Körpers, z. B. eines Kopfes. Die Flächensilhouette schwankt ununter?
brochen, je nachdem das linke oder rechte Auge oder beide zusammen den
Stift leiten. Das Verlockende des Dreidimensionalen reizt Zeichner und Maler
kontinuierlich, neben der reinen vorderen Projektion auch die Seitenflächen zu
betrachten und unwillkürlich Elemente davon in das Gesamtbild aufzunehmen.
Den evidenten, von einem geometrischen Punkte aus gesehenen und so ent*
standenen planimetrischen Umriß einer kubischen Form kennt die Kunst —
glücklicherweise — nicht, es sei denn, daß man wie in der heutigen Porträt*
maierei Photographien benützt.
Zu dem unfreiwilligen Abweichen von dem Vorbilde tritt die bewußte Künste
Änderung. Man reduziert das Format, man verbreitert, verlängert die Ver? lerisches
hältnisse, läßt weg und gibt hinzu, man verdickt oder verdünnt einzelne " '^^^'
Formen und korrigiert auf diese Weise die Natur nach eigenem Empfinden,
und Geschmack. Das Landschaftszeichnen bietet hier reiches Vergleichsmaterial.
Alle stilistischen Eigenheiten basieren auf dieser scheinbaren Willkür. Und
ebenso alle der Zeichnung verliehenen Gefühlswerte. Es sind nicht seltene
Fälle, daß sich bewußte und unbewußte Veränderungen gleichzeitig vollziehen
wie z. B. in Darstellungen rasch bewegter Körper, wo «zeitlich verschiedene
Phasen kombiniert» aufgefaßt werden, weil einerseits das Auge den Einzel?
moment nicht zu fassen vermag, anderseits der Künstler den «überzeugenden
und notwendigen Eindruck der gesamten Bewegung» erzielen will.'
In einfachster Weise veranschaulicht sich der Vorgang bei zeichnerischen
Kopien. Wenn Dürer Mantegnas Stiche kopiert (Abb. 5 und 6), Elsheimer
Stiche von Lucas van Leyden oder Rembrandt eine Zeichnung von G. Bellini,
so ist dies nur ein inhaltliches Wiedergeben.^ Die Form im einzelnen wird
unbewußt umgestaltet: eine dichterisch freie Übersetzung in eine andere Sprache.
Während das starke Talent aus eigenem das Naturvorbild künstlerisch Stil und
rücksichtslos umgestaltet, hantiert der Nachahmer mit eingelernten Formeln. M.micr.
Ob er seinen Typus einer bevorzugten Qiielle entnommen oder frei nach ver*
schiedenen Meistern zusammengebaut, seine Formen werden bei aller technischen
Geschicklichkeit sein falsches Verhältnis zur Natur verraten. Indem er vor ihr
' Hermann von Helmholz stellt in «Optisches über Malerei» die rein physikalischen
Unterschiede zwischen Naturprodukt und Kunstwerk fest und weist darauf hin, daß die
Kunst ein Naturbild auch nicht annähernd treu nachzuahmen vermag. — Siehe L. VoIk=
mann, Naturprodukt und Kunstwerk, Dresden 1911, S. 24.
- Ludwig Volkmann. Das Bewcgungsproblem in der bildenden Kunst, 1908, S. 60.
* Mantegnas Stich B. 20 - Dürer = Ausschnitt, L. M. 4';4.
MeJer, Die I IjnJzcichnung 2
18
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
Verein«
fachung.
verbngt und unterdrückt, was er sein könnte, und vor der Welt scheinen will,
was er nicht ist, versinkt er ins Haltlose. Ein Schicksal vieler Schüler ihrem
Meister gegenüber, ein Los vieler Meister, die unter der geistigen Wucht eines
Zeitgenies zu wandeln das
Unglück hatten. Rembrandts
aus dem rastlosesten Fleiß
geborene Federimpressionen
wirkten nicht bloß auf seine
Schüler, sondern nach Jahr*
hunderten noch auf zeichne*
risch interessierte Kunstjün*
ger wie ein Zaubertrank, aber
nicht erquickend, nur sinn*
verwirrend. Nirgends stößt
die Manier so entschieden
ab als in der Zeichnung. In
der Malerei vermag eine leid*
liehe Farbenwirkung über die
entlehnten Gebilde hinweg*
zutäuschen, in dem Linear*
gerüste tritt das Erborgt*
Fremde offen zu Tage.
Je höher ein Künstler
zeichnerisch aufsteigt, desto
mehr wird er nach Verein*
fach ung streben. Der Kampf
um die Form erzeugt anfäng*
lieh Linienüberfluß und selbst
nach einer gewissen Entwick*
lung weiß ein mittelmäßiges
Talent angesichts der Kom*
pliziertheit aller Natur das
Wesentliche vom Unwesent*
liehen kaum zu trennen.
Amateurzeichnungen eharak*
terisieren sieh durch Neben*
Sachlichkeiten. Erst der Reife
erkennt das Notwendige, das
für ihn Wichtige und gibt die künstlerische Impression in gedrängtester
Form.^ Fr sucht bei Bewegungsmomenten jenen der konzentrierten Energie, im
Porträt den vereinfachten Linienkomplex für Ähnlichkeit und Charakter, in der
Landschaft den stimmungsreichsten Aufbau.
' Volkmann, Naturprodukt und Kunstwerk, S. 33, nennt dieses für den Künstler
Wesentliche das Künstlerische. — So fällt z. B. meist die Betonung aller stofflichen Unter«
schiede weg, alles trägt dieselbe Mache. Ausnahmen bei Pisanello (Abb. 195), Dürer,
kcmbrandt, wo auch dieser Forderung Rechnung getragen wird.
Abb. 5. Mantegna, Ausschnitt aus dem Bacchanal.
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
19
Der Reiz einer Zeichnung liegt zum nicht geringen Teil darin, daß sie, Lineare
ob als Darstellung einer Begebenheit oder als ein Ausschnitt aus dem Reichtum Beschränk
der Natur, abgeklärt und befreit von allen hemmenden Vorstellungen des Ent* kung.
Stehens zu uns spricht: als
ein Stück geordneten und
gespannten Interesses aus
dem Leben eines Künstlers.
Auch Skulpturen und Bilder
wirken ähnlich; aber in den
ersteren herrschen taktische,
in den letzteren farbige Zau#
ber vor. In der Zeichnung
hat das Wesen der Linie
allein auszukommen mit
dem großen Komplex des
Individuellen und Allgemein
nen. Zufälligen und Mo*
mentanen. Stofflichen, Farbi#
gen und Räumlichen. Sie
hat alle Wesenseinheiten,
Formbestandteile und Form*
kennzeichen zu vermitteln.
Sie kann die Körper nur um*
reißen und mit Innenzeichs
nung versehen. Das Aus?
lassen wird zur Forderung.
In der leichtfließenden Aus«
wähl des Wesentlichen, das
nicht allein den Schein der
Wirklichkeit, sondern auch
des Künstlers Erleben ent*
hält, liegt die freie Abwick*
lung aller Genialität und der
Charakter jeder künstleri*
sehen Zeichnung.^
Auch hier führt ein ge*
fahrvoller Pfad zur Manier.
Denn es erstehen dabei jene
Abbreviaturen, die zwar
beim Formerhaschen oder Komponieren die notwendige Voraussetzung bil*
den, um dem Fluge der Phantasie rasch mit dem Stifte folgen zu können,
aber leicht zu leeren Formeln werden, sei es durch Mangel an lebendiger
Empfindung, sei es durch Nachahmung vorhandener Ausdrucksweisen. Ein
' «Denn im letzten Grunde ist das Verhältnis des Künstlers zur Natur noch weit
tiefer und innerlicher, als sich dies in äußerlichen Merkmalen unmittelbar vor Augen
führen läßt» (L. Volkmann, Naturprodukt und Kunstwerk, Vorwort).
Abb. 6. Dürer, Federkopie nach Mantegnas Stich.
Albertina.
20 Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
allbekanntes Beispiel dieser Art bietet der sogenannte «Baumschlag». Aus
den Abbreviaturen erwuchsen anderseits Resultate im Sinne witziger Spiele*
reien, wenn sie gleich den Zeichen alter Bilderschriften unter dem Mini«
mum blieben. Bezeichnende Belege hiefür bieten die von Malvasia über*
lieferten heiteren Versuche, jene Divinarelli pittorici, wie sie bei den Car*
racci in Brauch standen (Abb. 7).^ Ein Maurer mit der Kelle jenseits einer
Wand (links), ein Kapuziner, der hinter der Kanzel seine Predigtpause hält
(Mitte), oder ein Turnierreiter mit eingelegter Lanze längs der Schranke. Aber
auch in diesem Spielen mit zeichnerischen Rätseln steckten ernste Probleme
für Auge und fiand.
Stilwechsel, Das zeichnerische Gestalten folgt weiters dem Diktat und Wandel zeit*
lieber Kunstanschauungen, je nachdem die scharf umrissene Einzelform in
der Fläche oder die flimmernde Bewegtheit im Räume begehrt wird. Es folgt
entweder der Linienstrenge oder dem Konturverzicht, der Bella maniera oder
dem Realismus, der plastischen Armut oder den Lichtkontrasten, der Flach*
^^
Abb. 7. Rätselzeichnungen der Carracci.
farbigkeit oder dem Kolorismus. Am ersichtlichsten tritt der zeitliche Formen*
wandel in landschaftlichen Zeichnungen entgegen. Wiewohl zum größten Teil
vor der Natur entstanden, wechselt das künstlerische Erschauen ununterbrochen.
Leonardo, Tizian, Claude, Rembrandt, Ruysdael, Fragonard liefern in Aufbau,
Technik und Sentiment völlig verschiedene Ergebnisse. Das Zeichnen war
ein anderes in den Zeiten der großflächigen Fresken für öffentliche Gebäude
und in jenen der kleinen Tafeln für den fiausdekor. Selbst einzelne Kunst*
ereignisse wie jene der Sixtina oder Farnesina erregten die Gemüter und ein
Jahrhundert lang erzählen die Skizzenbücher nur von jenem Banne. Der
akademische Drill mit seiner «Ästhetik für alle» meisterte gleichfalls zahllose
jugendliche Temperamente zu Nutz und Schaden.
Das Verharren eines Künstlers in einer bestimmten Ausdrucksweise währte
nur so lange, bis sich in geistiger Entwicklung und technischer Beherrschung
weitere Schritte nach vor; oder rückwärts vollzogen, oder Einflüsse verschiedenster
Art geltend machten. In den seltensten Fällen läßt sich ein stufenweiser
Übergang verfolgen, denn wir besitzen nur Entwicklungsfragmente. Darum
sei hier warnend hervorgehoben, wie irreführend für eine exakte Kritik die
oft gepflogene Methode werden kann, wenn man für einen Meister nur einen
bestimmten Zeichnungstypus gelten lassen will. Raffaels Handzeichnungen in
der umbrischen, florentinischen und römischen Periode weisen völlig ver*
schiedene Typen auf. ^ Sebastiano del Piombo in Venedig und in Rom,
' Malvasia Carlo, Felsina Pittrice, Vite de Pittori bolognesi, Bologna 1678, 111, 468.
■■' "Vieles von dem, was wir gewohnt sind, als individuelle Unterschiede zwischen
Raffacl und Lioiinrdo, Tintorctto und Tizian, Holbein und Dürer anzusehen, ist der
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck. 21
Mabuse in den Niederlanden und nach der italienischen Reise, Elsheimcr in
Deutschland und Italien änderten ihre Zeichnungsweise derart, daß die frühere
mit der späteren nur wenig Vergleichspunkte aufweist. Zeitliche Differenzen
bedeuten Formdifferenzen. Nicht einmal für ein und dieselbe Zeit reicht ein
Typus aus. Schon der Zweck, ob Bildkonzeption oder Studie, ob unmittelbar
vor der Natur oder in Erinnerung oder Anlehnung entstanden, zerstört das
einheitliche Bild.^ Wird in diesem Falle für einen Meister der Begriff seiner
Zeichenweise zu enge aufgefaßt, so geschieht es umgekehrt, daß der Umfang
zu weit genommen wird, indem man einem Meistertypus auch jenen cier sich
enganschließenden Schüler und Nachahmer zurechnet und damit eine heillose
Verwirrung anrichtet. In dem großen Korpus von Handzeichnungen Rem*
brandts, wie es sich heute repräsentiert, steckt vieles seiner Schule und es wird
noch Jahre bedürfen, bis vorgefaßte Meinungen fallen, bis zunächst Gruppen
und schließlich Namen herausgelöst werden. Bei Dürer hat sich diese Klärung
bereits vollzogen.
Steht uns bei Abstraktionen vor der Natur (Naturstudien) ein Vergleichen X'crlauf der
und Nachprüfen zu Gebote, so entzieht sich bei dem Phantasiezeichnen der Werde« Abstraktion,
gang völlig dem Beobachter. Der nicht zähl? und wägbare Komplex von
Vorstellungs« und Erinnerungsbildern, wie sie eine Künstlernatur anzuhäufen
weif^, drängt und schart sich im wogenden Schöpferdrange um die Idee. Und
nur an den einzelnen, nebeneinander entstandenen Entwürfen vermögen wir die
Verdichtung freischwebender Vorstellungen zu einer sichtbaren Gestaltung teil«
weise zu erraten. Allein auch diese bilden bereits den Abschluf^ durchlebter
Prozesse. Wir sind schon zufrieden, wenn in verschiedenerlei Entwürfen
gemeinschaftliche Eigenheiten, oft ganz äußerlicher Art, sich entdecken lassen,
um sie zeitlich in eine Gruppe zu fassen (Abb. 98).
Nie werden wir die Imponderabilien, die in ihrem erregten Zusammen«
wirken die Eigenart einer Komposition ausmachen, erschauen können. Eine
Frage an die alten Meister selbst möchte uns, könnten sie Antwort geben,
wohl in den meisten Fällen ein Lächeln eintragen. «Schöne Farben sind in
den Läden von Rialto zu kaufen, aber die Zeichnung ist nur mit viel Arbeit
und langem Nachtwachen aus dem Schrein des Geistes herauszuziehen»
(Tintoretto).^ Eher lüften Tagebücher und Bekenntnisse einzelner moderner
Meister den Schleier ihrer Schaffensweise. ^
Unterschied der Zeit, der Generation oder des Lebensalter«;.» H. A. Schmid, Die ober;
deutsche Kunst im Zeitalter Maximilians (Kunstgesch. Jahrb. d. Zentr. = Komm. III, 2).
' Vor jeder Zeichnung soUte man nach Zweck, Absicht oder Bestimmung fragen.
Und Irrtümer und falsche Urteile stammen daher, dal^ die Zeichnung als einheitliche
Kunstgattung genommen wird, als etwas Absolutes, was sie durchaus nicht ist. Die
Begriftc: Naturstudie, Entwurf, Kompositionsskizze bezeichnen Dinge, die verschiedenen
Gesetzen unterworfen sind (M. Friedlandcr, Rembrandtzeichnungen, Zeitschrih für bildende
Kunst, 50, 213).
- Ridolfi Carlo, Le Maraviglic dellArte. Venetia 1648, II, 59.
' Über die Wiedergabe (Reproduktion, Materialisation) von in der Phantasie
zusammengestellten Szenen lesen wir bei A. F. Scligman folgendes Bekenntnis:
«Jeder .Maler wird mich sofort verstehen, wenn ich sage, dali eine Komposition im Kopfe
ganz ausgearbeitet erscheinen und mit größter Deutlichkeit vor dem geistigen Auge stehen
22 Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
Nicht allen entsprach ein linear* abstraktes Formgefüge gegenüber ihren
lebenswarmen farbigen Vorstellungen. Es ist daher begreiflich, wenn form*
tüchtige Künstler bei dem ersten sichtbaren Produzieren nicht nach der
Feder, sondern nach Farbpinsel und Leinwand griffen. Aus allem folgt, daß
Eigenkompositionen als rein geistige Produkte weit individueller als Natur*
Studien erscheinen und bei Zeichnungen die eventuelle Bestimmung unbekannter
Blätter auf deren Erfinder wesentlich erleichtern.
Fruchtbare Gleichfalls als Ausfluß künstlerischer Eigenart erscheint das Viel* und
keit. Wenigzeichnen. Es gab Künstler, die sich kaum das Notwendigste für ihre
Gemälde entwarfen (Tizian, Tintoretto, Velazquez, Frans Hals), und andere,
bei denen sich jeder Gedanke zeichnerisch auslöste. Ihre Phantasie reizte
unaufhörhch zu sinnfälligen Äußerungen und in der Regel verband sich mit
der graphischen Neigung eine fabelhafte Geschicklichkeit. Rembrandt werden
heute noch an 1600 Zeichnungsblätter zugeschrieben, wobei wir voraussetzen
müssen, daß vielleicht dreimal soviel zugrunde gingen.^
Wahl der V on den auf der Reise üblichen Skizzenbuchblättern abgesehen, die
Zeichen^ ^[^q gewisse technische Beschränkung bedingen, bleibt es für den individuellen
mittel. Künstler durchaus nicht belanglos, welches Zeichenmittel er zur Verfügung hat,
wenn er seine Zeichnung schaffen soll. Dürer griff stets, je nach dem Be*
dürfnisse, je nach dem Objekte, zu derjenigen graphischen Form, welche ihm
am zweckdienlichsten erschien: bei Kompositionen zur rasch skizzierenden
Feder, für die dazugehörigen Detailstudien aber zu Tuschpinsel und grundiertem
Papier; bei Porträts, wenn die Zeit knapp bemessen, zu Kohle oder Kreide
und, wenn er Lust und Muße hatte, zum feinen Silberstift; bei seinen strengen
Naturstudien wählte er zur Überwindung der stofflichen Aufgaben Aquarell*
oder Deckfarben und den Miniaturpinsel. ^ Dem Rötel weicht er in offen*
kundiger Abneigung aus. Als Michelangelo und Raffael an sich selbst den
Umschwung einer Epoche erlebten, d. h. die Ziele der Kunst andere geworden
waren, die nicht mehr in einer linienscharfen Ausdrucksweise, sondern in der
Bewältigung plastischer Massen lagen, tauschten sie die Zeichenmittel.
kann: Der erste Strich aber, der gemacht wird, um dieses Vorstellungsbild auf dem Papier
oder der Leinwand zu materialisieren, wirkt zerstörend auf das ImaginationsbiJd,
tritt sofort mit der brutalen Körperlichkeit seiner wirklichen Existenz hervor und setzt
sich an die Stelle der im Vergleich dazu immerhin zerfließenden, schemenhaften Vor;
Stellung. Er erscheint jetzt als der reale Kern, an den sich, wie bei der Kristallisation,
alles Weitere anschließt. Auf diese Weise entsteht ein Gebilde, das sich oft nur in den
Grundzügen mit der ursprünglichen Vorstellung deckt, sie wohl gar verdrängt. Ist aber
die Vorstellung so stark, daß sie nach einiger Zeit, unabhängig von dem inzwischen zu
Papier Gebrachten, wiederum hervorgerufen werden kann, so erscheint die Möglichkeit
eines Vergleiches, einer Kontrolle und damit auch einer Verbesserung gegeben. (Ein Bilders
buch aus dem alten Wien. Wien 1913, S. 75.)
' Ebenso Dürer. Claude Lorrain, Barocci, die Carracci, Domenichino, Guercino,
Cambiasi, Paolo Farinati (Ridolfo II, 129). Malvasia spricht von den Zeichnungen
Guercinos als von einer formidabilc quantitä (Index, S. 544).
* Vgl. auch Wölfflin, A. Dürer, Handz., München 1914, S. 4. - Ähnlich auffallender
Wechsel bei Goltzius.
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
23
«Jedem Material wohnt durch seine Erscheinung und seine Bearbeitungs*
Fähigkeit ein eigener Geist und eine eigene Poesie inne, die bei künstlerischer
Behandlung den Charakter der Darstellung fördert und die durch nichts zu
ersetzen ist: etwa so, wie der Charakter eines Musikstückes auf seiner vors
empfundenen Tonart beruht» (Max Klinger). Leuchtet dies z. B. bei der
Skulptur von selbst ein, so vollzieht sich die Einsicht auf dem Gebiete der
Zeichnung weniger rasch und leicht; aber das Gesetz besteht und diktiert
auch hier die Form. Man denke sich, um ein bekanntes zeichnerisches Beispiel
heranzuziehen und die Ausdrucksverschiedenheit zu versinnlichen, den Hasen
Dürers in Kreide oder Rötel ausgeführt.
Das Material bestimmte neben dem Charakter auch die Größenver* Maßstab,
hältnisse. Als Feder und Silberstift die alleinherrschenden Behelfe waren,
genügten kleine grundierte Blättchen. Erst mit den breitzeichnenden Kreide?,
Kohles und Rötelstiften und mit der Einführung eines billigeren Papieres
wuchs die Form bis zur Naturgröße, bis zur Monumentalität.
Gerade das Individuelle gewisser Zeichenbehelfe, insbesondere der Feder,
ermöglicht dem Künstler nicht nur die persönlichste Aussprache, sondern
auch dem Historiker das Erkennen. Aber, wie bereits erwähnt, kommt dieser
Vorzug nur dem frei aus der Phantasie fließenden Entwurf oder der persönlich
gehaltenen Studie zu. Je akademischer, konventioneller sich ein Künstler
äußert, oder je mehr er das Zufällige einer glatten Ausführung opfert, desto
schwerer fällt es, ihn zu fassen. Kartonzeichnungen, die in ihrer Gänze noch
Formeneigentümlichkeiten gewähren und den Meister erraten lassen, schaffen
als Ausschnitte der Zuschreibung bedeutende Schwierigkeiten. Ihre große und
breite Behandlung entbehrt des Persönlichen.
Die Zeich;
nung als
Pfad»
Hnderin
Die Zeichnung ist nicht bloß die Urform aller Flächenkunst, sondern
auch die lebendige Förderin aller in Erscheinung tretenden Kunstbewegungen.
Sie führt als steter Vorbote die großen Kunstaufgaben ein und verhilft ihnen
durch ihr handsames Zutun, durch ihre Befähigung auszuproben, zur Entwick*
lung und Reife. Schon die Entdeckung der einfachen Formsilhouette war
eine rein zeichnerische Tat und ebenso suchte das erwachende Bestreben, den
Kontur plastisch auszugestalten, graphische Wege.
Die vielfach verschlungenen Pfade, die von dem naiven, jugendlichen Form* von Form
suchen durch willkürliches Ausstricheln mit Feder und Silberstift bis zu den u"d Plastik
plastischen Erkenntnissen Masaccios führen, müssen auf dem weiten Felde der
Zeichnung gesucht werden. Selbst der Pinsel, das ausgesprochene Malerattribut,
war der Linie Untertan. Zeichnen und Malen erscheinen durch Jahrhunderte
als ein Begriff. Ägyptische Wandmalereien, byzantinische Tafeln, romanische
Fresken, gotische Glasfenster können ebensogut als kolorierte Zeichnungen wie
als gezeichnete Malereien gelten. Noch die Freskotechnik eines Ghirlandaio
gleicht in allen Details einer grob geführten Pinselzeichnung (Abb. 2).
Die Zeichnung gewinnt die Körpermafk an der Antike und Natur und
lehrt die Anordnung in der Fläche nach Raum, Zweck und Zeitgeschmack.
Sie erkundet die Gesetze vertikalen, horizontalen und diagonalen Aufbaues.
Sie vermittelt die Lehre der Perspektive und Tiefenwirkung und fördert deren
der Kom;
Position,
24
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
der Be=
\vegungs=
motive.
der Bc=
leiuhtungs--
probleme,
des
seelischen
Ausdrucks,
Entwicklung durch Verwendung architektonischer und landschaftlicher Hinter?
gründe. Als an die Stelle der in feierlicher Ruhe posierten Figuren allmählich
die bewegte Handlung trat, war sie es, welche durch fortgesetzte Übung die
vielgestaltigen Beugungen und Verkürzungen des menschlichen Körpers zunächst
an der Natur, zur Zeit künstlerischer Reife auch aus dem Gedächtnisse erprobte.
Ebenso wurde das schwierige, kompositionelle Zusammenfassen vielfiguriger
Darstellungen oder einzelner Gruppen unter dem Gesichtspunkte einer einheit*
liehen Lichtquelle, ob
zentral wirkend oder zer*
streut, auf dem Papier klar?
gemacht. Seit Tintoretto be*
gegnen uns bald Einzelfigu*
ren, bald ganze Komposi*
tionsskizzen mit grellen
Lichtern und Vollschatten,
die in immer neuer Weise
natürliche und raffiniert ge*
suchte Effekte im kleinen
Maßstabe anstrebten und
den Raum eroberten.
Eine große Aufgabe der
Kunst war das Beobachten
und Herausarbeiten seeli*
scher Vorgänge, die Cha*
rakterisierungderKöpfe
durch ein Innenleben.
Die Frührenaissance kannte
nur — und zwar ziemlich
weit herauf — das erge#
bungsvolle Lächeln, den
erstarrten Schmerz, den an?
betenden Blick und für Zor*
nesempfindungen die über*
treibende Grimasse; Typen, die vom Meister auf den Schüler übergingen. In
der Gotik waren diese Gesten nur symbolisch angedeutet. Ausdrucksäußerun?
gen Giottos, wie das gramvolle Denken des zu den Hirten schreitenden Joachim
(Padua), bedeuteten wohl künstlerische Ereignisse innerhalb der Entwicklung
eines Genies, blieben aber, weil verfrüht, ohne weitere Konsequenzen. Mantegnas
Johannes (in der Grablegung Christi, B. 3), Leonardos Abendmahl oder sein
Karton zum Reiterkampf durchbrachen den Gleichmut der Gesichter. Wie Zeich?
nungsreste beweisen, wurde auch dieses neue Thema mit dem Stifte in Angriff
genommen (Abb. 8).^
Weit ergebnisreicher gewähren 150 Jahre später Rembrandts Studien den
Einblick in das Losringen der psychischen Vorgänge. Hunderte von Zeichnungen
®
Abb. 8. Leonardo, Kriegerkopf. Ausdrucksstudie.
Budapest.
' A. P. 267. Rötelzeichnung.
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
25
entsprangen nur dem Bestreben, mit der rasch arbeitenden Feder ein und das*
selbe Thema so lange zu behandeln, bis alle Gefühlsäußerungen in richtiger
Abstufung in stenogrammartigen Strichen auflebten (Abb. 9). ^
Schließlich erfuhr die Landschaft des 16. und 17. Jahrhunderts vor der der Land^
Natur oder in kompositioneller Umformung auf zeichnerischem Wege Ents schah.
Abb. 9. Rembrandt, Zuschauer. Physiognomische Studien. Berlin (Ausschnitt).
Wicklung und Förderung. «Die Zeichnung umlaßt Dreiviertel und noch Einhalb
von dem, was die Malerei ausmacht», sagt Ingres. «Und wenn ich über meiner
Tür ein Schild aufzuhängen hätte, so würde ich darauf schreiben: Ecole de
dessin, ich weiß, daß ich Maler heranbilden würde.» -
* Aus: Handzeichnungen von Rembrandt, hsg. v. Lippmann und Hofstede, 1888—1906,
Nr. 195, Jahrg. 1892. Federzeichnung. Verlag I Hersemann, Leipzig.
■' H. Delaborde, Ingres, Paris 1870, p. 123.
26 Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
Historische Greift diesen Erörterungen zufolge die Handzeichnung in die wesentlichen
Aufschlüsse. Kunstaufgaben mittätig ein und gibt sie über Werden und Wachsen der
Kunstwerke selbst mancherlei Aufschlüsse, so enthält sie, abgesehen von so
manchen beigeschriebenen gedanklichen Auseinandersetzungen, Briefe: und Ge#
dichtentwürfen, Rezepten aller Art, auch für sich allein betrachtet, eine Fülle
historischer Dokumente, die lebendiger sprechen als pergamentene Urkunden. Sie
ruft uns, gleich Momentaufnahmen, längst entschwundene Bilder von Begeben*
heiten und Ereignissen, Personen und örtlichkeiten wieder hervor und gestattet
interessante Einblicke in ein vor Jahrhunderten pulsierendes Leben. Zuccheris
Zeichnung mit der Darstellung, wie ihm Michelangelo beim Freskomalen zu*
sieht (Albertina), Dürers briefliche Illustration seines Milzleidens, Rembrandts
liebeseliges Silberstiftporträt seiner Braut am dritten Tage der Verlobung ver*
setzen uns mit einem Ruck in die Situation jener Stunde.
Begriffs; IN icht allezeit hatte die Zeichnung die ihrem Wirkungskreis entsprechende
erweite; Auffassung erfahren: Vorstufe zu einem Kunstwerk zu sein. Ihre rein praktische
rung. yj^j technische Betätigung, die ein Rechenschaftgeben über die Form bedeutete,
erhielt schon in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts eine ästhetisch#philo*
sophische Würdigung, ihr begrifflicher Umfang wuchs über Werkstatt und
Malerei hinaus und erstreckte sich über alle Kunstgebiete. Arti del Disegno,
Professioni del Disegno, Ingegnosi artefici di disegno für Baumeister,^
wurden zu feststehenden Bezeichnungen. Schon bei Leonardo begegnet man
einer außerordentlichen Hochschätzung, die allenfalls noch technisch gedeutet
werden kann. Sie sei gebührenderweise nicht nur eine Wissenschaft, sondern
eine Gottheit zu nennen, die alle sichtbaren Werke wiederhole, die der höchste
Gott geschaffen (§ 133). ^
Nicht minder gesteigerte Anschauungen hatte Michelangelo. Selbst wenn wir
von den gewohnten Übertreibungen D'Ollandas absehen, bleibt immer noch in
den folgenden Worten des Meisters ein gutes Stück Lob übrig: «Im Zeichnen,
das man mit anderem Namen auch die Kunst des Entwerfens nennt, gipfeln
Malerei, Skulptur und Architektur. Die Zeichnung ist Urquell und Seele aller
Arten des Malens und Wurzel jeder Wissenschaft. Wer so Großes erreicht hat,
daß er des Zeichnens mächtig ist, dem sage ich, daß er einen köstlichen Schatz
besitzt, denn er kann Gestalten schaffen, höher als irgend ein Turm, sowohl mit
dem Pinsel als mit dem Meißel.»'' Wird schon hier der Terminus Disegno mit der
Bildhauerei in Verbindung gebracht, so dürfen im weiteren Verlaufe Erörterungen
wie z. B. jene Baldinuccis, der in seiner Bernini* Biographie an der Daphne
Zeichnung und Verhältnisse (Disegno e proporzione) rühmt, nicht verwundern.^
Der Begriff Disegno bildete für die damaligen grüblerischen Köpfe ein
hochwichtiges Thema und es tauchten die sonderbarsten, untereinander wesent*
' Vasari Giorgio, Le Vite de' Pittori, Scultori ed Architettori, 1550. Hier zitiert Ausg.
Milanesi, Florenz 1878, II, 344.
* Leonardo da Vinci, Das Buch von der Malerei. Nach dem Codex Vaticanus 1270
übersetzt v. Heinrich Ludwig in Quellenschriften f. Kunstgesch. XV, XVI, 1882.
^ Franc, de Hollanda, Vier Gespräche über Malerei. Übers, v. I. de Vasconcellos in
Quellcnschr. N. F. IX, S. 113-114. - Mackowsky Hans, Michelagniolo. 1908, S. 262.
* Baldinucci, Bernini, 1682, übers, v. A. Riegl 1912, S. 68.
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
27
Disegno
esterno
und
interno.
lieh verschiedenen Auslegungen auf. Von der einfachen Definition Vasaris,
dem Borghini folgte, bis zu Lomazzo, welcher Disegno im Sinne von Euritmia,
somma belezza e venustä auffaßte, und bis auf Federigo Zuccheri entwickelt sich
ein kompliziertes Weiterspinnen dieser Gedankenrichtung. Je mehr sich das
akademische Theoretisieren in Rom ausbildete, desto mehr überhäufte man die
Zeichnung mit ausgeklügelten Analysen.^ Das praktische Zeichnen, Disegno
esterno oder pratico, und der rein geistige Vorgang, Disegno interno oder
intelletivo, wurden als zwei völlig getrennte Begriffe aufgefaßt. Der erstere
gehe das Handwerk an, vollziehe sich auf dem Papier und sein Instrument
sei die Feder; der letztere, ein Produkt höherer Einbildungskraft, bilde die
Aufgabe des Maler^Philosophen (Disegno nel Idea, nell' intelletto). Der rieh*
tige Künstler sei «come Pittore come filosofo, per poter ben penetrare la
natura delle cose» (Idea 33).^
Ein ergötzliches Prahlen in solch begrifflichem Raisonnieren erfüllte die Akas
demiesitzungen der neunziger Jahre, als Federigo Zuccheri kurz nach der Federigo
Gründung der Academia del Disegno in Rom den Annibale Durante für die Zuccheri.
vierte Sitzung mit einem Discorso über die Zeichnung betraute. Da derselbe aber
nur über das praktische Zeichnen zu disputieren wußte, erklärte sich der Vor*
sitzende nicht zufrieden und beauftragte für die nächste Sitzung Caesare Nebbia.
Aber auch dieser berührte nicht den Kernpunkt, den Zuccheri behandelt sehen
wollte, so daß alle Anwesenden ihn aufforderten, er möge doch bekunden, wie
und was er meine. Dies war wohl der Glanzpunkt seiner akademischen Würde,
als er selbst in weitschweifigen Phrasen seine Anschauungen entwickeln durfte.
Er begann mit der Erschaffung der Welt und betrachtete die Zeichnung von
viererlei Gesichtspunkten: von ihrer Notwendigkeit, ihrem Wesen, ihren Eigen*
schaffen und wie sie entstehe. Unser Geist, geschaffen nach dem Ebenbilde
Gottes, des höchsten Malers, Bildhauers und Architekten, der die Welt gleichfalls
nach einem Konzept (Concetto, Disegno) hervorgebracht habe, empfing auch
von ihm den göttlichen Funken und die Fähigkeit, alle unsere Werke, zumal
jene der Kunst, nach den aufgenommenen Sinneseindrücken durch ein Concetto
oder Disegno, das allen unseren spekulativen oder praktischen Erkenntnissen Ord*
nung und Regel verleihe, auszugestalten. Sowie die Sonne alle Dinge der Natur
beleuchte, bewege und belebe, auf daß sie Neues hervorbringen, so wirke auch in
uns der Disegno als formbildender Erreger aller Erkenntnisse und Handlungen. •*
Als eine wichtige und damals zum ersten Male von den Parteien leiden* Form
schaftlich erörterte Angelegenheit erschien auch die Frage, ob in der Malerei und Farbe.
die Zeichnung oder das Kolorit das Wesentliche sei. Insbesondere gerieten
die Vertreter der römischen Bella maniera und die Venezianer hart aneinander.
Die vom Norden kommenden und in Venedig Arbeit suchenden Gesellen ver*
nahmen und sahen bei Tizian und Tintoretto eine neue Auffassung der Zeich*
nung, in Bologna bei den Carracci abermals eine andere und in Rom gar den
' Karl Birch^Hirschfeld, Die Lehre von der Malerei im Cinquecento, Rom 1912, S. 27.
- Lomazzo, Giov. Paolo, Idea del Tempio della Pittura, Milano 1590; zitiert wird
IL Ausg.. Bologna 1785.
' Romano Alberti, Originc et progresso dcll' Academia del Disegno, Pavia 1604,
S. 16 tt. — Zuccaro Federico, L'ldea de Pittori, Scultori ed Architetti, Torino 1607.
28 Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
vollen Gegensatz. Erkannte man auch die verschiedenen Resultate, so legte man
sie nur als lokale Eigenheiten aus. Vasari lobt und tadelt Tizian in einem Atem
und vermochte, gleich den römischen und toskanischen Künstlern, nicht zu er*
kennen, daß hier zwei Hauptforderungen der Kunst, Form und Farbe um
den Vorrang streiten, daß ein anderes Schauen auch technische Folgen haben
müsse, daß der Kolorist in seinem raschen Erfassen die farbige Erscheinung
mehr mit dem Pinsel als dem Griffel aufbaue und weder ein Detail noch strenge
Körpergrenzen benötige. Wie unklar z. B. Federigo Zuccheri sah, lehrt seine
versöhnliche, aber durchaus konfuse Erklärung, die Zeichnung sei der Malerei
Tochter und Mutter zugleich (Rom. Alberti, Origine, p. 25).
Die schärfste Zuspitzung erfuhr der Streit in Frankreich durch Roger de
Piles, der den Zankapfel mitten in die akademischen Sitzungen warf, so daß
es der Reden und Schriften kein Ende gab.^
Der Wandel zeitlicher Aulfassungen hat hierin nie aufgehört. Es ist nicht
lange her, daß der Zeichnung überhaupt alle Berechtigung abgesprochen wurde,
daß man alles Lineament und Modellierte ängstlich unter dem Wüste genialer
Farbenflecke verschwinden ließ und, um ja nicht den Schein zu erwecken,
als stecke etwas darunter, mit Absicht die wunderlichsten Körpergrenzen
und Maßverhältnisse hervorbrachte. Selbst der auf die Linie angewiesene Holz?
schnitt und die Radierung suchten sich von ihr zu befreien. Flachfarbige Gesamt*
erscheinung eigensinnigster Unförmlichkeiten war oft Ziel und Ende. R. A.
M. Stevenson, der leidenschaftliche Vertreter der Moderne, warnt in seinem
«Velazquez» vor diesem falschen Impressionismus: «Nicht die Natur, sondern
die Impression, die der Künstler vor der Natur gehabt hat, sollte vollständig
und klar umschrieben sein. Alle Furcht vor Gründlichkeit der Zeichnung
und Modellierung ist unbegründet. In Velazquez' Händen wurde dies alles trotz
der größten Vollendung niemals mechanisch.»^ Ob die Zeichnung eine über*
triebene Bedeutung oder, wie im letzten Falle, nur Mißachtung erfuhr, sie wird
immer das bleiben müssen, was sie ihrer Entstehung nach war und ist: der
Grundriß und das Element eines künstlerischen Aufbaues.
Überblick. Vv er sich je mit der Behandlung eines Meisters befaßte und dessen
Zeichnungenmaterial sorgsam nachgegangen ist, wird einen Begriff von der Ver*
nichtungsfähigkeit der Zeiten erhalten haben. Um so mehr wächst bei dem
Gesamtüberblick der Allgemeinverlust ins Riesengroße. Was besitzen wir von
Benozzo Gozzoli, der so viele Zeugnisse seines Pinsels uns gegeben, von
Botticclli und dessen Nachahmern, von Verrocchio, was von dem fruchtbaren
Meister Correggio, von Giorgione, Tizian?
Das ganze Studienmaterial der Deutschen des 15. und 16. Jahrhunderts,
wie von Lucas Moser, Lochner, Witz, Multscher, Herlin, Schüchlin, Schongauer,
Zeitblom, Strigel, Fächer, Wohlgemut, die ihre Bilder gewiß sorgfältig vor*
bereiteten, scheint für immer verloren zu sein. Ebenso ergeht es uns bei den
Xiederländcrn seit den Van Eyck bis weit nach 1500 herauf. Klaffende Lücken
• De Piles, Oeuvres V, 136. 263, 115, 169. — Fontaine, Conferences ined., S. 12, 22,
32. 36 ft. - Dresdner, Kunstkritik I, 118 ff.
- Stevenson, Velazquez, deutsch von Eberhard von Bodenhausen, S. 135.
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck. 29
für ganze Schulen, kümmerliche Reste für den einen oder anderen Meister. —
Immerhin ergibt eine Wanderung durch öffentliche und private Sammlung
gen noch eine solche Fülle, besonders seit der Mitte des 16. Jahrhunderts,
daß der Gedanke, in diese zum größten Teil noch unbearbeiteten Massen
Regel und Ordnung bringen zu wollen, fast ungeheuerlich erscheint. Besonders
für Zeiten, wo alle Individualität aufgegeben und gegenseitiges gedankenloses
Nachahmen alles zu beherrschen schien oder eingebildete Originalität sich nur
in Willkür äußerte. Und trotzdem bauen sich vor dem suchenden Geiste lang«
sam Gruppen auf, welche sich dem Gesamtstil einer Zeit anschließen, mit den
gleichzeitigen Kunstgattungen starken Kontakt haben und partiell Kulturelemente
in sich tragen. Man denke sich in rascher Aufeinanderfolge eine Zeichnung aus
der Giottozeit, von Raftael, Rubens, Rembrandt, Watteau, und man wird darin
die Zeitstufen herausfühlen, Stiltypen und Kunstwerte, wenn auch zunächst ohne
inneren Zusammenhang. Und ebenso stellt sich, freilich auf mühsamere Weise,
innerhalb gewisser Einzelschulen allmählich die Erkenntnis eines bestimmten
Entwicklungsganges ein. Die große Gruppe der in Rembrandt^Technik gezeich?
neten Blätter läßt sich bis zu ihrem Beginn in Italien zurückverfolgen.
Nur zu häufig müßten bei solchen Übergängen Notbrücken gebaut werden,
wenn das mangelhafte Material versagt. Gab ein Künstler seine Schulrichtung
auf, um nach einer fremden zu greifen, weil sie ihm zeitgemäßer, einfacher
erschien, so erstehen für den Forscher Rätsel der schwierigsten Art. Blättern
wir aber seine Reiseskizzen, falls der glückliche Zufall uns solche in die Hand
führt, aufmerksam durch, so erhellen sich manche dunkle Punkte.
Für die frühesten Zeiten haben wir wohl die sichere Erkenntnis, daß die
Lücken klaffende bleiben werden und ein Gesamtbild theoretisch zusammen*
gestellt werden müßte, so wie sich der Archäologe aus vereinzelten Spuren ein
römisches Mosaikornament rekonstruiert. Die Zeichnungen des Trecento können Trecento.
wir an den Fingern abzählen. Es gab deren überhaupt wenige. Die geringere An*
zahl der Künstler, das Übungszeichnen auf Täfelchen statt auf Papier, das direkte
schematische Entwerfen der Bilder auf Mauern und Tafeln konnten nicht viel
überliefern. Die gleichmäf^ige Benützung allgemein giltiger Typen für Heili*
gendarstellungen in jeder Art Malerei erleichterten das Entlehnen und den Ver*
zieht auf eigene Erfindung. Auch technisch mögen alle einander ähnlich ge*
wesen sein.
Erst das Quattrocento mit seinen neuen Aufgaben und Zielen hinterlief^ Qunttro=
uns eine hinreichende Anzahl, um daraus geistige und technische Werte zu ccnto.
gewinnen und die Schulverhältnisse näher festzustellen. Wenigstens lassen sich
die oben erörterten, auf dem Wege der Zeichnung errungenen Fortschritte
seitens einzelner italienischer Meister verfolgen, wenngleich gerade die Mehr*
zahl der wohldurchdachten, vom Künstler und Auttraggeber approbierten Ent*
würfe den Ausführungsmanipulationen zum Opfer gefallen sind.
Die massenhafte Produktion setzt erst nach der Mitte des 16. Jahrhunderts Cinquc*
ein, und zwar zunächst in Italien (Bologna), um dann allmählich infolge des cento.
systematischen eifrigen Betriebes an den Akademien auf die Nationen des
Nordens überzugehen. Das methodische Erlernen zeichnerischer Elemente
und der vorschriftsmäfiig erfolgende Aufbau eines Bildes durch eine Reihe
30
Die Zeichnung als künstlerischer Ausdruck.
notwendiger Kompositions* und Detailstudien erzeugen eine Überproduktion
und füllen die Mappen der Künstler und die Schränke der Sammler. Doktri*
näre Grundsätze leiten auch das breite Formen in Kreide und Rötel, die bella
maniera streitet mit dem aufs neue erwachenden Naturalismus und starke
nationale Leitmotive klingen bald da, bald dort durch.
Deutsch-' In Deutschland will es scheinen, als ob in der einzigen konzentrierten
land. Kraft Dürers sich alles graphische Können gesammelt hätte, so form* und
inhaltsreich, um die folgenden durch Kampf und Krieg verödeten Jahrhunderte
zu überdauern und erst nach 1800 wieder neu zu erstehen (Richter, Schwind,
Menzel, Thoma, Klinger).
Nieder-' Das 17. Jahrhundert, das den Niederlanden, dem starken, aber italienisch
lande, geschulten vlämischen Kunstgeist, und dem nationalen, akademiefreien Holland
gehörte, lieferte eine solche Fülle von Zeichnungen, wie jene von Rubens, Van
Dyck, Teniers, Rembrandt, Van Goyen, Cuyp, Ostade, die für ihre Zeit in
keinem Lande ein Gegengewicht fanden. Die Pflege der Porträts, das erwachte
landschaftliche Studium in freier Natur, die künstlerische Erfassung des Tier*
lebens und die Heranziehung des Hirten* und Landvolkes, zunächst als Staffage,
später in selbständiger Verwertung erweckten in Holland so viele Individualitäten
und Ausdrucksweisen, eine solche Spezialisierung der einzelnen Zweige, daß sie
sich erst nach Generationen erschöpfen konnten.
Frankreich. Im folgenden Säkulum, dem französischen Kunstjahrhundert, mischte sich
der italienisch* akademische Stil mit den von den Niederlanden kommenden
nationalen Anregungen, um abermals neue Formblüten emporzutreiben. Die
Grazie und Lebenslust atmende Zeichnung, stofflich schwankend zwischen ge*
schminkter Stadtschönheit und ländlicher Einfachheit, beherrschte alle Gemüter,
und es läßt sich schwer entscheiden, was sie in ganz Europa begehrenswerter
machte, ihre sinnliche Anmut oder das allgemeine Übergewicht französischen
Geistes. Von England kamen erst in den letzten Jahrzehnten desselben Jahr*
hunderts vereinzelte Porträt* und Landschaftsstudien in die Hände der Sammler.
So verschiebt sich mit dem sukzessiven Erblühen der Kunst von Land
zu Land auch die Produktivität der Zeichnung vom Süden nach dem Norden.
Aber als mächtige, weithin sichtbare Meilensteine ragen Leonardo, Dürer,
Rembrandt auf der sich durch drei Jahrhunderte erstreckenden Bahn zeich*
nerischer Kunst hoch empor. Durch den Reichtum sich selbst gestellter Pro*
bleme aufs innigste in ihrer Entwicklung verwandt, stellen sie sich in eine
große Linie und ihre zeichnerischen Werke tragen schon in ihrer äußeren
Erscheinung das Gepräge nie erlahmenden genialen Suchens und Ringens an
sich. Zeichnen war für sie soviel wie Leben. Michelangelo, Raffael, Hol*
bein und Rubens fallen hier weit ab, nicht in bezug auf die Stärke künst*
krischen Ausdruckes, als vielmehr durch die stete Abhängigkeit ihrer Zeich*
nungen von gegebenen Aufgaben und bestimmten Aufträgen.
ERSTER TEIL.
DIE GRAPHISCHEN MITTEL
DER ZEICHNUNG.
Federzeichnung.
Die Entwicklung der einfachen Federzeichnung.
II disegno con penna" — Mit der Feder auf ein Papier reißen ^ Federril^ — Pentee;
kening, Met de Pen,^ Penhandelingh — Con la pluma — Dessin ä la plume.
oeit den primitiven zeichnerischen Äußerungen frühchristhcher Kunst Vorzüge,
spiek die Feder die erste und wichtigste Rolle. Sie übernahm als ein hand#
sames, stets bereites graphisches Instrument allmählich alle Funktionen linearer
und malerischer Ausdrucksweisen. Sie übertraf alle Arten graphischer Mittel,
entwickelte sich auch nach deren Einführung weiter, überlebte manche von
ihnen und erfreut sich noch heute hoher Wertschätzung. Ihre Fähigkeit, Über*
gänge von der größten Feinheit zu Kraft und Tiefe zu schaffen, die Möglich*
keit, Schattierungen durch den Pinsel zu verstärken, sowie die fialtbarkeit der
getrockneten Linien — gegenüber den leicht verwischbaren Kohle*, Kreide* und
Rötelstrichen— machten Vorzüge aus, die von Malern, Bildhauern und Archi*
tekten stets anerkannt wurden. Von dem einen oder anderen Maler wie z. B.
A. del Sarto behaupten zu wollen, er hätte, weil sich keine Federzeichnungen
finden lassen, dieselben nicht gepflegt, ist ein Irrtum.^
Ihre Beständigkeit durch Jahrhunderte wechselnder Kunstperioden, Stil*
richtungcn und Manieren gewährt ein anregendes Überschauen ihrer reichen
Entwicklungsfähigkeit bis zu jenen Höhepunkten, die sie wiederholt durch
Kraftnaturen erklommen hat. In ihr erscheinen zeitliche, individuelle und
nationale Unterschiede besonders klar und übersichtlich ausgesprochen, so daß
wir zwei Meister kaum besser vergleichen können als in diesem persönlichsten
Ausdruck, in der Handschrift mit Feder und Tinte. Die Vorteile dieser Er*
kenntnis liegen offen und es ist für den Forscher nicht gleichgiltig, ob er
Rötel* oder Federzeichnungen zu beurteilen hat. Die vielen deutschen Zeich*
nungen, vor mehreren Dezennien noch unbekannt oder unrichtig benannt,
haben heute größtenteils ihre Urheber wiedergefunden, eben weil sie der
Mehrzahl nach in dieser charakteristischen Technik ausgeführt erscheinen.
' Cennino Ccnnini, Trattato della Pittura, ca. 1400, übersetzt von A. Ilg in Quellens
Schriften für Kunstgesch. I, 1871, Kap. 13.
- Lange und Fuhse, Dürers schriftlicher Nachlaf^, 1893, S. 350.
' Karel van Mander, Hct Schilderboek, 1604, übersetzt von Floerke 1906, 11. 360.
— metter Pen gehandelt, Pen^handcling, ibid. 1, 376.
* Knapp, A. del Sarto und die Zeichnungen des 15. Jahrhunderts. Halle 1905, S. 5.
Meder, Die Haiidzeichnung. 3
34 Die Federzeichnung.
MitteU Italien. Die Primafederzeichnung setzte stets eine große Schulung und
Italien. Si^;herheit voraus. Darum empfahl Cennini als Vorübung zuerst das Bleigriffel?
zeichnen, dessen Fehlstriche sich mit Brotkrumen entfernen ließen, und erst
nach einem vollen Jahre die freie Federübung nach vorausgegangenem
Kohleentwurf. ^ Man fing mit einfachen Übungen im Figuralen (eserzio)
an, mit Kopien nach guten Vorbildern; dann erst folgten eigene Entwürfe,
Kompositionen (Tocchi di penna, schizzi di Penna, Componimenti schizzati)
und schließlich jene ausgeführten, fertigen Vorzeichnungen für Gemälde, welche
bei Bestellungen oder Konkurrenzen vorzulegen waren (Bestellzeichnungen).
Wiewohl die Feder zum Klarmacher der Idee in jeder Art darstellender Kunst
wurde und die Komposition ihr eigenstes Gebiet bedeutete, liefen nebenbei
Bewegungsmotive, Akte, Draperiestudien, Hintergründe, Tier;: und Pflanzen*
Studien. Vor 1500 treten bereits Landschaften auf.
Gotik. Die Federzeichnungen der GiottosPeriode zeigen noch eine bedächtige Form,
gleichmäßige Konturen mit langen, meist vertikal laufenden Parallelstrichen
längs der Faltenzüge oder mit sanften Pinselstrichen für die Hauptschatten
(Abb. 100, 266). Erst später werden kurze, schiefe Schattierungsstriche mit gleich*
zeitiger Anwendung von Kreuzlagen für die dunkleren Partien angewandt.
Persönliche Ausdrucksweisen oder Schulunterschiede sind nicht so leicht bemerk*
bar; es ist noch die Zeit des korporativen Schaffens von Meister und Gesellen.
Der Maßstab bleibt klein und die Figuren schweben noch in der Oberfläche
des Papieres, vielfach ohne jeden Hintergrund.
Früh» Mit dem Erwachen der Frührenaissance treten Zeichnungsindividualitäten
renaissance. auf, die in Kontur und Schattierung allerlei Differenzierungen hervorbringen.
Es melden sich Schulunterschiede. Die Figuren drängen nach einem
größeren Maßstab und damit nach freierem kräftigen Duktus. In den Konturen
beachtet man eine sorgfältig herausgearbeitete kontinuierliche Linie, eine
fein durchgefühlte Silhouette nach Bildhauerart, mit angehauchten Lavierungen,
die bescheiden auf die Gesamtfläche Rücksicht nehmen. Der Umriß gleicht oft
Draht; Drahtlinien. Nur in unvollendeten Zeichnungen kommen pentimentreiche
kontur. Formen vor. Von dem vorhandenen Zeichnungsmateriale ausgehend, lassen
sich hier Fra Angelico, GozzoU, Fra Fihppo, Pollaiuolo (Abb. 10,^ 60, 148, 150),
Botticelli, del Garbo und Leonardo in eine Linie stellen. Der Schluß wird
nicht fehlgehen, wenn wir — beglaubigte Zeichnungen fehlen — auch Masolino,
Masaccio,"' Castagno mit dieser Technik in Verbindung bringen.
Naturali; Die Vorliebe für festgefügte, gut konturierte Figuren wird in Florenz gar
stischcr bald gestört. Durch eine neue Strömung, die, weil sie formenreicher, bewegter
Kontur, ^^jj^ wollte, auf den typischen, streng zusammenhängenden Kontur verzichtet
und ihre Gestalten und Kompositionen aus lockeren, übergreifenden.
' Diese Kohlevorzeichnungen lassen sich oft noch neben den Federzügen entdecken.
" Ant. Pollaiuolo, Entwürfe für monochrome Fresken für eine Villa in Arcetri, aufgedeckt
1897. Vgl. Cruttwell, A. Pollaiuolo, London 1907, S. 116, Taf. 22. - Aus: Vas. Soc. VIII,
3" und 3'-; 36-8 X 682 cm.
•' Die von A. Schmarsow (Masaccio* Studien, Kassel 1898—1900) ihm zugeschriebene
Zeichnung: Dioscur, Taf 14, heute nicht allgemein zuerkannt, zeigt uns tatsächlich diesen
Typus.
Die Federzeichnung.
35
Abb. 10. A. Pollaiuolo, Federzeichnung mit gleichmäl^igem Umriß. Brit. Museum
(Aussciinitt).
56
Die Federzeichnung.
Kreuzlagen.
MicheU
schmissigen Federstrichen zusammensetzt, ohne Scheu vor Korrekturen und
mit starker Markierung jener Linien, die Bedeutung beanspruchen. Im Kreise
Filippinos und Ghirlandaios zeigen sich solche Ansätze und in der Feder?
technik ebenso wie in Silberstiftzeichnungen. In der Schattierung wird zwar
die Lavierung nach, Bedarf noch beibehahen, sonst aber der flott schattierende
und die ganze Komposition berücksichtigende Federstrich verwendet, der weder
eine einheithche Richtung noch Gleichmäßigkeit anstrebt (Abb. 11).^
Damit haben wir die beiden Hauptrichtungen des 15. Jahrhunderts ange*
deutet, von denen die erstere sich zwar noch bis ins nächste Jahrhundert
hinein behauptet, infolge der Erfüllung ihrer formalen Aufgaben aber von der
zweiten freieren, mehr malerischen Ausdrucksweise abgelöst wird, die bald, ins*
besondere durch Anwendung neuer Schattierungsprinzipien, lokale Variationen
erfährt. (Siehe Teil III, Plastik, Schattierung.)
Schon in dem Momente, als die streng plastische Durchbildung der von
Bewegung durchdrungenen Körperformen von der glatten Pinsellavierung zur
gelockerten Federschattierung überging, lockerte sich auch der feste Kontur.
Gerade bei Michelangelo, dessen Gestalten von innerem Leben erregt und be*
wegt erscheinen, findet sich zum ersten Male eine mit bildhauerischer Exaktheit
auf dem Wege feiner Kreuzlagen durch.^eführte Modellierung jeder Muskel*
partie. Dagegen zeigt der Kontur nicht mehr die alte Sorgfalt, wohl aber
Unterbrechungen und Risse. Die reich gegliederte und von dem Papierton
durchleuchtete Innenfläche sprengte die alte Geschlossenheit (Abb. 12).^
Nach Francesco d'Ollandas Bericht soll er sich wiederholt geäußert haben,
angelo. er halte es für eine größere Kunst, mit der Feder als mit dem Meisel meister*
lieh zu zeichnen.^ In seinen Jugendkopien nach Masaccio und in Aktstudien
begegnet uns dieser neue Federstil. Der allezeit von lächerlichem Hochmut
erfaßte Rivale Baccio Bandinelli geriet in dem Streben, Buonarroti zu über*
treffen, auch hierin nur in herbe Manier, die in weiterer Abfolge durch Passerotti,
Francesco San Gallo noch gesteigert wurde. Die Methode, die Körper netz*
artig zu schattieren, hatten auch Peruginos Schüler angewandt; aber weil die
Formvertiefung fehlte, verblieb es bei den leeren Kreuzlagen.
Einen weiteren Fortschritt bildete die glückliche Vereinigung formsicherer
Konturen mit einer leichten Parallelschattierung. Leonardos Federent*
1? ff 1
a ae . ^ürfe wirken hier vorbildlich und Raffaels Madonnenzeichnungen der Floren*
tiner Zeit weisen bereits den Höhepunkt formaler Sicherheit und Einfachheit
auf. Die weit auseinandergestellten Schattierungsstriche, streng der runden
Form entsprechend, erscheinen auf das Notwendigste beschränkt (Abb. 271).
Als Raff^ael in Rom große Schule machte, verbreitete sich gerade diese neue
Federtechnik von hier aus über die verschiedensten Teile Italiens, ja selbst,
überall befruchtend, über dessen Grenzen hinaus. Giulio Romano trug die*
selbe nach Mantua (1524), Meister Rosso nach Frankreich (1530), Pierino
del Vaga nach Genua, doch stets mit lokalen Differenzierungen.
Aus: Vasari Society for the Reproduction of Drawings by old Masters, London
1905-1912, IV, 3; 25/18 cm.
' Verkleinert; A. P. 419; 39-2X19-2 cm.
' flollanda, S. 61. - Mackowsky, Michelagniolo, S. 261.
Leonardo
und
Die J'cderzeichnung.
37
_ ^ (•■ijT^^*»;^
Abb. 11. Filippino, Pietä. Federzeichnung mit aufgelöstem Umriß. Florenz, Loeser.
Bislang immer noch Linearzeichnung, erhichen die Konturen auch weiterhin
von Einzelnen ihre besondere Sorgfalt. Von Giulio Romano erfahren wir den
noch traditionellen Vorgang, wie eine ordentliche Federzeichnung entstehe, und
38
Die Federzeichnung.
\'irtuosenj
tum.
den uns Armenino übermittelt: Zuerst Entwurf und Korrektur bis zur Fertige
Stellung, dann Übertragung desselben auf ein zweites Blatt, auf dem alles mit
Fleiß- und Sorgfalt ausgezogen wurde. ^ Daß diese umständliche Prozedur
für solide Federzeichnungen traditionell war, darf mit Recht angenommen
werden, aber man gab sich
nicht immer damit ab. In
diesem Sinne müssen wir
die Briefstelle Giulios auf*
fassen, wenn er Pietro Are*
tino, als man von ihm eine
Federzeichnung verlangte, be*
dauernd klagt, er wisse die
Feder jetzt nur schlecht zu
führen, weil er das Feder*
zeichnen längere Zeit nicht
geübt habe.^
Es kam die Mode schwung?
voller Eleganz, technischer
Fertigkeit, die Zeit der Fe*
dervirtuosen. Das römische
Manieristentum, das sich mit
«leerster äußerlicher Kunst*
auffassung» begnügte, suchte
auch in der Linie, in der
damals noch typischen takti*
sehen Begrenzung ausschließ*
lieh das Dekorative. Selbst
in päpstlichen Kreisen inter*
essierte man sich für derartig
entstandene Federzeichnun*
gen. Pius V. brachte Spran*
ger gegen dessen Willen
dazu, mit der Feder zu zeich*
nen, da dieser bis dahin nur
mit Kohle und Kreide auf
blauem Papier zu arbeiten
gewohnt war. «Von diesen
Blättern habe ich einige ge*
sehen,» rühmt Mander (II,
p. 145), «sie waren erstaunlich und meisterhaft mit der Feder gezeichnet und
gewaschen.»
' Armenino G. B., Dei vcri Precetti della Pittura, Ravcnna 1587, p. 85. — Die
Albertina besitzt eine derartige GiuliosZeichnung, die durch die an der Oberfläche noch
sichtbaren Griffelspuren und die auf der Rückseite noch vorhandene Pausschichte Arme;
ninos Angaben bestätigt. Inv. Nr. 323.
''' Guhl, Künstlcrbriefe, übersetzt und erläutert, Berlin 1853, I, 335, Nr. 111. Brief
Giulio Romanos vom 27. April 1539.
Abb. 12. Michelangelo, Rückenstudie mit Kreuzlagen.
Albertina (Ausschnitt).
Die Federzeichnung.
39
Sogar die Kunst virtuosen Konzipierens wurde zu einer sinnlosen Forderung. Cambiasi.
Von dieser Richtung aus sind Zeichner wie Luca Cambiasi (1527—1585) zu
beurteilen, unter dem der Disegno con penna, rein technisch genommen, die
virtuoseste, freilich auch die seelenloseste Stufe erreichte. Seine bogengroßen
Kompositionen in breiten Rohrfederzügen, oft ohne jede Schattierung, sind
typische Beispiele spielender Geschicklichkeit und eines strichgeübten, kraft*
vollen Handgelenkes. Diese improvisierten Allerweltsblätter machten seinerzeit
großes Aufsehen und erfuhren lebhafte
Beurteilungen je nach dem Parteistand*
punkte.^
So rühmt Lomazzo den Vorzug die?
ser Linearzeichnungen (solamenfe lineata) ,
da ihnen hinsichtlich der Proportion
die größte Kraft innewohne. Cambiasi
selbst hätte dies vor dem jüngsten Ge*
rieht Buonarrotis einigen großen Ma*
lern demonstriert und man war tatsäch*
lieh der Anschauung, daß die Figuren
jenes Gemäldes neben solchen Zeichs
nungen viel von ihrer Kraft einbüßten
(Lomazzo, Idea S. 83). Warnend er*
hebt dagegen Tintoretto seine Stimme:
CambiasiiZeichnungen ruinieren junge
Leute, die einer soliden Grundlage in
der Kunst entbehren, wenngleich ein
tüchtiger Praktiker aus ihnen auch man*
cherlei lernen könne. Sie seien stercore
aurum (Ridolfi II, 59; Malv. II, 77).
Zu welch abschreckender Manier
mit sinnlosen Schnörkeln, ohne jedes
Formgefühl, der übertriebene Feder*
kultus um 1550 in Rom führen konnte,
bezeugen Zeichnungen des G. B. Franco
(Abb. 13).^
Das bravouröse Federzeichnen war
um 1800 noch derart in Mode, daß man den Maler Luigi Sabatelli (geb.
1773), der nach jedem beliebigen Thema nach Art der Schnellzeichner aus dem
Stegreife mit der Feder entwarf, den Beinamen Improvisatore pittorico erteilte.
In Ober Italien nahm die Entwicklung der Federzeichnung schon frühzeitig Obcritalicn.
eine andere Richtung. War das Formale auch nicht ausgeschlossen, so zeigte
' Die Albertina besitzt eine solche fedcrzcichnung in der Größe von 5 aneinander
geklebten Bogen, 210 m lang, 57 cm hoch; Inv. Nr. 17.244. — Lana (Prodromo, S. 167):
«ne//c qiiali [figure] benche non vi sia delicatezza alcuna, comparisce nulla Jimeno iina
gran forza di disegno nelli atteggiamenti e viva natuvalezza delle cose rappresentate, nel
che fu molto eccellente il Cangiasi^i.
'' Albertina, Inv. Nr. 128, Feder; ehemals als Michelangelo.
Abb. 13. G. B. Franco. Schnörkelstil.
Albertina (Ausschnitt).
40
Die Federzeichnung.
sich vornchmUch eine ausgesprochene Neigung für den Ausdruck der Er*
scheinung, in Verona hinsichdich alles Stofflichen, in Venedig aller
Pisanello. Licht; und Schattenbewegung. Unter Führung origineller Meister wie Pisa;
nello (15S0— 1451) erhob sich an ersterem Orte die alte Feinstricheltechnik
'^ zu einer noch nicht gesehenen Vollkommenheit Seine Tierstudien im Codex
Vallardi erreichten eine miniaturartige Durch*
bildung mit intensivster stofflicher Betonung.
Langfallende, kurzgekräuselte oder struppige
Haare werden zu Federproblemen, materielle
Unterschiede linear zu beachten (Abb. 195).
Venedig. Die venezianische Malerei ging von
allem Anfange an mehr auf das Koloristische,
Farbenverschwommene, als auf die Plastik
los, daher fiel auch die scharfe, präzise Feder?
Zeichnung von selbst weg. Schon Carpaccio
setzte seine Konturen nur ruckweise aus kur*
zen Strichen zusammen (Abb. 14),^ und nicht
viel anders tat es Giorgione.^ Man denke
sich als Gegenbeispiel Botticellis Manier. Ent*
sprach dies auch teilweise dem kompositio*
nellen Suchen, so lag darin zugleich ein ande#
res Schauen, das sich konsequent weiter ent?
wickelte und in Tintoretto ungeachtet aller
römischen Kritik trotzig durchbrach; freilich
weniger in Federzeichnungen, von denen sich
nicht viel Beglaubigtes erhalten, als in Kohle
und Kreide. Deutlicher sehen wir es bei
Palma Giovine (Abb. 173) und Veronese
(Abb. 301).
Das Druck* und Ruckweise fand seinen
stärksten und persönlichsten Ausdruck in den
lichtumfluteten Federskizzen G. B. Tiepolos
(Abb. 15).^ Kontur und Schatten haben sich
völlig in Striche und Flecke aufgelöst und
den fielligkeitswerten des Raumes untergeordnet. Guardi und zum Teile
auch Canaletto änderten das Prinzip nach ihrer Weise. Zum höchsten
Grad chaotischen Strichgewirres fühlte es G. B. Piranese.
Bologna. Trotz des Eklektizismus, der Verquickung verschiedener Schuleinflüsse, ge*
langte in Bologna bei den Carraccisten und Nachfolgern die Federzeichnung
\
Abb. 14. Carpaccio. Ruckweise
Strichführung.
' Aus: Vas. See. IV, 7: Jungfrau Maria, Ausschnitt aus: H. Familie mit Heiligen,
London, GathornesHardy, Feder. 138X23 5 cm.
' Vgl. die GiorgioncsZeichnung in Chatsworth. Wenngleich wiederholt ihm abge^
sprechen, behauptet sie doch ihre lokale und zeitliche Stellung. - Justi, Giorgione II,
Taf. 21.
' Aus: Vas. Soc. VII, 14. Nationalgalerie Schottland, Ausschnitt aus Verspottung
Christi; 32-4/ 229 cm.
Die Federzeichnung.
41
durch reges Naturstudium und durch die Pflege der Radierung zu einem
eigenen Stil, und zwar im malerischen Sinne. Ganz hatte die Konturlinie ihre
Rechte freilich nicht aufgegeben,, nur enthüllte sie im Gegensatz zur alten
Gleichmäßigkeit eine schwungvolle Auswertung der mit Empfindung geführten
Federspitze. Bald keck und nachlässig,
bald sicher und elegant, immer dem
Lichte und der Bewegung dienend, führt
sie die Formabsichten jedes einzelnen aus.
Guercinos reicher Nachlaß an Komposi*
tionen und Studien enthält neben viel Ma*
nier auch glänzende Beispiele von Form*
Sicherheit im Primazeichnen (Abb. 16).^
Nach der Zeit technischen Virtuo?
sentums verfällt die Federzeichnung in
Mittelitalien einer unreinlichen, unklaren
Mache, weil sie sich mit anderen Zei*
chenmitteln mischt, sich ihnen unter*
ordnet, so daß wir in einzelnen Bei*
spielen kaum zu unterscheiden vermö*
gen, ob Kreide, Rötel oder Feder das
Bestimmende sei. Diese wirren, selbst
tüchtigen Talenten nicht fremden Ma*
nieren, die eine Art Genialität aus*
drücken sollten, waren eine Folge der
ins Schwanken geratenen Erkenntnis,
daß nicht in der Benützung aller Mittel,
sondern in der weisen und stofflichen
Ausnützung eines einzelnen die Voll*
kommenheit der Zeichnung liege.
Der norden, in Deutschland
und den Niederlanden läßt sich un*
gefähr derselbe, aber weniger kompli*
zierte Entwicklungsgang feststellen. Nach
den im Geiste peinlich schaffender Gotik
ausgeführten Federzeichnungen, wie sie
sich in großen Klosterzentren wie Reichen*
au, St. Gallen, Salzburg, Regensburg entwickelt, nach den geläuterten Tenden*
zen graphischer Richtung, wie sie Schongauer eingeführt, Dürer und seine
Schule, Holbein und Kranach in Mitteldeutschland, Lucas van Leyden im Nor*
den stilistisch und technisch ausgestaltet hatten, schien es, als ob ihre Auf*
gäbe erfüllt und zu Ende wäre.
Die vielseitigen glänzenden Leistungen Dürers, die auf kunstgewerblichem
Gebiete hervorgebrachten, scharf konturierten Erfindungen Holbeins (Draht*
Abb. 15. Tiepolo. Impressionistische
Federzeichnung.
Verfall.
Deutschland.
' Aus: Vas. Soc. VII. 12; lavierte Feder. 26 X 209 cm.
42
Die Federzeichnung.
Abb. 16. Guercino. Konturen mit Lichtwerten. Brit. Museum.
Die Federzeichnung.
43
kontur), großzügig und mit wuchtigen Rohrfederstrichen angelegt, waren Be*
weise, wie alle Großen die nie erschöpfte Ausdrucksfähigkeit der Feder
erkannten und ausnützten, jeder nach seiner Formauffassung und Linien*
empfindung (Abb. 125). Mitbestimmend war allezeit der Zweck.
Die Pflege des reinlichen Holzschnittes mit seinen klaren Kompositionen,
der strengen Kupferstichtechnik, die eine wohldisziplinierte Hand erforderte,
lieferte alle Vorbedingungen für eine gedeihliche, wenn auch einseitige EnU
Wicklung. Trotz deren Kürze erlebte die Federzeichnung in Deutschland eine
hohe Vollendung voll eigenartiger, durchaus nationaler Formen. Die mehr
zeichnerisch als koloristisch schaffende Produktionskraft
brachte nicht nur in Bildkompositionen, sondern auch ' " '
in Teilstudien und Landschaften neue Werte hervor,
streng linear und herb, graphisch vereinfacht, wie wenn
alles von der Holzschnittechnik seine Formel erhalten
hätte. Als Dürer unter italienischem Einfluß in seinen
Zeichnungen zum Pinsel griff, um die Plastik deutlicher
zu betonen, blieb es doch nur ein Handhaben im
Sinne einer Federtechnik. Selbst die freie Natur, das
Blatt am Baume, erfuhr eine Umformung durch den
ruhigen Zug der einheitlich zusammenfassenden Feder
(Abb. 222, 236).
Höchst formelhaft und heimatlich gestaltete sich das
Schattieren mit Häkchen, das zu komplizierten System.en
führte und doch die einzig richtige Art war, dem oft
herben LImriß plastisches Leben zu verleihen (Abb. 6,
277). Zum Teil ob dieser beengten Richtung verfiel
die Federzeichnung schon in der zweiten Hälfte des
16. Jahrhunderts, sie ging wie die Poesie zum Hand*
werk über und endete in den Werkstätten der Glas?
Zeichner als form* und geistlose Manier,
Rein technisch genommen, galt die solide schwarze
Tuschlinie als bevorzugt, Tinte wurde möglichst gemie*
den. Auch hier mag der Zweck, das Abklatschen auf
Holzstöcke oder andere l^apiere, mitgesprochen haben. Nur in Kompositionen,
wo es sich gleichzeitig um eine Tiefenwirkung handelt, greift man neben
Tusche im Vorder* und Mittelgrund zu einem Mattbraun (Bister) für den
Hintergrund (Dürer L. 29, L. M. 523; ferner Florenz, hl. Katharina, 1517).'
Ebenso wirken beide Farben in Glasrissen zusammen (Grisaille und Wappen). -
Es läfk sich die Tatsache nicht verkennen, daß nicht nur in Deutschland,
sondern auch anderswo gerade die Graphiker der einheitlichen Wirkung halber
die Schattierungsschwierigkeiten der Feder umgingen und neue Typen versuchten.
So in Frankreich Jacques Callot, der für seine zahllosen kleinen, dem Sol*
datenlebcn und den niederen Volksschichten entlehnten Figuren sowie in seinen
Abb. 17. J. Callot.
Vertikale Federfüh;
rung.
Tusche.
Frankreich.
' I Discgni III, 3. 5. Ebenso Vas. Soc. IV, 34.
* Hans Baidung, Josse Maurer u.a.
44 Die Federzeichnung.
Radierungen die feine Linie und eine meist vertikale Parallelschattierung
anwandte (Abb. 17).^ Einzelfiguren oder geistvolle Skizzen zu Kriegs? und
Lagerszenen, Aufzügen, tragen als Kinder des Augenblicks diese Technik und
' atmen bei all der affektierten Zeitpose Leben. Besondere Probleme im Sinne
von Beleuchtungsfragen stellte sich Stefano della Bella (Abb. 273).
Rembrandt. Wetters erhob sich im Norden die Federkunst nach den kühnen, wenn
auch nur vorübergehenden Ansätzen Van Dycks zu einer ungeahnten Höhe,
als neue Probleme wie physiognomische Studien und das Eintreten neuer
graphischer Aufgaben in der Radierung ihr reiche Betätigung verhießen. Die
sogenannte Rembrandt^Technik, die im wesentlichen auf einer glänzenden
Lavierungskunst beruht, soll ihre Erörterung im nächsten Kapitel: «Lavierung»
finden. Hier sei nur auf die unzähligen Federskizzen hingewiesen, die in und
um Amsterdam entstanden und dem Volke und der Landschaft entnahmen,
was vorher kaum eine kunstfertige Hand zu geben versucht hatte. Rembrandt
stellte an die Feder die unglaublichsten Anforderungen. Sie schafft gleich
einem Momentapparat nach den Erscheinungen der Straße, aber ebenso gewandt
nach den Vorstellungen endlos drängender Bilder aus den Testamenten. Noch
in die nassen Züge wischt er mit dem Finger oder dem Federbart. Viele
seiner Landschaften, in der Natur entstanden, tragen solche Lavierungsspuren,
die nicht auf einen Pinsel schließen lassen.
Wie sehr im 18. Jahrhundert die Federzeichnung wohl durch den Einfluß
akademischer Vorschriften (Kreide und Rötel) und der immer mehr durch*
brechenden Pastellstifte vernachlässigt wurde, bestätigt Levesque in dem Artikel
über ,Plume': «Die Feder ist heute im allgemeinen aufgegeben und man kann
die Mißachtung eines solchen Instrumentes, welches in geschickter Hand Werke
voll von Charme schafft, nur bedauern.»^
Auch heute noch, wo Pinsel* und Zeichenstrich nicht breit genug hingesetzt
werden können, wo alles auf das großflächige Primaschaffen ankommt, ist die
subtile Federzeichnung etwas aus der Mode gekommen und eigentlich nur bei
Malergraphikern beliebt (H. Thoma, Klinger).
Federn Im Gegensatze zur Künstlerfederzeichnung stehen jene in rein schreib*
kunststücke. meisterlicher Art ausgeführten Federkunststücke, von jungen Malern der
Übung halber^ unternommen, oder — der gewöhnliche Fall — von Kupfer*
Stechern herrührend (Jakob Bink, Crispin de Passe, Adriaen Matham, Jan
Wierix). Strichgetreue Kopien nach guten Abdrücken oder auch solid bis auf
jede Linie durchdachte Vorarbeiten für die Platte selbst, oder direkte Feder*
'Aus: Dessins de Jacques Callot, existant dans la galerie royal de Florence, par
Charles Pini. 104 feuilles Photographie avec 250 dessins. Florenz 1875. Abb. 17 ist ein
Ausschnitt aus Abb. 208 dieser Publikation.
' Watelct, Dictionnaire, Paris 1792, V, 117.
' Joachim v. Sandrart übte sich frühzeitig im Zeichnen, «daß Er gute Kupferstiche
und Holzschnitte noch in der Schule mit der Feder ganz corrcct und sauber nachmachete,
maßen der kunstreiche Theodorus de Brie und Matthaeus Merlan solche seine Ilands
Rißc für Originalien und gedruckte Kupfer= oder Holz^Figuren beurteilet haben» (Teutsche
Academie, 1675, 1, 5 des Anhanges). Mit solchen Federzeichnungen wartete man den
Meistern beim Eintritt in die Lehre auf (Ibid.).
Die Federzeichnung. 45
Prunkstücke, welche heute sehr gemischte Geiühle der Bewunderung für zwecklos
überwundene Schwierigkeiten hervorrufen. Man stattete derartige Kupferstich*
Zeichnungen auch mit zarten Farbtönen aus, die wie z. B. jene des Gius. Pal*
mieri (geb. 1740) «als von großer Schönheit» gerne für Kabinette gekauft
wurden.^
Bald waren es kleine Fergamentblättchen, welche die Fertigkeit stichmäßiger
Zeichnungen im kleinsten Maßstabe bewiesen (Johann Wierix, Etienne de
Laulne), bald wieder übergroße Formate, die in glänzender Federtechnik
vollendete Kompositionen umfaßten und in den Kunstkammern des 17. Jahr*
hunderts im gefirnisten Zustande aufgestellt und gezeigt wurden.- Schon
Bartolommeo Passerotti hatte zwei Köpfe, Christus und Maria als Gegenstücke,
auf Imperial* Folio geliefert.^ Man erachtete derartige Arbeiten wie z. B. jene
des Goltzius als Geschenke für Könige würdig.^ Dieser Künstler griff, weil Goltzius.
die Pergamente nicht mehr ausreichten, selbst zu präparierter, mit Ölfarbe
grundierter Leinwand.^ Karel van Mander war von diesen Penwerken (die
Italiener nannten sie sogar quadri) sehr begeistert und verschwendete viele
Worte des Lobes. Er nennt Goltzius sogar den Monarch in haer (d. h. der
Feder). Auch Willem van de Veldes Seegefechte wurden mit der Feder
auf Leinwand ausgeführt und von seinem Sohne Willem d. J. en grisaille
bemalt. Beide erhielten von dem englischen König Karl II. for making draughts
of seaßghts . . . for putting the said draughts into colours jährlich 100 £/'
Kardinal Leopoldo de Medici bezahlte 1672 für die «Eroberung des Royal
Prince» 500 fl.'
Eine hievon völlig verschiedene Beurteilung beanspruchen jene wenigen auf
grundierter Leinwand mit der Feder gezeichneten Vorzeichnungen für Gemälde,
wie z. B. jene Salv. Rosas in den Uffizien: «Der Eremit in der Wüste»
Nr. 19151/614, welche man als Cartoncini zu betrachten hat. Siehe Teil II,
Kartons.
' Die Albertina besitzt mehrere Beispiele.
- A. Weixlgärtner führt in seinem Aufsatze: Ungedruckte Stiche (Jahrb. d. kunsthist.
Samml. d. ah. Kaiserh. XXIX, S. 358 ff.) mehrere derartige Beispiele aus der Kunstsammlung
Erzherzogs Leopold Wilhelm an, die im Wiener Hofmuscum aufbewahrt werden. Siehe
Inventar der genannten Kunstsammlung vom Jahre 1659 auf foT' 351, Nr. 171 — 177 und
179-181 (in demselben Jahrb. I, 1883, II. Teil, S. CIX).
» Malvasia II, 245.
* Mander =:Floerke II, 247.
•' Ibid.: «/i/cr nae quam Goltzio in den sin, op gheprimuerde oft van Olyverwe bereyde
doecken metter Pen te teyckenen. Want hoe groot de Pergamenten waeren, sy vielen hem
nae zyn groot voornem en gheest noch veel te cleen».
* Horace Walpole, Anecdotes of Painting, London 1872, p. 250.
' Hiner Bricfstelle des Peter Blaeu vom I.Januar 1672 entnehmen wir folgendes über
die Technik des Künstlers: «ma i7 quadro (des van de Velde d. Ä.) riiiscirä alqiianto
maggiore di quel ch'ella mi ha ordinato .... perche il pittore non haveva tele minori
apparecchiati e per apparecchiarli o sia per mettervi il color del fondo ci vuol il tempo
di due o tre mesi mentre che altrimenti il fondo non e indurato assai per supportarc
l'acutezza della penna ...» (Gart. Med., F. 5563, a. c. 24). — Hans Geisenhcimcr, Bei?
träge z. Gesch. d. niederländischen Kunsthandels (Jahrb. d. preuß. Kunsts. 1911, p. 10).
46 Die Federzeichnung,
Auf flüchtiger und solider Grundierung.
Zinnobers A. FLÜCHTIGE GRUNDIERUNG. Um das Rilievo einer Federzeichnung
tonen auf vollkommener zu gestalten, also neben Schatten auch Lichter kontrastierend setzen
roc enem ^^ können, mußte man das weiße Papier — ein anderes gab es bis 1500 noch
nicht — mit einem Farbton (Mittelton) versehen. Zu diesem Zwecke rieb man
auf kurzem Wege mit dem Finger Zinnoberpulver auf die Papierfläche, oft nur
gerade dort, wohin die Belichtung kommen sollte. Nur so hat man sich bei
frühen Florentiner Zeichnungen, zumal auf Blättern aufgelöster Skizzenbücher,
die rotfleckige Tonwirkung von Einzelfiguren zu erklären. In diesem Falle
müssen wir folgende Reihenfolge des Zeichnens konstatieren: erstlich das Ent*
werfen mit dem Bleigriff^el, dann das Anröteln, das Ausziehen mit der Feder,
eventuell auch das Lavieren und schließlich das Höhen. Bei Botticelli läßt sich
der Vorgang noch deutlich nachweisen (Abb. 18).^ Dieses trockene, rasche
Einlärben, welches ich das Tonen des Papiers nennen möchte, war zwar
nur ein Notbehelf, erfüllte aber seinen Zweck. ^ Merkwürdigerweise erwähnt
Cennini bei den Carte tinte diesen Vorgang mit keinem Worte, wohl nur
deshalb, weil er ihm als Werkstattbrauch zu selbstverständlich erschien. Und
doch lassen sich diese kurzen praktischen Handgriff^e beim Übungszeichnen
ziemlich allgemein in dem Schulkreise des Andrea del Castagno,^ Gozzoli,
der Pollaiuoli, Botticelli, Pinturicchio, Bartolommeo, Pontormo und AI. AUori,
später auch für Kreide, beobachten. Der Norden Italiens weist nur vereinzelte
Beispiele auf.
auf nassem Nebenher entwickelte sich das Tonen mit dem nassen Pinsel oder dem
^^g- nassen Schwämme. In der zweiten Hälfte des Quattrocento ist das sorgfältige
Bestreichen der Skizzenbücher mit vorbereiteten dünnen Farbflüssigkeiten
seitens der Künstler bereits Regel geworden.^ Dies geschah erst nach dem
Einbinden der Bücher. Die längs der Bundseite zurückgestaute rote Farbe
und die daneben noch sichtbaren weißen Stellen, sowie die zahlreichen durch
die Feuchtigkeit entstandenen Längs? oder Querfalten mit zusammengelaufener,
aufgetrockneter Grundierungsflüssigkeit beweisen es klar. Vorder? und Rück*
Seite erscheinen gleichmäßig behandelt. Bei den Deutschen läßt sich oft ein*
seitiges Bestreichen beobachten, das beim feuchten Pressen auch die gegenüber?
liegende Seite leicht anfärbte (Erlangen A. 24 ff., aufgelöstes Skizzenbuch Wohl?
gemuts). Trotzdem bestanden, wie der Codex Vallardi oder deutsche Skizzen?
buchblätter um 1490 dartun, auch nebenher ungrundierte Zeichenbücher.
* Aus Vas. Soc. III. 2; 317 X 252 cm.
' Der in Katalogen öfters vorkommende Ausdruck: auf gefärbtem Papier wirkt
verwirrend. — Die auf trockenem Wege geschaffenen Tonungen erscheinen bei Blättern,
welche Restaurierungen, Anfeuchtungen oder ein Aufspannen erlebt, wie mit dem nassen
Pinsel gemacht.
' Als Belege dienen hier: Anonymus, Ulf. 19, 4; sechs kniende Heilige, Monaco
zugeschrieben, Uff. 11, 2; Maniera di Castagno, Skizzenbuchblätter, Uff. 329 — 331.
* Als Beispiel Bisterzeichnung auf mit Zinnober grundiertem Papier aus Bartolom«
meos Skizzenbuch in I Disegni -d. Uft. II, Fase. II, Nr. 12. — Ein Blatt Giov. Bellinis ohne
Lichter in Vas. Soc. IV, 6.
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Abb. 18. Botticelli. Minerva, Federzeichnung auf angeröteltem Grunde
mit Pentimenten und Netzlinien. UfHzien.
Die Federzeichnung. 47
In Italien wie in Deutschland begegnen uns diese Skizzenbücher heute
nur mehr als kümmerliche Reste; alle wurden aufgelöst, kaum daß sich noch
eine größere Folge von Blättern in ein und derselben Sammlung befindet
(Codex Vallardi,^ das sogenannte Skizzenbuch des Verrocchio,'- das Stefano
da Zevio zugeschriebene^). Stuttgart, Erlangen bewahren aus dem 15. Jahr*
hundert gleichfalls größere Folgen" deutscher Meister.'* Aus mehreren Kabinetten
lassen sich Überbleibsel eines kleinen QuerformatsBüchleins von E. van de Velde
mit Landschaften zusammenstellen. "" Auch die folgenden Jahrhunderte erweisen
in einzelnen gefärbten und zusammengehörigen Blättern das Anfertigen solcher
Skizzenbücher. Die Albertina besitzt eine Blätterfolge von Claes Cornelisz
Moeyaert (ca. 1600-1669).
In Ermanglung von Zinnober griff man zu Rötel, zu Minium, zu Ocker'' mit
und Umbra, ^ zu dünner Tusche,^ ja selbst zu Kreide* und Kohlepulver.'' anderen
Jede Wanderschaft brachte Neuerungen mit sich. Ein billiges Färbemittel war warben.
Bister, der mit dem Schwämme gleichmäßig aufgestrichen wurde. Noch Baldinucci
überliefert, daß er zum Färben von Zeichenbogen diene (fuligine serve . . . per
tigner fogli da disegnavvi sopra)J^ L. Bramer verwendet gelbliche, grünliche,
selbst schwarzbraune Tönungen für Tuschfeder. Aber während schon der Ocker*
ton den zeichnerischen Gesamteindruck nicht förderte, erzeugten Kreide* oder
Kohlegrundierungen direkt ein schmutziges, verwischtes Gepräge. Anderseits
benützten Künstler gerne eine farbige Unterlage zu farbigen Effekten, indem
sie z. B. auf dünn Rosa gesetzte Federzeichnungen lichtbraun lavierten.
Auf alle diese charakteristischen Verfahren bei Federzeichnungen, nament*
lieh in Skizzenbüchern, sei hier ganz besonders aufmerksam gemacht. In Beschrei*
bungen kommt diese Art Praxis nie auf ihre Rechnung, da man sie einfach
als «Federzeichnung auf grundiertem Papier» oder auch «auf Tonpapier (!)»
auffafk. Und gleichzeitig möge hier bemerkt werden, daß sich, von dieser
Technik ausgehend, manches Zusammengehörige, aber allerorts Verstreute wieder
zusammenfinden läßt.
B. SOLIDE GRUNDIERUNG. Die solide Grundierung (carte tinte, Entwick.
fogli tinti) auf nassem Wege, die eigentliche Silberstiftgrundierung, die erst hing.
' VeröffentHcht in der Societe de Reproduction des Dessins de Maitres. Paris 1911—12:
Les Dessins de Pisanello et de son Ecole, 3 Mappen.
- Louvre. — Berenson Nr. 2783, T. 23.
=> Uff. 18 Blatt, 4°.
* Erlangen I A. 36 (als niederländisch); I C. 10—15 (als altschwäbisch, in der Größe
von 7 — 85 X 47 — 5cm); ferner II A 1 — 20 von demselben Formate; ferner 11 A 10, 23 — 24
in der Größe von 295 X 19cm (als Schule Wohlgemuts). Ebenso 1 Blatt in Berlin Nr. lOSl
als Schule Wohlgemuts.
* Mehrere Blätter in der Albertina. — Ein ähnliches von Rottenhammer um 1616.
" Besonders gebräuchlich in Venedig; von Palma d. J. existieren viele aufgelöste und
zerschnittene Skizzenbuchblätter fast in allen Sammlungen.
■ AI. Allori, Uff. 847.
* Spranger.
" Berenson I, Taf. 45: BotticellisSchule, Fides, Brit. Mus.
'"Baldinucci, Vocabolario Toscano dell'Arte del Disegno, Firenze 1681, p. 61 : Füll;
gine.
48 Die Federzeichnung.
im Kapitel Metallstittzeichnung ihre ausführliche Behandlung erfährt, weil sie
derselben ihre Entstehung verdankt, diente in einer gewissen Periode auch der
Federzeichnung, der Clairobscur#Federzeichnung. Siehe auch III. Teil, Pia*
stik: Clairobscur.
Italien. In Florenz war es wohl zuerst üblich, daß man bereits fertig lavierte
Silberstiftzeichnungen zum Schlüsse mit einem kleinen Pinsel in den Außen*
und Innenkonturen nachzog (Cen. K. 31) und dies später mit der Feder
besorgte. Die mit der Zeit braun oxydierenden und schwer erkenntlichen Silber*
Stiftlinien erforderten diese Nachbehandlung, die, anfänglich eine Art Korrektur,
bald zur Schulvorschrift führte.
Eine dem Bicci di Lorenzo zugeschriebene Zeichnung (Uff. 58, 3), Christus
in den Wolken, unten Petrus und Paulus, bildet ein frühes Zeugnis von braun
lavierter Feder auf Terraverde*Grund. Es gibt auch Beispiele mit nur partien*
weise, etwa an der Schattenseite erfolgter Verstärkung (Benozzo). ^ In der
Botticelli* Gruppe erscheint die Chiaroscuro* Zeichnung auf die reinste Form
gebracht: eine klar umzogene Figur auf harmonischem Mittelton mit Schatten
und Lichtern. - Es muß deren zahlreiche gegeben haben ; Vasari erzählt
bei Raffaellino del Garbo, daß dessen Sohn eine große Anzahl von Zeich*
nungen um einen Spottpreis weggab, «parte disegniati di stile e parte di penna
e d'acquerello, ma tutti , sopra fogli tinti, lumegiati di biacca.»^ Selbst bei
Leonardo finden sich noch Beispiele aus seiner Mailänder Zeit (Albertina,
A. P. 590). Auch sonst hat das nördliche Italien Belege überliefert: Ercole
Roberti (indigoblau), Cosimo Tura (graubraun).
Was in Italien nur vorübergehend geübt wurde, weil die zeichnerische Ent*
Der Wicklung im raschen Tempo vorwärts strebte, das zeigte sich in den Nieder*
Norden, landen und besonders in Deutschland während des letzten Viertels des 15.
und noch weit über die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts als Haupttechnik
für jede Art guter Zeichnung. Arbeitete man die Entwürfe auch sonst auf
weißem Papier, so schuf man sich für Paradezeichnungen oder Vorlagen für
Reliefarbeiten und Glasmalereien doch erst alle Vorbedingungen: gediegene
Grundierung mit der entsprechenden Farbe und gründliche Glättung der Ober*
fläche, um der Tuschfeder kein Hindernis zu geben. Wie in Florenz bildete
hier dieser Zeichnungstypus eine natürliche Weiterentwicklung der Silberstift*
technik, jedoch ohne die Verwendung des Stiftes selbst. Man bedurfte auch
nicht mehr der umständlichen Knochenpulverprozedur, sondern mischte den
geschlemmten Erdfarben einfach Bleiweiß oder weiße Kreide unter Zusatz von
Gummi* oder Leimwasser bei; kurz man bediente sich der Deckfarben.
Diese Federzeichnungen in satter Tusche auf samtartig grundierten und
farbig wohl abgestimmten Papieren hatten etwas Intimes, Individuelles und
Säuberlich*Deutsches. Im allgemeinen liebte jeder Meister seine Farbe, seine
Methode und variierte nicht gerne, wenngleich es Künstler wie Altdorfer
\
' Dies teilweise Ausziehen mit Feder wird in Beschreibungen als von fremder Hand
herrührend gedeutet.
■' Berenson, Taf. 35 Fra Filippo, Heilige, oder Taf. 39: Campagno di Pesellino, Gott
Vater, Berlin.
=> Vas. Mil. IV, 235.
Die Federzeichnung.
49
Abb. 19. Dürer. Clairobscur in Pinseitechnik.
Doppelte
Grundies
rung.
gab, die alle Skalen versuchten. ' Dürer schätzt mit geringen Ausnahmen Grün,
H. Baidung Rotbraun. Weil die Mehrzahl zu dunklen Farben neigte, erschien
die Verwendung der schwarzen Tusche und die Vermeidung von Tinten geboten.
Anfangs zeigten diese zahlreichen Federzeichnungen einen gleichmäßigen satten
Farbenauftrag, mehr oder weniger dick, später erst begnügte man sich mit dünnen
Schichten, so daß das Pas
pier durchschimmerte.
Dürer, der Hauptmeister
dieser Technik, gab sich die
allergrößte Mühe, warme,
volle Töne in Grün (lies
gende Jungfrau, grüne Pass
sion) zu erzielen und wandte
sogar die Methode der dops
pelten Grundierung an,
unten rot und darüber grau?
grün (Bremen, Taten des
Herkules). Indes darf man
bei ihm nicht von Feder*
Zeichnung allein sprechen.
Die feine Pinselspitze ers
setzte oft die Kielfeder und
die damit hervorgebrachten
Linien, Konturen und Schats
tierungsstriche, übertreffen an
Gleichmäßigkeit und Weich*
heit alles bisher Geleistete.
Während er die grüne Pas#
sion (1504) noch mit der
Feder zeichnet, schafft er
die prachtvollen Studien
zum Helleraltar nur mit
dem Spitzpinsel (Abb. 19).^
Diese Virtuosität im Primas
zeichnen auf einem leicht
aufsaugenden Präparat, das keine Korrektur gestattete, besaß freilich nur er.
Andere mußten, um die mühsam hergestellte Oberfläche nicht durch Entwurfs?
linien oder falsche Federzüge zu verderben, immer zur Pause greifen. Heute
noch lassen sich derartig steckengebliebene deutsche Blätter mit Pauselinien
auffinden.
Der Verfall der deutschen Kunst und das gleichzeitige Eindringen neuer Verfall,
italienischer Einflüsse vernichteten den feinsäuberlichen Zeichnungsstil. Ander*
' 1506 orange (Berlin), 1508 terra di Siena (Lanna), 1509 lichtbraun (Lanna), 1510 grau»
grün (Albertina), 1512 rotbraun (Berlin), 1514 braunschwarz (Berlin), c. 1514 grün (Alber;
tina), 1517 graugrün (Budapest).
- Betende Hände zum Heller^Altar, Albertina, L. M. 507; 29 X 197 cm.
iMedcr, Die Handzcichiiung. 4
50
Die Federzeichnung.
seits boten die modern gewordenen Naturpapiere Ersatz. Statt einer peinlich
ausgeführten Zeichnung schuf man mehrere flüchtige Entwürfe. Nach Dürers
Tod mag sich die technische Umwälzung angebahnt haben. Aber noch im
17. Jahrhundert lassen sich handwerksmäßige Erzeugnisse (Glasrisse) konsta*
tieren. Man kopiert gerne, wie zur Erinnerung an die gute Zeit, alte Vorlagen
und versucht sich auch in eigenen Erfindungen. Dabei greift man nach auf*
fallenden, schreienden Tönen wie violett, lichtblau, grellgrün und zinnoberrot.
Dietricys Versuche um 1730 (rotviolett) bedeuten nur mehr ein Spielen mit
einer alten Technik.
Über das Höhen dieser Zeichnungen siehe Teil III, Körperplastik. Über
die Grundierungsfarben auch Teil I, Metallstiftzeichnung.
Niederlande. In den Niederlanden begegnet uns die Tuschfederzeichnung auf grundierten
Papieren meist in Glasvisierungen, seltener in Kompositionen, eine Beobachtung,
die angesichts des großen Verlustes niederländischer Zeichnungen nur als eine
relative aufzufassen ist. Man findet in der Regel steingraue Farbtöne, die
bald ins Blaue, bald ins Violette abgestimmt erscheinen. ^ Rein blaue wie bei
dem Anonymus (Malcolm 547) oder auf jenem dem Jennin Mabuse zu*
geschriebenen Blatte der Albertina: Urteil des Paris, sind Seltenheiten und
weisen auf Entwürfe für Reliefarbeiten hin. (Abb. 129.)
Weiß. WeISS = SCHWARZ*TECHNIK. Dieselbe gibt ein Umkehren der Zeichen*
schwarz, mittel, weiße Linien auf schwarzem Grunde; Konturen und Lichter ergänzen in
Technik jgj. Vorstellung aus der dunklen Folie heraus auch die Schattenstellen. Die feinen
Linien zog die Feder oder der Pinsel, breitere Stellen nur der letztere (Abb. 59).
Schon in der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts finden sich in Deutschland
vereinzelt derartige Zeichnungen.^ In erster Linie dienten sie als Vorlage für in
für Schwarzlot ausgeführte Glasscheiben (Vierpaßscheiben) ^ und wir werden nicht
Glasrisse, irregehen, wenn wir diese merkwürdige Zeichenweise von der Glasmalerei selbst
ableiten. Nichts lag näher, als die beobachtete Wirkung einer mit spitzem
Hölzchen auf die mit Schwarzlot bestrichene Scheibe gerissenen Zeichnung
auch auf dem Papier nachzuahmen, woraus anderseits der Vorteil gezogen
wurde, auf diese Weise Vorlagen zu schaffen. Gegen Ende des Jahrhunderts
sehen wir die Weiß*schwarz*Zeichnungen zu Metall* und Holzschnitten (Schrot«
Schrotblätter blättern) in Beziehung treten.
und Wenngleich sich für die wenigen noch vorhandenen Zeichnungen dieser
Holz. Technik kein zugehöriger Holzschnitt als Beleg aufweisen läßt, ist doch ein
schnitte. Zusammenhang konstatierbar, wie z. B. bei Mair von Landshut, der Holzschnitte
und Zeichnungen dieser Art, wenn auch ohne Zusammengehörigkeit, hinterlassen
hat. Außerdem — ein deutlicher Beweis einer Holzschnittvorlage — segnet in
dem Albertina*Originale (A. P. 146) der Weltheiland mit der Linken. Aber auch
diese Drucke scheinen zum Teile im Dienste der Glasmaler gestanden zu haben.
Die Weiß*schwarz*Zeichnung entbehrte der Entwicklungsfähigkeit, weil auf dem
* Jan Gossaert Mabuse, Berlin, Beweinung Christi (Z. a. M., Berlin, 222).
'^ Eines der frühesten Beispiele von feinster Ausführung befindet sich in der Albertina,
St. Georg, um 1450 (A. P. 1158).
^ Schmitz, H., Die Glasgemälde des Kunstgewerbemuseums in Berlin I, Abb. 186.
Die Federzeichnung. 51
schwarzen Grunde ein Entwerfen und Verbessern ausgeschlossen war. Nach
Springinklee (A. P. 335 in Neutraltinte) begegnet uns noch 1674 ein Beispiel
von Johann Keil (Kopenhagen).
Eine dritte Verwendung fand diese Technik in astrologischen und astro*
nomischen Kartenzeichnungen des 15. und 16. Jahrhunderts, um für Holz*
schnitte oder Stiche Vorlagen zu liefern.
Wie eine Abart der Weiß^schwarz^Technik erscheinen jene auf rot oder
rotbraun grundierten Blättern in weißer Federzeichnung ausgeführten Korn*
Positionen, die partiell auch schwarze Konturen aufweisen und gleichfalls dem
Glasmaler dienten. ^
Lavierungen.
Aombrare di acquarelle,- dl penna e d'acquarello,* macchiar disegni d'acquerello*
— Tuschieren,^ Tuschen, Tuschmanier, Tuschelen oder Waschen" — Dessin au lavis —
Ghedaen met de Pen en gewasschen' — De aguada.
^^^.fy-TJlriTr^^ VViewohl das Lavieren fast alle Zeichenmittel unter*
stützt und in den Kapiteln Silberstift, Kreide und Rötel
noch besondere Hinweise erhalten soll, wurde seine Be#
handlung gleich hier durchgeführt, weil gerade Federzeich*
nungen den Ausgangspunkt dazu bildeten und der weit*
aus größte Teil derselben, von den frühesten Zeiten an*
gefangen, seine mono* oder polychrome Wirkung oder
seine Plastik durch den lavierenden Pinsel erhalten hat.
Fig. 20. Illuminier; t-.ii ^ -r i- i-i -r-i-
, , jr Entwicklung und Zweck zeigen uns verschiedene luschie* Arten des
rungsformen. Einmal wurden einfache, mit wenig Schatten* Lavierens.
linien ausgestattete Konturzeichnungen gleichmäßig mit farbigen Flächen ver*
sehen (Kolorieren, Illuminieren, farbiges Anlegen). '^
Zweitens wurde das Lavieren zur Herausarbeitung der dunklen Stellen ver*
wendet (das eigentliche Schattieren, Tuschen oder Verflössen); und drittens diente
dasselbe im weiteren Verlauf malerischen Lichteffekten bei der Ausführung von
Figuren, des Terrains, der Luftpartien, oder zur Erzielung landschaftlicher
Stimmungen.
' Monogrammist H. B. 1518, St. Katharina (Ehlers, Göttingen, A. P. 1244) oder Un=
bekannter Meister, Parisurteil (Lanna, A. P. 1232).
- Cennini K. 10.
' Vas..Mil. IV, 235.
* Baldinucci, Voc. p. 61. p
•' Amerbach, Inv. A (59. Baseler Jahrcsber., N. F. III: Ganz und Major, Die Entstehung
des Amerbachschen Kunstkabinetts, S. 33.)
" Anweisung zur Mahlcr»Kunst, und zur Reil^^ und Zeichens wie auch lUuminiriKunst,
neue verb. Aufl., Leipzig 1745, S. 225.
' MandersFlocrke I, 396. «Waschen» bezeichnet mehr den Vorgang, die aufgesetzte
Farbe zu verdünnen und nach Bedarf zu vertreiben.
" Man übte dasselbe nach Art der Hausindustrie aus. Der bekannte Illuminist und
Verleger Georg Glockenthon d. Ä. (f 1553) hatte Söhne und Töchter, «die täglich dem
Illuminieren und Briefmalen hart musten obsitzen». Neudörtters Nachrichten, S. 41.
4*
52
Die Federzeichnung.
Plastisches
Lavieren.
Illuminieren. Die erste Art, das fast handwerksmäßig geübte Verfahren der Briefmaler
und Illuministen, bedarf hier keiner weitläufigen Erörterung, da es sich größten*
teils nur auf Illustrationen, Holzschnitte, seltener auf Stiche bezog (Abb. 20). ^
Illustrierende Federzeichnungen wurden, wie alte Handschriften beweisen, gleich*
falls dieser Prozedur unterworfen und es scheint, daß bei der in den Klöstern
geübten Arbeitstrennung Zeichner und Illuministen sich bei einzelnen Werken
die Aufgaben nach Begabung zuteilten. Nur das technische Verfahren war
bei Zeichnungen insofern verschieden, als man sich hiezu geleimter Papiere
bediente und nicht erst, wie bei den Holzschnitten, eine Überstreichung oder
Tränkung mit Leim* oder Alaunwasser nötig hatte. -
Das eigentliche Lavieren, Aombrare di acquarelle,'' das Schaffen ver*
laufender Flächen mit nassem Pinsel durch wiederholtes Überfahren, oder
Macchiare, das Schattensetzen in abgegrenzten Flecken zum Zwecke der
Körperlichkeit, war Aufgabe der Künstler. Es ist nicht ohne Interesse zu
beobachten, wie das Streben, die Schwierigkeiten der nassen Pinseltechnik mit
der sich erweiternden Formenerkenntnis in Einklang zu bringen, von einer
Kunststufe zur andern stets neue Wege und Ergebnisse hervorbrachte.
Ganz im Sinne des gotischen Zeitalters, das zu allen Kunstdingen reiche
Muße hatte, ging man auch an diese Aufgabe mit Sorgfalt und Vorsicht.
Verschiedene ausführliche Stellen bei Cennini über das Lavieren geben ein
Zeitbild für jene so geruhsame Schaffensweise, die nur erreichen und nichts
verderben wollte (K. 10, 13, 31). Mit der dünnsten Wasserfarbe (zwei Tropfen
Tinte in eine Nußschale voll Wasser) überging man wiederholt die betreffende
Stelle, um keine scharfen Ränder zu erhalten. Nach und nach setzte man weitere
Tröpfchen hinzu. Bei grundierten Papieren wurde der Pinsel vorher aus*
gedrückt und halbfeucht aufgestrichen, um die Farbschichte nicht aufzulösen,
Sfumare. bis man Schatten erzielt hatte, die «wie verfliegender Rauch» aussahen (sfm
mave). Der Pinsel wurde von oben nach unten geführt und kaum unterscheidet
^ Auf diesem Ausschnitt eines anonymen Holzschnittes mit einer interessanten Folge
von Handwerksdarstellungen im herzogl. Museum in Gotha, auf welche mich Dr. Röt«
tinger freundlichst aufmerksam machte, finden sich die Vorgänge und Utensilien eines
«Bryffmalers» abgebildet: links ein Stoß Holzschnitte, rechts Muscheln und Färb*
schalen, Krüge mit Leimwasser, oben die über eine Schnur zum Trocknen gehängten,
geleimten oder illuminierten Blätter. — Eine ähnliche, belehrende Abbildung ist das Titel*
blatt von Boltzens Illuminierbuch. Berger, Beiträge, 1897, S. 196. — Ausführliche Erörterung
findet die Illuminier^, Erleuchterey^ oder Anfärbekunst in der «Anweisung zur Mahler*
Kunst», Leipzig 1745, S. 267 — 360. — Ferner bei Gautier de Nimes, L'art de laver, Lyon
1687. Hier zitiert deutsche Übersetzung «L'art de laver oder die Kunst zu Tuschen»,
Nürnberg 1719, S. 63.
^ Die genannte Anweisung von 1745 empfiehlt weißen Leim, in Regenwasser gekocht,
oder auch Fischleim zum «Planieren oder Leimen des Papiers»; das Blatt wurde mit
einem weichen, getränkten Schwamm überstrichen oder ganz durch das Leimwasser ge*
zogen. S. 300.
^ Während bei den Italienern zu Cenninis Zeiten der Ausdruck aombrare di acque*
rella (Cennini K. 10) geläußg ist und sich bis auf Baldinucci erhält, finden wir bei den
Deutschen im 16. Jahrhundert als üblichen Terminus: getuscht, mit Schwarz getuscht,
getouscht oder tuscht (Amerbach, Inv., bei Woltmann, Holbein IL 46; ebenso Sandrart,
Teutsche Akademie II, 87).
Die Federzeichnung.
53
Abb. 21. V. Carpaccio. Vertikale Schattierung und Belichtung.
54
Die Federzeichnung.
man den Einzelstrich. Es entsprach ungefähr der vorsichtigen Malweise der
Miniatoren, aber auch der frühesten Tempera* und Freskotechnik. Siehe Teil I,
Pinselzeichnung.
Dieselbe Vorschrift finden wir auch im Norden bei den Deutschen und
Niederländern des 15. und selbst noch des 16. Jahrhunderts bei Glaszeich*
nungen beobachtet.^ Die delikaten Konturen gehen mit den glatten Schattie*
rungen Hand in Hand. Die Faltenmassen bilden in ihren schablonenhaften
Tiefen und Höhen das Hauptfeld solch tuschierter Verlaufer.
Renaissance. In der Frührenaissance wird das Studium der Einzelteile und des Nackten
zu einer Hauptaufgabe. Der Lavierungspinsel arbeitet daher innerhalb der reinen
Umrisse die Formdetails in geschlossener Modellierung durch (Abb. 150). An
die Stelle des gestutzten Pinsels tritt der gespitzte. Nach und nach erst erfahren
die sorgfältigen Übergänge zu den Mitteltönen und Lichtern eine Lockerung.
Die einzelnen Pinselstriche werden selbständiger, erhalten plastischen Eigenwert,
bis endlich die flotte pointierende Pinselführung (Tocchi d'acquarello) zur
allgemein giltigen Regel sich erhebt. Aber der Übergang ist ein allmählicher.
Während Künstler wie die Pollaiuoli, Botticelli, selbst Leonardo (Abb. 194)
noch das Sfumato gelten lassen, bevorzugen andere wie Verrocchio, Botticini,
Filippino schon die aufgelöste vertikale Lavierung. ^ Die Zweiteilung war
zuerst in Entwürfen eingetreten, dann auch in den Teilstudien. Am deutlichsten
erkennen wir diese charakteristische Pinselschattierung im Norden Italiens und
hier besonders in Venedig. Carpaccio und die Bellini*Schule wenden sie in
ihren Studien konsequent an (Abb. 21).^ Aus den Vertikalstrichen werden
Breitlavierungen, man faßt zusammen und kürzt ab. Schon bei Filippino
sehen wir sie zum Durchbruch kommen, noch ersichtlicher bei Garbo, Carli,
D. Ghirlandaio.
Kompos Das einfache Figurenlavieren komplizierte sich weiter, als es galt, ein oder
sitions. mehrere Gruppen im Raum geschickt unter einheitliche Kompositionsgesetze
Lavierung. ^u stellen (Licht* und Raumeinheit), die Hauptfigur markierend herauszu*
streichen und das Nebensächliche abzudrängen. Es bedurfte schon einer großen
Übung, das Konventionelle zu erlernen. Starke Talente waren vonnöten, neue
Methoden und Prinzipien in fortschrittlicher Weise einzuführen: das Rasch*
bewegte plastisch zu erfassen oder ein Stück Landschaft, ohne ablenkendes De*
tail, in seiner Raumweite darzustellen.
Zweischalens Um der Willkür von Tondifferenzen einigermaßen vorzubeugen, hatte man
System. sich des Zweischalen*Systems bedient, indem man zum Tuschieren im vorhinein
eine hellere und eine dunklere Nuance in zwei Muscheln vorbereitete. Berichtet
uns dies Armenino erst für Giulio Romanos Zeit, so ist es zweifellos, daß
'■ In Erlangen befinden sich viele derartige Zeichnungen, wo die sorgfältigen Konturen
mit der feinsten Tuschlavierung ausgefüllt sind; es läßt sich hier kaum ein Pinselstrich
entdecken, alles zeigt einen gleichmäßig zu* oder abnehmenden Ton (I, Nr. 16).
^ In den heute zur Verfügung stehenden Lichtdruckreproduktionen sind die vertikalen
Pinselstriche immer verschwommen wiedergegeben. Am deutlichsten erscheinen sie in den
weißen Lichtern, welche dieselbe Strichmethode zeigen.
^ A. P. 457. Ausschnitt aus einem Skizzenbuchblatt der Albertina. Bisterpinsel auf
blauem Naturpapier; 23 X 27'5 cm.
Die Federzeichnung.
55
das Verfahren schon vorher verbreitet war. ^ Dasselbe brachte allerlei Vorteile
mit sich, Mitteltöne und Kernschatten zu geben, Gegensätze vom Dunkleren
zum Helleren zu schaffen, oder dieselben mit dem Wasserpinsel nach Bedarf" zu
verbinden oder abzuschwächen. Ein reichlich vorhandenes Zeichnungenmate*
rial beweist diese Technik
(Abb. 22). 2 Im 16. Jahr*
hundert wird es allgemeine
Regel, die beiden Tonwerte
getrennt nebeneinander ste*
hen zu lassen, ein Brauch,
der der Zeichnung Frische
und malerische Plastik ver*
lieh und noch bis zu Tiepolo
herauf anhielt (Abb. 15).
Auch darauf leistete man
eines Tages Verzicht und
schöpfte mit dem Wasser*
pinsel aus dem Tintengefäße
die Töne nach Willkür, kühn,
geistvoll, aber ebenso fahrig,
wenn die Formvorstellung
versagte. Die Bolognesen
beobachteten noch ein Maß*
halten, während einzelne Ve*
nezianer, die Schule Cara*
vaggios und die Neapolitaner
bei aller sonstigen Geniali*
tat die sorgfältige Zeichnung
mitunter der klecksigen Ma*
nier opferten.
Aber auch aus diesem
freien Verfahren entwickelte
Rembrandt eine technische
Höhe und eine künstlerische
Ausdrucksfähigkeit, die sich
fortan mit seinem Namen
verband: Rembrandt*Tech*
nik. Die Verbindung ver*
schiedenster Begriffe löst sich
uns beim Anblick jener braunen Zeichnungen aus: bizarre, dem Temperament
entfahrene Federstriche, klecksige Pinselhiebe, mit dem Finger oder dem Wasser*
pinsel verwischte Schatten, stärkste plastische Illusion im malerischen Sinne,
Abb. 22. P. Veronese. Zweischalen s System in Bister.
Rembrandt^
Technik.
' Armenino, Precetti, p. 61. Die ArmeninosRegel galt auch für Deutsche, ja selbst
bei Anwendung verschiedener Farben.
- Ausschnitt aus einer Anbetung der Könige. Albertina. A. P. 239; 20"3 X 27*2 cm.
56
Die Federzeichnung.
Ursprung.
Claude
Lorrain.
Lichte und Helldunkelwirkung — alles durchdrungen von seiner mächtigen Ori*
ginalität (Abb. 25, 316).
Indes ist die sogenannte Rembrandt^Technik in Zeichnungen nicht als
ein ausschließlich persönlicher Stil des Meisters aufzufassen. Sie lag vielmehr
in den Forderungen der vorangegangenen Zeit, in den umgewandelten Kxif
schauungen von Licht* und Schattenmalerei, nicht mehr die nüchterne Existenz,
sondern den lichtumflossenen Schein darzustellen. Auch die Zeichnung hatte
es auf ihre Weise versucht,
dem Problem nahezutreten.
Ansätze dazu sieht man bei
Tintoretto und Palma und,
wenn man will, früher bei
Giorgione und Carpaccio.
Elsheimer, unter dessen Ein*
fluß Rembrandt stand, hatte
schon in Rom den kurzen
kecken Strich mit kontrastier
renden Lavierungen um 1600
kennen gelernt (Abb. 211),
Ebendaselbst läßt sich dieser
zeichnerische Ausdruck bei
Bartolommeo Manfredi
(1574-1617) beobachten
(Abb. 314). Erwägt man,
daß der letztere ein Schü*
1er Caravaggios war und
daß dessen Malweise — von
Zeichnungen ist nichts er*
halten — auf die derbe Im*
pression ausging, daß auch
Giovanni da San Giovanni,
genannt Manozzi (1590
bis 163.6), dessen Zeichnun*
gen direkt an Rembrandt
erinnern (Abb. 23),^ in sei*
nen Genrestücken von Cara*
vaggio abhing, so wird der Schluß nicht fehlgehen, daß der letztere gleichfalls
von Venedig ausgehende Meister diese Zeichentechnik besonders gefördert
haben mochte.
Von französischen Künstlern sei Claude Lorrain genannt, der seine
Laviertechnik in Italien erworben hatte und dessen zahlreiche, in allen großen
Kabinetten aufbewahrten landschaftlichen Studien technisch und stilistisch
Abb. 23. Giovanni da San Giovanni, gen. Manozzi.
Vorstufe zur Rembrandt «Technik.
* Studie zu einer Ruhe auf der Flucht für eine Kapelle des Giardino della Crocetta,
1621. Rötelcntwurf, Federzeichnung u. Lavierung in Braun. (Aus: I Disegni della R. Galleria
degli Uffizi in Firenze, III. Ser., 4. Fase, Nr. 2; Verlag L. Olschki, Florenz); 26'5 X 19 cm.
Die Federzeichnung. 57
Bedeutung beanspruchen.^ Flotte, oft an Rembrandt gemahnende Federskizzen,
mit geschickten Tuschierungen in Wirkung gesetzt, bilden den Gewinn seiner
Wanderungen in den römischen Gebirgen und in der Campagna sowie längs
des Tiberstrandes bis nach Ostia (Abb. 234). Einen zweiten typischen Vertreter
finden wir in Niclas Poussin. Die übergroße Anzahl römischer oder biblischer Niclas
Kompositionen für Gemälde und Gobelins basieren auf gründlich durchstudierten Poussin.
Entwürfen in lavierten Federzeichnungen, die sich durch eine ruckweise markies
rende Strich? und Pinselführung charakterisieren.
Nicht wenig hatte neben dem geänderten Erschauen der Formen unter dem
Gesichtspunkte einer Raum* und Lichtplastik das sich verbreitende direkte Ent*
werfen mit farbigem Terpentinpinsel auf freier Leinwand oder kleinen Tafeln,
statt auf Papier, zur Entwicklung der letzten Stufe beigetragen. Wir beobachten
dies bei Tintoretto, bei Rubens und Van Dyck. Die alte technische Begriffs*
trennung von Bild und Zeichnung war dadurch sehr abgeschwächt worden,
vielfach zum Entsetzen theoretisierender Zeitgenossen. Zum Teil hatten sie
recht, denn das Selbstverständliche, scheinbar Willkürliche in der Hand des
Meisters wurde in der Hand des Gesellen leicht zur Manier.
Diese ungefähr in großen Zügen skizzierte Aufeinanderfolge der drei Stufen*
gänge muß im Interesse der Knappheit jeder Einzelbehandlung von Schule zu
Schule entbehren. Einzelne Hinweise wie z. B. auf die mitwirkende Tätigkeit
des lavierenden Pinsels in Stimmungslandschaften erfolgen in den Kapiteln
Pinselzeichnung, Landschaft und Körperplastik.
LaVIERUNGSFARBEN. Von den in Miniaturen und Illustrationen vor* Lavierungs^
kommenden bunt lavierten Federzeichnungen oder den in Wirkung gesetzten färben:
Bestellzeichnungen abgesehen,^ erscheinen heute fast sämtliche Kompositions*
skizzen und Figurenstudien braun laviert, von der lichtesten Tonstufe bis zum braun,
dunkelsten Schwarzbraun, je nachdem verblichene Tinte, Bister, braune oder
gelbe Erdfarben wie z. B. Ocker zugrunde liegen (siehe den folgenden Ab*
schnitt: Tinten). Lokalisierungen lassen sich hier nicht feststellen mit Ausnahme
der blaß lichtgelben Töne, welche für Venedig und das venezianische Gebiet
charakteristisch hervortreten (Tizian, Campagnola, P. Veronese, Palma d. J. u. a.;
Giulio Romano in der Mantuaner Zeit). Deutsche Meister wie J. Heinz und
Rottenhammer, welche in Venedig nach Tintoretto und Veronese studierten,
folgten derselben Modefarbe.
Holländer mischten Rötel in Tinte und Bister, daher die eigentümlichen
braunroten Töne (Rembrandt, Otto Vaenius, K. Mander).
Während in Italien die braune Farbe fast alle Zeichnungen und zwar durch
alle Jahrhunderte beherrscht, treten im Norden die bis zum Beginne des
17. Jahrhunderts sich erhaltenden Tuschtinten auf. Dürer schattiert und laviert
* Man zählt deren über 500, wovon das British Museum mehr als die Hälfte besitzt.
Außerdem sei noch das aus Federzeichnungen bestehende «Liber Veritatis» in Chatsworth
erwähnt. Publiziert von Earlom, London 1777.
* Cennini K. 10. «Auf ähnliche Weise kannst du mit Farben (colori) und Tüchlein=
färben (pezzuole) nach Art der Miniaturmaler schattieren. Die Farben werden mit Gummi
oder eigentlich mit Eiweiß, das wohl geschlagen und flüssig gemacht ist, gemischt.»
58
Die Federzeichnung.
schwarz, auch in Venedig, dem dortigen Geschmack entgegen, mit Tusche. Alle Clairs
obscur*, Glas*, Goldschmied?, Kupferstich* und Holzschnittzeichnungen werden
«getuscht». Im 17. Jahrhundert wurde, gleichfalls nur im Norden, die Tusch*
färbe mit Blau gemischt, um ihr den bräunlichen altertümelnden Stich zu
nehmen (Georg Beham 1602, Jan Luyken, L. Backhuysen, Adriaen von
Nieulandt, Crispin van der Brück, Claude Lorrain u. a.). Besonders gern richtete
man sich diese Farbe für Lavierungen von Himmel und Wolken, von Ge*
wässern und Schlagschatten zu.
Außer den beiden Hauptfarben Braun und Schwarz kommen in einzelnen
Indigo, Schulen noch andere in Verwendung. So ergibt Indigo einen gesonderten
Zeichnungstypus. ^ Diese blauen Lavierungen treten im letzten Viertel des
15. Jahrhunderts im Norden Italiens schulmäßig auf. Städte wie Venedig,
Verona, Brescia und Ferrara seien hier genannt. Dabei benützte man blaues
(venezianisches) Papier und führte die Strichlavierung vertikal aus. Eines der
frühesten Blätter gibt uns Seb. Zuccato (Albertina, A. P. 393), andere Beispiele
finden sich bei B. Montagna (Windsor, Lille), dem Ferraresen Bart. Ramenghi
{•f 1542). Aus späterer Zeit kommen nur einzelne Meister, wie L. Cigoli, Bagna*
cavallo. Fr. Vanni, Sig. Coccopani ("1- 1642), Gius. Chiari, Luigi Cardi in Betracht,
wo das Indigo mit dem braungewordenen Tintenkontur einen guten Zusammen*
klang ergibt. Von Spaniern seien Vincente Benavides und Alonso del Arco
(beide Albertina) erwähnt, als nordische Künstler Jan Müller 1595, Lambert
van Noort 1557 (A.), Georg Beham (A.), als Franzose E. de Laulne.
Tusche In derselben Zeit geschah es auch, daß man braune und schwarze oder
neben schwarzblaue Lavierungen in ein und derselben Zeichnung nebeneinander
braun, verwendete, einem Streben nach farbiger Wirkung entsprechend. Dabei hatle
das Schwarz entweder die Funktion der Schattenverstärkung, oder diente zur
Markierung des Hintergrundes und zur Erzielung nächtlicher Effekte." Rem*
brandt und Schule machen hievon reichlichen Gebrauch.^
Dieses Nebeneinander zweier Töne hatte in der Landschaftszeichnung
braun und durch die wohltuende Zusammenstellung von Braun und Blau ein Gegenstück.
blau. Zuerst bei einer ganzen Schulgruppe in Antwerpen seit Brueghel d. A. bis
in die Mitte des 17. Jahrhunderts. Bezweckte man bei Figurenkompositionen
mehr einen bunten Effekt, so sollte bei Landschaften eine wirksamere Luft*
Perspektive und Trennung der Gründe hervorgerufen werden. Himmel und
Wolken, Berggruppen oder Hügelgelände, verschwindende flache Waldungen
und alle Gewässer erhielten eine sanfte, blaue Tonwirkung. Mitunter wurden
sogar Baumgruppen, welche sich unmittelbar hinter jenen des braunen Vorder*
grundes erhoben, aber scharf abgelöst werden sollten, blau behandelt (Abb. 240).
Man folgte ganz dem Vorgange in der damaligen landschaftlichen ölmale*
rei. (Siehe: Landschaft, Niederlande, 2. Stufe.) Ich führe hier Namen an, welche
durch Zeichnungen dieser Art belegt sind: Paul Bril, Jod. Momper, Tobias
' hin Rezept für blaue Tinte, gewöhnlich aus Indigo erzeugt, bei Mrs. Merrifield, Ori^
ginal Treatises on the Arts of Painting, London 1849, II, 685.
'' Diese Farbenzusammcnstellung, noch verstärkt durch Blau, tritt uns schon in IIlus
strationen des 15. Jahrhunderts entgegen (Erlangen I, A 26).
' Ferner Pieter v. d. Berg, Blyhooft. *
Die Federzeichnung. 59
Verhaeght, die Sadeler, Susterman, Jan Wildens, Roelant Savery, Dav. Vincke*
boons.
Die Antwerpener Zeichenweise verpflanzte sich auch nach Holland, ins?
besondere nach Haarlem und wurde von Leuten wie H. C. Vroom, Lastman,
De Gheyn und in Utrecht von A. Bloemaert und dessen Schülern, wie Andries
Both geübt. Bloemaert wendete für Figuren und Landschaften, um eine Modi?
fikation zu schaffen, häufig Grün an,^ ebenso Jan van Loenen und Cor. grün,
Vroom. Deutsche Maler wie der Kölner Augustin Braun 1619 sind hier bloß
Nachahmer. Wohl nur als Bizarrerien sind grellfarbige Landschaften auf«
zufassen, wie z. B. jene des Lorrain um 1656, der mit Gelb vorlaviert und
mit stumpfem Rot schattiert.
Auch rosa und violette Lavierungen lassen sich vorübergehend in Florenz rosa und
bei der Schulgruppe Fra Angelico und Benozzo Gozzoli beobachten, die wegen violett,
ihrer süßen Wirkung und starken Lichtempfindlichkeit keine Verbreitung fanden.
Sie entstammten der Miniaturmalerei und entsprachen den feinfigurigen Zeich*
nungen des Beate (Ber. Taf. 2).
Rötellavierung (meist nur bei Rötelzeichnungen selbst angewandt) erscheint Rötel,
nicht sehr beliebt. (Roncalli, Pomerancio, M. A. Franceschini, Fr. Casanova,
Rottenhammer, Jacques Courtois, Boucher. Siehe Rötel.)
Eine manierierte und gesuchte Wirkung erzeugte die Karminlavierung Karmin,
(Elsheimers Skizzenbuch Frankfurt a. M., A. Bloemaert, Seb. Bourdon). In
der Regel lagen bestimmte Zwecke vor, wie Vorlagen zu Clairobscur^Holz*
schnitten oder Glastafeln. Besonders das Aufkommen der Helldunkeldrucke
mit ihrem spielerischen Farbenwechsel gab Veranlassung — und hier wirkte
das Erzeugnis auf die Vorlage zurück — schon die Entwürfe in grellen Farben
wie Grün, Gelb, Violett, Siena anzulegen (Andrea Schiavone, Geromo Andrioli,
Pomarance, Niccolo del Abbate, Bloemaert). Vielfach wurden derartige Drucke
von jungen Leuten der Buntheit halber kopiert. (Siehe auch Glasrisse, Teil IL)
Bei vielfarbigen Lavierungen, «mit Ferblin duschen», handelte es sich um bunte
farbige Vorlagen für Bilder, um die möglichst getreue Anlage von Kostüm* Lavierung.
Studien (Pisanello, Dürer) oder um Landschaften und kunstgewerbliche Risse.
Der erste Fall, wiewohl wenig belegt, scheint besonders bei den Deutschen
seine Geltung gehabt zu haben. Dürer nennt dies eine Visierung mit halben
Farben." Unmittelbar aus seinem Kreise stammen zwei in der Albertina
befindliche Triptychonentwürfe, von denen das Hauptbild bunt laviert erscheint
(Abb. 123). Ebenso haben sich von Holbein d. J. eine Anzahl getuschter und
mit anderen Farben in Wirkung gesetzter Zeichnungen erhalten.^ Eine ausge*
sprochene Vorliebe für bunte Zeichnungen trat in der zweiten Hälfte des 16. Jahr*
hunderts auf. Kleinere Talente wie Georg Beham (1596), Monogrammist
I. S. 1596 (Frankfurt), Lienhard Heberlein (1626 London), Frans Franck, S. De
Hee 1584 (Stuttgart) entbehren ungern diesen Aufputz. Bei Künstlern wie
' «-Want hy seer veel nae t'leven doet, hebbende cen seer aerdighe wijse van teyckenen en
handelinghe metter Pen, daev hy dan eennighe sappige verfkens hy voeght^i (Mandcr —
Floerkc II, 358). Hymans übersetzt richtig sappige mit tons verdAtxcs.
' Lange und Fuhse 115: «Ich hab ein Visirung mit halben Farbenden Malern gemacht.»
=• Z. B. Rchabcam. Ganz, Handz. H. llolbeins d. J.. Berlin. 1911 -. I. 10.
60
Die Federzeichnung.
Ostade, besonders in seiner letzten Periode, oder Dusart hatte das bunte
Lavieren von Federzeichnungen den Zweck, sie behufs leichteren Verkaufes
bildmäßiger zu gestalten. So setzte auch W. v. d. Velde seine Marinen in
Aquarelltöne.
Federn und Tinten.
Rohr? und Kielfeder.
Schilfrohr. Das ursprünglichste Schreibinstrument für Tinte, das geschnittene Schilf?
röhr, die Rohr fe der (Calamus, Canna),* scheint in der für uns in Betracht
kommenden zeichnerischen Verwen?
düng nur vorübergehend und nur von
einzelnen Künstlern Beachtung gefun«
den zu haben. Der Gänsekiel, nach
Wattenbach seit dem 6. Jahrhundert
literarisch nachweisbar,^' hatte schon
frühzeitig wegen der Feinheit seiner
Striche die Canna nicht nur in der
Schreiberstube, sondern auch in der
Werkstatt verdrängt. Wattenbach ist
der Anschauung, daß erst die Huma*
nisten sie wieder in Übung gebracht
haben. ^ Damit würde der Umstand zu#
sammenstimmen, daß Holbein d. J.
in seinem Erasmusbilde dem Gelehr?
ten eine Rohrfeder in die Hand gibt
(Abb. 24). Auch dem Meister selbst
war sie nicht fremd, der sie wieder?
holt in Glasrissen gebrauchte.
Rohrfeder« ^^^^^^^^^H^^^^^^^^^^^^H ^^^^ ^<J^ Zeit, als man auf das
Zeichner. ^^^^^^HB^^^^^^^^^^^^^^I Kraftvoll? Virtuose der Federzeichnung
ausging, griff man wieder häufiger zur
Rohrfeder. Luca Cambiasi, O. Fia?
letti und Boschini haben uns derartige
Belege hinterlassen.* Ebenso fand sie
in Holland Anwert. Hoogstraeten führt unter den Zeichenrequisiten aus?
drücklich die «Schrijfpen» an, wel uit een droog rief gesneden.^ Einen
klaren Einblick in die Technik selbst gewähren einzelne Studien Rembrandts,
Abb. 24. Die Rohrfeder. Aus Holbeins
Erasmusbildnis, Basel.
' Plinius, bist. nat. 1. 16, 36.
'^ Wattenbach, Das Schriftwesen im Mittelalter, 1871. Hier zitiert 3. Aufl., S. 227.
' Ibid. S. 224. — Ebenso der Hinweis bei Johann Mathesius, Sarepta oder Bergpostille,
1564. S. 146 a.
* Malvasia I, 313: Boschini, Che in disegnare in quella forma grande del naturale con
penne grosse e di canna. I, 312 canne tagliate, per dar forza alle ßgure.
'" Hoogstraeten, Inlcyding tot de hooge schoole der Schilderkonst, Rotterdam 1678,
S. 31.
Die Federzeichnung.
61
wo sie zur Unterstützung der Kielfeder die stärksten Konturen übernimmt und
pointiert (Abb. 25).' Um 1745 wird das «Schreib Rohr» in Deutschland
zum Landschaftszeichnen, und
zwar mit Bister und Tusche
empfohlen.^
Mathesius erwähnt um
1564 auch Federn aus Ho?
lunderstäbchen, «wie noch
die Modisten oder Stulschrei*
ber zu jhrer groben schrifft
brauchen», und außerdem
sogar Messingfedern («wie
auch etliche jhre messing
schreibfedern voller dinten
mit sich führen»).^ Man muß
hier an eine Art Füllfeder
denken.
Als allgemein gehandhab*
tes Zeichenmittel darf wohl
seit dem 12. Jahrhundert die
animalische Feder, Penn a,
betrachtet werden. Früh be#
gegnet sie uns in den Illu#
strationen heiliger Bücher,
zahlreiche Abbildungen von
Evangelisten in Miniaturen
zeigen die langstielige Kiel*
feder mit und ohne Fahne.
Cennini belehrt die Maler
ausführlich über das Schnei*
den und Zurichten von Gans*
federn (K. 14).^ Für feine Aus*
führungen verwendete man
Auerhahn* und Raben*
federn.^ Hoogstraeten emp*
' Aus «Teekeningen van Rem; Abb. 25. Rembrandt. Rohr= und Kielfederzeichnung.
Brandt», Sammlung Hofstede
de Groot, Nr. 32. Titus am Aktseil als Modell zu einer Geilklung (1668). Ausschnitt.
' «Dabei gilt das SchilftRohr, womit die Bauernhütten gedeckt werden und das überall
auf den SchiftsäZimmerstätten zu bekommen, als besonders geeignet.» Anweisung zu der
Mahler.-Kunst, S. 216. — Über die derzeitige Verwendung des Schreibrohrs im Oriente vgl.
Gardthausen, Griech. Paläographie I: Das Buchwesen im Altertum und byzantinischen
Mittelalter, II. Aufl. 1911, S. 192.
' Mathesius, Bergpostille, S. 146 a.
* «5e ti bisognn sapere, come questa pcnna d'oca si tcmpera.-»
^ Awerhanen Federn (Mathesius, Bergpostille, S. 146 a). — Excellency of the l'en and
Pencil, London 1688, Chap. III, 11: Ravensquill. - Raben^ und Hntcnfedern werden noch
Kielfeder.
Arten.
62
Die Federzeichnung.
Hehlt außer den Gansfedern (Ganzepennen) auch Schwanenfedern (Zwane?
Schacht).^
Schreib: Schreiber und Maler trugen die Federn in einer Leders oder Hornbüchse
zeuge. (Geschribzüg), die durch einen Deckel geschlossen werden konnte, gleichzeitig
mit dem Horntintenfäßchen an ihrer linken
Gürtelseite, wie Jahrhunderte vorher die
Scholastici, Schreiber, selbst Kanzler ihre
Schreibtäfelchen und Griffel als Gehänge
(perpendiculum) vereinigt hatten.^ In dem
Augsburger Tafelbilde des alten Holbein:
Bekehrung und Taufe Pauli, sieht man deut*
lieh den ganzen ambulanten Zeichenappas
rat an dem Leibriemen des jungen Sieg*
mund Holbein hängen (Abb. 26). Diese
Garnituren begleiteten den Künstler, wenn
er auf Reisen ging oder in freier Natur
zeichnete, noch bis zu Rembrandts Zeiten
(Abb. 158).^ In der Schreib* und Zeichen?
Stube hatte man Tintenhörner (Kuhhorn?
spitzen), welche in einem festen Ring hin?
gen,* oder auch Tintenstachel^ zum Eins
bohren in die jeweilige Unterlage. Bei den
Holländern, wie auf mehreren Selbstbilds
nissen Rembrandts ersichtlich, stand ein
längliches Tintenfaß im Gebrauche (Rems
brandts Selbstporträt von 1657, Dresden,
oder seine Radierung, Abb. 75),'' während die Schüler das angehängte Schreib?
zeug mit in die Werkstatt brachten (Abb. 158).
Abb. 26. Feder= und Tintenzeug.
(Perpendiculum.)
Gallustinte.
Tinten.
1. Schreibtinte (Galläpfeltinte), Inchiostro.
i-Jit frühesten italienischen Federzeichnungen, ob laviert oder nicht, er*
scheinen heute alle in hell* oder dunkelbrauner Farbe. Ob hier Tinte in der
im IS. und 19. Jahrhundert in der Miniatur; und Aquarelltechnik als besonders feine Be?
helfe verwendet (ConstantA'iguier und Langlois^Longueville, Nouveau Manuel de Minias
ture, hier zitiert Ausg. Paris 1839, S. 177).
* Hoogstraeten, Inl., S. 31.
- W'attenbach, S 61 und 66.
' Abbildungen des Perpendiculums finden sich häufig bei Johannesdarstellungen, so bei
Stephan Lochner, Nürnberg; Meister des Bartholomäus, München; oder bei S. Hieronymus:
Ghirlandaio, Florenz Ognisanti. — Auch bei Qiaentin Massys, 1518, «Der Geldwechsler»
(Louvre).
* Siehe das Fächer = Gemälde S. Gregor, München, Nr. 298.
' In Dürers Holzschnitt B. 148, der Kanne = Zeichner.
' Derlei Tintenfässer waren häufig von Blei, da man der Ansicht war, daß sich darin
Tinte länger halte f.Mathesius, Bergpostille, S. 149 a).
Die Federzeichnung. 63
heutigen Wortbedeutung (Gallustinte) oder ursprünglich braune Farben wie
Bister oder sonst ein Braun in Anwendung kamen, läßt sich durch das Auge
allein nicht immer bestimmen. Cennini spricht bei dem Ausziehen der mit
dem Metallstih entworfenen Studien zwar von Inchiostro: «Togli una gocciola
o due d' inchiostro» (K. 51).^ Inchiostro konnte aber jede andere dunkle
Farbe bedeuten. Baldinucci nennt auch Tusche und Druckerfarbe so (Voc. 75).
Im allgemeinen aber müssen wir an Tinte denken. Tinte war immer zuhanden
und ging gut aus Feder und Pinsel. Galt aber in frühesten Zeiten noch die
Vorsicht, dieselbe zu verdünnen, so verschwand sie in dem Grade, als die
Fertigkeit im Zeichnen und Entwerfen Fortschritte gemacht hatte und man bei
der wachsenden Papiererzeugung sich wenig sorgte, falls etwas fehlging.
Jede Gallustinte, wenn auch noch so dick aufgetragen, wurde im Laufe der Vergilben.
Zeit braun, dunkler oder heller, und daher kommt es, daß uns heute alle
seinerzeit mit schwarzer Tinte gezeichneten Entwürfe braun erscheinen." Es
hat etwas Befremdliches, wenn wir uns alle jene Lieblinge, wie z. B. Raffaels
Studien zu seinen Florentiner Madonnen in Schwarz vorstellen sollen. Aber
die Tatsache steht fest, daß der größte Teil der alten Federzeichnungen als mit
schwarzer Tinte gezeichnet anzunehmen ist.' Bei vielen Blättern, deren Rück;
Seite zur Beurteilung frei geblieben ist, erkennen wir an den durchfressenen
Stellen die NX'irkungen des Eisenoxydes (Rostes), der nur Tinte voraussetzt.^ Am
leichtesten macht sich der Gebrauch von Tinte in deutschen und niederländischen
Zeichnungen vom Ende des 15. und vom 16. Jahrhundert kenntlich, oder auch
in italienischen des 18. Jahrhunderts, wie von Canaletto, Guardi und Galli
Bibiena, deren heute vergilbte Konturen von den schwarzen Tuschlavierungen
braun abstechen.' Auf blauen Naturpapieren erscheint dieser braune Ton fast
gelb, so daß derartige Zeichnungen durch Tuschen und Höhen direkt einen
Vierfarbenakkord aufweisen.
^'er diese Tatsachen nicht zugeben wollte, braucht nur an der einen oder
anderen minderwertigen Zeichnung dieser Art eine Tintenprobe zu versuchen.''
' Auch Vasari berichtet: inchiostro con un poco d'acqua fa una tinta dolce (Vasari,
Mil. I, 175).
' Das Verbleichen auch der besten Tinten kommt daher, daß die Gallussäure unter
dem Einflüsse der Luft den Oxydationsprozeß der Eisenmoleküle fördert, bis schließlich
nur das Eiseno.xyd gelb wirkt.
' Hofstede de Groot hat in ganz unabhängiger Weise auch tür RembrandtsZeichnungen
dieselbe Behauptung aufgestellt, nur geht er hier zu weit, wenn er sagt: «Was der eine
heutzutage Bister, der andere Sepia nennt, ist vermutlich in den meisten Fällen nichts
anderes als die gewöhnliche Tinte» (Handzeichnungen Rembrandts, S. XLII).
* Z. B. V. Carpaccio, Dresden (W 52). — Bei Baccio Bandinelli, Luca Cambiasi,
Guercino besonders häuHg. — «So zu viel Vitriol darunter, wird sie gar leichtlich das
Papier, worauf man mahlet, durchfressen.» Gautier, op. cit. p. 25.
* Z. B. Dirck \'ellert, Jörg Breu, die vielen Schweizer Scheibenrisse, Stefano dclla Bella,
Bourguignons Schlachtdarstellungen u. v. a.
* Tintenprobe nach J. VC'iesner in: Die mikroskopische Untersuchung des Papieres, 1SS7.
Überfährt man mit einem gezogenen Glasstab, in Salzsäure getaucht, Linien, welche mit
Galläpfeltinte geschrieben sind, so ändern dieselben ihre Farbe; früher schmutzig und
mattbraun, sind sie nunmehr rostrot. Überfährt man die nun schon der Salzsäure^
Wirkung ausgesetzten Striche mit einem zweiten Glasstäbchen, welches in eine Lösung von
64
Die Federzeichnung.
Wir finden uns in diese Erkenntnis nicht ohne weiteres hinein, weil wir das
ganze große Zeichnungsmaterial heute nur in der Umformung und Patina von
Jahrhunderten zu sehen gewohnt sind, ungefähr so wie bei alten Gemälden,
welche uns jetzt gewiß mit völlig anderen Farbenwirkungen und ^werten
gegenüberstehen als zur Zeit ihrer Entstehung.
2. Tusche.
Sinesische Dinte, Ostindische Tinte, Reißschwartz, Kienschwartz, Rauch; oder Teutsche
Schwärtz — Inchiostro della China — L'encre de Chine — Oostindische Inkt.
Rußtinten. Neben der Schreibtinte, die nach verschiedenen Rezepten angefertigt wurde,
ihrer Substanz nach aber aus Galläpfeln und Eisenvitriol bestand,^ finden sich
jene aus Lampen? oder Kerzenruß (schwarze Tinten, Tuschtinten) und aus
Kaminruß gewonnenen Tinten (braune Tinten, Bister). Wir begegnen zunächst
unzähligen Zeichnungen, welche wie mit verwässerter Tusche gezeichnet er#
scheinen und deren Nuancen bald ins Schwärzliche, bald ins Braun*
schwarze übergehen, deren Striche selbst innerhalb einer Zeichnung eine
wechselnde Farbe aufweisen. Und wieder finden wir eine zweite Gruppe,
welche direkt braune Linien, bald mehr, bald weniger saftig zeigen, den
braun gewordenen Tinten oft aufs Haar gleichend, ohne aber deren sonstige
Eigenschaften zu besitzen.
Beide Arten von Tinten waren Rußtinten, welche man sich auf die kürzeste
Lampenruß= Weise selbst zubereitete. Die erstere, indem man feinen Kerzen? oder Lampenruß
tinten. in eisernen, kupfernen oder irdenen Gefäßen auffing und dann mit Gummi?
Wasser verrieb. Es ist dies wohl die Urform unserer heutigen Tusche, deren
Name erst später in Gebrauch kam. Bei Jehan le Begue (1431) wird bereits
diese schwarze Farbe unter zweierlei Namen angeführt: «Fuscus est color niger
ex carbone, vel ex fumo lampadis aut candele ardentis factus» und: «Fumus
est color niger, si cum ab igne candele sepi vel cere, vel a lampadis lumine exit,
colligatur.»'^
Aus dem 16. Jahrhundert existieren ausführlichere Rezepte wie: «Behend
in der not Dinten zu machen. Nymm eyn wachs liecht, zynd es an vnd
halts vnder ein sauber becken, biß daß sich der ruß daran henckt, geuß dann
ein wenig warm gummiwasser darein vnnd temperiers durch einander so ists
auch dinten» (Kunstbüchlein gerechten gründtlichen gebrauchs, 1535, fol. IX).
Das rasche Vertrocknen dieser flüssigen schwarzen Zeichenfarbe in den Be?
hältern und die weniger geeignete Verwendung nach einer neuerlichen Auf?
lösung mochte schon frühzeitig auch in Italien zur Erzeugung fester Stängelchen
Tusche. (Tusche) geführt haben, vielleicht in Nachahmung der aus China eingeführten
Tuschfarben. Baldinucci führt schon 1681 ein Rezept zur Tuschbereitung
gelbem Blutlaugensalz (Ferrocyankalium) getaucht wurde, so werden dieselben augens
blicklich blau gefärbt. Dies beweist, daß die Tinte eisenhaltig war, also Eisenvitriol als
Zusatz zur Gallussäure enthielt. Kohle« (Rui^j) hältige Tinten (Tuschtinten) werden weder
durch Salzsäure, noch durch ein anderes Reagens angegriffen.
' Wattenbach, op. cit. S. 238.
- Merrifield, op. cit. I, S. 26 und 27.
Die Federzeichnung. 65
in fester Form an und nennt dieses Produkt Inchiostro della China. Es
waren fingerlange, vierkantige Stangen, welche vor dem Gebrauch zum Schreiben
oder Zeichnen auf dem Reibstein (sopra una lastra di pietra) mit Wasser an::
gerieben wurden. Höchst einfach diene sie den Malern, indem dieselben den
Pinsel in Wasser tauchen und damit von der Tusche die notwendige Farbe
für Figuren und Landschaften nehmen.^
Aus dem Büchlein L'Art de laver des Gautier,^ oder aus Le Pileurs
Anweisung,^ oder aus Günthers Pastellmahlerey erfahren wir zwar die Zu* Zubereitung,
bereitung einheimischer Tusche, aber auch die Belehrung, daß die «nachge*
machte Tusche» nicht der chinesischen gleichkomme, «ungeachtet sich viele
Personen in Furopa damit abgeben»."* Sie ist «etwas locker, sandicht, schwarz
[die echte bläulich] und unter dem Reiben abnehmend».^ Der Ausdruck Chi*
nesische Tinte für die feste Masse (Inchiostro della China) erhält sich auch
in Frankreich: l'encre de Chine und gilt heute noch. In Deutschland finden
wir ihn bis 1745 belegt: Sinesische Dinte, dann aber überwiegt die Be*
nennung «schwartze Tusch».''
Nicht unerwähnt darf hier die Verwendung von Steinkreide bleiben, die, Steinkreide,
wie schon Jehan le Begue berichtet, zur Farbenbereitung diente: «Lapis niger
de ipso pingitur terendo ad liquidum.»' Das nach dieser Angabe von mir vers
suchte Verreiben weicher Naturkreide in einer Reibschale mit etwas Gummi*
Wasser ergab tatsächlich eine schwarze, tuschähnliche Farbe, die leicht aus
Feder und Pinsel floß. Im Gegensatz zur Tusche zeigt sie eine graue Nuance.
Ohne Bindemittel' haftet sie nur auf wenig geleimten und nicht satinierten
Papieren. In ähnlicher Weise wurde auch Mineralkohle verwendet.^
Merkwürdigerweise kommt in Italien alte Tuschtinte, welche doch von Anwendung.
Miniaturschreibern so vielfach verwendet wurde, äußerst selten in künstlerischen
' Baldinucci, Voc. 75: «^Una qualitä d'inchiostro, non liquido ne corrente ma solido;
composto di nero di fumo, infuso con gomma, e lisecco in panellini lunghi un dito in circa,
ben formati in figura quadrangolare. A nostri Artefici serve mirabilmenfe per disegnare
Hgure e paesetti, i quali appariscono tocchi d'acquerello : l'adoperano in questo modo. Intingono
il pennello neu acqua, e poi con esso sfregano l'inchiostro piii o meno, secondo che vogliono
che il tocco o la macchia venga piii chiara o piü .scura.»
^ Die Herstellung von schwarzer Tinte, Rauch; oder «Teutsche Schwärtz«: Man ver*
brennt Kolophonium, fängt den Ruß auf, verreibt ihn mit Gummiwasser und vermischt
beides mit gebrannter Baumwolle. Oder man verbrennt Kirschkerne, wäscht sie und reibt
sie mit Gummiwasser auf dem Marmorstein; «daraus macht man sich Stifte und hebt sie
auf» (S. 23).
' «Eine Unze Lampenruß wird in wenig Wasser gekocht, dann '/i Loth pulverisierter
Indigo und ','2 Drachme Pfcrsichkern schwarz» beigemengt; ist die Mischung halbtrockcn,
kommt noch 1 Drachme Cichorienwurz, Saft eines Feigenblattes und ein wenig arabischer
Gummi hinzu und aus diesem Teig formt man Täfelchen. 1781, S. 67.
* Günther, Praktische Anweisung zur Pastellmahlerey. Nürnberg und Leipzig 1792, S. 135.
^ Anw. zur Mahler -Kunst, 1745, S. 215.
" Ibid. S. 214 f.
' MerriHeld I, 30. Die in der Fußnote 3 von MerriHeld angegebene Übersetzung von
Lapis niger mit: or graphite ist unrichtig. Ferner p. 31.
■* MerriHeld I, 32: «co/or niger est etiam ex carbone molitoy>. — Ferner Mander = Floerkc:
Smeskool. — Kastlake Ch. L., Beiträge zur Geschichte der Ölmalerei, deutsche Übersetzung
von J. Hesse. 1907, S. 260..
Med er, Die Ilandzcichnung. 5
66
Die Federzeichnung.
Entwürfen und Studien vor.^ Um so häufiger dagegen bei den Deutschen im
15. und 16. Jahrhundert. Die Colmarer, Nürnberger, Augsburger, Regensburger
und Schweizer geben ihr eine weit größere Wertschätzung wie dem Bister und
der Gallustinte, und zwar meist in vollständiger Wirkung ihrer Schwärze. Die
dunkelgrundierten Papiere machen dies wohl leicht erklärlich, aber selbst auf
weißem Papier werden die satten schwarzen Linien zum Fertigzeichnen bevor*
zugt (Schongauer? Schule, Dürer, Holbein, Altdorfer, Wolf Huber, F. Schön,
Niclas Manuel, Urs Graf u. a.). Nebenher wird in Entwürfen die Tusche
auch in verdünntem Zustande benützt, so daß sie in einem bräunlichen Ton
erscheint (Dürer). Schon der bei Rivius vorkommende Ausdruck: Reiß*
schwartz bezeichnet diese Funktion des Entwerfens.- Das im Laufe der Zeit
vergilbende Papier verstärkt diese Wirkung; trotzdem ist eine derartige Tusche
immer noch leicht von dunklem Bister zu unterscheiden, weil im ersteren
Falle das Schwarz, im letzteren das Braun vorherrscht.
3. Bister.
OferiJ oder Kihn^Russ — Caligo, Fuligo, Caligine, Fuligine — Schornsteenroet, Roet.
Bister. Die bereits erwähnte zweite große Gruppe der Rußtinten (Bistertinten)
unterscheidet sich durch die braune Farbe und durch ihre Gewinnung aus
Kamin* und Rauchfangbelag (Abb. 51). Jehan le Begues Tabula de
vocabuhs sinonimis et equivocis colorum (1431) gibt uns wohl den frühesten
Hinweis auf diese braune Farbe (Caligo), die durch Jahrhunderte zur Bereitung
Früheste der braunen Tinte diente und die wir heute Bister nennen: Caligo est color,
Erwähnung videlicet materia illa crocea obscura, quam fumus ignis genevat sub caminatis,
8^"- sub quibus continue fit ignis decoquendo fercula.^ Eine zweite Bezeichnung, welche
er aber mit Caligo identifiziert, ist Fuligo (Rauch), von der er ungefähr das*
selbe sagt, welche jedoch zu seinen Lebzeiten eine feine Unterscheidung und
gleichzeitig auch den schwarzen Ruß bedeuten mochte.* Beide Benennun*
gen für Bister finden sich noch im 16. und 17. Jahrhundert in Italien belegt:
la caligine bei Lomazzo xxnd fuligine (filiggine) bei Baldinucci.^ Auch die
Holländer bezeichneten mit den Ausdrücken met Roet (Ruß) oder Schovm
steenroet die gleiche Herkunft des Materiales.*^ In Deutschland gilt noch
um 1756 Ofen* oder Kihn*Ruß.'
' In Aktzeichnungen von Passarotti (A., Inv. Nr. 300) und Baccio Bandinelli.
- Vitruvius^Teutsch mit Ergänzungen des Wahher Rivius, Nürnberg 1548, 235 ". An der*
selben Stelle wird er auch Kienschwartz genannt: «so zum mahlen und reissen gebraucht».
■' Merrifield I, 24.
* Ibidem I, 27: Fuligo est color niger vel quasi niger ad cvoceum tendens, et
veniens a Camino ignis, aliter dicta caligo, et est etiam fumus candele et lampadis nigervimus
recoUectus ad scutellam vel aliud vas ferreum, vel cuprum, vel tetreum.
■' Lomazzo. Giov. Paolo, Trattato dell'Arte della Pittura, Scoltura et Architettura,
Milano 1585, S. 192: la caligine che molto si usa per lavorare sopra la carte - und Baldinucci
Voc. 61 : /u/igine (filiggine) quella materia nera che lascia il fumo su ne'cammini.
'■ Hoogstraeten, Inleyding, p. 31.
' Anweisung zur Mahlcrkunst, S. 293. - Ebenso A. Böhm, «Gründliche Anleitung zur
Kriegs* Baukunst» (Leipzig und Frankfurt 1776, S. 459): Braun aus Ofenruß, als Ersatz für
Safran, in Gläsern flüssig aufbewahrt.
Die Federzeichnung. 67
Dagegen ist der heutige Terminus Bister für jene Zeiten noch völHg
unbekannt. Derselbe taucht erst im 16. Jahrhundert in Frankreich aut und
wird dann nach und nach Gemeingut.^ Im 18. Jahrhundert findet er sich in
Katalogen und Manuels reichlich belegt. 1708 wird unter den gewöhnlichen
Lavierungsfarben, wie Encre de la Chine, Indigo auch Bistre aufgezählt,-
und noch 1839 empfiehlt man ihn in der Miniaturmalerei wegen seiner trans?
parenten Wirkung und Kraft für die Karnation der Männer und alter Leute.'
Ausdrücke wie ombre avec du bistre oder il est au bistre sur papier blanc,
lave au bistre begegnen wir noch im zehnten Jahre der Republik (J. G. Wille,
Memoires I, 125; Abrege IV, 432).
Mitunter wurde der Name Bister mit Unrecht auch auf andere braune
Farbstoffe übertragen. So bezeichnete man einen Absud von Tabak gleichfalls als
Bister, der vor dem echten sogar Vorteile besitzen sollte (Watelet, Dict. I, 251).^
Alle diese Benennungen weisen auf den Kamin hin, wo der Farbstoff in Eigene
reicher Fülle aufgespeichert hängt und klebt. Der erste Versuch, den ich mit einem Versuche.
Stück Rauchfangpech — so lautet der volkstümliche Ausdruck — anstellte,
war von Erfolg begleitet. Der Vorsicht halber war derselbe einem Kamin ent*
nommen, durch den erwiesenermaßen nur Holzrauch führte. Mit Wasser
vermischt, löste sich diese dunkelbraune, pechartige und fettglänzende Masse
sehr leicht, hinterließ einen unlöslichen sandartigen Satz, der durch Filtrieren
beseitigt wurde. Ein Stück von der Größe eines Hühnereies ergab wohl einen
halben Liter braune Zeichentinte, die nicht einmal eines Gummizusatzes be*
durfte. Läßt man die gereinigte Flüssigkeit verdunsten oder einkochen, so wird
das Braun intensiver und dunkler. Auch völlig getrocknet ergibt der Bister
eine Farbe, die sich wegen ihrer leichten Lösbarkeit allezeit verwenden läßt-
Erst nach diesen Erfahrungen kam mir das bereits genannte Büchlein
«Anweisung zu der Mahler*Kunst» in die Hand, das ungefähr denselben Vor*
gang vorschreibt. «Der Ofen* oder Kihn^Ruß, welcher aus dem Schornstein
kommt, ist eine sehr nützliche Farbe in der Illuminierkunst. Von demselben
soll man den fettesten und bräunesten nehmen, und mit reinem Wasser ein
wenig aufsieden, und sachte durch ein Tüchlein seigen» (S. 293).
Die heute im Handel vorkommende, mit dem Namen Bister belegte Aquarell?
färbe wird nach Lemoine und Manoir aus dem Ruße der Rotbuche hergestellt.''
' Dictionnaire general v. Hatzfeld und Darmsteter: Bistre, Etym. origine inconnue,
XVI' siede. Noir de ßambe (!) ou bistre (bei J. le Maire). Couleur d'un brun jaunätre, qu'on
obtient avec de la suie cuite et detrempee et dont on se sert pour peindre au lavis. Und
ferner: Watelet, Dictionnaire des Arts I, 251: Le Bistre est une couleur brune et roussätre
qu'on tire le plus ordinairement de la suie (Ruß) et qu'on emploie dans la Peinture ä l'eau
et pour dessiner et laver. — Ebenso D'Argenville, Abrege de la vie des plus fameux Peintres.
Paris 1762, Tom. I, p. XXXV.
' «Bistre est une Couleur faite avec de la suije de cheminee e qui sert en Mignaturc.-»
Traite de la Peinture cn Miniature. 1708, S. 21, lis, 223.
' ConstantäViguier, op. cit. p. 41. — Siehe auch Du Fresnoy, L'Art de Peinture, hier
zitiert 5. Aufl., Paris 1783, p. 318.
* Tabakabsud noch heute in Gebrauch.
* Man pulverisiert und siebt den Kul^, wäscht ihn zuerst mit kaltem, d<\nn mit warmem
Wasser, um alle Salze zu entfernen. Das so erhaltene Pulver wird schlielMich mit etwas
5*
68 Die Federzeichnung.
Farbe Die Farbe des Bisters ist variierend, von safrangelbem Lichtbraun bis zum
und Eigen= dunklen Schwarzbraun, je nach der Rauchbildung, die wieder von dem Holz*
Schäften. Material abhängt, und je nach dem Alter der Kaminresiduen, ob es obere
oder untere Schichten sind. Selbst bei Auflösung eines einzigen Pechknollens
kann man verschiedene Schattierungen erzielen, wenn man nur die oberen
Partien flüssig macht (mehr lichtbraun) oder die innere, ganz Kohle gewor*
dene Masse mitnimmt (mehr schwarzbraun). Um Bister einen wärmeren Ton
zu geben, wurde in der Rembrandt^Schule Rötel beigemischt. P. Lastmann
bricht auf diese Weise schon um 1603 das Bisterbraun.
Kräftige Federzüge, noch mehr saftige Pinselstriche dringen derart in das
Papier, daß die Spuren davon auf der Rückseite sichtbar sind, ohne jedoch
die Papierfaser irgendwie anzugreifen (im Gegensatz zur Gallustinte). Auch
Sonnenlicht bewirkt kaum eine Änderung, wohl aber Nässe, welche die Linien
auflöst und verwässert. Ich glaube mit Recht allen zeichnenden Künstlern dieses
gute und billige Zeichenmittel, welches über hundert Jahre aus den Ateliers
verschwunden, aufs neue empfehlen zu können. Die Effekte desselben Hegen
uns in alten Handzeichnungen wie in jenen N. Poussins, Rembrandts deutlich
vor Augen, besonders wenn er mit dem Pinsel breit und saftig aufgestrichen
oder durch verschiedene Stärkegrade zur Vollwirkung gebracht wird.
Anwendung. Die Anwendung des Bisters als Farbe und Tinte begegnet uns schon in
itahenischen Buchillustrationen des 14. Jahrhunderts, bald in dem Kontur, bald in
der feinen Pinselschattierung des Hintergrundes, der Felsen und Berge, des
Bodens und brauner Gewänder. Aller Wahrscheinlichkeit nach muß er in den
Klosterwerkstätten schon Jahrhunderte früher als bekannt vorausgesetzt werden.
So wie heute noch in rußigen Bauernküchen mit offenem Herd der Bister an
Gewölben und Wänden hängt, so mag es auch in mittelalterlichen Kloster*
küchen der Fall gewesen sein. Den Malern war er, wenn es sich nicht gerade
um Kraft und Tiefe handelte, ob seiner Beständigkeit gewiß willkommener als
Tinte. Federzeichner wechseln gerne mit beiden und die Zufallsbequemlichkeit
mag hier manche Rolle gespieh haben. Aus Ralfaels florentinischen Skizzen*
buchblättern erkennen wir den Gebrauch von Tinte (Albertina, Madonna im
Büchlein lesend, Nr. 205) ^ neben Bister (Albertina, der Anbetende, Vorder*
Seite, Nr. 250).
Bister* -^"^ meisten diente er der breiten Lavierung («questa setve ai nostri
Lavierung. Artefici, per macchiar disegni d'acquerello»)J Schwarze Tinte wirkte hier roh
und gewaltsam und durch das ihr anhaftende momentane Nachdunkeln oder
spätere Bleichen war jede beabsichtigte Wirkung in Frage gestellt. Die schön*
Rembrandt. sten Bisterzeichnungen verdanken wir Rembrandt. Zeichnete er auch mit
Tinte, die sich später in ein ähnliches Braun verfärbte, so faflen seine Bister*
blätter mit Pinsel oder dicker Feder doch leicht durch das prachtvoll satte
Gummiwasser versetzt, in Formen gegossen und dann getrocknet. (R. Lemoine und Ch. du
Manoir, Les matieres premieres empl. en Peinture, Rouen 1893, p. 225.) — In der Regel
wird er heute vermischt mit anderen Farbstoffen erzeugt. Vgl. Fr. Linke, Die Malerfarben,
Mab und Bindemittel und ihre Verwendung in der Maltechnik. Esslingen 1908.
' Mit zerfressenen Stellen in den Augen.
^ Baldinucci, Voc. 61.
Die Federzeichnung. 69
Braun auf, durch das Feingriesige in der Fläche, besonders in den Schatten
und dicken Strichen, und durch das unversehrte Papier. Am besten macht
man seine Beobachtungen in jenen Rembrandtschen Zeichnungen oder auch
in jenen seiner Schüler, wo neben den Bisterlavierungen auch der breite
Tuschpinsel arbeitete. Diese Blätter mögen für den jungen Kunsthistoriker
einen sicheren Ausgangspunkt bilden. Beide Lavierungen nebeneinander setzen
für das Braun immer Bister voraus, weil Tusche neben schwarzer Tinte in
diesem Falle keinen Sinn und Zweck gehabt hätte.
4. Sepia (Seppia).
Vviewohl Sepia infolge ihres späten Eintretens in die Reihe der Zeichen* Sepia,
mittel für die Federzeichnung die allergeringste Rolle spielte, so erfreute sich
ihr Name in Beschreibungen und Katalogen — irrtümlicherweise — für jede
Art brauner Farbe einer außergewöhnlichen Beliebtheit. Mit der größten Harms
losigkeit ließ man Pisanello, Raffael, Leonardo und Rembrandt damit han?
tieren. ^
Plinius erwähnt zwar den schwarzer Tinte ähnlichen Saft der Sepia (Tinten?
fisch; hist. nat. Villi 45, 29) und lateinische Schriftsteller wie Persius (III, 13)
oder Ausonius (epist. 7) notieren eine gelegentliche Verwendung beim Schreiben, -
aber es scheint, daß man vom Anbeginn aller Zeichenkunst keinen Gebrauch
davon gemacht habe. Cennini, Baldinucci, alte Vokabularien oder das Voca*
bulario della Crusca geben keinerlei Andeutung. Der Grund hiezu lag in der
Natur des rasch vertrocknenden, daher schwer im flüssigen Zustand auf*
zubewahrenden Stoffes. Eignete er sich auch, frisch aus dem Tintenbeutel
gepreßt und verdünnt, zum Schreiben, so blieb der Strich blaß und kraftlos.
Etwaige satte oder dunklere Stellen, wenn substantiell dicker aufgetragen, pul*
verten wieder ab. ^
Eine richtige Ausnützung der Sepia ergab nur die eingetrocknete, stark Versuche,
glänzende Masse. In Wasser und Weingeist schwer löslich, kann sie nur durch
sorgfältiges Zerreiben in einer Apothekerschale mit ^'asser wieder gebrauchst
fähig gemacht werden, wobei sich ein Zusatz von Gummi empfiehlt, um das
Abpulvern zu verhindern (Abb. 51). Die mit einer solchen Flüssigkeit an?
gestellten Schreib? und Lavierungsversuche ergaben einen tuschähnlichen Ton,
der gut haftete, in das Papier drang und beim Trockenwerden ins Bräunliche ging.'*
Nach Hebenstreit (Encyklopädie der Ästhetik) soll Professor Jac. Crescent.
Seydelmann aus Dresden (1750—1829) die Sepiafarbe erfunden haben; er
' Wenn es z. B. in einer Beschreibung einer Claude GelleesZeichnung (Oxford Draw.
III, 35) heilk: mit Sepia, so spricht schon das Zeitlich: Unmögliche dagegen. Alte
Kataloge lassen bei braunen Federzeichnungen die grölHe Willkür gelten. Wir lesen z. B.
in einem Zug: Vinckeboons, Feder, Bister; De Vlieger, Kreide, Sepia. Besonders häufig
gelten Rcmbrandts Skizzen als Sepiazeichnungen.
« Wattenbach. S. 233 und 235.
' «Querifur, nigra quod infusä vanescat sepia /ymp/i.1» (Perseus Satir. III, 13).
* Sämtliche hier angegebenen Beobachtungen beruhen auf eigenen Versuchen, welche
ich mit dem Irischen Safte einer von Dr. Karl v. Frisch aus der Stazione zoologica in
Neapel freundlichst besorgten Sepia anstellen konnte.
70 Die Federzeichnung.
Seydel- fügt aber dieser auch für ihn unsicheren Nachricht folgendes hinzu: «Wir müssen
manns hier wohl sagen, er habe eine Mischung in Verwendung gebracht, indem er
hrhndung. ^Jm-ch Versuche während seines Aufenthaltes in Rom 1778 den braunen Saft
der Sepia mit Bister verband, eine Zeichenart, die sich besonders zur
Darstellung von Landschaften und düsteren Naturszenen eignete.»^ Dies
bestätigt auch Wilhelm von Kügelgen, der Seidelmann (sie) persönlich als einen
Freund und Besucher seines Vaterhauses kannte und ihn direkt den bekannten
Sepiazeichner und Erfinder dieser Manier nennt. ^ Und ebenso sicher
ist es, daß vor dieser Zeit in den im 18. Jahrhundert vorkommenden Farben«
Verzeichnissen Sepia nicht genannt wird."' Noch in dem 1791 gedruckten
Artikel der Encyclopedie methodique über Lavis werden als Lavierungsfarben
nur Bister und Tusche genannt.*
Welcher Art Seydelmanns Mischung war, ist bis heute nicht bekannt geworden.
Ob etwa eine chemische Verarbeitung mittels Atzkalilauge, wie sie seit dem
vorigen Jahrhundert und noch heute in Italien stattfindet, oder mit Bister, wie
Hebenstreit berichtet, oder mit anderen Farbmitteln, können wir nicht sagen.
Seydelmanns fein ausgeführte Pinselzeichnungen nach alten Meistern, die sich
seinerzeit großer Nachfrage erfreuten und bis zu 25 Dukaten per Stück bezahlt
wurden, weisen ein warmes, kräftig leuchtendes Gelbbraun auf, welches mehr
an Bisterfarbe als an den Sepiaton erinnert.
Daß man die mit so viel Beifall aufgenommene Sepiatechnik nachzuahmen
und damit auch die Zusammensetzung zu ergründen suchte, lehrt uns eine
Stelle aus Goethes Italienischer Reise, darin er seine eigenen Versuche mit Sepia*
Nachs saft in Venedig erwähnt.^ Tatsächlich traten auch bald eine Menge Nachahmer
ahmer. mit Imperialfolio großen Landschaften auf. Man nannte das Verfahren Sepia*
manier, Du Lavis ä la Sepia oder kurz Sepia.'' Eine Erweiterung dieser
* Encyklopädie der Ästhetik, Wien 1843, p. 709. — Mit Rücksicht auf die geringe und
wenig bekannte Literatur über Sepia führe ich aus der Abhandlung Langlois de Longue;
ville über Sepia folgende ausführliche Beschreibung der Zubereitung an: «Um die in
der Blase enthaltene Farbe zuzubereiten, öffnet man eine grolk Anzahl dieser Blasen und
tut die trockene Farbe (die Blasen wurden sofort nach der Gewinnung getrocknet und so
in den Handel gebracht) in ein glasiertes Gefäß mit reinem kochenden Wasser. Man lälk
die Farbe recht auflösen, rührt sie öfter um und stellt sie dann beiseite. Man schlemmt
die Lösung zu vier verschiedenen Malen und der übrigbleibende Bodensatz dient zu den
feinen Farbtäfelchen. Der Überfluß wird als Farbe zweiter Qualität gebraucht. Wenn
der Bodensatz in den verschiedenen Gefäßen trocken ist, so reibt man jeden besonders
auf einem Porphyr, indem man arabischen Gummi und etwas Candiszucker hinzugibt,
und bringt die Farbe mit einem Elfenbein^ oder Hornmesser in die Formen, um Täfelchen
daraus zu machen. Einige Fabrikanten mischen Bister oder Casseler Erde oder Krapplack
hinein. Die reinste ist aber die beste.» (Du lavis ä la Sepia in Constant^Viguier, op. cit.
p. 305.) Später erst entwickelte sich die Gewinnung mit Ätzkalilauge.
* Kügelgen, Jugenderinnerungen eines alten Mannes, Berlin 1883, 11. Aufl., S. 115.
^ Gautier, op. cit., S. 32, 34, kennt als braune Farbe nur Umbra.
* Encycl. meth. Beaux*arts, Paris 1788-1791, II, 673.
'^ Goethe, Italienische Reise 1786: «Ich möchte von der Feuchtigkeit des Tintenfisches,
die hier so häuflg wegfliclk, etwas eintrocknen.»
■■'Zunächst Mdm. Apollonia Seydelmann (Köpfe aus der Sixtina), A. F. Oeser
Ph. Hackert, aus der Umgebung Neapels 1782, Biermann, Landschaften, Janscha,
Nachtigall, Aug. Nahl, römische Landschaft, W. F. Gmelin, italienische Ansichten
Die Federzeichnung. 71
Technik fand durch zarte Kolorierung der Figuren oder wenigstens der Gesichter
und Hände statt (Hans Veit, Schnorr von Carolsfeld, Schaufuß).
Im Beginne des 19. Jahrhunderts ist die Sepialavierung ein Modezeichnen
geworden, auf welches sich besonders schwache Künstler und die große Schar
der Liebhaber warfen. «Fleißig in Sepie» lobten die beschreibenden Kataloge.
Man wählte sich verschiedenfarbige Papiere und hatte seine Freude an selbst*
gefundenen Effekten. Zu dieser Zeit war die Fabrikation der Sepiafarbe in
Form von vierkantigen Klötzchen bereits allgemein verbreitet; und da die Blasen
der Tintenfische nicht mehr den Bedarf deckten, mischte man außer Bister
sehr viel Casseler Erde oder Krapplack bei. Und wie man es mit der Mischung
nicht genau nahm, so nannte man auch alle in Braun, selbst in Tusche oder
Neutraltinte ^ ausgeführten Landschaften Sepiamanier.
5. Andere braune und farbige Tinten.
IN eben Tinte, Bister und Sepia wurden noch andere braune Farben wie Umbra,
Umbra, gebrannte grüne Erde, dunkler Ocker u. a. m. verwendet. Schon Ocker.
die verschiedenen, oft merkwürdigen Nuancen, entweder ins Rötliche oder
Lichtgelbliche schlagend, verraten die Benützung solcher Farbstoffe. Vermischungen
verschiedener bräunlicher Farben mit Gelb oder Rot spielen überhaupt eine große
Rolle. Hoogstraeten empfiehlt in seiner Inleyding, sogar Tinte mit Rötel oder
Bister zu versetzen, um emen wärmeren Ton zu erzielen.- Zufälligkeiten, persön*
lieber Geschmack, die jeweilige Ökonomie der Werkstatt mögen oft eine Rolle
gespielt haben, die herauszufinden wir nicht mehr in der Lage sind.
Im 16. und 17. Jahrhundert begegnen uns bei deutschen Künstlern ab
und zu in Entwürfen, häufiger in dekorativen Zeichnungen wie Wandarchi*
tekturen, Wappenzeichnungen, Exlibris, Stammbuchillustrationen etc. bunt* Buntfarbige
farbige Tinten, wie violette, rote (Zinnober oder Rötel), blaue (Indigo, bleu Tinten.
d'Inde), grüne und gelbe, entweder in einfacher Anwendung oder in bunter
Abwechslung, So bevorzugt Dürer blaue oder violette Tinten (L. 182, 32);
nur im Gebetbuche Kaiser Maximilians treten gleich mehrere Farben neben*
einander auf: Grün, Violett, Rot. Der Entwurf zu dem Alierheiligenbilde zeigt
braune Architekturen und eine in Blau skizzierte Darstellung des Bildes (L. 334).
In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts steigerte sich der Brauch. Ein
fröhlicher Federzeichner dieser Art war Virgil Solis, welcher in einer Kompo*
sition gleich 3 — 4 anwandte. (Beispiele vom Jahre 1560 und 1562 in Berlin
und Nürnberg.) Ebenso sein Nachahmer, der Monogrammisl A. M. vom Jahre
1561-1562 (Erlangen 8 Blatt).
von 1787 und 1788, K. D. Friedrich, Samuel Stamm (Dresden), von Franzosen:
Chaise.
' Neutraltinte wurde aus Berlinerblau, Krapplack und chinesischer Tusche zusammen»
gemischt; die drei Grundfarben Blau, Karminrot und Schwarz ergaben einen warmen grau»
violetten Ton.
* Hoogstraeten, op. cit. p. 31: «met inkt. die een iveinkh met gestooten oj qeschr.Tpt root
krijt, oj schoornsteentoet gebrooken is».
Metallstiftzeichnungen.
Die zeichentechnische Anwendung der Metallstifte ist heute wie so
manche alte Kunsttradition zu einer Art Geheimnis geworden. Jahrhunderte
hindurch treue Werkstattbehelfe, von erster Künstlerhand zum Ruhme geführt,
erlosch ihre Betätigung in dem Momente, als bequemere Zeichenmittel auf'
tauchten. Wir waren, ob Theoretiker oder Praktiker, kaum über das Not=
wendigste dieser in volle Vergessenheit geratenen vornehmen Technik unter*
richtet.^ Fachlexika und Kunstbücher gaben nur dürftige Auskunft und die
alten, Aufschluß gewährenden Quellen blieben gerade jenen verschlossen, welche
berufen waren, diese interessante Zeichenweise wieder einzuführen.
Das Wort Stile, Metallstift, erfährt erst durch die Hinzufügung von d'ar*
gento, di piombo, d'ottone usw. seine nähere Bestimmung und es ist daher
nicht ausgemacht, daß es gerade das gebräuchlichste Instrument, den Silberstift,
zu bezeichnen habe. Wenn Boccaccio im Decamerone (6. Giorno, Nov. 5) von
Giotto begeistert spricht, daß es keine Sache in der Natur gab, die er nicht
mit Stift (con lo stile), Feder oder Pinsel nachgezeichnet hätte, so wäre es
schwer, hier die richtige Deutung zu finden. Indes ergibt bisweilen der Zweck
eine Klarstellung; so berichtet Armenino, daß das Zeichnen auf der grundierten
Leinwand außer mit Kohle oder Lapis auch mit dem Stile, d. i. hier mit dem
Bleigriffel, geschah.^ Zwischen Silberstift und Bleigriffel läuft die Bedeutung
hin und her, wenngleich einzelne Originalzeichnungen und alte Berichte den
deutlichen Beweis ergeben, daß auch Gold, Messing und Kupfer in Verwen=
düng standen.
Bleigriffel (Piombino).
Con istil di piombo,^ con lo stile del piombo,* piombo" — Plomo sutil - Bley,
Bleystefft - Potloot - Mine de plomb, Stile de plomb oder kurz Plomb*' - Leadpencel.
Griffel von Metall waren schon den Römern bekannt. Es lag in der Natur
der Sache, daß man zum Zwecke größerer Haltbarkeit oder aus Neigung zum
' Ernst Berger, Beiträge zur Entwicklungsgeschichte der Malerei, 3. Folge, Quellen
und Technik, München 1897, S. 99, 197. - Lippmann, Text zu den Berliner Handzeich=
nungen. — Rosenberg, Einleitung zu dem Skizzenbuch des H. Baidung, 1882.
'■' Armenino, p. 133.
' Cennini, K. 11.
* Cennini, K. 12.
•' Armenino, p. 102.
• Ms. Mayerne (Berger, Beitr., 4. F., S. 154, 177).
Abb. 27. RaHael, Madonna. Bleigriffelentwurf für Feder. Albertina.
Metallstiftzeichnungen. 73
Luxus neben Holz, Elfenbein, Bein auch Metalle wie Silber, Gold, Bronze
verwendete (Abb. 33). Wiewohl man dieselben nur für Wachstafeln gebrauchte,
so wurde man gewiß früh zu der Beobachtung geführt, daß sie sich auf rauhen
Unterlagen sichtbar abreiben {Alia multa graphidis vestigia exstant in tabulis ac
membranis ejus, ex qiübus proßcere dicuntur arfißces, Plinius, 1. 35, 10).
Vermittelnd mochte das Blei gewirkt haben, welches auch ohne besondere Stilus
Vorbereitung fast auf jeder Fläche Schreibspuren hinterläßt. Als bequemes plumbeus.
Liniermittel auf Pergament stand es bereits zu Catulls Zeiten im Gebrauche
und mochte auch noch andere provisorische Schreibdienste geleistet haben.'
Dies weiche, leicht zugängliche Material von der Qualität des Fensterbleies, ^
dessen Striche sich mit Brotkrumen wieder entfernen ließen, scheint ohne Unter?
brechung von den Klöstern übernommen worden zu sein, denn wir finden es
hier in Schreib* und Malstuben, beim Unterricht und in der Wirtschaft früh
nachgewiesen. Unvollendete und vollendete Miniaturen lassen noch Bleigriffel*
spuren erkennen,'^ die Randglossen in den Codices werden damit vorge«
schrieben, um sie nachher mit Tinte auszuziehen.^ Die Hörer der Pariser
Universität halten nach dem Berichte des Engländers Daniel von Merlai Blei?
griffel in den Händen, stylos plumbeos, mit denen sie asteriscos et obelos
in ihre Bücher zeichnen.^ Klosterknaben, Kellermeister, Haushofmeister hatten
ihre kleinen Holztäfelchen, die zum Schreiben mit Bleigriffel eingerichtet waren. Schreibe
Diese albae iabulae pergamenae, die in einem der nächsten Kapitel des t^telchen.
nähern besprochen werden sollen, wurden zum bleibenden Ersatz der alten
Wachstafeln. Man hing sie an die Wand oder trug sie an einem Gehänge mit
sich herum. Wiewohl beide, Bleystefift und Täfelchen, zum allgemeinen und
notwendigsten Schreibrequisit geworden, so datieren unsere Quellen für den
Klostergebrauch doch erst aus ziemlich später Zeit; kaum daß wir erfahren,
daß 1501 ein P. Kellermeister solche «weyße schreibtäfel» für 8 Kreuzer
kaufte.^ Mathesius, der die Verwendung derselben allerdings nur nach der
Überlieferung kannte, aber sich im allgemeinen sehr informiert zeigt, unter*
scheidet Bleigriffeltäfelchen und Silberstifttäfelchen. Die ersteren waren
mit gefirnistem Pergament, die letzteren mit einer weilkn Grundierung überzogen.'
Dafür begegnen sie uns in der Kunst um so häufiger und weit früher, Das
immer im Zusammenhange mit der Schulung der Lehrknaben. Das Formen* Tatclchens
zeichnen.
* plumbeo derigere — linieren (Chartae regiae). Rubra membiana dereda plumbo et pumice
omnia aequata, Catull. 22, 7 sequ. — VC'attenbach, 216.
^ Ms. Mayerne (Berger, Beitr., 4. F., S. 177).
^ Die Vorzeichnungen sind besonders in den Randornamenten zu erkennen, wo die
ausziehende Feder sich nicht immer an die \'orzeichnung hielt, sondern dieselbe gewisser--
maßen korrigierte.
* Wattenbach, op. cit. 232.
•' Ibidem.
•"' Rockinger, Zum baierischen Schriftwesen im Mittelalter (Abh. d. k. bayr. Akad. d.
Wissensch. 111. Kl. XII. 1 und 2; Archival. Zeitschr. I. S. 246-275 und IV. S. 293-30\
Schreibstoffe und Tinte). — Wattenbach. 94.
" Mathesius. Bergpostille, S. 145' (wie man hernach mit silbern steftten auft die
hültzern weysscn plancketen oder tefelein, oder mit bleycnen auff die getirnisten pcrga^
menenen ... zu schreiben pfleget). — Ferner Ms. Mayerne, S. 1551.
74 Metallstiftzeichnungen.
zeichnen dieser unkundigen Jungen mit der Feder auf Pergament wäre zu kost*
spielig gewesen, da half der Bleigriffel aus. Cennini widmet in seinem Traktat
ein ganzes Kapitel dem Täfeichenzeichnen, das für seine Zeit den Anfang des
Malunterrichtes bildete (K. 5). Ebenso schreibt ein Kodex in Montpellier
dem angehenden Maler vor, daß er in tabula lignea incretata cum graßo era=
minis (aeraminis = Kupfer) zu zeichnen beginne.^ Daß Meister der gotischen
Entwerfen und folgenden Periode mit dem Bleigriffel auf Pergament und Papier arbeiteten,
"^'^ d. h. vorzeichneten, bevor sie mit Feder und Pinsel alles ausfertigten, sehen
BleigriHel. ^^j^. ^^ Spuren neben den Federzügen fertiger Zeichnungen oder in stecken*
gebliebenen Entwürfen (Abb. 27).^ Von Pacheco (1649) wird er besonders
für die Pergamentmalerei empfohlen.-^
In der Der Bleigriffel hatte auch kunstgewerblichen Aufgaben zu dienen, so in der
Gl3s= Glasmalerei beim Entwerfen auf gekreideten Vorlagebrettern. Theophilus be*
m.^lerei. j.j^j^^g^ jj^ seinem Traktat aus dem 12. Jahrhundert in dem Kapitel über fier-
Stellung • farbiger Glasfenster, daf^ man mit Blei oder Zinn auf den mit
weißer Kreide grundierten fenstergroßen fiolztafeln zuerst die Bilder ent*
werfen und sie dann mit roter oder schwarzer Farbe ausziehen müsse.* Es
ist daher von größter Wahrscheinlichkeit, daß auch die Kompositionen für
Tafelbilder in gleicher Weise mit Bleigriffel vorgezeichnet wurden. Kohle und
Kreide waren des Abfärbens halber für die reinliche Temperamalerei weniger
geeignet.
Zinngriffel. Bei Theophilus begegnen wir, meines Wissens zum ersten Male, der Er*
wähnung von Zinn neben dem Blei. Zinn, härter als Blei, reibt sich nicht
so leicht zu scharfen Kanten ab, die auf der Unterlage kratzen und reißen,
hinterläßt aber beim Zeichnen weniger schwarze Spuren als Blei. Man kam
deshalb in richtiger Erkenntnis dieser Eigenschaften bald auf eine Legierung
beider Metalle, um einen brauchbaren Griffel zu erzielen. Cennini kennt
Der bereits diese Verbesserung und berichtet auch das Mischungsverhältnis: «Noch
legierte kannst du mit einem Bleigriffel zeichnen, einem Griffel, der aus zwei
Teilen Blei und einem Teil wohlgehämmerten Zinnes besteht. »^^
Die von mir nach diesem Verhältnis angefertigten Griffel und die damit auf
verschiedenen grundierten und ungrundierten Papieren angestellten Versuche
haben ergeben, daß die Legierung in bezug auf Glätte und Gleichmäßigkeit
des Striches sowohl das Blei als das Zinn übertrifft (Abb. 51). Wir müssen
wohl annehmen, daf^ dieser legierte Bleigriffel, den wir der Kürze halber
von nun an nur Bleigriffel nennen wollen, seit jener Zeit bei Künstlern und
Handwerkern das beliebteste Requisit zunächst für das Zeichnen auf Pergament
' Catal. des Depart. I, 741. - Wattenbach, 232, Anmerkung 1. - Baldinucci, Voc. 158. -
* A. P. 495.
^ Pacheco, Franc, L'Arte de la Pintura, 1649, S. 357: El debuxar o serä con carbon,
lapiz o pluma, pero mejor serä con un plomo sutil.
* Theophilus Presbyter, Schedula diversarum artium, Bd. I, Lib. II, K. XVII: per*
trahe imai^ina, quot volueris in primis plumbo vel stai^no, sicque riibeo colore sive nigro . . .
(Quellenschriften f. Kunstgesch. Vll).
Cennini, K. 11. Die Benennung: Stile di piombo oder del piombo wurde dabei nicht
geändert.
Metallstiftzeichnungen.
75
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bildete. Eine andere Legierung wird im Mayerne Ms. um 1620 überliefert:
Blei mit Wismut.^
Als sich der Gebrauch des Papieres in Italien einbürgerte und dasselbe am
Ende des 13. Jahrhunderts außer Notaren, Sekretären und Schreibern auch
Künstlern diente, fand man für diese weiche, anfänglich nicht stark geleimte
Unterlage in dem Bleigriffel — neben der Kohle — ein brauchbares Werk*
zeug. Daß dabei auch die alte Tradition der Pergamentrauhung mittels Bims*
stein oder Sandrak, Knochenpulver oder einfacher Kreideschicht nach Bedarf
oder persönlicher Erfahrung
beobachtet wurde, darf nicht
wundernehmen. Übergangs*
Zeiten bewegen sich immer
im lebendigen Wechsel vom
Alten und Neuen. «Auf
Wollenpapier kannst du mit
genanntem Bleigriffel ohne
Knochengrundierung oder
mit solcher zeichnen», sagt
Cennini, und scheint damit
anzudeuten, daß er noch
den Übergang erlebt habe;
denn für Pergament war die
Rauhung schon durch den
an der Oberfläche sitzen*
gebliebenen Bimssteinstaub
(nach dem Abschleifen bei*
der Seiten) gegeben oder
direkt noch vorgeschrieben
(K. 10 und 12).
Selbständige und mehr
ausgeführte Bleigriffelzeich*
nungen auf weißem Pa*
pier dürfte es kaum gegeben
haben. Bei der strengen Vor*
Schrift, immer in rilievo zu zeichnen, war es einfach unmöglich, mit den gerin*
gen Schattentiefen dieses Metalles plastische Wirkung zu erzielen. Nichtsdesto*
weniger bestehen auch hier, wiewohl aus späterer Zeit, Vorschriften, das Papier
mit Knochenpulver von Fußknochen vom Rind, Schaf oder Schwein mittels
eines Lappens einzureiben. Bei kurzem Verfahren genügte Kreidepulver.'^
Anders gestaltete sich seine Verwendung auf naßgrundierten Papieren.
Hier mochte er bisweilen die anderen Metallstifte (Silber* und Messingstifte)
vertreten haben. Finden wir hicfür auch nur wenig Zeugnisse, so weist das
Skizzenbuch des Jacopo Bellini (London) doch darauf hin. So manche
* Ms. Mayerne (Berger, Beitr., 4. F., S. 177). In Krünitz Kncyclop., Bd. 174. S. 155,
werden sie Rosensche Stifte genannt.
- Ms. Mayerne (Berger, S. 177).
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Abb. 28. Rnttael. Kreidestudie mit Griftelspuren.
Auf un=
grundierten
Papieren.
Trockenes
Präparieren.
Auf grun.-
dierten
Papieren.
76
Metallstiftzeichnungen.
positions
Behelf.
Griffel,
spuren.
Folien zeigen uns ausgesprochene BleigriflFelzeichnnngen. Michiele (Anonimo
Morelliani). der das genannte Buch als in der Casa di Maestro Gabriel Ven#
dramini befindlich erwähnt (1530), nannte den Bleigriffel als das hervorragendste
Zeichenmittel desselben (disegno de stile de piomho)} Ein charakteristisches
Beispiel bietet ein in der Ausführung steckengebhebener Madonnenentwurf
Als Kom= Raffaels (Abb. 27). Zu dieser Zeit diente der Bleigriffel beim Entwürfe von
Kompositionen für jede Art der Ausführung, in erster Linie für Feder und
Pinsel, später selbst für Kreide und Rötel, meist auf weißem oder leicht ge?
röteltem Papier. Baldinucci, der in dem Artikel «Stile» im allgemeinen nur
Cennini folgt, sagt, wenn auch bereits retrospektiv, ausdrücklich: serve per
tirar linee a chi vuol disegnar con penna}
Rätselhaft erschienen in Zeichnungen jene tiefen Furchen, die aus den
Kreide? und Rötelflächen weiß herausspringen und lange keinen genügenden
Erklärungsgrund fanden. Auch diese rühren von dem tiefgehenden Bleigriffel
her und bedeuten getilgte Pentimentlinien , über welche die breiten Kreide?
und Rötelstifte hinwegglitten, ohne die Vertiefungen auszufüllen (Abb. 28).''
Sie treten besonders bei weichen, wolligen Papieren hervor.
Daß der Bleigriffel bei farbigen und grobfilzigen Naturpapieren (bräunlichen
oder blauen) nicht im Gebrauche stand, weil die Striche im Tone verschwanden,
liegt auf der Hand; hier mußten Kohle oder Kreide Ersatz leisten. Ab und
zu läßt er sich auch in Quadrierungslinien erkennen (P. Veronese, Anbetung der
Könige, Albertina). ^ Ein unentbehrlicher Behelf war er für die Architektur*
Zeichner.'' In dem Momente, als die wuchtige barocke Zeichenweise die Ateliers
beherrschte, die im großen Maßstabe, in kühnen Primavista* Strichen ihre Studien
hinsetzte, war der Bleigriffel völlig überflüssig geworden. Nur der Feder*
Zeichnung auf weißen Papieren diente er neben der Kohle noch weiterhin, bis
ihn der Graphitstift vollständig ablöste. Derselbe scheint sich bereits 1599,
wie Imperato ausführlich berichtet, einer gewissen Beliebtheit erfreut zu haben und
bildete einen willkommenen, leicht löschbaren Ersatz. (Siehe Kap. Graphitstift.)
Wiewohl in Deutschland, nach den vorhandenen Federzeichnungen zu
schließen, mehr die leicht tilgbare Kohle im Ansehen stand, wissen wir aus
der Literatur, daf^ man sich auch des Bleigriffels zum Entwerfen bediente.
«Alle werden Blindlinien oder Strich genennt, welche man mitt linden kolen
oder blei verzeichnet», schreibt Rodler noch 1531.'' Wiewohl der Ausdruck
Übergang.
Deutsch;
land.
' Der Anonimo Moreliiano, herausgegeben von Frimmel (Quellenschr. f. Kg., N. F. 1.,
S. 108). — Dagegen heißt es in dem alten Inhaltsverzeichnis zu demselben Skizzenbuche bei
Nr. 78: molti leoni, disegna di stilo darzento. Beide Angaben entsprechen auch dem tech.
nischen Befunde (Alinaris Ausgabe des Louvre« Skizzenbuches, fol" 108).
* Baldinucci, Voc. 158.
' Aus Fische), Raffaels Zeichnungen (Berlin, Grote) I, 34: Jugendliche Heilige, Aus?
schnitt. London, Brit. Museum. — Die gleiche Erscheinung bei Raffael, Madonna auf der
Erde sitzend. A , A. F. 264; oder bei Viti, Die sogenannte Schwester Raffaels, oder bei
Pontormo, Uff. Nr. 6754.
* Armcnino 102.
■' Skizzenbuch des Ant. und Franc. S. Gallo (Uff.),
kodier, Underweisung, Simeren 1531, K. 4. — Fbenso Ferspectiva, hsg. von Cyriacus
Jacob. Frankfurt a. M. 1546, A4.
Metallstiftzeichnungen.
77
«Bleystefft» sich für das 16. Jahrhundert nicht belegen ließ, so müssen wir ihn
nach Analogie von Silberstefft doch voraussetzen. Die gewöhnliohe Bezeichnung
ist «Reiszbley», womit die Hauptfunktion, das Entwerfen, ausgedrückt werden
soll. Neben Blei wird
auch Zinn (Zyn) ge#
nannt, und zwar zum
«schatirn» auf grün*
dierten Papieren («auf
verbeinten papier»).*
Aus der Dürerschen
Darstellung eines Zir*
kels mit eingestecktem
Griffel möchte ich einen
«Bleystefft» herauslesen
(Abb. 29 a). 2 Seiner
Form nach könnte man
zwar an einen jener
Silberstifte denken, weis
che sich in ähnlicher
schlanker Gestalt erhal?
ten haben, aber diese
dürften kaum zu geo*
metrischem oder kon*
struktivem Zeichnen
verwendet worden sein.
Denn Zirkel und Rieht*
scheit arbeiteten im all*
gemeinen auf unprä*
pariertem Papier.
Wie in Italien sind
auch in Deutschland
selbständige Zinn * Blei*
griffelzeichnungen sei*
ten; kaum daf^ man Be*
lege konstatieren kann
und auch diese versa*
gen uns die volle Si*
cherheit. Dazu möchte
ich jene fein ausge*
führten Studien Dürers aus den Jahren 1523—1526 auf grün grundiertem Papier
rechnen, die bald als Kreide, bald als Silberstift gedeutet wurden (Abb. 146, 147).-'
Zirkeh
griffel.
Selbständige
Zeichnung
gen.
Abb. 29 a. Zirkel mit BlcigriHel (Dürer).
b. Silberstift aus Jan Mabuse.
c. Silberstift des Hans Baidung.
d. Silberstift des Hans Kranach.
' Rivius, Vitruv.sTcutsch, fol" X'': wie auch verbeinte papier, solches alles mag man
mit pley oder zyn erhöhen oder schatirn.
- Dürer, Dresdener Skizzenbuch, hsg. von Brück, Taf. 134.
•■' L. 153, 171, 282, 325, 327, 328, 365, 381, 383, 447, 582, 583; durchwegs Studien zu de
Kreuzigungsbilde.
m
7S
Metallstiftzeichnungen.
Niederlande.
18. Jahr,
hundert.
Allein der Glanz, die schwarzgraue Farbe sowie die Breite des Striches lassen
am ehesten Bleigriffel annehmen. Jeder Künstler konnte sich denselben in
beliebiger Dicke anfertigen und damit eine der Kreide ähnliche Strichwirkung
erzielen. Ebenso sehe ich in einer Erlanger Kopistenzeichnung, die Jungfrau
mit dem Kinde und Elisabeth (I. A. 12), eine selbständige Bleigriffelzeichnung
aut weißgrundiertem Papier.
Bei den Niederländern läßt sich ungefähr derselbe Entwicklungsgang wie
bei den Deutschen feststellen: Silberstift bei vollendeten Zeichnungen, Blei*
griffel neben der Kohle bei Entwürfen, dann die Ablösung durch Kreide, Rötel
und Graphit. Nur in einzelnen Fällen und bei einzelnen Meistern lassen sich
reine Bleigriftelzeichnungen konstatieren. Es seien zunächst jene auf Perga*
ment in feinster Weise ausgeführten Kompositionen oder auch Porträtköpfchen
erwähnt, welche aus dem 17. Jahrhundert erhalten sind. Hoogstraeten be#
schreibt diese Feintechnik in seiner Anleitung: «Aber die saubere und nette
Kleinigkeiten bevorzugen, die laßt auf schneeweißem Pergament entweder mit
Potloot oder ande?
ren feinen Stiften
Artigkeiten ausfuhr
ren »^ Ob er hier
ausschließlich an den
Bleigriffel oder mehr
an den zu seiner
Zeit bereits üblichen
Graphitstift dachte,
Abb. 30. Bleigriffel um 1830. läßt sich bei der für
beide gleichlautenden
Bezeichnung schwer entscheiden. Tatsache ist es, daß gerade derartige «nette
kleynicheden» noch von Gillis van Neyts auf leicht überzogenem Perga*
ment (A.), von D. M. Limborch 1648, Mieris u. a. mit dem Bleigriffel gemacht
wurden.
In Frankreich galt die Benennung Mine de plomb, die gleich jener in
Deutschland und den Niederlanden auf den nachfolgenden Graphit übertragen
wurde.
Im 18. Jahrhundert, als man in Frankreich in Nachahmung des Elfen*
beins eine Art Tonpapier fabrizierte, kamen der Bleigriffel wie auch andere
Metallstifte bei Miniaturzeichnern wieder zu Ehren. Man freute sich an feinen
Ausführungen und schuf jene subtilen Profilköpfchen mit leichtbrauner oder
gar farbiger Lavierung oder mit Rötelaufputz (Chodowiecky 1787, Hornemann,
E. F. Leybold, Anton Graff). Vorübergehend pflegte man diese Manier in
aristokratischen Kreisen (Marie Christine, Gemahlin des Albert von Sachsen*
Tcschen [1759], Isabella, Erzherzogin von Österreich f 1763). Gerade aus jener
Zeit lassen sich noch manche Exemplare von Bleigriffeln in Notizbüchern auf*
finden. Noch bis in die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts erzeugte man
' '</Jie tot zuivere en nette kleynicheden geneegen zijn, laet haev vry oft spierwit Perkamentof
met Potloot of andere fijne pennekens aerdicheden u/Yvoeren.» Hoogstraeten, Inleyding, S. 32.
Metallstiftzeichnungen. 79
Holz* oder Beinstiele, an welchen sich eine Bleispitze befand. So mancher
der Leser wird sich noch an dieses heute unbrauchbare Schreibrequisit erinnern
können (Abb. 30). ^
Um 1822 rühmt sich Th. Gill im Technical Repository (Mai 1822, p. 350)
der Erfindung eines Samtpapieres, auf welchem mit metallischen Bleistiften
leicht und deutlich geschrieben werden könne. Im Grunde bringt er nichts
Neues, er wärmt nur das schon Cennini bekannte Verfahren mit Hirschhorn*
pulver auf, das mit einem WoUappen in Zeichenpapier gut eingerieben wird.-
Die Konstatierung, ob Bleigriffel oder Graphit, ist meist nicht einfach. Indes Blei,
wird schon die chronologische Bestimmung die Mehrzahl der Zeichnungen Graphit,
dem ersteren zusprechen, selbst in der Zeit des Überganges, weil der damals ^üherstift.
noch wenig gehärtete Graphit zu sehr dem Verwischen ausgesetzt war. Blei*
griffet und Graphitlinien erscheinen meist bläulichschwarz oder grauschwarz.
Auch das geübte Auge findet wenig Unterschied, es sei denn, daß das Blei
in einzelnen dicken Strichen herausflimmernde Metallpartikelchen abgesetzt hat.
Eine chemische Untersuchung gibt hier allein die Entscheidung; ein Tröpfchen
verdünnter Salzsäure oder Essigsäure zerstört die Bleisubstanz, so daß die Linie
an der untersuchten Stelle unterbrochen erscheint, während Graphit und Kohle
nicht angegriffen werden.-^ Zum Schlüsse möge nochmals betont werden, daß
der Bleigriffel auf jedem unpräparierten Papier Spuren hinterläßt und damit
seine Verwendbarkeit für Entwürfe erweist, im Gegensatz zum Silberstift, der
der Grundierung nicht entbehren kann. Gerade diese Klarlegung möge in der
Behandlung des folgenden Kapitels festgehalten werden.
Silberstift und andere Metallstifte.
Stile d'argento, Stile — Stefft, Gestefft, Stefzlin, Griftlein — Silvere stift — Pointe
d'argent, Aiguille d'argent, Mine d'argent, crayon d'argent — Silverpoint.
Uer Existenzwert der Silberstiftzeichnungen erscheint uns heute mehr als je Wert=
in einem besonderen Lichte. Die sorgfältige Zubereitung der Papiergrundierungen, Schätzung,
die farbige Stimmung fein gebrochener Töne in Lila, Rosa, Grün und Blau, die
fast mit Andacht geführten Linien in patinierendem Metallschimmer heben sie
weit über das Konventionelle hinaus. Viele von ihnen beanspruchen mit Recht
die Würdigung alter Kunstwerke und bilden in der Entwicklung alter Zeichen*
kunst einen historischen Glanzpunkt. Wenn St. Lukas die Madonna zeichnet,
so kann dies nur in Silberstift sein.
' Aus dem Besitze der Erzherzogin Mathilde (f 1867), Tochter des Erzherzogs Albrccht;
Höhe 9 cm.
- Was die Bleistifte für Schreib« und Notizbüchlcin betrittt, so schätzt er sich glücke
lieh, zu leichtHüssigen Metallen gegriffen zu haben, die er selbst sich zu kleinen Stittchen
gieße. Dingler, Polytechnisches Journal, 1822. Bd. VIII. S. 367 (nach freundlicher Mitteilung
des Herrn F. M. Feldhaus, Berlin = Fricdenau).
' Wenn bei den modernen Ciraphitstiftcn durch die Säureprobe eine teilweise Zcr=
Störung erscheint, so rührt dies von der Auflösung der Tonerde her. welche bei der
Fabrikation beigemischt wird. Dadurch entstehen zwischen den aufgestrichenen Teilchen
an der von der Salzsäure getroffenen Stelle lichtere Zwischenräume.
80 Metallstif'tzeichnungen.
Die Klassiker der Malerei bis zu Rembrandt herauf haben sich darin zeich*
nerisch ausgesprochen oder doch darin versucht und uns kostbare Stücke
hinterlassen. Es darf heute nicht wundernehmen, wenn Museen und Kunst?
t'einschmecker sich um die wenigen noch fluktuierenden Reste, wiewohl meist
bescheidener Art, leidenschaftlich streiten. Die Zeichenkunst kann nichts In*
timeres aufweisen als eine fein abgestimmte Silberstiftzeichnung, wie sich solche
von Botticelli, Credi, Leonardo, Perugino und Raffael erhalten haben. Selbst
die nur auf Elfenbeinweiß gesetzten nordischen Porträtzeichnungen strömen
den vollen Zauber alter Kunstweise aus und lassen dabei ganz vergessen, daß
wir nur zufällig überkommene Reste besitzen. Trotz der von der Zeit ge*
trübten Farbentöne, stellenweise abgeriebenen Grundierungsschichten sprechen
doch Innigkeit und Sorgfalt, strenge Kunsttradition und Ehrlichkeit aus diesen
Blättern wie sonst aus hervorragenden Miniaturen oder goldgrundigen Tafel*
gemälden. Der Silberstift führte zu einer zeichnerischen Selbstzucht, er ver*
langte wohlüberlegte Strichführung und möglichste Vermeidung von Pentimen*
ten. 'VC'er sich damit versuchte, mußte formsicher sein. Es gab kein Mittel,
Fehlstriche zu entfernen, es sei denn durch Herausschaben der Grundierungs*
schichte. Manche arbeiteten aus dem Zartesten heraus und zeichneten erst
schärfer und bestimmter, sobald die Konturen festsaßen. Diese erscheinen
dann wie eingraviert. Manche wieder setzten die Striche so gewandt und
sicher hin gleich modernen Kaltnadelzeichnern auf Kupfer oder Zink.
Herkommen. Wie der Bleigriffel war auch der Silberstift schon den Römern bekannt.
Wir besitzen zwar nur eine einzige Stelle, aus welcher wir diese, wenn auch
nur allgemeine Erkenntnis schöpfen, aber sie spricht deutlich genug: lineas
ex argento nigras praeduci plerique mirantur. ^ Worauf diese lineae nigrae ge*
zogen wurden, wird zwar nicht erwähnt, aber es ist keine Frage, daß es auf
Pergament geschah. Dasselbe wurde ja bei seiner Herstellung auf beiden Seiten
mit Bimsstein glatt geschliffen, so daß selbst nach sorgfältiger Reinigung
immer noch genug Bimsstaub an der Oberfläche haften blieb, um dem
darüber gleitenden Silbergriffel die entsprechende Rauhigkeit zu bieten.^ Die
Vorliebe für Griffel aus Edelmetallen sowie der Umgang mit Pergament mußten
schon frühzeitig zu solchen Schreibversuchen geführt haben. Silberne und auch
goldene Griffel standen für Wachstafeln gewiß in Verwendung. Aus dem Mittel*
alter erfahren wir, daß Erzbischof LuU (8. Jahrhundert) der Äbtissin Eadburg
ein Graphium argenteum schickte.-'
Ccnnini. Die früheste Beschreibung eines Werkstatt * Silberstiftes erfahren wir erst von
Cennini (K. 8): «Dann aber nimm einen Stift aus Silber oder Kupfer
oder woraus sonst, nur daß die Spitze silbern sei, fein geglättet
und schön.» Er betont ausdrücklich, daß der Stiel zwar aus jedem beliebigen
Metalle bestehen könne, die Spitze aber ausschließlich Silber sein müsse. Nichts*
' Plinius XXXIII, 98.
' Bei Cacsarius von Heisterbach (Dial. Miraculorum VIII, 35) finden wir folgende
Reihenfolge der Pergamentbehandlun« vor dem Beginn des Schreibens: o^pellis prius fuerat
. . . pumkata, . . . cretata, . . . lineata^. Wattenbach 208.
' Wattenbach 221.
Metallstiftzeichnungen. 81
destoweniger wollen wir, um mit der Entwicklung Schritt zu halten, gleich hier
konstatieren, daß auch andere Metalle zum Zeichnen verwendet wurden, wie Andere
Gold, Kupfer, Bronze und Messing. Cennini erwähnt K. 140 den Messing? Metallstifte.
Stift, Stile d'ottone, neben dem Silberstift, ebenso Armenino (Precetti 85). In
dem Manuskript des Johannes Alcherius, geschrieben 1398 in Paris, welcher
sich zunächst die Erfahrungen des niederländischen Malers Jacobus Cona zu
nutze gemacht und getreulich aufgezeichnet hatte, dann auch in der Lombardei
vieles selbst sammelte, finden wir deutliche Belege dafür: cum sfilo auri,
argenti, latonis vel aer/s' und an einer anderen Stelle: cum stilo aeris
vel latonis auf cupvi. Schon die nächste Zeile führt zu der Belehrung^
daß Silber schließlich doch das beste sei (et melior esset de argento)} Nach
Mayerne kommt stilus ex auvichalco ( Messingstift, stil d'ottone) im 17. Jahrs
hundert bei den Rechentäfelchen vor.'
Die Bevorzugung und Beliebtheit des Silberstiftes mochte darin ihren Grund
haben, daß dieses Metall einen reinlichen feinen Strich zuließ, einen schönen
grauen Ton ergab und sich sparsam abrieb. Gold war für die Allgemeinheit
zu kostspielig, Kupfer und Messing zu hart, Blei oder Zinn zu weich und
ungleich in der Abfärbung. Daher auch die noch allgemein übliche Benennung
Silberstiftzeichnung für jede Art von Metallstifttechnik, wenngleich es
nicht immer der Wahrheit entspricht. Die vielen sogenannten Silberstiftzeichs
nungen der Uffizien, besonders jene auf gefärbten Papieren, können nicht
alle als solche bezeichnet werden; schon die Breite mancher Striche ent*
spricht nicht dem feinen Silberstifte, selbst wenn man von der Oxydations*
färbe absieht.
Bei den Deutschen und Niederländern, bei denen sich die Silberstiftzeich* Deutsche
nung länger erhalten hat, begegnen wir außer einigen flüchtigen Erwähnungen: '''""
«stefzen»,^ «mit dem stejt»-' oder: «mit aim silbernen gestefft»'' oder «mit
silber stefzlin»' oder «mit silber oder messing grifflein»^ keinen weite*
ren theoretischen Aufschlüssen. Vergleicht man aber die italienischen Beschrei*
bungen mit den anderseits wieder nur im Norden noch vorhandenen Silberstifts
exemplaren, so findet man eine Übereinstimmung darin, daß es sich in erster
' Merrificld, op. cit. I, 275 und 277.
'^ Die merkwürdige Anmerkung I. Ilgs zum K. 8 seiner CenninisÜbersetzung, da(^ diese
Stifte nicht die Bestimmung hatten, zu zeichnen im Sinne vom Abfärben, sondern bloß
«blinde Linien» zu ziehen, läßt sich nur durch den Mangel praktischer Erfahrungen cr=
klären. (Quellenschr. f. Kunstgeschichte I, 142.)
=> Mayern.Ms., 1620. Berger, Beiträge, 4. Folge, S. 153-155. Nr. 57, 58, 59.
* Inventar Amerbach: «Hans Holbein sen., zwei Büchlein mehrteil mit stcfzen.»
^ Dürer: «Mit dem Steft conterfeit». Lange und Fuhse 131. «Und ich hab ihn noch
einmal mit dem Steft conterfeiet.» Ibid. 172.
'• Beziehungen des Augsburger Patriziers Philipp Hainhofcr zu Herzog Philipp IL
von Pommern^^Stettin 1610-1619 (Quellenschr. i. Kunstgesch., N. F. VI. 36 u. 38). - Sinnlos
ist der Ausdruck: «Silberstahl auf Pergament» bei W. Hebenstreit, Enzyklopädie S 163
unter: Crayon. — «Steft» in der Bedeutung von Radiernadel bei Sandrart. T. A. I, 51.
' Amerbach, Inventar A vor 1578 (59. Jahresber. d. öffentl. Sammlung zu Basel. N. F.
III, 34): «Ilultzin schribzüg mit 4 silber stefzlin.»
" Rivius. Vitruv.^Teutsch fol'^ X".
Med er. Die Handzeichnung. "
S2
Metallstiftzeichnungen.
Linie um eine silberne Spitze handle, die an das Ende eines Metallstieles an:=
gelötet war.
Erhaltene Wiewohl ich nicht annehmen kann, daß sich in Italien kein Exemplar qt:=
Exemplare, halten hätte, muß ich doch zugeben, daß meine Nachforschungen bis heute
erfolglos waren. Um so reicher waren die Ergebnisse der Umschau im Norden.
Einen interessanten Silberstift, den frühest nachweisbaren, überheß mir freund*
liehst Herr A. Figdor in Wien zu Abb. 31. Ein Kupferstiel, vierkantig, leicht
abgerundet und sich stark verjüngend (75 cm), trägt oben als Abschluß eine
Abb. 32. Madonnen=
figürchen von Abb. 31,
vergrößert.
Abb. 31. Silberstift.
A. Figdor, Wien.
Abb. 33.
Stilus
aus Orvicto.
Madonna (21 mm), unten eine eingelochte Silberspitze (15 mm). Die ganze
Länge beträgt 1 1 cm. Betrachtet man das kleine stehende Madonnenfigürchen
mit der gotischen Beugung und dem Krönlein (Abb. 32), ferner die sorgfältige
Art, mit welcher die drei Teile zusammengefügt wurden, so muß man mindest
an das letzte Viertel des 15. Jahrhunderts, wenn nicht an noch frühere Zeit
denken. Dem Madonnenfigürchen, das in traditioneller Weise den antiken
Dekor wiederholt (Abb. 33),^ verdanken wir die Erhaltung, denn fast alle
Stifte fielen dem geringen Silberwert zum Opfer. Das Prinzip der angelöteten
Spitze zeigen sowohl das Exemplar des Hans Baldung*Skizzenbuches in
Aus Gaidthausen, Buchwesen, S. 198. — Ferner Archäolog. Zeitschrift 1877, 11, 4.
Metallstiftzeichnungen.
83
Abb. 34. Doppelsilberstitt aus Regier van der Weiden. München.
Karlsruhe (Abb. 29c),' als auch jenes des Hans Kranach im Kestnermuseum in
Hannover (Abb. 29 d).'^ Während der Karlsruher Silberstift nur aus einem Stück
Messingdraht besteht, das oben hakenförmig umgebogen ist, damit es in der
' Rosenberg Marc, Skizzenbuch von H. B. Grün in Karlsruhe, Einleitung p. 5. Grölte
des Skizzenbuches c. 215 X 16 cm.
■ Des dritten Sohnes Lukas Kranachs d. A. — Der Silberstilt, welcher I. .Meders «Büch-
lein vom Silberstett» beigegeben wurde, ist dem Kestnerexemplar annähernd nachgebildet
84
Metallstittzeichnungen.
Buchöse einen Ilah finde, zeigt das Exemplar in Hannover einen schlanken
und zierlichen Griffel von 18-3 cm Länge, dessen unteres Drittel rund, das
mittlere gedreht ist und das obere vierkantig mit einem Knöpfchen abschließt.
Von Messingstiften konnte ich nur ein Exemplar bei Figdor (Wien) finden
Abb. 35. Silberstift aus Jan Mabusc. Wien.
Alte
Abbildung
gen.
samt dem zugehörigen Büchlein, dem es gleichzeitig als Verschlußstück diente.
(Siehe Abb. 39.)
In belehrender Weise geben uns alte Bilder Aufschluß. So sehen wir auf
einem Gemälde des Rogier van der Weyden um 1450 (München) St. Lukas
vor der Madonna kniend und dieselbe mit Silberstift auf ein weißgrundiertes
Blatt zeichnend (Abb. 34). Die Form des Stiftes zeigt so wie jene des Mabuse
(Wien) — gleichfalls St. Lukas vor der Madonna — eine Art Doppelstift; hier
einfach und glatt, dort mit einem zierlich gedrehten Mittelgriff (Abb. 35 und
29 fc).' Ein Beispiel einfachster Art befindet sich in dem Innsbrucker Gemälde
eines deutschen Anonymen um 1520, welches das Selbstporträt eines Künstlers in
' hbenso in dem Prager Mabuse, Klass. Bilderschatz 394. Ferner in dem Stich Israels
V. Meckenerri H. 107, St. Lukas.
Metallstiftzeichnungen.
85
zeichnender Haltung darstellt, der mit der Rechten ein kurzes Stiftchen führt
(Abb. 62).
Noch von 1599 finden wir ein Beispiel in einem Regentenstück des Aert
Pietersen (Amsterdam Nr. 1876),^ wo der Dritte von links ein Schreibbüch?
lein und einen Silberstift hält, um als Schriftwart Eintragungen zu machen. Das
Büchlein zeigt sogar noch eine gelbliche Grundierung (Abb. 36).
Da der Silberstift gewöhnlich den integrierenden Bestandteil eines Skizzen*
buches bildete, so wurde er entweder in der Weise an demselben befestigt, daß
er wie bei dem Karlsruher- in zwei oder drei Lederösen gesichert ruhte, oder
in den Deckel des Skizzenbuches selbst eingeschoben wurde (Beispiele: Hans
Kranach* Exemplar und Schreibbüchlein, aufbewahrt in dem Amsterdamer kgl.
Altertumsverein). ^ Seltener waren an
demselben Schnürchen zum Anhän*
gen befestigt.
Selbstverständlich entbehren diese
Aufzählungen jeder Vollständigkeit.
Ich bin überzeugt, daß in verschiedenen
Museen sich noch manche abweichende
Form auffinden läßt, die bisher un?
beachtet blieb. Der Zeitgeschmack
sowie die Findigkeit der Erzeuger
mögen manche Variationen hervor*
gebracht haben, ^ wie z. B. jenes inter*
essante in Silber gebundene Notiz*
büchlein bei Figdor, Wien, mit gelb*
grundierten Blättern und einem ein*
geschobenen Silberstift (Abb. 41).
Wichtiger erscheint es, alle die Resultate mit selbst angefertigten Metallstiften
auf grundiertem Papier mitzuteilen, und zwar in bezug auf die im Laufe der
Jahre erfolgten metallischen Tönungen (Oxydationen), aber auch zur Anleitung,
sich Metallstifte selbst mit geringen Mitteln zu schaffen. Aus Gold*, Silber*,
Kupfer* und Messingdraht von der Dicke der stärksten Stricknadel schnitt
ich Stäbchen von 3 — 4 cm Länge, befestigte dieselben in einem Holzstiel und
rundete und polierte die Schreibspitze sorgfältig. Dagegen mußten die Blei*
und Zinnbleigriffel erst gegossen, respektive nach dem oben angeführten Ver*
hältnisse legiert werden; diese weicheren Metallstäbchen erforderten eine größere
Dicke und wurden nach Art der Pinsel in Blechhülsen gefaßt. Die so ange*
fertigten Metallstifte ergaben auf der Papicrgrundierung schöne, weiche Striche
Abb. 36. Silberstift, aus A. Pietersen, 1599.
* Katalog des Rijksmuseums v. Jahre 1904, S. 246.
* Allerdings zeigt das Skizzenbuch heute nicht mehr die ursprüngliche Form, sondern
den durch S. Bühler 1582 veranlaßten Neuband. Rosenberg, H. B. Grün. Einleitung S. 5.
' Schreibbüchlein mit gelbgrundierten, leeren ßlättchen. Der Silberstift wird in den
Deckel geschoben.
* Rosenberg, H. B. Grün, Einleitung. - Meyer Hans, Neue Goldschmiedordnung
von 1642 in StraBburg; in Staats,- u. sozialwisscnschaftl. Forschgn., hsg. v. G. Schmollcr 111
(1881). 2. n. 130.
Eigene
Versuche.
S6 Metallstiftzeichnungen.
und Linien. Während anfänglich fast alle dieselbe grauschwarze Farbe zeigten
Oxvdations. und nur, von der Seite gesehen, den jeweiligen Metallglanz erkennen ließen,
Kuben. traten im Laufe der Zeit, mitunter schon nach wenigen Wochen, verschiedene
Oxydierungen ein. So wurde Silber nach und nach braun, Kupfer gelb,
Gold schwärzlich oder bräunlich, je nach seiner Legierung, Bleizinn nur
etwas dunkler, Blei grauschwarz wie Graphit.
Die alten Meister waren sich über diese Verfärbungen vollkommen klar und
benützten dieselben, wenn auch nur ausnahmsweise, zur Erzielung bestimmter
Ertekte. Wenn Verrocchio in der Uffizienzeichnung (Nr. 212), Venus und Amor,
die liegende weibliche Figur in Silberstift, das schleierartige Gewand und den
Hintergrund mit Bleigriffel zeichnete, so war er sich- im vorhinein der erst
später eintretenden Wirkung bewußt.
Wie schon erwähnt, vermögen sich alle harten Metalle mit Ausnahme von
Blei und Bleizinn auf der glatten Fläche eines gewöhnlichen Schreib== oder
Zeichenpapiers nicht abzureiben. Und eben dieses Versagen bedingte schon
frühzeitig eine künsthche Rauhung der Oberfläche, die sogenannte Grundie:^
rung, welche im folgenden Abschnitt ihre ausführhche Behandlung findet.
Selbstverständlich wurden alle dem Kapitel zugrunde liegenden Versuche auf
einer nach alten Rezepten gemachten Grundierung ausgeführt, um die Metall*
reaktionen zu erkennen und daraus richtige Schlüsse für das Studium der alten
Zeichnungen ziehen zu können.
Das Grundieren.
Carte tinte — Verbeinte papier, Grundpapier' — Papier prepare — Gegronde papieren.
Auch hier vermittelten Schreiber und Miniaturisten den Brauch, das Papier
nach Art der Pergamentbehandlung zuzurichten, um es für die harten Stifte
empfänglich zu machen. Jedes Pergament hatte bis zu seiner Verwendung
Pergament-' allerlei Prozeduren zu bestehen; eine der wichtigsten war das Glattschleifen
Behandlung, mit Bimsstein (pumicare), und zwar auf beiden Seiten. Schon dadurch setzte
sich soviel feiner Staub in den Poren fest, daß sich jeder Metallstift schwarz
abreiben mußte, wie mich viele Versuche überzeugten. Die Mönche, welche
das Linieren zu besorgen hatten, kamen gewiß bald auf diesen Vorteil; aber
ebenso merkten die Schreiber den Nachteil, daß die Körnlein den Zug der
Feder störten. Man klopfte also den Bimsstein gut ab und schuf durch das
feinere Kreidepulver, welches mit einem Lappen gut verstrichen wurde, einen
Ersatz. Kreide hatte den weiteren Vorzug, daß auch der geringste Rest von
Fettstoff aufgesaugt wurde und die Tinte nicht floß. Ganz in diesem Sinne
führt Caesarius von tieisterbach drei Vorgänge an: «Pellis prius . . . fuerat
pumicata, . . . er et ata . . . lineata.»'^ Man war sich der vorteilhaften Wirkung
der Kreide völlig klar: «Creta, Kreid, qui per corrosionem pulverisatur super
' Anweisung zur MahiersKunst, 1745, S. 243.
* Dial. iMiraculorum VIll, 35. — Wattenbach, S. 208. — Joh. de Garlandia nennt unter
den instrumenta clericis necessaria: den pumex cum plana (Poliereisen) et creta (Watten*
bach. S. 212).
Metallstiftzeichnungen. 87
pergamenum, ne defluat sive diffundatur incaustum» (Wörterbuch Sera*
paeum XXIII). ^
Allein auch die Kreide hatte ihre Tücken; sie bereitete den Miniaturisten
Hindernisse, indem sie sich mit den Farben vermischte und dieselben kreidig
erscheinen ließ. Der Anonymus Bernensis aus dem Ende des 11. Jahrhunderts
warnt vor dem Zuviel: «Si hoc est, quod scriptura, quam coleraturus es, sit
nimis confecta de illa petra, quae cveta dicituv, sicut a nonnuUis scriptoribus
solet fieri, expelle eam fovas de scriptura; exinde namque alhescit omnis
color.»'- Er empfiehlt, wenn die Feder versagt, statt der Kreidebehandlung
ein einfaches Glätten und Reiben mit dem Finger. Ein trockenes Grundieren
teils zur Verbesserung des Linierens mit Blei, teils zur Erleichterung des Schrei*
bens oder des Entwerfens von Darstellungen war also in den Klöstern gang
und gäbe. Auch die Gründe für Vergoldung und Versilberung (Kreide,
geriebene Eierschalen, Gips), auf welche man die Initialen zeichnen mußte,
lieferten mancherlei Erfahrung.
Am meisten förderten die schon genannten, ursprünglich mit Pergament Gekreidete
überzogenen Schreib* und Zeichentäfelchen die Auffindung allerhand rau* Täfelchcn.
hender Mittel. Cennini spricht von gewissen bei Kaufleuten üblichen Täflein
aus versteiftem Pergament, das mit Gips zugerichtet war. ^ Den Malerjungen
empfiehlt er, sich ihre fiolztäfelchen (ohne Pergamentüberzug) mit Knochen*
staub und Speichel gut einzureiben. Wieso man auf Knochenpulver, welches
bald eine große Rolle spielen sollte, gekommen war, ließ sich nicht feststellen.
In dem Kodex in Montpellier wird noch Kreidegrund vorgeschrieben (tabula
lignea incretata).'^
Die alten Papiere bedurften erst recht einer rauhen Oberfläche, weil sie Grundieren
nur wenig und größtenteils mit Stärkekleister geleimt waren, daher dem harten "^'*
Metallgriffel keinen Widerstand leisteten und keine sichtbare Abfärbung ermög*
lichten.^ Während aber Knochenpulver im trockenen Zustande in den Poren
und zähen Fasern des Pergamentes, besonders auf der Fleischseite, durch Ein*
reiben hängen blieb, mußte es auf glattem Papier als dünnflüssiger Brei auf*
getragen und verstrichen werden. Trotzdem gab es auch trockene Einreibungen.
(Siehe Bleigriffel S. 75.)
Über die Bereitung des Knochenpulvers, des Leimwassers, womit das erstere
angemacht wurde, und über die Art des Aufstreichens gibt Cennini hinreichenden
Aufschluß (K. 7): «Nimm Knochen von den Rippen und den Flügeln Brennen
der Henne oder des Kapauns. Je älter, desto besser, wie du sie unter """
dem Tische findest; lege sie ins Feuer und so bald du siehst, daß sie
° sieren.
' Versuche auf altem Pergament ohne jede Präparierung zeigen bald, wie die Tinte
ausläßt und zu Kügelchen zusammenläuft. Über das «credieren» teilt Rockingcr ver*
schiedene Anweisungen mit sowie die Anfertigung eines credir stains. Zum baier. Schrift«
wcsen, op. cit. S. 26.
* Anonymus Bernensis, übers, v. Hermann Hagen, Qiiellenschriften \'II, 591.
^ Cennini. K. 6: che son di carta pecorina ingessata.
' Wattenbach, S. 232 und Anm. 1. - Ferner Ms. Mayernc (E. Berger. Beiträge. 4. Folge.
S. 153-155).
•■' Wiesner. Die mikroskopische Untersuchung des Papiers, Wien 1SS7.
SS Metallstiftzeichnungen.
weiß geworden, mehr als die Asche, nimm sie heraus und mahle sie
wohl mit dem Porphyrstein.»* Das Reiben zu feinem Pulver kostete Mühe
und Geduld. Cennini spricht von 2 Stunden, welche auch tatsächlich notwendig
sind. Alcherius empfiehlt neben Tier* und Vogelknochen ganz besonders Hirsch*
hörn, dessen Pulverisierung eine noch mühsamere Arbeit verursachte. ^ Es wurde
zuerst gebrannt, dann gekocht und mit Wasser zerrieben, wieder gebrannt und
neuerdings fein gemahlen. Auf die Verwendung der Fußknochen von Rind,
Schaf und Schwein wurde schon hingewiesen (S. 75).
.\uttragcn. Das Auftragen des mit Leim* oder Gummi wasser vermischten Pulvers auf
Papier oder Pergament geschah mit breiten Borstenpinseln, mitunter wiederholt,
so daß mehrere Schichten übereinander zu liegen kamen. Je älter die Zeich;:
nungen, desto dicker die Grundierungsschichte. Die Skizzenbuchgrundierung
bei Holbein d. A. ist eine weit solidere als jene des niederländischen Reise*
buches Dürers. Noch 1548 hat sich bei den Deutschen die Erinnerung an
die Knochenpulvergrundierung in dem Ausdruck verbeinte papier er*
halt
en.
;i
Zusat: von Gleichzeitig wurde dem Knochenbrei irgendeine Erdfarbe in Pulverform
krdfarben. beigemischt, um den kreidigen Ton zu vermeiden und außerdem einen far*
bigen Mittelton zu erzielen. Das plastische Zeichnen der Italiener, schon früh*
zeitig geübt, bedingte diese Farbstufen, um darauf Lichter und Schatten in
Wirkung setzen zu können. Wir müssen dies schon hier betonen und dürfen in
den so vielfältig gefärbten Silberstiftzeichnungen der Florentiner durchaus nicht
eine müßige Spielerei erblicken. Wenn Leonardo in seinem Trattato (§ 219)
festlegt, daß für das plastische Zeichnen (di rilievo) sich die Maler die ganze
Papierfläche mit einem Mittelton (di mezzana oscuritä) färben, dann die dunkleren
Schatten darauf geben und zuletzt die Hauptlichter (i lumi pvincipali) auf kleine
Stellen setzen sollen, so hat er nur den längst vor ihm geübten Brauch
formuliert.
Binde= Ohne hier weiter auf die Farben selbst eingehen zu können, welche im
mittel, nächsten Kapitel des näheren erörtert werden, sei zum Schluße dieser technischen
Erörterungen noch folgendes hervorgehoben. Als besonders wichtig galt die
richtige Mischung des Pulvers und der Farben mit Leimwasser. War zu wenig
Gummi oder Leim vorhanden, so staubte das Knochenpulver ab oder schob
sich beim Zeichnen zur Seite; war zu viel genommen, so wurde das Papier
hart und lederartig. In letzterem Falle wurde nach Cenninos Angabe klares
laues Wasser aufgestrichen, um die Härte der Leimschichte zu mildern.'*
Glätten. Zum Schlüsse kam das Glätten: «Ist es trocken und fertig, so nimm ein
Messer und fange an, mit der Schneide leicht über das Blatt zu
schaben, um die Körnchen zu entfernen» (Cennini K. 16). Nach dieser
oberflächlichen Befreiung von den Unebenheiten wurde über die grundierte
Schichte ein Blatt Papier gelegt und darauf so lange mit einem Eberzahn oder
Im H. Kap. wird auch das Bein von der Keule oder Schulter des Hammels empfohlen.
* Merrificld. op. cit. I, 275, Kap. 296.
' Rivius, Vitruv.^Teutsch fol" X''. - Auch das Grundieren der Holzstöcke nannte
man verbeinen. Ibid.
' Cennini K. 16.
Metallstiftzeichnungen. 89
Glättstein gerieben, bis jede Stelle vollkommen poliert war.' Es leuchtet ein,
daß man mit so mühsam hergerichteten Papierblättern (carte tinte) äußerst
sparsam umging und daß die genaue, oft peinliche Ausführung der alten
Zeichnungen einen gewissen Zusammenhang mit der Wertschätzung der vorher*
gegangenen Mühe hatte. Je feiner und sorgfältiger eine Silberstiftzeichnung
ausgeführt werden sollte, desto gewissenhafter war auch die Grundierungsweise,
in Italien wie auch in den Niederlanden und Deutschland.
Da der harte Silbergriffel beim Entwerfen der Zeichnung in die oft ziemlich Aufpausen
dicke Grundierungsschichte Linien grub, welche bei der Ausführung störten, ^^^^ Zeich;
suchte man bei besonders wichtigen Studien die schwer tilgbaren Spuren durch """8-
eine Pause zu umgehen. Unvollendet gebliebene Silberstiftzeichnungen wie
z. B. eine Stiftermadonna der Albertina von Petrus Christus (A. P. 847) lassen
dies genau erkennen.
In der Regel zeigen derartig für den Silberstift präparierte Papiere nur Beiderseitige
eine Blattseite mit Grundierung versehen; doch finden sich auch Zeichnungen Benützung,
mit beiderseitiger Grundierung, sogar in verschiedenen Farben.-' Dies sind
stets Reste alter Studienbücher, wie es weniger zerstörte italienische und deutsche
Skizzenbücher erweisen, lose Blätter, die heute scheinbar den Eindruck selb?
ständiger Zeichnungen machen. So entstammt der in Abb. 38 dargestellte
Ausschnitt einem Pergamentskizzenbuche mit Doppelgrundierung aus dem
15. Jahrhundert.^ Siehe Kap. Skizzenbücher.
Es ist keine Frage, daß die Sorgfalt der Grundierung auch ihre Entwicklung Gutes und
hatte, daß in der Frührenaissance die Schichten mehrfach übereinander gelegt schlechtes
und gut verstrichen wurden, um das Papier kartonähnlich zu machen, daß aber ^-'^unuieren.
nach und nach eine Lässigkeit eintrat und man den Grundierungston nur
flüchtig mit breitem Pinsel auftrug, oft so dünn, daß die Papierstruktur
durchschimmerte. Auch die alten Rezepte erfuhren Veränderungen. Nach dem
Aufgeben der strengen Stifttechnik begnügte man sich mit bequemeren Ersatz*
mittein wie Bleiweiß, Kreide, geschlemmtem Gips, pulverisierten Sepiaknochen.
Insbesondere eignete sich Bleiweiß für jede Art Metallstift, dessen man sich
bis nach 1800 bediente.
Eine Bleiweißkomposition enthielten auch jene vor 1800 in Paris erzeugten Tonpapier.
und «Papier=plätre» oder «ä la Des/ric/ies» genannten Tonpapiere, kleine
Kärtchen mit mehrfacher Grundierung, auf welchen miniaturartige Porträts
Zeichnungen oder selbst Landschaften mit Silberstift oder hartem, scharf ge*
spitztem Bleistift ausgeführt wurden. Die Tonung der obersten Schichte war
eine elfenbeinfarbige, so daß man durch Auskratzen auch Lichter erzielen
konnte.' Bei der Herstellung derselben verwendete man in der Regel Blei*
weiß, das mit Handschuhleim wohl verrieben und in zwei Schichten — die
' Auch die Pergamentschreiber benützten einen Polierzahn. — Alexander Ncckam
empfiehlt zum Glätten den Eberzahn («Habeat et dentem venis sive apri». Wattenbnch 213/
- Rom, Gall. Corsini Nr. 130450.
' Siehe Vorder^ und Rückseite in A. P. 530.
* «Le papier ä tablettes enduit de blanc, connu chez les marchands sous le nom de papiev
plähe ou ä la Desfriches.» Desfrichcs war ein I.andschaftszcichncr, der die Anwendung
dieser Papiere [wieder] versucht haben soll.
90
Metallstiftzeichnungen.
zweite stärker — auf ein Kartonpapier aufgestrichen wurde. Nach dem Trocknen
wurde die Fläche mit einem Wolfszahn geglättet.^
Grundierungsfarben.
Rezepte ^^ Um von Stufe zu Stufe zu schreiten mit dem Bestreben, Grund und Pforte
bei Cennini. der Malerei zu finden, muß man noch eine Art des Zeichnens versuchen.
Und diese heißt Zeichnen auf grundiertem Papier, und zwar auf Pergament
und Papier» (Cennini, K. 15). Dieser Vorschrift entsprechend, fügt Cennini
des weiteren die Rezepte der einzelnen Farbenmischungen an, deren er sechserlei
kennt: grün (verde), violett (morella oder pagonazza),^ blau (tinfa indica),
rötlich — pfirsichfarbig (colore rossigno-' o squasi di pesco), fleischfarbig
(color d'incarnazione), grau (tinfa benettina o vero biagia). (K. 16—22).
1. grün . . .
(verde)
V2
Nuß Verde sterra
(grüne Erde)
Nuß Ocker
Vs
Nuß Bleiweiß
1
V-2
Bohne Knochenpulver
Bohne Zinnober
2. violett . .
[
...?... ]^
(morella o ver pa-
gonazza)
1/
2
1
Unze Bleiweiß
Bohne lapis amatito
1
Bohne Knochenpulver
3. blau . . .
V2
Unze Bleiweiß
(tinta indica)
2
Bohnen Indaco bacca*
deo^
1
Bohne Knochenpulver
4. rötlich . .
(colore rossigno)
V2 Unze Verde; terra
2 Bohnen Bleiweiß
1 Bohne Sinopia**
1 Bohne Knochenpulver
5. fleischfarbig '/a Unze Bleiweiß
(color d'incarnazione)
weniger als 1 Bohne Zinnober
1 Bohne Knochenpulver
6. grau . . . V4 Unze Bleiweiß
^'Tero'blagi^r " ^ ^^^ne lichten Ocker
weniger als V2 Bohne Schwarz
1 Bohne Knochenpulver
' Constant=Viguier, op. cit. p. 62.
- Pfauenfarbig. ^ Ins Rötliche schimmernd.
* Morella . . ., nach der Frucht zu schließen, müßte man an schwarzblau (dunkelblau)
denken, was mit dem zweiten Ausdruck (pfauenfarbig, pagonazzo [paonazzo]) sich decken
würde. Baldinucci, Voc. 118, sagt ausdrücklich: «-pagonazzo (paonazzo) = colore tra azzurro
e nero; detto dal colore delle penne del Paone». Wenn man sich aber an die Zusammen^
Setzung des Rezeptes hält, so wird der Begriff der Farbe völlig unsicher. Denn lapis
amatito ist seiner Natur nach ein roter Farbstoff, wie Cennini K. 42 selbst angibt.
Amatito gibt die Farbe der Kardinalkleider. Denkt man sich eine Bohne derartiger Farbe
mit '/:i Unze Bleiweiß (15 g) vermischt, so wird ein lichter, rötlicher oder vielleicht ein
leicht violetter Ton entstehen, den man kaum pfauenartig oder morellenartig nennen
könnte. Diese Unklarheit wird im Kapitel 15 etwas deutlicher gemacht, wo Cennini in
zusammenfassender Weise, aber in anderer Reihenfolge und mit anderen Ausdrücken noch
einmal die sechs Farben angibt: verde, in hiffo, azzurrine, in rossetta, incarnate, berrettine
cioe colore bigie. «In biffo» entspricht also dem zweiten Rezept, der Morello; oder
Pagonazzofarbe. Was aber in biffo bedeutet, erfahren wir in den Kapiteln 73, 74 und 145,
wo aus den jeweiligen Mischungen von Rot und Blau ein Violett (un biffo) entsteht:
.Se vuoi fare un biffo, togli indaco e amatito. Daraus folgt nun ohne Zweifel, daß in dem
Rezept Nr. 2, welches schon Ilg höchst verwirrend vorkam, in einer der Handschriften
des Cenninischen Textes beim Abschreiben eine blaue Farbe ausgelassen wurde, entweder
indaco oder azzurro oltramarino.
' Indigo.
* Kine Art roter Erde, leberfarbig; gleichzeitig auch der Ausdruck für Zinnober
(vgl. Cennini, K. 38 und S. 146, Anm. 38).
Metallstiftzeichnungen. 91
Aus diesen Rezepten erkennen wir folgendes:
1. Daß die verwendeten Mineralfarben grüne Erde, Lapis amatito, Sinopia,
Cinabro und Ocker waren, von Pflanzenfarben nur Indigo in Betracht kam.
Das Schwarz war wohl Ruß.^
2. Daß zweierlei Rot verwendet wurden: Sinopia (Dunkelrot) und Cinabro
(Hellrot), die durch entsprechende Vermischung mit Weiß einen fleischfarbigen
oder mit grüner Erde einen pfirsichfarbigen Ton ergaben (Rezept 4).^
Die jeder Zeit und insbesondere jener der Primitiven innewohnende Ver?
nichtungskraft hat uns jeden klaren und vollen Einblick in den Verlauf der
gotischen und Frührenaissancezeichnung für immer unmöglich gemacht. Auch
die größte Bescheidenheit hilft nicht über das Gefühl der Verluste hinaus.
Wir würden in einem günstigeren Falle für die Zeit der Carte tinte vielleicht
eine ganz bestimmte Reihenfolge der Farben für Zeit und Ort aufstellen Reihenfolge
können und dadurch der Lokalisierung von Handzeichnungen wesentliche Be* ^^^ Farben.
helfe verschaffen; denn selbst das heute lückenhafte Material deutet gewisse, wenn
auch nur allgemeine Richtungslinien an. So werden wir zu der beiläufigen
Erkenntnis geführt, wie Ende des 14. Jahrhunderts bereits eine bestimmte
Farbe, das diskrete Terra verde, die Florentiner Meisterschulen beherrschte, wie Terra verde,
hernach im Beginne des 15. mit der erwachenden Farbenempfindung bei
dem einen oder anderen Künstler hellere, freudigere wie Rosa und Violett
Ersatz schafften und wie schließlich Gelb, Grau, Grauviolett und Blau zu
Modefarben wurden. Sind dies allgemeine Beobachtungen auf Grund einer
sorgfältigen Durchsicht der Florentiner Zeichnungsbestände, so bestätigt Cennini
für seine Zeit dieselbe Reihenfolge, indem er mitteilt: «Eigentlich ist die
grüne Farbe bei den meisten in Anwendung, stets mehr und mehr, und am
gebräuchlichsten sowohl zum Schattieren als zum Aufsetzen der Lichter» (K. 15).
Und durch ein ganzes Kapitel beschreibt er ausführlich gerade für Grün die
Methode des Grundierens (siehe Rezept 1). Steht letztere für Cenninis Zeit*
genossen, das ist von 1376 — 1410, fest, so muß man auch annehmen, daß
dieser Brauch bei seinen Vorfahren und Lehrern giltig war.-'
Ich verweise hier auf die Taddeo Gaddi* Zeichnung im Louvre (216),
Mariae Tempelgang, aus der Zeit von 1332 — 1338,* auf die Bicci di Lorenzo
zugeschriebene Offizien* Zeichnung (583), Christus in den Wolken, unten
Petrus und Paulus, ferner auf zwei Johannes* Halbfiguren (A. P.618) nach 1400;
aus der nach*cenninischen Zeit auf die monumentale Silberstift*Zeichnung
Paolo Uccellos zu dem Fresko im Florentiner Dom 1436 und einen an*
' Bei lig: Cennino, K. 22 heilet es in der Übersetzung: schwarzen Ocker, was völlig
sinnlos ist; der italienische Text lautet: ocria chiarä, men che mezza fava di nero.
- Eine experimentale Nachprüfung ergab einen warm grünlichen, der Farbe der
Pfirsiche ähnlichen Ton.
^ Grüne Erde, leicht zugänglich und billig, war in allen Werkstätten zu Hause. Sie
spielte in der Freskotechnik eine große Rolle und diente sogar als alleiniger Behelf, wie
z. B. bei den Uccello=Wandgemälden im Chiostro verde. In Deutschland kannte man sie
im 16. Jahrhundert unter dem Namen «grüne Kreyde». (Zur Literatur siehe: Jehan le
Begue in MerriHeld I, p. 37 und Mathesius, Bergpostille. S. HS".)
* Berenson I, Taf I.
92 Metallstiftzeichnungen.
sprengenden Ritter von demselben Meister.' Selbst Skizzenbücher wurden in
dieser Farbe angelegt, wie der doppelseitig grundierte Rest eines angeblichen
Orcagna? Blattes (Uff. 16) beweist. Man erkennt die «Terra verde» heute
sofort an dem stumpfen Graugrün, das schon in der Substanz liegt und durch
Beimischung von Bleiweiß noch gesteigert wurde. ^
Andere Da Cennini in den folgenden Kapiteln noch weitere Farbentöne angibt,
Farben, müssen auch diese, wiewohl heute für seine Zeit kaum belegbar, vereinzelt
schon X'erwendung gefunden haben. «Und du kannst diese gefärbten Papiere
rötlich machen, oder bissoblau oder grün, oder azuren oder grau
(bigia), d. i. eine unentschiedene Farbe, oder fleischfarb oder wie's beliebt.
Denn alle verlangen gleiche Zubereitung und dieselbe Zeit und mit allen kann
man auf die nämliche Art zeichnen» (K. 15). Nachweisbar aber ist das rasch
vorübergehende Karmin und Violett erst bei Fra Angelico und Gozzoli.^
Dann folgt der bunte Wechsel. Fleischfarb oder ein zartes Rosa fast regel*
mäßig bei Credi, etwas lebhafter bei Botticelli und Raffael; reine Farben wie
Blau und Grün bei Leonardo, Zinnoberrot bei Davide Ghirlandaio und Leo*
nardo,'' Ockergelb bei Perugino und Grau für Dom. Ghirlandaio, Lippi, Filippino.
Nach der Mitte des 15. Jahrhunderts sind also alle diese Tonungen in stetiger
Verwendung, doch immer so, daß jeder mehr oder weniger seine Lieblings?
färbe hat. Wenn wir außerdem bei Perugino und seiner Schule,^ bei dem
jungen Raffael'' vorherrschend einen weißen oder pergamentähnlichen
Weiß. Ton verwendet sehen, der keine Höhung gestattete, müssen wir andere Gründe
geltend machen: das Übergewicht des seelischen Ausdrucks, der andachtsvollen
Gebärde sowie der sprechenden Silhouette gegenüber der rein körperlichen Ge;
staltung, wie sie der Florentiner Brauch vorschrieb.
Es ist keine Frage, daß von Florenz aus diese farbige Grundierungstechnik
N'ord= in die übrigen Städte Italiens überging; Siena und Perugia, ja selbst nord*
Italien, italienische Kunstzentren wie Padua, Venedig, Mailand, weisen, wenn auch nur
vereinzelt, Beispiele auf Jacopo Bellini zeigt in seinem Skizzenbuche licht*
blaue, blaßrote und grau violette Farbentöne auf Pergament (um 1450),'
Giovanni Bellini aber nur blaugrau auf Papier (Venedig, Frauenkopf, A. P. 434),
' I Disegni della Galleria degli Uffizi, Ser. I, Fase. III, Taf. I u. II. - Weitere Beispiele
im Louvre 45: Kopfstudie, Gentile da Fabriano genannt. Stockholm: stehender Jüngling,
David mit Schleuder (A. P. 964 und 976). Als eines der spätesten Beispiele: aufblickender
Kngelkopf eines Unbekannten, Rom, Call. Corsini (Nr. 130455).
'' Aber ebensowenig wird sie in Beschreibungen als solche erkannt. Wir lesen oft
die sonderbarsten Deutungen, so: greenisb wash on purplish background oder on iur-
quoise prepared paper.
^ Rom, Call. Corsini. — Berenson, Taf. 7.
♦ Uff. 447.
'' Vgl. Fische], Zeichnungen der Umbrer, Perugino, Abb. 163, Pinturicchio, Abb. 278.
Spagna 2S4, 290. Caporali 306.
''■ Madonnenkopf. Vas. Soc V, 3; ferner Fischel, Raffael I, Taf. 16, 18, 19, 21, 22 aus
dem Jahre 1503.
' Zu vermeiden sind in Beschreibungen Angaben wie z. B. Golubew, Bellini = Skizzen=
buch II. 82: «das Pergament gelb und graubraun grundiert», da das Gelbliche und
Bräunliche doch nur der Abscheuerung oder Feuchtigkeit, nicht einer zweifachen Grün.
dicrung nebeneinander zuzuschreiben ist.
Metallstiftzeichnungen. 95
fast wie als Vorstufe des schon vor 1500 auftretenden blauen Naturpapieres
(Venezianer Papier). Cima da Conegliano benützt Zinnoberrot, Uffiz. 281.501,
Zaganelli Blau (Berlin).
Einfacher gestaltet sich der Einblick in die Silberstifttechnik bei Nieder* Der
ländern und Deutschen. Beide unterlegten dem Silberstifte eine weißliche, ^-'orden.
elfenbeinartige Grundierung des Papieres, die man von der Pergament*
präparierung übernommen hatte. Die zarten Silberstiftlinien, in Kontur und
Schattierung, benötigten eine helle Folie. Der heutige Bestand umfaßt in
seiner Mehrzahl Skizzenbücher, teils ganz erhalten, teils aufgelöst, die sich
mitunter zu einem Lichtgrau versteigen. Der alte Holbein, Dürer, Hans
Baidung führen uns in dem relativ reicheren Material die gleiche Tradition
vor wie die wenigen, meist anonymen Einzelblätter der niederländischen
Schule. Abweichungen, wie der fleischfarbige Ton bei Ambrosius Holbein,
stören nicht das gemeinschaftliche Prinzip. Nur in den großen Studien Dürers
aus den Jahren 1525 — 1526 begegnen uns sorgfältig zugerichtete Grüngrun*
dierungen (Abb. 146, 147). Die dunkle Tonung erforderte den breiter und
schwärzer abfärbenden Bleigriffel. Ausnahmsweise versucht Dürer auch doppelte Doppelte
Grundierungen, um eine wärmere Nuance zu erzeugen, so z. B. unten Rot, Grun=
darüber Grauweiß (Lautenspielender Engel 1497, Berlin, L. 75), oder unten Rot, Vierung,
darüber Graublau (Engelkopf 1521, Bremen, L. 127). In der zweiten Hälfte
des 16. Jahrhunderts kommen gelblich präparierte Blättchen für kleine Porträt*
köpfe in Mode (Goltzius, Jacob de Gheyn).
Entwicklung.
Wenn wir den Lehrgang des Silberstiftzeichnens aus den ziemlich verstreuten Anfänge
Angaben Cenninis herauszuholen versuchen, läfk sich der Reihe nach folgen* in Italien,
des feststellen. In erster Linie bespricht er das Übungszeichnen des Gar*
zone auf Holztäfelchen, und zwar nach Vorlagen {con esempio, K. 8):
Wie man mit dem Stifte zu zeichnen anfangen muf^ und bei welchem Lichte.
«Dann beginne nach dem Vorbilde leichte Sachen zu entwerfen, um die Hand
zu üben, und mit nur leicht das Täfelchen berührendem Stifte, daß es kaum
sichtbar ist. Deine Striche verstärken sich, indem mehrmaliges Hin* und
Widerziehen den Schatten hervorbringt.» Erst nach ausführlicher Behandlung
der Grundierung mit Knochenpulver und Farbe (K. 15 — 20) entwickelt er den
weiteren Vorgang eigenen Entwerfens (K. 50): Wie man auf dem Papier mit
Kohle zu zeichnen anfangen muß, das Verhältnis einer Figur zu nehmen und
dann mit dem Silberstift zu verstärken hat. Also Kohleentwurf auf präpariertem
farbigen Papier, um leichter zu korrigieren, und dann Ausführung der Kon*
turen und Faltenzüge mit dem Stifte. «Hast du dies getan, so nimm den
Federbart und putze die Kohle weg, und deine mit dem Stifte ausgeführte
Zeichnung wird zurückbleiben.» Im nächsten Kapitel (51) folgt das schattie*
rende Lavieren mit verwässerter Tinte und die Höhung mit Bleiweiß, welches
entweder mit Wasser oder mit Eiklar vermischt wurde. Das Verstärken der
Innen* und Außenkonturen geschah mit spitzem Pinsel. «Tutto questo si c/)/<im.?
disegnare in carta tinta» (K. 52).
94 Metallstiftzeichnungen,
Reine Diese streng gotische Auffassung der CartatintasZeichnung läßt die Silber*
Silberstihs stittlinie nur als Umrißlinie gelten, ein Zeichentypus, den wir im heutigen
zcichnun-- <i^[j^^Q Je5 Wortes noch nicht als Silberstiftzeichnung betrachten (1. Stufe). Erst
^'' die Renaissancezeit erhebt sie zur reinen Technik, indem Kontur und Schattier
rung durch den Metallstift allein besorgt werden. Wir finden zu dieser Zeit
nicht bloß die con sentimento fein ausgeführten Kopf#, Hände? und Draperie?
Studien, die bereits allen plastischen Anforderungen Genüge zu leisten hatten,
sondern auch freie Skizzen und Notizen aller Art in den Vorratsbüchlein
(2. Stufe). Diese volle Entwicklung und Alleinherrschaft erfuhr sie in der
zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts.
Silberstift Selten sind Fälle, wo Silberstift und Bleigriffel auf einem und dem*
neben selben Blatte an zwei verschiedenen Figuren vorkommen, wie die deutlich von*
Bleigrittel. gj^ander sich abhebenden Oxydationsfarben beweisen (Filippo Lippi),' oder
gar an ein und derselben Figur, wie bei Verrocchio, Venus und Amor (Uff. 212),
oder bei Marco Meloni (London) auf rehbraunem Grunde das Gesicht in
Silberstift, der Bart in Bleigriffel. Zur Verstärkung der Plastik wurde in ein*
zelnen Fällen die Silberstiftzeichnung noch mit leichten Lavierungen versehen
(Lorenzo di Credi, VS.).
Höhepunkt. Der Gebrauch des Silberstiftes setzt in Italien früher und lebendiger ein als
im Norden. Alle großen und kleinen Meister bedienten sich seiner bis ungefähr
1500, bald in Vorzeichnungen für die Feder, bald aber auch, um die voll*
endetsten Kunstwerke zu schaffen. Als hervorragende Silberstiftzeichner sind
zu nennen die drei Schüler Verrocchios: Lorenzo di Credi, Leonardo, Perugino
und Raffael. Darstellung und Ausführung ihrer Blätter bekunden die größte
Sorgfalt. Die weißen Höhungslinien stehen dicht und doch reinhch neben*
einander, die Richtung der Fläche markierend, im vollen Einklang mit der
Schattengebung und beide wieder in warmer Farbenharmonie mit der Grün*
dierung. - Leonardo führt bereits zu einer freieren Auffassung, indem er die
Höhung beiseite läßt; noch weiter geht Raffael, der auch auf die farbige
Tonung Verzicht leistet und auf seinen pergamentähnlich gestimmten Blättern
mit dem Stifte gleich der Feder arbeitet. Leonardo bringt es sogar über sich,
maschinelle Entwürfe auf rosa gestrichenes Papier zu setzen.
Es sieht wie ein Zeichen des Verfalles aus, wenn Armenino des Silber* und
Messingstiftes bei Giulio Romano nur als Werkzeug zur Pausierung von Zeich*
nungen gedenkt (Precetti 85). Um 1681 spricht Baldinucci von dem Wort
«Stile» nur als von einer antiquierten Sache (qiiesta voce e usata ne' piü
antichi tempi. Voc. 158^. Allerdings dachte er hier nur an den Silberstift,
weniger an den Bleigriffel (Piombino), der zu seiner Zeit noch keineswegs
ausgeschaltet war.
Deutsche Von der Verwendung in der Miniaturmalerei abgesehen, tritt der Silberstift
*" • bei den Deutschen - deutlich wahrnehmbar — im 15. Jahrhundert in den
' Ein Zeichner (Silberstift) und ein Zuschauer (Bleigriffel), London, Brit. Museum,
Berenson 1345.
' Die Gesamtwirkung gleichmäßiger Patina wird häufig durch jene in späteren Jahr»
hundcrtcn erfolgten Retuschierungen der Lichter grob zerstört und das statt mit Eierklar
mit Gummiwasser aufgetragene Bleiweiß fällt durch seinen bläulichen Schimmer heraus.
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Abb. 37. Dürer, Selbstbildnis. Silberstift. Albertina. Ausschnitt.
Metallstiftzeichnungen. 95
Dienst der großen Kunst. Der Meister des Hausbuches, Holbein der Alte,
der junge Dürer (1484) bezeugen das gleichzeitige Auftreten an verschiedenen
Lokalschulen. Das Porträt ist vorherrschend und charakterisiert sich nach
1500 bereits durch Rötelaufputz auf Wangen, Augen, Ohren und Lippen.'
Im weiteren Verlauf, als durch Dürer der hohe Stil der Zeichnung geschaffen
war und der Silberstift so wie in Florenz zur Blüte hätte gelangen können,
drängten sich bereits modernere Zeichenmittel störend heran. Als Dürer 1506— Dürer.
1507 zum zweiten Male in Venedig weilte, dort die große breite Pinselzeich;
nung kennen lernte und sofort in den Studien zum Rosenkranzbilde anwandte,
mochte ihm das kleine feine Zeichnen auf glattem weißen Grunde recht alter*
tümlich vorgekommen sein. Und trotzdem erlebte der Silberstift auch durch
ihn in den Skizzenbuchblättern der niederländischen Reise,- in den Porträt*
Zeichnungen vom Jahre 1503, 1504, 1514, 1523, 1526 und einzelnen Detail*
Studien wie in dem Knabenkopf L. 247 eine technische Steigerung (Abb. 37).
Jene Prunkblätter auf grünem Grunde wie der Schmerzensmann von 1522
(L. 131), die Apostelstudien der Albertina von 1523 (L. M. 580 — 583) sowie
der in den Niederlanden entstandene lächelnde Alte auf grauvioletter Grundie*
rung (L. 289) wurden, wie erwähnt, der beabsichtigten breiten Ausführung
halber mit Bleizinngriffel gezeichnet.
Von Dürers Zeitgenossen kommen Hans Baidung und Lukas Kranach
in Betracht. Ein Anonymus von 1546 (Louvre 18869), Profilkopf, oder Porträts
von Sebastian Turk (1589—1666)-^ deuten bereits den Übergang zu Miniatur*
bildnissen an, dem ausschließlichen Gebiete, auf dem sich der Silberstift noch
weiterhin betätigte. Auch Embleme wurden damit gezeichnet, wie 1610 der
Augsburger Philipp Hainhofer berichtet: «hiemit underthenig eine kurtze ver*
zaichnus meines stammbuechs, auß welchem Ich in beigefüegetes büechlin mit
dem silbernen gestefft reyßen und abzaichnen lassen diejenige emblemata und
inventiones.»*
Bei den alten Niederländern scheint sich in der zweiten Hälfte des 15. Jahr* Niederlande,
hunderts der Silberstift, entsprechend der allgemeinen Kunstblüte, großer Ver*
Wendung erfreut zu haben, zumindest stoßen wir auf reicheres Material als in
Deutschland. Das Feinstricheln auf weißem, dickem Grunde — so erscheinen
uns alle Belege — stimmte ganz zu der Feinmalerei jener Jahre. Wieder sind
es Reste von Skizzenbüchern mit doppelseitiger Verwendung, einzelne Porträts,
viele Bildzeichnungen, die sich, weil meist Teilkopien nach Gemälden, schon
durch das Zusammenhangslose des Figürlichen als solche erkennen lassen.
Tatsächlich bestanden nur wenige der heutigen Kritik gegenüber die Probe der
Echtheit. Gegen die Jahrhundertwende dringen auch hier die modernen Mittel
durch und es ist belehrend, hiefür ein Beispiel aus der Malcolm * Kollektion
' Beispiele in den Skizzenbuchblättern Holbeins d. Ä. - Holbein d. J. bedient sich
der Kötelmodellierung auf Silberstift noch 1523; linke Hand zum Erasmus von Longford
Castle (Ganz, Handz. Hans Holbeins d. J., Berlin IV, 10).
- L. 55-58. 60. 64. 123. 147. 285. 286. 337-342. 404. 424-425. 439.
" Frankfurt. Stadel. Vgl. Bernhard Müller. Archiv für Frankfurt. Geschichte 1899.
VI. 111. Heft.
' Quellenschriften f. Kunstgesch. N. F. VI, 3i».
96
Metallstiftzeichnungen.
(London 541) herauszuheben, das einen betenden Mönch in Halbfigur darstellt,
dessen Kopf und Hände noch das feine Silberstiftmaterial, dessen Mantel und
Kapuze dagegen schon die rauhere Kreide aufweisen. Ebenso führt Lukas
V. Levden durch den Wechsel der Zeichenmittel in das 16. Jahrhundert ein.
Abb. 38. Silberstiftornamente über gelöschten figuralen Entwürfen.
Frankreich.
Skizzen:
bücher.
Wenn man nach dem verschwindenden Rest französischer Silberstift?
Zeichnungen schließen darf, so gleichen dieselben vollkommen den nieder*
ländischen. Feinste glatte Ausführung auf elfenbeinartiger Grundierung.^
Wenn hier die mehrfach erwähnten Skizzenbüchlein mit für Silberstift
präparierten Blättern im Zusammenhange eine Besprechung erfahren, so
' Eines dieser seltenen Blättchen publiziert in der Vas. Soc. IX, 25 als Jean Fouquet:
Bildnis eines päpstlichen Legaten am französischen Hofe. Aus dem Besitze Henry
Oppenheimer.
Metallstiftzeichnungen.
97
geschieht dies ihres häufigen Auftretens halber und weil sie gegenüber der
großen Masse gewöhnlicher Skizzenbücher in technischer Beziehung eine
Gruppe für sich bilden. Leider sind die meisten zerschnitten und zerstreut
und Beispiele wie jenes oberitalienische Exemplar um 1400 (Rom, Kupferstich?
kabinett) äußerst selten.^ Sie dienten den Gehilfen als Sammelstelle und dem
Meister zur Eintragung der außerhalb der Werkstatt empfangenen Eindrücke.
Noch Leonardo empfiehlt die mit Knochenmehl präparierten Büchlein als
Vademekum, um darin die auf der Gasse beobachteten Bewegungsmotive eins
zuzeichnen.- Wir wissen dies
auch von Dürer und anderen
Meistern und können aus den
noch bestehenden Resten bei*
derseitig grundierter und
bezeichneter Blätter den all*
gemeinsten Gebrauch erschlie*
ßen.^ Ja wir müssen annehmen,
daß, als die große Silberstift*
Zeichnung, die Künstlerzeich*
nung, schon aufgehört hatte,
das «Büchlein mit dem Stefft»
noch lange im Gebrauch war.
Man wird nicht irregehen, wenn
man die kleinen Porträtzeich*
nungen auf gelblich grundierten
Papieren, z. B. von Goltzius
oder dessen Schüler Jac. de
Gheyn, als Skizzenbuchreste auf*
faßt. Selbst Rembrandts doppelseitige Silberstiftblättchen mit Landschaften ge*
hörten einem solchen an,* und vielleicht hatte auch das Saskia* Porträt von
1633 einen derartigen Zusammenhang.
Die Pergament* Skizzenbücher mit grundierten Folien erachtete man als so
wertvoll, daß man bereits benützte Blätter neuerdings aufnahmsfähig zu machen
suchte. Dies hatte seine Schwierigkeiten; ließen sich auch die Metallspuren
durch Überstreichen mit dem nassen Pinsel verwischen, so blieben die Ver*
tiefungen an manchen Stellen noch sichtbar.' Hie und da erkennt man unter
Abb. 39. Schreib^Kalenderlein mit Messingstift, 1596.
' 132 X 97 cm. Die Grundierungsfarben der 30 Blätter sind rosa und gelblich
(giallognolo). Die Zeichnungen zeigen bereits leichte Lavierungen und weiße Höhungen
(Gallerie italiane V, p. 360).
- § 179: Trage darum ein kleines Büchlein bei dir, mit Blättern, die mit Knochens
mehl präpariert sind, und notiere dir derlei Bewegungen in Eile mit dem Silberstift.
* Chantilly, unter Quintin Matsys, auf weißer Grundierung, beide Seiten bezeichnet,
Kopfstudien.
* Berlin, Landschaften (L. 1. 13 und 14); London. Heselline, Figuren (L. 1.48, 49) und
Landschaftsstudien (De Groot, Nr. 1043). Die Maße wechseln zwischen HSX 8"l-8-2 cm.
^ Und wenn man es auslöschen will, braucht man nur mit einem weichen, in gewöhn»
liches oder Rosenwasser (en eau commune ou Rose) getauchten Pinsel tüchtig über den
Auftrag zu gehen (Maycrne Ms. bei Berger IV, 152, Nr. 55).
Med er, Die Handzeichnung. 7
Mehrfache
Benützung.
9S
Metallstiftzeichnungen.
Notiz=
büchlein.
den später eingetragenen Zeichnungen noch die Spuren der früheren Entwürfe.
Ein Beispiel dieses Vorganges bietet eine altniederländische Silberstiftzeichnung
um 1450—1470, aus der Abb. 38 eine besonders deutliche Stelle als Ausschnitt
gibt.^ Unter den später eingezeichneten Ornamentmustern erkennt man noch
die langen Faltenzüge stehender Figuren.
Eine andere Form von Neubenützung ergab sich durch das Überstreichen
gebrauchter Seiten mit neuen Farbschichten. Einen Beleg bieten die Skizzen*
bücher Jacopo Bellinis. Unter oder zwischen den mannigfaltigsten Studien
erscheinen bald da, bald dort orientalische Stoffmuster, welche selbst die neuen
Grundierungsschichten nicht
völlig verdecken konnten.'''
Als auch diese nur mehr
auf Reisen im Gebrauch ste*
henden Stiftbüchlein von den
j^K ^^^^^^^^^^^^B9H|L Malern als zu klein und
^^ ^^^^^^^^^^^^E^.yiiilP^^ wegen der Grundierung als
zu umständlich aufgegeben
wurden, finden wir sie nur
^^^^^^^^^^^^^^^^^ mehr — wie schon vorher —
f. ^^^^^^^^^^^^^^^H bei Gilden
verkehrals Notizbüchlein,
i ^^^^^^^^^^^^Cc.&^.Jlill'<l^^" ^^^ ^^^ ohne Kalender, in
' ^^^^^^^^^^^^^^mm^ einem gewissen Ansehen. Ein
derartiges frühes Exemplar
eines Miniaturkalenders von
|h 1596 besitzt Albert Figdor in
IIIIP Wien: «Alt vnd Newes
Schreib Calenderlein M.
Abb. 40. Lagerbüchlein mit Silberstift. Linz, Museum. Tohan. Praetorii verordne*
tem Astronomi zu Nürnberg /
Auffs Jar MDXCVI». In den Messingschließen steckt ein Messingstift und
am Schlüsse des Büchleins folgen 6 lichtgelblich, hart grundierte, dicke (d. h.
je 2 zusammengeklebte) Pergamentblättchen für allerlei nützliche Anmerkungen
(Abb. 39).='
Von ähnlichem Charakter ist das «Linzer Lagerbüchlein» aus dem
Schwanenstädter Fund, mit Eintragungen von Weineinkäufen des Paul Pierstl
in Niederösterreich aus den Jahren 1645—1659. Grundierte Pergamentblätter
und der noch gut erhaltene Silberstift bilden die Ausstattung (Abb. 40).^
Aus der gleichen Sammlung A. Figdor stammt ein etwas jüngeres Notiz?
büchlein mit Silbereinband, das im oberen Deckel einen nagelartigen, gleich*
zeitig als Verschluß dienenden Silberstift birgt. Die eingebundenen, dick
' Albertina, Inv. Nr. 7788, Rückseite, A. P. 503. Grundiertes Pergament, 12-2X21 cm.
* Golubew, bellinis Skizzenbücher II. Erklärungen zu den Tafeln 51, 74, 81 — 84 u.a.
* Sammlung A. Figdor. Nr. F 2930, 8X52 cm.
* H. Ubell, Der Fund von Schwanenstadt in: Werke der Volkskunst, Jahrg. I, S. 58.
Nach freundlicher Mitteilung des Autors.
Metallstiftzeichnungen. 99
mit Ockergrundierung versehenen Blättchen schließen wegen ihrer Kleinheit
jeden zeichnerischen Zweck aus und mochten, wie das Motto auf den Deckeln
lautet, eher Vereinszwecken gedient haben (Abb. 41).'
In völlige Vergessenheit ist die Silberstifttechnik nie geraten. Im Goldschmied? Miniatur»
handwerk, bei den Miniaturisten oder auch in Künstlerfamilien, wo sich ein bildnisse
derartiges Kuriosum samt Tradition von Geschlecht zu Geschlecht weiter ver* ^^^
erbte, und bei den noch im 17. Jahrhundert beliebten Rechentäfelchen- führten J^ "" •
die Metallstifte ihr Dasein noch lange weiter. Im 18. Jahrhundert, als die
Miniaturbildnisse wieder zu größerer Beliebtheit kamen, erlebte das Zeichnen
eine Art Wiedergeburt. Die kleinen holländischen Porträts des 17. Jahrhunderts auf
grundiertem Pergament traten in moderner Haltung wieder auf und gingen nun
Abb. 41. Notizbüchlein. Wien, Sammlung Figdor.
von Frankreich aus über den ganzen Kontinent. Man schätzte das Silber nicht StyIo=
nur als reinliches Material für Elfenbein, sondern zeichnete damit auf Tonpapier gr^pbie.
die feinsten Profilköpfchen mit zarten farbigen Lavierungen. Die Franzosen
nannten dies Stylographie.
Schon 1708 berichtet der «Traite de la Peinture en Miniature», daß man die
Übertragungen der großen Köpfe ins kleine Format mittels des Verkleinerungs*
apparates in der Weise besorgte, daß ein Silberstihchen (aiguille d'argent)
auf dem Pergament die Hauptkonturen absetzte. ' Sowohl dieser Vorgang als
auch das freihändige Zeichnen «mit einem Stift von Blei, Kupfer, Silber
oder Gold auf Pergament» empfahl sich, weil die Konturen, reinlich und
unverwischt, die Farben nicht beeinträchtigten.^ Oder man schuf mit Zuhilfe*
nähme von Bleistift (Graphit) und Wischer weiche Schatten und schabte die
Lichter mit dem Grattoir oder Bimssteinstängelchen heraus. Sanft lavierende
' A. Figdor in Wien, F 3577. Auf den beiden Deckeln die Schrift: «Sowol im Frieden
alls im Krieg Bhält einigkeit allzeit denn Sieg.» 36 X 56 cm.
^ «/ libbretij da conto che vengono d'Albmagnay> und deren Zurichtung bei Mayerne,
Berger. IV. S. 155, Nr. 58.
=* Traite de la Peinture 1708, p. 40.
* Constant Viguier, op. cit. p. 80. «-Le trait se fait avec im crayon de plomb. de cuivre
d'arqent oii d'or, qiii marqiie sans rayev sur ih'oire.^
7*
100 Metallstiftzeichnungen.
Pinsel vollendeten das Ganze. ^ Als Beispiele der letzteren Art seien hier
auch einige deutsche Namen genannt, die sich gewiß noch durch andere in
den übrigen Ländern vermehren ließen: Horneman 1797,- Steinhauer von
Treuberg 1801.^ In reiner Technik arbeitete besonders Anton Graff, der
dieselbe 1783 in Teplitz von einem reisenden Franzosen erlernt hatte und nun
selbst in Kurorten (Karlsbad und Teplitz) für je 3 Dukaten an die 300 ge*
zeichnet haben soll.-* Nach ihm scheint I. Peter Pichler (1765-1806) in
Wien derartiges Porträtzeichnen, jedoch in größerem Maßstabe, fortgesetzt
zu haben (Albertina).
Außer Porträts kamen im Beginne des 19. Jahrhunderts auf Dosendeckel
gezeichnete Landschaften in Mode, für welche die Einführung der Tonpapiere
(Papier plätre oder Papier pele) besonders willkommen war.
Moderne Die Präraffaeliten, die alle alten und reinlichen Handzeichnungsmethoden
Versuche, konform ihrer formalen quattrocentistischen Auffassung einzuführen suchten und
lebhafte Grundierungen, Gold* und Bronzehöhungen anwendeten, gaben den
Anstoß, daß in weiterer Konsequenz bei der nächsten Künstlergeneration wie
Legros, W. Strang, Shannon und M. Bone auch der Silberstift Einführung fand.
Strangs Akte und Figurenstudien und Bones Landschaften sind ganz hervor?
ragender Art und beobachten eine klare, scharfe Strichtechnik. Das große
Publikum stand diesem plötzlich wieder auftauchenden Kunstausdruck völlig
fremd und verständnislos gegenüber, besonders auf dem Festlande. Hier er?
zielten erst die Anregungen des «Büchlein vom Silbersteft, 1909», das sich zur
Aufgabe gestellt hatte, weitere Kreise für die alte und vornehme Technik zu
interessieren, einige Erfolge, aber auch nur ausnahmsweise und bei Graphikern.^
Eine Zeit, welche das Schaffen mit dem breitesten Pinsel, die kecksten Striche
und Farbenflecke als Hauptziel aller Technik aufstellte und nur ein Zeichnen
mit Stückkohle gelten ließ, war für die Haarlinien einer Silberspitze nicht
geschaffen.
' Ibidem p. 74 und 254 und 351: «Einige begnügen sich damit, ihre Skizze mit einem
Silberstifte (avec une aiguille d'argent) auf Pergament, dickem Papier oder Bristolpapier
zu machen, das mit einer dünnen Schichte weiß überzogen wird (couvert d'une imprime
tres legere ä h colle) und führen Schatten und Draperien mit demselben Stifte und manche
mal mit einem harten Bleistift aus, wobei sie die Zeichnung nur mit flachen Tinten kolos
rieren.»
'■' Albertina.
' Albertina, Inv. Nr. 6620.
* R. Muther, Anton Graff, Leipzig 1881 (Beiträge z. Kunstgesch.. Bd. 4, S. 110).
* Jos. Meder: Das Büchlein vom Silbersteft, Wien, Gerlach, 1909.
Breitzeichnende Stifte.
Kohle.
Reißkohle, Holzkohle, Zeichenkohle — Carbonc da disegnare (heute a carboncino) —
Charbon de fusain, Fusain — Buskool — Charcoal.
Vv enn die Erzählungen von dem Lydier Gyges, der am Feuer sitzend seinen Historisches.
Schatten an der Wand mit Kohle umzog, oder von Apelles, der vor den be^
wundernden Augen des Ptolomäus mit Kohle porträtierte/ auch nur legen*
darischen Charakter haben, auf das eine weisen sie hin, daß die zeichnerische
Verwendung gebrannten Holzes eine uralte war. Die hohe Entwicklung
griechischer Malerei wäre ohne ein so elementares und bequemes Zeichenmittel
direkt undenkbar. Und Wandkritzeleien in Pompeji bezeugen, daß ein Stück
Kohle von der Feuerstätte immer wieder mehr oder weniger geschickte Natur*
Zeichner hervorbrachte. Horatius gebraucht die Redensart «Proelia rubrica
picfa aut carbone» (Sat. 2, 7, 98), oder er stellt Kohle mit weißer Kreide zur
Bezeichnung von etwas Unbedeutendem, leicht Tilgbarem zusammen: «sani
ut creta an carbone notandiy>. Die Bequemlichkeit, durch leichtes Wegwischen
und rasches Neuzeichnen das unentbehrliche Korrigieren zu erzielen, das stete
Zuhandensein des billigen Materiales — in jedem Hause gab es eine Feuer?
Stätte für Holzkohlen — waren gewiß Ursache, daß die gewöhnliche Meiler/
kohle schon so früh zu dem wichtigsten Zeichenrequisit für jede Art von
Entwürfen erhoben wurde.
Von Kohlenbrennern lernte man das Verfahren, handliche, stiftartige und den Erzeugung,
richtigen Härtegrad aufweisende Stängelkohle zu erzeugen. Nach Anweisungen
alter Malerbücher zu schließen, besorgten die Künstler diese Angelegenheit
selbst. Das Handbuch vom Berge Athos widmet ihrer Bereitung ein ganzes
Kapitel- und ebenso geben Cennini, Baldinucci und viele andere genau
Bescheid.^
' Plinius, Nat. hist. XXXV, 89. - Oder der Kallirrhoe, Tochter des Dibutades, eines
sikyonischen Töpfers, die den Schattenril^ ihres scheidenden Geliebten an die Wand
zeichnete.
'^ Das Handbuch der Malerei vom Berge Athos, übersetzt von Godeh. Schäfer, Trier
1855, S. 51, § 2. — Die zeitliche Richtigstellung dieses wichtigen Werkes bei H. Brockhaus.
Kunst in den Athosklöstern, Leipzig 1891 und bei J. v. Schlosser, Materialien zur Quellen;
künde I, 15.
' Cennini, K. 33. — Baldinucci, Voc. 28.
102
Breitzeichnende Stifte.
X'erwendete
Holzarten.
N'erwendung
beim
Entwerfen
In den griechischen Klöstern nahm man feines Nuß# oder Myrtenbaums
holz/ mit dem Beil in dünne Stücke gespalten und hernach mit dem Messer
auf federdicke Stiele geschnitten. In der Schule des Agnolo Gaddi und
noch weiter zurück bis auf Giotto wurden Weidenstäbe, trocken und schlank,
in spannelange Stücke geteik und vor dem Brennen mit Kupfer* oder
Eisendraht zusammengebunden.^ Später verwendete man Pflaumenholz ^ und
im 18. Jahrhundert das Holz vom Pfaffenhütlein (Charbon de fusain), der
Linde und Birke,^ im 19. wieder von der Weide.^ Der Verkohlungsprozeß
fand ohne jeden Luftzutritt entweder in einern Topf, der oben
mit Lehm verschmiert wurde, oder gleich in einem Lehmklum*
pen, der sämtliche durch einen Draht verbundene Liolzstängel*
chen gut eingeschlossen hielt, bei langsamem Feuer oder in
der Nachglut eines Bäckerofens statt (Abb. 42, nach selbstver*
fertigtem Modell). Allmähliches Abkühlen in der Erde oder
in kalter Asche vollendete die Prozedur.*' Das Spitzen erfolgte
durch Reiben auf einem Ziegelstein.
Diese Methode der Erzeugung von Reißkohle erhielt sich,
von kleinen, mehr oder weniger praktischen Abweichungen ab*
gesehen,^ durch Jahrhunderte hindurch, selbst bis auf unsere
Tage. Ein Haupterfordernis war, zu verhüten, daß die Kohle
weder zu hart noch zu weich werde; «ist sie zu stark gebrannt»,
sagt Cennini, «dann haftet sie beim Zeichnen nicht und zer*
splittert in viele Teile ».^ Gautier de Nismes hält diejenigen,
die klingen, wenn man sie auf den Tisch wirft, für die besten.^
Die Kohle wurde für alle Jahrhunderte das brauchbarste
Instrument der Komposition und der Studienzeichnung. Ihre
natürliche Befähigung, leichte, energische und satte Striche im
großen und kleinen Maßstabe hervorzubringen, die mit einem
Lappen ebenso rasch und leicht beseitigt werden konnten, kam
der produzierenden Phantasie wie kein zweites Zeichenmaterial
zu statten (Abb. 51). Mit der in ein Schilfrohr (Cannuccia,
Kohlrohr) gesteckten oder an ein Stäbchen gebundenen Stän*
gelkohle, «damit man in einiger Entfernung stehen kann, was beim Kompo*
nieren helfe», entwarf man schon zur gotischen Zeit auf Wänden und Holz*
Abb. 42.
Weidenstäbchen
zum Brennen
vorbereitet.
' Handbuch vom Berge Athos, p. 51: Ximoxuniäg )] /nvqaCvrig.
* Cennini. K. 33. - Excellency empfiehlt 1688 Weidenkohle (Sallon coals), Part I,
K. III. 11.
' Volpato Ms. c. 1700: «i7 susin ed iJ salice-»; in Merrifield, op. cit. II. 752. - Lomazzo,
Tratt., p. 192: «Carfcone del salce ö del roncagno».
* Gautier, op. cit, p. 10. — Description des arts et metiers, Paris 1761, I, p. 8: «pour
ce petit usage le charbon de fusain merite la pre/erence».
" Watclet. Dictionnaire I, 544.
'' Handbuch vom Berge Athos. p. 52.
So werden nach Volpato die Stäbchen in einer luftdicht geschlossenen, alten Eisens
röhre geglüht (Merrifield II, 752).
" Cennini. K. 33.
•' Gautier, op. cit. p. 10.
Breitzeichnende Stifte. 103
tafeln; ebenso zeichnete man die Umrisse für Federzeichnungen und Minia*
turen, «es sei auf Papier, Täfelchen oder auf mit Gips grundierter Tierhaut»
(Cennini, K. 33 und 122). Insbesondere war die fiolzkohle den Versuchen
der Lehrlinge willkommen, «dien? und nützlich», wie es in der Anweisung
zur Mahler* Kunst heißt, «weil alles vielmals wieder ausgelöschet und ver«
bessert werden kann» (S. 213). Die früheste Vorschrift Cenninis, wie z. B.
jene, daß man Silberstiftzeichnungen immer mit Kohle vorreißen solle, mochte für
für seine Zeit noch ihre Richtigkeit haben, war aber technisch nicht bedingt.^ Silberstift,
So zeigt das Selbstporträt des dreizehnjährigen Dürer alle Entwurfslinien nur
in Silberstift, die, weil schwer zu entfernen, heute noch deutlich sichtbar sind.
Man vermied Kohle vom Standpunkte der Sauberkeit, besonders bei Weißgrun*
dierung. (Abb. 37.)
Bei Federzeichnungen dagegen, Kompositionen wie Naturstudien, beobachten für Feder,
wir Spuren alter Entwurfslinien in Kohle fast regelmäßig. Das lag in der
Natur der Sache. Der Silberstift zeichnete vorsichtig tastend und strichelnd,
die Feder wurfsweise oder schon Bestimmtes ausziehend; sie war auf die
«Blindstrich» der «Reißkol»- angewiesen. Mit der Fahne einer Feder
wurde nach dem Auszeichnen der Umrißlinien das Papier gereinigt. ^ Aber
es blieben immer noch Spuren sichtbar (Abb. 279); bisweilen so stark, daß
die Federzüge fast verdeckt werden (Pisanello, Skizzenbuch III, Taf. 205).
Es gab auch Künstler, welche die Entwurfslinien in Kohle absichtlich stehen
ließen und darüber zeichneten, um das Leere zwischen den Federstrichen tonig
zu gestalten (Leonardo, Jüngling mit Speer und Horn;^ regelmäßig bei
Solario).^
Vor der Einführung des Kartons gestaltete sich das Kohleentwerfen auf bei Fresko;
Wandflächen und grundierten Tafeln höchst einfach, indem man eingelernte ""^ TakU
Figuren gleich auf die großen Flächen setzte. «Wenn die Tünche trocken ist, ' ^'^"'
so nimm die Kohle und zeichne, komponiere und triff wohl dein Maß ...»
(Cennini, K. 67). Ebenso beschreibt derselbe, «wie man zuerst mit Kohle
auf der Bildtafel zeichnet und dann mit Tinte schärfer markiert» (K. 122).
Von Vorzeichnungen zur Übertragung ist noch keine Rede.
Als in der Folgezeit das Fresko sich organisch aus Skizze, Vorzeichnung bei
und Karton aufbaute, besorgte die Kohle fast bei allen drei Vorstufen die I^artons,
Arbeit (Abb. 246). Insbesondere war das Zeichnen der oft viele Quadratmeter
umfassenden Kartons ohne Kohle nicht mehr denkbar (siehe Kap. «Karton»).
Die überlebensgroßen Figuren bedingten einen breiten Kontur und rasches,
grobes Herausarbeiten der Plastik. Dagegen konnten bei der Tafeb und
Leinwandmalerei ingeniöse Künstler auf den vorgeschriebenen Karton eventuell
• K. 30: Wie man auf Papier mit Kohle zu zeichnen anfangen mu(^, das Maß von
einer Figur zu nehmen und mit dem Silberstifte zu verstärken hat.
"^ Rodler, Underweisung, K. I\'.
' Vas. Mil. I, 175. — In der Excellency 1688 werden Entenfedern empfohlen: <^a feather
of a Ducks wing, with which you may wipe out at pleasure, what you desire to alter in your
Draught», Chap. III. II.
* Müller AValde, Leonardo da Vinci, Abb. 36.
» J- Mcder, Andrea Solarios Ilandzcichnungen (Mitteil. d. Gesellsch. f. vervielfältigende
Kunst, Wien 1913, Nr. 2).
104 Breitzeichnende Stifte.
verzichtleisten, wenn sie ihre flüchtig skizzierte Kompositionsidee mit Kohle
direkt auf" der Fläche ausgestalteten und dann mit dem Piombino, Kreide oder
einer dünnen Pinselfarbe nachzogen.'
bei Teib Wenn wir aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts oder gar von früher keinen
Studien. Beleg für Teilstudien in Kohle überkommen haben, so lag die Ursache
erstlich in der Bevorzugung einer reinlich ausführenden Kunstweise und zweitens
in dem Übelstande, die so leicht verwischbaren Kohlezeichnungen nicht fixieren
zu können, so daß sie verdarben. Aber gewiß haben sie bestanden. Konnte
man damit Kartons zeichnen, so wird man sie auch bei Kopfs, Figuren* und
Draperiestudien versucht haben. ^
Fixieren. Erst nach der Einführung guter Fixagemittel darf man von erhaltenen
Kohlezeichnungen reden (siehe Kap. Fixagemittel). Der um 1470 von
P. Pollaiuolo gezeichnete Kartonkopf für seine Fides zeigt noch das stark vers
wischte Bild erst später fixierter Kohle ^ und ebenso zwei interessante Madonnen*
entwürfe Verrocchios.* Wohl erst gegen Ende des Jahrhunderts möchte ich für
Italien die allgemeine Kenntnis, Kohleteilchen mit Gummisubstanz im Papier
zu befestigen, als sicher annehmen, ebenso für Deutschland, wie Dürers Kopf*
Studien von 1503 beweisen.
Dann aber gingen Kompositionen und Detailstudien Hand in Hand und an
Stelle der so sorgfältig gepflegten Zeichnungen, wie wir sie in der Verrocchio*
und Botticellischule sehen, erstanden im Laufe eines Jahrhunderts im Norden
Venedig. Italiens völlig neue Zeichnungstypen. In Venedig erwuchs jenes furiose Zeich*
nen mit breiter Kohle, angebahnt von Tizian,^ von Tintoretto fortgeführt
bis zur Grenze des Möglichen.'' Bei seinem feurigen Drang nach kühnen
Bewegungen und Skurzi war Kohle der willfährigste Behelf. Wenn daher der
Zeichnungsstil Venedigs durch Michelangelo Tadel erfuhr, so bezeichneten
seine Worte nur den scharfen Gegensatz einer älteren und neueren Zeit und
die Änderung der Zeichenmittel. Leider ist das erhaltene Material, fast durch*
wegs auf blauem oder bräunlichem Papier, ein sehr geringes. Wir können
uns vorstellen, wie wenig Tintoretto oder andere eine unfixierte, verwischte
Kohlezeichnung achteten. Wurden sie nicht gerade von Liebhabern dem Ver*
Bologna, derben entrissen, fanden sie wenig Gnade.'' Mehr findet sich bei Barocci und
den Carraccisten. Guido Reni, Domenichino, Guercino haben uns manches
Interessante hinterlassen, wenngleich es angesichts der großen Fruchtbarkeit die*
ser Schule nur einen kümmerlichen Rest bedeutet. Siehe Teil IV, Schädigung.
' Bei den Pollaiuoli haben sich beide Fälle aus der Zeit um 1470 erhalten: Ant.
Pollaiuolo, Caritas, Uff.; P. Pollaiuolo, Kartonrest zur Fides (Berenson, Taf. XIX).
Vasari erwähnt in seinem Besitze eine allerdings später fallende Zenale 'Zeichnung,
einen hübschen weiblichen Kopf mit Kohle und Bleiweiß. Vita Bramante.
' Berenson, Taf. XIX oder I Disegni degli Uffizi, Ser. I, Fase. III, Taf. 11.
* Ibidem, Ser. I, Fase. III, Taf. 3 und 4. — Thiis schreibt sie in «Leonardo» dem Alumno
di Andrea zu.
' Reiter für die Schlacht von Cadore, die Zeichnung fällt zwischen 1516 und 1537
f Oxford. Univ G.); ferner Z. a. M. Berlin. T. 84. - Auch Bordone macht Detailstudien
in Kohle.
* I Disegni degli Uffizi I, Fase. II, 17.
' Malvasia I. 467.
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:^
Abb. 43 Deutscher Meister um 1520, Kohlebildnis. Albertina. Ausschnitt.
Breitzeichnende Stifte. 105
Nach jener Zeit trat sie wieder zu ihrer ureigensten Bestimmung: zur
Kompositions= und Kartonzeichnung zurück, zumal überall durch den Einfluß
der Akademien eine Neigung zur korrekten Zeichnung sich bemerkbar machte.
Um 1759 konnte Gottsched in seiner Redekunst den Vergleich gelten lassen:
«Wie bloszer Kohlenrisz noch keinen vergnüget, so . . .»^
Eine Gruppe für sich bilden die halb oder ganz lebensgroßen Porträt* Bildnisse,
köpfe; war doch zu dem Abringen der Ähnlichkeit die leicht korrigierbare
Kohle wie geschaffen. Wenn wir aber trotzdem in Italien nur andeutungsweise
Belege erhalten haben, so mag dies wieder auf die geringe Sorgfalt der Konser*
Vierung zurückzuführen sein. Dagegen steht in Deutschland Dürer als Kohle*
porträtist einzig da. Daß er die Anregung dazu in Venedig gefunden, läßt
sich aus seinem ersten Aufenthalte nicht nachweisen und ist auch nicht wahr* Dürer,
scheinlich. Schon 1503 zeichnet er den Kopf eines Jünglings (Wien, Aka*
demie, L. 426) und seinen Freund Pirkhaimer (L. 376). Das Bildnis seiner
Mutter 1514 sowie einige Bildnisse aus den Niederlanden erregen wegen der
Prägnanz des Ausdruckes, der linearen Sicherheit und Einfachheit alle Be*
wunderung und bedeuten einen technischen Erfolg, der das Kohlebildnis zu
einem selbständigen Kunstprodukt erhob. ^ Der Meister B. B. (1503 — 1513),
Schäufelein 1516 (A. P. 124), H. Funk sind mehr oder weniger Nachahmer
(Abb. 43, Ausschnitt).
Auch Teilstudien treten in Deutschland nur selten in Kohle auf. Außer
den spärlichen, trefflich gezeichneten Vorarbeiten M. Grünewalds konnte ich
nur wenig mehr auffinden. Gerade für dessen Kunstweise war diese Technik
zur Entfaltung von Kraft und Plastik geeignet.
Bei Entwürfen für Federzeichnungen spielt die Kohle dieselbe Rolle wie in
Italien. «Und diß sol mitt linden kolen gemacht sein, damit man jnen abthun
vnd ausleschen möge vnd nit eyn ieder sehe wie der (kol) gebraucht worden.»'^
Bei Dürers frühen Zeichnungen, wie z. B. bei den Schlofknsichten oder der
Venezianerin mit dem Schuh, sind die «Blindlinien» noch deutlich sichtbar.
Trotz des Mangels früher literarischer Quellen muß für die Niederlande Niederlande,
ein ähnlicher Verlauf wie bei den Deutschen angenommen werden. Zuerst
die Skizzierkohle für Feder, später für Kreide und Rötel und im Beginne des
17. Jahrhunderts als Novum die fixierende Ölkohle (siehe folgenden Abschnitt:
Ölkohle). Für einzelne Meister finden sich direkte Hinweise auf vollwertige
Verwendung reiner Kohle auf Naturpapieren. Nach Mander (II, 145) zeichnete
Spranger (f ca. 1608) vor seiner italienischen Reise met kool en crijt (weiße
Kreide) op hlaeu papier. Als typischer Kohletechniker sei Paul Potter hervor*
gehoben, der auf bräunlichem Papier Tierstudien und vollendete Kompositionen
ausführte (Abb. 121, 198).-*
* Gottsched, Redekunst 261.
* In Dürers Tagebuch (Lange und Fuhse) lesen wir wiederholt: «Mit dem Kohln con=
terfet» (S. 125), «Das thät ich mit dem Kohln« (S. 176) u. a. m.
=" Rodler, Underweisung. K. III - «oder tuo ein riß mit linden kolen», ibid. K. I\'.
* Die Albertina besitzt vier charakteristische Stücke: Viehweide A. P. 498. Kalbende
Kuh A. P. 303, Kopf eines Rindes A. P. 159 und Abb. 19S; ein gutes Kohleriicrstück
auch in Oxford (Oxt. Dr. 111, 32).
106 Breitzeichnende Stifte.
>\\t anderen Daß die Kohle auch andere Zeichenmittel heranzog, um plastisch zu wirken,
Zeiehen^ Jart nicht wundernehmen. Schon die Höhung war bei gegründeten oder in
mitteln. j^^. s^ij^^tanz gefärbten Papieren eine selbstverständliche Forderung. Gerne
benützte man die Rotgrundierung der Skizzenbücher (Pontormo). Baroccio,
ein hervorragender Kohlezeichner, bediente sich, um eine farbige Wirkung zu
erzielen, noch des Rötels oder der Pastellstifte, weiß, rot und gelb, auf blauem
oder rötlichem Papier; ebenso Guido Reni. Ähnlich in Deutschland. 1522
finden wir Kohleköpfe von Wolf Huber auf roter Grundierung (A. P. 716).
Auch die Verbindung mit Farbstiften (Rötel und Ocker) kehrt hier wieder
(Lukas Kranach, Niklas Kilian 1541). Eine seltene Kombination ist Kohle mit
Braunstift (Braunkohle) bei Dürer: Varnbüler«Porträt, L. M. 578.
In den letzten Dezennien des 19. Jahrhunderts, wo die modernsten Kunst*
bestrebungen das blitzartige Erfassen eines Körpers in Ruhe oder Bewegung
und die Gesamtimpression einer Darstellung als das vornehmste Ziel aller
Zeichenkunst erkannt haben wollten, kam die Verwendung der Stückkohle in
Mode, um Schattenflächen in breitester Form anzulegen.
Fettkohle, Ölkohle.
Eingeölte Kohle — Buskool in Lijnoly, Gheolyde Kool.
Allgemeines. Zeichnungen in Fettkohle scheinen nicht allein wegen ihrer Seltenheit,
sondern auch infolge mangelnder Kenntnis dieser Technik eine abseits
liegende Gruppe zu bilden, wiewohl sie nur eine veränderte Kohletechnik auf*
weisen.' Ab und zu begegnet uns ein Blatt in Sammlungen oder Auktionen,
ohne daß dessen Technik in den beschreibenden Katalogen seine Beachtung
gefunden hätte, wohl nur aus dem Grunde, weil dieselbe ihrem Wesen nach
heute in völlige Vergessenheit geraten ist. Und doch erzeugen ihr breiter,
weicher Duktus, ihre saftig * schwarze Farbe, die vergilbende Wirkung des öl*
gehaltes in und außerhalb der Strichsphäre schon ein äußeres charakteristisches
Bild, das sich, einmal gesehen, durch das Frische und Unmittelbare eines
Primaentwurfes dem Auge sofort lebendig einprägt (Abb. 51). Die Anzahl
der Studien in Fettkohle ist deshalb eine bescheidene, weil nicht jedem Maler
auch die Sicherheit der Form zu Gebote stand. Hoogstraeten empfiehlt sie
ausdrücklich, um das Urteil des Auges und die Kühnheit der Hand zu fördern.^
Köpfe, Akte und Halbfiguren bilden in der Regel den Inhalt, seltener Land*
Schäften. Zur Fettkohle gehörte ein weiches, saugendes (also nicht grundiertes)
Papier, man wählte gerne die grobfilzigen in Blau und Braun.
' In Beschreibungen liest man fast immer Fettkreide, ein Ausdruck, der keinen Sinn
ergibt. Denn Steinkreide läßt sich nicht mit Öl tränken; auch wochenlange Bäder in
Leinöl erwiesen, daß kein Fett aufgenommen wurde. Ausdrucksweisen wie «Pierre noire
hempee dans Ihuile-» oder «-Oliekrijb^, wie wir in französischen und holländischen Katalogen
lesen, bedeuten daher eine sachliche Unmöglichkeit. Es findet hier offenbar eine Vers
wechslung von Kreide und Kohle statt. Ich verwende daher als einzig richtige Bezeichnung
Fettkohle oder Ölkohle. Grimms Wörterbuch kennt zwar das Wort Fettkohle, aber
nur im Sinne von Glanzkohle, und «Ölkohle» wird nicht erwähnt. Für Italien gelang
es mir nicht, einen älteren technischen Ausdruck ausfindig zu machen.
^ Hoogstraeten, Inleyding, S. 32.
Breitzeichnende Stifte. 107
Das Fixieren der Kohle hatte für die Alten immer seine Umständlichkeiten. Erfindung
Es war daher eine im Atelier gewiß zufällig erworbene Erfahrung, daß Stängel« und
kohle, in Leinöl getaucht, nicht nur geschmeidiger und satter sich aufstreiche, Herstellung,
sondern auch eine solidere Konsistenz erhalte, sehr willkommen. Ich könnte
mir ganz gut vorstellen, daß eines Tages ein Maler oder sein Gehilfe beim
Kochen von Leinöl mit der meist in einem langen Rohr steckenden Kohle
umgerührt habe und dann beim zufälligen Zeichnen auf die nun eingetretene
vorteilhafte Veränderung gekommen sei. Außerdem bestätigt die bei Volpato
(vor 1700) kurz angedeutete Notiz, daß man frischgebrannte Kohle mit
gewöhnlichem öl einfette, damit sie sich nicht verwische, obige Vermutung.^
Die Herstellung selbst überliefert Hoogstraeten um 1678 in folgender Weise:
«Leg den welbeproefde lange pennen Buskool een uur of twee in Lijnoly en strax
afgedroogt, zoo teyken uwe naekten of stokbeelden leevensgrot na't leeven. En
deeze teykeningen zullen ook niet licht afstuiven.»^ Leinöl empfiehlt auch eine
spätere deutsche Quelle: Anweisung zu der Mahler*Kunst vom Jahre 1745,
in welches «die beste und schmeidigste Reiß#Kohle, schon gespitzt zu legen ist,
und zwar ein paar Stunden zuvor, ehe man sie brauchen will. Herausgenommen,
wird sie mit einem Tüchlein um der Sauberkeit willen abgetrocknet und als*
bald gebrauchet. Denn wenn man sie lange außer dem Ol liegen läßet, so
werden sie bald untüchtig und hart» (S. 217). Ob es gerade notwendig, die
Kohle ein oder zwei Stunden in Leinöl zu tränken, darüber entscheidet einzig
und allein die Erfahrung. Die Versuche, welche ich nach dieser Methode
anstellte, ergaben natürlich verschiedene Resultate, je nach der Länge der Zeit,
nach dem Grade der darauf folgenden Auftrocknung an der mehr oder weniger
warmen Luft und nach dem Dichtegrad der Kohlenstifte selbst. Fettkohlen,
welche ich nach einem halben Jahr wieder benützte, hatten bereits den fetten,
samtartigen Strich verloren und bröckelten leicht ab. Daraus resultiert, daß die
frisch zubereiteten auch tatsächlich den besten Effekt erzielen. Nicht zu emp*
fehlen ist dickgewordenes Leinöl.
Man erkennt die mit Fettkohle geschaffenen alten Zeichnungen leicht an Merkmale,
dem zu beiden Seiten der Striche laufenden Fettrand, der im Laufe
der Jahre bräunlich geworden ist. Hatte die Kohle zu viel Ol aufgenommen
oder war sie nicht entsprechend abgetrocknet, gab sie den Überschuß an das
Papier ab. Da zu jener Zeit meist das rauhe Naturpapier benützt wurde, rieb
sich die Kohle an den erhabenen Stellen zu kleinen Pünktchen ab, von welchen
jedes einzelne unter dem Vergrößerungsglas einen Fettkreis zeigt. Diese Fett*
kreise wieder schließen sich an dichteren Stellen derart zusammen, daß sie eine
bräunliche Unterlage der schwarzen Striche bilden, so daß, besonders auf
' Ms. Volpato, Merrifleld II, 753: «quäl fatfo si unge con olio comune, aciö che
adoperato non si cance/j». — Baldinucci, Voc. 28, spricht in dem Artikel carbone kein
Wort über Fettkohle, wiewohl uns gerade die Bolognesen die meisten Beispiele hinter^
lassen haben.
* Hoogstraeten, Inleyding, p. 32: «Lege ein wohlausgesuchtes langes Stängelchen Hol2>
kohle ein oder zwei Stunden in Leinöl und trockne es rasch ab. So zeichnet eure .\ktc
und Modelle nach der Natur in Lebensgröße. Und diese Zeichnungen werden auch nicht
abstauben.»
108 Breitzeichnende Stifte.
blauem Papier, die ganze Zeichnung wie mit einem stumpfen Olivgrün aus*
geführt zu sein scheint (Abb. 44). ^ Am sichersten erkennt der Nichteingeweihte
die Fettkohlezeichnung an der Rückseite, auf der sämtliche Konturen durch*
gedrungen und in einem leichten Braun erscheinen.
N'orkommen Diese bedeutende Verbesserung der sonst beliebten, aber wenig haltbaren
in Italien, Kohle, welche heute der Künstlerwelt völlig abhanden gekommen und neuer*
dings auf das beste zu empfehlen wäre, läßt sich bereits nach 1550 konstatieren,
und zwar zuerst in Italien. Fast möchte man annehmen, daß sie bei den
N'^enezianern in Mode gekommen sei. Für Tintorettos Hand war sie beson*
ders geschaffen, denn sie erzeugte noch breitere und kraftvollere Striche als die
gewöhnliche Kohle."- Ihm folgten die Bassani und andere. Von Venedig aus
— um 1580—1582 waren Agostino und Annibale Carracci in der Seestadt —
mochte die Fettkohlemanier nach Bologna gekommen sein, denn nun zeichnen
Meister und Schüler damit um die Wette. Die Carracci, Guido Reni,
Domenichino,^ Guercino, G. Cavedone schufen Akte und Draperien,
selbst Landschaften, meist auf grauem Naturpapier, seltener auf blauem. Auch
solche, welche der Schule den Rücken wandten, wie Pietro Faccini (1562 — 1602),
hielten noch an dem Brauch fest. In Florenz treten einzelne Maler wie
G. B. Naldini (1537 — 1591) für die Fettkohle ein, aber ohne Nachfolge.
in Deutsch; Bei den Deutschen tritt sie nur bei Nachahmern auf. Leute wie der
land, Monogrammist L. S. 1572 (Lorenz Stör?), von dem sich Zeichnungen auf blauen
und falbgrauen Papieren mit starken Fettflecken in Erlangen erhalten haben,
scheinen den Gebrauch in Venedig gelernt zu haben. In Kombination mit
Tinte bei Hans Hugo Kluber (1576)."^
in den Rubens,^ Van Dyck, Jordaens und Salaert schätzen als Breitzeichner
Nieder; gleichfalls diese Technik. Ebenso der Rubensnachahmer Theodor Boeyer*
landen, ^ans (1620—1678), der mit gewöhnlicher Kohle entwirft, mit Fettkohle fertig
zeichnet, wie Teniers, der sie zum Entwerfen von Landschaften benützt (Albers
tina). Von den Holländern nenne ich zuerst Goltzius (1606), von dem
auch Mander erzählt, daß er «op groofe doecken (Leinwanden) met gheolyde
kool oft swart cvijt» zeichnete.'^ Ferner Blumenstücke von Huysum, Figuren*
Studien von Johannes Vermeer,^ Com. Zaftleven, Esaias van de Velde,
A. v. d. Werff, De Gheyn, G. Terborgh, Landschaften von Joris van der
Hagen, die mit Tusche laviert wurden, Kompositionen von Abr. Diepraem
u. a. m., um nicht mit weiteren Namen zu ermüden. Späte Spuren erscheinen
noch bei Cornelis Troost (A), als Vorzeichnung für Pinseltechnik. Die größte
Verwendung der Fettkohle fällt demnach in das 17. Jahrhundert, in die Blüte*
' Ausschnitt aus Inv. Nr. 2357. 23x20-2 cm.
'■' Siehe I Disegni degli Uffizi I, Fase. II, 13.
' Erlangen, Studie zum Triumph der Diana.
* Basel, U. 4, 38. Federzeichnung in brauner Tinte auf blauem Papier, mit Fettkohle
schattiert.
" Ein charakteristisches Beispiel für Rubens bietet ein Akt zur Kreuzerhöhung in
Oxford (Oxf. Dr. III, 20).
'' Mandcr^Floerke II. 242.
' Frankfurt i. M., Stadel, zugeschrieben (Stadel ; Publikation XIII, 10).
Abb. 44. Quercino. Engelkopf in Ölkohle. Albertina.
Breitzeichnende Stifte. 109
zeit holländischer und vlämischer Kunst. Maler wie Joh. Heinrich Roos,
die in Holland lernten, bringen die Anwendung nach Deutschland wieder
zurück, wo sie nur mehr sparsam auftritt. Nichtsdestoweniger empfiehlt sie
der Anonymus der bereits genannten Anweisung für grundierte Papiere als
ein «sehr nutzes Zeug, und ist auch mehr zu großen und ansehnlichen Bildern
als zu kleinen und subtilen Dingen dienlich. Dienet daher, große Gemähide,
darinnen ganze Stellungen vorhanden, zu zeichnen».^
Bei den Franzosen kam die Fettkohle, wie die wenigen Beispiele uns in Frank»
belehren, dem frühzeitigen Gebrauch der Kunstkreide gegenüber nicht recht reich,
auf. Louis Le Nain (A., Nr. 11195) verwendete sie mit Steinkreide in ein
und derselben Studie. Der Unterschied der Färbungen läßt beide leicht aus*
einander kennen. Die geringe Tiefe der Steinkreide war wohl Ursache, daß
man oft zur Pointierung der schweren Schatten die Fettkohle heranzog. Auch
Berchem tat dies in einzelnen Landschaften und setzte auf Kreidezeichnungen
mit Rötelaufputz noch tiefschwarze Drucker, um damit ganz eigenartige Effekte
zu erzielen. '^
In vollständige Vergessenheit kam diese durch mehr als zwei Jahrhunderte
geübte Zeichentechnik, als die Kunstkreide (Pastellschwarz) immer mehr Ver*
breitung gewann.
Schwarze und weiße Kreiden.
1. Steinkreide.
Schwarze Naturkreide, Schwarze Kreude — Terra nigra, Pietra nera, Lapis nigcr, Lapis
nero oder kurz Lapis, Matita nera — Lapiz negro — Pierre noire, Pierre dltahe — Zwart
krijt (swart crijt) — Italian chalk.
Uie schwarze Kreide^ oder Steinkreide bildete anfänglich in alleiniger
Verwendung, später in Verbindung mit Rötel und Weif^kreide eines der hervor*
ragendsten Zeichenmittel, das sich sowohl gegen die konkurrierende Kunst*
kreide, als auch gegen den um die Mitte des 17. Jahrhunderts sich verbreitenden
Graphit siegreich behauptete und erst in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts
aufgegeben wurde. Die Steinkreide, gewöhnlich Naturkreide (pietra nera)
genannt, eine weichere, bergmännisch gewonnene Tonschiefermasse,' die sich
in vierkantige Stängel zersägen läßt, ist heute außer Gebrauch und Handel
' Anweisung zu der Mahler s Kunst 217.
^ Catalogue de Dessins, F. Müller, Amsterdam, Juni 1912. Nr. 12 u. 12" und Abbild,
planche 2.
" Schwarze Kreide (Tonschiefer) wird im Feuer rot, so da(^ man sich derselben als
Rötelkreide bedienen kann. (Krünitz, Enzyklopädie, T. 48, S. 483.)
* In der Mineralogie Zeichenschicfcr, Schieferschwarz, schwarze Kreide genannt, weich
und erdig, sehr kohlereich, heute gewonnen in Thüringen, Obertranken und Andalusien.
— In vollständiger Verwirrung aller schwarzzeichnenden Mittel wird um 1789 auch der
damals in Brauch stehende und Reiß-. Schreib« oder Wasserbley. schwarzes Bleywcili
benannte Graphit mit der schwarzen Steinkreide verwechselt und als schwarze Kreide
aufgefaßt. (Krünitz. Enzyklopädie T. 48, S. 485.)
110 Breitzeichnende Stifte.
gesetzt, da der seinerzeit bestehende Großbedarf an den Akademien völlig
aufi^ehört hat. Es verursachte große Mühe, noch Probestücke aufzutreiben. ^
Eigen; Da der heutige Sprachgebrauch unter schwarzer Kreide nur mehr die Kunst*
schatten. J^reide (Pariser Kreide) versteht, muß im vorhinein betont werden, daß sich
Natur* und Kunstkreide in allem und jedem unterscheiden, nicht bloß in Her«
kommen und Erzeugung, auch in Aufstrich, Farbe und Wirkung, und daß bei
Kreidezeichnungen der früheren Jahrhunderte im großen und ganzen nur
die Naturkreide in Betracht kommt. Wir erkennen sie an dem braungrauen
oder schwarzgrauen, glanzlosen Strich, unter welchem oft deutlich sichtbare,
von sandigen Bestandteilen herrührende Kratzer zu bemerken sind, im Gegen*
satze zu alter und moderner Kunstkreide, die sich tiefschwarz, samtartig und
weich aufstreichen läßt (Abb. 51). Gerade diese Härte veranlaßte Klagen von
Seite der Künstler und man dachte an mancherlei Verbesserungen, indem man
sie während des Zeichnens oftmals mit der Zunge anfeuchtete — Kügelgen
spricht von beleckter Naturkreide — oder aufs neue abschabte. «Etliche legen
sie in einen feuchten Keller, andere graben sie mit Salz in die Erde, daß sie
gelinde bleiben möchte. Im Kaufen kann man sie also kennen, daß sie recht
gut ist, wenn sie von außen etliche gelbe Flecken hat als Schwefel, und so
man sie mit der Zunge versucht, salzig und sauer am Geschmack, auch ge#
schmeidig und weich zu schneiden ist». ^ Nichtsdestoweniger fanden sich zu
jeder Zeit auch weiche Stücke, die auf dem Reibstein mit Wasser zerrieben
eine tuschähnliche, zum Zeichnen und Lavieren geeignete Flüssigkeit ergaben
(siehe S. 65).^
Von deutschen Verfassern alter Auktionskataloge erfährt die Steinkreide kaum
eine Berücksichtigung, es sei denn, daß man den Ausdruck alte Kreide findet.
Wohl aber liest man in französischen und englischen Verzeichnissen sehr richtig:
«Pierre d'Italie» oder « Italian chalk». Auf die unrichtigen Bezeichnungen wie
«Oliekrijt» oder «Pierre noire trempee dans l'huile» wurde schon auf Seite 106,
Note 1 hingewiesen.
Geänderter Der Eintritt der schwarzen Kreide in die Reihe der Zeichenmittel hatte eine
Malistab, wesentliche Änderung der Zeichentechnik zur Folge. Solange sich der feine
Silberstift neben der Feder behauptete, waren durch den dünnen Strich beider
eine delikate Ausführung und zierliche Verhältnisse von selbst gegeben. Erst
mit Kohle und Kreide vergrößerte sich der Maßstab. Die breitere, beim
Zeichnen sich abreibende Spitze forderte naturgemäß einen freieren Strich und
eine gröber angelegte Schattenbehandlung. Man wandte daher die beim
Kartonzeichnen längst geübte großzügige Kohletechnik an und kam damit der
bereits 1435 von Alberti ausgesprochenen Forderung: Figuren oder wenigstens
Teile derselben in Naturgröße anzulegen, rascher entgegen. Allerdings war
' Mein Vorgänger in der Albertina, der mir väterlich befreundete Josef Schönbrunner,
kannte die Steinkreide noch aus der Zeit seines Akademiebesuches und verschaffte mir
auf Umwegen einige mit der Säge geschnittene Stängel, mit welchen ich alle notwendigen
Versuche ausführen konnte.
* Anweisung zu der Mahler^Kunst, S. 214.
Im zerriebenen Zustande wurde sie auch in der Temperamalerei verwendet, so nach
Palomino: Ticrra ncgra (K. Berger, Beiträge, IV. Folge, S. 85).
Breitzeichnende Stifte. 111
es für den Anfang nicht ein und dasselbe, die leicht löschbare und korrektur*
fähige Kohle oder die fest ritzende Steinkreide zu handhaben, weshalb von
vielen der Gebrauch der Kohle vorgezogen wurde, zumindest in der Vor*
Zeichnung, wie in vielen Blättern noch heute erkennbar. Nur die routinierte
Künstlerhand durfte es wagen, prima zu zeichnen.
Die Steinkreide ist Cennini wohl bekannt, scheint aber, wie begreiflich, zu Frühester
seiner Zeit noch nicht besonders in Ansehen gestanden zu haben. Die Art Nachweis,
und Weise, wie er davon spricht, macht den Eindruck, als ob er etwas Neues
bringe: Ich habe auch zum Zeichnen einen gewissen schwarzen Stein
gefunden («certa pria [pietra] nera oder una prieta la quäle e di na=
iura di carbone»), welcher aus Piemont kommt und weich ist. Und
du kannst ihn mit dem Messer spitzen, da er sehr zart und gut
schwarz ist. Du kannst ihn so trefflich machen wie Kohle (K. 34).^
Jedenfalls stand sie schon zu seinen Lebzeiten als graphisches Mittel zumin*
dest im Handwerk im Gebrauch.- Aber trotz der angerühmten Eigenschaften
scheint sie, wenn man nach den wenig erhaltenen, mit diesem Materiale aus?
geführten Studienblättern urteilen darf, erst im letzten Viertel des Quattrocento Qu^^tros
an Verbreitung gewonnen zu haben. Wir finden sie zunächst in großen
Blättern, in Kartonzeichnungen als Ersatz für Kohle, oder in größeren Figu*
renstudien bei Botticelli,^ Signorelli,'* Dom. Ghirlandaio (Köpfe für
die Santa Maria Novella * Fresken). ' Ebenso bei dem jungen Raffael in seiner
ersten Periode. Oder in lebensgroßen Porträtköpfen der Venezianer und Vero#
nesen, bei Giov. und Gentile Bellini," M. Basaiti," Fr. Bonsignori,
1487 (Studie zu dem Londoner Porträt)^ und Montagna 1499" (Abb. 291).
Seit dem Beginne des 16. Jahrhunderts ist die Kreide in Italien in
allgemeinster Verwendung. Man kennt bereits verschiedene Sorten. Vasari J^°' ^ '
(Intr. II) spricht von der «pietra dolce, che viene de' monti di, Francia»,^^
Lomazzo nennt sie die «pietra todescha» (Tratt. 192). Baldinucci, der in
seinem Vocabulario die Kreide ausführlich behandelt, erzählt: «Cavasi ne'
monti di Francia ed in diverse altre parti, ma la migliore viene di
' Es ist wohl klar, da(^ Cennini hier mit dem Ausdruck: «-ho trovatoy> nicht eine
Entdeckung für sich beansprucht, sondern dalS er meint, er habe gefunden, daß man mit
Kreide zeichnet.
- Gewiß war die Steinkreide aus den Handwerkstätten in die Malerstuben gewandert.
Jehan le Begue verzeichnet 1431 in der Tabula de vocabulis sinonimis et equivocis:
f-^Lapis niger est, de quo, si satis moUis sit, utuntur pidores et carpentarii (MerriHeld 1,
30). Der Ausdruck «lapis niger fahrilis-» ist noch um 1574 nachweisbar: «-Describunt
(Pidores) quoque maiores lineas lapide nigro fabrili vel creta vubea.^i (Petrus Gregorius,
Syntaxeon artis mirabilis, Köln 1600, p. 295.)
^ Uff. 198.
* Berlin. Z. a. M. XV E, 38.
^ Reproductions of Drawings by old Masters in the Coli, of the Duke of Dcvonshire
at Chatsworth, London 1902, Taf. 22, auf gelblichem Papier, weiß gehöht.
•"' Gentile 1496. Berlin. Z. a. M.. Tal. 73-74.
' Berlin, Z. a. M., Taf. 77, Basaiti zugeschrieben.
« Albertina, A. P. 203; ferner A. P. 359. 594.
* Borenius, The painters of Vicenza. p. 111. Madonnenkopf zum Brcrabikl.
'" Ebenso Vas. Mil. VI. 136.
112 Breitzeichnende Stifte.
Grundie»
Spagna».^ Allmählich tritt im Cinquecento für Kreide der sonst nur dem
Rötel zukommende Ausdruck Lapis ein.-
Michelangelo macht von der Kreide den reichsten Gebrauch und wirkt
durch seine breiten oder auch mit scharfer Spitze fein granierten Studien vor*
bildlich. Akte, Kopfstudien oder ganze Kompositionen, selbst architektonische
Entwürfe, werden damit gezeichnet. Fra Bartolommeo und seine Nachfolger
sind eifrige Kreidezeichner. Andere wieder wie Sarto, der exklusive Rötel*
freund, benützen sie nur nebenher. Daß die Fähigkeit der Kreide, sich nach
Art der Kohle in Flächen wischen zu lassen, bald ausgenützt wurde, sehen
wir bereits bei Signorelli (Uff. 131); ebenso im Norden (Abb. 247).
Die schwarze Kreide wird im 15. Jahrhundert fast ausschheßlich, im 16.
nur mehr bei einzelnen Meistern auf weißen Papieren verwendet. Das Prinzip
eines farbigen Mitteltones als Folie für Licht* und Schattenwirkung hielt man auch
dann noch fest, als der Silberstift sich schon überlebt hatte. Auch schwarze
und weiße Kreide bedurften zur Plastik der gezeichneten Figuren eines tonigen
Behelfes. Man nahm aus den Farbtöpfen etwas Zinnober oder Ocker oder
irgendein Braun, verdünnte es zu einer Wassersuppe und strich sie mit großen,
breiten Pinseln oder, wie Hoogstraeten empfahl,^ mit einem Schwämme sorg*
fältig, oder auch nicht, auf das Papier. Die Schichte ist bisweilen so gleich*
mäßig und dünn, daß es schwer fällt, ein derartig gefärbtes Papier von einem
Naturpapier zu unterscheiden, bisweilen wieder grob und streifig, besonders in
den späteren Jahrhunderten. In den ersten Jahrzehnten der Kreideverwendung
rötelte man das Papier so wie bei der Federzeichnung mit Zinnober oder
Rötelpulver an (Fra Bartolommeo, Pontormo), oder man benützte gleich die
für Federzeichnungen rot zugerichteten Skizzenbücher. (Siehe Kap. Skizzen*
bücher).
Farben. Später griff man wahllos zu anderen Farben, wie es eben die Werkstatt
ergab: schmutziggelb (Fra Paolino, A. Allori, Sodoma), braun (A. AUori,
Andrea Sacchi), ockergelb (Romanelli), braun fleischfarbig (Pompeo Bat*
toni). Das Grundieren hörte zu keiner Zeit auf, es bildete besonders beim
Übungszeichnen einen billigen Ersatz der Naturpapiere.* Eine Farbenfreudig*
keit wie bei Silberstift* oder Federzeichnungen kommt nicht vor, kaum daß
man noch einem blaugrauen oder tiefblauen dünnen Ton begegnet
(Sogliani). Trockene Farbeneinreibungen in Braun (A. Allori) künden das
allmähliche Aufgeben aller Sorgfalt an. Es ist daher nicht richtig, wenn
Bcllon den Schnellzeichner L. Giordano als Erfinder dieser Zeichenweise
Baldinucci, Voc. 92. «Matita nera. Una sorta di pietra neva che vierte a noi in pezzi
grandicelli, e si riduce in punte, tagliandola con la pitnta d'iin coltello; serve per disegnare
sopra carta bianca e colorita.-»
''■ Armcnino, Precetti S. 58.
* Inleyding. S. 31. «-met een spons».
* Noch 1745 empfiehlt die «Anweisung zur Mahler^Kunst» (S. 221) folgendes Rezept:
Man macht eine Tinktur oder Wasserfarbe von Ruf^ aus dem Schornstein und etwas Dinte
darunter, oder mengt etliche andere Farben zusammen, als man es selber begehret, und
streicht dieses mit einem Schwamm sittlich und gleichförmig über gut und fest Papier,
welches, wenn es trocken ist, sehr bequem ist die Erhobenheiten und allerhand Zeuge und
Weisen darauf 7u zeichnen.
Breitzeichnende Stifte. 113
rühmt. ^ Dabei erfuhr der Hauptzweck dieser Grundierungen, die Höhungs?
möglichkeit, nicht immer Beachtung. Man begnügte sich mit der geringsten An*
deutung der Lichter oder konnte auch ganz davon absehen. Michelangelo ver#
zichtete in all seinen Kreide? oder Rötelstudien auf Grundierung und Höhung.
Die ausgiebigste Förderung in allen Landen und Schulen leistete die Ein* Auf Natur;
führung der Naturpapiere. Das blaue Venezianer Papier (carta turchina) papieren,
diente der Kreide zuerst in Venedig (Carpaccio),- wanderte dann um die Mitte
des 16. Jahrhunderts südwärts bis Florenz und westlich ins Mailändische. Die
Carraccisten benützten außerdem lichtbräunliche und grobe, schwarzgraue
Nuancen. (Siehe Kapitel Papiere.)
Im 16. Jahrhundert beginnt bereits (besonders in der zweiten Hälfte) das Kombinierle
Zusammenarbeiten von Kreide mit anderen Zeichenmitteln, ein bunter Wechsel Kreidezeichs
von allerlei Schul* und Künstlereigentümlichkeiten, die sich schwer überschauen nungen.
und gruppieren lassen. Eine gesetzmäßige Abfolge ist nicht zu konstatieren;
mit dem jeweiligen Hinzutreten neuer Behelfe setzt eine neue Variation ein,
die sich rasch und willkürlich verbreitet. Nicht allein individuelle Neigungen,
auch Zufälligkeiten aller Art vereinigen sich zu immer neuen Differenzierungen
und führen schließlich zu einem für den Forscher verwirrenden Bilde. Es lohnt
sich demnach nur, die verschiedenen Kcvmbinationen, in welche die Steinkreide
einzutreten vermochte, deutlich herauszuheben. Ein vollständiges Aufführen aller
Varianten würde weder die Übersicht fördern, noch das technische Bild ver*
vollkommnen.
1. Kreide mit weißer Höhung auf farbiger Unterlage (aux deux crayons).
2. Kreide mit Rötel auf weißen Papieren.
3. Kreide und Rötel mit weißer Höhung auf getonter Unterlage (in mafita
rossa e nera, aux trois crayons).
4. Kreide mit einzelnen Pastellstiften.
5. Kreide auf getonten Papieren mit einfachen oder mehrfarbigen Lavierungen.
6. Kreide und Feder mit Lavierungen.
Hiebei sei auf einzelne Kapitel wie Feder, Rötel, Pastelle mit mancherlei
Ergänzungen, insbesondere auf die Kreide*Rötelkombination hingewiesen.
So wie man im allgemeinen beobachten kann, daß mit dem Aufstreben eines
starken führenden Genius' die ganze Kunstweise eine Rückkehr zur Verein*
fachung erfährt, so läßt sich auch auf dem Gebiete der Zeichnung dieselbe
Erscheinung: die Anwendung einfachster Mittel konstatieren. Umgekehrt lebt
in Zeiten des Niederganges und des Manierismus alle Kompliziertheit auf, ein sinn*
loses, unharmonisches Zusammentun aller graphischen Elemente, die gemischte
Technik. Auch in der Entwicklung der Kreidezeichnung ließen sich bald
da, bald dort, in diesem und jenem Jahrhundert, Verfallsmomente konstatieren.
In Deutschland begegnet uns die Kreide nachweisbar zuerst bei Dürer, Deutschland,
wenngleich sie auch hier schon vor oder um 1500 im Gebrauch sein mochte.
* Giordano benützte nach Bellori gleich das beim Spitzen entstandene Pulver des
betreffenden Zeichenmittels, Kreide oder Rötel (Bellori, Le Vite de Pittori, Scultori cd
Architetti moderni. Rom 1672; hier zitiert 2. Aufl. Rom 1728. S. 308).
- Carpaccio, Mann nach links gehend, München 2947, A. P. 592.
Meder, Die Handzeichnung. v»
114 Breitzeichnende Stifte.
Wir finden sie in Kopfstudien und Porträts besonders zur Zeit der nieder*
ländischen Reise. Er gebraucht bereits den Ausdruck schwarze Kreude^
und verwendet sie fast immer auf weißem Papier, ausnahmsweise kommt 1519
eine ziegehote Grundierung (L. 269) oder 1526 eine gelbhchbraune vor (BerHn,
Apostelköpfe, hier Abb. 186 und L. 72, 369, 89). Holbein bedient sich für
seine vortrefflichen Kreideporträts (Windsor) eines dick und sorgfältig rosa
grundierten Papieres und erzielt durch Anwendung von etwas Rötel und Farb:=
stiftbraun feinste Wirkung (Abb. 205). Ein Anonymus um 1525 grundiert solid
grüngrau (Louvre 18875). Matthias Merian kombiniert 1679 Kreide mit Rötel
auf venezianischem Papier. Die allgemeinste Verwendung fällt in das 18. Jahr*
hundert.- Um die Wende dieses Säkulums bedient man sich an den Akademien
wieder bräunlicher, häufiger graugrüner (terra verde) Grundierungen auf starken,
aber billigen Packpapieren, die von den Akademiedienern zubereitet und ver*
kauft wurden.
Niederlande. Lucas van Leyden hat uns aus den zwanziger Jahren wohl unter dem
Einflüsse Dürers entstandene große Kopfstudien hinterlassen. Eine allgemeine
Benützung fand sie in Tafelkartons (Abb. 247). Bei Rubens und seiner Schule,
durchaus Breitzeichnern, ist schon die weiche, saftige Kunstkreide mittätig, zu*
mal auf Naturpapieren und oft in ein und derselben Zeichnung. Dagegen
finden wir die Steinkreide um so häufiger in Holland und zwar in allen Kom*
binationen. Das Land erfreute sich guter Fundstätten, die selbst für Deutsch*
land lieferten. Sandrart führt für seine Zeit, 1675, ausdrücklich Kreide aus
Holland an (T. A. I, 62). Das weiße Papier blieb bei Künstlern wie Rem*
brandt und seiner Schule im großen Ansehen; ebenso bei Ruisdael, Cornelisz
und Herman Zachtleven, J. Backer, v. Goyen, Esaias van de Velde, I. Visscher.
Teilweise erklärt sich dies mit der häufigen Verwendung von Skizzenbüchern,
Auf blauem die zu dieser Zeit selten Grundierung aufweisen. Die beliebteste Unterlage
Papier. aber bildet das blaue Naturpapier. Hoogstraeten gibt sogar eine Vor*
Schrift: schwarze Kreide verwende man mehr für blaue und gegronde
Papiere.^ Die Anzahl der Vertreter und Beispiele ist endlos.
Nichtsdestoweniger begegnet man auch mit Schwamm getonten Papieren in
gedämpft bräunlichen Tönen, bald lichter, bald dunkler, so gelblich (C. Zaft*
leven), graubraun (C. Bega), grau (E. Sadeler), braunschwarz (L. van der Coo*
ghen), selbst dünnschwarz (Spranger),* ziegelrot (Moyaert). Relativ häufiger
Bunte als in anderen Ländern werden landschaftliche Kreidezeichnungen mit bunten
Lavierung. Lavierungen (als Kombination 5) behandelt, so von Herman Zaftleven mit braun*
gelb; grün und blau von Ph. Koninck, A. Cuyp, P. Molyn, Hendrik van Straa*
ten. Es ist dies die unmittelbare Fortsetzung der braunblauen Federlandschaft.
' Ich gab 7 Weißpfenig für schwarze Kreude, Lange und Fuhse, S. 141 ; mit der schwarzen
Kreuden, L. u. F. 171 ; auf ein Regalbogen fleißig mit der schwarzen Kreuden conterfet,
S. 172; mitunter nennt er sie auch «Steinkreiden», S. 153.
* Nach Krünitz, Encyklopädie, T. 48, S. 483, wird um diese Zeit gute Kreide um
Osnabrück und Nürnberg gefunden; die beste aber werde aus Rom und Portugal bezogen.
' Hoogstraeten, Inleyding, S. 31.
* In diesem Falle wurde die Kreide pulverisiert und trocken in das weiße Papier
gestrichen.
Breitzeichnende Stifte. 115
Bei der großen Masse fleißiger Künstler Frankreichs mit meist in kombi? Frankreich,
nierter Weise gezeichneten Studien spielt die bereits im 17. Jahrhundert auf*
kommende Kunstkreide eine bevorzugte Rolle. Aber ebensosehr läßt sich
auch gleichzeitig Steinkreide (Pierre d'Italie) feststellen, am häufigsten in
akademischen Arbeiten, gewöhnlich auf Naturpapieren oder auf grundierten
oder gefärbten Unterlagen. Besondere Typen bilden J. Callot, der seine
Kreidefiguren braun laviert, oder Moreau le jeune 1776, der auf lichtgrau
präparierten Papieren ebenso laviert und mit Rötel belebt, oder wie P. A.
Marchais (geb. 1763), der seine Figuren mit Blau leicht tönt (Alb. 12811).
Die allmähliche Verbreitung des Graphitstiftes im 18. Jahrhundert ändert an
der Verwendung und Beliebtheit der Kreide sehr wenig. Man steht dem noch
unvollkommenen Zeichenmittel, das infolge seiner Weichheit sich leicht ver*
wischt, sehr mißtrauisch gegenüber und greift lieber zur alten «terra nigra».
Selbst die erwähnte, von Frankreich in alle Länder sich verbreitende Kunstkreide
war auch im 18. Jahrhundert nicht imstande, das sparsame Zeichenmittel an
Akademien zu verdrängen. Im Traite de la peinture von 1708 werden nur
genannt: «de Craye, pour rehausser, ou de pierre noire ou de sanguine, pour
faire les ombres»J 1839 wird die Steinkreide (Pierre d'Italie la plus noire
possible) sogar noch in der Miniaturzeichnung empfohlen.^
Wiewohl das Unterscheiden von Kohle* und Kreidezeichnungen keine Merkmale
besonderen Schwierigkeiten macht, werden in Beschreibungen besonders älterer
Zeichnungen die Materiale fast immer verwechselt. In der Regel entscheidet
man sich für die näherliegende Kreide; besonders Vorsichtige schreiben zu
ihrer Sicherung: Kreide oder Kohle. Namentlich bedeutet für Zeichnungen des
15. und 16. Jahrhunderts der Ausdruck «mit Kreide entworfen» einen Irrtum,
da der Entwurfsbehelf in der Regel Kohle war. Was sich an der Hand eines
Kohle* und Kreidestängels auf praktischem Wege mit einem Blick erlassen ließe,
bedürfte hier der umständlichsten Beschreibung ohne jede Gewähr. Wäre die
alte Mineralkreide noch überall erhältlich, gäbe es für den Wißbegierigen nichts
Einfacheres als eine Probe, um sich durch Vergleich von Farbe und Struktur
den Unterschied einzuprägen. Einen beiläufigen Einblick gewähren die Strich*
proben in Abb. 51.
Die Kohle als das weichere und sprödere Material verträgt keinen zu der Kohle,
starken Druck, splittert leicht, gibt zwar genug Stofi: ab, aber wenig an der
Oberfläche haftend, so daß die leichten und flüchtigen Teilchen an einzelnen
Stellen wieder abfallen und die Linie ein lückenhaftes, ungleichmäßiges
Gepräge erhält (Abb. 246). Das schwärzlich*bräunliche Pulver ist in den
breiten Strichen meist ungleichmäßig verteilt, was man bei selbst schwacher
Vergrößerung konstatieren kann. Sehr feine, bestimmte und scharfe Linien
haben sich nur dann erhalten, wenn unmittelbar darauf eine Fixierung er*
folgte (Dürer). Die in der Regel nicht fixierten Kohlezeichnungen verraten
sich durch größere oder kleinere verwischte Partien, Striche ohne bestimmte
' Traite de la Peinture, p. 23L
'■' ConstantsViguier, op. cit., p. 255.
116
Breitzeichnende Stifte.
Merkmale
der
Kreide.
Braune
Kreide.
Herstellung.
Schärfe oder gar mit einzelnen Unterbrechungen. Die Naturkreide dagegen,
hart oder weich, wird durch kräftigen Druck in das Papier eingestrichen und
ergibt dadurch einen ziemlich egalen und dunklen Linienzug, der an einzelnen
Stellen Kratzer aufweist. Wenn auch im unfixierten Zustande leicht verwisch*
bar, bleibt der Strich im wesentHchen doch bestehen und unterscheidet sich
von jenem der Kohle, die in diesem Falle fast völlig verschwinden kann, auf
das deutlichste.
Tatsächlich schwierig auseinanderzuhalten sind weiche, satte Steinkreide und
die schon im 17. Jahrhundert angewandte künstliche Kreide. (Siehe den ioh
genden Abschnitt.)
Braune naturkreide. Bisweilen zeigt Kreide nicht eine schwärz*
liehe, sondern eine ausgesprochen braune Farbe, wie wenn sie von weicher
Braunkohle herrühren würde (Bartolommeo, München 2163, 2170). Ob dies
in einer zufälligen Verschiedenheit des Materials der terra nigra lag, oder
ob man ausnahmsweise oder versuchsweise weiche Stein* oder Braunkohlen*
stücke zeichnerisch verwendete, läßt sich bei dem absoluten Literaturmangel
und den wenigen Beispielen kaum feststellen. Immerhin ist diese Annahme
nicht undenkbar, wenn man eine Stelle aus Dürers Tagebuch: «Ich hab 4 Stüber
geben für Steinkohln und schwarze Kreuden» so deuten wilH und zwei nach
der niederländischen Reise fallende Bildnisse (Varnbüler, L. M. 578 und P. Hof*
haimer, Brit. M., Vas. Soc. VI, 251) heranzieht, welche neben Kohle und
schwarzer Kreide auch braune Striche zur Bezeichnung stofflicher Unterschiede
zeigen.
2. Kunstkreide.
Rußkreide ^ — Crayon noir.
Von der in ausführlicher Weise behandelten schwarzen Naturkreide ist die
bereits im 16. Jahrhundert bekannte, aus feinem Lampenruß hergestellte Kunst*
kreide wohl zu unterscheiden. Hinsichtlich der Entstehung und des Striches
gleicht sie unserer «Pariserkreide», mit der, rund oder viereckig gepreßt oder
in Holz gefaßt, heute in allen Schulen gezeichnet wird (Abb. 51). In be*
schreibenden französischen Katalogen nannte man sie bald irrtümlich Pierre noire,
bald richtig crayon noir,^ in deutschen einlach Kreide, wiewohl der Name
Rußkreide nicht so ganz ungebräuchlich war.
Schon vor 1520 erzeugte man in Italien allgemein Pastellstifte und darunter
auch schwarze, die sich wegen ihrer Weichheit, im Gegensatz zu der oft
steinigen Naturkreide, sehr bald verbreitet haben mochten. Lomazzo will diese
nuovo modo sogar Leonardo zuschreiben. Bestimmt nachweisbar tritt das
Pastellstiftzeichnen erst in seinem Schülerkreise auf (Boltraffio, Luini; siehe Kap.
Pastelle). Vom Ende des 17. Jahrhunderts überliefert uns Volpato ein Rezept,
das gewiß nur ältere Überlieferungen vermittelt: ma il fumo s'impasta con
' Lange und Fuhse, S. 127.
■ Rußkreide belegt in Krünitz, Encyklopädie, T. 48, S. 483.
' J. G. Wille, Memoires 1759, tom. I, 124: crayon noir et blanc.
Breitzeichnende Stifte. 117
terra da hocali (weiße Töpfererde) e si seca al fuoco e serve anco per carbone
da disegnare}
Im allgemeinen sind italienische Beispiele selten. In Verbindung mit Italien,
anderen Pastellstiften tritt die Kunstkreide in der Mailänder Gruppe auf:
Boltraffio; mit Rötel außerhalb Mailand bei Boccaccio Boccaccino,''^
Giov. Manozzi (A. 866); allein verwendet, auf bräunlichem Papier mit
Wischtechnik, bei Giuseppe dal Sole (geb. 1654); ferner bei Philipp Peter
Roos (-}- 1705) in Tierstudien, bei Rosa de Tivoli (geb. 1655) und dem
Venezianer G. B. Piazetta (1682 — 1754) in Studienköpfen.
Leicht erkennbare, charakteristische Kunstkreidestudien finden sich bei Die
Rubens. Köpfe wie jene zum Ildefonsaltare (A. 8271) oder nach seinem Niederlande.
Sohne Niclas (A. 8267) lassen über das Stoffliche keinen Zweifel aufkommen.''
Von den Holländern sind zu nennen: Berghem, der den Kunstkreideentwurf
mit Tusche laviert oder auf blaues Papier setzt, Cornelis Zachtleven um 1650,
oder Lendert van der Cooghen 1651, mit Figurenstudien.
In Frankreich konturieren die bekannten Porträtzeichner Dumonstier und Frankreich.
Lagneau ihre Bildnisse meist in diesem Materiale und beleben sie mit anders
weitigen Farbstiften. Später wenden Simon Vouet, Louis Le Nain, Carle
Vanloo, F. Boucher, Greuze, J. B. Masse dieses saftig schwarze Mittel in immer
neuen Verbindungen an, besonders in der Kombination «au trois crayons»
(Watteau). Wegen ihrer Weichheit eignet sie sich besonders zur Wischtechnik,
die sich hauptsächlich in Frankreich gegen Ende des 18. Jahrhunderts einer
größeren Beliebtheit erfreute (maniere estompee, dessins estompes).
3. Weiße Natur? und Kunstkreiden.
Schneiderkreide, Gips, Schreibkreide, gepreßter Pfeifenton — Greta, Gesso da Sartori,
Grafio bianco, Lapis bianco. Pastelli fatti di Gesso - Wit Krijt, gedroogde Pijpaerde —
Craie blanche — White chalk.
Den natürlichen Abschluß der Kohlen Kreide* und Röteltechnik bildet die
weiße Zeichenkreide, ohne deren Mithilfe das Zeichnen auf getonten
oder farbigen Papieren hinsichtlich plastischer Gestaltung nur unvollkommen
bleiben würde. Die Kreidehöhung scheint indes tatsächlich erst mit den
breitzeichnenden Materialien aufgekommen zu sein, da die vorhergehende
Periode (Feder und Silberstift) die reinlich strichlierende Pinselhöhung mit
Bleiweiß als stilgerechter erkannt hatte. Damit stimmt auch Cenninis Bericht,
der die Ausnützung der Schneiderkreide nur zum Zeichnen auf Geweben und
Zendel seitens der Sticker kennt, während Baldinucci 1681 außer dieser
handwerksmäßigen Praxis die künstlerische Verwendung als längst bekannt
verzeichnet (Voc. 66).
> Volpato, Modo da tener nel dipinger (Merrifield II, 753). - Um 1792 führt Günther
in seiner «Pastellmahlerey», S. 134, gebranntes Flfenbein, Frankfurter Schwärze und Birken,
kohle als Bestandteile an.
- I Disegni d. Uft., II. S.. III. fasc, 7, vom Jahre 1512; ursprünglich Dosso Dossi. von
Venturi Boccaccino zugeschrieben.
' Zu beachten sind jene Fälle, wo mit Kohle entworfen und mit Kreide ausgeführt
wurde, z. B. Niclas Rubens mit der roten Kappe (A. P. 111).
118
Breitzeichnende Stifte.
Schneider;
kreide.
Gips.
Kreide.
Grafio
bianco.
Das frühest nachweisbare Material hiezu war die Schneiderkreide, Gesso
da Sartori (Cennini)\ Gesso da Sarti (Baldinucci).^ Außer dem Ausdruck
Gesso verwendet Cennini (K. 165) in freier Weise auch Carbone (secondo togli
carhoni o neri o bianchi). Gesso di Sarto bedeutet hier nicht bloß Gips im heutis
gen Wortsinn, sondern auch das Mineral Talk, Speckstein (Steatit), das jedoch nur
als weiche Art verwendbar war. Die grauliche Farbe und die geringe Verwisch*
barkeit alter Höhungen, sowie Baldinuccis Beschreibung lassen darauf schließen.
Aber auch das Zeichnen mit Gips selbst, d. h. mit einem Stück gegossener
und dann geschnittener Gipsmasse, war, wie wir noch hören werden, nicht aus*
geschlossen, weil dieselbe
:"5iF-''^"
•^- •?. n
^xtK
leicht abfärbte, gleich der ge^:
wohnlichen weißen Schreib;
kreide, die in Fällen der
Not gleichfalls als rascher Be?
helf diente.^ Letztere wurde,
wenn sie stark brüchig war,
zuvor etwas gebrannt und
gehärtet, indem man sie in
ein Kohlenfeuer legte. Das
Brennen verlieh ihr auch
den Vorteil, daß sie auf far*
bigen Papieren besser haf#
tete. «Jedoch muß man zu*
sehen, daß sie nicht zu
lange auf dem Feuer liege,
bis daß sie steinicht wird.»'' Auch bei den Holländern findet die weiße Kreide,
Wit krijt, ihre Erwähnung.^
Eine weitere Art war der Grafio bianco oder lapis bianco, dessen Material
von F. Imperato 1599 ziemlich genau beschrieben wird. «Man schneidet die weiße
Erde (la terra bianca) in Zeichenstängel, wie es bei der schwarzen Kreide ge#
schieht. Es ist dies ein Material, welches sich im Wasser schnell löst, am Feuer
nicht härtet, und einen scharfen, kalkartigen Geschmack hat. Man verwendet es
zum Zeichnen auf der Tafelgrundierung nach Art der Gipspastelle. Aber
dennoch ist es bei uns nicht sehr im Gebrauche.»''
Abb. 45. Bouchardon. Doppelstifthalter.
' '<Come si lavori in tela nera o azzura o in cortine. Togli gesso da sartori, e fanne
gentHmente cotali pezzoletti, come fai di carbone» (K. 163 und 164).
* Baldinucci, Voc. 66. Er nennt zwei in Betracht kommende Sorten, zuerst eine Art
Gips: Una sorta di gesso, assai bianco et in pezzi, non molto sodo (hart), ne molto tenero.
Dicesi da Sarti, per esser comunemente adoperato da tali Artefici per disegnare su le pezze
delle pannine i contorni de' vestimenti, che devone tagliate. Serve anche a nostri Artefici per
fare i chiari ne' disegni che fanno di matita rossa o nera, su fogli colorati. Eine zweite
Sorte (Talk): Gesso da Sarti seconda sorte. Un certo gesso in foggia di pietre di color
sudicio di cui si servono i detti Artefici per lo medesimo fine notato di sopra.
^ Anweisung zur Mahler^ Kunst, 1745, S. 218.
* Ibid. S. 218. " Hoogstraeten. Inleyd. 31.
* Ferrantc Imperato, Dell' historia naturale, Napoli 1599, p. 122: ü Grafio bianco
si taglia [la teua bianca] in pastelli per disegnare come della terra nera si e detto : e materia
Breitzeichnende Stifte. 119
Ein bequemes Höhungsmittel bildeten die nach Art der Pastelle um 1587 Weiße
künstlich verfertigten weißen Stängel, aus frischem, feinem Gesso und eben* Pastelle,
soviel Biacca zusammengemischt/ wohl dieselben, die Imperato zwölf Jahre
später Pasfelli fatto di gesso nennt.^ Ähnlich waren die bei den Holländern
und Deutschen üblichen, nach Hoogstraeten aber (p. 31) aus Pfeifenton, Pfeifenerde,
gedroogde Pijpaerde —bei den Deutschen weiße Taback#Erde genannt —
auf nassem Wege hergestellten Pastelle, über deren nähere Zubereitung wir
aus der Anweisung zur Mahler* Kunst noch erfahren, daß sie durch Rollen
und festes Pressen in vierkantige Stifte geformt wurden.^
Alle diese Kreiden wurden, weil leicht gebrechlich, nur in kurzen Stückchen
verwendet, die man in Gänsekiele, «in Zeichen* Federn eines Fingers lang»,
oder in Schilfrohr steckte.^ Frühzeitig kamen schon die Doppel* Kreidehalter
in Brauch (Tocalapis, Matitatoio, Porte ^cvayon, Kreidefedern) für schwarze und
weiße Kreide oder für Rötel und weiße Kreide (Abb. 45).^ Während alle
genannten Höhungsmittel in erster Linie dem trockenen Verfahren dienten,
konnten Gips und Kreide in einzelnen Fällen auch im nassen Zustande, mit
Gummi angerieben, mittels Pinsel aufgetragen werden.''
Rötel.
Rotstift, Rothstein, Rötelstein, Rote Kreide, Blutstein (Hämatit), rotelstcin, rottelstein
— Rubrica terra, Greta rubea; Lapis rosso, Grafio rosso, Pietra rossa detta Apisso, Matita
rossa; bei Baldinucci: Lapis, Amatita oder Matita, auch Cinabro — Lapiz roxo — Pierre
rouge, Crayon rouge, Ocre rouge, Pierre de Sanguine oder einfach Sanguine — Root Krijt,
rood aarde — Red chalk.
Die Ursachen, warum Rötel, ein schon durch Tausende von Jahren bekanntes Späte Ver*
erdiges Farbmittel — vielleicht das älteste" — erst kurz vor 1500 in Italien als wendung.
trockener Zeichenstift bei Künstlern in Verwendung trat, mögen mancherlei
gewesen sein. Das breite Primazeichnen stand erst im Aufstreben, es mangelte
der Behelfe, kräftig ins Papier gestrichene mißlungene Linien zu entfernen.
Anderseits mag das grelle Rot auf Weiß gegenüber den feingetonten Grundie*
rungsfarben, der breite Rötelstrich gegenüber den feinen Metallstittlineamenten
che si scioglie velocemente neW acqua, e non s'indura al fuoco: ma piglia sapore acre, a modo
di calce. Adoprasi nel disegnare su limprimature, nel modo de pasteUi fatti di gesso: e percid
non e molto in uso appo noi. — Bellori 308.
* Arnienino, Precetti: womit ihnen die Lichter sehr lebhaft gelingen.
^ Imperato, p. 122.
' S. 218. — Pfeifenton ist eine sehr reine, kaolinartige Varietät der Tonerde.
" Mettili [i pezzoletti] per im bucciolo di penna d'oca (Federkiel), di qiiella grossezza che
richiede (Ccnnini, K. 163).
^ Louvre, Braun 625. Rötel; 22-2X317 cm.
^ Craie blanche. Cette craie, sujette ä s'effacer, oblige souvent de la debyer avec de la
gomme et de l'employer avec le pinceau: alors on dit du blanc de craie ou du blanc au
pinceau. (D'Argenville, Abrege X, p. XXX1\'.)
' Schon in der Periode des Paläolithikums (Steinzeit) kommt Rötel als Schmuckfarbc
vor. In der Grotte du Cavillon fand man ein männliches Skelett auf einer künstlich her«
gestellten Schichte pulverisierten Rötels liegen (Georg Kyrie, Schmuck und Kunst des spät»
quartären Menschen. Urania V, S. 448).
120 Breitzeichnende Stifte.
tür ein gotisch oder renaissancemäßig empfindendes Auge nicht gerade angenehm
gewirkt haben. Man hake ein Silberstiftwerk Credis neben eine Rötelzeichnung
Sartos, um den physiologischen Ruck zu verspüren. Selbst Schwarzkreide* oder
Kohlezeichnungen auf gelblichen Papieren hatten ihr gegenüber noch ein dis*
kretes Gepräge. Rötel galt in der ganzen Frührenaissance als derbes Handwerker*
material, seine Aufnahme in den hohen Zeichnungsstil setzte einen völligen Um*
Schwung ästhetischer Anschauungen voraus. Schließlich hatte man bis ungefähr
1480 noch keine entsprechenden Fixiermittel zur Verfügung und nichts wirkte
häßlicher als eine verwischte Rötelzeichnung.
Der Rotstift tritt nach der schwarzen Kreide in die Technik ein, wiewohl
seine Verwendung in der Wandmalerei uralt ist. In ägyptischen Grabkammern,
in den Malereien von Herculanum und Pompeji und in den Katakomben
Literatur, finden sich unzählige mit Rötelfarbe konturierte Figuren.^ Noch um 1431
führt ihn Jehan le Begue in seinem Farbenvokabular unter rubea creta seu
terra nur als Farbe an^ und ebenso Cennini, der die Brauchbarkeit des
Amatito (von Hämatit ^ Blutstein) für Freskomalerei besonders hervorhebt.^
Alberti spricht vom Rötel als bei Bildhauern in Verwendung stehend, um auf
dem Tonmodelle notierende Linien zu machen,^ wohl in ähnlicher Weise
wie heute noch Zimmerleute Balken linieren. Als Michelangelo in Rom weilte,
erzählt Condivi, ersuchte ihn ein Edelmann um eine Zeichnung. Der Künstler
griff, «weil der Rötel noch nicht im Gebrauche war (perciocche in quäl tempo
il lapis non era in usu), nach einer Feder ».^ Condivi kannte also für jene
Jahre, d. i. um 1496, den Rötel noch nicht in Verwendung.
Auch nach 1500 lassen sich wenig Stimmen über den Rötel vernehmen, es
sei denn die Erwähnung, daß dieser oder jener Meister gerne damit gezeichnet
habe. Um 1587 erfahren wir von Armenino einiges über technische Eigen*
Schäften, daß ihn die Maler im rohen Zustande kaufen und dabei eine gute
Auswahl zu treffen haben, daß das Material weder zu weich noch zu hart,
noch löcherig (spugnosa) sein dürfe. Zuerst müsse man ihn von den äußeren
verwitterten Schichten und Rauhigkeiten befreien, um ihn dann mit dem Messer
oder der Säge in vierkantige Klötzchen zu schneiden. Diese Stängel stecke man
in das Rohr und spitze sie (S. 62).
Eine besondere künstlerische Wertschätzung erfährt er 1599 durch Imperato
in seiner Historia naturale, wo er, grafio rosso genannt, bereits wegen der
Exaktheit der Linien, der Anmut und Harmonie in der Schattengebung als das
am meisten geschätzte Zeichenmittel hingestellt wird.'' Von der gerade um
* Die Worte bei Horaz, Sat. 11,7,98: proelia rubrica picta aut carbone geben einen
literarischen Beleg. - Ferner Plinius XXXV, 31, 33, 36, XXXIII, 115. - Vitruv VII, 7.
= Merrifield I, 24 u. 34. => Vgl. Anm. zu K. 42.
* Signabis enim rubricae lineam (In: De Statua, Quellenschr. f. K. XI, S. 199).
^ Condivi. Vita di Michelangelo, Rom 1553 und Portheim, Rep. f. Kw. XII, 145. - Ist
hier Lapis auch durch kein Attribut als Rötel bestimmt, so muß man doch annehmen, daß
nur lapis amatito gemeint sei. Erstlich stand schwarze Kreide bereits im Gebrauch und
zweitens habe ich den Ausdruck Lapis für dieselbe aulkr bei Jehan le Begue nicht mehr
gefunden.
'' Imperato, op. cit. Buch IV, K. XXXII, 122. II grafio rosso, appo alcuni ematite:
quantunque neila su prema superßcie si bagni, e bagnato meglio segni: non si scoglie
^/i'f
Abb. 46. Leonardo. Früher Rötelentwurf zum Sforza = Denkmal. W'indsor.
Breitzeichnende Stifte. 121
diese Zeit erkannten Befähigung, den Rötel in Verbindung mit Steinkreide als
koloristisches Mittel zu gebrauchen, spricht er jedoch nicht. Dagegen bemerkt
er, daß man den Stift beim Zeichnen öfter in Wasser tauchen solle, um weichere
Striche zu erhalten, eine Beobachtung, die gewiß ihre volle Richtigkeit hat,
sobald es sich um härtere oder alte Exemplare handelt.^
Vasari^ wie auch hundert Jahre später Baldinucci'* und Sandrart^ geben als Fundorte.
Fundstätte des Rötels Deutschland an. Im 18. Jahrhundert bezog man gute
Quahtäten aus Ägypten und der Berberei (Reinhold, Zeichen* und Mahlerschule,
1786, S. 84).
Die Rötelfarb'e variiert in verschiedenen Nuancen, vom hellsten Rot bis Farben^
zu stumpfen, gebrochenen und dunklen Tönen.'' Zur Zeit seines frühesten ""«"»ncen.
Auftretens in der Zeichnung beobachtet man ein helles, frisches Rot, das
noch im 16. und 17. Jahrhundert in Italien, Deutschland und Frankreich vor*
herrscht. Aber schon im letzteren Jahrhundert tritt in Italien eine dunklere,
mehr ins Violette übergehende Sorte auf (Guido Reni, Poussin). Im folgenden
findet sich dieselbe in Rom*" und Paris in häufiger Verwendung (Bouchardon,
Subleyras, Parrocel, Michel Corneille, G. Audran, H. Robert 1763, Charles
Eisen, F. Bartolozzi, Horemans). Die Vorliebe für den dunklen Rötel ist um
1786 so allgemein, daß Reinhold direkt fordert, ein guter Rötelstift sei braunrot.
Um ihn dunkler zu färben, empfiehlt er eine Behandlung mit Scheidewasser
oder einer anderen Säure, die ihn gleichzeitig erweicht.'
Der Rötel brachte ein neues Element in die Zeichnung, die Farbigkeit
der Linie, und bildete den Vorläufer der später eintretenden Buntstifte (Pastell*
stifte). War bisher für eine bestimmte flächige Farbenwirkung die Grundierung
allein maßgebend, oder im Sinne malerischer Effekte die bunte Lavierung, so
trat nun der kräftige Rotstrich bald allein, bald in Verbindung mit Schwarz
und Weiß in lineare Aktion. Die Derbheit des Matenales, das aufdringliche
perciö nelVacqua, ma si ritiene. Tra tutte le spetie de graßj per disegni da conservarsi, e lo piü
stimato, cosi per giustezza de lineamenti, come per gratia e union di adombratura : confassi
nel colore sanguigno con lematite: nella sustanza anco alquanto ss li confa, ma ce degli nella
durezza, che nello ematite e molto maggiore.
^ Auf diese Weise konnte ich mit einem durch ein halbes Jahrhundert liegen geblics
benen, an der Oberfläche verhärteten Rötelstift, der kaum eine Spur hinterließ, noch schöne,
weiche Striche hervorbringen. In umgekehrter Weise wird ein leichteres Zeichnen von
eigenartig zerflossener Wirkung erzielt, wenn man das Papier vorher einnälk. Solche Zeichs
nungen fand ich bei Franz Hofer, -f 1915.
^ Vas. Mil. I, 174: (^Lapis rosso, che e una pietra, la quäl vierte da' monti di Alemagna,
che per esser tenera, agevolmente si sega e riduce in punte sottiU.-»
^ Baldinucci, Voc. 92: <<matita rossa. una sorte di pietra tenera, che ci viene a noi in
pezzefti, la quäle segata con sega di ßl di ferro e ridotta in punte, serve per disegnare sopra
carte bianche e colorate. La migliore viene d'Alemagna^i.
* «Rötel, so ein zarter und linder Stein, leicht zu schaben und zu schneiden, auch in
unserem Teutschen Gebürg zu finden ist» (T. A. I, 62).
^ Die Wärme des Tones hängt von der Quantität des Oxygens ab.
^ Der in Rom lebende und daselbst 1772 verstorbene deutsche Kupferstecher Jakob
Frey gebraucht in seinen fein ausgeführten und damals außerordentlich hoch geschätzten
Vorzeichnungen, um eine malerische und stoffliche Wirkung zu erreichen, beide Rötelartcn
nebeneinander.
' Reinhold, Zeichens und Mahlcrschule, S. 84.
122
Breitzeichnende Stifte.
Heraustreten der Figuren aus dem Hintergrunde scheint nicht jedem Künstlerauge
genehm gewesen zu sein; es bedurfte eines führenden Meisters wie Leonardo,
seiner absolut sicheren Hand, um dieses neue, leicht verwischbare Zeichenmittel
dennoch in reiner, klarer Strichtechnik siegreich einzuführen (Abb. 153). Zur
^
■:^^
Abb. 47. Leonardo. Früher Beleg einer reinen Rötelzeichnung."
Vorzeichnung benützte man, wenn überhaupt nötig, den Bleigriffel lieber als
Kohle. Am wenigsten ratsam war der später aufkommende Graphit, der durch
seine weiche Masse die Zeichnung verschmiert (macchiafo) erscheinen ließ.^
Entwicklung. ITALIEN. Nach dem heute zur Verfügung stehenden Zeichnungenmaterial
zu schließen, müssen wir aller Wahrscheinlichkeit nach Leonardo als ersten
bezeichnen, der mit Rötel nicht nur Entwürfe, sondern auch ausge#
' Vocabolario della Crusca, erster Druck Venedig 1612, III, unter «Piombino»: Wenn
man mit matita rossa zeichnet, muß man Sorge tragen, die Linien nicht zuvor mit dem
Piombino (Graphit) zu machen, weil die Zeichnung hernach macchiato erscheint.
Breitzeichnende Stifte.
123
führte Detailstudien geschaffen hat. Die Mehrzahl derselben fällt nach
Mailand, d. i. von 1482—1499, und bildet zwei Gruppen: Vorarbeiten zum
Reiterdenkmal und jene zum Abendmahl.
Als erste, gewissermaßen noch den Übergang bezeichnende Skizze ist ein
Entwurf des Gesamtmonumentes mit der bereits kompositioneil abgeschlossenen
Reiterfigur zu nennen (Abb. 46).^ Rötel diente hier zunächst dem skizzenhaften
Entwurf, der mit der Feder redigiert wurde. Nach Seidlitz (Leonardo I, 112) Leonardo,
wird die Arbeit am Modell im August 1489 mit Bestimmtheit erwähnt und
1493 wird letzteres bereits von den mailändischen Dichtern verherrHcht.
Wenngleich es wahrscheinlich, daß der Künstler noch länger daran arbeitete,
etwa bis in die Zeit des zweiten großen Auftrages, so werden wir der Wahr?
heit nahe kommen, eine zweite Rötelzeichnung mit dem bereits eingerüsteten
Modell vor oder nach 1493 anzusetzen (Abb. 47).- Hier beherrscht der Rotstift
schon das ganze Lineament.
Als Vorstudie zum Abendmahl existiert eine Gesamtskizze aus den Jahren
1495—1499 (Venedig, Akademie), aber auch schon einzelne Köpfe (Abb. 185).^
Ob Leonardo zu diesem plötzlich durchbrechenden technischen Mittel erst in
Mailand gelangte,"^ oder ob hiefür seine persönlichste Neigung, neue Mittel zu
erproben, schon in Florenz maßgebend war, darüber gibt eine interessante
Zeichnung des Pier di Cosimo zu dem Bilde Maria Empfängnis in St. Fran? pier
cesco in Fiesole vom Jahre 1480 eine Andeutung. Diese aus zwei Teilen bestehende di Cosimo.
Komposition (Uff. 552 und 555) zeigt einen Rötelentwurf, der mit schwarzer
Kreide etwas schärfer betont wurde, so daß alles noch schüchtern erscheint.^ Im
Anschluß an Vasari weist Knapp mit Recht darauf hin, daß in diesem Jugend*
werk, in Bild und Zeichnung Leonardos Einfluß unverkennbar auftritt." So liegt
es nahe, bei diesem nachweisbar früheren Rötelversuch an verloren gegangene
zeichnerische Vorbilder von Leonardos Hand zu denken und den nur zum
Entwurf verwendeten Rotstift für Florenz bereits um 1475 — 1480 anzusetzen.'
Als Leonardo nach dem fluchtartigen Verlassen Mailands und nach kürzerem
oder längerem Verweilen in Mantua und Venedig nach 1500 wieder in Florenz
* Aus Richter, Jean Paul, The Literary Works of Leonardo da Vinci, London 1883, U,
Taf. 74, Windsor. - Seidlitz L 180.
2 Ibid. II, Taf. 76; Mailand,'Codex Atlanticus.
' Richter, I, T. 46, 47, 50. — Andere, noch in die Mailänder Zeit fallende, aber schwer
datierbare Rötelzeichnungen sind: Greisenkopf, Louvre (Müntz Abb. S. 241). die große
Landschaft (Windsor, hier Abb. 229), die von oben gesehene Fähre (Windsor, Seidlitz I.
288), Pflanzenstudien in Rötel und Feder (Windsor), liegender Ochse (Windsor), pHü=
gende Bauern (Windsor), sieben Karikaturköpfe (Ambrosiana).
* Neuerer Zeit wurde eine im Städelschen Institute befindliche Rötelzeichnung, Ilalb^
figur eines alten Mannes, Vincenzo Foppa (f 1462) zugeschrieben. Technik und Form ist
bereits eine vollendete; wenn man an diesem Namen festhalten wollte, müßte die Kinfühs
rung des Rötels weit vor Leonardo angesetzt werden, ohne daß sich ein weiteres Binde,
glied finden liefk. Publiziert in A. P. Unbekannter Meister, Nr. 544.
'-' Ulmann, Jahrb. d. pr. Ks. 1896, S. 43, Anm. 1. - Berenson 11, p. 130, Nr. 1855-1856.
— Von einer Überarbeitung, wie man mehrfach meinte, kann keine Rede sein.
" Knapp, Pier di Cosimo, S. 17, Abb. 6 und 7.
' Nichtsdestoweniger muß der Rötelaufputz auf Wange und Mund, wie z. B. in einem
Kartonfragment A. PoUaiuolos: Kopf zur Fede (Utt. 14506) als spätere Zutat betrachtet wertlcn.
124 Breitzeichnende Stifte.
lebte, scheint er viel mit Rötel gezeichnet zu haben, wenigstens zeigen die
Kopien nach seinen leider verschwundenen Vorstudien zu dem hl. Anna*
Selbdritt^Bilde von 1503 fast alle dieses Material.^ Aber auch echte Zeich=:
nungen für den Karton zur Schlacht bei Anghiari bestätigen dies (Abb. 8).
Ebenso entwirft er seine Anatomiezeichnungen mit Rötel, vollendet sie mit der
Feder und empfiehlt zum Glastafelzeichnen direkt den Rotstift (col lapis ama=
tUe)} Eine Stelle aus Lomazzos Trattato (p. 193) läßt erschließen, daß die
Erinnerung an Leonardo als Emführer der Rötelzeichnung noch um 1582
lebendig war: La pietra tossa, la quäle era usitatissima da Lionardo Vinci.
Warum nur Leonardo?
Florenz. Um 1503 sehen wir die reine, vollendete Rotsteinzeichnung in Florenz und
auch in den Provinzen sich rasch verbreiten, wenngleich sich viele, wie die konser*
vativen Umbrer, noch ablehnend verhalten. Fischel weiß in seinem Katalog
der umbrischen Zeichnungen nur ein einziges Blatt anzuführen und auch dieses
enthält nur eine Figur in Kreide, über die mit Rötel eine leichte Drapierung
gezeichnet wurde. ^
MicheU Es ist kaum anzunehmen, daß Michelangelo, Leonardos stolzer Rivale,
angelo. sich schon in Florenz eine Nachahmung erlaubt hätte; tatsächlich finden wir
erst um 1508 Rötelstudien, als er in der Sixtina beschäftigt war (Abb. 167).
Wohl aber griffen andere Florentiner Meister wie Albertinelli um 1503 schon
in Kompositionen (Mariae Heimsuchung, Florenz, A. P. 137 und Mariae Ver?
kündigung) die neue Technik auf;* oder Signorelli in seiner Studie für
Orvieto, Fesselung zweier Verdammten (Ulf. 1250), die neben der Kreide
Rötelschattierung, also bereits eine gemischte Technik aufweist und noch vor
1504 fällt. ^ Und ebenso Bartolommeo, wenngleich sich von den vielen
Rötelzeichnungen wenige erst für 1508 feststellen lassen." Raffael, der in seiner
Florentiner Zeit ganz unter Leonardos Einfluß steht, verwendet ihn in
Madonnenentwürfen (Albertina und Oxford).
Andrea Der frischeste und leidenschaftlichste Rötelzeichner in Florenz wurde Pier
del Sarto. Ji Cosimos Schüler, Andrea del Sarto. Von 1511 bis zu seinem Tode be*
obachten wir die gleiche Vorliebe. Wiewohl er auch Schwarzkreide gelten läßt,
bleibt doch der Rotstift sein handsamstes Instrument. Wie wenn er in diesen
in lebendiger Schaffenskraft erstandenen Figuren, bereits frei von linearer
Härte und voll von luftiger, lockerer Formgestaltung, all sein koloristisches
Streben bekunden wollte (Abb. 98).^ Franciabigio, Granacci,^ Naldini,
Poccetti stehen bereits auf der abfallenden Linie; hier ist es nicht mehr
Bedürfnis, sondern Schule und Nachahmung. Nicht anders bei den Florentinern
des 17. Jahrhunderts (C. Dolci, Manozzi, Franceschini u. a.).
' Rosenberg. Leonardo, Abb. 80, 81, 84, 85, 86.
* Leonardo, § 90.
' Fischel, Zeichnungen der Umbrer, Nr. 92, Abb. 158: Perugino, Johannes d. T., Oxford.
* Berenson, Taf. 95.
* A. P. 75.
* Weimar, Studien zur Mater Miscricordiae. Knapp, Fra Bart., S. 155, Abb. 73.
' Vgl. die vielen Abb. bei F. di Pietro: I Disegni di Andrea del Sarto, Siena 1910. -
Fr. Knapp, A. d. Sarto und die Zeichnungen des 15. Jhdts., Halle 1905, S. 5.
" Berenson, Taf. 76: Christuskopf.
Breitzeichnende Stifte.
125
Darf man nach dem ersten Dezennium die Verbreitung des Rötels auch eine
allgemeine nennen, so wechselten Vorliebe und Abneigung, einfache Anwendung
und kombiniertes Verfahren von Ort zu Ort. In Mailand setzten Nachahmer Mailand,
und Schüler Leonardos die neue Technik fort. Von seinem Freunde Francesco
da Melzi gibt es einen Profilkopf mit handschriftUcher Notiz und Datierung:
1510 adi 14 Augusto (Ambrosiana, Morelli III, 144). Luini^ und Giam-
petrino- schufen vereinzelte Lapiszeichnungen auf weißem Papier. Cesare da
Sesto aber grundierte, um den ihm offenbar sympathischen roten Effekt noch
zu verstärken, oder vielleicht, um das Rot mit dem Hintergrund in Einklang
zu bringen, zuerst mit demselben Material dünn das Papier und setzte die in
alter strenger Technik ausgeführten Rötelstudien darauf,'* eine charakteristische
Manier, die sich zur gleichen Zeit auch bei Pontormo, der rot gestrichene
Skizzenbuchblätter ausnützt, und später bei Primaticcio beobachten läfk. Von
Gaudenzio Ferrari und seinem Kreis, ebenso von Solario ist keinerlei Nachweis
vorhanden.
Es ist nicht unmöglich, daß Leonardo während seines kurzen Aufenthaltes Venedig,
in Venedig schon anregend wirkte. Denn um diese Zeit finden sich hier die
anscheinend ersten Spuren von Lapis; aber er bleibt nur eine vorübergehende
Erscheinung. Die uns sparsam zugeteilten Venezianer Zeichnungen weisen nur
schüchterne Versuche des einen oder andern Meisters auf. V. Carpaccio ent*
wirft seinen Georg mit dem Drachen in Rot und zeichnet mit der Feder fertig
(Uff., A. P. 136). Dieser Zyklus hebt nach Ludwig um 1502 an und endet 1508.
Ein zweites Skizzenblatt mit reinen Rötelzeichnungen zu dem Martyrium der
Zehntausend fällt um 1510 (Abb. 97).* Vereinzelte Blätter wie: Giorgione?
Schule, Figurenstudien (Uff. 1764 und Darmstadt), eine Francia zugeschriebene
Kopfstudie (Uff. 1946), oder eine Madonna von Palma Vecchio (Heseltine),
eine Landschaft von Campagnola (Uff.) geben gerade noch Zeichen, daß
der Rötel nicht fremd blieb.
Trotz des mangelnden Materiales Veroneser Zeichnungen darf man sich Verona,
manchen Schluß erlauben. Wenn wir bei Morone einen kleinen Entwurf von
1515 sehen (Uff.) oder Heiligenstudien in der Albertina, ^ möchte man nach
diesen zwei Blättern, derzeit die einzigen Zeichnungen seiner Hand, auf eine
Vorliebe schließen. Wenn wir anderseits z. B. unter den zahlreichen Belegen
umbrischer Schule bis heute kein Rötelblatt gefunden haben, so mag dies wohl
gegen den Rötel gedeutet werden.
Nach den zwanziger Jahren gehen einzelne' farbenfreudige Naturen mit Correggio.
gleichzeitig bravourösem Strich wie Correggio in dem neuen Elemente ganz
auf. So wenig wir von letzterem auch besitzen, das Rot herrscht vor. Ebenso
'■ Luini quadriert Kompositionen bereits mit Rötel, um sie für die Vergrölkrung vor--
zubereiten (Berlin, Zeichnung für die Villa Pelucca. Z. a. M. Nr. 59). - Außerdem Röteb
Studie Albertina (A. P. 4).
' Louvre. A. F. 1210.
=• Im Skizzenbuch Cesares bei Fairfax Murray in London tritt bereits gemischte Technik
auf. Ebenso in dem Hieronymuskopf. A. (A. P. 179). In Florenz ahmte Chr. Allori (A. P.
946 als Unbekannter Meister) seine Röteltechnik nach.
* Ludwig und Molmenti, V. Carpaccio. Mailand 1906. p. 284/5.
' A. P. 273. 181.
126 Breitzeichnende Stifte.
bei Parmegianino. Die Cremonesen Vincenzo und Giulio Campi, sonst
Federzeichner, versuchten sich in Entwürfen und Studien für S. Sigismondo
(Uff.).
Ein willkommenes Ausdrucksmittel bedeutete er den Bolognesen. Die
Carracci, Guido Reni, Domenichino, Guercino, Andrea Sacchi u. a.
wetteiferten in ihren akademischen Arbeiten, Akten, Draperien und sonstigen
Teilstudien auf weißen, braunen und blauen Papieren.
RöteU Das neue Mittel führte zu neuen Ausdrucksweisen, indem sich allmählich
entwürfe. Kompromisse zwischen Rötel und Feder, Rötel und Kreide, Rötel mit Lavierungen,
Rötel und farbigem Untergrunde vollzogen. Ein natürlicher Vorgang war es, eine
in Rot entworfene Zeichnung mit anderen Mitteln weiter zu führen, den Wirr*
warr der roten Linien mit Feder und Pinsel klarzustellen. Die ungelöschten
Entwurfslinien ergaben einen eigenartigen warmen Ton. Schon Leonardo, Pier
di Cosimo, Carpaccio, Fra Bartolommeo komponierten in dieser Weise. Cesare
da Sesto, Correggio, Fed. Zuccaro (mit brauner Lavierung), Franc. Vanni, Aless.
Turchi, Ag. Carracci u. v. a. setzten sie eifrig fort, wobei durch die Art des
figuralen Herausarbeitens immer neue Typen entstanden. Statt mit der Feder
fertigte man solche Entwürfe auch mit breitem Pinsel in Schwarz oder Braun
aus (Aless. Magnasco, Ph. P. Roos).
RöteU Einen besonderen Reiz hatte es für manche Künstler, die kräftigen Striche
lavierung. des Rötelentwurfes mit dem Wasserpinsel gewissermaßen aufzulösen und auf
diese Weise gleich in Rot zu lavieren. Man erzielte dadurch eine gewisse plastische
Weichheit (Erc. Procaccini, Carlo Cignani, Franc. Furini, Gius. Passari).
Deutsche wie Anton Müller ca. 1600 oder Niederländer wie A. Bloemaert, auch
Franzosen wie Jacques Bourguignon ahmten dies nach. Daß man Federzeich*
nungen mit Rötel lavierte, ist bereits erwähnt worden. (Siehe S. 59.)
Bunte Gesuchte Effekte bedeuteten buntlavierte Rötelentwürfe, wie sie uns glück*
Lavierung. Ucherweise nur vereinzelt bei Deutschen und Niederländern des 17. Jahrhunderts
entgegentreten (Jordaens, Kager). Die Variationen auf farbigen Papieren sind
endlos. Vorherrschend ist die venezianische Carta azzurta, die nicht immer eine
harmonische Zusammenstellung ermöglichte. Indes haben auch Künstler wie die
Carraccisten, Barocci, G. B. Tiepolo durch vermittelnde breite Lichter feine
Nuancen geschaffen.
Deutsch* JUEUTSCHLAND. Aus den erwähnten Bemerkungen Vasaris ynd anderer,
"*^"' daß der Rötel aus den Bergen Deutschlands komme, möchte man hier eine
frühere Verwendung erschließen. Das vorhandene Zeichenmaterial, vom kunst*
handwerklichen abgesehen, beweist das Gegenteil. Erscheint es auch wahrschein*
lieh, daß Glasmaler schon frühzeitig in Entwürfen den Rotstift zum Umreißen
der verschiedenen Farben benutzten, für die Malerzeichnung selbst können wir
ihn erst mit dem Einzug der Renaissance in Deutschland nach 1500 als neue
Erscheinung konstatieren.
Langsam und spärlich lassen sich die Spuren desselben, meist Rötelstein
oder Rothstein genannt, nach rückwärts verfolgen.' Die frühest datierte Rötel*
* Diefenbach L. 157'' redelstein {creta rubra). Nov. gloss. 119'' rotel stein, rodel steyn
= creta. - Grimm, Wb. VIII, S. 1305 Rötelstein (rodeb, rudeb, roteb, röteU, rotteh
Breitzeichnende Stifte. 127
Zeichnung H. Baidungs von 1513 findet bis zu den um 1502 fallenden
Skizzenbuchblättern des alten Holbein mit ihrem schüchternen Rötelaufputz für
Wangen, Mund, Augenwinkel und Ohrmuschel, der zu dem Silberstiftensemble
nicht sonderlich passen will, wenig oder gar keine Verbindungsglieder.' Jeden*
falls aber muß die Zeitgrenze vor 1513 fallen.^ Merkwürdig ablehnend verhält
sich Dürer. Sein Sinn für graphische Schärfe und Plastik, sein durchaus lineares Dürer.
Empfinden konnten den etwas ans Malerische streifenden Röteleffekten nicht
huldigen." Auch seine Schüler folgten dieser Anschauung. Außer den Haupt*
blättern Hans Baidungs lassen sich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts
die wenigen in reiner Technik ausgeführten Beispiele wie W. Huber 1520 und
1544 (Erlangen und Wien), der Monogrammist I. K. 1530 kaum vermehren.
Anders ist das Verhalten bei Lukas Kranach (1513), Jörg Breu (1519)
oder Holbein d. J., die den Rötel (allein oder in Verbindung mit anderen Färb*
stiften) gewissermaßen als koloristischen Behelf für Gesichtsteile heranziehen
und den Übergang ins Farbige andeuten. In ähnlicher Auffassung behandelt
1519 Peter Vischer einen weiblichen Federakt mit Draperie (Louvre).
Spätere Maler wie Chr. Murer 1606, Hans Troschel 1617, C. Mich!
Herr, Joachim Sandrart 1644, J. H. Roos in seiner Frankfurter Zeit
(1661—1676) liefern einzelne Belege reiner Anwendung. Im 17. Jahrhundert
ahmen die Italienwanderer auch italienische Manieren nach, konfuse Rötelent*
würfe, einen Knäuel von Linien, erst mit Feder und Pinsel ins klare zu
bringen (Rottenhammer, J. F. Rottmeyer, G. Ph. Rugendas, T. E. Weirotter).
Im 18. Jahrhundert liefern die Illustratoren, Vignettisten und Stecher gleich
denen Frankreichs feine Rötelzeichnungen.
UlE NIEDERLANDE. Auch hier ein allmähliches Eindringen auf kunst* Niederlande,
gewerblichem Wege. Dirk Vellerts Glasvisierungen vom Jahre 1525 bezeugen
eine partielle Verwendung. Erst bei italisierenden Malern, bei Akademikern
und insbesondere bei Breitzeichnern wie Rubens setzt er sich durch. «Aber für
Gesichter, Hände und ganz Nackte nach dem Leben müilt ihr weiche rote Kreide
gebrauchen (gesmijdich root Krijt)y>, lautet noch 1678 die akademische Regel
bei S. Hoogstraeten (Inl. p. 31). Den stärksten Ausdruck hatte die rood aarde*
retteis, redelstein). — Rothstein kommt noch 1792 bei Günther, Pastellmahlerey vor. —
Der Übersetzer von Gautiers L'art de laver gebraucht 1719 den Ausdruck «Röthel oder
Blutstein, so eine Art des feinsten Boli-», S. 12.
' Berlin, z. B. Nr. 2508. Auf anderen Porträts desselben Skizzenbuches, z. B. Nr. 2579,
zeigt der Pelz sogar schon Ockerfärbung. Ob diese Färbung auch ursprünglich?
'•* Die Berliner Burgkmair^Zeichnung (Rötel), angeblich für die 1509 datierte Nürn^
berger Madonna, ist Kopie.
^ Heller führt wiederholt in seinem Verzeichnis Rötelzeichnungen Dürers an; allein
unter den beglaubigten Blättern lälk sich nicht ein Fall auffinden. — An einer Stelle des
niederländischen Tagebuches von 1520—1521 findet sich zwar die Bemerkung (L. u. F. 131).
daß er einen Stüber für Rötelstein ausgegeben habe, es scheint mir aber wahrscheinlicher,
daß derselbe für Grundierungen verwendet wurde. Der von Lippmann unter Nr. 227
publizierte Kopf aus London, der zur Verstärkung und Belebung des lavierten Gesichtes
Rötel aufweist, fällt wohl nicht Dürer zu.
* met rood aarde en gehoogt met wit. (In: Konstryk Tegenboek van Abraham Bloc;
maert, by zyn zoon Frederik Bloemaert, Amsterdam 1740, 2. Aufl.)
128
Breitzeichnende Stifte.
bei Rubens gefunden, wo sie in Kopfstudien, Draperien, Tierstudien in Ver*
bindung mit Steinkreide allen Anspruch auf koloristische Wirkung erhob. Bei
seinen Schülern steigerte sich dieses Streben bis zur Manier (Jordaens).
Rembrandt. \'on wenigen Handzeichnungen aus seiner ersten Zeit abgesehen, zeichnet
Rembrandt im Vergleich zu der großen Anzahl hinterlassener Studien eigent?
lieh wenig in Rot, was auch ganz begreiflich erscheint.^ Denn für seine Haupt*
Probleme, wie Hellichtstudien, Bewegungsmotive oder psychologische Durch*
gestaltung, waren die Feder und der breit lavierende Pinsel geeigneter. Von
seinen Schülern kommt nur Niclas Maes in Betracht, seltener Ferdinand
Bol. Konsequente Rötelzeichner waren A. van de Velde, C. Bega (Abb. 182).
Andere wie Berchem, J, Pynas, Breenbergh verwendeten ihn bald allein, bald
mit Lavierungen. J. B. Weninx entwirft Landschaften, die er mit Tusche fertig
macht.
RöteU Eine durchaus unpraktische Anwendung begegnet uns bei einigen in
landschaft. Italien studierenden Malern, die ihre Skizzenbücher Seite um Seite mit Rötel*
landschaften füllen. Von der Gefahr des Verwischens abgesehen, gewähren
diese Blätter' trotz der feinsten Ausführung einen unleidlichen Eindruck. Schon
die mit 1527 datierten, irrtümlich Sarto zugeschriebenen Landschattsserien lassen
solche Versuche erkennen.^ Spätere Beispiele von Poelenburgh,^ Jac. Pynas, ^
Gasp. Dughet, Claude Gellee, Melchior Roos, wenn auch breiter und geschickter,
erweisen das Ungeeignete des Materiales.
Frankreich. In FRANKREICH erfreut sich der Rötel einer gleichen "Wertschätzung wie
in Italien. Man nennt ihn pierre rouge, pierre sanguine, sogar vermillon.
Letztere Bezeichnung, die erst 1635 auftaucht und eigentlich Zinnober bedeutet,
läßt sich nur auf künstliche, aus Zinnober verfertigte Rotstifte beziehen.^ Spät
und selten kommt der Ausdruck Ocre rouge vor.''
Martin Freminet (1567—1619) und Fran^ois Clouet waren wohl die
frühesten einheimischen Zeichner.^ Andrea del Sarto, der 1518 in Paris weilte,
und die in Fontainebleau schaffenden Italiener hatten mitgeholfen ihn einzu*
bürgern. Von Primaticcio wenigstens sind viele in Frankreich entstandene Studien
erhalten geblieben.
Zu keiner Zeit und in keinem Lande erlebte der Rötel eine so vielfache
und koloristische Verwendung als gerade im Frankreich des 18. Jahrhunderts.
' Abendmahl und Christus wird dem Volke gezeigt, ca. 1630, Dresden (Handz. Rem«
brandts I, III. Lief., Nr. 99, 137) oder Anslo, Studie zur Radierung B. 271 von 1640, London
(I, III. Lief., Nr. 120 und 127).
"^ Berenson I, p. 296.
' Skizzenbuch in den Uffizien (Fabriczy, Arch. stör. 1893, p. 115), zwei Blätter veröff.
in Disegni d. Uffizi I, Fase. 4, Tay. 7 und 8).
* Datiert 1646, Amsterdam.
* Faire le griffonnement avec crayon, craye, charbon, mine de plomb, vermillon.
P. Lebrun. Brüssels Ms., 1635, Merrifield II, 781. - 1760 schickt I. G. Wille von Paris an
Raphael Mengs Proben von künstlichen Rotstiften ; J'ay ajoute quelques crayons rouges,
que ion fabrique chez M. Basan (I. G. Wille, Memoires I, p. 121).
* ConstantsViguier op. cit. p. 154.
' Albertina. A. P. 1. - Ferner Jacques Bellange (1594-1638), Albertina, A. P. 16.
Abb. 48. G. Biliverti, Magdalena. Kreide = Röteltechnik. Albertina.
Breitzeichnende Stifte. 129
Für das reiche akademische Streben war er ein notwendiger Behelf. Jede
effektvolle Wirkung seines Materiales, alle Kombinationen und Vermischungen
wurden ausgenützt. Bald vorherrschend, bald untergeordnet, bald nur nuan*
cierend, half er in der Hand hervorragender Maler und Graphiker tatsächlich
neue Werte und Typen schaffen. Künsder wie Watteau, Boucher, Chardin,
Aubert, Greuze, Julien de Parme, A. Coypel, Portail, Liotard, F. A.Vincent
erzielten mit Hilfe wohlabgestimmter Hintergründe und weiser Heranziehung
anderer Zeichenmittel charakteristische Blätter. Das Genre pastoral, galant et
gracieux benötigte süße Ausdrucksmittel.
Trotz der allgemeinen Neigung für solch malerische Effekte behauptet sich
auch der reine Röteltypus. Bouchardons Zeichnungen nach der Antike, die ihm
für seine Zeit den Ruhm «des ersten Zeichners von Europa» eintrugen, wie
auch die zeichnerischen Vorstudien zu seinen eigenen Plastiken (Abb. 141)
weisen nur Rötel auf. Ihre klare Bestimmtheit und antike Härte, welche seine
ausgesprochene Vorliebe für griechische und römische Formen zum Ausdruck
brachten, entsprachen seinen Zeitgenossen mehr als dem heutigen Zeitge*
schmack.^
So wie Kohle und Kreide wird auch der Rötel als Pulver mit dem Wischer
breitflächig aufgetragen, ein Brauch, der sich in Frankreich häufiger beobachten
läßt (Maniere d'estomper).'-
Zu einer Art Schulvorschrift wurde das exakte Rötelzeichnen nach Bildern oder Kupferstich;
eigenen Entwürfen bei Kupferstechern. Dieses Material hatte den Vorteil, Zeichnungen,
die deutlichsten Abklatsche für die Platte zu liefern. Daher aus der Zeit des
Cochin fils, Ch. Eisen die vielen Abklatschzeichnungen, die, erkannt und
unerkannt, von Händlern und Sammlern eine unbegründete Überschätzung
genossen (siehe Kap. Hilfszeichnungen). Vielleicht war die Rücksicht auf die
geplante Reproduktion der vornehmliche Grund, daß Bouchardon für seine
antikischen Zeichnungen oder Boucher und Fragonard sogar für ihre Lands
Schäften sich des Rötels bedienten.
Eine wohl nur exzeptionelle Verwendung führt A. Bosse für Kupferstecher Kötcl
an: mit einem sehr weichen Rötel direkt auf der mit hartem Firnis über* ''"^ Kupfer^
zogenen Kupferplatte zu entwerfen und zu zeichnen. «Da man aber dazu sehr ^ ^
gute geschlachte Rötels oder Blut* Stein haben muf^, diese aber kan man
schwerlich bekommen, so soll man in Entwerffung seines Vorhabens nur im
Fall der Noht greifen.»'
Von den aus freier Hand geschaffenen Rötelentwürfen sind jene Zeichnungen Kötclp.uiscn.
zu trennen, welche unter jedem einzelnen Federzug gleichmäf^ig dünne Röteb
spuren zeigen, also von einer Pausierung herrühren. Mit Rötelstaub bestrich
man ja meist die Rückseiten der zu kopierenden Zeichnungen. Solchen Spuren
begegnen wir bei graphischen und Architekturzeichnungen (Seb. Le Giere). Der
Mangel an Pentimenten läßt sie leicht erkennen.
' Lettre de Bouchardon ä son pere, 1735 (Arnaudct, Noticc histor. sur Bouchardon.
1855). — Jean Locquin, La Peinture d'histoirc en France, Pari.s 1912, p. 73.
* Traite de la peinture, 1708, p. 18.
^ A. Bosse, Anweisung zur Radier; und I:t:=Kunst. übersetzt 1719, p. 20.
Med er, Uio llandzcichnung. 9
150 Breitzeichnende Stifte.
Braunstein. BRAUNSTEIN war eine Rötelabart, schmutzig gefärbt, dunkler und mit
bräunlichen Nuancen, die, von einigen Beispielen aus dem 17. Jahrhundert
abgesehen,' erst im 18. in Frankreich Verbreitung fand. Wiewohl er auch in
Studienköpfen selbständig auftritt (Boucher, H. Robert, Greuze, C. Robin,
Lutherburg), so dient er zum großen Teile in Verbindung mit anderen Stiften
nur zeichnerischem Aufputz (Watteau in Verbindung mit Rötel und schwarzer
Kreide). Durch Jakob Schmutzer, der die Manier, große Studienköpfe in
breitester Kreuzlagentechnik zu zeichnen, von Greuze in Paris erlernt hatte,
gelangte dieses vorübergehende Zeichenmittel nach Wien, wo es von Josef Abel
noch benützt wurde.
Von hartem Braunstein sind die weichen, braunen, pastellartigen Stifte aus
Umbrabraun, Kölner Erde oder Kasselbraun wohl zu unterscheiden.
Kreide := Röteltechnik.
In matita rossa e nera.
Gemischte Die Verbindung eines graphischen Ausdrucksmittels mit einem zweiten oder
Technik, gleich mit mehreren auf weißen oder getonten Papieren führte zur gemischten
Technik, zu jenem von Zeitmode oder persönhchem Sentiment abhängenden
Wechsel, der bereits mehrfach in dem einen oder anderen Kapitel Erwähnung
gefunden hat. Lassen sich hier auch einzelne Schulgruppen oder Individualitäten
herausheben, so verwirren die fortwährenden Nachahmungen mit verflachenden
Abweichungen, neben Rückfällen ins Konventionelle, das gewonnene Bild. Das
bunte Gewirr der Technik verhindert jede Übersicht, sobald PersönHchkeit oder
Stilstrenge wegfallen und ungeschickte Hände führerlos, heute nach diesem,
morgen nach jenem Effekte haschen. Nur die Zeitunterschiede geben markante
Typen ab.
Den freien, im vollen Umfange sich entwickelnden Verlauf nahm die koms
binierte Technik erst nach der allgemeinen Verwendung des Rötels und auch
der Pastellstifte. Die bedeutendste Gruppe von den ersten Dezennien des
Kreide. 16. Jahrhunderts bis ca. 1800 ergab die Verbindung von Kreide mit Rötel.
Rötel. Ihre stoffliche Verwandtschaft sowie ihr verschiedenfarbiges Zusammenwirken
vermochten es, sich durch Jahrhunderte die Gunst aller Nationen zu erwerben
und mit bescheidener, aber zielbewußter Zuhilfenahme von Buntstiften oder
Lavierungen immer neue malerische Werte zu erringen, die Zeichnung über
ihre linearen Grenzen hinauszuheben ins Plastisch := Koloristische.
Die früheste Form der Kreide^Röteltechnik bezeichnete wohl das zarte Ent::
werfen von Figuren oder ganzen Kompositionen mit Rötel statt der Kohle,
und deren Durchbildung mit schwarzer Kreide.- Das rote Liniengewirr hatte
für den Zeichner einen eigenen Reiz, weil es, systemlos, dem Auge und der
Phantasie allerlei Anregung verschaffte. Später, doch seltener ist der umge#
kehrte Weg, mit Kreide zu entwerfen und mit Rötel auszuarbeiten (Cesare da
Sesto, Windsor).
' Slingelandt zugeschr., Darmstadt: lesende Frau, Braunstein und schwarze Kreide auf
blauem Papier.
^ Pier di Cosimo, Uff. 552 und 555.
Breitzeichnende Stifte. 131
Erst nach und nach traten gesetzmäßige Verbindungen auf, von denen hier
folgende Typen genannt seien. Den ersten bildeten die Tocchi di rosso, i. Gruppe,
ein bescheidener roter Aufputz an Kreide? Studienköpfen, indem man einzelne
Stellen wie Augenwinkel, Lippen, Nase, Ohren, Wangen durch rote Drucker
belebte, um dem schwarzgrauen Gesamtton Farbe und Wärme zu verleihen.
Bei den Deutschen (fiolbein d. A. und Holbein d. J., H. B. Grün) und den
alten Niederländern war dies bereits auf Silberstiftblättern geschehen;' ein
Verfahren, das man fortan bei den meisten Kreideporträtisten, selbst noch bei
Graphikern (Claude Mellan, Janinet, Bartolozzi, Chodowiecki) beobachtet.
Eine erweiterte Form dieser Tocchi findet sich bei Pier Franc. Mola, wo sie
in seinen fast Rembrandtischen Kreidefiguren pointierende rote Flecke bilden
(Uff. 2065).
In der zweiten Gruppe, wohl die ausgedehnteste und mannigfaltigste, 2. Gruppe,
treten Schwarz und Rot zusammen, um stoffliche Unterschiede anzudeuten-
Von den Italienern geschickt eingeführt, mit geschmackvoller und organischer
Verteilung der Farben und W^ahrung des zeichnerischen Charakters, wurde diese
fruchtbare Technik dennoch schon im 16. Jahrhundert zu einer ungenießbaren
Manier, indem man mit so geringen Mitteln statt zu zeichnen, zu malen ver*
suchte. Während in Florenz diese Technik rein und nach traditionellem guten
Geschmack anhub (Rosso Fiorentino), treten in der in Rom erfolgenden Fort?
Setzung schon die unnatürlichsten Effekte ein. Die hier auf den Schild ers
hobene Bella maniera erfand allerlei geleckte und gesuchte Ausdrucksweisen
(F. Zuccaro, Fr. Vanni, Cav. d'Arpino, . Francesco Romanelli, Giuseppe Chiari).
Man ging so weit, daß z. B. Joseph f-feinz 1593 im völligen Mißverstehen der
Prinzipien römische Skulpturen wie Akte in Rot nachzeichnete und ihnen schwarze
Perücken aufsetzte. Nicht immer finden sich so gelungene Beispiele wie jene
Maria Magdalena* Zeichnung des Giov. Biliverti, wo das flammende Rothaar
der Heiligen, der Buchschnitt eines vor ihr aufgeschlagenen Folianten kräftig
rot gehalten sind, der nackte Oberkörper nur leicht rötlich angerieben. Hinter*
grund und Draperie in grauer Kreide erscheinen (Abb. 48).- Vereinfachter,
aber ungemein geschickt, schuf Manozzi durch Wischen von Rot und Schwarz
originelle Wirkungen (Uff. Apollo).^
Im Norden erlebte diese Technik eine mehr graphische Behandlung. Schon Der
Lucas van Leyden, Mabuse* kannten deren Vorteile. Führende Meister wie Norden.
Rubens verliehen ihr ein reines und persönliches Gepräge, doch erst die
Franzosen durften sich rühmen, die Kreide* Röteltechnik zu einem reinen Stil
geführt zu haben. Als Hauptprinzip galt, ausschließlich Gesicht, Hände und
alles Nackte mit Rotstein zu behandeln, die wesentlichen Konturen, Haare.
' Ebenso Goltzius 1570.
'' Albertina, Ausschnitt, 305 X 217 cm.
" I Disegni d. Uft. III, 4. Nr. 17.
* VIl. Odobris 1626. vidi apud Adcimum pidovem effii^icm Kci^'ncii Snoy. .ntificiosa
Mabusii manu ad vivum expressam creta ni,qra et lubta, qiiac pettinebat ad heicdcs
Kegelingii; adscripta erant sequ. verba : 1528 Ad. 55 (Kronijk van hct historisch Gezeischap
tc Utrecht, 2. Jahrg., p. 147. Anmerkung von Arnold Huchclius ;u: Historia Hollandiac
.... et Episcoporum Trajcctensium).
9»
132 Breitzeichnende Stifte.
Kleider und Hintergrund aber mit schwarzer Kreide. Auch hier bilden die
Bildniszeichnungen, Studienköpfe oder Akte die Mehrzahl der Belege. Selbst
Graphiker wandten in ihren Vorarbeiten die Doppeltechnik an. Seltener geschieht
es in Landschaften, wie z. B. bei Rubens (Vas. Soc. IV, 21), wo in unver#
kennbarer Weise und koloristischer Absicht das landschaftliche Gesamtbild in
Kreide, die Jacke des Staffagen* Mannes in Rötel dargestellt ist. Ebenso bei
Van der Meulen, Jan Both.
Farbige Auch in dieser Technik treten schon seit dem 16. Jahrhundert bräunliche,
Papiere, selbst blaue Naturpapiere (Ottavio Leoni) oder auch abgestimmte Grundierungen
in Verwendung, um den Zusammenschluß der gegensätzlichen Farbenwerte zu
erleichtern und der weißen Kreide das Relief zu ermöglichen. Baldinucci ist
über diese Technik gut informiert, wenn er 1681 schreibt: «Außerdem ver«
wenden kundige und tüchtige Maler Rötel und Kreide zusammen entweder
auf getonten Papieren, wobei sie mit Gesso belichten, oder auf weißen, um
naturgetreue Köpfe und äußerst anmutige Figuren zu solcher Vollkommenheit
zu gestalten, daß sie wie gemalt erscheinen.» ^ Als hervorragend in dieser
Technik bezeichnet er Cristofano AUori, Andrea Commodi (1560—1630) und
Cristofano Roncalli dalle Pomarance (1552 — 1626). Die Franzosen erfanden
für diese Gruppe die Formeln Dessins faits aux deux crayons (auf weißen
Papieren) und aux trois crayons (auf Naturpapieren). Letztere Bezeichnung
ging auch in die deutsche Kunst über: «Mit drey Stiften zeichnen, wenn
man Rötel und weiße Kreide im Fleische, und im übrigen schwarze Kreide
braucht.»^ Oder man nannte es nicht gerade klassisch: crayonnieren.^
Watteau. Ohne daß hier auf die große Menge von Varianten, zumal bei den Franzosen
des 18. Jahrhunderts, eingegangen werden kann, sei nur auf Künstler wie
Watteau hingewiesen, wo Geschmack und Virtuosität in der Strichwirkung
die feinsten Reize hervorbrachten. Indem er sich bemüht, die einzelnen
Zeichenmittel dem Stofflichen unterzuordnen, erreicht er einen Höhepunkt
der Vollendung, wie wir vorher kaum gesehen. Es ist die sparsamste und
raffinierteste Anwendung des Farbigen, eine Abbreviatur der Pastelltechnik.*
Ihm folgten Lancret, Chardin, Liotard, Aubert, Natoire mit feinen Neben*
akzenten. Weniger geschickt verhielten sich P. Caresme und J. Blanchard.
3. Gruppe. Eine dritte Form dieser Technik erzielte das sich deckende und strich*
weise durchdringende Übereinanderarbeiten beider Töne auf ein und der*
selben Fläche, so daß ein unbestimmtes Rotbraun entstand. Den frühesten
Versuch bringt Signorelli in einer Aktzeichnung (Uff. 1246). Die Über*
arbeitung mit Rötel ist noch eine schüchterne. Bei diesem Ineinanderzeichnen,
' Baldinucci, Voc. 92. «Oltre sevve ancora adoprandosi l'una e Valtra [matita rossa e nera]
insieme da intendenti e pratici pittori, o sia in carte colorate (himeggiandole col gesse) o
sia in carte bianche, per condurre a perfezzione, teste al naturale, e figure tanto vaghe, che
paiono colorite. Singulari in simili facultä sonostati: Cristofano AUori e Andrea Commodi,
celebri Pittori Fiorentihi; e di Cristofano Roncalli dalle Pomarance, luogo del Volterrano,
Pittore di chiaro nome, veggonsi disegni in matita rossa e nera, di tanto rilievo e cosi
ben maneggiati, che paiono veramente dipinti.»
' Reinhold, Zeichen, und Mahlerschule, S. 383, § 1334.
' Hebenstreit, Encycl., p. 162.
* Dessins de Watteau, H. Piazza, Paris 1907. - Gurlitt, Watteau, Handzeichnungen.
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Breitzeichnende Stifte. 133
auch nur Ineinanderwischen, wobei bald Rötel, bald Kreide dominierte, ergaben
sich allerlei Variationen und Verbindungen, so daß in den Figuren gleich
drei Farben, Schwarz, Rot und Braunrot, in Wirkung traten, wobei die letztere
Nuance meist Gesicht und Händen, Schwarz und Rot den Kleidern zugeteilt
wurden. (Dosso Dossi, P. Franc. Mola, Cav. d'Arpino, Francesco Furini),
Der letzte, aber auch interessanteste Techniker dieser Art ist der Franzose
Fortail, der seine zierlichen und aufs feinste ausgeführten Genre^Darstellungen
tatsächhch originell abstimmte (Abb. 49).^
Die vierte Stufe setzt mit dem Hinzutreten weiterer Farbstifte, wie gelb ■*• Gruppe,
oder braun für die Haare, karmin oder blau für Schmuck und Kleider auf
tonigen Unterlagen ein. Werden diese neuen Zeichnungselemente auch nur
in diskret andeutender Weise herangezogen, so erstehen für die Kreide? Rötel*
Gebilde dennoch derartig farbige Hilfen, daß wir erst hier von «gemalten
Zeichnungen» (veramente dipinti) sprechen können (siehe Pastellstifte). Bei den
Italienern findet diese Technik erst durch Barocci vielseitigen Ausdruck, wenn?
gleich ihm bereits Mailänder wie Boltraffio und Luini in Kopfstudien und
Porträts vorausgegangen waren. Französische Genremaler und Graphiker des
17. und 18. Jahrhunderts, holländische Porträtzeichner machten von dieser
äußerst willkommenen Zeichnungsart auf blauen und braunen Papieren reichlich
Gebrauch. Als deutsches Beispiel sei eine Kopfstudie von Georg Pencz ange^
führt: Konturen in Feder auf bräunlichem Papier, das Gesicht mit Rötel in
toniger Plastik herausgearbeitet, die Haare gelb und der Hintergrund mit Kreide
schwarz abschattiert (Uff.).
Zum Schlüsse sei noch auf die Lavierung von Kreide? Rötelzeichnungen Lavierungen,
hingewiesen, die in allen Schulen in verschiedenster Anwendung auftritt.
Tusche, Bister, vereinzelt auch andere Farben, verbinden sich mit den beiden
Stiften zu den mannigfaltigsten Ausdrucksweisen. Ein charakteristisches Bei?
spiel liefert der Spanier Pedro Nuüez, die drei Engel vor Abraham (A.),
Figuren in Rötel auf bräunlichem Papier, Hintergrund Kreide, alles braun
laviert und weiß gehöht. Rembrandts Studie nach seinem Vater (Oxf. Dr.
III, 24), mit Rötel entworfen, mit schwarzer Kreide ausgefertigt, wird noch
mit Tusche und Bister malerisch abgestimmt. In ähnlicher Weise versuchte
es auch Ferdinand Bol.
Pastellstifte, Pastellkreiden.
Coloribus siccis — Pastell s Steffte oder «mit trockenen Farben». FarbsStcfftc — Pastello,
di oder ä pastello — Pastils — Kryons.
Jener Kunstzweig, den man heute, wie auch schon im 18. Jahrhundert, mit Zeichnung
dem Namen Pastellmalerei (mit trockenen Farben mittels Wischer malen) i"'"^ Malerei,
bezeichnet, hat mit der Geschichte der Zeichnungstechnik nur insoferne zu
tun, als die ersten Entwicklungsstufen sich tatsächlich auf dem Wege der
Handzeichnung vollzogen haben.- Es können daher in diesem Kapitel nur
' Inv. Nr. 12099, A. P. 454, Ausschnitt, 30-6 X 295 cm.
* Ainsi Von a dit : peinture au pastel, bien qiie ce mode retrafät en tout Ic maniement du
crayon (Constant^Viguier, op. cit., p. 2).
154 Breitzeichnende Stifte.
jene alten Zeugen Beachtung finden, die ihren zeichnerischen Charakter
deuthch zur Schau tragen. Bei keiner Technik vermochte der Übergang von
der Zeichnung zum Gemälde so leise und unbemerkt einzutreten und nirgends
drängte sich die Forderung nach begrifflicher Klarstellung von zeichnerisch
und malerisch so stark hervor als gerade hier. Die in der Einleitung ge*
gebenen Gegensätze zwischen Bild und Zeichnung müssen daher in jedem
einzelnen Falle geltend gemacht werden (siehe S. 12).
Anwendung. Die Pastellzeichnung setzte kurz nach Erfindung der Stifte kräftig ein
und behauptete sich noch, als die «Pastellmalerei» siegreich von fiof zu Hof
zog.^ Die neue Zeichenweise betätigte sich zuerst in Bildnissen und Kopf?
Studien. Nach und nach traten auch Akte, fiand* und Fußstudien auf, indem
man der Natur auch koloristisch nahezukommen trachtete. Dabei handelte es
sich stets um schwarz konturierte Zeichnungen, welche auf trockenem Wege leicht
farbig gestimmt wurden (^disegnare e colorire figuve sopra cavta senza adoprar
materia liquida). Es war mehr ein flüchtiges Kolorieren größerer Flächen oder
ein Beleben einzelner Teile wie Augen, Mund und Ohren." Sehr bald hatte
man die Vorteile des Wischens erkannt und damit eine große Weichheit erreicht,
wobei man jedoch die gegensätzliche Wirkung fester Umrißlinien in Schwarz
und kräftiger Schattenstriche gelten ließ. Wiewohl die pasteliierten Vorstudien
den auszuführenden Ölbildern gegenüber ob der Verschiedenheit des Materials
eine wesentlich andere Farbenstimmung an sich trugen, waren sie dennoch
vorübergehend bei einzelnen Malern in Übung (Barocci, Guido Reni u. a.).
Naturs Man bediente sich anfangs nur weniger Farbentöne: rot, gelb, braun, später
papiere. auch karmin und blau. Als Fond wurden außer weißen auch graue, bräun?
liehe und blaue Naturpapiere gewählt. Die Grundierungen hatten sich nicht
bewährt, da die geleimte, harte Oberfläche das Pastellpulver zu leicht wieder
fahreh ließ. «Pastelle sind fein und bequem zum Zeichnen auf farbigen
Papieren» (Excellency, S. 13).^ Wohl aber rieb man weißes Papier mit weißer
^ Rosalba Carriera (1675—1757) brachte die Pastellmalerei innerhalb der Bildnis^
kunst zu einer vor ihr unerreichten Höhe und erwarb sich auf ihren Reisen in Franks
reich, Deutschland und Österreich große Ehren. Ein besonders günstiger Boden war
Paris. «Diese Art zu zeichnen ist jetziger Zeit sehr üblich, man macht darin sehr viele
Contrefaits, aber sie verlangt einen galanten Zeichner und guten Maler» (Gautier, op. cit.,
p. 14). Und als Q,u entin de la Tour der Frauenkunst Rosalbas männliche Kraft und
Lebenswahrheit verlieh, huldigten Hof und Adel dieser der ganzen Kunstanschauung des
Rokoko völlig entsprechenden Modemalerei. Aber während La Tour alles pasteliierte, was
Anspruch auf Gesellschaft machte, wurde sein Nebenbuhler Jean Etienne Liotard
schon nicht mehr in die Akademie aufgenommen ; die sogenannte hohe Kunst lehnte die
süße ab, wenngleich ihr in Deutschland noch Dichter wie Wieland und Klopstock alles
Lob sangen.
* Außer dieser Hauptverwendung dienten die Farbstifte auch zu astronomischen Dar«
Stellungen, zu Grundrissen, konnten aber infolge des leichten Verwischens und ihrer
Sprödigkeit keine Verbreitung erlangen. Maria Clara Einmartin zeichnete in Nürnberg
1693-1698 «bey dritthalbhundert Phases des Mondes mit Zuziehung eines guten Tubi auf
blau Papier in fol" mit druckenen Farben». (Doppelmayr, Joh. Gab., Von den Nürnber»
gischen Mathematikern und Künstlern, Nürnberg 1730.)
■'' Im 18. Jahrhundert wurden graue und blaue Papiere für Akademien und Porträts
empfohlen. Tju. Fresnoy, L'art de Peinture, S. 357.
Breitzeichnende Stifte. 135
'Kreide leicht ein und verwischte sie mit einem Lappen (prius charta creta alba
illita^} Ähnlich mußte auch das von der «Excellency» anempfohlene Perga*
ment behandelt werden.- Unrichtige Linien beseitigte man mit Brotkrume,
Radiermesser oder Hölzchen.
Über die Anfertigung der Pastelle, die von den Künstlern selbst besorgt Anfertigung,
wurde, konnte ich als früheste Quelle nur eine französische ausfindig machen,
die jedenfalls auf eine italienische zurückführt. Der Lyoner Professor Peter
Gregorius, wiewohl in Kunstdingen sonst nur theoretisch informiert, berichtet
1574 ausführlich über das Rezept. «Die Maler aber machen jene Farbstifte
in Cylinderform und rollen sie unter Beimischung von Fischleim oder Gummi
arabicum oder Feigenmilch, oder nach meiner Meinung, besser mit Molke.
Damit nämlich werden die Stifte, quos vocant coroyons, weicher, jene
anderen aber härter und kratzen das Papier.» Er führt noch Bleiweif^ und
weiße Kreide {ex cerusa vel creta cum aliis mixta) an, die den Farben beigemischt
werden, um die Töne zu mildern und den Strich weicher zu machen.' Imperato
nennt in seiner Historia naturale 1599 statt Blei weiß und Kreide Gesso {Pastelli
fatti di gesso),^ Baldinucci neben Gummi den Zuckerkandis.''
Der in Bassano tätige Volpato, für den die pastele per colorir le carte
mehr eine Curiositä waren, erwähnt 1670 als Bindemittel nur Gummiwasser.
Das Lampenschwarz (nero fumo) sei mit terra da hoccali (Töpfererde) anzu*
machen und diene so, am Feuer getrocknet, als Kohle zum Zeichnen (Merri*
field II, 753).
Ein interessantes Rezept führt der Übersetzer des Gautier de Nismes in
seinem Anhang S. 96 an:
«Vortreffliche Reiß? Kohlen [d. h. Pastelle] zu machen, die eben so fest als von Rötheh
Stein, durch den Herrn Printzen Robert, des Pfaltz = Grafen Bruder, eröffnet: Nimm weisse
Erde, die gantz zubereitet ist, Toback^Pfeiff^en daraus zu machen, reibe sie auf einen
PorphiersStein mit gemeinem Wasser, daß sie wie ein Teig werde, und nimm die Farben,
jede absonderlich, und reibe sie trocken auf dem Stein, so fein als nur möglich, hernach
' Petrus Gregorius, Syntaxeon Artis mirabilis, Coloniae 1600 (recte 1574), Lib. XXXI,
Gap. VI, p. 293.
" Pastils made of several co/ours to draw upon coloured Paper or Parchement. Ex»
cellency, S. 12.
' Diese interessante Stelle lautet in ihrer Gänze: «-Componuntur et ex coloribus vel sim=
plicibus vel mixtis, veluti styli cetacei lungiusculi, quibus pictores icbnographias vultuum pennae
modo in papyro describunt, prius, ut dixi, charta creta alba illita et leniter cum xylo scii
gossippio confricata. Condensant aufem et cylindruli formula, rotant stylos illos colorum.
pictores, alij glutine piscium, alij cum gummi arabico: alij cum lade ßcus arboris alij. et Uli
vt arbitror, dulcius cum sero lactis: cum hoc enim molliores sunt styli quos vocant coroyons:
alij enim duriores et qui chartam incidant. At observandum in istis stylis misceri colores et ita
hos referre colores ex cerusa vel creta cum aliis mixta. et in omnibus, antequam cogantur et
rotentur in modum pennae vel styli, optime colores conteri et misceri supra marmoreum
lapidem.y> (Syntaxeon, Lib. XXXI, Gap. VI, p. 294.)
* Imperato, op. cit., p. 122. - Ebenso in Excellency, p. 12, wo Plaister of Paris (Gips»
mörtel) empfohlen wird.
•' Voc. 119: <^^ Pastelli, divcrsi colori di terrc e altro, macinati e mescolati insieme. e
con gomma e zucchero candito condensati e assodati in forma di tenere pietruzze appuntate ;
de' quali servonsi i Pittori a disegnare e colorire ßgure sopra carta, senza adopr,u materia
liquida; lavoro che molto sassomiglia al colorito a tempcra c a fresco.^
156 Breitzeichnende Stifte.
schlage sie durch einen Taftet, oder sehr feinen leinen Tuch, und mische jede mit ges
meldtem Taige, nachdem du die Reif^ = Kohlen starck oder schwach haben wilt, und mische
ein wenig gemein Honig darunter, und Gummi=Wasser nach Gutbefinden. Hernach nimm
die gemeldten Taig, und mache daraus Rollen, so groß als ein Finger, rolle sie zwischen
:wey fein glatten Bretlein, zur Dicke, als du sie zu deinem Gebrauch begehrest. Wann
das geschehen ist, so laß sie auf einem säubern Brett trocknen oder auf einem Papier,
ohne Feuer oder Sonnen zwey Tag lang; hernach must du sie vollends trocknen, an die
Sonne oder das Feuer legen, und wenn sie trocken worden, so sind sie gantz fertig.
Dieses Geheimnus ist sehr schön und rar.
Farben Diese Rezepte weisen große Verschiedenheiten in den Bindemitteln und
und Fixage. Jem Weißzusatz auf. Anfangs fabrizierte man nur schwarze Stifte aus Ruß,
rote aus Rötel, Zinnober, Mennige, gelbe und braune aus Ocker. Blau und
Rosa traten erst später ein. Nach und nach griff man auch zu den wenig
beständigen Pflanzenfarben und heute gelten nur mehr die farbenzaubernden,
aber leicht verblassenden Aniline.^ Die Fixierung geschah in der Weise, daß
man die fertigen Zeichnungen durch Gummiwasser zog oder empfindlichere
Porträts mit einer kurzhaarigen Bürste bestäubte.^ (Siehe Fixagemittel, Teil I.)
Entwicklung Der technischen Bezeichnung pastello, ä pastello, auch pastele, gebildet
in Italien, von dem Worte pasta (Teig), begegnen wir zunächst bei Lomazzo. Dieser
Mailänder Schriftsteller berichtet in seinem Trattato folgendes: «Es gibt noch
eine andere Art zu malen, die ich nicht verschweigen will, ä pastello genannt,
was mit hauptsächlich aus Farbenpulver hergestellten Stiften geschieht, und
zwar auf Papier. Und dies ward von Leonardo in seinen Christus* und
Apostelköpfen fleißig in wunderbarer Weise ausgeübt.»^ Diese Notiz fällt um
das Jahr 1582. Einige Zeilen weiter spricht er von den Pastellen als von
einem nuovo modo, d. h. für Leonardos Zeiten. Damit dürfte er recht haben,
denn die Schüler Leonardos liefern uns tatsächlich die ersten Belege. Wir
haben zwei große Pastellzeichnungen von Boltraffio in der Ambrosiana
(A. P. 317, 334), eine dritte, bekränzter Jüngling, in Florenz* und eine mit
Farbstiften gezeichnete Dame von Luini (Albertina, A. P. 352), welche uns
einen festen Ausgangspunkt gewähren. Diese Zeichnungen sind Originale und
lassen erkennen, daß der nuovo modo schon sehr sicher geübt wurde. Da
Boltraffio ca. 1516 starb, so muß die Anwendung des Pastellstiftes wohl in
das erste Dezennium des 16. Jahrhunderts fallen. Daß Leonardo, der zwar
stets mit allen technischen Mitteln experimentierte, nach Lomazzo das Pastell
bei Studienköpfen für das Abendmahl verwendet habe, ist heute nicht nach*
weisbar.
In Florenz fand die bunte Zeichnung zunächst keinen Boden. Sie setzte
eine geänderte Geschmacksrichtung, ein Aufgeben der schlichten Linearwirkung
und ein ausgesprochenes Streben nach Farbe voraus. Es erscheint daher wohl
ausgeschlossen, schon in der ersten Hälfte des Cinquecento Belege hiefür fin*
den zu wollen.
' Herstellung der Anilinstifte bei Ostwald, Malerbriefe, Leipzig 1904, S. 25.
' Le Pileur d'Apligny, Anweisung, S. 56. - -Reinhold, Zeichen; und Mahlerschule,
S. 95.
' Trat., S. 192 f.
* Daselbst als Sodoma; allein dieser Name ist völlig unbegründet. A. P. 747.
Breitzeichnende Stifte. 157
Ihr Hauptgebiet bHeben die Provinzen nördhch des Apennin. Jacopo Venedig,
Bassano (1510 — 1592) zeigt bereits eine kühne impressionistische Strichführung Bologna,
(Darmstadt). Barocci (1528 — 1602), der viel mit Pastellstif'ten zeichnete, putzte
seine großzügigen Studien oft mit mehreren Tönen auf. Vor allem aber waren
es die Bolognesen, die Akademiker wie Lodovico Carracci,^ Guido Reni,
Domenichino und deren Schüler, die sich gerne der farbigen Stifte be*
dienten. Man wählte hiezu blaues Naturpapier und erhielt dadurch noch
eine Farbennuance mehr. Die häufigste Anwendung tritt, der Tradition ent*
sprechend, bei Kopfstudien auf. Besonders geschätzt waren nach Malvasia
jene des Guido Reni, die in Palästen und Sammlungen aufbewahrt wurden. -
Nichtsdestoweniger werden auch ganze oder halbe Figuren in Übergröße,
gewissermaßen als Kartons, pastellmäßig ausgeführt.'' Elisabetha Sirani (1635 —
1665) schließt sich wie ihr Vater an Guido an, geht aber schon in das selb?
ständige Pastell über. Gegen Ende des 17. Jahrhunderts zeichneten auch in
Florenz Bened. Luti weibliche Akte, Carlo Dolci Köpfe, Carlo Cignani
und noch später in Venedig G. B. Piazzetta lebensgroße Kopfstudien.
Bei den Deutschen sehen wir die Verwendung von Farbstiften in Zeich? Deutsch;
nungen L. Kranachs mit dem sicheren Datum 1513.'* Ohne über die Art der ''*"'^-
Vermittlung klar zu sein, müssen wir doch annehmen, daß die neue Technik
aus Oberitalien importiert wurde. Die in Kohle oder Kreide fest und sicher
hingesetzten Umrißlinien werden durch ein Rot im Gesicht, ein Gelb oder
Braun im Haar oder durch das Färben der Kappe zu bunter Wirkung gebracht.
Es war eine natürliche Fortsetzung des Verfahrens aus dem vorhergehenden
Jahrhundert, in Silberstift gezeichnete Köpfchen zu nuancieren. Holbein d. A.
zeichnete bereits in seiner letzten Periode den Kopf eines Aussätzigen in Bunt*
stiften (1523),^ wie Hans d. J. das sogen. Selbstporträt in Basel und viele andere.
Die wenigen Töne werden entweder gewischt oder gezeichnet. Bartel Beham
schafft in den dreißiger Jahren Porträts von breiter farbiger Wirkung.'' Ebenso
haben Georg Pencz,' Niclas Manuel^ und der Monogrammist CH 1529
(Karlsruhe) vereinzelte Beispiele überliefert. Im letzten Viertel des 17. Jahr?
hunderts zeichnete Melchior Roos Tierstudien in Schwarz, Gelb, Braun und
Rötel (A.).
' In dem Inventar des F. Raspantino vom Jahre 1664 (Bertolotti, Artisti Bolognesi,
S. 176) werden unter Carracci: Due teste di pastello erwähnt.
* «Piü belle ben poi delle eseguife nel quadro sono quasi le due teste deWIAena e del l\i=
ride, fatte per prova di pastello dal maestro, oggi nella famosa galeria Ginetta (Mal;
vasia IV, 40: Guido Reni). Ferner: Nel Palagio Ginetti la testa deli Emopa. Nel copioso
museo del Sig. Carlo Maratti due teste meno del naturale. Presso Monsig. Ratta il grazioso
pastello della testina similmente di un' Assonta» (Malv. I\', 89).
' «[Lodovico Carracci] in S. Rocco del Pratello, Confraternitä all'Altar maggiore il S. Rocco
grande piii del naturale, pastello che fece per esemplare (Vorlage) al Galanino, che lo
dipinse nella paliola oggi appesa in S. Rocco di Venezia-» (Malv. I\', 495).
* A. P. 26.
°A. P. 1125.
« A. P. 488 u. 489.
' I Disegni d. Uff. III, 3. 19.
- Basel, U 10, 8.
13S Breitzeichnende Stifte.
Benennung Laut Amerbachs Inventar (1586) galt damals der technische Ausdruck:
gen. mit trockenen Farben,' der sich noch 1719 in der deutschen Übersetzung
des Gautier- und bei Doppelmayr 1730 für Nürnberg wiederfindet.^ Zu
dieser Zeit taucht auch der Name Farb^Steffte auf. Merkwürdig erscheint
die Bezeichnung Reiß^Kohlen, die in dem bereits angeführten Rezepte des
Gautier* Übersetzers vereinzelt vorkommt.
Schließlich sei noch auf die moderne Ausdrucksweise LenbachsTechnik
hingewiesen, welche durch die von Franz v. Lenbach auf grauen Kartons in
Pastellstiften mit dunklen Umrissen (braun oder schwarz) flott gezeichneten und
mit dem Finger gewischten Bildnisse in Mode kam (Ostwald, Malerbriefe, S. 17).
Bei den Niederländern begegnen uns die Pastelle (Kryons) nach der
Niederlande. Mitte des 16. Jahrhunderts. Einer der fleißigsten ist H. Goltzius, der sich
ihrer in den achtziger Jahren und auf seiner italienischen Reise 1590 — 1591 auf
blauem Naturpapier bediente.* Auch ein Rezept wird durch Hoogstraeten
überliefert: «.Pijpaerde, een weynich Gomwater, en met zoodanige enkelde qf
vermengde verwen gekneet, plat gedrukt, en noch week, in Vierkante lange pennen
gesneeden, en gedroogt.»^ Während Goltzius' Porträts noch in das Gebiet
ausgesprochener Zeichnungen gehören, zeigen jene ein halbes Jahrhundert
später fallenden Produkte, wie die des Wallerant Vaillant, den Charakter fer?
tiger Pastelle. Christian Huygens schreibt 1645 von der Universität Leyden
aus an seinen Bruder Lodewijk im Haag, daß er jetzt mit trockenen Far#
ben {colovihus siccis, quod pingendi genus «doeselen» appellant^ male, und
zwar kopiere er einen von Rembrandt in Öl gemalten Kopf.^ Aus dersel*
ben Stelle erfahren wir auch die Begeisterung für diese besonders in Ama#
teurkreisen wegen ihrer rasch erreichbaren Effekte geschätzten Zeichenweise:
«Und wenn du sehen würdest, was ich gestern damit gemacht habe, so würs
dest du das spanische Blei (Graphit) nicht weiter gebrauchen.» Zu dieser
Zeit ist nur mehr vom Wischen (doeselen) und Malen die Rede, nicht mehr
vom Zeichnen.
Die farbigen Zeichnungen Holbeins finden in Frankreich ein Pendant
Frankreich, bei Clouet und seiner Schule.^ Wie dort alle Persönlichkeiten am engUschen
Hofe, so sollte hier die um König Franz I. und seinen Nachfolger lebende
' Item Hans Hohlbein des Mahlers Conterfeit auft Bapeyr mit trockhen Farben. Amer*
bach, Inventar in: Weltmann, Holbein 11,45. — 59. Jahresbericht der Bas. Sammlung, III,
Ganz u. Major, Die Amerbachschen Inventare, S. 41.
^ Gautier, op. cit., S. 13.
■* Doppelmayr, J., Von den Nürnbergischen Mathematikern und Künstlern, S. 260.
■* Teyckende hy (Goltzius) yet, de naeckten sonderlingh mosten met den cryons hun
verwen hebben. Mander^Floerke II, 250.
•' Hoogstraeten, Inl., p. 32.
*■' Hofstede de Groot: Die Urkunden über Rembrandt, Haag 1906, p, 133. Der Aus=
druck »-doeselen» bezeichnet wischen, verwischen.
' Bezeichnend für diese äußere Ähnlichkeit ist der Umstand, daß in der Albertina alle
ClouetsKöpfe (8 Stück) ursprünglich unter Holbeins Namen gingen. — Die von M.J. Friede
länder als Pastellinkunabel reproduzierte Jean FoucquetsZeichnung in Berlin wird ur;
sprünglich wohl einfache Kreide gewesen sein, die erst später einen bunten Aufputz
von Ocker und Rötel erhielt (Jahrb. d. preuß. Kunsts. 31 [1910], S. 227: Eine Bildnisstudie
Jean FoucquetsJ.
Breitzeichnende Stifte. 139
Aristokratie zeichnerisch verewigt werden. Leider trägt der größte Teil dieser
Bildnisse keine Namen mehr. Die Farbstifte treten noch bescheiden auf, Kreide
und Rötel geben die Form, ein Ockergelb oder Bfaun die Haarfarbe.
Um 1620 entsteht schon eine ganze Schule von Pastellzeichnern, welche
dank' ihrer Fruchtbarkeit fast alle Kabinette mit zahlreichen, heute meist namen«
losen Bildnissen versehen hat. Statt der schwarzen Naturkreide verwenden
sie bereits schwarze Kunstkreide für Umrisse und machen von Farbstiften einen
breitflächigen, aber diskreten Gebrauch. David und Petrus Dumonstier
und Lagneau sind die Hauptvertreter. Die scharf charakterisierten Köpfe
zeigen fast Naturgröße. Seit der Mitte des 18. Säkulums gibt es in Frankreich
kaum einen Künstler, der sich nicht der farbigen Stifte bedient. Maler und
Kupferstecher greifen zu der einen oder anderen Farbe, um die Aux trois
crayonsf Manier nach ihrer Weise auszugestalten. Basan fabrizierte um 1760
besonders gute Ware. J. G. Wille, der in Paris lebende deutsche Kupfer*
Stecher, sandte an Raphael Mengs Proben dieser guten Rotstifte nach Rom.
«C'est pour qu'il en essaye.»^ Frankreich hatte hierin denselben Ruf wie Eng*
land hinsichtlich der Bleistifte.
Die Zeichner des Rokoko können bei ihrem Drange nach zarten Farben
den Pastellsüßigkeiten nicht widerstehen. Boucher weiß seine nackten Schön* Rokoko,
heiten sehr geschickt und fein mit Himmelblau oder Rosa in volle Wirkung
zu setzen; Aubert ist kühler und nüchterner, Chardin dagegen bunt und
lebendig, J. B. Huet direkt süß. Im Gegensatz zu dieser Buntheit bedienten
sich Greuze und C. Robin nur der Braunstifte für große Charakterköpfe,
die ein breites und kräftiges Lineament aufweisen und in Jakob Schmutzer
einen eifrigen Nachahmer fanden.
Auch später noch entstehen in England in Bartolozzis Atelier reizende
weibliche Halbfiguren oder Porträtstudien in Schwarzkreide mit leicht gewisch* Bartolozzi.
ten Pastelltönen. In den Fleischpartien spielt der Rötel noch immer die Haupt*
rolle. Ab und zu kommt auch der Pinsel mit einer pointierenden, leuchten*
den Farbe zu Hilfe. Für die bunten Farbstiche in Punktiermanier waren die
mit Stiften kolorierten Vorzeichnungen wie geschaffen.
' J. G.Wille, Memoires I, 121.
Graphitstifte.
Bleistift, Bley^Ertz, Wasserbley, Blei, Bleifeder, Englisch Bleyweiß, Reißbley — Grafio
piombino, Lapis piombino, Piombino — Potlot, potloykens — Mine de plomb d'Angleterre,
Crayon de Mine de plomb, Crayon de mine oder kurz Crayon — Black ^lead Pencil.
Jxein Zeichenmittel hat in der beschreibenden Kunsthteratur, in Katalogen,
Publikationen und Wörterbüchern begrifflich so viele Irrtümer und Mißver*
Ständnisse hervorgerufen als der Bleistift. Wie Kreide und Kohle untereinan^^
der, so wurden auch Bleigriffel und Steinkreide leicht mit dem Graphitstift ver#
wechselt. Anderseits verlegte man in völliger Unkenntnis seiner Entwicklung
seine Anwendung weiter zurück, als es statthaft war, und verband wirkliche
Graphitzeichnungen mit Künstlernamen, welche diese Technik zeitlich völlig
ausschlössen.^ Der Graphitstift ist der unmittelbare Nachfolger des Bleigriffels.
Allmählich tritt er an seine Stelle, übernimmt
dessen Funktion und schließlich auch dessen
Namen. (Vergleiche die Strichproben Abb. 51.)
Literatur. Abb. 50. Bleifeder nach Gesner. Das Geburtsjahr des Graphitstiftes, oder
Bleistiftes nach heutigem Sprachgebrauche,
dürfte sich wahrscheinlich für immer in ein Dunkel hüllen. Die frühesten
Nachrichten bei Konrad Gesner (1565), dem deutschen Plinius, in seinem
Werke De rerum fossilium lapidum et geminarum maxime, figuris et similitu?
dinibus liber setzen ihn bereits, wie die gleichzeitige Abbildung zeigt, als
Gesner etwas Fertiges voraus (Abb. 50).^ Gesner beschreibt ihn als Stylus im Zu*
sammenhang mit verschiedenen Instrumenten, die aus Metallen erzeugt werden,
scheint aber dem Leser doch etwas Neues vermelden zu wollen. Nach ihm dient
er nur zum Schreiben (ad scribendum). Wir sehen in der Abbildung eine
Form, die sich bis auf den heutigen Tag erhalten hat, ein Holzröhrchen, kurz
und gedrungen, und oben ein Köpfchen analog den Silberstiften. ^
.Mathesius. Fast auf das Jahr übereinstimmend berichtet Johann Mathesius 1564 von
dem neuen Schreibmittel in folgender Weise : «Ich denke [noch], . . wie man
hernach mit silbern stefften . . . vnnd jetzt auffs papier mit einem
newen vnd selbwachßnen metal (selbstwachsenden Mineral) zu schreiben
' Auf das Dürer zugeschriebene Wohlgemut« Porträt (Graphit) wurde bereits auf S. 5
hingewiesen.
■' Zürich 1565, S. 104: ^Stylus inferius depidus, ad scribendum f actus est, plumbi cuiust
dam (factilij puto, quod aliquos stimmi Anglicum vocare audio) gener e, in mucronem derasi,
in manubrium ligneum inserto.»
■' Eine ähnliche Beschreibung bei Frisch 2, 326'^: steft (bleystefft) bacilli, quae fiunt e
phmbagine ad scribendum ligno subtili tecta.
Graphitstifte. 141
pfleget.»^ Auch hier das Hervorheben einer neuen Erfindung zu Schreibzwecken.
Das Gesnersche Schreibrequisit haben wir uns auch bei jenen Federn von
spanischem Blei (Bleifeder) vorzustellen, die laut Akten des älteren Dillen*
burger Archives (K. 923) in Wiesbaden um 1595 zur Ausrüstung eines Reiters
gehörten, um eventuell Notizen machen zu können. -
Von italienischen Nachrichten scheint jene von Borghini die früheste zu Borghini.
sein (1586), die von einem «Piombino» spricht, der wegen seines Verschmierens
sich nicht beim Rötelz^ichnen empfiehlt. Hier an den immer reinlich zeichnenden
Bleigriffel denken zu wollen, entspräche nicht dem Wortlaute jener Stelle.'
Eine weitere Quelle bietet des Andrea Caesalpino «De metallis» 1596, Caesalpino.
wo bereits der Gebrauch des Graphites, hier Molibdoides genannt, bei
Malern angeführt wird. «Pufo autem Molibdoidem esse lapidem quendam in
nigro splendentem colore Plumbeo, tactu adeo lubrico ut perunctus videatiir,
manusque fangentium inßcit colore cinereo, non sine aliquo splendore plumbeo:
utuntur eo pictores coticulis in cuspidem ßandriae, quia ex Belgia affertur.»^
Seine Anschauungen sind aber weder klar noch konsequent, denn er setzt gleich*
zeitig hinzu: Eundem veperiri tradunt in Germania, ubi Bismutum vocant und
wo er zum Gießen von Lettern verwendet wird. Und wieder eine andere Art,
fährt er fort, so schwarz wie Kohle, nennen die Maler Matita nigra.
Caesalpino weiß also wirklichen Graphit, Bismut und schwarzen Tonschiefer
(Steinkreide) noch nicht zu trennen.
Wohl am ausführlichsten und mit einer gewissen Begeisterung berichtet Imperato.
Ferrante Imperato 1599 von den Vorteilen des neuen Zeichenmittels. «Man
zieht ihn (hier bereits grafio piombino genannt) allen anderen Stoffen vor,
die zur Vorzeichnung für Feder und Tinte geeignet sind : denn gebraucht man
ihn geschickt, so kann man ihn leicht auslöschen, und will man ihn nicht
entfernen, so hält er. Er schafft der Handhabung der Feder kein Hindernis,
was Blei und Kohle auf die eine oder andere Weise tun, und man zieht damit
die feinsten Linien.»^ Imperato spricht demnach nur mehr vom Zeichnen, vom
Entwerfen und hebt die Feinheit der Linien hervor.
Schließlich sei noch auf zwei holländische Stellen aus M anders Lehrgedicht Mander.
hingewiesen, dessen Entstehung um 1604 angesetzt wird. Dieser Schriftsteller
* Mathesius, Bergpostille, p. 145".
'■^ Nach freundlicher Mitteilung des Herrn Franz Feldhaus: Der Bleistift, seine Ge-
schichte und Fabrikation (in: Vom Fels zum Meer, 29. Jahrg., S. 892).
^ Borghini, Raft., II Riposo in cui della Pitura e della Scultura si favella. Firenze
1586; hier zit. Ausg. von 1730, p. 139: Se alcuno volcsse disegnare con matita rossa. bisogna
abbia avvertenza non far prima le linee col piombino, perche vien poi il disegno macchiato.
* Andrea Caesalpino, De metallicis, hbri tres, Roma 1596 und zweite Auflage, De Mc^
taliis, Nürnberg 1602, Hb. III. cap. VIII, p. 186. Die erste Auflage war mir nicht zugänglich.
■^ Imperato, op. cit., K. 43. p. 122 und lib. XXV. K. 6. p. 679. «// grafio piombino
si preferisce a tutte le materie, che preparino il disegno alla penna e l'inchiostto: percioche
facilmente, vsandovi industria, si cancella : e non volendo cancellarlo si conserva. Non da
impedimento al maneggio della penna, il che fa il piombo per im modo et il carbone per
un'altro: si tirano con questo sottilissimi Uneamenti, ne si puö stimar materia per inren-
tioni da far in carta, che se le possa aggiiagliare : e ontuoso al tatto et al fuoco somma-
mente indurisce. Puossi ragionevolmente locare nel geno de talchi: ma cosi di qucsta. ccmc
di molte altre cose, ne ragionaremo piii distintamentc nel luogo proprio tra gli mctalli.^
142 Graphitstifte.
führt den Graphit (potlot, potloykens) für seine unmittelbaren Vorfahren
(moderne V'oorders) an, die die Rückseiten ihrer Kartons damit einrieben und
so auf die weiße Grundierung aufpausten, oder auch direkt auf der letzteren
rein zeichneten.'
Vergleicht man diese, eine Zeitspanne von 40 Jahren umfassenden Quellen
miteinander, so gewähren sie nicht den mindesten Eindruck, als ob sie von?
einander abhingen. Jeder berichtet nach seiner Erfahrung etwas Neues. All*
mählich vollzieht sich der Übergang vom Schreiben zum Zeichnen, zum
Entwerfen.
Provenienz. Hinsichtlich der Provenienz werden verschiedene Länder angegeben, bei
Gesner England, bei Caesalpino Belgien; Imperato übergeht diesen Punkt.
Außerdem kommt, wie der Ausdruck Feder von spanisch Blei und noch
ein halbes Jahrhundert später die Bezeichnung Plumhum hispanicum bekunden,
auch Spanien bereits in Betracht, das England gegenüber als Konkurrenzland
aufgetreten zu sein scheint.
Benennung Bei Imperato tritt zum ersten Male -r soweit heute nachweisbar — in un==
gen. zweideutiger Weise die Bezeichnung Grafio piomhino für Graphitstift auf.
Die genaue Beschreibung sowie die an derselben Stelle stattfindende Gegen*
überstellung von Blei (piombo) schließen jedes Mißverständnis aus. Ebenso
müssen wir die Stelle bei Fr. Lana 1670 deuten: Altri disegnano communemente
con lapis rosso o piomhino.^ Elf Jahre später lesen wir im Vocabolario Baldi*
nuccis nochIapi5 piomhino,^ aber bald nachher gilt für Italien nur mehr die
Abkürzung Piombino.^
Die vorgefaßte Meinung, daß Graphit ein Metall, eine Art Blei sei, erhält
sich auch in Deutschland in der Bezeichnung Pleyfeder, die schon 1595 in
den bereits zitierten Wiesbadener Akten vorkommt, oder in dem allgemein
üblichen Pleyweisz, wie wir in dem Inventar des Erzherzogs Leopold Wilhelm
und an vielen anderen Stellen finden.^ Sandrart spricht 1675 nur ganz allgemein
von den seinerzeitigen Zeichenmitteln: Feder, Griffel, Kreide oder Kohle. Ob
hier Griffel der Übersetzung von Piombino entspricht, oder ob er den alten
Bleigriffel meint, der noch immer in Verwendung stand, läßt sich nicht ent*
scheiden.'' Um 1719 begegnet man neben der merkwürdigen Bezeichnung
BleyweißiStefft' infolge des Durchdringens englischer Graphitstifte auch dem
* Mander*Hoecker, p. 267, v. 7 und 271, v. 16.
^ P.Francesco Lana, Prodromo, Brescia 1670 p. 167: nel quäl modo meglio spiccano i
chiari, e gli scuri, e lo sfumare dell ombre; e questo modD di disegnare e necessario,
che sia bene inteso prima e pratticato da quelli, che vogliono applicarsi alla pittura.
' Voc. 79: lapis piomhino, vna spezie d'amatita fatta artificiosamente, che tigne di color
di piombo e che serve per disegnare.
* Voc. della Crusca III, 1747: Piombino e uno strumento da formare i primi abbozzi de' di-^
segni colla matita di color di piombo per ridurgli poi a pevfezione colla penna o col penello.
5 «Mit Pleyweisz auf Pergament, von der verwittibten Kayserin Eleonora gezaichnet»
(In: Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh. I: Berger, Das Inventar d. Kunstsamml. etc. Vertzaichnusz
der Zaichnungen, Nr. 333). - ßleiweiß für Bleistift hat sich noch dialektisch erhalten
(Deutschbühmen).
* Teutsche Akad. I, 60.
' Gautier, op. cit, .S. 12 und 40: «Der Bleyweiß^Stefft gehört nebst einer Feile zum
Spitzen zu den Behelfen des Festungss Ingenieurs.»
Graphitstifte. 143
Ausdrucke Englisch Bleyweiß, 1776 Wasserbley^ und 1781 der Benennung
Erztbley.^ Um 1839 kommt in deutschen Katalogen neben Bleifeder auch
einfach Blei in steter Abwechslung vor.^
In England galt <ler Terminus Black#lead Pencil^ und in Frankreich Mine
de plomb.^
England scheint in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts Ingenieure, Fabrikation.
Kriegsleute, Schreiber und Maler in ausgiebiger Weise versorgt zu haben, denn
1664 wurde das größte Graphitwerk in Borrowdale in Cumberland aufgemacht,
das wie eine Goldgrube gehalten und überwacht wurde. Trotzdem waren auch
in Deutschland, und zwar in Nürnberg, bereits Ende des 16. Jahrhunderts
Bleistift macher*' und Mitte des folgenden lieferte Spanien Rohmaterial für
die Niederlande.'
Nicht immer handelte es sich um die Erzeugung von künstlich in Holz
gefaßten Bleistiften. «Diejenigen, so sich des englischen Bleyweißes zum Zeichnen
bedienen, thun besser, wenn sie solches in Stücken zerschnitten als in Stefften
kauffen; weil dasjenige, das man in Stefiften verkauft, nur von kleinen Stücklein
zusammengeleimet sind. Das Bleyweiß soll hübsch rein und ohne Steinlein
oder Stein? Adern seyn, sonst wird man alles Papier zerschneiden.»^ Derart
selbst zugerichtete Stängelchen steckte man in ein Rohr (BleyweißjRohr) und
spitzte sie mit einer Feile oder Seehundshaut.^ Es gab bald viele Qualitäten,
die je nach dem Rohmaterial und den jeweiligen Beimischungen wie Schwetel,
Kolophonium, Ton, Leim, Gummi und je nach dem Fabriksorte wechselten.
Man erzeugte Sorten zum Schreiben, Zeichnen und für das Handwerk.'**
Alehr als die industrielle Bewegung und Verbreitung kommt für uns die Anwendung.
Anwendung des Graphitstiftes in der Kunst selbst in Betracht. Es ist nicht
leicht, den literarischen Quellen in gleich chronologischer Weise Beispiele aus
den Zeichnungensammlungen an die Seite zu stellen. Weil er als Ersatz der
vorzeichnenden Kohle in erster Linie der Federzeichnung diente, so ver*
schwanden durch Ausradieren seine Spuren, und die hie und da noch sieht*
baren Reste bieten zu wenig Anhaltspunkte, um sie als Graphit bestimmen zu
können. Übrigens kommt es beim Entwerfen kaum daraut an, ob es noch mit
Bleigriffel oder schon mit Graphit geschah. Wichtiger ist die Frage, ob der
' Böhm, Anleitung zur Kriegsbaukunst, 1776, S. 456.
- Le Pileur d'Apligny, Richtige und vollständige Beschreibung aller Farbmatcrialien.
nebst einer deutlichen Anweisung. Deutsch, Augsburg 17S1, S. 51.
^ Über die verschiedenen Bezeichnungen siehe Paul Kretschmcr, Wortgeographie.
Göttingen 1916, S. 127.
* The Excellency, p. 11.
•' Traitc de la Peinture, p. 18.
" Caesalpino, op. cit., S. 186.
' Die mindere Qualität komme aus Holland, die gute aus England. Reinhuld, Zeichen^
schule, 1786, S. 228.
8 Gautier, S. 12.
■' Ibid.
'Mbid. p. 12: «Es gibt auch schwartz Bleywcil^ oder schwarzen Stein, dessen
sich die Maurer und Zimmerlcute am meisten bedienen. Aber es ist untauglich [zum
Zeichnen], weil es zu hart aufs Papier zugebrauchen.«
144 Graphitstifte.
letztere ausgeführte Zeichnungen und damit einen neuen Typus hervorbrachte.
Denn nur in der freien Anwendung eines neuen Materials konnte auch eine
neue Ausdrucksweise geschaffen werden.
Italien. Meines Wissens war dies in Italien nicht der Fall; ich habe keine selb*
ständige Graphitzeichnung des 16. oder 17. Jahrhunderts entdecken können,
wiewohl P. Francesco Lana 1670 in seinem Prodromo Rötel und Piombino
in einem Zuge als Werkzeuge nennt, die sich zur Behandlung der Lichter,
Schatten und des Sfumato besonders eignen. Richtiger wird die Beschreibung
des Piombino im Vocabolario della Crusca sein, die nur seine Verwendung
zum Entwerfen von lavierten Federzeichnungen erwähnt.^ Die Ursache lag
wohl in den noch schlechten Erzeugnissen, in der zu schmierigen, weichen
Masse, welche leicht verwischte und kaum zu fixieren war. Man begreift
dann auch die an derselben Stelle hinzugefügte Warnung, für eine Rötel*
Zeichnung nicht den Piombino zu verwenden, weil das Ganze macchiato
(fleckig, schmutzig) erscheinen würde. Galten diese Beobachtungen noch 1747,
so erklärt sich damit der Mangel an zeichnerischen Versuchen. Eher bildete diese
Eigenschaft eine Eignung als Pausemittel, indem man die Rückseite der zu über?
tragenden Zeichnung mit Graphitstaub (Bleyweiß#Staub) einrieb. Die scharfen
Pauselinien, Riß genannt, ließen sich leichter als der übliche Rötel entfernen.
Deutschland. Ebenso mochte es in Deutschland, Frankreich'^ und England^ der
England. p^jj gewesen sein. Immer wird nur vom Entwerfen, vom nachfolgenden Aus*
ziehen mit der Feder und dem Entfernen der Entwurfslinien mit Brotkrumen
gesprochen.^ Aber immerhin figuriert er bei Aufzählungen der wichtigsten
Zeichenmittel neben Kohle, Kreide und Rötel. In The Excellency 1688
werden nur Sallow^coals (Weidenkohle), a feather of a Ducks wing (Entenfeder)
und Black=lead Pencil genannt.^
Frankreich. Und ebenso führt der Traite de la Peinture von 1708 (p. 18) unter den
Crayons außer Sanguine (Rötel), pievre noire (Naturkreide) auch Mine de plomb
auf. Andere Quellen wie Du Fresnoy's Explication des Termes von HSS,*^ En*
cyclopedie methodique 1791 erwähnen ihn nicht.^ Letztere sagt nur an einer an*
deren Stelle: die Zeichner bedienen sich manchmal auch des Crayon de mine
de plomb; aber er ist mehr im Privatgebrauch, um Notizen zu machen. Sie
waren in Holz gefaßt und hießen Capucines.^ Diesen Bemerkungen entspricht
auch das geringe Vorkommen französischer Graphitzeichnungen. Zweifellose
' Voc. d. Crusca III: Piombino; laut Ausgabe von 1747.
' Gautier, S. 64: «Dann nachdeme sie den Riß zuerst mit Bleyweiß und nachmals mit
schwarzer Tusch oder mit derjenigen Rauchs Lampen^ oder Drucker ; Schwärz vermittelß
der Feder abkopieret.» — Encydop. mcth. Beaux = Arts II, 673.
' The Black=lead will he seen in many places, being thicker than the line of your Pen,
wherefore when you have finished your Drawing with Ink, ruh it over with these Crumbs
and it will not only take off the superßuous Black=lead, but all othev spots of your Paper.
The Excellency, p. 13.
* Ab und zu blieben sichtbare Spuren übrig; so Deutscher Monogrammist M. H. 1622 (A).
* The Excellency, p. 11.
•■■ Du Fresrioy, L'Art de peinture, S. 328.
' Encycl. meth. BeauxsArts II, 459: Aufzählung der Zeichenmittel.
* Ibid. p. 456: Crayon.
Bister
Holzkohle
Steinkreide
Bleigriffei
Sepia
Fettkohle
Kunstkreide
Graphit (Bleistift)
Abb. 51. Originale Strichproben.
Graphitstifte. 145
Beispiele wie jene Porträts auf Pergament von R. Nanteuil als Vorstudien für
Stiche um 1653 oder von Joh. G. Wille 1754 auf weißgrundiertem Papier
oder von Charles Eisen als Vorlagen für Kupferstichfolgen in feinster Aus*
führung (1776) lassen erkennen, daß das noch unverläßliche und wirkungsarme
Material gegenüber den effektvollen Kreides und Rötelzeichnungen nicht auf*
zukommen vermochte.
Deuthcher bildete sich in Holland ein selbständiger Typus heraus, der Holland,
indes nur vereinzelt auftritt und sich fast wie ein Kuriosum anläßt, denn man
hatte auch hier keine hohe Meinung von diesem Zeichenmittel. «Wenn Du
sehen würdest, was ich gestern mit den Pastellen hervorgebracht habe, würdest
du das Spanische Blei nicht länger schätzen», schreibt Christian Huygens
an seinen Bruder Lodewijk am 27. Juni 1645.^ Die große Masse zeichnete
mit der solideren Steinkreide unbekümmert weiter. Die um diese Zeit ent?
standenen Zeichnungen wie etwa von J. B. Weenix (1641), Pieter Quast
(1645) oder Gillis Nyts^ geben uns einen bescheidenen Begriff von jenen
Werken, fast immer auf Pergament, mit linearer Führung und diskreten
Schatten. Um 1673 finden sich die recht seltenen, von Cosyn gleichfalls auf
Pergament ausgeführten Porträt* und Kopfstudien, die heute stark verwischt
erscheinen. Eine merkwürdige Kombination läßt sich bei Aelbert Cuyps Land*
Schäften beobachten, wo Graphit für die fernen Partien, Naturkreide für den
Vordergrund verwendet erscheint.^ Beide Zeichenmittel werden in wohltuender
und wirksamer Weise einander gegenübergestellt.
Einen tatsächlich eigenartigen Typus bringt J. Thopas um 1660—1676, der J.Thopas.
von dem neuen Mittel ausgiebigsten Gebrauch macht. Er grundiert sein Perga*
ment dick weiß und zeichnet mit fettem Graphit in schummerig verwischter
Manier kleine Porträts mit breiten glänzenden Flächen. Nur die schwarzen Klei*
der werden gleichmäßig mit Tusche angelegt; für Innenzeichnung aber sowie
für Lichter muß die schimmernde Graphitmasse herhalten.^ Es darf bei der
ständigen Gefahr des Verwischtwerdens nicht wundernehmen, wenn von der*
artigen Zeichnungen wenig übrig blieb. ^
Eben wegen dieses Übelstandes empfiehlt 1745 die Anweisung zur Mahler*
Kunst «den Bleyweiß besser vor Meister und geübte Zeichner als vor junge
Lehrlinge, welche ihre Zeichnung rein und zierlich auszuführen haben» (S. 213).
Trotzdem zogen die Künstler, wohl wegen der Weichheit, noch lange den
reinen, d. h. unvermischten Graphit vor. Denn 1786 heißt es bei Reinhold,
* Si videas quod hac ratione heri feci, nihil prorsus plumbum hispanicum facias. (In:
Hofstede de Groot, Urkunden über Rembrandt, Haag 1906. S. 133.)
^ Ansicht von Antwerpen, Albertina, Graphit auf Pergament.
^ Auktionskatalog F. Müller, 1913, Planche 9 und Nr. 79. Auf beide Zeichnungen
machte mich Herr Frits I.ugt in Amsterdam aufmerksam.
* Von diesen seltenen Zeichnungen erwähnt Kramm, Holl. Künstlerle.\ikon, 6 Porträts,
die in der Auktion Kleinenberg in Leyden 1841 erschienen. Fin charakteristisches Bei»
spiel besitzt die Albertina vom Jahre 1660.
* Wohl zu unterscheiden sind jene mit Kreide auf Pergament gezeichneten Porträts,
z. B. von Nanteuil, die wegen ihrer Verriebenheit an einzelnen Stellen späte Graphits
Verstärkungen erfahren haben und demnach, seitlich gesehen, gleichfalls Glänze auf»
weisen (Albertina).
Medcr, Die Mandzeichnung. 10
146
Graphitstifte.
Contes
Bleistifte.
Moderne
Bleistifte
daß es nicht leicht sei, diese dünnen, viereckig zugeschnittenen und in Holz
gefaßten Bleistifte ohne Schwefelzusatz zu bekommen. Schwefel aber härte.
Selbst in London würden sie in diesem Gemenge verkauft. Man erkenne
diese Art leicht, wenn man sie an ein Licht halte und alsdann starker Schwefel*
geruch und die blaue Flamme die Zusammensetzung verraten.^
Kaum aber setzte die Erzeugung harter Bleistifte, wie jene durch Conte ein,
so traten auch schon kleine, mit scharfer Spitze gezeichnete Bildnisse auf
gelblich grundierten Kartonblättchen in Frankreich in großer Anzahl auf,
gewissermaßen als Fortsetzung der in jener Zeit noch immer geübten Silber*
Stiftporträts. Man erfand sogar im Hinblick darauf für die neue Technik den
Namen Stylographie. ^ Der Erfinder dieser harten, scharfzeichnenden Blei«
stifte war der Pariser Mechaniker Nicolas Jacques Conte, dem es 1790
gelang, durch Vermischung des geschlemmten Graphits mit Ton jeden beliebigen
Härtegrad zu erzielen. Von diesem Jahre an darf man von einer Entwicklung
und Vervollkommnung der Bleistiftzeichnung im heutigen Wortsinn sprechen.
Erst mit jenem letzten Dezennium des 18. Jahrhunderts erscheinen in
Frankreich und dann in Deutschland jene haarscharfen, konturreinen Zeichnungen,
Zeichnungen. ^^^ deren Würdigung heute wieder das Herz aufgegangen ist. Inmitten der Flut
von italienischen Landschaften, Kompositionen, Akten und Porträts entdecken
wir kleine Kunstwerke, die an Innerlichkeit, liebevoller Ausführung, Exaktheit
und Reinlichkeit der Technik an gewisse Beispiele der Frührenaissance er*
innern bei aller Einfachheit der Ausdrucksmittel: eines metallscharfen und
doch empfindlichen Bleistiftes auf weißen, gut geleimten Papieren. Diese Ver*
vollkommnung des Graphites führte zugleich einen neuen siegreichen Zeich*
nungstypus ein. Franzosen wie Isabey, Ingres, Deutsche wie die Nazarener
Overbeck, Schadow, Schnorr von Carolsfeld, Führich, Steinle und Richter
Ludwig brachten die heute so selbstverständliche Bleistiftzeichnung zu Ehren. Ludwig
Richter. Richter weiß uns aus den zwanziger Jahren eine reizende Schilderung über
jene Wiedergeburt der Zeichnung zu geben. ^ «Wir hielten es mehr mit dem
Zeichnen als mit dem Malen. Der Bleistift konnte nicht hart, nicht spitz genug
sein, um die Umrisse bis ins feinste Detail fest und bestimmt zu umziehen.
Gebückt saß ein jeder vor seinem Malkasten, der nicht größer war als ein
kleiner Papierbogen, und suchte mit fast minutiösem Fleiß auszuführen, was
er vor sich sah. Wir verliebten uns in jeden Grashalm, in jeden zierlichen
Zweig und wollten keinen ansprechenden Zug uns entgehen lassen. Luft*
und Lichteffekte wurden eher gemieden als gesucht; kurz, ein jeder war be*
müht, den Gegenstand möglichst objektiv, treu wie im Spiegel, wiederzugeben.»
Völlig neue Ziele und Ausdrucksweisen erstanden dem Graphit (Koh*i*noor
und Stängelgraphit ohne Holzfassung) in den letzten Dezennien.*
' Reinhold, Die Zeichens und Mahlerschule, S. 83.
* ConstantiViguier, p. 74: «// est une maniere de dessiner, qui doit beaucoup jaciliter
l'etude de la miniature; c'est de faire d'apres nature des portraits de petite dimension, modeles
au crayon de mine, et estompes sur papier plätre. Ce genre oii les rehauts et les corrections
se fönt par le grattage ou le polinage ä la pierre ponce a pris le nom de Stylographie.-»
* Ludwig Richter, Erinnerungen eines deutschen Malers, Frankfurt 1885, S. 159.
* E. Borough Johnson, How to use a leadpencil. Studio 1901, p. 185.
Graphitstifte. 147
Aum Schlüsse sei noch der um dieselbe Zeit in Frankreich vorübergehend »« ••
" Maniere
in Mode gekommenen Maniere ä l'estompe, auch faire de la sausse genannt, ä l'estompe
gedacht, die im Gegensatz zu der scharf linearen Behandlung auf rein tonig
malerische Effekte losging, indem sie kaum einen Kontur betonte, sondern
alles mit in Graphitpulver getauchtem Wischer trocken ausarbeitete. Dore hat
hier wohl das Beste geleistet.^
Noch weiter ging die «Graphit* Mahlerei» oder Neue Art, das Reiß*
blei zum Zeichnen zu benützen, wie sie C. Galpin einführte.^ Man pul* Galpin*
verisierte Graphit, legte ihn in ein Musselinläppchen und rieb davon auf ein Verfahren,
dickes Kartenpapier, das als Palette dienen mußte. Mit nassem Pinsel verarbeitete
man das Pulver zu verschiedenen Tönen und trug dieselben nach Bedarf auf
den Zeichenblock auf. Die Pinsel sollten Vs"! Zoll im Durchmesser haben;
um starke Schatten hervorzubringen, nahm man zugespitzte Holundermark*
stängel (von erfrorenen Ästen). Auf diese Weise habe Galpin Lufttöne, zu
welchen er vorher 6 — 8 Stunden brauchte, in ebensovielen Minuten erzielt.
' D'Argenville, Abrege I, XXXV. — Encyclopedie methodique, BeauxsArts II, 553.
'■* Transactions of the Society for the Encouragement of Arts etc. in Gills Technical
Repository XLIV, Nr. 62, p. 113. Im Auszuge mitgeteilt in Dinglers Polytechnischem
Journal 1827, S. 232. Auf diese Stelle verwies mich freundlichst Herr Ingenieur F. M.
Feldhaus in Berlin ^Friedenau.
10'
Die Pinselzeichnung.
Allgemeines. Pinselzeichnungen, ein weites, sich über alie Stilperioden erstreckendes Gebiet,
umfassen alle Arten von Kompositionen und Studien. Es lag in der Natur
künstlerischen Gehabens, jenes Werkzeug, das in der Hand des Malers die
erste Rolle spielte, auch rein zeichnerisch anzuwenden und seine lineare Be*
stimmtheit oder breitflächige Geschlossenheit auszunützen. Kein Ausdrucks*
mittel war mehr befähigt, den Zeitstil deutlicher und stärker auszusprechen,
jenen plastischer Klarheit, wie den zusammenfließender Fleckenwirkung. Jahr*
hunderte lang hatte die Pinselzeichnung, bevor sie als zeichnerische Vorstufe
in Erscheinung treten konnte, in primitiven Darstellungen auf der Mauer,
auf Holz, Vasen, Pergament eine ausgedehnte selbständige Entwicklung ge*
funden, und als sie uns zum ersten Male in Vorarbeiten begegnete, ließ ihr
Gepräge noch deutlich ihr Herkommen erschließen. Zur Pinselzeichnung im
landläufigen Wortsinn wurde sie erst in der Frührenaissance, indem sie den
Entwurf auf geglätteten Gipsschichten (Tafeln) gleich dem Griffel feststellte,
oder, eine weitere Stufe, Köpfe oder sonstiges Detail auf Papierbogen vor*
zeichnete (Abb. 52, 331, 183, 194). Den Höhepunkt erreichte sie durch die
Übernahme rein malerischer Aufgaben innerhalb der Licht* und Raumforde*
rungen bei Kompositionen und Einzelstudien. Aber nur dem formgewandten
Meister wurde sie zum dankbaren Behelf, wenn der rasche Darstellung, Aus*
drucksfähigkeit und malerische Erscheinung heischenden Phantasie auch die
sichere Gestaltung zur Verfügung stand.
.Merkmale. Rein technisch genommen, umfaßt die Pinselzeichnung eine bunte Gruppe
von Blättern mit allerlei Übergängen. Bald streng linear, bald lavierend im
Anschluß an die Feder, bald als Beherrscherin von Licht und Schatten virtuos
klecksend, erlebt sie, von der Miniaturmalerei ausgehend, Steigerungen bis zum
modernsten Aquarell und Gouache. Es gibt daher viele Zwischenstufen und
nicht immer ist es auf den ersten Blick ersichtlich, ob wir eine ausgesprochene
Pinselzeichnung vor uns haben. Das Prävalierende wird Ausschlag geben.
In einer richtigen Pinselzeichnung sind die Entwurfslinien in Feder oder Kreide
auf das Allernotwendigste beschränkt oder überhaupt nicht mehr vorhanden.
Das Unterscheiden feiner Pinselstriche von Federzügen wird für einen Zeichner
nie schwer sein. Beschreibende Worte würden hier nicht viel helfen.
Diese allgemeine Charakteristik erleidet noch innerhalb der Hauptstufen —
wir unterscheiden deren drei — vielfach schulmäßige und provinzielle
Differenzierungen. Es gab Künstler, bei denen sich alle drei Stufen geltend
machten. Dürer war Miniaturist, Linearplastiker und Impressionist.
Pinselzeichnungen.
149
Abb. 52. Carpaccio. Gelockerte parallele Pinsclführung.
150
Pinselzeichnungen.
Der gotische ErSTE STUFE. Die frühesten für uns in Betracht kommenden Beispiele
Feinstil. sind Vorarbeiten für Freskobilder und stehen in ihrer Ausführung mit
den gleichzeitigen Miniaturwerken auf einer Stufe. Echte Raritäten, fertige Dar*
Stellungen heiliger Begebenheiten auf grundierten Papieren (grüne Erde), mit
in Blau oder Gold abgedeckten Hintergründen. Die in Braun angelegten
Schatten, noch deutUcher die Lichter, zeigen eine geordnete vertikale Strich*
führung, entsprechend jener auf der Wand oder Tafel. Die Konturen, auf das
Wenigste beschränkt, sind sorgfähig mit Feder oder Pinsel ausgezogen.^ Diese
schlichten, einfachen Kompositionen gotischer Zeit beweisen durch ihre treu*
fleißige Herstellung, welche Bedeutung man ihnen beilegte und wie man sich
im vorhinein ein klares Bild der bevorstehenden Arbeit zu verschaffen suchte.
Hatten die Maler diese Miniaturtechnik von den Miniaturisten übernommen,
oder war es nur ein Ausüben der Fresko* oder Temperatechnik im kleinsten
Maßstabe? Es gab wohl viele Künstler, die neben großen Aufgaben auch
Büchermalerei betrieben und in dieser Kunst besondere Fertigkeit besaßen,
aber es lag ebenso in der Zeit, den Pinsel gleich fein wie Silberstift oder
Feder zu handhaben. Wenn sich Dürer bei seinem Christusknäblein oder
der Blaurake der Miniaturtechnik bediente, war dies nicht erst das Erlernen
einer Spezialkunst, sondern ein Anwenden dessen, was der zierhch * gotische
Feinstil zum Gemeingut aller Werkstätten gemacht hatte.
Bildvorlagen So manche der in verschiedenen Kabinetten aufbewahrten, völlig aus ihrem
und genetischen Zusammenhange gerissenen und der näheren Angaben ihrer ehe*
Miniaturen, maligen Bestimmung entbehrenden Reste lassen daher nicht immer erkennen,
ob es sich um eine Bildvorzeichnung oder um Fragmente aus Miniaturwerken
handle. Es wird stets besondere Überprüfungen erheischen, sie auf Grund
ihrer Formate (z. B. Lünetten), der etwas gröberen oder feineren Technik, der
Spuren von Text auseinanderzuscheiden. Der von Künstlern gewissermaßen
zum Vergnügen virtuos gehandhabte Pinselfeinstil, wie wir z. B. bei Dürer,
bei Holbein d. J. in seinen Miniaturporträts, bei Herm. Saftleven (Amster*
dam) in Pflanzenstudien, oder bei Graphikern wie Karl Gustav Amling in
Bildnissen (A.) beobachten, kommt für uns nicht in Betracht und zählt in
das Gebiet der Miniaturmalerei.
Renaissance*
zeit.
Zweite stufe. Schon die Frührenaissance befreite die Pinselzeichnung
von der schwerfälligen Deckfarbentechnik. Neue Forderungen der Bewegung,
Plastik und Naturwahrheit, die Notwendigkeit der Detailstudien und die Ein*
führung eines größeren Maßstabes bedingten ein anderes Entstehen, breite Aus*
drucksweise, dünnflüssige Tinten und eine lockere Schattierung. Man erfreute sich
nicht mehr an glattgepinselten Oberflächen, die manche Formenschwäche ver*
deckten, sondern zog die wenn auch unruhig gestrichelten, aber mehr das
Organische enthüllenden Studien vor. Man arbeitete nicht mehr mit gestutzten,
halb ausgedrückten Pinseln, sondern benützte die spitzgebundenen und tauchte
sie voll ein.
* Fairfax Murray, Taf. 1, linke Hälfte einer Lünette mit dem Martyrium eines Heiligen,
GiottosSchule. — Berenson, Taf. I: Taddeo Gaddi, Louvre. — Lor. Monaco, Heimsuchung
und Zug der hl drei Könige auf Pergament (Z. a. M. Berlin, 3).
Pinselzeichnungen. 151
Florenz hat wenig Material hinterlassen, doch immerhin so viel, um über Florenz,
die Entwicklung zu informieren; denn kein Zeichenmittel ist stiltechnisch be*
lehrender als der Pinsel, dessen jeweilige Handhabung auf großen Flächen
auch im kleinen wiederkehrt, nur individualisierter, persönlicher. Vergleiche
von Blättern von Botticini,^ Credi,^ Leonardo,^ Filippino,* Carpaccio u. a.
bestätigen diese Tatsache. Im Beginne bestand noch ein Anschluß an das
lavierende Sfumato, wie z. B. in den Uccello zugeschriebenen Kopfstudien der
Uffizien'' und der Albertina (Abb. 199), die noch durch eine verwaschende
Modellierung hervorgebracht wurden, und ebenso im weiteren Verlaufe in den
aufs feinste behandelten Draperiestudien Credis*' oder Leonardos (Abb. 194).
Allmählich aber setzte die spitzzeichnende Pinselführung mit kräftigen, lockeren
Strichen und fester Konturierung ein. Der aufwärtsblickende Kopf Signorellis
ist ein charakteristisches Beispiel der aufgelösten Flächen (Abb. 183). Es war
unmöglich, die Schwierigkeiten eines Skurz durch Feinlavierung zu überwinden.
Besonders locker, noch etwas an die alte vertikalstrichelnde Methode älterer Oberitalien.
Zeit erinnernd, aber großzügiger und weniger sorgfältig auf die strenge
Modellierung eingehend, begegnen uns außerhalb des großen Kunstzentrums
im Norden Italiens vereinzelte Teilstudien, so in Städten wie Padua,' Ferrara^
und Venedig. Selbst Umbrien bietet noch Beispiele (Art des Nie. Manni, auf
ockergelb gestrichenem Papier, London). Am tätigsten war man in der Seestadt.
Alle venezianischen Künstler bis ungefähr 1510 halten strenge daran fest. Venedig.
Keine Gruppe von Handzeichnungen erscheint überhaupt so klar und abge#
schlössen als jene der venezianischen Pinselstudien. Meist auf blauem Natur*
papier in Braun, seltener in Blau und noch seltener in Rot durchgeführt, mit
deudichem Höhungslineament, kennzeichnen sie sich auf den ersten Blick
durch die kurzen Licht* und Schattenstrichel, locker und weich, aber immer
parallel. Die Feder konturiert und verstärkt nach Bedarf. Ein Vergleich von
Abb. 52^ und 21 mit einer Florentiner Zeichnung (Abb. 183) manifestiert den
Unterschied aufs deutlichste. Hält sich der alte Bellini noch an die feine
Art gotischer Zeit," so bezeichnen Giovanni*^ und Gentile, Carpaccio,**
Giorgione,*'^ Cima*^ schon den ausgesprochenen Lokalstil.
' London; Berenson I, Taf. XXVII und XXVIII.
" Louvre; Berenson I, Taf. XXXI. ' UfHz., Madonnenkopf, A. P. 260.
* Uffiz., Madonnenkopf; Berenson I, Taf. LIV und Z. a. M. Berlin. 15.
^ Uffiz. 28 reproduziert in Disegni d. Uffizi, Ser. I., fasc. III, tav. 3.
« Berenson I, Taf. XXXI.
' Nachfolger des Mantegna, Hercules und Antäos, Wolfegg (A. P. 872). - Mantegna^
Schule (Oxf. Draw. II. 28).
« Ercole Grandi, Weibl. Kopf (Z. a. M. Berlin, Taf. 46).
« London, Gathorne.Hardy; aus: Vas. Soc. V, 7; 239 X 186 cm. - Über die Verwendung
des Kopfes siehe G. Ludwig und P. Molmenti. V. Carpaccio, 1906, p. 152.
" Jac. Bellini (Pariser Skizzenbuch. Golubew. Taf. LVIII) Golgatha, in Braun getüpfelt
und gestrichen, auf Pergament. Ebenso London.
" Giovanni Bellini (Uff. 595/294) Studienkopf. Tuschpinsel in vertikalen Strichen (Ab.
bildung bei Gronau: Die Bellini, S. 30).
" Außerdem Fairfax Murray, Taf. 54 und 55. Kopfstudien.
'^ Windsor, Anbetung (Justi II, Taf. 22).
" Uff. 281. Heiliger mit Buch zu dem Bilde in Vicenza von 1489. auf rot grundiertem Papier.
152
Pinselzeichnungen.
Brescia.
Mailand.
In Brescia schließt sich B. Montagna
ausgeführten Studien am nächsten an (Abb.
Dürer.
und seine Schule mit in Indigo
53);^ in Mailand Bramantino,'
zum Teil auch Solario, wäh#
rend Gaudenzio^ und sein
Schüler Lanino* bereits eine
vergröberte Behandlung auf*
bringen.
Als Dürer 1506 nach Ve#
nedig kam, bemächtigte er
sich dieser Technik mit aus*
gesprochener Vorliebe und er*
sichtlichem Erfolg, so daß
seine dünnflüssigen, großange*
legten Pinselstudien auf Vene*
zianer Papier fast den Ein*
druck von lavierten Federzeich*
nungen hervorrufen. Er, der
geborene Zeichner und Gra*
phiker, überbot in der kürze*
sten Zeit alle Venezianer, und
es darf uns nicht wundern, wenn
damals die bekannte Pinsel*
anekdote entstand^ (Abb. 331,
332, 157). Eine zeichnerische
Fortsetzung fand seine fabel*
hafte Pinseltechnik in den Stu*
dien zum Helleraltar (1508),
und zwar, um die Unfehlbar*
keit seiner Hand neuerlich zu
erweisen, auf sorgfältigen, emp*
findlichen Grundierungen, die
jede Verbesserung ausschlössen.
Es entstanden jene dem Modell
prima abgeschriebenen Cha*
raktertypen und Teilstudien
(Abb. 19).'' Trotz der virtuo*
ALU CT D • Oll w ., , T. , sen Plastik sehen wir doch nur
Abb. 53. Brescianer Schule. Vertikale PmseU
Schattierung.
* St. Josef, Ausschnitt aus «An*
betung des Jesul<indes», Albertina, A. P. 953, 26X218 cm. - London, Montagna = Schule
(vgl. Borenius S. 17). - Windsor, B. Montagna, Christus mit der Weltkugel, auf veneziani»
schem Papier (vgl. Borenius, op. cit. S. 112).
^ Berlin, Studie zu einer Anbetung, Z. a. M., Taf. 54.
' Mailand, Brera, Abendmahl, auf venezianischem Papier (A. P. 1341).
* Mailand, Ambrosiana, Christuskopf auf venezianischem Papier (A. P. 767).
* Von Camerarius überliefert. Siehe A. v. Eye, Leben und Wirken A. Dürers, S. 225.
In unserer Abbildung wegen der Verkleinerung die Pinseltechnik schwer zu erkennen.
Pinselzeichnungen.
153
Abb. 54. Deutscher Glasriß. Feder» und Pinsclzcichnung.
154
Pinselzeichnungen.
druck und Leben. Interessant erscheint es, daß Dürer während seines ersten
Autenthaltes in Venedig 1495 die für ihn gewiß neuen Ausdrucksweisen noch
nicht erkannte, wiewohl er schon auf seiner Hinreise durch Tirol Beweise
freiester Pinselführung gegeben hatte (Abb. 56, Innsbruck, Trient), und daß
er während seines zweiten Aufenthaltes gleich in den ersten Studien zum
Rosenkranzbilde den strengen Parallelismus der Schattierungslinien bevorzugte,
kaum eine Kreuzlage wagte.' Erst in den Studien zu den nächsten Bildern,
zur Berliner Madonna oder zu Adam und Eva, führt er den Pinsel wieder
nach deutscher Weise und verbindet Langstriche mit Häkchen zu einem flächi*
gen Schattennetz (Abb. 277). Dürers Pinselvirtuosität erfuhr noch 1520 in
der Kopfzeichnung des Dreiundneunzigjährigen eine letzte Steigerung, als
wollte er auch die Antwerpener Meister in gleicher Weise verblüffen. Damit
war in Deutschland Höhepunkt und Ende erreicht. Es gab keinen mehr, der
Ahnliches wagen konnte.^
Scheiben^ Eine besondere Funktion des Pinsels bildete in Deutschland das Fertig*
Zeichnungen, stellen und Kopieren von Scheibenrissen. Manche derselben fallen schon
durch die breiten, geschickt vereinfachten Konturen in Tusche auf. Der Um#
gang mit dem Spitzpinsel war für einen Glasmaler eine selbstverständliche
Sache. Auch die technische Voraussetzung, daß die Konturen beim Auflegen
der Stückgläser auf die Vorlage gut durchscheinen, bedingte dicke Umrisse.
Daß dieser Brauch weit zurückreicht, ist zweifellos, wenn auch das Zeichnungen*
material den Beweis versagt.^ Eine St. Barbara* Zeichnung in Erlangen zu
der Scheibe im Kunstgewerbemuseum in Berlin bildet in ihren flintergrund*
partien, Brüstung und Landschaft, ein belehrendes Beispiel (Abb. 54).* Ahn*
liehe Risse verdanken wir Holbein d. J. (Siehe Kapitel Glaszeichnungen.)
Tüchlein. Mehr in das Gebiet der Malerei gehören jene mit Leimfarben auf dünnen,
ungrundierten Leinwanden (Tüchlein) in feiner Technik ausgeführten Pinsel*
arbeiten.^ Sie waren nur in den seltensten Fällen als Vorstudien gedacht;
in der Regel hatten sie eine selbständige, devotionale Bestimmung oder sollten
Tafelporträts ersetzen (siehe: Tüchlein).
Sepiamanier. Zum Schlüsse seien noch jene nach der Einführung der Seydelmannschen
Sepia auftauchenden, in allen alten Sammlungen vertretenen Feinpinselwerke in
übergroßen Formaten nach berühmten Galeriestücken erwähnt (siehe S. 69,
Sepia).
Merkmale. U RITTE STUFE. Sie beginnt bereits in der Hochrenaissance. Ihr
Charakteristikum ist das Malerisch*Skizzenhafte, das in Studien und Ent*
würfen der Pinsel allein besorgte, kaum daß Kohle oder Kreide etwas vorge*
' Welcher Venezianer außer Carpaccio hier noch besondere Anregung gab, läßt sich
in Ermanglung eines Vergleichsmateriales nicht angeben.
* Die Hoffmannschen Kopien um 1570—1580 lassen nur das Mühselige einer Nach«
ahmung erkennen.
^ Eine derartige englische Zeichnung des 15. Jahrhunderts, hl. Bischof, Vas. Soc. VII, 16.
* Erlangen, Univ. ßibl. II, F. 7; 82 >< 62 cm, Ausschnitt. Nach M. Zucker von Springs
inklce; ebenda II, D. 23, Madonna auf dem Halbmonde.
' Solche kleine Leinwandstudien finden sich auch in Kabinetten, z. B. Louvre, Dürer,
Knabenkopf mit Bart. (Thausing, Dürer II, 94.)
Pinselzeichnungen.
155
arbeitet hatten. Die neue breitflüssige Methode der Ölmalerei auf immer größer
werdenden Leinwanden erscheint nun auch in der Handzeichnung und das
schmissige Entwerfen auf den Kartons geht auch auf das Kleinformat über. Wie
es sich bei der ersten Gruppe um reinliche Klarheit des Ganzen, bei der
Abb. 55. Tintoretto. Halbtrockenes Pinselzeichnen mit BelichtungsHecken.
zweiten um organische Modellierung handelte, so waren hier Licht?, Raum*
und Bewegungsprobleme maßgebend. An die Stelle der scharfumrissenen
Form trat die Fleckenwirkung, ohne besondere Rücksichtnahme auf Kontur
und Flächenrichtung. Der Zeichner ging nicht mehr vom Einzelnen aus,
sondern vom Ganzen, vom Gesamteindruck unter einer bestimmten Beleuchtung.
Sicheres Formerschauen, rascheste Abstraktion, knappste Ausdrucksweise waren
156 Pinselzeichnungen.
notwendige Voraussetzungen. Überfluß an Strichen und Klecksen erzeugte nur
ein Chaos und verriet den Anfänger oder Manieristen. Meist handelte es sich
um ganze Kompositionen, um bereits mit aller Impression ausgestattete Bild*
entwürfe, Porträts oder Landschaften.
Die Entwicklung bis zur dritten Stufe setzte einen Stilumschwung und
zeichnerische Übergänge voraus, die mit einem geänderten Schauen und gleich*
zeitig auch mit einer freieren Anwendung der anderen Zeichenmittel innig zu*
sammenhingen. Auch Feder und Stifte hatten ein malerisches Formen an*
genommen, der solide, sichere Kontur war der Massenwirkung gewichen und
in der nach neuen Gesetzen gestalteten Gesamtkomposition untergegangen.
Dafür beherrschten Farben* und Beleuchtungsprobleme die Flächen, die schon
in der Pinselzeichnung, dem lebendigsten Ausdruck aller Koloristen, ihre Vor*
stufe fanden. So erreichte auch der lavierende Pinsel in Italien eine Selb*
ständigkeit in der Zeichnung, die nur mehr jener im Gemälde verglichen
werden kann.
Venedig. Venedig war es, wo sich der Breitpinselstil unter Führung koloristischer
Talente rasch entwickelte. Tizian, Tintoretto und Palma Giovine müssen als
Hauptvertreter genannt werden.^ Ihre Vertrautheit damit offenbarte sich in
den auf rauhen bräunlichen Papieren oft nur halbtrocken aufgestrichenen
Kompositionen (Abb. 55).^ Dabei erzeugte man Effekte eigener Art. Die
stark einsetzenden Lichtwirkungen wurden durch geschickte Aussparung oder
durch pastoses Deckweiß herausgehoben. Jacopo da Ponte (Abb. 313)
schheßt sich ihnen an^ und noch Piazzetta und Tiepolo"^ versuchen sich in
dieser virtuosen Zeichenweise.
In den übrigen Städten Italiens finden sie im allgemeinen wenig Nach*
ahmung; die venezianische Zeichnung stand damals nicht in so hohem Ansehen,
als daß sie vorbildlich gewirkt hätte. ^ Anderseits gaben die soliden Akademien
nicht so leicht ihre Federentwürfe preis. Selbst die zeichnerisch tüchtigen
Carraccisten machten keine besondere Anwendung von der ihnen gewiß
entsprechenden kecken Manier.
Rom. Nichtsdestoweniger bildete sich um 1600—1640 in Rom, und zwar in
einem Kreise zugewanderter Künstler wie Elsheimer (Abb. 211), der beiden
Lothringer Callot und Claude, N. Poussin, im Figuren* und Landschafts*
zeichnen eine eigene Art frischer und breiter Pinselführung in Bister auf weißen
Papieren aus. Caravaggios und Salvatores Richtungen waren hier gewiß nicht
ohne Einfluß geblieben.
*
' Reich an Beispielen ist das Londoner Skizzenbuch Tintorettos, in welchem die Kom*
Positionen gleich farbig angelegt wurden. Außerdem Florenz, Grablegung und I Disegni I,
Fase. II, 12. - Palma . Beispiele im Louvre, Br. 416 und 417; Albertina, A P. 467 und 878;
London, Kopfstudie.
'' Aus: Vas. Soc VIII, 8. Ausschnitt.
=> Außerdem Uff 12815 und Albertina, Kopfstudie A. P. 651.
* Albertina, Inv. Nr. 1819, männlicher Kopf mit Pelzmütze in Braun.
'" Noch 1675 sagt Sandrart, «daß von Venedigs Kunst, absonderlich in der Invention
und im Kolorieren eine schöne Practic zu erlernen sei, nicht aber in Zeichnungen und
Umrißen nach Art der Antichen. Dann die Venediger sind allezeit mehr im ersten, als
im anderen berühmt gewesen». (T. A. I, Anhang, Leben Sandrarts, S. 8.)
Pinselzeichnungen.
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158
Pinselzeichnungen.
Clairobscurs
vorlagen.
Castiglione. Ebenso erhob in Genua, der künstlerisch damals etwas in Mißkredit
stehenden Stadt, Giov. Ben. Castiglione, der genuesische Bassano, diese
Technik zu einer originellen Ausdrucksweise. Er zeichnete auf Groß* und
Kleinfoliobogen mythologische oder testamentarische Darstellungen mit nassem
oder halbtrockenem Pinsel, wie es sonst auf kleinen Tafeln oder Leinwanden
geschah, von meist gelbroter, oft auch bunter Farbenwirkung. Sein Zusammen*
hang mit Bassano ist auch in technischer Beziehung erkennbar.^ In Windsor
und in der Albertina findet er wohl seine reichste Vertretung.
Schließlich sei noch der für graphische Zwecke bestimmten und mit dem
Pinsel angefertigten Zeichnungen gedacht. Der italienische Clairobscurholzs
schnitt, eigentlich nur die Wiedergabe mono* oder polychrom lavierter Feder*
Zeichnungen, wirkte technisch befruchtend zurück, indem man es für vorteilhafter
hielt, auch die Konturen gleich den scharf begrenzten Schattierungsflächen nicht
mehr mit der Feder, sondern mit dem Pinsel vorzureißen. Anfänglich in
kleinen Blättern, dann erst recht in den ins Grandiose gesteigerten Zeichnungen,
wie sie die Holzschnitte Andrea Andreanis nach Beccafumi oder Alessandro
Casolani voraussetzen lassen. Malerradierer wie Domenichino Piola (geb.
1628), der Castiglione nachahmte, oder der Franzose Le Prince, der sich
Aquatintavorlagen schuf, müssen gleichfalls hiehergerechnet werden.
Dürer. Es zeugt für Dürers weitgehende Universalität, wenn er, der Linearzeichner,
innerhalb seiner frühen landschaftlichen Probleme (Tiroler Ansichten) oder in
der originellen Papstmantelstudie (L. M. 494), die neue Zeit vorausahnend,
derartige Impressionen schuf, daß sie hinsichtlich der Licht* und Raumwirkungen
nicht moderner gedacht werden können (Abb. 56).^
Niederlande. Im Verlaufe des 17. Jahrhunderts machten die Vlämen und Holländer
den erfolgreichsten Gebrauch von dieser Technik und hinterließen zahlreiche
Kompositionen und landschaftliche Studien höchster Vollendung. Rubens ent*
wirft seine Kompositionen meist nur auf kleinen Leinwanden oder Tafeln mit
dünner Ölfarbe. Von Van Dyck existieren Porträtskizzen (Abb. 200, ebenso
Lille und Louvre), von Jordaens und Teniers großzügige Bildentwürfe,
von A. F. V. d. Meulen und Peter van Bloemen Pferde* und Reiterstudien.
Van Dyck bediente sich auch gerne halbtrockener Farben (Abb. 315). Selbst
Terpentinfarbe mußte aushelfen, wie z. B. in einer Brouwer* Zeichnung:
Schenkeninterieur, mit blaugrünen, an den Rändern ausgeflossenen Pinsel*
strichen.''
* Castigliones Technik ist bemerkenswert. Seine Zeichnungen, bald auf der Stufe
flotter Pinselgraphik stehend, bald die Wirkung unfertiger Gemälde erreichend, sind
zuerst, und zwar ohne jede Spur eines Kohleentwurfes, mit sehr verdünntem Ocker, der
ausgeflossene Ränder zeigt, auf weißem oder sehr lichtgelb grundiertem Papier komponiert
und dann je nach der Schattenstärke mit saftiger oder halbtrockener Terra di Siena aus«
gefertigt worden. Als Bindemittel scheint er Terpentin benützt zu haben, da die dick
aufgetragenen Farben noch löslich sind, nur das Weiß in den Lichtern ist Ölfarbe. Der
oft breit abgedeckte Hintergrund zeigt auch Gummifarben, wie Glanz und Klebrigkeit
beweisen.
' Welsberg im Pustertal. L. 392; IVlX^li cm.
^ Auktionskatalog F.Müller, Amsterdam, 11.— 14. Juni 1912, Dessins anciens Nr. 42 und
Abbildung planche 26; die Rückseite läßt die durchgedrungenen Konturen leicht erkennen.
Pinselzeichnungen.
159
Abb. 57. Rembrandt. Breite Pinselskizze. Louvre.
160 Pinselzeichnungen.
Rembrandt. Der virtuoseste aller Pinselzeichner bleibt Rembrandt; seine Studien gleichen
impressionistischen ölskizzen voll Leben und Charakter (Abb. 57).^ Bei aller
malerischen Wirkung bewahren sie einen zeichnerischen Eindruck.^ Figuren,
Innenräume und Landschaften aus seinen letzten Dezennien bekunden seine
Vorliebe für diesen breiten Stil.
Seine Schüler vermeiden ihn im allgemeinen, kaum daß Niclas Maes eine
Skizze zu einer garnwickelnden oder lesenden Alten wagt.^ Dagegen mag
diese Kunstweise für einen Meister wie Vermeer eine bedeutende Rolle ge*
spielt haben, wenngleich sein kümmerlicher Nachlaß diese Vermutung nicht
besonders erhärtet. Doch müssen seine Studien jener brillanten Halbfigur
eines auf einen Sessel gestützten Mädchens in der Albertina aufs Haar ge#
glichen haben.* Die Breitpinselzeichnung darf man auch für Frans Hals vor*
aussetzen. Daß die Schützenstück ? Maler ebenso verfuhren, beweist eine
gleichfalls in der Albertina befindliche, naturgroße Kopfstudie eines Unbe*
kannten.^
In Amsterdam zeichneten A. van de Velde, Dujardin, Lingelbach, Reinier,
Zeeman mit dem Pinsel. Ludolf Backhuysen bringt in Bister und Tuschton
fertige Aquarelle hervor (Abb. 225) und ebenso Aert van der Neer. Im Haag
zeichnete K. Netscher Einzelfiguren in flüssiger, leuchtender Manier (A. P. 674),
in Delft Egbert v. d. Poel, in Leiden Jan Steen (A. P. 376), in Haarlem
Jacob Ruisdael, Gerrit Berckheyde (A. P. 758), in Gorkum Verschuring. Ab
und zu bedienten sich Künstler gleich zweier Farben, wie Bister und Schwarz
(Rembrandt, A. v. Everdingen), oder sie benützten blaues Naturpapier, um be*
stimmte Wirkungen zu erzielen (A. v. d. Neer, Asselyn).
Frankreich. Von französischen Künstlern sei, von den bereits erwähnten, in Rom
arbeitenden Claude Lorrain,*"' Nie. Poussin und J. Callot abgesehen, als hervor?
ragender Pinseltechniker Honore Fragonard genannt. Mit Ausnahme der
wenigen Landschaften in Rötel verdanken fast alle seine geistvollen Zeichnungen
ihr Entstehen seiner glänzenden Pinselführung. Die heiteren, oft freien Sujets,
teils als Vorlagen zum Nachstich, teils zum direkten Verkauf bestimmt, glän*
zende Tierstudien, in lichtbräunlichen und saftigen Farbtönen gehalten, bilden
vom Standpunkte lichttechnischer Wirkung die natürliche Weiterentwicklung
' Aus: Handzeichnungen Rembrandts, Folge III, 1903, Nr. 1, Ausschnitt (Verlag Hierse*
mann, Leipzig).
* Hofstede de Groot ist der Meinung, daß er sich bisweilen eines in Tinte getauchten
Stückchen Holzes bediente (Die Handzeichnungen Rembrandts, Haarlem, 1906, S. XXXIX).
Diese Anschauung läßt sich schwerlich begründen, da Holzstäbchen, auch wenn sie unten
grobfaserig aufgelockert oder gespalten werden, die Tinte sofort klecksig abgeben, ein
fortwährendes Eintauchen erheischen und dadurch eine höchst ungleichmäßige Zeichnung
hervorbringen. Derartige hier in Betracht kommende Studien verdanken ihre Entstehung
ausschließlich der dicken Rohrfeder. Die heute im Handel erscheinenden Schreibhölzchen
kannte man noch nicht.
' Collection of Drawings, Fairfax Murray, London, Tafel 194.
* A. P. 1019 als Gerard Ter Borch; ehemals Rembrandt. Nach Fertigstellung des
Manuskriptes wurde ganz unabhängig diese Studie von Max Eisler als Vermeer publiziert.
Jahrb. d. kunsthist. S. d. Kh. 1916: Der Raum bei Jan Vermeer, S. 264, Taf. 29.
^ Bildnis mit großem Hut, Inv. Nr. 13.297, A. P. 670.
•■' Disegni d. Uffizi. Ser. I, Fase. 4, Nr. 19, Landschaft.
Pinselzeichnungen.
161
F^''*1^^
Abb. 58. Fragonard. Pinselzeichnung (Freilichttechnik). Albertina.
Med er. Die Handzeichnung.
11
162
Pinselzeichnungen.
Rembrandtscher, aber vom französischen Geschmacke diktierter Kunst (Abb. 58).^
Seine Nachahmer wie E. Aubry, Aug. de Saint^Aubin, A. T. Lagrenee (A. P.
954), Du Vivier bedeuten einen starken Abfall.
Weiß.
sch\vAr;=
Zeichnung.
Altdorfer.
Zum Schlüsse sei noch auf eine eigene Art von Pinselküriosität, auf die
bereits erwähnte Weißschwarz==Zeichnung hingewiesen (S. 50). Der auf
der Grundierungsschicht tech*
nisch leichter arbeitende Pin*
sei löste hier die Feder ab
und erzielte neue Wirkun?
gen, gewissermaßen neue Ty*
pen. Auch sie dienten als
Vorlagen für Glasscheiben
und Holzschnitte und begeg*
nen uns bereits in der zwei?
ten Hälfte des 15. Jahrhun?
derts. Die spärlich erhalte*
nen Beispiele stammen aus
Deutschland und reichen noch
bis in das nächste Säkulum
(Abb. 59). 2
Als eine Abart der Weißpin*
selzeichnung erscheinen die
auf farbig grundierten Blättern
bald reinlich durchgeführten,
bald flott skizzierten Kom*
Positionen und Landschaften
von der Hand deutscher Mei*
ster. Der in Tuschfeder leicht
gehaltene Entwurf wird mit
dem Weißpinsel fertiggestellt.
Häufige Beispiele lassen sich
bei Altdorfer und seiner
Schule finden, wo der land*
schaftliche Hintergrund und
der Himmel durch weiße,
Abb. 59. WeißschwarzsPinselzeichnung. 15. Jahrh. wirbelnde Linienschnörkel zu
' Inv. Nr. 12.734, 32X43-8 cm, Ausschnitt. Die Albertina besitzt wohl die größte An.
zahl. Eine stattliche Sammlung befand sich im Besitze der Brüder Goncourt. Vgl. deren
Katalog, Paris 1897.
* Ausschnitt aus einer Liebesgartendarstellung, anonym, 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts,
Sammlung Lanna. Die ganze Darstellung abgebildet in A. F. 1366, 202 X 274 cm. —
Weiteres Beispiel: Frankfurt, Stadel: Art des Meisters E. S., Evangelisten .Symbole (publ.
in Hz. alt. Meister, Stadel XV, 2). Noch 1520 ließ Urs Graf nach solchen Zeichnungen
die Satyrfamilie (Pass. 116), 1521 die Bannerträger (Pass. 118-130) in Holz schneiden.
(Haendckc, Schweizer Malerei, S. 32.)
Pinselzeichnungen. 163
eigentümlichen Wirkungen gebracht werden.^ In der Literatur ließ sich eine
kurze Erwähnung nur bei Hoogstraeten ausfindig machen.^
Im 17. Jahrhundert taucht die Weißschwarz* Zeichnung auch in Italien ver* Vignali.
einzelt bei Jacopo Vignali auf, der seine mit Kreide auf dunkelgrauer
Grundierung notierten Figuren (in der Abbildung 283 nicht sichtbar) in
Weiß plastisch ausgestaltet.^ Man möchte hier an Sgraffito * Entwürfe denken.
Neuester Zeit lassen sich — von den bekannten Rauchzeichnungen (Rauch?
bildern) abgesehen — bei den für alle alten Techniken interessierten Prä?
raffaeliten ähnliche Versuche auf lebhaft gefärbten Gründen beobachten
(Burne*Jones).*
rLine selbständige Gruppe von Pinselzeichnungen bilden die im 17. und Kupferstichs
noch mehr im 18. Jahrhundert in Deutschland und den Niederlanden zahlreich vorlagen,
vorkommenden, nach Gemälden für die Platte ausgeführten Vorlagen, meist
Interesse* und kunstlose Arbeiten in Tusche auf blauen, grauen, seltener weißen
Papieren (Abb. 133. — Siehe Kapitel Kupferstichzeichnungen).
^ Budapest, Altdorfer = Schule, Landschaften, A. P. 862.
'^ S. V. Hoogstraeten, Inl., p. 29: andere op gegront papier, bootsende dezelve [teykeningen]
eerze eenige omtrekken aenwijzen, met grootste lichten.
^ Ferner Budapest, Jesus im Tempel, A. P. 851.
* Siehe auch Ziegler, Die manuellen graphischen Techniken, S. 25.
11"
Zeichenflächen.
Allgemeines. Die Natur der Zeichenfläche bestimmt den Charakter einer Zeichnung
nicht minder als die Zeichenmittel. Der Stil der Vasenmalerei oder Glas*
maierei hing zum großen Teil von der Eigenartigkeit der zu bemalenden
Flächen ab und Pergamente oder Papiere halfen mit ihrer jeweiligen Präparier
rung ebenso einen Zeichnungstypus auszugestalten wie Tinte oder Rötel.
Glätte fördert, Rauhigkeit stört den Linienfluß. Ohne das billige und allge*
mein zugängliche Papier wäre die hohe Entwicklung der Federzeichnung un*
möglich gewesen. Grundierungen oder Naturpapiere mit ihren feinen Mittel*
tönen erleichterten nicht nur das unumgängliche Studium der Körperrundung,
sondern führten auch eine ganze Serie neuer Kunstäußerungen ein. Jede
Art von Zeichenfläche war mit stilbildend, und zwar in dem Maße,
als der Oberflächencharakter zunächst innerhalb des Konturs und der Innen*
Zeichnung mehr oder weniger mitzuwirken geeignet erschien. Aber auch außer*
halb; von ein und derselben Platte mit einer radierten Landschaft lassen sich
bloß durch Wechsel verschiedener Papiere immer neue Stimmungen hervor*
rufen. Daß infolge dieser Gegenseitigkeit bei Bestimmungen die Unterlage
mit in Betracht gezogen werden muß, ergibt sich von selbst.
I. Zeichentäfelchen.
Plancketen oder Tefelein, Hülze Schreibtafel — Tabulae busuli, Diptycha, Tabellae —
Libretti, Tavolette.
Cbungs; Die Holztäfelchen oder Zeichentäfelchen bildeten von den frühesten
tafelchen. Zeiten zeichnerischer Entwicklung bis ungefähr in die Mitte des Quattrocento,
in Deutschland noch ein Jahrhundert länger, in den Werkstätten ein Haupt*
requisit; ursprünglich für Meister und Schüler, später nur mehr für die Lehr*
jungen, die darauf nach traditionellem Gebrauche ein Jahr lang zu üben hatten,
wie es sonst in den Klosterschulen beim Erlernen des Schreibens und Rechnens
auf Wachs* oder Pergamenttäfelchen zu geschehen pflegte. ^
Über die Hersteflung berichtet Cennini (K. 5). Auf ein Täfelchen von
Buchsbaumholz, jede Seite eine Handlänge, mit Pulver von Sepiaknochen rein*
' Die Urform dieser Täfelchen müssen wir wohl in den antiken Wachstafeln («tabulae,
cerae-n) aus Holz oder Elfenbein erkennen. Ihre Bestimmung war außer jener für Urkunden
oder für den geschäftlichen Verkehr auch für Konzepte und Schreibübungen (Wattenbach,
S. 51 f.)
Zeichenflächen.
165
und glattgerieben, wurde Knochenstaub gestreut, so viel als eine halbe Bohne,
kurzerhand mit Speichel befeuchtet und mittels der Daumenfläche gleichmäßig
verschmiert, bis der Metallstift darauf haftete. ^ Waren die Zeichenversuche
schlecht ausgefallen, konnte man die Oberfläche abwaschen und leicht wieder
gründen. Cennini meint, daß auch Feigenholz gut sei, was auch Baldinucci in
sein Vokabular auf?
nimmt. ^ Eine frühe
Quelle, der Kodex in
Montpellier, "^ enthält für
den angehenden Maler
eine ähnliche Vorschrift
des Metallgriffelzeich?
nens (cum grafio evamU
nis = Kupferstift), aber
bereits auf mit Krei*
degrund versehenen
Holztäfelchen (in tat
hula lignea incretata).
Eine andere Art waren
jene schon bei Plinius
erwähnten, mit Perga*
ment überzogenen Tä?
felchen,* die zu Cenni*
nis Zeit eine Schichte
aus Gips und darüber
eine aus Bleiweiß be*
saßen und bei Kaufs
leuten in Verwendung
standen.^ Es gab auch
solche für Tinte.®
Auf den losen Skiz*
zenbuchblättern eines
unbekannten, heute der
PollaiuolosSchule zuge*
^.•«
Abb. 60. Florentiner Täfeichenzeichner des I5.'Jahrh.
' Ähnlich bei Jehan le
Beguc (MerriHeld I, 275): super tabulas biisuli dealbatas. Das Buchsbaumhoh wird bes
reits bei Properz III, 22 für Täfelchen angeführt (vulgari buxo sordida cera fuit). Kbenso
bei Hraban (Poet. lat. II, 190). - Wattenbach, S. 67.
* Baldinucci, Voc. 162 Tavolette conce; alcune tavolette di let^no, bossolo (Buchsbaum)
o di fico.
' Wattenbach, S. 232. Anm. 1.
* Plinius, Nat. bist. XXXV, 77.
'' Cennini K. 6. — Mathesius spricht 1564 von gefirnißten Pergamenttälelchen (geKrnstcn
pergamcnenen tefelein) und meint damit solche mit Leinöl getränkte, auf welche man
mit «bleyenen griefteln» schrieb (Bergpostille 145")- — Sandrart, T. A. I, S. 21.
" Wattenbach, S. 57. — Im Ms. Mayerne wird unter: «-Papier ä tahlettes-» (Rezept 55)
deren Herstellung beschrieben. (Berger 1\', 153.)
166
Zeichenflächen.
schriebenen Meisters findet man die Darstellung eines Jünglings mit Mantel
und Zendel, der auf seinem Knie ein Täfelchen hält und aufmerksam zeichnet
(Abb. 60). 1
Wachse Weil man mit einem Täfelchen nicht auskam, wurden mehrere von gleicher
Libretti. Größe auf der Unken Seite, nach Art der Buchblätter, an zwei Stellen durch*
locht und mittels dünner Riemen oder Schnüre zusammengefügt (Libretti
oder Büchlein). Auch hier bildeten die dem römischen Geschäftsleben ent*
stammenden Klapptäfelchen den Ausgangspunkt, die sich durch das ganze
Mittelaher verfolgen lassen. ^ Als später Beleg diene ein allerdings noch Schreib*
zwecken dienendes, unpubli*
ziertes Exemplar aus der
Nähe des Klosters Steinheim
im Württembergischen. Es
zeigt 19 vertiefte Wachsseiten
mit einer letzten Eintragung
von 1475 (Abb. 61). ^ Wie
früh sich im Norden der
Übergang von den Übun*
gen der Schreibkunst zu jenen
der Zeichenkunst vollzogen
haben mochte, läßt sich aus
Notker in der Erklärung des
Boetius erkennen: Übe ih
mit minemo grifile an einem
wahse gerizo formam ani*
malis.^ Demnach war das
Wachszeichnen noch um Ein*
tausend im Gebrauch. Der
allgemeine Umtausch von
Abb. 61. Wachstäfelchen um 1475 mit Eisengrilifel.
Wachs gegen Pergament scheint erst im Verlaufe des 13. Jahrhunderts stattgefun*
den zu haben. Eine Stelle aus Dantes Vita nuova, worin es heißt, daß der
Dichter in Erinnerung an den Tod der Beatrice die Figur eines Engels auf
' Uff. 120. Aus dem aufgelösten, früher mit Maso Finiguerra und anderen Namen,
heute Scuola di A. Pollaiuolo benannten Skizzenbuch. Ulmann, Bilder und Zeichnungen
der Pollaiuoli. Jahrb. d. pr. Ks. 15, 245.
* Bei den Römern wurden derart zusammengefügte Täfelchen Diptycha, Triplices,
Multiplices genannt. Nach Wattenbach lassen sie sich bis ins 14. Jahrhundert herauf
nachweisen (S. 55). Das hier unter Nr. 61 abgebildete reicht bis 1475. Wattenbach nennt zwei
derartige Wachstäfelchen (Paris), welche bei einer Mumie in der Gegend von Memphis
gefunden wurden und ungeschickt geschriebene Alphabete zeigen (S. 56). Fünf andere
(NewsYork) enthalten — von verschiedenen Händen — immer ein und dieselben Menander«
Senare in Abschrift (S. 56). Aus christlicher Zeit genüge hier die Stelle aus dem Leben
des Bischofs Wolfgang von Regensburg, der sich, um die Jugend zum Lernen anzuspornen,
häufig ihre Übungen aufzeigen ließ: frequenter voluit tabulas eorum cernere dictales.
(Wattenbach, S. 68.)
' Sammlung A. Figdor, F 2930, 10 X 55 cm. Der Eisengriffel fand sich wohl erst
später dazu.
* Hattemcr, Denkmale 111, 148.
Zeichenflächen.
167
«certe tavoletfe» gezeichnet habe, gibt uns leider keinen weiteren technischen
Aufschluß. Rossini erwähnt zwei Täfelchen aus dem 14. Jahrhundert mit an*
geblichen Zeichnungen Giottos.^
Den Haupthinweis auf die Verwendung in der Werkstatt liefert uns das
Wiener Musterbüchlein, welches genau wie die alten Wachstafeln zum Schutze
der zu bezeichnenden oder zu beschreibenden Fläche etwas höher stehende
Randleisten zeigt, um die Reibung zu vermeiden, demnach auf ein erst später
zugerichtetes Wachstafel^Exemplar zurückzugehen scheint (Abb. 73). Der In*
halt stammt aus dem Anfang des 15. Jahrhunderts, nach Schlosser der Kölner
Schule nahestehend, und umfaßt 14 zusammengefügte Täfelchen mit Pergament*
einlagen.- In der kgl. Biblio*
thek in Berlin befindet sich ein / ^
ähnliches Beispiel. (Siehe auch:
Behelfe, Skizzenbücher.) Das spä*
test nachweisbare Büchlein dieser
Art (Museum Basel), datierbar
um 1518, hat uns Niklas Ma*
nuel überliefert, das mit dem
übrigen Kunstnachlaß 1578 in
den Besitz des Basler Professors
der Jurisprudenz Basilius Amer*
bach überging.^ Sämtliche Figu*
ren und Typen sind direkt auf
die dünn weif^grundierten Holz*
flächen (Vorder* und Rücksei*
ten) der Buchsbaumtäfelchen mit
Silberstift gezeichnet.
Die Musterbüchlein von Holz wurden nach und nach durch Büchlein aus
doppelseitig dick grundiertem Pergament abgelöst, von welchen sich noch
manche Reste erhalten haben. Auch sie dienten bald als Übungs*, bald als
Musterbüchlein (siehe «Skizzenbücher»).
Ihr allgemeiner Zweck aber bheb der des Übens: «Daß er aber durch das
reissen und entwerffen des, so er machen will, sein furschlag vnd verstand an*
zeigen moeg, hat man diser zeit gar mancherley manier vnd bereitschaftt, des*
gleichen mancherley subtiler behendigkeit, als die bletter der schreibtaff len,
darauf man reissen vnd entwerffen mag mit silber oder messing griff lein
Abb. 62. Deutscher Täfeichenzeichner, 16. Jahrh.
' Abb. bei Merrifield, Cennini. Tab. 8. - L. Kämmerer, Museum, Jahrg. I. S. 25-28.
^ Ahornholz, 95x9 cm, mit je vier Vertiefungen. Die Zeichnungen mit Feder und fcin=
stem Pinsel sind auf grüner Grundierung. - Im Ambrascr Inventar von 1596 werden noch
erwähnt: «aber ain sollichs püechl, so clainer mit aim messingen still; ain alts gcmalts
puechl mit hülzenen platten darin der ganze passion gemalt» (fol" 472 und 253 Jahrbuch;
Regesten Bd. X, p. CCCX). - Jul. v. Schlosser, Vademecum eines fahrenden Gesellen. Zur
Kenntnis der künstlerischen Überlieferung im späten Mittelalter (Jahrb. d. kunsth. Samml.
d. Kh. 23, S. 314).
=• Amerbachsches Inventar von 1585: «Zwei mit stcfzen griBen büchlein.» Publiziert
von P. Ganz, Zwei Schreibbüchlein des N. Manuel D. von Bern, 1909. - Grüneisen. Niki.
Manuels Leben und Werke. Stuttg. 1837, S. 187.
Zeichen*
libretti.
Niklas
Manuel.
Alte
Nachrichten.
16S Zeichenflächen.
oder steffte.»^ In dem ImhoffsVerzeichnis des Dürerischen Nachlasses vom
Jahre 1575 lesen wir: «Ittem 2 hülze Schreibtafel, darein Albrecht Dürer
mit Einen Silbaren Griffel hett geryssen.»^ Diese Stelle verbürgt uns nicht
nur die Verwendung der Täfelchen bei Dürer, sondern überliefert auch die
technische Bezeichnung. Einen geeigneten Behelf boten sie auf der Reise.
Scheurl apostrophiert Kranach d. J. : «Du bist nicht eine einzige Stunde müßig;
selbst wenn die Fürsten ihre Hofmaler mit auf die Jagd nehmen, ist das Täfelchen
mit.» (Heyck, L. Kranach, S. 17.) Einen richtigen deutschen Täfeichenzeichner
des ersten Viertels des 16. Jahrhunderts stellt ein anonymes Künstlerselbstporträt
in Innsbruck dar (Abb. 62).^ Während Mathesius um 1564 in seiner Berg*
postille (145 a) von den Täfelchen jeder Art als von etwas Vergangenem
spricht,^ führt Mayerne noch um 1620 die in Deutschland erzeugten und
exportierten Rechentäfelchen für Silber? und Messingstifte, wie auch Rezepte
für deren Anfertigung aus Papier und Pergament an. ^
Im Kunst= Im Kunsthandwerk, wie z. B. bei Goldschmieden, blieben sie noch bis in
Handwerk, die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts im Gebrauch. Ich kannte noch alte
Goldschmiede aus Deutschland, die als Lehrlinge auf mit Kreide grundierten
Holztäfelchen mit fein gespitztem Bleistift üben mußten. *"
II. Pergament.
Pergamen — Carta pecorina, carta pecora — Perkament, Pergameyn.
Allgemeines. JUas Pergament erlebte in der Zeichnungsentwicklung vier Perioden; es
hatte vor der Einführung des Papieres seine dominierende Stellung, dann mit
ihm ein Nebeneinander, dann ein Dahinfristen und im 17. Jahrhundert ein
vorübergehendes Neuaufleben in Holland. In der Übergangszeit vom Pergament
zum Papier behauptete es sich noch bei Zeichnungen, die einem bestimmten
Zwecke dienten und wo es sich um Ausstattung und Dauerhaftigkeit handelte:
also bei Konkurrenzentwürfen, Bestellzeichnungen, Porträts, bei miniaturartigen
Ausführungen oder bei Skizzenbüchern, die durch eine oder auch mehrere
Generationen in Benützung stehen sollten (Pisanello). Auch für Architektur:;
^ Rivius, Vitruvius Teutsch, fol° X''.
^ A. V. Eye, Leben und Wirken A. Dürers, 1860. Übersichtstafel, Verzeichnis des
Willibald Imhoff 1573/74. - Wohl der früheste Beleg des deutschen Wortes: «Schreibtafel
findet sich im Vocab. rerum de a. 1433 bei Mone, Anz. VIII, 251: Dyptycha = Schreib;
taffei. — Noch 1564 besteht der Ausdruck: «hültzern weyssen plancketen» oder Tefelein
(Mathesius, Bergpostille 145«).
* Museum Ferdinandeum, Kat. Nr. 933.
* «Ich dencke, das man noch mit eysern grieffein auff wixene Tafeln geschrieben, welches
vor alters sehr gemeyn gewesen, wie man hernach mit silbern stefften auff die hült;
zern weyssen plancketen oder Tefelein oder mit bleyenen auff die gefirnsten pergamenen,
vnnd mit Dinten auff die eselsheute vnnd jetzt auff schiferne Tafeln ... zu schreiben
pfleget.»
* Mayerne Ms. bei E. Berger, Beiträge IV, S. 152, Nr. 55, 57, 58: i lihhvettj da conto
che vengono d'AUamagna.
Nach Eastlake I, 59 verfertigt man derlei grundierte Pergamenttäfelchen heute noch
in Frankreich.
Zeichenflächen. 169
entwürfe, Stadtpläne, Situationsdarstellungen, Wappen, Stammbäume und Exlibris
behielt es seinen Vorzug.^
Die verschiedenen Sorten des Pergamentes, ob von Kälbern, Schafen oder Sorten.
Böcken stammend, wie sie uns ein Mönchkünstler aus dem 9. Jahrhundert,
der Anonymus Bernensis klar auseinander hält, und deren Qualitäten, ob aus
Flandern und der Normandie als erstklassig oder aus Burgund als minder«
wertig herrührend, kamen für die Handzeichnung kaum in Betracht. Nur
der Miniaturist hatte hier zu unterscheiden, ob er, der Güte des Materiales
entsprechend, seine Farben mit Eiweißkläre, oder bei schlechterem Materiale
mit Eigelb zubereite, um sicheres Haften und Glanz zu erzielen.- Dem
Zeichner mochte dies mehr oder weniger gleich bleiben; ihm genügte wohl
jede Art für seine Zwecke und seine Skizzenbücher besorgte ihm der Carto*
laio. Provinzielle und zeitliche Unterschiede werden stets geherrscht haben.
Cennini spricht beispielsweise für seine Zeit vom Ziegenpergament (carta di
cavretto). Bei den Deutschen galt in der Mitte des 16. Jahrhunderts das
Junckfraw*pergament als das feinste, das aber zum Radieren wenig ge*
eignet war. ^
Vor dem Gebrauche wurde es für Bleigrififel und Feder mit Sandrak, für Zurichten.
Silberstift mit Knochenpulver eingerieben.* Dagegen reinigte man es vor dem
Miniaturmalen auf das sorgfältigste von allen sandigen Bestandteilen und
glättete es. Heute noch sehen wir bei Dürers Veilchen rings um die Blätter
die Wirkung des Polierzahnes. Bei langwierigen Zeichnungen und Malereien
wurde das Pergamentblatt außerdem auf eine harte Unterlage, Holz* oder
Metalltafeln, feucht gespannt und so getrocknet, um die durch Handwärme
allzeit entstehenden Falten zu vermeiden."
Wann das Papier im Abendlande von Künstlerhand als Ersatz des Perga* Italien,
mentes in Gebrauch genommen wurde, können wir bis heute nur approximativ
bestimmen, da uns für die früheste Zeit das zeichnerische Material verloren
gegangen ist. Während die Datierung für eine handschriftliche Verwen*
düng des Papiers in Italien bis in das 11. Jahrhundert zurückverlegt werden
kann,*' führen künstlerische Hinweise nur bis in das Trecento. Cenninis
Traktat, der die Ergebnisse aller Kunsterfahrungen bis auf Giotto zusammen*
stellt, also bis ca. 1300, berichtet vom Pergamente und der «carta bamhagina»
— so nennt er das damalige Papier — als von zwei bereits gleichwertig im
Brauche stehenden Zeichenmitteln: «E questo si chiama disegnare in carta tinta
cioe o in carta pecorina o in carta bamhagina.»'' Vor diese Zeit fällt die Allein*
herrschaft des Pergamentes. Cimabue war gewiß nur Pergamentzeichner und
ebenso mochten seine Nachfolger für ihre Hauptentwürfe das wertvollere und
* Z. B. Nicholas Hilliard, Siegelvorlagcn für die Königin Klisabeth. Vas. Soc. 111,32.
* Anonymus Bernensis, hrg. v. Hermann Hagen in Qucllcnschr. VII. S. 386.
* Mathesius, Bergpostille, S. 145": «von den subtilen Junckfraw pergamen».
* Cennini K. 10.
^ Constant Viguier, op. cit. p. 64.
" Wattenbach, S. 141. In der Graphia aurcac urb. Romae aus der Zeit Otto III.: Det
ei bambacinum.
' K. 15, ferner 10, 56, 108.
170
Zeichenflächen.
Quattro;
cento.
hahbarere Material verwendet haben. Schon die traditionelle feine Ausführung
in Federtechnik bevorzugte die «carta pecorina». Das dicke, wenig geleimte
Papier war für derlei Aufgaben ungeeignet und bedurfte erst der Grundierung.
Vasari erzäWt, daß er von dem Meister Gherardo Starnina (um 1387) einige
«disegni fatti di penna in carta
pecora» (Vas. Mil. II, 10) ge=
sammelt hatte. Die wenigen er;:
haltenen, viel umstrittenen Tre#
centozeichnungen beweisen die
Bevorzugung des Pergamer^tes
schon damit, daß sich unter
ihnen keine einzige Papierzeich*
nung befindet (Abb. 100). Es
handelt sich hier fast aus*
nahmslos um Entwürfe, um
Auftragszeichnungen, vereinzelt
um Kopien.^ Dabei denke ich
nicht an jene in Museen er*
hahenen Einzelminiaturen, die
alten fiandschriften entstammen
oder eine Vorstufe zu miniatur*
artiger Ausführung bildeten.
Beim Übungszeichnen kam das
Pergament, außer bei den schon
mehrfach erwähnten Pergament*
täfeichen, wohl kaum in Betracht.
Das den Übergang zur neuen
Technik bildende Quattro*
cento läßt das starke Eindrin*
gen des Papiers schon in den
ersten Dezennien erkennen.
Ältere Meister oder jene mit
konservativem Charakter (Fra
Angelico, Jacopo Sellajo)^ be*
hielten das Pergament noch
teilweise bei, die Jugend aber,
welche der Masaccio*Richtung
folgte, griff in ihrem regen Studieneifer nach den nun leicht zugänglichen
Papieren.
In Norditalien erhält es sich etwas länger im Gebrauche und begegnet
uns entweder direkt in Skizzenbüchern oder bei Einzelzeichnungen, die ersteren
entstammen. Ich erinnere an Jacopo Bellini (Bücher in Gänze) oder an Pisa*
' Berenson, Florent. Drawings, Bd. I, p. 2. — O. Siren, Florentiner Trecentozeichnungen
in: Jahrb. d. pr. Ks. 1906, Abb. 6. zwei Apostel.
* Fra Angelico, London, Berenson 162. — Schule desselben, Berenson 166, 167, 169. —
Jac. Sellajo, London, Berenson, Nr. 2508.
Abb. 63. Porträtzeichnung mit Stabspannung.
Zeichenflächen. 171
nello/ Ercole Roberti (zugeschrieben, Louvre 52), Francesco Francia,- Barto#
lommeo Montagna,^ Amico Aspertini.^ Bei Belhni erscheint die besonders feine
Quahtät auch mit farbigen Grundierungen versehen.
Für die ersten Jahrhunderte findet in den Niederlanden, Nordfrankreich Der
und Deutschland ein ähnlicher Verlauf statt, ohne daß sich zeitlich oder Norden,
lokal besondere Gesichtspunkte ergeben. Miniatur* und Skizzenbuchreste
liefern das bescheidene Material.-^ Studien wie die Blaurake und deren Flügel
von Dürer, die schon durch die Naturgröße und eine fabelhafte Ausführung
auffallen, bilden besondere Ausnahmen und glanzvolle Höhepunkte. Weniger
beachtenswert sind Federzeichnungen von deutschen und niederländischen Gras
phikern, welche teils zur Übung, teils um Prunkstücke zu schaffen, das Perga*
ment bevorzugten, wie wenn man für die Erhaltung dieser mühselig hervorgebrachs
ten Werke besondere Fürsorge treffen wollte (J. Wierix, Goltzius,'' J. Matham,
Egidius Sadeler, Wolfgang Kilian, P. Porck, Franz Mayer 1764, siehe S. 45).
Im 17. Jahrhundert erfuhr es eine Art Neubelebung. Nicht nur, daß man Holland
fein gezeichnete Kompositionen, Genredarstellungen, Stilleben darauf ausführte, dische
diente es besonders für eigenwertige Porträtzeichnungen, die mitunter
nach Art der Landkarten zwischen zwei Holzstäbe gespannt und an die Wand
gehängt wurden (Abb. 63).' Rembrandt selbst zeichnete nach seiner Über«
Siedlung nach Amsterdam das Porträt eines jungen Mannes mit Rötel und
Tuschlavierung auf Pergament (London, Holford).** Eine Reihe von Künstlern
betätigten sich auf diesem Gebiete: M. J. Miereveit, P. Schick 1657, der seltene
Thopas (Albertina), Jan van der Heyde 1661, Aelbert Cuyp (Berlin, wohl nur
aus seiner Jugendzeit), Arie de Vois (Leiden), Slingelandt 1676 (Leiden),
Cosyn, G. v. Eeckhout und besonders C. Visscher.
Außer solchen in allen Bürgerhäusern verbreiteten Pergamentbildnissen
schätzte man auch anderweitige Darstellungen auf diesem Material, sobald sie
eine saubere und zierliche Ausführung aufwiesen.' Man bediente sich dabei
der feingespitzten Kreide, des Bleigriffels und bereits des Graphites. Zeichnungen
wie jene des Teniers d. Ä., Jan van der Meer d. J., Pieter Quast, Pieter van
Laer, Renesse, Frans und Willem Mieris,'** Eeckhout, Steenwijck, Bramer und
Bildnisse.
* Codex Vallardi, dessen Bestandteile sich in Paris. Mailand, VC'ien, Berlin, Chantilly.
London und Chatsworth befinden.
- Albertina (drei Blatt, A. P. 10, 52. 268).
' Fairfax Murray, Tafel 56. * London, Skizzenbuch.
^ Berlin, unbekannter Deutscher. 14. Jahrb.: Ein Blatt mit 4 Figuren, Nr. 2304 (Z. a.
M., Nr. 130). - Cambridge, Fitzwilliam Museum, Hl. Vcronica. Meister von Flemalle um
1430 zugeschrieben. Vas. Soc. II. 21.
« Mander^^Floerke II, 246: Op Pergameyn heeft hij [Goltzius] verscheyden stucken
ghedan cleen en groot.
' Ausschnitt aus dem Gemälde Dirk van Deelens in Rotterdam, datiert 1636; an der
rückwärtigen Wand das Porträt.
« Handz. Rembrandts, I. Folge, 3. Liefg.. Nr. 127.
' Hoogstraeten Inlciding p. 31 u. 32: die tot zith'ere en nette kleynicheden geneegen
zijn, laet haer vry op 't spierwit Perkament of met Potloot of andere fijne pcnnekens
aerdicheden uitvoeren .
" Fein ausgeführte Kreidezeichnung in Groß^Folio (42X54 cm) von 1706 in der
Albertina (A. P. 858).
172
Zeichenflächen.
J. P. W'eenix mögen hier erwähnt sein. Sie wurden auch durch zarte, farbige
Lavierung auf Bildwirkung gebracht (C. Dusart/ P. Quast [A]).
Frankreich. Vorübergehend finden sich in Frankreich Pergamentblätter bei Fein*
Zeichnern wie Etienne de Laulne oder bei dem sonst verwilderten R. Le Fage,
bei Pierre Pujet, bei dem spezifisch französischen Porträtstecher P. Nanteuil
und dem Illustrator Ch. Eisen.
III. Papiere.
A. Weiße Papiere.
Ohne auf die allgemeinen Erörterungen über Papierfabrikation oder sukzes*
sive Verbreitung der Papiere von Land zu Land eingehen zu können, Themen,
die von vielen Seiten ihre lange und breite Erledigung gefunden haben, ^ soll
es sich hier in erster Linie um die allmähliche Verwendung derselben seitens
der Künstler, um die Färbung und Präparierung im Sinne der jeweiligen
Zeichenmittel und des Zeitgeschmackes sowie um die Einführung der Natur*
papiere handeln. Und auch hierüber wurden schon in dem Kapitel «Grün*
dierungen» (S. 46, 86) viele Hinweise gegeben.
Die Kenntnis der Papiere bringt für das Studium der Handzeichnungen
mancherlei Vorteile, Stützpunkte für zeitliche und lokale Zuweisungen. Es
gibt Stimmen, welche die Anschauung vertreten, daß das Papier als Ware in
alle Gegenden geschleudert wurde, so daß es töricht sei, darauf Wert zu legen.
Töricht wäre es, allzu weitgehende Schlüsse zu ziehen. Aber immerhin findet
man darin willkommene, wenn auch bescheidene Behelfe, denn seine Verbrei*
Langsame tung ging, wenigstens für die früheren Jahrhunderte, recht langsam vor sich.
Verbreitung. Nicht einmal längs der großen Handelsstraßen bemerken wir ein rasches
Umsichgreifen. Ein Beispiel. Das blaue Papier, wahrscheinlich eine venezia*
nische Erfindung, kam im letzten Viertel des 15. Jahrhunderts auf Als Dürer
1495 Venedig besuchte, scheint es noch nicht die allgemeine Beliebtheit er*
worben zu haben. Erst 1506/07 wendet er es im reichsten Maße an und schuf
darauf seine großen Studien für das Rosenkranzbild. Er kehrte nach Nürnberg
zurück und mußte wieder zur alten Grundierung greifen, da er dieses Papier
bei all dem lebhaften Handelsverkehr zwischen Venedig und Nürnberg noch
nicht vorfand. Erst viele Jahre nach seinem Tode gelangte die «carta azzurra»
nach Deutschland.
Toscana. Vvie schon im Kapitel «Pergament» bemerkt, erscheint das Papier (carta
bambagina, Leinenpapier) '^ um oder nach 1300 in toskanischen Werkstätten in
' Ein DusartsOriginal von hervorragender Größe und farbiger Wirkung in der Alber«
tina (A. P. 201 und 202).
- Eine zusammenfassende und alle neuen Forschungsresultate berücksichtigende Zu«
sammenstellung bei Gardthausen, op. cit.
' Carta bambagina, auch bambycina, bumbacina, wird gewöhnlich als Wollenpapier, d. h.
aus roher Baumwolle hergestellt gedeutet. Briquet und Wiesner stellten dies als Irrtum
hin. 'c Bambagina» kommt wohl von Bambyke (Fabriksname) her. Wattenbach, S. 140.
Zeichenflächen. 173
Verwendung. Cennini- berichtet von ihm in gleicher Wertschätzung wie vom
Pergament (K. 10), er erzählt, daß man daraus verschiedene hübsche Sachen
mache (altre cose gentili di carta K. 108) und daß man es auch zu Schablonen
und Kartons für Kirchenfenster verwende (K. 14 und 171). Wir entnehmen
keiner Zeile, daß er uns etwas Neues berichten will. Dabei ist carta noch
die allgemeine Bezeichnung für Papier und Pergament, so daß es oft schwer
fällt, die richtige Deutung zu finden.^ Zu Leonardos Zeiten und noch bis
Baldinucci^ kommt Foglio in Gebrauch, eine Verkürzung der allgemein in
Verwendung stehenden Formatbezeichnung foglio reale.
Die für die frühesten Zeichnungen in Betracht kommenden Papiere sind Oberfläche
etwas dicker und haben infolge ihrer groben Struktur und der Einpressung
zwischen groben Filzlagen eine charakteristische Oberfläche. Dieselbe fühlt sich
weich und wollig an und die dicken Wasserlinien fallen deutlich heraus. Dies
hängt einerseits mit der durch Stärkekleister hergestellten und im Laufe der
Zeit gelockerten Leimung zusammen, andererseits mit der Langfaserigkeit der
Papiermasse. «Bis ins 14. Jahrhundert sind die europäischen Papiere sehr längs
faserig, nach und nach treten kurzfaserige an ihre Stelle, was auf eine tief*
eingreifende Umgestaltung des Papiererzeugungsverfahrens hinweist.»-' Diese
charakteristischen Eigenschaften sind noch in Zeichnungen des 15. Jahrhunderts
vereinzelt zu beobachten.
Darum mußten die Papiere gewissermaßen als Pergamentersatz grundiert Leimung.
werden, um für den harten Silberstift wie für die spitze Feder Glättung und
Härtung der Oberfläche zu schaffen; nichtsdestoweniger drangen die groben
Wasserlinien selbst durch die Farbschichte. Später griff die Fabrikation zu
Leim, Gummi und bei feinen Sorten zu Fischleim (Hausenblase) und daher
finden sich bereits aus der Zeit um 1400 schon direkt auf Papier entworfene,
skizzenhafte Federzeichnungen. Dasselbe zeigt bereits feine Wasserlinien und
eine mehr weiße Farbe. ^ Ob außerdem das im 16. Jahrhundert in Deutsch;
land angewandte Verfahren, die Blätter zur Vermeidung des Fließens durch
Alaunwasser zu ziehen, schon gebräuchlich war, läßt sich schwer erweisen.-'
Das früheste Vorzeichnen geschah der weichen Oberfläche wegen zunächst
mit Kohle, kaum mit dem harten Bleigriftel, wiewohl Cennino dessen beson*
deren Vorzug darin sieht, damit auf Papier ohne jede Vorbereitung (Grun^
dierung) entwerfen zu können (K. 12).
Die ältesten Bambycinpapiere zeigen heute eine gelbliche oder bräunliche Bräunliche
Farbe, die aber nicht allein durch der Zeiten Ungunst, sondern auch durch die Tonung.
Leimung entstand. Wie anders hätte man Lichter aufsetzen können. Noch zu
Michelangelos Zeiten hatte das für Kartons verwendete Papier diesen bräun;
' Für die K. 157-159 des Cennini^Trattates war es von Seite A. llgs sicher gefehlt,
carta mit Papier zu übersetzen; z. B. in carta cioe in libri, wo schon das Thema:
Miniaturmalerei für Pergament spricht.
■' Baldinucci, Voc. S. 61 : Foglio -- Carta da scrivere. - Leonardo § 146, 90.
' Wiesner Julius, Die mikroskopische Untersuchung des Papieres, Wien 1887. S. 76.
* Einige bei Siren, Don Lorenzo Monaco. Straßburg 1905. Tafel XXll u. XXIII, hier
Lorenzo Monaco zugeschrieben.
•'' Mathcsius. Bergpostille 148'': «man zeucht sie durch Alaunwasscr.-»
174 Zeichenflächen.
liehen Stich, denn Vasari berichtet von Baccio Bandinelh, daß er alcuni pezzi
di cartoni di biacca e carbone zeichnete.^ Auf den noch erhaltenen Kartons
Fra Bartolommeos läßt sich diese Art der Höhung noch deutlich erkennen.
Spätere Allmählich lieferte die Fabrikation die verschiedensten Sorten, jedes Land
Sorten, hatte seine Spezialitäten, die nach Zusammensetzung, Faserung, Leimung, Größe
und Zweck genau bezeichnet und vorgeschrieben waren und deren weitere
Erörterung unseren Rahmen überschreitet. Literarische Hinweise auf die Ver*
Wendung in der Kunst sind äußerst selten, es sei denn, daß uns Armenino
mitteilt, daß man zur richtigen Lavierung, um gute Verlaufer zu erzielen, ein
stark geleimtes, zum Rötelzeichnen aber ein weiches, nicht zu glattes Papier
gebrauchen solle (p. 62). Der Begriff Zeichenpapier in unserem Sinne und im
Gegensatz zu den allgemein zeichnerisch verwendeten Schreibpapieren erscheint
erst im 16. Jahrhundert in der Sorte von Naturpapieren ausgesprochen. Beliebt
waren zu Michelangelos Zeiten die Bologneser Arten (fogli reali Bolognesi).
Man hatte vier Größen : Imperiale, Reale, Mezzane und Re(jute. Bei Lieferungen
zählte man immer nach Quadroni oder Quaderni. -' Weil die Wasserzeichen
außer den Fabrikanten die Qualität anzeigten, verlangte man die einzelnen
Sorten auch unter diesen Marken. So sprach man in Deutschland um 1456
von «Ya I^iß Ravenspurger Bapeyr . . . mit dem Hörn», «1 Riß guts Bapeyrs
mit dem Turn», «2 Riß Ochsen (Ochsenkopf)»; oder in Frankreich von
«Grande fleur de Lis, A l'EIephant, Grand=Cornet, A la Main, Grand=Raisin,
A la Cloche».^
B. Naturpapiere (Tonpapiere).
Allgemeines. Alancherlei Ursachen mochten zusammengewirkt haben, daß das Papier
schon in der Substanz, also während der Zubereitung eine oder die andere
Farbe beigemischt erhielt. Bedürfnisse der Zeit, die Freude am Plastischen
und Farbigen, aber auch papiertechnische Veranlassungen spielten hier mit.
Die Papiermühlen kamen den Wünschen der Künstler entgegen und suchten
ihnen das Selbstgrundieren und Färben zu ersparen. Man schuf direkt Zeichen*
papiere, die der Forderung, mit zwei oder drei Crayons malerisch wirkende
^ Studien zu schaffen, entsprechen sollten. Um 1688 lehrt das Büchlein
Excellency: Versorge dich auch mit einem feinen blauen Papier, das eine
licht, das andere dunkel, wie auch mit Papieren verschiedener anderer Farben,
die jetzt allgemein an vielen Orten zu kaufen sind (p. 13). Was hier im
Norden Europas als Neuheit empfohlen wird, das galt im Süden schon lange
vorher in allen Werkstätten als guter Brauch. In Frankreich nannte man sie
Halbtonpapiere CPap/er c/e (iem/=femfej, die man in Blau, Grau und nament*
' Vas. Mil. VI, 138.
* Frey, Studien zu Michelangelo im Beiheft d. Jahrb. d. preuf?. Kunstsamml. XXX^
Nr. 163. — Bologna scheint sich schon frühzeitig hervorgetan zu haben. Noch heute
befindet sich in der Via Accuse eine Marmorplatte mit den vier vorgeschriebenen Papier*
mafien: Imperiale (74X50 cm). Reale (61-5X44-5 cm), Me(;ane (51X345 cm), Re^ute (45X31-5)
(siehe Briquet, Les filigranes I, 3).
^ D. E. Beyschlag, Beyträge z. Kunstgeschichte d. Reichsstadt Nördlingen, Nördlingen
1798-1801, IV. u. V. Stück, S. 24. - Descriptions des Arts et Metiers, Paris 1761, I, 99.
Zeichenflächen. 175
lieh hautfarbig (en couleur de chair) ausschheßhch für die Zeichner erzeugte,
um ihnen das cf fialbtönemachen» und das Schattieren mit dem Wischer zu
erleichtern, und die man strenge von den getünchten und von den durch
Enlumineurs besorgten Papieren unterschied.^
Blaues Naturpapier.
Venezianer Papier — Carta azzurra, Carta turchina, heute Carta cerulea — Blaeuwe papieren
— Papier bleu.
Aus Vorschriften späterer Jahrhunderte läßt sich entnehmen, daß man die Entstehung,
durch minderwertiges Leimen entstehende Bräunung und Gilbung des Papiers
durch Zusatz von Farben (besonders Blau) zu umgehen suchte. ^ Und es
sieht nicht wie ein Zufall aus, daß uns in der Zeichenkunst unter den Natur*
papieren gerade das Blaue zuerst begegnet.^ Aber auch andere Ursachen,
wie z. B. in Holland, wo man die verbrauchten blauen Leinenkittel der Schiffs*
leute direkt zur Papierfaser verwendete, haben daselbst die Entwicklung des
Blaupapiers gefördert.^
Mit Indigo oder Kobalt blau gefärbte Papiere kommen bereits in der ara*
bischen Papiererzeugung vor und dem ausgedehnten venezianischen Handel wird
es zuzuschreiben sein, wenn in Venedig die Carta azzurra oder turchina-' zuerst
auftritt. Die ältesten zeichnerisch verwendeten Blätter weisen, nach deutlich
sichtbaren Wasserzeichen zu schließen, auf venezianische Erzeugnisse hin.
Früh belegt erscheint uns diese lichtblaue Sorte durch eine Zeichnung des Venedig.
Sebastiano Zuccato. (Albertina, A. P. 393), ungefähr aus dem letzten Viertel
des Quattrocento. Früher dürfte die Verwendung kaum anzusetzen sein.
Eine weitere Zeichnung aus dem Bellini^Kreis: Madonnendraperie (Albertina,
A. P. 1146 und 1147), fällt ebenfalls noch um 1500. Das Blau war ziemlich
lichtempfindlich und verfärbte sich leicht, so daß es oft den Eindruck von
Blaugrau erweckt (Giov. Bellini, Männlicher Kopf, Uff. 595 oder Gaud. Ferrari).'*
^ Encyclop. Method. Beaux^A., Tome I, 461. — Descriptions, T.*I, 82. Qui se peint ä la
brosse et qui depend de Vart des enlumineurs.
'^ Quelques Papetiers mettent un peu de bleu d'Inde dans leur colle, pour corriger la
teinte jaunätre, quelle peut laisser au papier. (Descriptions des Arts I, Papier, p. 63.)
^ Ibidem. Aus derselben Quelle erfahren wir, daß sowohl Holländer als auch Fran;
zosen eine wohlverrührte Auflösung von Tournesol { - Lackmussaft — blauem Lack) oder
Indigo beimischten.
* Encyclopedie meth. Arts et Metiers mechaniques V, p. 566.
'^ Gardthausen, Das Buchwesen. S. 119. - Bresslau. Urkundcnlehre, 1S89, 1. 892. - «Carfa
txntay> mit der Bezeichnung Naturpapier gleichzusetzen, ist verwirrend, wie z. B. in neuen
ital. Beschreibungen, welche für Carta azzurra Cattä tinfa anführen.
' Solche frühe Reste weisen bei oberflächlicher Betrachtung mitunter auch einen
grünlichen Ton auf und werden von vielen gewöhnlich auch so aufgefaßt und als
«grün grundiert» beschrieben. Diese Verfärbung erklärt sich damit, dal^ die l'nbildcn
der Zeit eine gelbliche, schmutzige Oberfläche erzeugten, welche mit der darunter beflnd»
liehen blauen Substanz sich verband und die Täuschung hervorrief. >Van braucht nur
an einer Stelle etwas aufzukratzen, um die ursprüngliche blaue Farbe konstatieren zu
können. Eine ähnliche Erscheinung beobachtet man bei deutschen oder niederrheinischen
ölporträts mit ursprünglich blauem Hintergrund, der durch den gelb gewordenen Firnis
direkt grün wirkt und in Katalogen irrtümlich auch so bezeichnet wird.
176
Zeichenflächen.
Als Dürer 1494/95 in Venedig weilte, scheint — wie schon erwähnt — der
Gehrauch noch nicht sehr verbreitet gewesen zu sein, wohl aber zur Zeit
seines zweiten Aufenthaltes. Seine zahlreichen Pinselstudien sind nur eine
andere Art def von Bellini, Carpaccio und gewiß auch von Giorgione ge*
übten Technik. Carpaccios Zeichnungen, etwas reicher auf uns gekommen,
geben hier Aufschluß und vermitteln für Dürer den neuen Zeichnungentypus
(Abb. 52 und 331).
Oberitalien. Seit dem 16. Jahrhunderte finden wir das venezianische Papier auch in den
Nachbarschulen bei B. Montagna und Moretto, im Mailändischen bei Bra#
mantino, Gaudenzio Ferrari und Bern. Lanino. An die Pinseltechniker
schloß sich die Gruppe der Federtechniker, die von Palma Giovine ausging
(Vicentino, G. Porta Salviati, P. Farinati). Die feinen sanften Wirkungen von
braunen Bistertönen mit weißen Lichtern auf Blau finden in der gröberen, aber
bequemeren Manier der Breitzeichner wie Tizian, Tintoretto, Bordone (Kohle,
schwarze Kreide oder gar Fettkohle) einen direkten Gegensatz, der sich indes
bei Künstlern wie Baroccio durch römischen Einfluß oder bei den Carraccisten
durch die akademische Schulung sichtbar mildert. Nicht alle folgten dieser
neuen, im Sinne der Alten nicht als gut befundenen, gewissermaßen bunten
Zeichenweise. Raffael wie Michelangelo waren ihr behutsam ausgewichen.
Wenn wir von den Römern Federigo Zuccaro (nicht Taddeo) oder Nie. Pome#
rance lavierte Federzeichnungen auf blauem Papier finden, so waren es nur
venezianische Reminiszenzen. Echt römischer Federmanier war dieses tonige
Papier nie genehm.
Aber die Cavta azzurrina brach sich wegen ihrer leichten Belichtungs*
weise trotzdem nach allen Seiten Bahn und verblieb wegen ihrer koloristischen
Wirkung bis zum heutigen Tage eine beliebte Papiersorte. Durch die Ver*
bindung mit neuen Zeichenmitteln ergaben sich besonders für Detailstudien
erwünschte Farbenakkorde, neue Zeichnungstypen, so mit Pastellstiften: Ba*
rocci, C. Dolci, Guido Reni, oder mit leuchtendem Rötel neben weißer
Kreide (Bart. Cesi, Guercino, G. B. Tiepolo). Die Worte: Disegnare in
carta azzuva lumeggiata di biacca werden in der zweiten Hälfte des
Cinquecento zum Werkstattausdruck. ^ Besonders beliebt war es für die Fett*
kohle bei den Bolognesen und Venezianern (Guercino, P. Farinati).
Deutschland. In Deutschland bürgerte es sich spät ein. Künstler, welche in Venedig
schafften, wie Dürer, M. Lorch 1555, J. Heinz, Rottenhammer, Spielnberger,
kannten es nur so lange, als sie dort weilten.^ In der Heimat besaß es noch
keine Wertschätzung.-^ Erst seit dem 17. Jahrhundert, besonders der zweiten
Hälfte, tritt es in bescheidenem Maße auf: Sandrart 1643, M. Merian 1679,
Ermels ca. 1680.
' Malvasia IV, 185.
' Ein vereinzeltes Vorkommen bildet eine wohl späte GrünewaldsKopie in Basel nach
dem Karlsruher Originale: Christus am Kreuz, auf einem ganzen Bogen nach Art der
seinerzeit unzerschnittenen Dürerstudien. H. A. Schmidt, Grünewald, Taf. 39, 40, Text 257.
^ «Denn grob vnnd blaw vnd graw schlagpapier vnnd alle bösen bücher gehören
billich inn die leden vnd zum rotschmid, darauß man scharnützlein mache», schreibt noch
1564 Mathcsius in seiner Bergpostill, S. 148''.
Zeichenflächen. 177
Auch niederländische Künstler wie Jan Speckaert lernten das blaue Natur? Niederlande,
papier in Venedig kennen und gebrauchen. Der farbenfreudige Rubens benützte
es kaum, eher Van Dyck und seine Schule. Wallerant Vaillant überarbeitete
bei seinen großen Porträtköpfen den Hintergrund mit schwarzer Kreide,
beachtete aber dabei das Durchschimmern des blauen Tones. Bei Bernard
Vaillant läßt sich bereits eine dunklere Nuance konstatieren; man erzeugte in
Frankreich und Holland damals schon hellblaue und dunkelblaue Sorten.
Den stärksten Verbrauch dieser Papiere beobachtet man in dem Holland
des 17. Jahrhunderts. Unter der Bezeichnung «blaeuwe papieren» geht es
fast durch alle Malstuben. Die ihm innewohnende Fähigkeit für tonige
Effekte deckte sich mit dem Bestreben der Landschafter und Figurenmaler,
tonige Studien anzulegen. Selbst die Porträtisten folgten dem Brauche. Bei
Landschaftern wie Joris van der Hagen, Asselyn, und Figurenzeichnern wie
Berchem, Both, C. Zachtleven, Backer, Barth, v. d. Helst, P. v. Laer stand es
im Dienst. Rembrandt vermied es,^ sein Schüler G. Flinck schätzte es. Gerne
erzielte man damit Stimmungen in Abend* und Mondlandschaften (Asselyn,
A. V. d. Neer, Lucas van Uden, J. Soolmaker).
In Frankreich fand es zur Zeit seines Eintrittes zwar schon einen Rivalen Frankreich,
in dem bräunlichen Papier, gewann aber dennoch eifrige Vertreter bei ein*
zelnen Künstlergruppen. Claude benützte es bei seinen Landschaftsstudien,
Gh. Natoire aquarellierte darauf mit bestimmten Farbentönen, Aubry mit
breitem Tuschpinsel. Bei Gh. Parrocel, Gh. Vanloo, P. Subleyras sowie
Le Moine, Ghardin, Boucher, J. B. Oudry und Pesne diente es der
Kreide, oder bei A. F. Gallet u. a. dem Rötel zu jenen typischen Akt* und
Figurenzeichnungen, welche die Franzosen Dessins aux deux crayons sur
papier bleu nannten. Für nächtliche Darstellungen nach Art der Holländer
Hnden wir es bei Norblin (Waldesdämmerung), bei Le Mire I. j. und später
noch bei Davids Schüler F. G. Harriet (f 1805). J. L. David sowie dessen
Nachahmer in Deutschland oder die Porträtstecher nach Largilliere und Rigaud
(z. B. die Familie Drevet) verwendeten es unausgesetzt. Glanzvolle Zeich*
nungen erzielte Prudhon mit seinen Weißkreideeffekten.
Graue und rehfarbige Naturpapiere.
Carta grigiastra — Papier gris ou couleur de chair tendrc.
Nach dem blauen Papier kamen auch die Carte grigiasfre in Mode, die
indes bei genauer Betrachtung die verschiedensten Tonungen und Qualitäten
enthalten, sich im allgemeinen aber in zwei Sorten, in eine kaltgraue, lösch*
papierartige und in eine mehr warmbräunliche, rehfarbige, glattere,
härtere als die spätere Gattung scheiden.
Die ersteren dienen durchaus gröberen breiten Teilstudien in Kohle oder Erste
Kreide, selten in Rötel mit nie fehlenden Belichtungen. Im 16. und 17. Jahr* Sorte,
hundert muß es solcher flüchtiger Zeichnungen auf grauen Tönen ungeheuer
' Einzige Ausnahme bildet die zugeschriebene Louvrezeichnung: zwei sitzende Frauen
mit Kindern. Hofstede, Hz. Rembrandts Nr. 647.
12
Medcr, Die Handzeichnung.
178 Zeichenflächen.
viel gegeben haben, die, weil nicht fixiert und nur für den Moment bestimmt,
zugrunde gingen.
Lassen sich Anfänge schon bei Fra Bartolommeo, Sarto, AI. AUori, Poccetti
finden, so treten sie uns namentlich in dem reichen Studienmaterial des Barocci
in den Uffizien in Foliengröße entgegen. Derbe Zeichner wie Tintoretto,
Tizian, J. Bassano, Palma Giovine benützten für ihre Kohlenrisse ein mehr
dunkelgraues, dem heutigen Dütenpapier vergleichbar; ausnahmsweise auch für
Tinte, so wenig es sich auch dazu eignete. Es schien, als ob man die weiße
Folie ob ihres Mangels an Plastik um jeden Preis vermeiden wollte. Gerard
van Honthorst, der diese Anwendung wahrscheinlich auf seiner italienischen
Reise, d. i. vor 1622, kennen gelernt, hat uns vereinzelte Stücke grobfiguriger
Darstellungen hinterlassen. Auch der vielzeichnende, flüchtige L. Bramer bediente
sich desselben.
Zweite Frühzeitig erkannte man die Hindernisse der rauhen Oberfläche und erzeugte
Sorte, unter Einführung des bräunlichen Tones glattere, feinlinige Sorten, die sich
fortan durch Jahrhunderte hindurch behaupteten. Die Farbennuancen wechselten
ununterbrochen, bald rehbraun oder fleischfarbig, bald heller oder dunkler,
aber noch immer mit allerlei Unreinlichkeiten, Fasern, Haaren und Knoten
bedeckt. Die in Italien auftauchende und später in Frankreich ausgebildete
Technik aux deux oder frois crayons bediente sich von nun ab fast
ausschließlich dieser Halbtöne. Sie bildeten das vorherrschende Material an
den Akademien durch mehr als zwei Jahrhunderte. Die große Masse von
Akten und Teilstudien repräsentieren sich heute auf diesen Folien: «II est bon
de s'accoutumer ä dessiner suv du papier de couleur, surtout poiiv les Aca=
demies. »^ Die Vorliebe für diese tonige Farbe war so groß, daß man in
Ermanglung derartiger Naturpapiere kurzerhand auch das weiße mit Bister
mittels Schwamm oder Bürste ähnlich färbte. In Frankreich nannte man
diesen Ersatz papier ä dessiner feinte und noch 1804 papier histre. Es
figuriert in den Handbüchern neben dem Naturpapier als gleichwertig.^ Bei
Beschreibungen ist dieser Umstand zu beachten. Falls man die Oberfläche
nicht ankratzen will, bilden die erwähnten Unreinlichkeiten das Hauptkenn*
zeichen der Naturpapiere. ^
Italien. Einen starken Verbrauch auch dieser bräunlichen Töne sehen wir bereits
in der Werkstatt des Barocci, der sich solcher großflächigen Papiere bediente,
um seine Kreide? und Rötelzeichnungen mit den breiten Höhungsflächen an*
legen zu können. Zahllose Beispiele von Kopf=, Hand* und Fußstudien bei
den Carracci, Guido Reni, Domenichino,* Guercino u. a.
Frankreich. Als Primaticcio 1540—1570 in Frankreich arbeitete, zeichnete er seine
• Rötelstudien auf diesem Papier. Ob er es mitgebracht hatte oder bereits
' Jombert, op. cit. S. 36.
- Encyclopedie meth., Arts et Metiers mechaniques V, p. 566. — Krünitz, Encykl.,
T. 106, S. 745.
' Auch alte weiße Papiere erscheinen durch den Einfluß der Luft, des Schmutzes und
Staubes derart gebräunt, daß man meint, sie seien von Natur aus so gefärbt. Eine ober»
flächliche Schabung mit dem Messer an einer Ecke zeigt das darunter liegende Weiß.
* Mit dem Wasserzeichen der drei Monde.
Zeichenflächen. 179
vorfand, läßt sich nicht entscheiden. Wohl aber tritt es im folgenden Jahr*
hundert allgemein in Frankreich auf und verbreitet sich von hier aus als
Papier gris pouv le dessin bald über andere Länder. Rubens, 1621 — 1622
in Paris weilend, verwendet es für die Porträtstudien der Marie Medici. Louis
Le Nain, Valentin, Simon Vouet kennen es, Etienne Jeaurat, Chardin, Watteau
schaffen darauf jene typischen Zeichnungen in Schwarz, Rot und Weiß, die
dann von Boucher, Natoire, Carle Vanloo, Liotard fortgesetzt werden. Die
Nuancen wurden zu dieser Zeit immer lichter und wärmer (Couleur de chair).
Als koloristische Folie oder als rein akademischer Behelf tritt es in dem Holland,
naturalistischen Holland selten auf. Landschaft und Genre zogen das blaue
vor. Wiewohl Sandrart für seine Zeit erwähnt, daß die gewöhnliche meister*
hafte Manier die sei, daß man «auf graulicht Papier mit schwarz schattiert
und mit weiß erhöhet, deren die meisten gebrauchen» (T. A. I, 62), ist es in
Deutschland gleichfalls selten zu finden. Er selbst verwendet es noch in
seiner Nürnberger Zeit (1580), so wie er es in Itahen gelernt hatte.
Andersfarbige Naturpapiere als die hier erwähnten kommen, wiewohl Farbige
sie in allen Farbentönen hergestellt wurden, für die Ateliers nicht in Betracht. Natur»
Wenn wir zur Zeit des Piazzetta einmal ein Rosapapier mit einer darauf P^P'"^-
befindhchen Zeichnung entdecken, so ist dies wohl nur Laune oder Zufall.
Im vorigen Jahrhundert erzeugte man eine ganze Skala farbiger Töne, gelbliche,
grünliche, bläuliche von hellster und dunkelster Schattierung, die besonders von
Liebhabern und in aristokratischen Kreisen geschätzt wurden.
C. Geölte und andere präparierte Papiere.
Leinölpapier, Pauspapier, Oleate — Papier huile. — Gummierte Papiere, Schellackpapier.
JUienten Pauspapiere auch in erster Linie der Übertragung, so finden Herstellung
sich doch auch vereinzelte Blätter mit durchgeführten Zeichnungen (Feder und ^"*^
Pinsel, Bister, Tinte, öl* und Temperafarben). Sie wurden in der Werkstatt
zubereitet, indem man ein mit Leim* oder Gummiwasser in der Faser- gut
gefestigtes Papier mit Lein* oder Mandelöl, Nuß* oder Terpentinöl imprä*
gnierte und rasch trocknete. ^ Die Leinölpapiere zeigen eine pergamentene
Struktur und eine Bräunung von gelblich bis dunkelbraun, die erst mit der
Zeit entstand und den Eindruck erweckt, als ob sie durch heiße Luft ver*
brannt wären.
Gut getrocknet und von dem überflüssigen Fett an der Oberfläche befreit,
ermöglichen sie ohne jede weitere Vorbereitung das Federzeichnen, wenngleich
an manchen Stellen die Striche zu Pünktchen zusammenrinnen (Dürer, Kardinal
Lang von Wellenburg, L. M. 548; Goltzius mit übergroßen Formaten).
Merkmale.
' Über eine rasche Art der Anfertigung schreibt Böhm 1776: Postpapicr wird mit
Mandelöl bestrichen, zwischen zwei dicken Papieren gebügelt und mit Weizcnkicie ab«
gerieben. (Anleitung zur Kriegsbaukunst, S. 457.) - Die Krünitz^Pnzyklopädie enthalt ein
ähnliches Rezept: Dünnes Papier, sog. Schlangenpapier wird in eine Mischung von zwei
Teilen Nußöl und einem Teil Terpentinöl getaucht und zwischen zwei Papierdeckcln
getrocknet (Teil 106, S. 7: Oleate).
12*
180 ' Zeichenflächen.
Für weniger Strichsichere erwuchs auch der Vorteil, daß man den ander*
weitig gezeichneten Entwurf auf das Oleat pauste und darauf weiterführte.
Solche Blätter entbehren der Entwurfsmerkmale und der Pentimente, zeigen
aber trotz des Pausecharakters in den Konturen noch eine gewisse Freiheit.^
Schellacke Statt Gummi* und Leimgrundierung verwendete man auch das Schellack:^
papier. fixativ (dünne Lösung von Schellack in Spiritus), namentlich in den letzten
Jahrhunderten. Der eigentümliche gelbe Glanz der glatten wie gefirnißten
Oberfläche verrät diese Manipulation.
Anwendung. Gehört auch die Technik des ölskizzierens weniger in das Gebiet der
Handzeichnungen, so dürfen doch gewisse Studienblätter auf geölten oder
gummierten Papieren, meist Köpfe, seltener Kompositionen, keck und breit
angelegt, nicht übersehen werden. Es hatte für Maler stets etwas Verlockendes,
ihre Teilstudien größer und farbig zu schaffen. In dem Kapitel Pinsel*
Zeichnung wurde bereits darauf hingewiesen.- Geölte und gummierte Papiere
waren in jedem Atelier gebrauchsfertig und so kommt es, daß wir schon
zu Lottos Zeiten — wir wissen sogar das Jahr — 1541 teste colorite ad
olio in carta dal naturale dokumentarisch belegt finden.^ Im Venezia«
nischen scheint der Brauch besonders beliebt gewesen zu sein. Tintoretto
legte sogar Skizzenbücher in dieser großen und breiten Weise an. Kaum daß er
flüchtige Konturentwürfe machte, um sofort mit dem Ölpinsel farbig und fertig
zu komponieren.* Eine charakteristische Kopfstudie einer bejahrten Dame
skizzierte Jacopo Bassano (Albertina, A. P. 651) mit breitem Pinsel. Baroccio^
und die Carraccisten schufen in dieser Technik ihre Cartoncini bald farbig, bald
grau in grau. Die Bolognesen verwendeten es auch für Fettkohle (Guercino).
Von Italien aus wanderte der Brauch der Ölentwürfe auf Papier auch nach
dem Norden.
D. Chinesische und japanische Papiere.
Papier de la Chine, Papier de soie, papier du Japon. — Papier van de Chinesen.
Holland. t-rst im 17. Jahrhundert, und zwar, wie es scheint, ausschließlich in Holland,
begegnet uns in vereinzelten Fällen jenes Papier, das heute allgemein als japa*
nisch bezeichnet wird. Man nannte es seinerzeit papier van de Chinesen van
zijde gemaekt (Hoogstraeten, Inleid. p. 30). Rembrandt und sein Schulkreis
verwendeten es gerne für Federzeichnungen und Radierungen, wohl wegen
seines weichen und warmen Tones.*' Typische Beispiele sind die Landschaften
von Jan Livens in fast allen größeren Sammlungen.
' Ein solcher Beleg bei Hans Rottenhammer, CruciHxus von Engeln getragen, Feder«
Zeichnung, Albertina.
'' In alten Katalogen findet man häufige Hinweise. So Amerbachslnventar (Weltmann,
Holbein II, 45): «Ein Erasmus mit Ölfarb uf papir in ein ghüs, H. Holbeins arbeit».
— Cavedone, Studie zu dem Pariser Bilde sur papier huile (Notice des Dessins orig., Es«
quisses, Paris 1804, p. 18).
•'' II libro dei conti di Lorenzo Lotto in: Gallerie italiane I, 123.
■• Tintoretto sSkizzenbuch, London.
'' Uff. 19104, mit Q_uadrierungslinien.
•■■ Hofstedc de Groot, Die Handz. Rembrandts, p. XXXVII und 541, 542.
Zeichenflächen. 181
IV. Tüchlein und andere Zeichenflächen.
Auf ein Tüchlein/ uf tuch gemolt' — Tela linea, Sindone.^
Von den sonst nur auf kunstgewerbhchem Gebiete in Betracht kommenden
Zeichenflächen wie Holz, Gold, Silber, Eisen, Kupfer, Messing, Zink usw.
abgesehen, sei hier nur des Zeichnens auf Holz und des Radierens und
Stechens auf Metallplatten Erwähnung getan. Und ohne auf die verschie* MetalU
denen technischen Zubereitungen der letzteren wie Grundieren und Schwärzen P'^**^">
eingehen zu können, wollen wir nur hervorheben, daß auch die Holzstöcke
gleich den Zeichentäfelchen eines leichten Kreidegrundes bedurften, auf welchem
die in der Regel aufgepausten Konturen mit der Feder ausgeführt wurden.
Gab es einzelne Fälle, wo Künstler auf Furnierholz wie sonst auf Papier
zeichneten, so können sie nur als Kuriosa betrachtet werden.*
Weniger bekannt ist das Zeichnen und Malen mit Temperafarben (Leim^ Tüchlein,
und Gummifarben) auf dünner, feiner und knotenloser Leinwand, das in
der Kunst des 15. und 16. Jahrhunderts eine gewisse Rolle spielte. Die
Italiener nannten sie Tela linea, Sindone, die Deutschen Tüchlein. Dienten die?
selben auch mehr vollendeten Malereien, so konnten sich doch manche Zeichner
nicht ganz dem Reiz dieser grau in grau gestimmten Arbeiten entziehen.
Auf Grund alter Manuskripte leitete Eastlake den Gebrauch der Tüchlein
aus England her. ^ Jedenfalls scheint er vom Norden nach dem Süden ge?
wandert zu sein, da er in Venedig um 1335 als «deutsche Art» bezeichnet
wurde. Cennini, der so mancherlei Stoffbemalungen behandelt, weiß von der
Wassermalerei auf Leinwand für Toskana nichts zu berichten.
Bei Benützung derselben galt es, wie uns das Manuskript bei Easdake Verfahren,
überliefert, als Regel, sie über ein wollenes Tuch zu spannen, mit einer
Gummischichte zu überziehen (grundieren) und dann erst, nach der wahr«
scheinlich aufgepausten Zeichnung mit Wasserfarben und spitzen Pinseln zu
zeichnen oder zu malen. "^ Das untergespannte Tuch hatte den Zweck, die
überschüssige, durchdringende Farbflüssigkeit aufzusaugen. Die Bindemittel der
Farben waren Eiweiß (cum clara ovi) oder Gummiwasser (cum aqua gummata).
Daß auch größere Gemälde in dieser Weise ausgeführt wurden, wie z. B. ein
als Jugendwerk geltender Christus am Kreuz des Jacopo Bellini (Verona), oder
das verloren gegangene Selbstbildnis Dürers, das er Raflael widmete, soll nur
vorübergehend Erwähnung finden. '
' Lange und Fuhse, Dürers schriftl. Nachlaß, S. 114.
'- Amerbach^Inventar 1586 (59. Basler Jahresbericht. N. F. III. S. 48).
=» MerriKeld I. 271.
* Instruktive Belege bilden die Abbildungen der Basler Holzstöckc aus der Amerbach--
sehen Offizin bei D. Burckhardt: Dürers Aufenthalt in Basel. Leipzig 1892. - Ein tatsäch.
liches Beispiel einer rein maltechnischen Aufgaben dienenden, braun lavierten Feder»
Zeichnung auf einem Furnierholz von Salvator Rosa befindet sich im Printroom (London).
^ Eastlake. Beiträge. S. 52. 54.
« Merrifield I. 271.
' Eye. Leben Dürers. Übersichtstafel v. Willibald Imhofts Inventar 1573. Nr. 24: ein
Maria pild auf tuech. wasserfarb; ferner Nr. 25. 38. 39. 57.
182 Zeichenflächen.
Beispiele. Für uns kommen die heute nur mehr als Kuriosa geltenden Studienreste
einiger Meister mit zeichnerischem Charakter in Betracht. Vor allem das
Skizzenblatt eines Unbekannten mit verschiedenen Darstellungen, wahrschein*
lieh Kopien, auf der Vorderseite grau grundiert, auf der Rückseite rötlich.^
Ferner aus dem Kreise Verrocchios mehrere Belege, so Leonardos Draperie?
Studien in Grau und Weiß, Louvre (Abb. 194), dann jene Credis und schheß*
lieh die derzeit dem Credi^Schüler Tommaso zugeschriebenen, seinerzeit als
Leonardo gehenden Madonnenstudien der Uffizien,^ oder St. Lukas, Berlin.^
Auch hier zeigt das Offizien? Blatt (Ber. 2760) eine doppelseitige Benützung.
Von Leonardo berichtet Vasari (Mil. IV, 20), daß er sich bemühte, auf feinster
Rheimser Leinwand in geduldsamer Weise mit spitzem Pinsel in Schwarz und
Weiß seine Faltenstudien zu arbeiten. Die wenigen ausgeführten Studienköpfe
Dürers wurden bereits erwähnt."*
Aus der Zeit der Ölmalerei, aus dem 16., 17. und 18. Jahrhundert, stammen
noch mancherlei in der Stunde momentanen Bedarfes entstandene ölskizzen,
Detailstudien von Köpfen, Händen auf grundierter Leinwand, die von
alten Sammlern gerne erworben und in ihren Kabinetten aufbewahrt wurden,
nun aber, meist ausgeschieden und unter Rahmen gebracht, in den Galerie?
räumen als malerische Produkte ihre Aufstellung fanden.
Schiefertafel, Lavagna, auf weiche mit Gipsstiften gezeichnet
wurde (Baldinucci, Voc. p. 80: si adopera per disegnarvi sopra con gesso).
Wenn in der Vita des Patinir Carel van Mander uns berichtet, daß Dürer das
Porträt des niederländischen Landschafters mit einem Kupfergriffel auf eine
Schiefertafel gezeichnet habe, so kann dies, falls es überhaupt der Wahrheit
entspricht, vielleicht nur ein Scherz oder ein Medailleurbehelf gewesen sein.^
Läßt sich auch mit Metallstiften auf Schiefer leicht und gut sichtbar zeichnen,
so darf eine Verallgemeinerung schon deshalb nicht angenommen werden, weil
sich das Ablöschen der Linien äußerst mühevoll gestaltet.
* Louvre Nr. 130, als Ecole sienoise; wohl eher florentinisch.
- Berenson Nr. 2758 und 2760.
' Berenson Nr. 2757.
* Paris, Nationalbibliothek, Mädchenkopf nach links. Eben daselbst Knabenkopf nach
rechts und Frauenkopf.
'" MandersFloerke I, p. 158 und Note 225. Sopra una lavagna con uno stile di stagno.
Baldinucci, Notizie de' professori del Disegno VI, 492. — Dürer berichtet in seinem nie*
derländischen Tagebuche, daß er Patinir («Meister Joachim») mit dem Steft gezeichnet
habe (L. u. F. 159); Zeichnung nicht erhalten.
Verschiedene Behelfe.
t/ISENGRIFFEL, Eisenstefft, stilus ferreus — Elfenbeingriffel, Ver=
Beingriffel. Der Eisenstift, wegen seiner Härte zwar nicht geeignet, auf Papier wendung.
oder Pergament sich abzufärben, konnte immerhin durch Markieren und Ein?
kratzen von Punkten und Linien in geometrischen, perspektivischen und archi*
tektonischen, kurzum konstruierten Zeichnungen große Dienste leisten, zumal
vor der Einführung des Graphitstiftes. «Er dienet zum punctieren und reissen
allerley linien» (Lenker, Perspectiva 1571, Fol. III).
In ihm erkennen wir den alten Schreibgriffel für Wachstafeln, das spätere
Linierinstrument aller Pergamentschreiber und schließlich den brauchbaren
Behelf der Bauzeichner, Geometer, Maler und Kupferstecher. In einem
B. V. Orley zugeschriebenen und ungefähr aus der Zeit von 1530 stammenden
*Hll^'j^llllllllllllllhllli^iiiJ|J,
Abb. 64. Eisenstifte.
Bildnis sehen wir im Hintergrunde allerlei Schreibgerät, darunter auch den
an einem Riemen befestigten Eisengriffel (Abb. 64 oben).' Entstammte dieses
Beispiel der Schreiberstube, so führt uns die Abbildung eines zweiten Exem*
plars aus der Perspectiva des Lenker direkt in die Werkstatt der Maler,
Architekten und Kunstgewerbler (Abb. 64 unten). Mit dem Eisengrififel riß
der Malerjunge bei seinen perspektivischen Versuchen die Hilfslinien, der Perspektive
Meister die Blindlinien seiner Innenraumzeichnungen mit Säulen, kassetierten ::cichnen.
Decken und quadratischen oder polygonen Pavimenten. Alte Skizzenbücher
mit perspektivischen Studien lassen die eingravierten Fluchtlinien deutlich
erkennen. Ein interessantes Beispiel bietet die Ghirlandaio* Zeichnung der
Albertina, Zacharias im Tempel, auf der sämtliche Richtungslinien eingegrittelt
erscheinen. In der verkleinerten Abb. 300 sind dieselben nicht erkenntlich.
In noch weiterem Umfange benötigte der Architekt den Eisengriftcl, weil Architektur,
in jenen Zeiten kein anderes Zeichenmittel so haarscharf und dabei doch wenig ::cichnen.
aufdringlich zu arbeiten vermochte. Das Gerüst solcher Konstruktionslinien
' Galerie Brüssel Nr. 301 [124"|. AbbildunR des Porträts im 3. Bd. d. Peinturcs
Bclgiques, Taf. CLXXXII.
1S4 Verschiedene Behelfe.
bildete auf den alten weichen Papieren eine sichere Vorzeichnung, welche bei
der Ausführung nicht gelöscht zu werden brauchte. Charakteristische Beispiele
dieser Art bieten die römischen Vedutenzeichnungen des L. Cruyl um 1664 in
der Albertina.
Über= Ferner diente der Eisenstift bei Übertragungen von Kompositionen zur
tragungs; Herstellung des Netzes. Er war für die Zeichnung weniger schädigend als
"^ ~^' Kreide oder Rötel; allein auch hier konnte es Übelstände aller Art geben
(siehe Schädigungen).
Passer; Eine vierte Funktion sehen wir bei zu pausierenden Kupferstichzeichnungen,
linien. ^q ^^ ^jgj, jviitte oben und unten eine vertikale Richtungslinie mehrere Zentimeter
lang eingeritzt wurde, die mit jener auf der Platte zusammenpassen mußte
(Passerlinien). Schließlich wurde der Eisenstift auch zum Durchgriffeln der
Zeichnungen selbst verwendet. Entsprechender hiezu aber waren jene von
Bein oder Elfenbein.
1 INSEL. Wiewohl die Pinsel in erster Linie Behelfe der Malerei, so
wird es in Anbetracht ihrer vielfachen Verwendung innerhalb der Zeichnung
nicht überflüssig erscheinen, einiges darüber zu berichten. Die früheste Funk*
tion, Konturen zu zeichnen und von oben nach unten fein ausstrichelnd zu lavie*
ren, erforderte Pinsel mit guten Spitzen; ebenso das Höhen. Dürers Pinselzeich*
nungen aus der Venezianer Zeit oder jene von 1508 sind hiefür gute Belege.
Die Literatur läßt uns hier sehr im Stich; sie gibt uns Nachricht, wie man
gute Pinsel anfertigte, aber wenig Vorschriften über deren Anwendung. Daß
die bei den alten Völkern im Gebrauch stehenden Federfahnen für unsere
Zeit noch in Betracht kämen, ließ sich nicht nachweisen, es sei denn, daß sie
kühne Federzeichner wie Rembrandt gelegentlich zum Wischen benützten. Das
Buch vom Berge Athos (§ 3) empfiehlt für feine Sorten die Seitenhaare der
Dachsschwänze, die alle auf gleiche Länge gebracht, mit einem gewichsten
seidenen Faden gebunden und in einen gut eingeweichten Federkiel gesteckt
wurden. Die Schwanzspitze diente zu größeren Pinseln.^
Haar= und Cenninis ausführliches Kapitel, auf welche Art man Pinsel vom Eich?:
Borsten* hörnchenhaar und aus Schweinsborsten anfertige, lehrt uns, daß die
pinse . Einteilung im wesentlichen dieselbe wie heute war, d. h. daß die ersteren für
Wassermalerei und letztere für Tempera* und Freskomalerei bestimmt waren. ^
Jedenfalls kamen für die Zeichnungen selbst nur Eichhörnchenhaare, und zwar
vom Schwanz in Betracht, die in Federkielen (von Geier, Gans, Henne oder
Taube) befestigt wurden. Die Dicke war daher keine besondere.^ Außer den
spitzen erwähnt Cennini in dem Kapitel: Wie du auf gefärbtem Papier mit
Wasserfarbe zeichnen sollst, auch die gestutzten (penelli mozzi), welche die
Hauptfalten zu schattieren und die breiten Verlaufer zu erzielen hatten.
* In der Freskomalerei kamen zum Konturenziehen Haare der Eselmähne, vom
Ochsenknöchel oder Ziegenhaare und jene vom Kinnbacken des Maultieres in Betracht,
zum Grundieren aber die aus Schweinsborsten (Buch vom Berge Athos, § 54).
^ K. 64 und 65. — Reinhold unterscheidet 1786: «Spitzpinsel wird im Deutschen dem
Borstenpinsel entgegengesetzt» (S. 351).
' Dickere Pinsel hatten um 1688 bereits Zinnfassung (in Tinnscases, Excellency, S. 95).
Verschiedene Behelfe. 185
In Pierre Lebruns «Recueil des Essais» 1635 werden Bärenhaare oder jene Sorten,
des Marders als sehr geeignet genannt. ^ Zu Baldinuccis Zeiten (1681) gab es
noch reichere Auswahl. Man verfertigte die kleinen Pinsel aus Haaren vom
grauen Eichhörnchen, Dachs, Iltis, Hund und Ziegenbock.^ Sie kamen auch
schon fertig aus der Hand der Pinselmacher und entstanden nicht mehr in
der Werkstatt des Malers allein. Die Fabrikation nahm allmählich so zu, daß
sich gewisse Orte eines besonderen Rufes erfreuten. So lobte man um 1719
in Deutschland jene von Augsburg.^
Heute verwendet man außer Eichhörnchenhaaren auch jene von Fischotter,
Biber, Zobel, Fuchs, Dachs, Marder. Als die feinsten gelten die vom Zobel.
Wischer, Estompe. Der früheste und bequemste Wischer war der Papier=: und
Finger. Läppchen von Leder oder sonstigen weichen Stoffen bildeten bald Leder*
einen Ersatz. Allmählich bereitete man Röllchen daraus. Die französische wischer.
Literatur des 18. Jahrhunderts gibt die meisten Aufschlüsse. Wir hören von
einem gerollten Stück Leder, das zusammen*
genäht und zugespitzt war; oder auch von
gerolltem Löschpapier (Peau roulee, cousue
et taillee en pointe, oder Rouleau de papier).*
Als besonders geeignet galt Gemsleder Cmor. ^^^- ^'- F'-^"^ösischer Wischer .
7 7 T«^ ' T 1 T. , , um 1740.
ceau de chamois roule).^ In dem Kecueil de
Planches der Encyclopedie methodique findet sich auch die Abbildung eines
Gemslederwischers, der mit einem Faden fest umwickelt wurde (Abb. 65).''
Bei fein gezeichneten Miniaturköpfchen auf Elfenbein und Tonpapier dienten
Korkstängelchen (Estompe de liege).''
MaTITATOIO. Stifthalter, Messingkluppen, Feder, KohbRohr Aus Rohr.
— Cannella di ottone, Tocca#lapis — Tube, porte # crayon. Seiner
frühesten Form nach bestand der Stifthalter aus einem Stück Rohr (Cannuccia),
in welches Kohle*, Rötel* oder Kreidestängel gesteckt und eingeklemmt wurden,
um dieselben zu verlängern, sicherer zu fassen und zugleich eine größere
Entfernung beim Zeichnen zu gewinnen. «Denn das hilft dir sehr beim
Komponieren.»^ Dieser einfache und billige Behelf wird noch bei Sandrart
(T. A. I, 62) unter der charakteristischen Benennung «Kohl* Rohr» erwähnt
und läf^t sich auch später noch vereinzelt auffinden. Zersprengte man das
' Brüssels Manuskript, in MerriKeld II, 771: Les poils d'ouris (ours) y sont tres bons,
moustoils foines et autres semblables.
"■ I Minori con quello della pelle di vaio, e di puzzola er di tasso, di carte, di capretto;
Baldinucci, Voc: Penello.
•'' Gautier, op. cit., S. 35.
* Gautier, op. cit. — Watelet. Dictionnaire d. A. II, 211.
•^ Gh. A. Jombert, Nouv. Methode. Paris 1740, p. 36.
" Encyclop. meth.. BeauxsArts II, 466 und Taf. 2. Fig. 3 des Recueil.
' Traite de la peinture, p. 18. — ConstantA'iguicr, op. cit., p. 237 und 255.
* Cennini, K. 122. — Watelet legt demselben einen ungeheuren Wert bei. da durch
die Verlängerung das Handgelenk frei werde und grol^zügige Konturen und breite
Schattierungsstriche erzielt werden können (Dictionnaire I, 602).
186
Verschiedene Behelfe.
Trr'~~!^'"!^"'r''.-^'''^'^r i"' !■> ii^^«"»ig
Aus Metall.
. MPXXX1III<^ I
1^
s..
Abb. 66. Maratta, Correggio mit dem Matitatoio zeichnend.
Unten die Cartella neben verschiedenen Zeichen« und Malrequisiten.
Rohr, so wurde es mit Bindfaden oder Draht umwickelt. Darauf beruhte die
Einführung der metallenen Stifthaher mit Schiebringen: Cannella di ottone,
eine Bezeichnung, die wohl am frühesten 1587 bei Armenino auftaucht; er
fügt hinzu; fabbricata a tal uso (nämHch für matifa).
Verschiedene Behelfe.
187
Bei Baldinucci erst findet sich der mehr verbreitete Ausdruck: Matitatoio
(von matita). Er hat nicht den einfachen, sondern bereits den Doppel?
Stifthalter vor Augen, wenn er schreibt: «Matitatoio: Strumento di metallo
lungo quasi mezzo palmo, e grosso quanto una penna da scrivere. accomodato
per modo da potere neW estremitä fermarvi ilgesso
e la matita» (Voc. 92). Die Bequemlichkeit, den
Zeichenstift (Kohle, Kreide, Rötel) und gleichzei*
tig die zur Höhung notwendige Weißkreide zur
Hand zu haben, wurde hoch geschätzt. Ob die
federnde Einrichtung dieser Messinghalter oder
die Verwendung von Federkielen bei den Deut*
sehen den Ausdruck «Feder, Kreide*Feder» ver#
anlaßt haben mag,^ läßt sich heute schwer entscheid
den. Daß Gansfederkiele für die leichtzerbrech*
liehen Pastellstifte bevorzugt wurden, lehrt uns die
Excellency (Chap. III, 18).
Bei den Franzosen heißt er Porte = er ayon} Auf
gezeichneten und gestochenen Künstlerporträts sehen
wir denselben häufig als ein Pinsel und Palette
gleichwertiges Attribut angebracht (Abb. 66," 45,
255). Auch viele Olbildnisse beweisen dies, so
das Porträt des Ch. Vernet von Lepicie und jenes
des Nattier von G. Voiriot (Louvre). In beiden
Fällen sind die verschiedenen Kreidestückchen
durch Weiß und Schwarz deutlich gekennzeichnet.
Dieses Zeichenrequisit trägt heute den im Handel
üblichen Namen Messingkluppen.
.Zirkel, Sesto,^ compasso. Dieses in
Kunst und Handwerk unumgänglich notwendige
Meßinstrument spielte schon frühzeitig seine Rolle.
In Pompeji wurden bereits allerlei Formen von
einfachen und Doppelzirkeln aufgefunden.' In
Italien und Deutschland lobte man jene von Mes*
sing: «Die Messingen Circkel sind alle gemein
niklich besser und senffter im gang dann die Eyserne, das macht, wann die
Eysern rostig werden.»'' Frühzeitig auch wurden sie mit Einsatz* und Wechsel*
Doppelstift*
Halter.
Abb. 67. Proportionszirkel.
AlbertinasExemplar.
' Anweisung zur Mahler ; Kunst, S. 215.
^ Im Traite de la Peinture, p. 260, werden solche von Silber, in Du Fresnoys L'art
de Peinture von Silber und Kupfer erwähnt (p. 360).
^ Albertina, A. P. 1005, Kreide, 399 X 248 cm.
* Baldinucci, Voc. 38, Compasso, dette volgarmcnte le Seste.
•'' Abbildungen in Daremberg und Sagiios Dictionnaire des antiquitcs s. v. Circinus.
Fig. 1509-1514. - Ferner Gardthausen. Buchwesen. S. 185, Abb. 25-26.
« Lautensack. Des Circkels vnnd Richtscheyts, auch der Pcrspcctiva und Proportion
der Menschen und Rosse Underweisung, 2. Aufl., 1564. \'orrcde, fol. 1.
Einfache
Zirkel.
188
Verschiedene Behelfe.
Anwendung.
Stücken und Verlängerungen versehen (Abb. 68). Die Metallstifttechnik for*
derte gleichfalls Einsätze für grundierte Papiere (Abb. 29").^ In dem engli*
sehen Büchlein Excellency wird ein Zirkel (a pair of Compasses) mit drei Ein?
Sätzen zum Wechseln empfohlen (to take in and out), und zwar je einer für
Bleistift, Rötel und irgendeinen andern Farbstift {for any other Paste; S. 11).
Proporz Eine besondere Art bildete der Proportionalzirkel, Reduktions* oder
tionahirkel. Scherenzirkel, von Leonardo wahrscheinlich verbessert und im Prinzip auf
die heutige Form gebracht (Abb. 67). Seine Ver*
besserung bestand nicht allein in einem Doppel*
Zirkel, dessen gleichlange Schenkel durch Ver?
längerungen eine Proportion ergaben, sondern
in der längs einer Nut ermöglichten Verschie*
bung des Drehpunktes (Abb. 68).^ Die tradi*
tionelle Zuschreibung dieser Erfindung an Ubaldo
1568, an Speckle 1569, Galileo 1596 ist dem?
nach, wie auch Feldhaus feststellte, eine un?
richtige.-^
Abgesehen von den zahllosen Verwendungen
beim geometrischen, perspektivischen und archi?
tektonischen Zeichnen oder beim Freskomalen,
wo der Sesto grande die Flächen vertikal und
horizontal einzuteilen hatte (Cennini, K. 67),^
oder bei dem Zeichnen der Nimben und Kro?
nen, der Wappen und Goldschmiedvorlagen,
oder von dem vielseitigen Gebrauche seitens der
Miniaturisten — sei hier noch auf die alte Ge*
pflogenheit der Maler hingewiesen, sich des Zir*
kels dort zu bedienen, wo heute der geschulte
Blick ausreichen soll, auf das Konstruieren
des menschlichen Körpers nach Maßeinheit
ten. «Lerne, mein Junge, daß der Mensch nach
dem Naturale neun Köpfe, d. i. neun Maße von der Stirn bis zu der Fuß:=
sohle mißt. Mache anfangs das erste Maß, welches Du in drei Abteilungen
teilest, die Stirn, die Nase und das Kinn usw.» (Buch vom Berge Athos, § 52).
Die Lehre von der Zirkelfigur geht als unverwüstliche Theorie durch alle
Schulen, stets einen neuen, dem Zeitgeschmack entsprechenden Canon als ein*
zig richtige Methode empfehlend. Kaum hatte sich je ein Meister diesem
Thema mehr ergeben als Dürer.^ Früh schon und noch um 1688 wird das
Körper;
konstruktios
Abb. 68. Proportionszirkel
aus Leonardos Manuskript.
nen.
' Aus Brück, Dürers Skizzenbuch, Taf. 134.
* Cod. atl., Bl. 248 R*. — Weitere Abbildungen bei Dürer im Dresdner Skizzenbuch
(Brück, T. 134); im sogenannten venezianischen Skizzenbuch Raffaels (Fischel, Zeichnungen
d. Umbrer, Abb. 181).
* F. M. Feldhaus, Leonardo als Techniker und Erfinder, Jena 1913, S. 112 f.
* Zu diesem Zwecke bediente man sich großer eiserner Zirkel, die durch Stäbe noch
verlängert wurden. Buch vom Berge Athos, § 59.
L. Justi, Konstruierte Figuren und Köpfe unter den Werken A. Dürers, Leipzig 1902.
Verschiedene Behelfe.
189
handwerksmäßige Konstruieren auch für das Porträtzeichnen vorgeschrieben,
um die Kopf* oder Nasenmaße richtig einzuhalten.^ Wieder später dachte
man anders: Ein Maler, der sich auf seinen Zirkel verläßt, vertraut auf ein
Phantom (Ingres).^
Zum Zirkel gehörten das Li*
neal (Richtscheit),^ das Parallel*
lineaH und das Winkellineal
oder «Winckelhacken» (Squadra).
Senkblei, Senkei, Biei*
schnür — un filo con uno
piombo pendente. BeidemGips*
und Naturzeichnen, besonders im
Aktsaale empfohlen, um die Lot«
rechte immer vor Augen zu haben
und die nach dem Schwerpunkt an*
geordneten Massen richtig nach bei*
den Seiten hin zu verteilen, oder, wie sich Leonardo ausdrückt, um zu sehen,
wie sich die Dinge schneiden (§ 100; Abb. 169). Die allegorische Figur der
Symmetrie hält als Attribut
eine Bleischnur in der Hand.
An den Akademien und
in Lehrbüchern der Malerei
spielt es durch alle Jahrhun*
derte seine Rolle.'' Beim
Perspektivzeichnen ver*
wendete man es zur Anlage
von Fluchtlinien, wobei es
oben im Augepunkt an einem
kleinen Nagel befestigt wurde
(Lenker, Perspectiva, toi. III).
Ebenso beim Netz* und
Abb. 69. Storchschnabel
(Pantograph).
Abb. 70. Französischer Storchschnabel des 18. Jahrh.
Glastafelzeichnen von Landschaften und Porträts verwendet. (Abb. 207.)
Anwendung.
JtANTOGRAPH, Vergrößerungs* und Verkleinerungsapparat, Chr.
Storchschnabel, Affe — Compas Mathematique, Singe, Compas de Schcincr.
Proportion. Im Jahre 1635 veröffentlichte Christ. Scheiner in seiner
* The Excellency, p. 11.
- H. Delaborde, Ingres, Paris 1870, p. 123.
^ Dürer nennt sein kunsttheoretisches Werk: Unterweisung der Messung mit dem
zirckel und richtscheyt.
* Zwei hölzerne, 2 cm breite Lineale, die durch zwei metallene Bänder beweglich vcr=
bunden sind. (Reinhold, S. 318.) - Über Zirkel und Winkelmaß: A. A. Filarcte. Traktat
über Baukunst, c. 1451-1464, herausgegeben von Wolfg. v. Octtingen, Wien 1890, in den
Quellenschriften für Kunstgeschichte. N. F. 111, S. 602.
•'• J. D. Preißler, Theorie (1744), siehe Titelblatt und verschiedene Akttafcln. - Kügclgen.
Jugenderinnerungen, S. 371.
190
Verschiedene Behelfe.
«Pantographia seu Ars delineandi res quaslibet» den Gebrauch dieser
Vorrichtung, welche den Zweck hatte, eine bestimmte Zeichnung im vergrößerten'
oder verkleinerten Maßstabe mechanisch zu übertragen. Der Form nach
gleichen sie der Abbildung 69.^ Eine wesentliche Vereinfachung hinsichthch der
Hebelarme bietet der verbesserte Pantograph des 18. Jahrhunderts, der besonders
bei Übertragungen von Gemälden auf ein kleineres Format empfohlen wird
Porträt; (Abb. 70).^ Sehr behebt war er bei den Porträt* Miniaturisten, die sich
zeichnen, zunächst eine Zeichnung in Naturgröße anfertigten und dann verkleinerten
(Abb. 69). Für Profilporträts, Silhouetten war der Pantograph tatsächlich eine
Erleichterung, ebenso in der Medailleurtechnik, während er in der großen
Kunst kaum Beachtung fand. Schon Reinhold konstatiert, daß er, ohnerachtet
man ihn seit einiger Zeit zu verbessern gesucht habe, weder eine richtige noch
reine Zeichnung zuwege bringe. Um so mehr Ansehen finde er bei Amateuren.
Wenn man ein solches Instrument zu sehen wünsche, brauche man nur ins
Nachbarhaus zu treten, da heutzutage fast alle Schönen Storchschnäbeln oder
sich Storchschnäbeln lassen.^ Eine allgemeinere Verwendung hatte er vor der
Erfindung der Photographie bei der Vergrößerung oder Verkleinerung von
Landkarten.
Messer.
Alaun.
Brot.
Radierbehelfe, l. Das Radiermesser, ein Attribut der mittelalter*
liehen Schreiber und Miniaturisten, das, nach alten Abbildungen zu schließen,
mit der linken Hand geführt wurde,;^ wanderte auch in die Malerwerkstatt
und diente neben dem Federzuschneiden der Verbesserung von Fehlstellen,
der Herstellung von Klebekorrekturen und dem Einkratzen von Lichtern.
Eine große Rolle spielte es beim Pastellzeichnen, um falsche oder zu dick
geratene Töne abzuschaben.^
2. Alaunpaste, fein pulverisierter und mit zuckerigem Orangensaft ver*
riebener Alaun, die laut mittelalterlicher Anweisung gleichfalls zur Löschung
von geschriebenen oder gezeichneten Tintenstrichen verwendet wurde. ^
3. Brotkrume, Bimsstein, Os sepiae. Was Brotkrumen (Midolla'' oder
MoUica del pane, Mie de pein,^ Crumbs of White =bread)^ nicht löschen konnten,
* Traite de la Peinture, p. 39.
^ Encyclop. Method. II, 467 und dazu Tafel 3 samt allem Detail im Recueii de planches.
=> Reinhold, op. cit., S. 88 und 427.
* Gardthausen, S. 190, erwähnt nur die Verwendung zum Schneiden des Schreibrohres
und Beschneiden des Papyrus. — Abb. Montfaucon, Pal. Gr. 24.
•' Günther, op. cit., S. 46.
* Si vis elevare litteras de carta. Accipe aluminis röche (Alaunkörner) et teve et im=
pasta cum succo pomi aranzii, et pone ad auram, et dimitte siccari; postea ßrica super litteras,
et levabit eas a carta. (Jehan le Beque in Merrifield I, 63, 34.)
' Baldinucci, Voc. 158 unter Stile: i7 segno che si fa con tale strumento con midolla
di pane facilmente si cancella, per rifar poi altri segni.
* Mie de pain empfiehlt Jombert, op. cit., S. 34, für Kohle und Kreide, weniger für Rötel.
* über die Prozedur erfahren wir in Excellency, 1688, Chap. III, p. 13: Have always
in a readiness by you the Crumbs of fine Manchet or White ^bread; the use whereof is,
when you have drawn any thing with Black dead, that disliketh you, you may strew some
of these Crumbs upon the defektive part, and with a Linnen cloth rufe hard upon that place,
and it will fetch out the Black=lead.
Verschiedene Behelfe. 191
das mußten Bimsstein (pumice) und Sepiaschale (Os sepiae, Sepiaknochen)
durch eine scharfe Rasur entfernen. Armenino empfiehlt diese beiden aus-
drücklich für Rötelzeichnungen. ^ Auch sie waren schon bei den alten Schreibern
im Gebrauche.- Bimsstein wurde noch im 18. Jahrhundert beim Miniatur«
zeichnen auf grundierten Papieren (Tonpapier, papier plätre) verwendet, um
falsche Linien oder Lichter herauszuschaben. Zu diesem Behufe mußte man
ihm die Form eines kleinen gespitzten Stiftes geben und feine Qualitäten
benutzen.^
4. Radiergummi (Federharz, Kautschuk [Caoutchouc], Gomme elastique) Kautschuk,
kommt für die Technik alter Zeichnungen kaum mehr in Betracht. Im letzten
Viertel des 18. Jahrhunderts in Frankreich auftauchend, erschweren sowohl
seine Unvollkommenheit als auch sein hoher Preis eine allgemeine Benützung.
Ein Würfelstück von 12 mm Seitenlänge wurde um 3 Mark verkauft. Noch
1839 wird in dem Manuel de Miniature vor dem Caoutchouc gewarnt,
da er die Oberfläche des Papieres zerstöre.^ Man griff daher zu jener Zeit
lieber zum Dolage.
5. Le dolage,^ Lederfasern (Lederfleisch), die beim Glattschaben der Innen« Dolage.
Seite des Handschuhleders abfallen. Dieses heute noch in Schulen im Gebrauch
stehende Putzmittel findet vor 1800 in Handbüchern Erwähnung.
riXIERMITTEL. Über das Fixieren leicht verwischbarer Zeichnungen Allgemeines,
haben wir für die frühesten Zeiten keinerlei Kunde. Cennini weiß darüber
nichts zu berichten, denn Silberstiftblätter erlitten in dieser Beziehung keinen
Schaden, ebenso die kleinen Steinkreidezeichnungen, und Kohle diente nur
dem Entwürfe. Erst mit dem Auftreten breiter Studien auf Folioformaten —
und alle Hinweise führen hier auf die zweite Hälfte des 15. Jahrhunderts
zurück — trat das Bedürfnis ein, wertvolle Studien zu schützen und hiezu
geeignete Mittel ausfindig zu machen. »
Bei dem traditionellen Vorgehen aller Schul« und Werkstattgebräuche können
wir nur aus den in späterer Zeit aufgeschriebenen Rezepten Rückschlüsse ziehen.
Große prinzipielle Unterschiede dürften sich hier kaum annehmen lassen, mag
auch die Materie da oder dort gewechselt haben. Eine nicht allzufrühe
Vorschrift, welche ich finden konnte, stellt Hoogstraeten in seiner Inleiding
auf: «Aber fürchtet ihr, daß eure Zeichnungen, mit schwarz und weiß oder
mit anderen Stiften gemacht, sich verwischen, so füllet eine vierkantige Wanne
mit Wasser, gebt darzu zur Hälfte arabischen Gummi und ebenso Gummi Gummihnd.
Tragant, so viel, bis fette Bläschen (Sternchen) auf dem Wasser treiben. Hier
sollt ihr eure Zeichnungen durchziehen, doch so, daß sich der Crayon durch
das Eintauchen nicht abspüle» (p. 32). Es ist keine Frage, daß dieses für 1678
^ Armenino, p. 62: strisciandovi poi o pumice o seppia che sia, vi si puo atomare su
piü volte, fin che quello vien condotto al suo finc senza vedersi macchia.
2 Gardthausen, S. 190.
' Sert ä enlever les clairs. Constant=Viguier. op. cit., p. 255.
* Encycl. meth. II, 672. - Constant:=Viguier, op. cit.. p. 255 und p. 178: Le Caoutchouc
fletrit toujouis plus ou moins la fleur du papier et le veloutc soyeux.
'- Ibid.
192 Verschiedene Behelfe.
festgestelhe Baden in einer f'ettartigen und bindenden Lösung längst in
Übung war und wohl aus Itahen kam; denn es läßt sich nicht gut annehmen,
daß erst die Sammler späterer Zeit das Fixieren ihrer Schätze besorgten —
was gewiß in einzelnen Fällen geschah — wohl aber, daß sorgsame Künstler
selbst an die Konservierung guter Studien dachten. Die große Masse der
überkommenen Originale beweist diese Vorsicht an ihren haltbaren Konturen.
Man denke an die unversehrten Kreidezeichnungen von Bartolommeo, Michel*
angelo oder an die reinen Rötelstudien von A. del Sarto, Pontormo u. a., um
zu konstatieren, daß hier bald nach der Vollendung die Fixage vollzogen
worden war.
Das Ein gewiß althergebrachtes und vorteilhaftes Verfahren, das man bei Kohle?
Andampfen. Zeichnungen auf großen Flächen (Kartons), die nicht in Wannen gebadet wer*
den konnten, anwandte, war das vorausgehende Bestreichen der zu bezeich*
nenden Papierbogen mit in dünnes Leimwasser getauchtem Schwämme.
Nach Trocknung und Fertigstellung der Zeichnung erfolgte die Fixage durch
Andampfen. Da der Karton immer vertikal aufgestellt war, so bediente man
sich eines Gefäßes, das, wie Abb. 71 zeigt, einen Blechdeckel mit einem
schiefen, am Ende verschließbaren Ansatzrohr hatte. Sobald das Wasser kochte,
führte man den Apparat sorgfältig auf und nieder, nach links und rechts,
bis alle Kohlelinien durch den im Wasserdampf aufquellenden Leim ge*
festigt erschienen. Auch Rötel*, Kreide* und Bleistiftzeichnungen konnten
durch diese einfache Manipulation fixiert werden.^
Andere Leicht fettige und bindende Substanzen galten demnach als Grundbedingung
Bindemittel, einer sichernden Konservierung. Daher griff man auch zu abgerahmter Milch
im verdünnten Zustande oder zur Feigenmilch und bereitete daraus ein
Bad oder einen Überguß. Oder man verwendete verdünnten Hausenblasen*
leim, Reiswasser oder verdünnte Gallerte von Waschstärke (Weizen*
stärke). Auch Schellack in geringer Menge in Weingeist aufgelöst, damit
sich das Papier nicht zu gelb färbe, galt im vergangenen Jahrhundert so wie
heute als bewährtes Bindemittel. Auch das bereits erwähnte Präparieren der
Fettkohle mit Leinöl war nichts anderes als ein Fixieren der Kohleteilchen
a priori (siehe S. 107).
PastellKxage. Loriot entdeckte 1753 ein Fixagemittel für Pastelle, dessen Rezept er
lange geheim hielt, das aber ca. 1780 mit seiner Einwilligung von der Maler*
akademie in Paris als «des Herrn Loriot entdecktes Geheimnis» heraus*
gegeben wurde. Die Flüssigkeit bestand aus 1 Schoppen Wasser, in welchem
2 Quentchen Fischleim aufgelöst und verkocht wurden. Nach dem Abseihen
wurden der noch warmen Mischung 2 Schoppen Weingeist zugesetzt; eine kurz*
haarige Bürste und ein gebogenes Hölzchen dienten als Zerstäuber.^ Drei*
bis fünfmaliges Besprengen war notwendig, um den Pastellstaub zu binden;
' Nach Mitteilung alter Kirchenmaler. — W. Ziegler, führt dieses Verfahren gleichfalls
bei Kohlezeichnungen auf dem Reil^brette an und empfiehlt eine Schüssel mit dampfendem
Wasser oder einen Inhalationsapparat (Die manuellen graphischen Techniken, Halle
1912. I. 24).
- Le Pileui d'Apligny, Anweisung, S. 56.
Verschiedene Behelfe.
193
trotzdem gibt der unbekannte Übersetzer zu, verliere «die Malerey ihren
Sammet, wenn man sie mit dem Finger reibt».
Reinhold übernahm dieses Rezept, etwas erweitert, in seine Zeichen* und
Mahlerschule (S. 95). «Dasselbe besteht darin, daß man gepulverten Alaun
in zwey Gläser gemeines, helles Wasser auflöst, und für 14 oder 15 Pfennige
Fischleim dazu thut, der klein und dünn geschnitten seyn muß. Wenn diese
Mischung gekocht und durch eine Leinwand geseigt worden, so gießt man sie
in eine gläserne Flasche, worinn sich ein Schoppen guten weissen Wein*
brantewein befindet, nebst einem guten Glas Weingeist.» Bei der Fixierung
selbst wurde die Flüssigkeit in eine weite, flache Schale, so groß wie das Ge*
mälde, gegossen, letzteres mit der Oberfläche benetzt und rasch wieder heraus*
gezogen.
Tee* oder Kaffeeabsud, welche der Zeichnung eine angenehm gelbliche
oder bräunliche Tönung verleihen, oder die heute in Verwendung stehenden ;
und im Handel erscheinenden Fixationsmittel (wie
das Fabrikat Löhnee freres oder Zapon mit Amyl*
acetat als Verdünnungsflüssigkeit, 1:2, besonders für
Pastelle empfohlen), welche mittels des bequemen
Zerstäubers (Fixateurs) aufgetragen werden, kommen
für die Entwicklung der alten Technik nicht mehr in
Betracht. 1
Kupferstecher, welche im Besitze einer Presse waren,
machten sich von ihren Zeichnungen einen Umdruck.
Dadurch, daß einerseits das überflüssige Pulver der
Kreide* oder Rötelzeichnungen abgeklatscht wurde,
anderseits das übrigbleibende durch den starken Druck
im feuchten Zustande sich fester mit der Papierfaser
verband, entstand gleichfalls eine Art Fixierung.'"^
Daß Tuschzeichnungen von den Alten waschecht gemacht wurden, ist
nicht wahrscheinlich. Derzeit wird der angeriebenen Tusche ein Minimum von
2 — 3''/oiger Lösung von doppeltchromsaurem Kali zugesetzt und die Zeichnung
einige Stunden dem Lichte überlassen. (Linke, Die Malerfarben, Mal* und
Bindemittel, 2. Aufl., S. 76.)
AlAPPE, Zeichenmappe (Cartella) und Reißbrett. Die erstere hatte
den doppelten Zweck, fertige Blätter und das Vorratspapier aufzunehmen und
gleichzeitig beim Zeichnen als Unterlage zu dienen. Sie existiert bereits zu
Cenninis Zeiten, aus Holz oder Karton hergestellt.'' Baldinucci beschreibt sie
gleichfalls unter Cartella: «E Cartella si dice a due cartoni grossi, coperti
di cartapecora, uniti insieme in formo di libro, dentro i quali i principanti del
Arte del Disegno tengono i lori fogli e disegni, servendosene in cambio di
favolozza per sostegno delle braccia o della carta nel disegnare (Voc. 29).
Abb. 71. Fixiertopf.
' Ziegler, op. cit. I, 24.
"^ Alors le dessin est fixe, Von ne craint plus qu'il s'efface par le ßotfement (VCatcIet.
Dictionnaire I, 473: Contre;Epreuve).
'■' Abbi a modo d'una tasca fatta di fot^li incoUati. o pur di legname. Icggiera (K. 29).
Meder, Die Handzeichnung. 13
Moderne
Mittel.
Ab.
klatschen.
Tuschfi.xage.
194 Verschiedene Behelfe.
Inhalt.
Malerporträts aus den verschiedenen Jahrhunderten geben uns mannigfache
Formen und Beispiele (Abb. 66). Sie ersetzen in praktischer Form die alten
Zeichenbrettchen (tavoletta), die schon nach 1400 auf alten italienischen
und niederländischen Abbildungen als feste Zeichenunterlage erkennbar sind
(Abb. 34). Später spielten sie, allerdings in größerem Maßstabe, eine hervor*
ragende Rolle in den Zeichenschulen. Das heute übliche «Reißbrett» ist
schon 1571 Lenker bekannt, der es neben anderen notwendigen Instrumenten
und Behelfen, wie Richtscheit (Lineal), Reißschiene etc., auf Tafel I sei*
ner Perspectiva darstellt.^
Muster* und skizzenbücher". Li*
bro, Libretto, Tacuino, Vacchettina — Gamet de
voyage — BoeckoderBoeckiens, Teyckenboecken.
Das Zeichenbuch, Skizzenbuch, Studienbuch
oder Musterbuch, bei Dürer kurz Büchlein genannt,^
bildete frühzeitig, wie heute noch, den kostbarsten Be*
sitz des Gehilfen und Meisters. Es waren erinnerungs*
reiche Tagebücher mit zeichnerischen Notizen nach Natur
und Kunst, nach Architektur und Skulptur der An*
Abb. /la. ^-j^g yj^j Gegenwart, Memoranda von Bildern, mit
Porträts aus dem Freundeskreise und Figuren von der Straße, mit absonder*
lieh* historischen Kostümen, Draperien und Waffen, mit Berechnungen und Re*
zepten aller Art. Wer zählt sie auf, die kunterbunten Dinge, die dem Kunst*
1er Motive in Stunden des Schaffens und Genuß im Neuerleben vergangener
Eindrücke bereithalten sollten.
Neben gesuchten und zufälligen Sammelfrüchten der Jugendzeit bargen sie
eigene Erfindungen der reiferen Jahre. Ein moderner Maler sagte, manchen
Künstlers beste Triebkraft liege in seinen Skizzenbüchern; hier finde er, was
er nur sich selber sagen wollte und niemand anderem. Einen wesentlich ver*
schiedenen, aber nicht geringeren Gewinn gewähren die Skizzenbücher dem
Forscher. Der Einblick in die Werkstatt eines Meisters hat einen seltenen
Reiz und eröffnet Gesichtspunkte aller Art.
Allgemeine Ihre Anzahl mag eine ungeheure gewesen sein, denn jeder Künstler tat
Verwens hierin das Seine. In dem von Fra Paolino geordneten und von Lorenzo di
uung- Credi taxierten Nachlaß des Fra Bartolommeo finden sich gleich 12 libri
disegni verzeichnet.^ Aus Guercinos Inventar werden von Malvasia 10 Stück,
parte ä penna, parte di lapis rosso e nero, con diversi paesini erwähnt,* in
jenem Rembrandts vom Jahre 1656 finden sich 23 eigene Boeckiens in 4" voll
Teeckeninge oder Schetsen. Dabei hatte der letztere solche für Figuren, für
Akte, für Statuen, Landschaften und Tiere. ^
* Lenker, Perspectiva, fol. II: Die Tafel oder Schreibbültlin sei von lindem holtz.
* Lange und Fuhse, S. 141: Und die alt Frau mit dem Stefft in mein Büchlein. —
Sandrart, T. A. I. Anhang, S. 5.
^ Knapp, Bartolommeo, S. 275.
* Malvasia IV, 385.
* Hofstede de Groot, Die Urkunden über Rembrandt. Haag 1906, S. 200, § 7.
Verschiedene Behelfe.
195
Auch das Skizzenbuch hat seine Entwicklung. J. v. Schlosser hebt hervor,
daß Skizzenbücher im modernen Sinne, soweit unsere Kenntnis reicht,
nicht über das 14. Jahrhundert zurückreichen.^ Was uns aus frühesten Zeiten be?
gegnet, hatte anderen Zweck
und Charakter. Es waren
eher Musterbücher, ge*
zeichnete Traditionen von zu#
sammengesuchten typischen
Formen und Maßen für
Kunst und Kunsthandwerk
mit der unverkennbaren Ab*
sieht, sich und andere für
lange Zeit damit zu versor«
gen. Ich denke hier in erster
Linie an die gotischen Bau-
meister, bei denen ein per*
gamentenes Sammeln schon
während der Gesellenzeit
Pflege finden mußte. ^ In
Villard de Honnecourts
Reisebuch (Paris) haben wir
ein hochinteressantes Bei*
spiel (Abb. 72). ^ Es ist an*
gefüllt mit Eintragungen von
ortsverschiedenen Architek*
turen, Gemäldefragmenten,
Statuen, Proportionsfiguren
nach Mensch und Tier (Ab*
bild. 80, 81) und mit Ge*
wandfalten. Mit Stolz legt
er selbst das Bekenntnis ab:
«J'ai ete en beaucoup de
pays, comme vous pouvez le
reconnaitre par ce livre.» Je*
des Architektur* Musterbuch
wurde zum Lehrbuch, wanderte mit seinen Besitzern, Kunstdogmen und Kunst*
elementen und verpflanzte Stil und Formen von einer Provinz in die andere.
^t C(>ra«o<»1ife«'Wtratf bf
Abb. 72. Skizzenbuchblatt aus Villard de Honnecourt.
' J. V. Schlosser, Zur Kenntnis der künstlerischen Überlieferung im späten Mittelalter
(Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh. 23. S. 322).
* Fabriczy, Über die Theorie der Musterbücher. - Ad. Goldschmied, Die Freiberger
Goldene Pforte. Jahrb. d. pr. Ks. XXIV, 28.
' Villard de Honnecourt (Wilars ne a Honecort). Architecte du XIII- Siede (ca 1241-50):
Album, Manuscrit public en Fac-simile, suivi d'un glossaire par J. B. A. Lassus. ouvragc
mis au jour par Alfred Darcel, Paris 1858. Patois picard (aus der Gegend von Cambrai
und Vaucelles). Aus der Abtei von St. German=dcs=Prcs, heute Paris, Nationalbibliothek.
Pergament. 33 Blatt, 23-24cm hoch. 155 cm breit; Abb. 72 aus Taf 35.
13»
Musters
bücher
für
Architekten.
196
Verschiedene Behelfe.
Musters
bücher
für
>\iniatoren.
Wiener
Exemplar.
In ähnlicher Weise mag es bei den Miniatoren gewesen sein, für die
sich jahraus, jahrein der gleiche Bedarf an frommen Darstellungen, bestimmten
Heiligen, Attributen, Tieren und Ornamenten geltend machte. Ebenso waren
die byzantinischigotischen Maler mit ihren erstarrten Typen genötigt, für die
Zeit selbständigen, aber isolierten Schaffens sich einen Formenvorrat anzulegen
und bereitzuhalten. Belege hiezu bieten die wenigen, größtenteils von J. v.
Schlosser besprochenen Exemplare. So die Wiener Täfelchen, die inhalt*
lieh aus dem Beginne des 15. Jahrhunderts stammen, äußerlich aber noch rein
mittelalterliches Gepräge an sich tragen und auf holzgerahmten, mit grüner Erde
Abb. 73. Wiener Modellbüchlein nach 1400. Hofmuseum.
Jacques
Daliwe.
grundierten Pergamenten in feiner Feder # und Pinselzeichnung eine Musterkarte
zusammengetragener Profan? und Heiligenköpfe enthalten (Abb. 71a, 73).'^
Die Kopfwendungen allein schon lassen die Entlehnungen aus biblischen Dar*
Stellungen erkennen und der Umstand, daß hier nicht Silberstift, sondern einer
dauerhaften Ausführung halber Feder und Pinsel verwendet wurden, beweist,
welche Bedeutung der Miniaturist dem Inhalt zumaß. (Siehe Täfelchen S. 167.)
Eine ähnliche Bestimmung hatte das in der Berliner königl. Bibliothek
aufbewahrte Musterbuch mit 22 Darstellungen von Jacques Daliwe (Cod.
pict. 74).- Die Zeichnungen in Silberstift auf doppelseitig grundierten Buchs*
' J. V. Schlosser, Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh. 23. S. 315. Ausschnitt aus Tafel 25. Größe
des Büchleins 95X9 cm.
'' Herausgegeben in Lithographien in Originalgröße von Fr. Wilken unter dem Titel:
Entwürfe und Studien eines niederl. Meisters a. d. XV. Jahrhundert, Berlin 1830. 8X12 cm.
Verschiedene Behelfe.
197
baumtäfelchen behandeln in feinster Ausführung nicht nur Charakterköpfe und
Typen, sondern ganze Begebenheiten nach biblischen Stoffen, die gleichwohl
anderen Bildern oder Miniaturen zu entstammen scheinen. Um diese Zeit gab
es auch pergamentene Büchlein in Taschenformat für Silberstift. Italienische
Sammlungen bewahren derartige Libretti, mehr oder weniger aufgelöst; so Rom
;>ww
' irro
Um
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Abb. 74. Aus dem römischen Silberstittbüchlein, nach 1400.
30 Blatt mit gelblicher Grundierung, Silberstifttechnik und leichter Lavierung
(Abb. 74).* Ein anderes in Bergamo, ein drittes in Venedig. In der che«
' Das römische besprochen von G. Bariola in Galleric nazionali ital. \', 360; jenes
der Bibliothek in Bergamo, dem Giovannino de Grassi zugeschrieben, von P. Tocsca, I.a
pittura e la miniatura nclla Lombardia 1912, p. 298. — Die wenigen Blätter der Akademie
in Venedig publ. von G. Fogolari in Collezione di disegni Nr. 4, 1915, Taf. 1 — 5. —
Das hier abgebildete Blatt entstammt dem römischen «Quadcrno di disegni del Principio
del XV. di un Maestro dell' Italia Settentrionale», 13-2x97 cm. Bei Bariola, Fig. 10(21 r).
198 Verschiedene Behelfe.
mahgen Fairfax Murray* Sammlung befanden sich zwei doppelseitig bezeichnete
Pergamentblättchen eines oberitalienischen Meisters mit je zwei Tierstudien in
Feder und Pinsel.^
Büchlein Erst bei Leonardo begegnet uns das klare Zeugnis, daß diese Büchlein, gewiß
für Maler, ^ber schon lange vor ihm, eine weit aktuellere Bestimmung erhalten hatten,
die Aufnahme von Skizzen und Studien für höhere Kunstzwecke. «Habe
gern ein kleines Büchlein bei dir mit Blättern, die mit Knochenmehl präpariert
sind (un piccoUo libretfo di carte inossate) und notiere dir derlei Bewegungen mit
Für Silber» dem Silberstift . . . Und wenn es voll ist, so lege es bei Seite und hebe es wohl
Stift- auf für das, was du vorhast, und nimm ein anderes und fahre darin ebenso
weiter fort» (§ 179). Nach dem Discorso des Novellendichters Giambattista
Giraldi (Venedig 1554, S. 194) habe Leonardo selbst ein derartiges Libretto
stets an seinem Gürtel mit sich herumgetragen. Möchte man auch in seinem
Nachlasse derlei Reste mit Erfolg suchen wollen, so haben die vollständige Zer*
Stückelung seines Skizzenmateriales und die noch unzureichende Publikation
desselben bis heute leider nur wenig Spuren von Zusammengehörigkeit ergeben.
Ebenso sind zahlreiche doppelseitig in Gelb, Grau, Blau grundierte und mit
Metallstiften bezeichnete Blätter (Offizien, Wien, Berlin, London, Paris, Stocks
holm), die der Schule Ghirlandaios und Filippinos zugeschrieben werden, noch
keiner Untersuchung gewürdigt worden (Abb. 190, Ausschnitt). Sie enthalten
das begeisterte Suchen und Erfassen der menschlichen Figur in jeder Stellung
und Bewegung, nackt und bekleidet.
Das Format wuchs mit dem Bedarf und erreichte selbst Foliogröße (Jacopo
Bellini, Paris und London), Dieser Art von Zeichenbüchern mag wohl die
von Malvasia gebrauchte Bezeichnung Vacchettine di carta pecora zukommen.^
Wiewohl Leonardo nur vom Skizzieren (notare) spricht, so erhalten die Libretti
und Libri auch weiterhin noch Eintragungen im Sinne von Kopien nach
jeglichem Kunstwerke. Neben der lebendigen Gegenwart steht die Antike in
gleichem Interesse. Jacopo Bellinis Zeichnungen gewähren dem Beschauer einen
reichen Überblick über die Bedürfnisse eines Künstlers aus der zweiten Hälfte
des Quattrocento (Abb. 227, 295).
Der Im Norden findet sich derselbe technische und inhaltliche Verlauf. Einzelne
Norden, doppelseitig, elfenbeinfarbig grundierte und mit Silberstift bezeichnete
Blättchen aus der niederländischen Kunst des 15. Jahrhunderts sind nicht außer*
gewöhnlich selten. So verzeichnet der Auktionskatalog der Sammlung Klinkosch
mehrere zusammengehörige Reste irrtümlich als Holbein d. J.^ Hieher gehört
auch jenes nur fragmentarisch erhaltene Büchlein des alten Holbein* oder
' Fairfax Murray, Taf. 82-85.
^ Er berichtet von Amico Aspertini: le piii belle cose ne' suoi viaggi per tuüa l'Italia
disegnando in certe vacchettine di carta pecora (I, 141 f.). Vacchettina oder Vacchetta
bedeutet eigentlich das kaufmännische oder klösterliche Einschreibbuch.
=* Auktions^Kat. Klinkosch, Wien 1889, Nr. 468-473; 4 davon abgebildet. Vgl. auch
A. P. 1407. In späteren Auktionen erscheinen sie als Gerard David. Heute in Berlin
und in Frankfurt.
* Im Amerbachs Inventar ist noch von «zwei büchlin mehrteil mit stefzen» die Rede
fWoltmann, Holbein u. s. Z. II, 45).
Verschiedene Behelfe. 199
jenes von Albrecht Dürer aus seiner niederländischen Reise' oder jenes des
Hans Bol von ca. 1580, von dem sich noch zwei Blatt in London befinden. ^
Selbst Rembrandt besaß eines, zu dessen Bestand nur mehr vier Blätter mit
einer elfenbeinfarbigen oder hellgrauen Grundierung gerechnet werden können.^
Außer dem Hans Baidungs Skizzenbuch ist noch ein zweites von Hans Kranach,
dem dritten Sohne des Lukas d. A. (im Kestner* Museum in Hannover) in
Gänze und mit dem beigefügten Stift auf uns gekommen.^ (Abb. 29 d.)
Eine gründlichere Umgestaltung erfuhren jene zunächst für die Feder Bücher
bestimmten und aus ungrundierten Papieren hergestellten Studienbücher. Sorgfalt für Feder,
und Behandlung schienen hier weniger geboten, wenngleich man die Flächen
noch zart anfärbte und die Figuren gefällig in die Mitte setzte, um einer
säuberlichen Tradition zu genügen. So rötelten die Florentiner des 15. und
16. Jahrhunderts die Blätter beiderseitig leicht an, um die klaren Federumrisse
auch plastisch behandeln zu können. Die Uffizien bewahren eine große
Anzahl so gekennzeichneter Reste aus aufgelösten Büchern.-^ Dieser Brauch
findet sich noch bei in Italien studierenden Künstlern, wie z. B. bei Elsheimcr."
Aber auch Deutschland kannte sie bereits im 15. Jahrhundert. Aus der Jugend*
zeit Dürers stammt ein geröteltes Blatt (L. 431) mit einer Landschaft zum
Marienleben. Andere mit lichtem Ocker beiderseits dünn bestrichene Fragmente
finden sich ungemein zahlreich bei Palma d. J. und dessen Nachahmern
(siehe S. 47).
Daneben begegnen uns schon vor 1500 völlig unpräparierte Libretti für
Feder, die nach und nach die gangbarste Form bildeten. Dürer scheint schon
bei seinem ersten Aufenthalt in Venedig derartige für seine Kostümstudien
benützt zu haben. So viele auch mit Feder, Pinsel und Kreide gefüllt wurden,
so sehr mied man den Rötel ob seiner leichten Verwischbarkeit.'
Auch hier geht die Größe von dem Taschenformat aus (Abb. 150), um Gröl'ie und
sich allmählich zum Quart, Klein* und Großfolio auszuwachsen. Je nach dem Ausstattung.
Zweck, ob für Atelier* oder Reisestudien, ob für Maler, Bildhauer oder Archi*
tekten, je nach persönlichem Geschmacke, Vermögensverhältnissen richtet sich
ihre Ausstattung. Das Selbstbildnis von Herman tom Ring von 1544 in
Münster, Westfalen, weist ein schöngebundenes, mit Eckbeschlägen und Schließe
versehenes Exemplar auf.^ In holländischen Künstlerporträts des 17. Jahr*
' A. Dürers Niederländische Reise, herausgegeben von J. Veth und S. Muller, Berlin
1918, 2 Bde.
* Campbell Dodgson, Eine Zeichnung Hans Bols, in: Mitteil. a. d. sächs. Kunstsamms
lungen 1912, III, mit Tafel.
=* Hofstede, Handz. Rembrandts, Nr. 99, 169. 1023, 1043; wohl die Reste jenes im
Inventar unter Nr. 256 bezeichneten: Een perament.
* Schuchard, L. Kranach III, 89. - Linden. Luc. Kranach. 1883, S. 293 flf.
^ Z. B. Florenz Uff. 329-331, Maniera di Castagno oder jene des Antonio San Gallo.
* Beispiele in Frankfurt a. M.
' Eine dieser Seltenheiten in den Uffizien, ehemals Sarto, heute Cornclis Poclcnburgh
(C. de Fabriczy, Arch. stör. d. Arte 1893, p. 115); zwei Bl. davon publiziert in 1 Discgni,
Ser. I, Fase. 4, Nr. 7 und 8.
« Photographie aus der Ausstellung Münster 1879, Nr. 1487. Abbildung bei NX'oltmann
und Woermann, Gesch. d. Mal. II, Abb. 309.
200
Verschiedene Behelfe.
Unterrichts^
bücher.
Schicksal.
hunderts sehen wir häufig Maler mit Großfoliobüchern dargestellt, die auf den
Tischrand oder das Knie aufgelegt wurden (Abb. 75).^
Auch zur Zeit der Federskizzenbücher gab es jene Lehr* oder Muster*
bücher, die sich Gehilfen mit großem Fleiß anlegten und worin sie die
Fundamentalkenntnisse aus Geometrie, Perspektive, Proportion und Anatomie
ansammelten. Ausführlich waren jene der Architekten, die hier ihren geistigen
Lebensbedarf deponierten.^ Während der Lehr* und Wanderzeit kopierte sie
einer vom andern und bereicherte sie
mit seinen eigenen Erfahrungen. Viele
Meister legten sich Studienbücher auch
zu Unterrichtszwecken an. So hatte
Bart. Passerotti eines für die Anatomie
der Knochen und Muskeln zusammen*
gestelh (Malvasia II, 245); Reste da*
von in der Albertina. Bibliotheken
und Museen enthalten noch verein*
zelte Exemplare, die selbst beim fluch*
tigen Blättern das größte Interesse
bieten.
Als wertvoller Besitz wanderten sie
in Malerfamilien von Geschlecht zu
Geschlecht oder wurden einem Lieb*
lingsschüler testamentarisch vermacht.^
Mitunter benützten die neuen Be*
sitzer aus Sparsamkeit die leeren Sei*
ten, um Eigenes einzutragen, so daß
sich oft die verschiedensten Hand*
Schriften zum großen Kopfzerbrechen
des Forschers in einem Bande ver*
einigt vorfinden (Raffael*Skizzenbuch
in Venedig). Heiter charakterisiert
Rosenberg das Schicksal des Hans Baidung* Skizzenbuches: «Der interessante
Silberstift (der heute noch dem Büchlein erhalten geblieben) hat nur Unheil
angerichtet, denn er hat in den müßigen Händen, die ihn berührten, so
lange gebrannt, bis schüchterne Zeichenversuche, Nachahmungen Baldungscher
Manier und Schrift, fromme Sprüche und albernes Gekritzel, Jahreszahlen
und Eigennamen auf leere oder nicht ganz vollgezeichnete Blätter gesetzt
waren.»*
Abb. 75. Rembrandt, Der Zeichner.
* Radierung B. 130; ebenso Rembrandt, Selbstbildnis m. d. Zeichenbuch (Dresden). —
Ferner G. Dou, Der Maler, Galerie Brüssel Nr. 183.
" Z. B. der Codex Escurialensis oder das Budapester Architektenbuch (Stadtbibliothek).
Siehe die Abb. 83 und 84.
* Jacopo Bellinis Testament vom 25. November 1471: dimiüo Gentili meo . . . omnes
libros de dessignis (Ricci, Jac. Bellini, p. 42). — Leonardo vermachte seine Zeichenbücher
Francesco Melzi.
■* Rosenberg, Hans Baidung Grüns Skizzenbuch in Karlsruhe. Frankfurt a. M. 1889.
Verschiedene Behelfe. 201
Intakt gebhebene Skizzenbücher sind Seltenheiten. Berechnende Händler Aufteilung
lösten die meisten derselben in einzelne Blätter auf, um mehrfachen Gewinn ""^1 ^'c"'
herauszuschlagen. Thausing konnte im Jahre 1875 das bereits parzellierte Ordnung,
sogenannte Skizzenbuch des J. Callot für die Albertina noch in Gänze erwerben
und es so vor dem Zerstreuen in alle Welt bewahren.^ Ebenso gelang es mir,
aus verschiedenem Besitz 43 Blatt eines L. Bramer^Heftes zu vereinigen. Selbst
Liebhaber befaßten sich mit solchen Aufteilungen, indem sie die daraus ge*
wonnenen Skizzen gegenständlich ordneten und ihren Klebebänden einreihten.
Dabei wurde manches für minderwertig gehalten und verworfen und bezeichnete
Rückseiten verklebt. Auch dann, wenn die Blätter beisammenblieben und nur
eine bessere Aufstellung durch Einlassen in einzelne größere Folien erfahren
sollten, geschahen Fehler und Irrtümer aller Art. Willkür, ästhetische Gesichts*
punkte oder das Streben, Gleichartiges zusammenzulegen, leiteten die ordnende
Hand. Ein solches Beispiel bietet das Hans Baldung^Skizzenbuch in Karls*
ruhe, welches von Sebolt Bühler schon 1582 neu aufgestellt wurde,' oder jenes
Albrecht Dürers in Dresden.'^ Eine ähnliche willkürliche Anordnung, da
die Blätter ursprünglich nicht paginiert waren, konstatierte H. Egger für die
Skizzenbücher des Märten Heemskerck in Berlin.^ Ein wahres Muster von
Gedankenlosigkeit gewährt das Philipp Uffenbach zugeschriebene Reiseskizzen*
buch der Albertina, welches, aufgeteilt und wieder teilweise vereinigt, selbst
die beigefügten Jahreszahlen ignorierte.
Bei solchen Aufteilungen oder Neuaufstellungen vollzog man häufig eine
durchgehende Signierung jedes einzelnen Blattes. So lassen sich bei Van
Goyen, von dem eine stattliche Anzahl gleichgroßer Oktavblätter in Quer*
format als Skizzenbücherreste in Sammlungen und im Handel vorkommen,
einheitlich durchgeführte Signierungen beobachten, die nur von Händlern
herrühren.
Das Schürfen in solchen Künstlerbüchern bietet dem Historiker die denkbar Schwicrig--
interessantesten Aufgaben, freilich auch unglaubliche und irreführende Schwierig* ^^^\ ^"
. ^. 1 • 1- T^.. 1 t • 1 T-- ^ ■ L IL Studiums,
keiten. Einmal gingen die Kunstler bei ihren Eintragungen nie chronologisch vor;
sie zeichneten dort, wo sie gerade öffneten. Sie benützten ein Reiseskizzen*
buch auch nach Jahren für irgend einen Ateliergedanken, sie fügten zu Fremdem .
Eigenes und nach dem Besitzwechsel wiederholte sich das Gleiche, bis die letzte
Seite ausgefüllt war. Die Beantwortung der Fragen, was von dem ersten
Besitzer selbst, was nach anderen, was von anderen, kann sich sehr hartnäckig
gestalten. Gerade diesen Eintragungen aus allen möglichen Quellen und deren
sorglos gelegenthcher Verwendung in eigenen Werken sollte bei Feststellung
' Thausing, Le livrc d'Esquisses de Jacques Callot. Vienne 1880. Von O. Lavcrtin;
Stockholm mit Recht dem Stefano della Bella zugeschrieben (Zeitschr. f. h. K., N. F. 1904.
15, S. 177). - Das Kupferstichkabinett in Berlin bewahrt das aufgelöste, aus 29 Zeichnungen
bestehende Skizzenbuch des Agostino Busti.
- Rosenberg, op. cit., S. 3.
^ Skizzenbuch von A. Dürer, hsg. v. Robert Brück. Straliburg 1905.
* Die röm. Skizzenbücher von Märten Heemskerck, hsg. v. Ch. Hülsen u. H. l-ggcr.
Bd. 1. Text p. V. - Jaro Springer, Ein zweites Skizzenbuch von M. Hecmskerk, Jahrb. d.
pr. Ks. Xll, S. 117.
202 Verschiedene Behelfe.
von Schul i oder Meistereinflüssen Rechnung getragen werden. Besonders
sind es die so häufig vorkommenden kostümlichen Entlehnungen oder Be*
wegungsmotive, aus welchen man oft bestimmte Schlüsse ziehen will, ohne
daß dabei des Umstandes gedacht wird, daß sie nur den Zufälligkeiten einer
Wanderschaft ihre Entstehung verdanken. Die Hauptschwierigkeit bleibt natür*
lieh immer die Frage nach dem Autor. Beispiele wie jenes des Mantegna«
Skizzenbuches (Earl of Rosebery, heute H. Rothschild)^ oder das umstrittene
des «Raffael» in Venedig^ oder des Callot^ in der Albertina demonstrieren nur
zu deutlich die Gefahr von Täuschung und Irrtum.
Verdanken wir das Wiederzusammenfinden zerstreuter, sonst intakter Skizzen?
buchblätter oft nur dem bloßen Zufall, so wird die Zusammenstellung der auf*
gelösten oder gar in kleine Teile (Figuren, Köpfe, Landschaften) zerschnittenen
und weithin zerstreuten Reste zu einer Art Geduldspiel. Im allgemeinen lassen
sich einige Beobachtungen und Merkmale angeben, welche Einzelzeichnungen
zu Skizzenbuchblättern stempeln und in weiterer Verfolgung auch die Zu*
sammengehörigkeit mehrerer erweisen helfen.
Kenns D^s bunte Durcheinander von gegenständlich verschiedenen Dingen
zeichen, auf ein und derselben Seite, die nur zu häufig den Charakter von Kopien an
sich tragen (wenig Vorzeichnung), gewisse hinzugesetzte flüchtige Bemerkungen
über Ort und Zeit, wo man studierte, über Künstler, nach denen man kopierte,
eingestreute Porträtköpfe neben landschaftlichen Motiven oder Draperien, das
Ausnützen von Vorder* und Rückseite lassen immer auf ein Skizzenbuch
schließen. Untrügliche Kennzeichen bilden beiderseitige Grundierungen,
abgegriffene Ecken (unten rechts), Spuren von einem einfachen oder ge*
färbten Buchschnitt (an drei Seiten) und einer Bundseite. Alte Paginierungs*
nummern ergänzen die Vermutung. Die Zusammengehörigkeit loser Blätter wird
durch die Faktur der Zeichnung, aber auch durch gleiche Qualität der Papiere,
Wasserzeichen, Grundierungsfarbe, gleiche Handschrift, Numerierung gestützt.
Weil in der Regel nicht fixiert, drückten sich Rötel* und Kreidezeichnungen
auf der gegenüberliegenden Seite ab und manifestierten auf diese Weise ihre
ehemalige Anordnung.* Möchten heute die Handzeichnungen auch von diesen
Gesichtspunkten aus studiert werden, würde man erstaunen, wie viele alten
Studienbüchern entstammen.
Publikation Der bereits glücklich gemachte Anfang, einigermaßen gut erhaltene Skizzen*
nen und bücher in ihrem vollen Umfange zu veröffentlichen, wie z. B. die Ausgabe des
Zusammen; Codex Escurialensis, Dürers, des Märten van Heemskerck u. a. m. wird auch
dazu führen, der schwierigeren Aufgabe näher zu treten, derzeit noch Zer*
streutes und Unbeachtetes zu sammeln und zu ordnen. Freilich erschweren
' Gestochen von Francesco Novelli. Vgl. P. Kristeller, Mantegna, p. 480: «nicht von
Mantegna, sondern von einem ferraresischen Künstler».
* Die Literatur über dasselbe ist seit Morellis erster Aufteilung sehr gewachsen; Alex«
ander Amersdorffer, A. Weixlgärtner, Steinmann. Übersichtliche Zusammenfassung in
der Kesprechung von G. Gronau (Rep. f. Kw. 25, S. 130). In letzter Zeit: Oskar Fischel,
Zeichnungen der Umbrer, S. 157.
^ ThausJng und O. Levertin, op. cit.
* Die röm. Skizzenbücher von Märten Heemskerck, Egger, Text zu Bd. I, p. VI.
Verschiedene Behelfe. 203
die in vielen Sammlungen noch verklebten und daher unzugänglichen Rück*
Seiten die Forschung sehr. Die noch in größeren Partien vereinigten, aber
vielfach auch in losen Blättern vorhandenen Skizzenbuchreste Pisanellos sind
heute schon in drei Mappen vorläufig zusammengestellt erschienen.^ Fischel
trug mit großem Fleiße die zerstreuten Reste eines Raffaelschen Skizzenbuches
für Silberstift zusammen.^ Thiis versuchte es für Leonardos Florentiner Zeit
(1478—1481).^ Zu einem Marco Zoppo* Blatt (Br. Mus.) fand sich ein zweites
in Braunschweig/ zu einem von Brueghel d. Ä. (Frankfurt, Publ. I, 7) eines
in der Albertina. Der Gesamtgewinn derartig interessanter Zusammenstellungen
müßte hinsichtlich des lebendigen Einblickes in das Leben und die Werkstatt
eines Künstlers ein außerordentlich großer sein und zur Konstatierung oder
Ergänzung verloren gegangener Kunstwerke wertvolle Beiträge liefern.
' Les Dessins de Pisanello e de son ecole. Conserves au Musee du Louvre. Societe
de Reproduction des Dessins de Maitre. Paris 1911—13.
2 Handz. Raffaels I, Taf. 16, 18. 19, 21, 22, 41, 50, 51.
' Thiis, Jens, Leonardo da Vinci, London 1913, Anhang, S. 247.
* Vas. Sog. II, Taf. 15, 16.
ZWEITER TEIL
DER WERDEGANG DES KÜNSTLERS
UND DER KUNSTWERKE.
Des Künstlers Laufbahn.
Allgemeines. Die allmähliche künstlerische Erziehung, wie sie sich
in Werkstätten, Meisterschulen und Akademien von Jahrhundert zu Jahr*
hundert entwickelte, zunächst unter dem Zwange handwerksmäßiger Gilden*
einrichtungen, dann aber unter dem frischen Hauch errungener Freiheiten,
neuer Probleme, Kunstrichtungen und technischer Mittel, soll nur im Fluge
und ohne theoretisch* pädagogische Erörterung markiert werden. Es müssen
an der Hand von lokalen und nationalen Beispielen Hinweise genügen, wie
der Malerjunge seine Lehrzeit begann, von Stufe zu Stufe schritt und der
Gehilfe sich auf dem Wege der Selbsterziehung zum Meistertum vorbereitete.
Ein wundersames Zusammenarbeiten von inneren und äußeren Kräften läßt Äußere
im Schicksale des Einzelnen wie ganzer Nationen zwar ein stetes Aufstreben Bedingung
erkennen, aber nicht immer reichten Talent und Temperament allein aus, an ^^"'
die lichten Höhen heranzukommen. Wie viele verkümmerten in der Dürre
ihrer Umgebung, denn die Kunst wollte allezeit zur Menschheit reden und
nicht in der Werkstatt verderben. Nur wo große nationale Autgaben, pracht*
liebende Fürsten und ein nacheiferndes Bürgertum dem künstlerischen Taten*
trieb Zweck und Richtung gaben, dort erstanden Werke von dauerndem Wert,
vorbildliche Meister und Schulen, neue Anschauungen und technische Aus*
drucksmittel, die abermals den Ausgangspunkt für ein weiteres Ausgreifen
nach ferne gelegenen Zielen ermöglichten.
Und wie erst die Sonne der Gunst die Talente zum Reifen, alles Mühen Geistige
und Schaffen nach außen zum Gedeihen brachte, so mußten zum geruhsam Fortschritte,
traditionellen Wirken in der Werkstatt die befreite Phantasie und das Wissen
treten. Ruckweise erschienen neben den ererbten Regeln die geklärten Er*
kenntnisse der Form, deren freie Gestaltung vom Standpunkte neuer Errungen*
Schäften. Die Entdeckung der Perspektive sowie die Einführung der Anatomie
wurden zu Ereignissen, die alles Überlieferte erschütterten und umformten.
Ihre segensreichen Wirkungen drangen in alle Zweige der Kunst und erfüllten
die toten Gebilde mit Leben. Der Verkehr der Künstler mit den Dichtern
alter und ihrer Zeit erweckte neben der allein geltenden religiösen Kunst die
Profankunst, die wieder zu neuen Gesetzen und Ausdrucksweisen führte. Die
Eroberung der freien Natur in Wald und Feld - und bald auch für die
Altartafel — verfeinerte die koloristischen Empfindungen und lieferte neue
Farbenwerte. Das fröhliche Wandern von Gesell und Meister durch Städte
und Lande vermittelte das Fremde, Wunderbare, nährte die Phantasie und füllte
die Reisebücher mit Formnotizen und Erinnerungen für ein ganzes Leben. Hier
208 Des Künstlers Laufbahn.
erweiterten sich die farbentechnischen Erfahrungen durch Notieren bewährter
Rezepte und ebenso die koloristischen Kenntnisse durch fleißiges Kopieren nach
guten Meistern.^ Vieles Schauen und Erleben, scharfes Beobachten, gegen*
seitiges Mitteilen und eigenes Versuchen mußten zur Vervollkommnung des
Kunsthandwerkes und zur Verfeinerung des Kunstintellektes, zur Pratica und
Scienza führen.
Unterricht. Und mitten durch zogen sich auf der langen Bahn Gildenunterricht, Meister*
schulen, private und öffentliche Akademien, immer im Anschluß an die zeit*
liehen oder lokalen Fortschritte, erweitert durch theoretische und praktische
Studien, unterstützt durch verbesserte Behelfe, aber auch begleitet von allen
Fehlern einseitiger Richtungen. Weil die Anforderungen in Kunstzentren wie
Florenz, Rom, Venedig, Bologna unter dem Drange vielgestaltiger Aufträge
und bei der großen Meisteranzahl gegenüber stillen Provinzwerkstätten, zumal
im Norden, mehr von einem fortschrittlichen Geiste getragen und wesentlich
gesteigert waren, gab es hier Zulauf von allen Seiten. Schon die Konkurrenz
der Meisterschulen untereinander erzeugte durch allerlei Einrichtungen geförderte
Methoden, so daß der Sitz einzelner Malergenies zum Sammelpunkte und zur
hohen Schule wurde, wo die lernbegierige und immer aufs neue angelockte
Jugend ihre erwachenden Kräfte nährte.
Literarische Nur mit Vorbehalt gingen die anfänglich bloß handschriftlich existierenden
Behelfe. Malerbücher, Trattati, Precetti, Prospettiven, oft nur in wenigen Abschriften
vorhanden, von Hand zu Hand, bis die schon im 15. Jahrhundert beginnende
und rasch ansteigende Druckliteratur zum lebendigen Quell eigener Belehrung
wurde. Bald Architektur, Skulptur und Malerei umfassend, bald nur das eine
oder andere spezialisierend, bald rein handwerklich und technisch, bald wieder
nur ideellen oder ästhetischen Inhalts, wuchsen diese Lehrwerke durch drei
aufeinanderfolgende Jahrhunderte bei allen Kunstnationen zu einer Stoffülle an,
die der Nachwelt einen klaren Einblick in die Werkstätten und den Geist
jener Zeiten zu vermitteln vermochte. Alle überragte Leonardo in seinem
Libro di pittura an Reichtum der Erfahrungen, Feinheit der Beobachtungen,
Selbständigkeit des Urteils und Klarheit des Ausdruckes — ein wohltuender
Gegensatz zu der im folgenden Säkulum ersichtlichen «Neigung zum geist*
reichen Theoretisieren».^ Damit verbunden oder in selbständigen Folgen er*
schienen Tafel* und Vorlagenwerke jeder Art, Paradigmata, Künstleranatomien,
Proportionstabellen, Zeichenschulen für Figuren, Tiere und Landschaften, ge*
stochen und radiert, die den Jungen zur Einübung, den Alten als anregende
Formenschätze dienen sollten.
Soziale Nicht minder vielgestaltig als das Ringen des einzelnen Künstlers um die
Stellung. Palme der Meisterschaft und der Wetteifer ganzer Nationen um die Erreichung
' So lesen wir in den Eintragungen eines alten Meisters aus dem 15. Jahrhundert:
«Dis ist von varwen, die mich lehrt Meister Heinrich von Lübegge», oder «Dis lehrt
mich Meister Andres von Colmar». (Ms. in der öffentl. Bibliothek zu Straßburg, A. VI,
Nr. 19, mitgeteilt bei Ch. L. Eastlake, Beiträge, S. 68.)
* Vgl. die bereits zitierten kritischen Hefte J. v. Schlossers über das reiche Quellen*
material: Materialien zur Quellenkunde der Kunstgeschichte. — Birch^Hirschfeld, Die
Lehre von der Malerei im Cinquecento, Rom 1912, S. 7 ft.
Des Künstlers Laufbahn. 209
höchster Ziele waren die großen Kämpfe um die soziale Stellung des Künstler*
tums und um die wirtschaftliche Geltendmachung der Talente. Jahrhunderte
lang war man in seiner Körperschaft aufgegangen, nun wollte man endlich im
Reiche der Geister und der Gesellschaft leben. Befreiten auch die Werke
einzelner ihren Schöpfer vom Handwerkertum und erhoben sein Standesbewußt?
sein über jenen festgefügten Verband — die Aufnahme und Würdigung seitens
eines einsichtigen und wohlwollenden Publikums ließen noch lange auf sich
warten. Aber auch sie mußten kommen. Was das Quattrocento vorbereitete,
das erfüllte das folgende Jahrhundert, wenigstens in Italien.
Lehrknabenzeit.
Ochicksal und Gedeihen der Lehrknaben war so wie jenes von Meister und Gilden^
Gesellen seit Beginn christlicher Kunst und weit herauf innig mit den er* wesen.
starrten Gildenordnungen verbunden. Sie nahmen ihn auf, sie bildeten ihn
zum Gehilfen und gaben selbst den einst das Handwerk übenden Meister
nimmer frei. Wechselten auch ihre Rechte von Land zu Land, von Stadt zu
Stadt, je nachdem die Malkunst diesem oder jenem Gewerbszweig angegliedert
war, trugen sie auch im Süden ein etwas freieres, im Norden ein härteres
Gepräge — eines haftete ihnen allen an, die Fesselung junger Talente im
Drange ihrer Entwicklung. Indes rollen sich auch in den trockenen Para^
graphen dieser Vereinigungen (Universitä, Fratalea, Fraglia, Fraya, Compagnia,
Scuola, Accademia) entschwundene Kulturbilder auf, einseitig, doch innerlich
lebendig, korporativ abgeschlossen und doch mit dem Gesamtleben der Zeit
zusammenhängend. Ihr Gepränge und ihre Aufzüge an den zahlreichen Fest«
tagen, die stolze Führung ihrer Zunftstuben, der Wetteifer mit den Nachbar*
Städten, ihre Gastfreundschaft, zumal im Norden, wie sie Albrecht Dürer in
Antwerpen und Gent erfahren hat, schildern uns ein gesundfröhliches Gemein«
wesen. ^
Man vereinigte sich unter dem Banner des hl. Lukas. Ein Rektor, drei Beiräte Gilden--
(consigUeri) und ein Säckelwart (camerlengo) leiteten die Überwachung der meistcr.
Statuten, der Ehre und des Ansehens ihres Standes und suchten ängstlich das
Eindringen minderwertiger Ware zu verhindern.- Eine andere Zusammen*
Stellung des Ausschusses zeigen, etwa 100 Jahre später, die Paduaner Statuten:
zwei Gastaldiones, einen Kassier (massarius), einen Notar und einen Dekan.
Während die Gastaldiones die oberste Gerichtsbarkeit in allen Streitfragen
darstellten, war der Dekan nur ein Exekutivorgan für Einladungen zu Sitzun*
gen und Festen.^
In Deutschland hießen sie Gilden* oder Zechmeister, der Vorstand Deutschland.
Bruder* oder Altmeister oder Dechant. Die Rechte erstreckten sich nur
bis zu den Stadtgrenzen. Es konnte auch mehrere Malergilden in einer Stadt
geben (Prag). Die Verwandtschaft der Einrichtungen zwischen Süd und Nord
' Die Aufzählung der publizierten Malerstatuten bei J. v. Schlosser. Materialien 1. 44.
* Vgl. die Sieneser Statuten (Breve) vom Jahre 1355 (Gaetano .Milanesi, Documenti
per la storia dell' arte senese, Siena 1854—1856, 1, 1 ff.).
' Statuto dei pittori di Padova 1441 (Arch. vcneto Vll, 331).
Meder, Die Handzeichnung. '•
210
Des Künstlers Laufbahn.
Vergliede;
rung der
Zünfte.
Befreiung.
ist eine auffallende, zu deren Erklärung wir die ursprünglich stark hervor*
tretenden kirchlich* kulturellen Elemente gleichsam als Träger der handwerks
liehen Vorschriften heranziehen müssen.
Im allgemeinen waren es ausschließlich Meistervereinigungen. Nach den
Statuten einzelner Städte wie z. B. Padua (1441) werden auch Gehilfen und
Lehrjungen, die über 14 und unter 25 Jahren sind, zu den Versammlungen
zugelassen. Sie müssen abseits stehen und dürfen zuhören, was vorgeschlagen
und besprochen wird, damit
sie den Brauch der Bruder?
Schaft kennen lernen.^ Von
Leonardo wissen wir, daß
er als Zwanzigjähriger im
Juni 1472 in der Compa*
gnia de' Pittori aufgenommen
wurde und trotzdem noch
1476 in Lorenzo di Credis
Diensten stand. ^ In Deutsch*
land war man hierin strenger.
Anfänglich hatten die Ma*
1er weniger durch Vereini*
gung mit anderen Zünften
zu leiden. Wie das Siene*
ser Breve von 1355 nur von
dipintore di figure o d'arme
o di mura spricht, so ent*
hält die Prager Malerzeche
nur Maler und Schilter. Da*
gegen treten im 15. Jahrhun*
dert allüberall andere Ge*
werbe hinzu. So führt die
Sieneser Gilde noch 1533
außer den Zeichnern, Minia*
turisten und Illuminatoren weiters die Vergolder, Drucker (ausschließlich der
Bücherdrucker), Gipsgießer, Spielkartenmacher, Gold* und Zinnschläger und
Glaser an.^ Ähnliches aus deutschen Städten. In Straßburg werden 1447 und
1456 die Bildschnitzer, Armbruster, Goldschläger, Drucker, später auch Buchbin*
der und Formschneider als zugehörig genannt; in Breslau die Tischler, Schnitzer,
Glaser, Illuminatoren, Goldschläger, Karten* und Briefmaler und Briefdrucker. ^
Aber während im Süden durch das Auftreten selbstherrlicher Genies, durch
deren Würdigung seitens höchster Auftraggeber sowie auch durch die Errich*
' Ibid., p. 340, c. 54.
'^ Seidlitz, Leonardo d. V. I, 29 und Note 1 auf S. 383. Als Mitglied hatte er jährlich
18 Soldi in Monatsraten zu zahlen und 5 Soldi als Beitrag zum Oktoberfest d. hl. Lukas.
' Milanesi, Documenti p. 1. storia d. arte senese I, 54.
* Matthias Pangerl, Das Buch der Malerzeche in Prag, Quellenschriften f. Kunst-
gesch. XIU, S. 14.
Abb. 76. Zeichnender Lehrknabe. Pollaiuolo; Schule.
Des Künstlers Laufbahn. 211
tung der Akademien schon im 16. Jahrhundert fast volle Entwicklungsfreiheit
herrschte, die nur in Einzelfällen, wie z. B. in dem in Genua sich abspielenden
Paggi^Prozeß, ^ heftige Gegenströmungen zu überwinden hatte, hielt die Schwer*
fälligkeit nordischer Einrichtungen länger an und lastete wie ein Alp auf den
Meisterstuben.
Die von Italien zurückkehrenden Gesellen und Meister brachten stets neue
Kunde von einer ungebundenen Künstlerexistenz mit heim. Laut und ver*
nehmlich spricht Mander 1604 die Auflehnung gegen die Zunfthärten aus:
«O Pictura, bei den edlen Griechen und Römern standest du in höchster Achtung,
und die dich ausübten, waren überall willkommen. Und jetzt? Undankbare
Jahrhunderte, in denen man auf Drängen gemeiner Pfuscher solch schändlichen
und mißgünstigen Verordnungen in den Städten Geltung verschafft hat, so daß
fast überall, Rom allein ausgenommen, aus der edlen Malkunst eine Gilde
gemacht wird, wie es mit rohen Handwerken und Gewerben geschieht. Zu
Brügge in Flandern bilden die Maler allein nicht eine Gilde, sondern zu
ihnen gehören noch die Pferdegeschirrmacher. Zu Haarlem gar die Kessel*
flicker, Zinngießer und Trödler. O edle Malerei! wohin ist es mit dir ge*
kommen?»^
Die Befreiung erfolgte allmählich, stufenweise. Der selbständigen Ver* Übergänge,
waltung mit eigenen Einrichtungen geht erst eine gutgemeinte Verbesserung
durch geschicktere Zusammensetzung einander näher stehender Handwerke
voraus. So wurden in Leipzig 1577 die Riemer und Sattler von der Maler*
innung getrennt, in Utrecht erst 1611.^ Aber auch selbständig gewordene
Malergilden litten noch lange an einer Überfülle lästiger Artikel. Erst die
Einführung des akademischen Betriebes führte über die einseitigen Berufs*
interessen hinaus und begünstigte ein freizügiges, von allen Gewerksbanden
erlöstes Künstlerdasein; sie schied die Kunst vom Handwerk.
IJie Lehrzeit eines Lehrknaben (tirocinio), der bei der Aufnahme den Lehrzeit.
Nachweis ehelicher Geburt sowie die Kenntnis von Lesen und Schreiben (le
prime lettere) zu erbringen hatte, wechselt in den einzelnen Jahrhunderten
ununterbrochen. Cennini weiß noch von dem mittelalterlichen Brauch von
sechs Jahren zu berichten (K. 104). Im Quattrocento gelten allgemein drei
Jahre. ^ Ähnlich mag es in Deutschland gewesen sein. «Und da man zählt
nach Christi Geburt 1486 auf St. Endrestag, versprach mich mein Vater in die
Lehrjahr zu xMichael Wohlgemut, drei Jahre lang ihm zu dienen», berichtet
Dürers Tagebuch. Doch werden später in deutschen Malerartikeln wieder vier
' Dresdner Kunstkritik I, 94. - Eine Schilderung des Überganges handwerklicher
Zucht zur freien Kunst enthäh der Brief des G. B. Paggi an Girolamo l'aggi. Florenz
1591 (Bottari. Lettere VI, S. 60 ff.).
* Mander.Floerke I, 388 f.
' Leipziger Malerordnung (Beiträge z. Kunstgesch. II. 1879, S. 66). - W'oltmann und
Woermann, Gesch. d. Mal. II 1/2. S. 557.
* Vgl. Not. Paolo di Lello Perrone 1428-1429. fol° 25 (in A. Bertolotti. Artisti Bolo.
gnesi. Ferraresi. Bologna 1885. p. 11). - Statuto dei Pittori di Padova (Arch. venct. VII.
346, c. 70).
14'
212 Des Künstlers Laufbahn.
Jahre gefordert/ in Leipzig um 1577 sogar sechs oder sieben, nach welcher
Zeit er von dem Meister «dem Handtwerge (Gilde) wiederumb fürgestellet und
loßgetzehlet wurde». Ein Zeugnis seitens der Innung bestätigte die Lehrjahre.*
Alter. Der Malerjunge (tyro picturae, discipulus, discens, gavzone, garsone, fanciullo,
putto pittove,^ allievo) war in der Regel zehn* bis zwölfjährig.* Frühreife und
Familienumstände ergaben indes allerlei Verschiebungen. Guido Reni kam zu
Dionys Calvaert mit neun Jahren. Ebenso begannen Meistersöhne, in der
Werkstatt des Vaters aufwachsend, früher mit dem Handwerk. Ein Meister
durfte, entsprechend seiner Gilde, nur eine beschränkte Anzahl von Lehrknaben
aufnehmen. In Haarlem z. B. waren nur zwei gestattet. Hatte aber einer von
diesen ein Jahr hinter sich, dann durfte ein neuer eintreten. Und so bis drei.^
Verträge. Der italienische Meister hatte dem Lehrknaben, richtiger dem Vater des*
selben, eine Pauschalsumme zu zahlen, deren Höhe nach Ort und Zeit wechselte.
So mußten z. B. die Meister Benedetto di Bartolomeo und Matteo Janicello
ihrem Lehrling (allievo) 19 Gulden für alle drei Jahre zahlen (6. April 1428). "^
Ähnliches erfahren wir aus dem Lehrvertrag zwischen Michelangelos Vater und
Domenico Ghirlandaio, den ich wegen seines besonderen Interesses wörtlich
folgen lasse: «Ich bezeuge heute am 1. April 1488, dass ich Lodovico di
Lionardo di Buonarota meinen Sohn Michelangelo für die nächsten drei Jahre
zu Domenico und David di Tommaso di Curado gegeben habe mit Vertrag
und Bedingung, dass der genannte Michelangelo die genannte Zeit bei ge*
nannten Meistern verbleibe, um malen und ihren Beruf zu erlernen, und daß
genannte Meister die Aufsicht über ihn führen und daß sie ihm im Verlauf
dieser drei Jahre 24 Fiorini Lohn zahlen, im ersten Jahr 6, im zweiten 8,
im dritten 10» (Vas. Mil. VII, 138). Umgekehrt galt im Norden die Vor*
Schrift, daß Meister für die drei Jahre im vorhinein ein Lehrgeld beanspruchten,
selbst wenn der Austritt früher erfolgen sollte.^
Die Schüler wanderten mit dem Meister von Ort zu Ort und erhielten bei
besonderen Aufträgen von den Bestellern auch ein bestimmtes Trinkgeld,
wenigstens enthalten alte italienische Rechnungen so manchen Soldo, welcher
an die Garzoni ausgezahlt wurde (Item ad li garsoni di Maestro Lucha
[Signorelli] . . . 72 Soldi, Rob. Vischer, L. Signorelh, S. 362). Die Zünfte und
Malerbruderschaften überwachten die künstlerische Erziehung der Lehrknaben
* Nach den Statuten des Nürnberger Handwerkerrechts vom Jahre 1535 hatten Maler,
Goldschmiede, Gürtler und Rotschmiede 4 Jahre, Steinmetzen, Glasmaler aber nur 3 Jahre
(Ms. im k. Kreisarchiv Nürnberg. — Gümbel, Archivalische Beiträge zur V. StoßsBiographie,
Rep. f. Kw. XXXVl, S. 68, Note 9).
- Leipziger Malerordnung von 1577 (in Beiträge z. Kunstgesch. II, S. 69).
' Leonardo, § 49. — Discepolo hat häufig die Bedeutung von Gehilfe (fu discepolo
di Giotto), Ghiberti, Denkwürdigkeiten I, 37, Ausgabe Schlosser, Berlin 1912.
* Bei Dürer «Knab» oder «Jung» (Lange und Fuhse, S. 282). — In den Niederlanden wer*
den sie im 15. Jahrh. Leerenapen genannt (La Corporation des Peintres Bruges, Bruges
1913), später leer^jongers (Mander^Floerke II, 232).
•' Willigen, Les artistes de Haarlem, Haarlem 1870, p. 3.
* A. Bertolotti, Artisti Bolognesi, p. 11.
' Ähnlicher Vertrag der Verwandten des Jan Scorel mit dem Maler Willem Cornelisz
(Mander.Floerke I, 265).
Des Künstlers Laufbahn.
213
und regelten gleichzeitig das gegenseitige Verhältnis zwischen Meister und
Schüler, denn leider waren ihnen bei rücksichtslosen, rohen Gesellen auch
vielfach schlechte Behandlung und allerlei überflüssige Pflichten beschieden, die
dem traurigen Kapitel Lehrknabenelend angehören. «Ich mußte viel von seinen
[Wohlgemuts] Knechten leiden», erzählt Dürer. ^
Außer dem praktischen und geometrischen Zeichenunterricht war die Ein*
Führung in aUe Vorarbeiten des Tafel:= und Freskomalens eine naheliegende
Notwendigkeit, denn aller Kunst
Anfang war das Handwerk. Nach
Cennini besorgten die Lehrjun*
gen zunächst die manuellen Vor*
bereitungen wie: Farbenreiben
{fritare, macinare),' Leimkochen
und Beleimen {incollare), Lein?
wand aufziehen (impannare), Gips*
grund machen {ingessare), den?
selben glätten und polieren {ra*
dere i gessi e pulirli), Gipsreliefs
anfertigen {rilevare di gesso),
Grundieren mit Bolus {mettere di
bolo), Vergolden (mettere d'oro),
dann die Vergoldung glätten
{brunire), Tempera mischen {feim
perare) und Pausen auf die Tafel
machen (spolverare) (Kap. 4).
Mit dieser Aufeinanderfolge
haben wir zugleich den richti*
gen Werdegang eines jeden Tem*
perabildes bis zu dem Momente
angegeben, wo der Meister an
die Staffelei trat. Mochte' diese
rein mittelalterliche Zucht durch
die eintretende Ölmalerei und die
freiheitlichen Regungen auch vielfache Erleichterungen erfahren haben, von
der gründlichen Aneignung des Handwerklichen konnte zu keiner Zeit Ab*
stand genommen werden. Die Kenntnisse der Zubereitung von Farben und
Firnissen, des Mischens der Freskomaterialien, der Leinwandbehandlung und
hundert andere Dinge blieben Sache der Werkstatt.
AHe freien Stunden aber hatten die Lehrknaben mit Zeichnen und
Kopieren auszufüllen, während der Meister in der Nähe arbeitete (Abb. 76,-'
■^«....ji'v.'^tfa» rj
Abb. 77. Brucghel d. Ä., Meister und Lehrknabe.
' Lange und Fuhse, S. 8. - Andere Beispiele: Vita des Taddco Zucchero (Vas. Mil. \'II.
74) oder Domenichino bei Calvaert (Malvasia IV. 310). - Die Schüler des Frans Flohs
(MandersFIoerke 1, 313).
'^ Der farbenreibende Malerbursche kommt fast auf allen Atelierdarstellungcn vor; vgl.
Deutsches Leben der Vergangenheit I. Abb. 422. 424. 432; II. Abb. 1261. - Ferner
Ostades Radierung B. 32. =" Pollaiuolo^Schule. Uff. 119, lavierte Feder.
Praktische
Arbeiten.
Zeichen»
Unterricht.
214
Des Künstlers Laufbahn.
Meister-
schulen.
Private
77/ 79). Die Bruderschaft der Paduaner Maler legte 1441 auf diese Übun*
gen eine solche Wichtigkeit, daß sie dieselben sogar an den gebotenen Zunft?
festtagen, deren es 45 gab, erlaubte und statutenmäßig festlegte.-
Modell- Oder sie hatten auch, wenn schon fortgeschritten, jüngere Genossen zu
stehen, überwachen und in Abwesenheit des Meisters Korrektur zu üben.^ Eine
Hauptdienstleistung der Knaben und Gehilfen bildete in Italien, falls sie gut
gewachsen waren, das Modellstehen. Siehe Kap. Modelle und Abb. 148—150.
Ils war der Jugend nicht leicht, Theorie und Praxis an einer Stelle vereinigt
zu finden; nicht jeder Meister und nicht jede Werkstatt konnte mit den not*
wendigen Behelfen dienen. Daher führten einzelne unternehmende Meister
Italiens neben dem Gildenunterricht in ihren Ateliers Zeichenschulen ein,
die sich je nach Ruf und Ausstattung durch kleine Sammlungen von Zeich*
nungen, Gipsabgüssen und selbst Antiken eines entsprechenden Zulaufes er*
freuten. Selbst Florentiner Goldschmiede hielten Zeichenkurse für Lehrknaben,
Glasmaler und Kunstschreiner ab. Zu Bandinellis Vater kamen junge Leute
nach Brauch damaliger Zeit, wo keiner für einen guten Goldschmied gehalten
wurde, er sei denn ein guter Zeichner.^
Aus solchen Meisterschulen entstanden in weiterer Entwicklung die Privat*
akademien. akademien,^ wo in der Ausbildung schon System und Methode beobachtet
wurde, wo man nach einem Lehrplan gemeinschaftlich zeichnete, praktischen
und theoretischen Unterricht und das Notwendige an Modellen und Vorlagen
erhielt. Sie wuchsen im 16. Jahrhundert in Italien wie aus dem Boden und
trugen renommierende Namen, wie Ardenti, Desiderosi, Incamminati,**
bis endlich 1562 jene große, allgemein zugängliche Mediceische Akademie der
zeichnenden Künste in Florenz ins Leben trat,^ deren Mitglieder sich Accade*
mici del disegno nannten, und jene in Rom 1577.
Im großen und ganzen behaupteten sich die von Leonardo ausgesprochenen
Unterrichtsvorschriften langehin. Zuerst soll der Bursche (il giovane) Per*
spektive lernen, darauf jeden Dinges Maß. Darnach soll er nach guter Meister
fiand zeichnen, um sich an gute Gliedmaßen zu gewöhnen (Proportion), und
dann nach der Natur, um sich die Gründe des Erlernten zu bestätigen. Hier*
auf soll er sich eine Zeitlang Werke von der Hand verschiedener Meister
ansehen (Wanderjahre) und endlich sich gewöhnen, die Kunst praktisch aus*
' P. Brueghel d. Ä., Louvre. Die Textzeile heißt: Nulla dies abeat quin linea duda
supersit.
* De festivitatibus celebrandis, Ruhr. X: Liceat tarnen iuvenibus discentibus artem nostram
quolibet die etiam festivo causa discendi stilo experiri et designamenta facere, quae et prout
iuvenes . . . 5^i7o designare solent. Arch. ven. VII, 1874, p. 342.
=> Malvasia IV, 5: Guido Reni. — Passeri S. 321.
* Vas. Mil. VI, 135.
^ Seidlitz nimmt an, daß zur Zeit Leonardos mailändischen Aufenthaltes der Ausdruck
Accademia zum ersten Male auftauche, und weist auf den bekannten Knoten mit der
Bezeichnung Academia Vinci hin. (Leonardo I, 265.) — Geläufig waren auch die Bes
Zeichnungen Scuola, Stanza.
*■' Malvasia IV, 523, Indice: Accademia.
' Vas. Mil. VIII, 366-368. - Dresdner, Kunstkritik I. 96.
Stufengang.
Des Künstlers' Laufbahn.
215
zuüben (§ 47). Das Prinzip der Dreiteilung: Kopieren, plastisches
Zeichnen und Naturzeichnen erweitert sich zwar inhaltlich, erfährt
mancherlei Differenzierungen, bleibt aber auch in hervorragenden Privatschulen
im wesentlichen unter Beibehaltung der bereits genannten theoretischen Disziplinen
immer dasselbe. Früh tritt schon die Spaltung zwischen Lernenden und
Fortgeschrittenen ein, die Trennung der Naturzeichner von den Kopisten.
Abb. 78. Abendkurs in der Accademia di Bacchio Brandin in Rom.
Weil die Meister während des Tages vielfach beschäftigt waren, ver*
sammelten sie erst des Abends ihre Zöglinge zum gemeinschaftlichen Unterricht.
Der Eitelkeit Baccio Bandinellis, der es sich nicht entgehen ließ, sich und
seine wenn auch kleinen Akademien stechen und verewigen zu lassen, ver*
danken wir gleich zwei Darstellungen solcher abendlicher Kurse. Die eine,
nach einem Stich von Agostino Veneziano (B. 418) aus der Zeit des römischen
Aufenthaltes, als Baccio am päpstlichen Hofe arbeitete und im Belvcdere eine
Freiwohnung genof^,' zeigt uns die recht bescheidene Ausstattung einer
Bandinellis
Akademien.
' Vas. Mll. VI. 152 und 153.
216 Des Künstlers Laufbahn.
improvisierten Schule, einen großen Tisch, kümmerlich und niedrig beleuchtet,
um den Gesellen und Lehrknaben zeichnend sitzen, während der Meister an
einer kleinen Statuette demonstriert. Kleine Modelle und Vasen längs der
Wände bilden die geringen Kunstbehelfe (Abb. 78). Ort und Jahr werden
im Stiche genau angegeben: Roma in luogo detto Belvedere 1531; darüber
aber prangt: ACADEMIA DI BACCHIO BRANDIN (die ursprüngliche Na*
mensform Bandinellis).
Etliche Jahre später fällt eine zweite, von Enea Vico gestochene Darstellung
(B. 49), wohl aus der Florentiner Zeit, denn das große Gemach mit dem über
einem brennenden Kamin angebrachten Wappen des Meisters deuten bereits
auf Wohlstand und eigenen Besitz, den er sich laut Vasari erworben hatte.
Aber auch hier zeigt die Schuleinrichtung noch keinerlei feste Form. Die
Lehrknaben sitzen und zeichnen beim Kaminfeuer und nur die Älteren erfreuen
sich an einem Tisch einer Lampe, während ein bärtiger Mann doziert. Hinter
ihm der schon gealterte Meister mit dem Ritterkreuz, alles überwachend. Allerlei
am Boden liegende Skelettbestandteile, einige Abgüsse und Bücher lassen das
Schulmäßige erst deutlicher erkennen.^
So wie Bandinelli hielten auch andere Maler in Rom, selbst während eines
vorübergehenden Aufenthaltes, Abendkurse und Akademien ab. Passeri be*
richtet von Andrea Camassei, einem Domenichino^Schüler, daß derselbe zu
seinem Zeitvertreib, wie solches bei den Professoren zur Winterszeit der Fall
sei, im Palazzo Taddeo Barberini Akademien abgehalten, zu denen viele junge
Leute des Zeichnens halber gekommen wären. ^
Conversa? Nichts anderes waren auch die abendlichen Kurse, die wegen der gemein*
doni serali. schaftlichen Besprechungen Conversazioni genannt wurden und die, wenn
wir einen Stich von G. Tomba: Conversazione serale d'inverno di Rosaspina
nach einer Zeichnung des F. Giani, eines Schülers dieses Meisters, zu Rate
ziehen, ein sehr familiäres Gepräge hatten. An einem langen Tisch sind in
einem größeren, dicht mit Stichen, Bildern und Zeichnungen behangenen
Wohnzimmer bei vier Schirmlampen acht jüngere und ältere Leute eifrig mit
Kohle* und Federzeichnen beschäftigt. Einer scheint vorzulesen, während der
mit der Brille tändelnde Meister aufmerksam zuhört. Die Frau desselben
spinnt in einer Ecke und die Töchter sowie einige Gäste bilden mehr oder
weniger unruhige Zuschauer.^
Schule des Als Typus eines guten Lehrers galt nach Malvasia der in Bologna einheimisch
Calvaert. gewordene Niederländer Dionys Calvaert, der Rivale der Carracci. Das ihm
gespendete Lob gewährt gleichzeitig einen Einblick in den Lehrplan seiner
Malerschule. «Dionys Calvaert bemühte sich nur zu sehr mit seinen Schülern.
Er lehrte sie die Perspektivregeln, die er von seinem Vorläufer Prospero
aufs tüchtigste erlernt hatte, indem er ihnen das Aufstellen des Augepunktes,
das richtige Abstufen der Bodenflächen und das gute Postieren der Figuren*
' Den freundlichen Hinweis auf den Stich verdanke ich Herrn Dominik Artaria.
'' Passeri, S. 188.
' Francesco Rosaspina, geb. 1760, war Zeichner und Kupferstecher, Professor an der
Akademie in Bologna, Mitglied des französischen Institutes und anderer Akademien.
■• Di coUocac bene ü punto alla debita veduta, degradare con ragione i piani.
Des Künstlers Laufbahn. 217
beibrachte. Er unterwies sie in der Anatomie und erklärte alle Teile des
menschlichen Körperbaues sowie die Ordnungen der Architektur, deren für
Zeit und Ort, Geschichte und Fabel entsprechende Anwendung, und schließlich
besprach er mit ihnen alle unterlaufenden Fehler» (II, 254).
In ergänzender Weise erfahren wir aus der jugendlichen Vereinigung der Schule
Carracci in Bologna, welche Agostino angeregt hatte, weitere Details im ^^^ Carracci.
Unterrichte der Fortgeschrittenen. Neben dem plastischen Zeichnen werde
das Studium der Knochen, Muskeln, Sehnen und Venen sogar an Leichen,
ferner das Aktzeichnen nach guten Modellen in Gänze oder einzelnen Teilen
und Naturstudien aller Art betrieben. Von den theoretischen Kenntnissen
werden noch Symmetria (Proportion), Prospettiva und Architettura genannt.'
Über die Reichhaltigkeit der Lehrmittel berichtet eine weitere Stelle aus Mal= Lehrmittel,
vasia (III, 378), die gleichzeitig auf die Konkurrenz mit den Schulen des
Passerotti und Calvaert hinweist: «Die Gründlichkeit Lodovicos, die An*
strengungen des Agostino und die Liebe Annibales, zum öffentlichen
Wohle vereinigt, waren nur zu sehr ein mächtiger Zauber und nicht ohne
wirksamen Anreiz, fiier studierte man Tag und Nacht ohne Rücksicht auf
Beschwerden und Entbehrung. Hier fehlte es nicht an männlichen und weib?
liehen wohlgebildeten Körpern, die als rassige und richtige Modelle dienten.
Die seltensten Abgüsse von Basreliefs und antiken römischen Köpfen, welche
sich die Passerotti verschafft hatten, und die meisten, welche auch Dionys
Calvaert von Florenz für seine Schule insgeheim hatte kommen lassen, suchte
Lodovico in gleicher Weise zu besitzen. Und weil jene unter anderen aus*
gezeichneten Dingen ihres Museums sich einer zahlreichen Sammlung ver*
schiedener Zeichnungen aller alten Meister rühmten, so legte auch er eine
ähnliche an, während Agostino, der sich an Medaillen- und Büchern erfreute,
diesen gelehrten fiausschatz sammelte, wenn auch nicht jenem des Passerotti
gleichwertig, so doch auserlesen und ihrem Zwecke entsprechend, um sich
selbst und die Zöglinge hinreichend unterrichten zu können. Nicht zufrieden
mit den äußeren Formen des nackten Körpers, wollten sie auch das Verhüllte
erfassen, zu welchem Zwecke sie Gliedersektionen betrieben und die Leichen
auf heimliche Weise von dem sie unterstützenden tüchtigen Anatomen Doktor
Lanzoni, einem öffentlichen Sektor, erhielten. Zur Aneiferung gab es einen
premio de' disegni.»
Die Privatakademien erhielten sich trotz aller Förderung der öffentlichen Der
Anstalten durch Jahrhunderte. Als J. H. W. Tischbein 1779 nach Rom kam, Norden,
fand er deren noch zehn, die die alte Tradition mit neueren Anschauungen
zu vereinigen bestrebt waren. Ebenso suchte man sie auch im Norden ein?
zubürgern. Die Nachrichten darüber sind kümmerlich, kaum daß Sandrart
mitteilt, Rembrandts Haus sei mit Lehrlingen, selbst aus vornehmen Familien,
gefüllt gewesen, deren jeder «jährlich in die 100 Gulden bezahlt, ohne den
Nutzen, welchen er aus dieser seiner Lehrlinge Mahlwerken und Kupferstücken
' Malvasia III, 425. — H. Tietze. Annibale Carraccis Galerie im Paiazzo Farnese.
Jahrb. d. kunsth. Samml. d. Kh. XXVI, S. 56.
* Über das Sammeln antiker iMünzen in Italien seif dem H. Jahrhundert siehe Jacob
Burckhardt, Beiträge zur Kunstgeschichte von Italien, Basel KS9S, S. 329 H.
218 Des Künstlers Laufbahn.
erhalten»; oder daß wir von Houbraken erfahren, Rembrandt habe kurz nach
seiner Ankunft in Amsterdam ein Packhaus an der Bloemgracht gemietet, um
darin für seine Lehrlinge durch Papier oder Segeltuch abgespannte Abteile
einzurichten.^ Nur beim Aktzeichnen fanden sie sich in einem größeren
Zimmer zusammen (Abb. 158).
Theoretische Studien.
Fachs Neben dem zeichnerischen und praktischen Unterrichte ging ganz nach
disziplinen. zeitlicher Entwicklung die notwendige Erwerbung der bereits stellenweise be#
rührten theoretischen Erkenntnisse einher, wie Geometrie, Perspektive,
Proportion, Anatomie, Architektur. «Diejenigen, welche sich in die Praxis
ohne Wissenschaft verlieben, gleichen Schiffern ohne Steuerruder und Kompaß ;
sie sind ihres Zieles nie sicher» (Leonardo, § 80). Schon nach Ghiberti sollte
der bildende Künstler — in Anlehnung an Vitruv — in neun Dingen, in
Grammatik, Geometrie, Philosophie, Medizin, Astronomie, Perspektive, Historie,
Anatomie und Theorie der Zeichnung bewandert sein, wobei man die Perspektive
an die Stelle der Gesetzeskunde stellte.^
Diesen antikem Geiste und Schrifttum entlehnten Forderungen stand in
Wirklichkeit ein Minimum tatsächlichen Wissens gegenüber und selbst Männer
wie Ghiberti und Alberti hätten sich gewiß in einzelnen ihnen so abseits
liegenden Disziplinen recht schwer getan. Es war etwas anderes, aus den ver*
schiedenen Schriftstellern des Altertums wie Vitruv, Plinius, Euklid kom;:
pilatorische Vorschriften niederzulegen, als diese halb entwickelten Doktrinen
in der Werkstatt lebendig weiterzugeben. Allein, was wollte man nicht alles
der Musenzahl zuliebe wenigstens programmatisch festlegen! Es waren dies
Fachkenntnisse, die, soweit sie wirklich für die Kunst in Betracht kamen, noch
lange nach Ghiberti von den Meistern, je nach ihren eigenen Erfahrungen,
recht und schlecht vermittelt und erst in den Akademien durch Berufene
methodisch gelehrt werden konnten. Einzelne Wissenschaften wie Perspektive
und Anatomie benötigten erst ihrer Entwicklung und Vervollkommnung und
schließlich der Verbreitung durch eine Druckliteratur, bevor man sie als Gemein*
gut ansprechen durfte. Und selbst dann noch spielte Zufall und Gelegenheit
bei der Erwerbung des einen oder anderen keine geringe Rolle. Dürer erlernte
die konstruktive Perspektive erst in seinem 35. Lebensjahre und durch einen
besonderen Abstecher von Venedig nach Bologna.
Bildungs* Im zeitlichen Verlaufe traten neue, wirkliche Forderungen hinzu, die Bildungs*
disziplinen. kurve stieg mit einem Ruck empor und bewegte sich weiterhin aufwärts. Nicht
nur tatsächhche Gebiete reinen Wissens wie Geschichte, Mythologie,
Poesie, Ikonologie wurden als notwendige Helfer der Kunst erkannt und
aufgenommen, sondern auch praktische Erfahrungen, wie Stellung der Figuren
oder Licht« und Farbenlehre, unter theoretischen Gesichtspunkten behandelt
' Hofstede de Groot, Urkunden Nr. 407, Nr. 5, S. 463. Ebenso war es in seinem
eigenen Hause. Ibidem S. 235.
" Vitruv, Einleitung z. 1. B. — Schlosser, Ghiberti, Denkw. I, 4 und II, 13.
Des Künstlers Laufbahn. 219
und schon seit dem 16. Jahrhundert in Akademien und Druckwerken auf eine
doktrinäre Stufe gehoben. Es kam die Zeit, wo die jeweiligen Anschauungen
über Theorie und Praxis (pittura in prattica und in theorica) nicht ohne*
weiters als klar abgegrenzte Begriffe erschienen, sondern vielfach durcheinander
wirbelten, je nachdem man sie vom Standpunkt der Werkstatt oder Gelehrsam*
keit betrachtete. Nur vom Mittelalter zur Neuzeit gibt es eine reinliche Schei*
düng. Für Cennini ist alles noch Handgriff, für Alberti vieles schon Wissen.
Wenn wir die einzelnen Trattati nebeneinander halten, so bemerken wir Einteilung
eine Art Vergnügen der Schriftsteller darin, eine neue Einteilung über das ^^^
Wissenswerte aufgestelh zu haben. Während L. B. Alberti die Malerei ein* Theorien,
teilt in Umriß (Geometrie und Perspektive), in Komposition (Proportion,
Bewegung und Ausdruck, Anmut und Einheit) und in Licht* und Farben*
erkenntnisse (S. 98 ff.), gliedert sie Lodovico Dolce in seinem Dialog 1557
zuerst in die Erfindung (Wahrheit und Ausdruck, Anordnung, Stellung und
Bewegung, Geschichte und Poesie), dann in die Zeichnung (Proportion, Ana*
tomie, Akte, Skurzi und Drapierung) und in die Farbengebung (S. 39 ff.).
Lomazzo sondert die Theorien streng von der Praxis und behandelt jede
einzelne ausführlich in den ersten fünf Büchern seines Trattatos (1585): 1. Pro*
portion, 2. Stellung der Figuren, 3. Von den Farben, 4. Vom Lichte, 5. Per*
spektive. Erst im 6. Buche folgt die Pratica, die aber auf alle die vorgenannten
Zweige zurückgreift und sie tatsächlich angewandt wissen will.^ Das 7. Buch
handelt ausschließlich von den mythologisch*geschichtlichen Stoffen und von
deren richtiger Gestaltung (della forma di Dio, delle Muse, degli habiti etc.).
Der Spanier Pacheco schließt sich im wesentlichen an L. Dolce an.
Für uns muß es genügen, im folgenden nur die tatsächlichen, dem Studien*
gange eines Künstlers unbedingt notwendigen Theorien zu überschauen, wie
sie in dem werkstättischen und öffentlichen Unterricht zur Geltung kamen und
an den Akademien ihre Fortsetzung erfuhren. Außerdem finden Lomazzos
Punkt 2 und 4 noch in den Kapiteln Aktzeichnen, Körper* und Raumplastik
ihre besondere Behandlung.
Am frühesten schulmäßig gepflegt waren Geometrie, Perspektive und Geometrie.
Proportionslehre. Aber wiewohl Alberti so großen Wert auf die Kenntnis
der ersteren legte- und Leonardos Satz: Der Anfang zur Wissenschaft der
Malerei ist der Punkt (§ 3)-' seine allgemeine Beachtung fand, so blieben
Ausmaß, Auszüge und Bearbeitungen aus Euklid doch gering und für die
Allgemeinheit auf das Notwendigste beschränkt. Alberti hält die kürzeste
Besprechung von Punkt, gerader und krummer Linie, Kreis, den drei Winkeln
und den drei Flächen (ebene, konkave und konvexe) für den Maler gerade
hinreichend (Della pittura p. 50 f.).'
* Lomazzo, Tratt. I, p. 281 ff.
2 Wer von der Geometrie nichts weiß, wird nicht diese und keine andere wissen»
schaftliche Darstellung der Malerei verstehen (p. 144).
=> Seidlitz. Leonardo I. 318.
* Ebenso enthalten seine Elementa Picturae nur eine knappe Erläuterung geometrischer
Grundbegriffe, jedoch mit einer Anzahl von Konstruktionsaufgaben (Einleitung zu Albcrtis
Schriften v. H. Janitschek. S. XLII).
220
Des Künstlers Laufbahn.
Dürer.
In fortschreitender Entwicklung bildeten dann noch die Lehren vom
Dreieck, Viereck und Vieleck, vom Kreis und Oval, Würfel, Polyeder,
Zylinder, Kegel und Pyramide so ziemlich das Um und Auf. Von Lehr*
Sätzen kamen jene der Dreiecksproportion in Betracht. Daran schloß sich,
gewissermaßen als Übergang zur Perspektive, die unvermeidliche Konstruktion
des Pavimentes (Abb. 79).
Welch kleinliche Rolle z. B. Dreiecke, Vierecke, Halbkreise, das Fünfeck als
Pentagramm im 13. Jahrhundert im Figurenzeichnen spielten, lehrt der Inhalt
des Villardschen Skizzen*
buches (Abb. 72, 80, 81).
Gerade aus Skizzenbüchern,
selbst später Zeit, lernen
wir in den zufällig vors
findlichen Klarmachungen
kennen, was man in Werk*
statt und Schule als Bedarf
erachtete. Inmitten eines figu*
ralen Kunterbunts stehen
eingezeichnete Elementar*
Übungen über Konstruktio*
nen und Teilungen, Errich*
ten von Senkrechten usw.,
so daß wir auch darin mehr
die Betonung praktischer
Erfahrungen, das eigentliche
Konstruieren zu erkennen
vermögen.^
Die im Laufe des 16. und
17. Jahrhunderts erscheinen*
den Malerlehrbücher über*
schreiten kaum den oben
angeführten Lehrplan, auch
nicht Dürers deutsche Geo*
metrie (1525). Schon Titel
und Widmung des Werkes:
Unterweisung der Messung
mit dem Zirkel und Richtscheit in Linien, Ebenen und ganzen Körpern,
bezeichnen den praktischen Standpunkt, wie er für die «begabten Jungen» in
Betracht kam. Aber trotzdem will er etwas Besseres geben, eine gute Grund*
läge für die deutschen Lande und Erkenntnisse statt des in allen Werkstätten
geübten, unverstandenen «täglichen Brauches», die dem Bildhauer und Stein*
metzen, Goldschmied und Schreiner bei jeglicher Art von Konstruktion orna*
mentaler Formen, Architekturen, selbst der Schriftcharaktere das edle Maß
Abb. 79. Die geometrisch; perspektivischen Elemente
nach Maratta.
' So auf einem Florentiner Blatte die Lösung der Aufgabe, zu Kreissegmenten den
Mittelpunkt zu finden (Fischei, Zeichnungen der Umbrer, Abb. 41 und Text S. 40).
Des Künstlers Laufbahn. 221
vermitteln sollten.^ Aber auch Dürers Bemühen war für die große Masse noch
zu ausführlich und mußte sich von verschiedenen Unternehmern verdünnte
Auszüge gefallen lassen.^
Ein Hauptziel des geometrischen Unterrichtes war die Vorbereitung zur
Perspektive und zu den Gesetzen der schönen Verhältnisse im Sinne der
Divina proporzione des Luca Pacioli. Häufig waren Geometrie und Perspektive
in einem Leitfaden vereinigt, zumindest schloß der letztere mit der Abbildung
eines konstruierten Paviments oder Estrichs, wie man in Deutschland sagte.
Ein Stich nach Carlo Maratta gibt selbst für dessen fortgeschrittene Zeit Maratta.
noch die auf einer Schultafel untergebrachte und dargestellte Summe des
in der Schule vorgetragenen Geometriestoffes: elementare Konstruktionen von
rechten Winkeln, Einzeichnungen von Vielecken in Kreise und das übliche
perspektivische Quadrat. Tanto che hastil (Abb. 79).^ Daß Architekten und
Feldmesser, Prospektzeichner und Lehrer der Perspektive hierin das Höchstmaß
von Kenntnissen zu erwerben hatten und daß selbst einzelne Maler sich aus
besonderer Vorliebe in diese Materie über die Grenzen ihres Berufes vertieften,
berichten nicht nur die Viten, sondern lag in der Natur der einzelnen Berufe.
Im 18. Jahrhundert sollte das fleißige Zeichnen geometrischer Figuren auch Genauigkeit,
den Sinn für das Reinliche und Exakte im Lineament fördern. Ein Jüngling,
der einen Monat sorgfältig geometrische Figuren zeichne, werde mehr Genauig*
keit erlernen als ein anderer, der ein Jahr lang vor Akademien sitze (A. R.
Mengs, S. 11). Der Übersetzer dieser Lezioni pratiche di Pittura, V. H. Schnorr
von Karolsfeld, fügt noch hinzu, daß jedes Naturstudium nur zweierlei Linien
bedürfe, derjenigen, die einen Kreis bildet, und der des gedrückten Bogens,
denn die Gerade existiere in der Natur nicht.
LJit «Prospettiva», eine der toskanischen Errungenschaften des Quattro* Perspektive,
cento, setzte zwar praktisch mit den Versuchen Brunelleschis, theoretisch mit
den physikalischioptischen Vorschriften Albertis und Ghibertis ein,* entbehrte
aber noch vielfach der für die allgemeine Kunstpraxis notwendigen Erfahrungen,
um eine weitgehende Anwendung finden zu können. Die theoretischen Be*
griffe von der Sehpyramide (Perspectiva communis) hatten bei all den ent*
' Thausing, Dürer II, 305. — In Basel war schon 17 Jahre vorher die lateinisch ges
schriebene Margarita Philosophica des Georg Reisch erschienen, die neben dem gesamten
gelehrten Wissen der Zeit auch eine ausführliche spekulative und angewandte Geometrie
enthielt.
* So von H. S. Beham, Ma(^ oder Proporzion der Ross, Nürnberg 1528, Lautensack 1553
u. a. — Charakteristische Beispiele für den noch 1688 im Norden geltenden kindlichen
Werkstattunterricht in Geometrie bietet das englische Malerbuch: Der Kreis wird auch
in allen orbicularen Formen von Nutzen sein: so für die Sonne in ihrer Glorie, den Mond,
voll oder wachsend und noch in vielen kreisförmigen Dingen. Das Oval ist ein Behelf
fürs Gesicht, für den Mund oder den Fuß eines \\'ein= oder Biergiases, für eine Brunnen*
Öffnung (p. 16).
^ Ausschnitt aus einem Stich von N. Dorigny nach Marattas Zeichnung von 1728.
* Die Vorläufer wie die Quaestiones perspectivae des Biagio von Parma (Kopie in der
Marciana von 1399 und in der Laurenziana von 1428) enthalten so wie die Optik des
Florentiners Paolo dell' Abaco (um 1366) nur mathematisch = physikalische Theorien der
Optik (J. v. Schlosser, Ghiberti, Denkw. II. 28). - Alberti. p. 68, 78 H.
222
Des Künstlers Laufbahn.
Spezialisten.
wickelten Anschauungen für die Jugend nichts Verlockendes. Auch Albertis
Konstruktionsregel, die er als etwas Neues, Schwieriges, von vielen Bewundertes
anpreist, erscheint nicht ohneweiters für seine Zeitgenossen verwendbar. Trotz*
dem lassen Uccellos Lösungen schwierigster Aufgaben^ (Mazzocchio) oder die
Pavimentzeichnung Pisanellos (Abb. 293) erkennen, wie rasch sich diese neue
Wissenschaft bei einzelnen emporgearbeitet hatte und nun als bildmäßige
Perspektive (Perspectiva artificialis) Gebiet um Gebiet zu erobern suchte. Der
Architekt Filarete (Traktat über Baukunst, ca. 1451 — 1464) oder Maler wie
Piero della Francesca (De prospectiva pingendi um 1470—1490),^ Vincenzo
Foppa, Gelehrte wie Luca Pacioli po#
pularisierten das mathematisch ?kons
struktive Thema und Leonardo konnte
schon im Trattato die Prospectiva allen
anderen Disziplinen voransetzen. ^ In
der zweiten Hälfte des 16. Jahrhun*
derts galt als allgemeines Lehrbuch
für Architektur und Perspektive das
Werk Sebastian© Serlios (Venedig
1540-1547).^
Mit der weiteren Ausbildung per?
spektivischer Innenräume bis zu den
kompliziertesten Scheinarchitekturen
im 16. und dann im 17. Jahrhundert
erwuchsen auch dem normalen Schul*
wissen manche oft unüberwindliche
Schwierigkeiten. Aber es gab zu die?
ser Zeit in Italien auch Spezialisten,
Prospektzeichner, die ihr Können
den Künstlern zur Verfügung stell*
ten,^ und selbst Maler, die ihre Schü*
1er mit den scharfsinnigsten Sotto*
insu* Problemen anstrengten. Der bolognesische Malerlehrer Prospero faßte
solchen Anforderungen gegenüber sein Urteil in folgende Worte: Die Perspek*
tive sei schließlich eine Wissenschaft, die man bei einem Maler voraussetze;
aber mehr als unbedingtes Erfordernis denn als Beruf, mehr aus Bedarf als
des Prunkes halber.^' Während Meister wie Francesco Brizzo ihre Schüler
Abb. 80. Gotische Proportionsfiguren
aus Villard de Honnecourt.
' G. J. Kern, Der Mazzocchio des Paolo Uccello, Jahrb. d. pr. Ks. XXXVI. 13.
^ Piero della Francesca, De Prospectiva pingendi (Ms. Mailand). Über seinen lange
vermißten und durch M. Jordan in der Vaticana wiedergefundenen Traktat über die fünf
regelmäf^gen Körper siehe M. Jordan, Jahrb. d. pr. Ks. I, 112. — C. Winterberg, Ausg. nach
dem Parmenscr Codex, Straßburg 1899. - Vas. Mil. II, 490.
^ Leonardo, § 47: 7/ giovane debhe prima imparare prospettiva.
* Armenino, p. 156.
•^ «Ich hoffe, daß Ihr zufrieden sein werdet, indem ich einen tüchtigen Perspektive
maier aus Mailand ersucht habe . . .», schreibt S. Rosa 1654; Guhl II, 318.
•■' Malvasia IV, 182.
Des Künstlers Laufbahn.
223
durch allzu breitspurige Vorlesungen vertrieben (Malv. III, 544), gab es andere,
die nicht das Allernotwendigste zu bieten vermochten.
Besonders arm an Lehrern war der Norden, es sei denn, daß man in
Klöstern Kopien italienischer Traktate für internen Gebrauch vorfand.^ Reisen
wie jene Rogers van der Weyden nach Rom (1450) oder des Justus van Gent
mögen nicht in Aufträgen allein ihre Veranlassung gehabt haben; man wollte
auch neues Wissen holen. Und ihre in Gemälden kräftig einsetzenden kom*
plizierten perspektivischen Konstruktionen gotischer Kircheninterieurs lassen
derartige in Italien erworbene Lehren voraussetzen, die man als eine Art
Geheimwissenschaft zu erringen suchte. Jan Scorel ließ sich nach Manders
Bericht von einem in Architektur und
Perspektive sehr bewanderten Geistlichen
in Speier unterweisen.- Dürer ritt 1506
von Venedig nach Bologna,^ «um der
Kunst willen in heimlicher Perspektiva»,
die ihm einer lehren will. War er auch,
wie z. B. die Darstellung im Tempel
(B. 88) erweist, über die notwendige
Kenntnis längst hinaus, so strebte er nun,
das geometrisch exakte Verfahren «über
den Brauch» kennen zu lernen. Seine
Erörterungen im vierten Buch der Unter*
Weisung bildeten das Resultat."* Im 16. Jahr*
hundert setzte bereits in allen Kunstlan*
den, und nicht zum geringsten Teile in
Deutschland, eine lebhafte Herausgabe
von Spezialwerken ein, die sich im fol*
genden noch erweiterte.
Nichtsdestoweniger mußte nur zu oft
für den Hausgebrauch eine bescheidene
Werkstattüberlieferung genügen, und vie#
len war diese Wissenschaft ihr Leben lang, so wie auch heute noch, die
schwächste Seite ihrer Kenntnisse. Gerne suchte der eine die Hilte des andern.
Auch hier spezialisierten sich einzelne, wie z. B. R. Roghman, und zeichneten
Freunden die perspektivischen Partien. Siehe Teil III: Raumkonstruktion.
Abb. 81. Kopfschema aus Villard
de Honnecourt.
Der
Norden.
Die Proportionslehre vom menschlichen Körper, gleichfalls von Vitruv Proportions«
ausgehend, anfänglich vielfach getrübt, in Traktaten wie in dem Buche vom ^'^^^*^-
Berge Athos bedarfsgemäß behandeh (Gesichts* und Nasenlängen § 52), oder
'■ In dem 1444 in Deutschland geschriebenen Codex Pal. lat. 1369 enthält Bl. 143 ■■-
144'' Notizen De prospectiva mit zahlreichen Konstruktionsfiguren (Fritz Sa.\l; \'erzcichnis
astrologischer und mythologischer illustrierter Handschr. des latein. Mittelalters in römischen
Bibliotheken, Heidelberg 1915. S. 19).
* MandersFloerke I, 269.
^ Thausing, Dürer I, 366. - Erwin Panofsky. Dürers Kunsttheorie. Berlin 1915. S. 14 H.
* Erwin Panofsky, op. cit. S. 25.
224
Des Künstlers Laufbahn.
gar in Werkstätten handwerklich vereinfacht und in geometrische Merkformeln
eingekleidet, setzte noch im Trecento die summarischen Traditionen von den
neun Gesichtslängen fort (Cennini, K. 70). Das Maßnetz war der erleichternde
Behelf, der den übenden Jungen und den auf Wandflächen schaffenden Meister
zu unterstützen hatte, «mache deine Maß» die oberste Vorschrift, der Zirkel
das Hauptinstrum.ent.^ Wie derlei zeitlich und werkstattmäßig verbildete Formeln
um die Mitte des 13. Jahrhunderts im Norden aussahen, hat uns Villard de
Honnecourt in seinem Vademecum überliefert. Die Geometrie, // ars de iometrie,
hatte sie zu versinnbildlichen (Abb. 72, 80).^ Mensch und Tier, Stand und
Bewegung werden aus geometrischen Figuren aufgebaut. Mehr Erinnerung an
Vitruv spricht aus den Kopfschemen mit der Dreiteilung des Gesichtes, das
außerdem quadratische und diagonale HilfsHnien erhält (Abb. 81).'' Die Haare
werden durch Halb* oder Viertelbogen umgrenzt. Ebenso erleben Tiergestalten
eine formelhafte Auffassung (Abb. 72). Bis zu Dürer herauf herrschten diese
unsicheren Behelfe vor. Seine Klage: «Dorin ist der mangel der lermeister
gros pey uns und dorin ist schwer einem itlichem, aus fernunft und eygner
Übung solchs zu suchen und finden», gibt ein Zeitbild seiner Jugendjahre
(Londoner Ms., Conway, S. 258).
Druckwerke. Im italienischen Quattrocento fördern endlich gleichzeitig anatomische Studien
und Messungen an antiken Musterwerken die allmählich geläuterten Anschauung
gen und führen zu einem neuen Schönheitstypus des menschlichen Körpers.
Mit der 1504 in Florenz erschienenen Ausgabe des Pomponius Gauricus,
De Sculptura, mit. der Ausgabe Vitruvs, der divina proportione des Luca
Pacioli (1509), mit Dürers vier Büchern von der menschlichen Proportion
(1528), erscheinen Maß, Harmonie und Schönheit im Süden und Norden ver*
allgemeinert und weithin verbreitet, wenngleich man in den Werkstätten nicht
aufhörte, bald von der Gesichtslänge (Faccia), bald von der Kopflänge (Testa,
Capo) ausgehend, an der Maßeinheit zugunsten persönlicher Wohlmeinung oder
im Sinne zeitgenössischer Theoretiker herumzukorrigieren. Ebenso hielten es die
Vitruv # Kommentatoren, die eine Reihe Proportionskanones aufstellten. «Jeder
Künstler, jeder Theoretiker schuf neu, übernahm und verbesserte.»*
Dürers Proportionslehre, ausgehend von den Anregungen Jacopo Barbaris,
gefördert durch Pacioli und Vitruv, 1528 erschienen, erlebte 1532 — 1534 eine
lateinische Ausgabe in Nürnberg, eine weitere in Paris 1557, zwei italienische
1591 und 1594 (Venedig) und selbst eine spanische.^ Pacheco weiß letztere
Lomazzo. weidlich auszunützen. Im Jahre 1585 faßte Lomazzo in seinem Trattato die
ästhetischen Gesichtspunkte seiner Zeit zusammen und stellte für Mann und
Frau, bald in Kopf*, bald in Gesichtslängen (10, 9, 8 und 7 Maße), für
^ Buberl weist in romanischen Wandmalereien des Klosters Nonnberg in Salzburg in
den Köpfen noch die Hilfslinien nach (Kunstgesch. Jahrb. 1909, Heft I/II).
* Aus Darcel, op. cit., Taf. 34, Ausschnitt; Feder.
' Ibid. Taf. 37, Ausschnitt; Feder.
* A. Weixlgärtner in der Besprechung von Bock, Dürers Skizzenbuch in Dresden.
«Kunstgesch. Anzeigen» in Mitteilungen d. Institutes f. österr. Geschichtsf. 1906, Nr. 1,
S. 7. Note 1.
^ Thausing, Dürer II, 320.
Des Künstlers Laufbahn.
225
Alter, Charakter und Beruf die entsprechenden Normalmaße auf (a ciascun corpo
la sua proportione particolare, p. 51). Innerhalb dieser Verhältnisse galten
der Apollo. Typus für die Maße des schlanken Jünglings (Proportione suelta),
der Jupiter* Typus für jene des reifen Mannes als mustergiltig; der Venus*
Typus ziemte anmutigen Frauen (leggiadre e belle) und der Junos als Aus*
druck der Maestä der Muttergottes, Königinnen und Matronen. Raffael habe
hierin die größte Harmonie erreicht und werde der Nachahmung empfohlen,
was auch überreichlich geschah.^
Aber so wie es im 16. Jahrhundert Maler
gab, die diesen Theorien zum Trotz alles
Heil in der Beobachtung Michelangelesker
Verhältnisse ersahen, so fanden sich andere,
die sich ihr körperliches Ideal über alle
Maße hinaus bewußt selbständig oder auch
nur eigenwillig aufstellten (Parmegianino,
II Greco). Hier wirkten die privaten und
öffentlichen Akademien immer segensreich,
als sie das Überwuchern extravaganter For*
men durch strenges Handhaben des Natur*
Studiums und weise Ausnützung antiker Ge*
setze wieder in rechte Bahnen zu bringen
suchten. Der schulmäßige Betrieb des Akt*
und Antikenzeichnens, Behelfe aller Art,
Skelett* und Muskelmänner, Proportions*
figuren, aus Gemälden und Zeichnungen zu*
sammengestellte Vorlagen bildeten stets ein
starkes Gegengewicht gegen eingebildete Sehe*
men, verwirrende Theorien und aufsteigende
Skrupel.
Selbst Leonardo verdanken wir eine Na*
turstudie nach einem wiederholt verwendeten
Modell, das schon in der Haltung an eine
Proportionsfigur erinnert und in der leider
kaum mehr sichtbaren, mitten durch den Körper laufenden Vertikalen die
Maße des Aufbaues aufweist (Abb. 153). In ähnlicher Weise ist das im
Wiener Hofmuseum aufbewahrte deutsche Modellmännchen, das auf Dürers
Proportion (9 Gesichtslängen) zurückgeht, aufgefaßt (Abb. 82), in gleicher
Stellung auch eine Frau und ein Kind.^
Außer der Proportione naturale unterschied man noch die perspek*
tivische Proportion, der zufolge die Verhältnisse einer Figur bei gewissen
Voraussetzungen, wie z. B. erhöhte Aufstellung, einer Korrektur unterzogen
wurden. Ihre Anwendung wird häufiger bei Bildhauern als bei Malern beob*
achtet (Lomazzo, Tratt. 28).
' Tratt. I. 36 ft. - Birch. Hirschfeld, op. cit., S. 31.
- Wien, Hofmuseum. - J. v. Schlosser, Aus der Biidncrwcrkstatt der Renaissance.
Jahrb. d. kh. S. d. Kaiserh. 1913, S. 111.
iMcJcr. Die Handzeichnung. 15
Abb. 82. Deutsches Proportionss
modell um 1530.
Übermaß
und
Korrektur.
Proportionsä
Kguren.
226
Des Künstlers Laufbahn.
Architekturs
maße.
Kom=
Position.
Anatomische
Kenntnisse.
Eine eigenartige Nutzanwendung erfuhren die menschlichen Maßfiguren in
der Architektur, in ganzen Aufrissen und Teilen. Im Sinne des Vitruv^Satzes,
daß auch die Bauwerke Symmetrie und Proportion enthalten sollen, und zwar
nach dem in der Natur vollendetsten Maße, jenem des männlichen Körpers,
unterlegte man den Architekturstudien die neun Kopflängen.^ In den wieder*
gewonnenen und neuyermessenen antiken Resten von Säulen und Gesimsen
suchte man mit und ohne Zwang die vermeintliche Proportionseinheit unterzu*
bringen (Abb. 83 und 84).'^ Geschriebene und gedruckte Architekturlehr*
bücher beginnen mit dem mehr oder weniger strikten Hinweis auf die Körper*
maße, mit dem Skelette und der Aufzählung der einzelnen
Knochenteile. ^ Auch in Deutschland verkündet Rivius: «Dann
kein herlich Gebeu eins Tempels rechtmessig componiert werden
mag, es sey dann sach, das derselbig Bau in solcher Symmetri
und Proportion, wie ein wol gestalter Mensch in allen Glid*
massen auffs fleißigst geordnet sey.»''
Die schwierigste Aufgabe erwuchs dem jugendlichen Kunst*
1er in dem gesetzmäßig und harmonisch anzuordnenden Auf*
bau einer Komposition, in der proportionalen Austeilung
aller Flächen und Konturen innerhalb einer bestimmten Umgren*
zung und in der Ausgleichung linear und koloristisch ver*
schiedener Teile untereinander. In zeitlich stufenweiser Abfolge
geben uns Alberti, Leonardo und Lomazzo die Gesichtspunkte
ihrer Richtungen, die in dem Kapitel Kompositionszeich*
nung noch besondere Erörterung finden sollen. So viele sich
auch berufen glaubten, wenige waren auserwählt, aus angebore*
ner, freier Schöpferkraft die gute Tradition mit starker Eigen*
art zu verbinden und neue Regeln zu formulieren. Die große
Masse lebte von der Schablone ihrer Zeit oder sah schon in
der geschickten Zusammentragung allerlei fremder Motive ihre
Aufgabe erfüllt.
Abb. 83.
Säulenzeichä
nung nach
dem Vitruvs
Kanon.
Über die anatomischen Kenntnisse der Künstler früher
Zeit haben wir wenig Nachricht, kaum daß wir von Cennini erfahren, daß
der Mann auf der linken Seite eine Rippe weniger habe und im ganzen Körper
' Namque non potest aedes ulla sine Symmetria atque proportione lationem habere
compositionis, nisi ut ad hominis bene figurati membrorum habuerit exacfam i-ationem (Vitruvius,
De Architectura, L. III, K. I).
* Beide Abb. aus dem Budapester Architekturkodex (Stadtbibliothek), Ausschnitte,
Feder. — Nach freundlicher Mitteilung Dr. S. Möllers, dem ich den Hinweis und die
Hinsicht in dieses interessante Manuskript verdanke, will man es dem venezianischen
Architekten Angelo da Cortina (1469—1536) zuschreiben. Das Manuskript selbst soll um
1489-1509 fallen.
* So der Beginn des genannten Budapester Architekturbuches: Prima e necessario di
havere veramente tutte le misure e numevo del osse del corpo umano . . . e senza le qiialj
misure alchuna cosa chon arte horagione [o ragione] edißchare puossi (foI° 1). Und nun
folgt die Aufzählung der Knochen.
* Rivius, Vitruvius »Teutsch, 1548, fol. XCVI.
Des Künstlers Laufbahn.
227
^•^>-">^
Knochen stecken. Ghiberti aber rechnet
Anatomia schon zu den notwendigen
Theorien; er als Bildhauer bedurfte
ihrer. Alberti erwähnt sie in dem Ab*
schnitt der Komposition der Glieder
bereits im Zusammenhange mit der
Malerei. Es sei notwendig, ein be*
stimmtes Maßverhältnis bei den
Gliedern des menschlichen Körpers fest*
zuhalten. Dies zu beobachten, wird es
von großem Vorteile sein, zuerst das
Knochengerüst des Lebewesens zu zeichs
nen, jedem Knochen hernach die Mus*
kein hinzuzufügen und dann das Ganze
mit Haut zu umkleiden (S. 110). Also
ein rein bildhauerischer Vorgang, der
schon gründliche Kenntnisse voraussetzte.
Darnach zu schließen, möchte man
auch bereits modellierte Muskelmänner
für den Beginn des Quattrocento an*
nehmen, zumindest für die anatomi*
sehen Lehrsäle, wo sich auch Kunst*
1er Belehrung holen durften.
Die überraschend einsichtigen Worte
Albertis, die ihren Grund in den da*
mals aufstrebenden anatomischen Studien
hatten, fanden indes nur bei allerersten
Künstlern Gehör. Ihre volle Bedeutung
tritt erst ein halbes Jahrhundert später
in der Zeichnung hervor, als Leo*
nardo mit Hilfe des berühmten Ana*
tomen Marcantonio della Torre (-{-1512)
jenen der Kunst wie der Wissenschaft
gleich wertvollen und heute noch das
Erstaunen der Fachleute wachrufenden
Kodex von Handzeichnungen schuf.
«Und dieser (Leonardo) füllte ein gan*
zes Buch mit Zeichnungen an, die er
selbst nach den von ihm sezierten Kör*
pern in Rötel und mit Federumrissen
ausgeführt hatte».' Obgleich der Kunst*
1er selbst an die Veröffentlichung dieses
Werkes dachte und schon bis zum Winter 1510 damit fertig zu sein hoffte.
Leonardo..
Abb. 84.
Körpcrproportion, angewandt
auf Architekturen.
' Vas. Mil. IV, 34 (Zusatz z. d. 2. Ausg.). Leonardo berichtet selbst, dal^ er über 30
Körper männlichen und weiblichen Geschlechtes und jedes Allers sezieit habe.
15*
228 Des Künstlers Laufbahn.
hinterließ er seinem Schüler und Freund Melzi doch nur den Manuskriptband.
Vasaris weitere Worte: «Darin bildete er alle Knochen ab und fügte ihnen
ordnungsgemäß alle Nerven bei und überdeckte diese mit Muskeln, sowohl
mit den am Knochen haftenden, den straffen und den bewegUchen ...» lau*
ten wie eine Erfüllung von Albertis Anweisung. Diese gezeichnete Anatomie,
von der Ende des 16. Jahrhunderts noch 779 Studienblätter in einem Bande
vereinigt waren,^ die sich heute ihrer Mehrzahl nach
in Windsor, Turin und »Paris befinden, bildeten für
die Künstler Italiens den Ausgangspunkt einer neuen
Anschauung. Es wäre interessant, ihren Einfluß
verfolgen zu können, wenn einmal das völlige Ma*
terial publiziert vorläge.^ Selbst Dürer holte sich
von Bologna (1506), wie uns die eingeklebten
Kopienreste seines Dresdener Skizzenbuches über*
liefern, aus Leonardos Kodex anatomische Anregun*
gen.^ Daß Michelangelo die gründlichsten ana*
tomischen Studien betrieb, brauchten uns nicht
erst Condivi und Vasari zu versichern.'^ Er be*
absichtigte gleichfalls, eine Anatomie für Künstler
herauszugeben.
Akademie Et^VU ^K|^^>^|j^ j In der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts wurde
scher Unters ^HHM^BII^^aJH^T^^ ^^^ Notomia allerorts in allen größeren Schulen
'■•'^ht- ^jfKifwfl uv\ HiWt^^^ ^^^^ Akademien als Unterrichtsgegenstand einge*
führt (Abb. 86) und auch privat leidenschaftlich
gepflegt.^ Nach Vasari habe Bartolommeo Torri,
v^ '^in' Schüler des Giulio Clovio und G. A. Lappoli, das
^ Anatomiestudium derart betrieben, daß er unter
i seinem Bette Glieder menschlicher Leichname ver*
wahrte und die Wohnung so verpestete, daß er
wegen dieser anatomischen Schweinereien (sporchet
rie) von seinem Lehrer aus dem Hause getan
Abb. 85. G. P. Lomazzo, wurde.'' Derartige Übertreibungen gehören wohl zu
Zeichnen nach sezierten ^^^ Ausnahmen und sollen, wenn schon Vasari
genau berichtet, das neu erwachte Interesse bezeugen.
Gründliches Studium gab es in Bologna in den Schulen der Passerotti, Calvaert
und der Carracci, wo sogar an einzelnen Leichenteilen Sektionen vorgenommen
' Seidlitz, L. da Vinci II, 150.
'^ Heute nur: Chamberlains Imitations 17%; Sabaschnikoff 1898 und 1901 und Rou=
veyre 1901.
' A. Weixlgärtner, Die Vorlagen von Dürers anatomischen Studien im Dresdener Kodex
(Mitteil. d. Gesellsch. f. v. K. 1906, Nr. 2).
* Condivi § 56 und 60. - Vas. Mil. VII, 146, 274.
^ Eine kompilatorische Darstellung des Anatomiestudiums nach Skelettmann und
Kadaver, beide an Seilen aufgehängt, bietet der Stich von B. Mazza von 1587 nach
Johannes Stradanus.
'■ Vas. Mil. VI, 16.
Des Künstlers Laufbahn. 229
wurden;^ ebenso in Venedig bei Tintoretto.- Lomazzos Titelblatt zu seinem
Trattato demonstriert das Zeichnen nach einem Gehenkten. Während einer
die Muskulatur am Arme bloßlegt und erklärt, skizzieren zwei daneben sitzende
junge Leute, die Mappen in der Hand, das Gesehene (Abb. 85).^
In den Niederlanden wie in Deutschland kommt das Studium an Leiche Der Norden,
namen vereinzelt und stets im Zusammenhange mit Darstellungen vom Sterben
Christi vor. Dabei betätigte sich ein Naturalismus, welcher in dem «grauen*
haft» gemalten Christuskörper Holbeins und in dem Crucifixus Grünewalds
selbst die ein Jahrhundert später in Italien erwachenden Alocif naturali eines
Caravaggio übertraf. Dürer scheint, von einigen flüchtigen Kopien nach
Leonardo abgesehen, sich mit den «innerlichen Dingen» nicht befaßt zu haben. ^
Seine «Proportion» weicht dem Thema aus, worüber schon Michelangelo Klage
führt.-' Mander empfiehlt, fleißig der Sektion von Toten zuzusehen (met Jooden
te sien villen).^ Die auf Grund von Sandrarts Bericht entstandene Anschauung,
als hätte Rembrandt es ebenso wie Dürer gehalten, entspricht nicht den Tat*
Sachen. Der Behauptung, daß er mit der Anatomie auf Kriegsfuß stand
sowie auch mit Perspektive und Proportion (der Antike, Raftael und den
Akademien),' widersprechen die beiden Anatomien (Dr. Tulp und Dr. Deyman)
sowie eine Skelettreiter? Zeichnung (Darmstadt), die beweisen, daß er zu diesem
Gelehrtenkreis nahe Beziehungen hatte. Ebenso scheint er in Dürers Proportion
Rat gesucht zu haben. '^ Eine Zeichnung im Louvre: Mann mit ausgestreckten
Armen, aber nicht im Kreise, sondern im Quadrate, lassen seine llntersuchungen
proportionaler Lehrsätze erkennen.''
Seit Leonardos Zeit gab es anatomische Vorlagen, Muskelmänner und Glied* Behelfe und
maßenmodelle, Akademien genannt, in allen möglichen Wendungen, die von I-ehrbücher.
Hand zu Hand gingen. Solche Muskelmänner* und Skelettstudien begegnen
uns in Pontormo* Zeichnungen.^" Schon Ende des 15. Jahrhunderts erschienen
außerdem Lehrbücher, so von Mondino, Pavia 1478 und Venedig 1498, oder
von Johannes de Ketham, Fasciculus medicinae, Venedig 1491. Großen Ein*
fluß hatte das mit reichem Abbildungsmaterial ausgestattete Werk des Andreas
Vesalius, De corporis humani fabrica, Basileae 1542, zu welchem der Flam*
länder Giovanni Calcar, ein Schüler Tizians, die Zeichnungen lieferte." In
* Malvasia II, 254; III, 378 und 485.
" Talvolta scorlicava membra di cadaveri per vedcre la rai^ione de' muscoli (Ridolfi II, 6).
^ Ausschnitt aus der Zeichnung G. P. Lomazzos zum Titelblatt seines Trattato, Albertina,
Inv. Nr. 2769. Lavierte Feder. — Über die Leidenschaft für Kadaver berichtet auch Mander
von Aart Mytens, da(^ er dieselben mit Hilfe eines Kollegen vom Galgen holte (Mandcr--
Floerke II, 85).
* Weixigärtner, op. cit., S. 4.
•'■ Condivi. § 60.
* MandersHoecker, Das Lehrgedicht, p. 62, v. IS (in Quellenstud. z. holl. Kunst-
gesch. VIII).
' Sandrart. T. A. II, III. Buch. S. 326. - Ilofstede. Urkunden. Nr. 329.. ä^tj 1-2.
* In seinem Inventar von 1656: t' proportie boeck van Albert Dürer (Ilofstede. L'r»
künden. S. 204. Nr. 273).
" Vgl. Ser. VI. Taf. 3 der holländ. Hand:., hsg. v. KIcinmann. Haaricm.
'" Utt. 6726. '' Vas. Mil. \'II, 460, Note 3.
230
Des Künstlers Laufbahn.
Architektur.
Bild=
Hintergrund.
Thronsessel.
Lokale
Forderung.
Plafonds.
und Pro.
spektmaler.
Spanien galt außer Vesalio besonders Juan de Valverde de Hamusco, Roma
1556, mit Figuren von G. Bezerras.^
oo gering der Bedarf eines frühgotischen Malers an architektonischen
Kenntnissen war, so umfangreich gestaltete sich derselbe in den nach*
folgenden Perioden durch den Wetteifer, es den Architekten gleichzutun und
auch im Bilde stets wechselnde Kombinationen von prunkvollem Bauwerk
oder Innendekor aufzuweisen. Während dort nur Gebäudeschemen mit Stab?
säulchen ohne Maß und Verhältnis, gewissermaßen als Symbole hinter den
Figuren erstanden, suchte man hier den bühnenartigen Raum nach perspekü
tivischen Gesetzen immer weiter in die Tiefe zu drängen und mit über?
raschenden Motiven zu füllen : bald Plätze mit nach rückwärts führenden
Gassen, kunstvoll aufgeführten Palästen und Tempeln, Säulenhallen, bald reich =
geschmückte Innenräume im antiken und neuen Stil.
Und ebenso versuchte man im Norden in den feingezeichneten oder ge*
malten Innenräumen gotischer Kirchen dem Streben nach Raumgefühl gerecht
zu werden, so sehr man sich auch mit dem Figurenmaß in offenen Wider?
Spruch setzte.
Selbst die immer höher und phantastischer konstruierten Thronsessel
italienischer Madonnen wurden zu Architekturproblemen, in denen einer den
andern zu überbieten suchte. Nur zu oft wird man bei diesen mit ver*
schwenderischem Reichtum an Schmuck und Kostbarkeiten ausgestatteten
Prunkstücken mehr an Werke der Bildschnitzerei und Goldschmiedekunst er?
innert als an solche der Malerei.
Von besonderem Einfluß auf die Betonung des Konstruktiv?Architektonischen
war neben dem durchgedrungenen Raumgefühl die jeweilig gegebene Architektur
der Kirchen und Kapellen, in welchen die Altäre und Tafelbilder, immer
stilistisch und harmonisch dem Ganzen untergeordnet, aufgestellt werden sollten,
ob nun die Gesetze der Renaissance oder des Barock diktierten. Und als es
galt, die mächtigen Gewölbe mit großflächigen Gemälden zu schmücken, bildete
deren architektonische Einteilung und Umrahmung allein schon das grund?
legende Element für das Gelingen der zukünftigen Ausführung.
Ebenso erwuchsen durch den Eintritt vieler Maler in Hofdienste gewisse
architektonische Aufgaben, wie Befestigungen {architetti militari), Theater?
Prospekte, Triumphbogen und allerlei festliche Dekorationen. Ein Höchstmaß
an perspektivischen und architektonischen Kenntnissen und Erfahrungen hatten
Prospekt? und Dekorationsmaler (für Fassaden und Prunksäle) und Bühnen?
architekten, «Theatralingenieure», welche die Inszenierung der Opern durch?
führten, schon aus dem Grunde zu erbringen, als die Malerei hier die Bau?
kunst und Skulptur zum großen Teile ersetzen sollte. Die Zeichnungen Pietro
da Cortonas (Palazzo Barberini und Pitti), Andrea] dal Pozzos und jene der
Mitglieder der Familie Galli Bibiena geben uns einen Begriff von der fabel?
haften Geschicklichkeit, der übersprudelnden Phantasie und den immer höher
geschraubten Schwierigkeiten. Die berufsmäßigen Prospektmalcr standen den
' Pacheco, p. 276.
Des Künstlers Laufbahn. 231
minder erfahrenen Künstlern hilfsbereit zur Verfügung und schufen die Ge*
samtanlage komplizierter Dekorationen und selbst für Landschafter die kunst#
vollen Veduten.
Nach so vielfach gestellten Anforderungen ergab sich für den strebsamen Lerngelegens
Gehilfen von selbst die zwingende Notwendigkeit, sich in der Meisterschule, Weiten,
noch mehr aber durch eigenes Studium eine gewisse Summe architektonischen
Wissens zu erwerben. Fördernd wirkte hier die große Baulust weltlicher und
geistlicher Fürsten, vor allem die vielseitige Tätigkeit der italienischen Künstler
als Baumeister, Bildhauer und Maler, so daß sich der Jugend, zumindest in den
Hauptstädten, mehrfach Gelegenheiten zur Ausbildung boten. Anderseits gingen
im Quattrocento, wie Vasari in der Vita des Baccio d' Agnolo berichtet ' und
wie es tatsächlich so manche Künstlerlaut bahn bestätigt, viele Baumeister aus
dem Bildhauer? und Bildschnitzerberufe, ja selbst aus der Goldschmiedekunst
hervor, und die Malerei lief wiederholt wie eine natürliche Ergänzung des
damaligen universellen Schaffens von selbst mit.
Im allgemeinen erfahren wir über den Durchschnittsunterricht in den Akademie
privaten Zeichen* und Malschulen recht wenig, kaum daß uns Malvasia von scher Unters
den Carracci erzählt, daß sie in ihrer Akademie auch Lehrstunden der Archi* rieht,
tektur abhielten, in denen Agostino alles gedrängt und in wenig Regeln darlegte
(III, 379).- Auch in den öffentlichen Akademien, wo sie offiziell betrieben
wurde, begnügte man sich mit den Elementen, die sich häufig nur auf die
fünf Säulenordnungen beschrankten. Wissenschaftlicher und fortgeschrittener
scheinen die von B, Ammanati empfohlenen Vorträge und Demonstrationen
der Professoren in Florenz und Rom über Entwürfe, Einteilung und Zweck?
mäßigkeit von Bauwerken gewesen zu sein, an denen sich auch die Jugend
beteiligen durfte.-'
Als Hilfsbücher werden zu Vasaris Lebzeiten L. B. Albertis De re aedi? Lehrbücher.
. ficatoria (Urausgabe Florenz 1485)* und Vitruvs De architectura (erste illu?
strierte Ausgabe Venedig 1511)'^ allgemein herangezogen und ebenso die
einzeln erschienenen sechs Bücher S. Serlios (1537—1551).'' Ferner \'i*
gnolas (Giacomo Barozzi) Regole delle cinque ordini, Roma 1563 und Lo*
mazzos Kapitel 44—47 seines Trattatos von 1585 (p. 403) über die zeit? und
ortsgemäße Anwendung aller Bau* und Zierelemente. Dazwischen fallen noch
' Vas. Mil V, 349.
" Oder von Calvaert: dicbiavando ed esemplißcando .£,'// ordini e Li loro conveniente
necessitä e debita applicazione, giusta i tempi, i luoghi, k storie e favole rappresentate
(IL 254).
' Sendschreiben B. Ammanatis an die Mitglieder der Akademie in Florenz 1582, bei
Guhl L S. 456.
* Weitere Ausgaben Straßburg 1511 und 1541, Paris 1512 und 1543, die erste italie=
nische Übersetzung Venedig 1546. Über die folgenden Ausgaben siehe J. v. Schlosser,
Materialien zur Quellenkunde der Kunstgeschichte II, S. 33. Kbenda in erschöpfender
Weise die übrigen Architektur=Mss. und Druckwerke des Quattro- und Cinquecento.
* Weitere Ausgaben: Florenz 1513 und 1522, Venedig 1524; die erste italienische Aus=
gäbe Como 1521; die erste deutsche von Rivius, Nürnberg 1548.
'• Das IV. Buch, die viel gebrauchten Kegole generali, Venedig 1537. das III. Venedig
1540, das I. und 11. Paris 1545, das V. ebenda 1547 und das VI. Lyon 1551.
252 Des Künstlers Laufbahn.
der handschriflich vielfach verbreitete Traktat über die Baukunst von A. A.
Filarete (1451-1464)1 ^^d Vasaris Abhandlung (Vas. Mil. I, 107).
Die Prospektmaler und Zeichner bedienten sich des reich illustrierten Werkes
Andrea dal Pozzos: Perspectivae pictorum atque architectorum, partes II,
Rom 1693, das dessen Namen weiter trug als seine großen gemalten Phantasie?
stücke auf Leinwand, Deckenbemalungen oder Theatra sacra.^
Ebenso hatte der Norden neben den lateinischen oder in die Landessprache
übersetzten Ausgaben italienischer Schriftsteller seine Handbücher, mitunter
kombinierte Werke, deren Wesen immer auf die fünf Ordnungen hinauslief,
wie z. B. De inventie der Colommen met hären coronementen ende maten ut
Vitruvio ende andere diversche auctoren 1539, oder Hans Blums Beschreibung
und Gebrauch der 5 Säulen, Zürich 1596, oder Musterbücher mit allerlei Er«
findungen wie jene des fruchtbaren Hans Vredeman de Vries.^
Romreisen. Die vielseitigste Anregung bildeten die Romreisen, wo man unter dem Ein*
drucke der alten Bauwerke sammelte, sich ausführlich gezeichnete Handbücher
über die Ordnungen und äußeren Dekor anlegte und guten Geschmack zu
erwerben suchte. Der Codex Escurialensis als Kopie eines Musterbuches D. Ghir?
landaios oder das Budapester Architekturwerk geben sowohl vom Standpunkt
eines Malers als eines Baumeisters Einblick in die Forderungen und Bedürfnisse
jener Zeit. Und selbst diejenigen, welche ihre Studien und Übungen nach
heimatlichen Gesichtspunkten anlegten, wie Jacopo Bellini, lassen in ihren
Pergament« und Papierfolianten die stetige Fürsorge um den notwendigen Apparat
phantastischer Prospekte erkennen, die gleichzeitig ihre architektonischen und
perspektivischen Kenntnisse und Neigungen verkünden sollten (Abb. 295).
Maler als Anders gestaltete sich der Umfang des Wissens, wenn es galt, öffentliche
Baumeister. Bauten zu übernehmen. Ohne die Frage immer beantworten zu können, wo«
her plötzlich einem Maler diese so unbegrenzten Kenntnisse und Erfahrungen
gekommen seien, wie z. B. bei Raffael, der neben seiner malerischen Tätigkeit
die Angelegenheiten sämtlicher päpstlichen Bauten zu besorgen hatte, die gründ*
liehe Vorstudien und technische Erfahrungen beanspruchten, so mag hier, wie
in noch manch anderen Fällen, darauf hingewiesen sein, daß wir erstlich mit
der Gesamterscheinung umfassender Genies rechnen müssen, die ihre Ideen
und Zeichnungen aus dem Füllhorn ihrer Talente leicht zu entnehmen ver?
mochten, daß ihnen aber auch bei der Ausführung derselben stets Techniker
und Baumeister als untergeordnete Organe zur Verfügung standen. Dabei sollte
es zunächst nur auf neue geniale Konzeptionen ankommen, die mit schlichten
Federrissen besorgt wurden. Anderseits ergaben sich nur zu oft während
der Bauführung selbst Irrtümer, Fehler und allerlei Konflikte zwischen dem
Geber der Ideen und den nur schwer nachfolgenden Werkleuten. * Aber
ebenso steht fest, daß damals das Verständnis für Architektur im Gegensatz
^ Erste Ausgabe von Wolfg. von Oettingen, Wien 1890 (Quellenschriften f. Kunst*
geschichte. N. F. III).
* C. Gurlitt, Geschichte des Barockstiles in Italien, Stuttgart 1887, S. 460.
' Aufgezählt von H. Floerke in seiner MandersAusgabe II, S. 109 und Anmerkungen
Nr. 211-222.
* Kaffaels Loggienbau und Ant. da Sangallo, Vas. Mil. IV, 363; V, 454.
Des Künstlers Laufbahn. 235
zur heutigen Zeit ein allgemeines war, daß sich der Blick unter dem steten
Eindruck neu erstehender Kunstwerke täglich schulte, die Phantasie anregte
und der Geschmack veredelte.
Öffentliche Akademien.
Der bereits besprochene Unterrichtstypus der verbesserten Privatschulen öffentliche
wurde mehr oder weniger getreu von den öffentlichen oder staatlichen Aka^ Akademien,
demien übernommen, nur daß man geregelter, wissenschaftlicher und päda*
gogischer vorging, Zucht und Ordnung beobachtete und daß für entsprechende
Fachlehrer vorgesorgt war. Die italienischen Gründungen (Florenz, Rom,
Bologna) fallen gegen Ende des 16. Jahrhunderts in die Periode des aus«
gesprochenen Doktrinarismus, jene Frankreichs in das folgende.' Der Übergang
vollzog sich nicht ohne Kampf. Die außerhalb stehenden, Gilden und privaten
Schulen zugehörigen Meister befehdeten die offiziellen Inhaber der Lehrstellen,
die sogenannten Akademiker, der Würden und Ehren und etwaiger Aufträge
halber, aber auch hinsichtlich mancher doktrinärer Anschauungen. Besonders
lebhaft gestaltete sich der Parteienkampf in Paris zwischen dem Anhang des
Pierre Mignard und dem akademischen Kreis, an dessen Spitze der erste Maler
des Königs Charles Le Brun stand.
Während nach den italienischen Verfassungseinrichtungen die Ämter regel*
mäßig wechselten, wurden in Frankreich 1668 die Würden des Kanzlers und
Rektors vereinigt und lebenslänglich verliehen. Dies hatte zur Folge, daß
innerhalb der Akademie energisch um die höchste Stelle des premier peinhe du
roi gestritten wurde, daß man gealterte Würdenträger der Verzopfung be*
schuldigte und schließlich, auch seitens der Enzyklopädisten, die ganze aka*
demische Institution als überlebt betrachtete.
Einen erhellenden Einbhck in das Leben und Treiben einer italienischen Accademia
Akademie verschaffen uns die Aufzeichnungen des Romano Alberti über die <-^eJ Disegno
1593 durch Federigo Zuccheri in Rom gegründete Vereinigung.-' An ihrer
Spitze stand der von den ordentlichen Mitgliedern gewählte Principe. Ihm
unterstanden die eigentlichen Mitglieder, Academici utili e honorati, fertige
Künstler, die sich durch Unbescholtenheit und ein anerkanntes Kunstwerk als
würdig erwiesen hatten; dann die fortgeschrittenen Schüler, Academici stu*
diosi, die sich durch eine gute Handzeichnung ihrer Phantasie von der Con*
gregatione secreta die Gutheißung und infolge derselben die Aufnahme gesichert
hatten; und schlief^hch die Anfänger, Academici desiderosi, die verpflichtet
waren, eine talentvolle Zeichnung im Geschmacke des Principe nach einem
hervorragenden Meisterwerk der Vergangenheit oder jener Malereien, die Gefahr
liefen, durch die Ungunst des Wetters zugrunde zu gehen (z. B. Polidoros
' A. Riegl, Die Entstehung der Barockkunst in Kom, S. 157. Die Gründung von
Akademien. — H. Tietze, Annibale Carraccis Galerie im Pal. Farnese, op. cit. p. 56. —
A. Dresdner, Die Kunstkritik I, S. 95 ff.
- Origine et progresso dell' Academia del Dissegno de Pittori, Scultori cd Architctti
di Koma, Pavia 1604. Romano Alberti war Akademie --Sekretär.
di Koma.
234
Des Künstlers Laufbahn.
Lehrer
und
Progmmm.
Fassadenf'resken), dem Kunstrate vorzulegen. Der letztere wurde von dem
Principe gewählt und bestand aus vier Mitgliedern (Consigheri), zwei Malern,
einem Bildhauer und einem Architekten (S. 10). Einer der Beiräte war gleich*
zeitig der Vorstandstellvertreter (Luogotenente).
Die eigentlichen Lehrer waren die durch das Los gewählten zwölf Officiali
oder Assistenti, die je einen Monat Dienst leisten mußten (S. 7). Sie hatten
die Pflicht, die Jungen alle Sonntage zur Messe und Predigt zu führen, dann
eine Art Exhorte zu halten, um sie zu einem friedfertigen und bescheidenen
Abb. 86. Römische Malerakademie nach 1600. Gest. von Francesco Alberti.
Leben zu ermahnen, und jedem einzelnen, je nach Fähigkeit, das Wochen*
pensum zuzuweisen, d. h. genau zu bestimmen, wer das Handzeichnen übe,
wer Köpfe, Hände, Füße, Kartons oder Rehefs zeichne, wer nach der Antike
oder den Fassaden des Polydor arbeite und wer das Naturstudium nach
Landschaften, Häusern, Tieren betreiben solle. Außerdem wurden zur passenden
Zeit Akte (spogliare ignudi) mit Anmut und strenge nach den Verhältnissen
studiert, Modelle aus Ton oder Wachs angefertigt, entsprechend drapiert und
nach guter Manier gezeichnet. Desgleichen wurde Architektur und Perspektive
vorgetragen (S. 7 u. 8).
Diejenigen, welche sich in der Woche besonders gut aufgeführt hatten, er*
hielten für die folgende eine Art Aufsichtsrecht und wurden gleich Assistenten
respektiert. Alle 14 Tage waren die Zeichnungen in den eigentlichen aka*
Des Künstlers Laufbahn. 255
demischen Sitzungen unmittelbar vor dem Hauptvortrage dem Principe vor*
zulegen, der sie beurteilte, korrigierte und die Prämien verteilte (S. 15 u. 16).
Wie eine Illustration dazu erscheint uns eine aus dem ersten Viertel des Academi.i
17. Jahrhunderts stammende Radierung des Pier Francesco Alberti (B. 313), in d'l^ittori.
welcher sämtliche Vorgänge der römischen Academia d'Pittori vorgeführt werden,
und zwar in einer an die «Schule von Athen» gemahnenden Auffassung
(Abb. 86). Lehrknaben und Fortgeschrittene befinden sich in voller Tätigkeit;
von den Unearen Vorübungen angefangen (links. Zeichnen von Augen) bis zum
Zeichnen nach Abgüssen und dem Skelettmann, von dem Geometrieunterricht
bis zur Architektur und Anatomie erhält alles eine ausführliche Darstellung.'
Nur das Nacktzeichnen fehlt.
Uen italienischen Akademien am nächsten verwandt war die 1648 in Paris Frankreich,
gegründete und von den Malermeistern (Mignard) so angefeindete Academie
royale. Schon die Tables de Preceptes des H. Testelin 1675, die sich bis 1747
erhielten, übernahmen alle jene Vorschriften, nur pedantischer, detaillierter und
akademischer ausgestaltet, wie sie die unter dem Vorsitze Le Bruns abgehaltenen
Konferenzen ergeben und festgestellt hatten.^ Um 1749 ward die von Tournehem
und Coypel getroffene Neuorganisation eingeführt, nach welcher die Schüler in
vier Gruppen geteilt waren, in die Academiciens {ßls d'Academiciens}, in die
Grands Prix mit sechs Plätzen für die Eleves proteges, in die Mcdaillisten
und in die Simples eleves.'
Die Aufnahme der Jungen konnte nur durch ein von einem Mitglied der
Akademie ausgestelltes «Billet de protecfiony> erfolgen, eine Bestätigung, daß
der Petent die Elemente des Zeichnens beherrsche. Man begann mit dem
Kopieren nach Meisterzeichnungen, meist männlichen Akten, oder nach Stichen
dieser Art.'*
Die weitere Stufe war das Gipszeichnen, d. h. nach der Antike (Etüde de h Gips-
bosse), das aber bereits in der zweiten Hälfte jenes Jahrhunderts sowohl von der zeichnen,
widerstrebenden Jugend als Last, als auch von einzelnen Professoren als «ver*
derblich» empfunden wurde. Die «repugnance» bildete eine ständige Klage und
bewirkte einen Besuchsrückgang. Erst gegen 1760—1762 unter dem besonderen
Einflüsse Coypels und Caylus überfüllte sich der Antiken*Zeichensaal, so daß
' Pier Francesco Alberti, geb. 1584, f 1638 zu Rom.
■■* Die sechs Punkte waren: le trait, l'expression, les pvopoitions, le cLiir e iobsciir,
ioidonnance, h couleur. Neu abgedruckt in Jouins Conferences. Dresdner. Kunstkritik
I, S. 113. - Über die Gründung ebenda, S. 108.
•■' Jean Locquin, La Peinture d'histoire en France de 1747 ä 1785. Paris 1912, p. 72 und 78.
* Eine von Cochin gestochene Vignette Cl"63). eine Fcolc academique darstellend, zeigt
die Eleven der Elementarklasse (Kopisten), der Gipsklassc und jene des Naturaktes an der
Arbeit, aber immer nach dem Manne zeichnend. Namentlich galten in der ersten Klasse
Stichwerke nach Raffael. Michelangelo und Annibalc Carracci als die besten \'orlagen. wenn-
gleich auch Aktzeichnungen (Originale) von Zeitgenossen, wieHouchardon, Houcher.N'an I.oo,
Fragonard, Amand, Briard, Cochin, Lagrenee, Parroccl. Parizeau, Huet u. a. zum (k-brauch
herangezogen wurden. (Locquin op. cit. p. 73.) - Diese Prinzipien fanden auch im häus»
liehen Unterrichte Nachahmung; siehe Chardins Gemälde '^le Dessinateur^> (11 de Roth
Schild) oder dessen «Gipszeichncr-», gest. v. I.e liis.
236
Des Künstlers Laufbahn.
ein zweiter eingerichtet werden mußte. Allein der Kampf von Seite der
Enzyklopädisten gegen die Gipskunst dauerte ununterbrochen an.^
Aktzeichnen. Den Abschluß bildete das Aktzeichnen nach der Natur, «L'Academie,
La Nature», und zwar nur nach dem männlichen Körper, der von den Lehrern
kunstvoll gestellt wurde. Das Crayonzeichnen (Kohle, Kreide, Rötel) war dabei
Abb. 87. Die Pariser Akademie, nach G. de Saint'Aubin.
die wesentlichste Aufgabe; der Pinsel durfte erst Anwendung finden, wenn man
sich an den ersteren satt gearbeitet hatte. Das Kolorit erlernte man mehr oder
weniger auf eigene Faust durch Kopieren der Meisterwerke im Louvre.^
Ein treues Abbild des Aktsaales der Academie royale de Peinture bietet eine
Zeichnung des Gabriel de Saint* Aubin, die gelegentlich eines Besuches Chri*
stians VII. von Schweden um 1768 entstand (Abb. 87).-^ Amphitheatralisch
' Locquin, op. cit. p. 72. * Ibid. p. 81.
^ Coli. Ch. Pardinel. Gewischte Kreide. Aus: Soc. de Reprod. des Dessins de Maitres 1913.
Des Künstlers Laufbahn.
237
sitzen die Zeichner um das Gruppenmodell, das einen Totschlag posiert (Kain
und Abel oder Herkules) und von einer großen Schirmlampe — das Zeichnen
begann um 5 Uhr — Beleuchtung erhält. Rechts der Schwedenkönig als Be*
Sucher mit Suite und darüber die unvermeidhche Gloire. Die Wände sind
mit Bildern und Zeichnungsvorlagen dicht bedeckt.
Während man im ganzen über drei offiziell angestellte männliche Modelle ver#
fügte, war das weibliche strenge verboten (siehe: Modelle). Erst 1759 gestattete
man dessen Zulaß, natürlich bekleidet, als das von Caylus gestiftete Preis zeich«
nen für seelischen Ausdruck (Tetes d'Expression) es erheischte, einmal im Tetes d'Kx^
Jahre und in der Dauer von drei Stunden (Abb. 88).^ pression.
Von theoretischen Studien waren auch hier wie in Italien Geometrie,
Perspektive und Anatomie vorgeschrieben. Die Perspektive, mehr vom Perspektive.
Standpunkte einer geometrischen Wissenschaft als in praktischer Weise doziert,
fand bei den Kunstjüngern wenig Beifall. Der immer wohlwollende Caylus
schrieb 1764 zur Aneiferung einen Prix de Perspective aus, aber es stellten
sich nur fünf Bewerber ein. Man beschuldigte die schlechte Methode, wechselte
die Lehrer, aber ohne ersichtlichen Erfolg.
Ebenso leidlich stand es um die Anatomie. Man sandte die Eleven bis Anatomie.
1776 in die Ecole de Chirurgie, um die Vorlesungen zu hören, d. h. die eben
wollten. Als Hauptbehelfe dienten die Squelettes und die Ecorches,
Muskelmänner nach Modellen des Bouchardon oder Houdon in farbigem Wachs
hergestellt, oder anatomische Atlasse. Dabei wurde empfohlen, dieselben mit
guten Antiken sowie mit gemalten oder skulpierten Figuren neuerer Zeit wohl zu
vergleichen und sie besonders beim Modellzeichnen heranzuziehen. Aber die
Klage über die gleichgültige und geringschätzige Auffassung dieser Disziplin
als eine trockene und wenig angenehme Kenntnis verstummte nicht im 17. und
18. Jahrhundert. Watelet und Levesque kämpften noch 1792 gegen diese
Vernachlässigung.^
Mit der Neuorganisation von 1749 setzten zum ersten Male die offiziellen Historie.
Vorlesungen über Geschichte, Fabel und Geographie ein, die in der
vorhergehenden Zeit während der Zwischenpausen durch Ablesen einzelner
Kapitel oder gar nur durch Privatlektüre gepflegt wurden. Die beiden ersten
Disziplinen hatten die Aufgabe, die Phantasie anzuregen und zu bilden, aber
auch zur Komposition hinüberzufuhren. Bernard Lepicie ließ stets im Anschluß
an ein durchgenommenes Thema Kompositionsskizzen arbeiten. Die besten
Zeichnungen wurden ausgewählt und in einer Mappe chronologisch eingeordnet,
so daß schließlich eine Art illustrierter Geschichte entstand.-'
Der Abschluß staatlicher Ausbildung, doch nur für die «Proteges», erfolgte Komrcisc.
in Rom in der von Ludwig XIV. gegründeten und von Charles le Brun
eingerichteten Academie de France, gegen die in der zweiten Hälfte des
18. Jahrhunderts gleichfalls heftige Stimmen seitens der Enzyklopädisten laut
wurden. Man stritt leidenschaftlich. Der Kampf gegen den Acadcmisme, in
* Nach Locquin befindet sich die Originalzcichnung, datiert vom Jahre 1762. im
Louvre und stellt La Douceur dar; abgebildet und beschrieben im Katalog: CoUcction
des Goncours, Paris 1897, Nr. 54. Ausschnitt.
- Dictionnaire des Arts de Peinture I, 76. ' Locquin, op. cit. p. 88.
25S
Des Künstlers Laufbahn.
dem man gleichzeitig das Königtum und alle konservativen Elemente treffen
wollte, wurde auf der anderen Seite von den Ästheten aufgenommen und die
Literatur für und gegen Italien, die Herabsetzung und Verteidigung Raffaels,
Renis, Guercinos, Tizians vom Standpunkte einer heute kaum verständlichen
Doktrine wuchs ins Ungeheuerliche.^
Abb. 88. Kopfpreiszeichjien. Nach Cochin fils.
Deutsche
Akademien.
Nach dem Pariser Vorbilde entstanden im Verlaufe des 18. Jahrhunderts in
den größeren Städten Frankreichs nicht weniger als 36 Ecoles oder Academies
de Beaux Arts.-
Uie französischen Akademien beeinflußten wieder jene der übrigen nordischen
Länder. Daniel Gran spricht 1751 nach der Umgestaltung der Wiener Akademie
' Algarotti, CEuvres, Berlin 1772.
'^ Locquin, op. cit. 115—117.
Dresdner I, S. 117 ff., S. 252 ff.
Des Künstlers Laufbahn. 259
als von «diesser französischen Neyen Accademiae».^ Der in Deutschland noch
lange zopfig gehandhabte Zunftzwang hatte nicht wenig dazu beigetragen,
daß die von Italien heimgekehrten Künstler in wiederholten Ansuchen bei den
Behörden und durch gesetzwidriges Verhalten die Trennung von den kunst^:
gewerblichen Gilden und freiere akademische Einrichtungen durchzusetzen
suchten. Man gab sich schon zufrieden, wenn die Erlaubnis zur Errichtung
von Privatakademien, d. h. von Vereinigungen fertiger Künstler und Kunst*
freunde erteilt wurde. Auf diese Weise entstand z. B. 1662 die von einigen
Liebhabern und Künsdern gegründete Nürnberger Akademie, die erste in
Deutschland, mit Joachim von Sandrart als Direktor.- Anfangs wurden die
Übungen in dessen Wohnung abgehalten, später erst in dem ehemaligen
Barfüßerkloster, um gegen Ende des Jahrhunderts wieder aufzuhören. Erst
1703 erfolgte die Gründung einer Städtischen Akademie mit dem ersten
Direktor Joh. Daniel Preissler.
Ihr wesentlicher Unterricht bestand im Aktzeichnen während der Winter* Unterrichts^
monate. Nach einem halbjährigen Kurs hatte jeder «Scholar einen akademischen normen.
Riß mit Unterschreibung seines Namens zu hinterlassen», um eventuelle
Prämia zu erreichen. Diese Halbheit eines Instituts bedurfte einer Ergänzung
und schon im nächsten Jahre, wieder auf Betreiben Preisslers, wurde «die
kleinere Zeichenschule» für Knaben und Handwerkerlehrlinge gegründet.^ Die
erste Klasse hatte das Elementarzeichnen, die zweite die Gemütsbewegung,
auch von denen Armen, Schenkeln und Leibern, die dritte die Proportion
der Figuren nach römischen Statuen und anderen guten Zeichnungen und die
vierte das Zeichnen nach dem Leben mit Vorlegung körperlicher Dinge als von
Wachs oder Gips, und jedesmal zu Ende eines Monates einige Unterweisung
von der Anatomia zu traktieren.
Einen ähnlichen Verlauf aus dem Jahre 1656 berichtet Houbraken von der Holland.
Haagener Akademie. Zuerst Trennung von den Glasmachern, Sesseltischlern
und Buchbindern, dann Vereinigung und Einzug in den obersten Stock der
Butterwage, später in vier Räume der Kornbörse, die ihnen vom Stadtrat zur
freien Benützung überlassen wurden. Der rasch und scharf satyrisch gegen die
ehemaligen Brudergilden ausgeschmückte Hauptsaal diente als Vcrkaufslokal, der
zweite als Versammlungsort, der dritte als Zeichenschule. ^
Diese Beispiele mögen genügen. Die Entwicklungsgeschichten der nach
und nach allüberall erstehenden Akademien, die uns heute in mehr oder
weniger dicken Bänden vorliegen, enthalten eine Lulle kunst* und kultur*
historischen Materiales und verdienen alle Beachtung. Hing das absolute Gedeihen
' Kunib. Zimmctcr, Michel und Franz Unterberger, Innsbruck 1902, S. 19. - WilÜAm
Hogarth erzählt, daß die in der Queen Street von einigen Malern begründete Akademie
die in Frankreich gebräuchlichen Formen nachahmte (Hogarths Aufzeichnungen, deutsch
von M. Leitner, Berlin 1914).
- Beiträge zur Kunstgesch. Nürnbergs von Josef Baader (in: Zahns Jahrbücher I. 263).-
Ferner G. A. Will. Geschichte der Nürnbergischen Malcrakademic. Altdorf 1762.
' J. Baader, op. cit. S. 266. - Georg Schrötter, Die Nürnberger Malcrakademic und
Zeichenschulc, Würzburg 1908. S. 16 ff.
* Houbraken. Schouburgh. Quellcnschr. f. Kunstgesch. XI W S. 106.
240 Des Künstlers Laufbahn.
der Kunst, wie Holland bewies, auch nicht von der Pflege der Akademien
allein ab, so waren deren Einrichtungen für manche Länder und Zeiten doch
die einzige Form von Kunstbetätigung und ihr Aufstieg und Verfall hielt
Schritt mit der lokalen Kunstentwicklung. Sie bildeten Gradmesser der offiziellen
Förderung. Wenn 1750 an der Wiener Akademie der 80 jährige Meytens als
Direktor und ein k. k. Hofvergolder und Spaliermaler als Vizedirektor ange*
stellt werden sollten, was nur durch den Protest der Professoren verhindert
werden konnte, so will dies sagen, daß zu jener Zeit die Wahrnehmung
öffentlicher Kunstinteressen nicht allzu ängstlich aufgefaßt wurde. ^ Es war für
die damaligen österreichischen Maler ein Glück, daß die Klöster anders dachten.
Gehilfen = und Wanderjahre.
Ihr Beginn. Nach Absolvierung der Lehrjahre erfolgte, falls man nicht bei demselben
Meister weiterhin verbleiben wollte, die vorgeschriebene Wanderschaft. Deutsche
Zunftordnungen bestimmten sogar die Anzahl der Jahre ^ und machten davon
die Bewerbung um die Meisterschaft abhängig. Die fahrenden Gesellen und
Malerknechte gingen oder ritten in die Welt, lernten Städte und Länder kennen,
traten des Erwerbes halber bald da bald dort bei fremden Meistern in die
Lehre und arbeiteten so an ihrer weiteren Ausbildung. Cennini weiß noch
nichts von dieser segensreichen Unstetigkeit zu erzählen. Nach ihm verbleibt
man nach sechs Lehrjahren noch weitere sechs Jahre in der Werkstatt und
betätigt sich mit an Tafeln und Fresken, macht praktische Versuche im Malen,
Ornamentieren, Goldgewändermalen und übte unermüdUch das Zeichnen
(Kap. 104). So die mittelalterliche Zucht. «Wenn du verdienen willst, reise
nicht, sonst geht alles darauf. Will man Ehre von der Kunst haben und die
Kunst gut ausüben, muß man ansässig bleiben», lauten die Ermahnungen eines
biederen Glasmalermeisters aus dem 14. Jahrhundert.^
Florenz, Im Quattrocento nahm der Wandertrieb freiere Formen an und wuchs sich
Rom, in den folgenden Jahrhunderten mehr und mehr zu einer unabweisbaren Not*
Venedig, wendigkeit heraus. «Eine Zeitlang Werke von der Hand verschiedener Meister
ansehen», heißt es bei Leonardo (§ 47). Die Biographien der einzelnen Künstler
geben von nun ab ein buntes, schicksalsreiches, mitunter abenteuerliches Bild.
Innerhalb Italiens waren bis zum Ende des 15. Jahrhunderts Rom und Florenz,
im weiteren Verlaufe mehr Rom das Hauptziel aller. Vasari, der Vertreter der
Antike, der Kunst Michelangelos und Raffaels, verzeichnet genau, wer die Zen?
trale besucht hat. Hier erst begann das Gran studio nel disegno. Nichtsdesto*
weniger wurden durch den Einfluß der Eklektiker auch oberitahenische Städte
wie Parma und Venedig zu allgemeinen Zielpunkten."* Die Carracci empfahlen
ihren Schülern, so wie sie selbst getan, sich bei den beiden Hauptmeistern die
' C. V. Lützow, Gesch. d. k. k. Akademie d. b. K., Wien 1877, S. 27 ff.
* Nach der Leipziger Malerordnung von 1577 z. B. zwei Jahre (Beiträge z. Kunst=
gesch. II, 1879, S. 67).
' Traktat des Meisters Antonio von Padua über die Glasmalerei (Robert Brück, Rep.
f. Kw. 25. S. 262).
* Annibalc an Lodovico, Parma 18.4. 1580 (Guhl II, 38).
Des Künstlers Laufbahn. 241
große Kompositionslinie, bei Correggio die Anmut und bei Tizian den Farben^
Zauber zu holen. Weil die kunstfrohe Jugend meist mittel* und unterstandslos
in Rom anlangte, so suchte sie durch Empfehlungen Hilfe und Unterkunft
und fand dieselbe auch vielfach in Klöstern oder bei geistlichen Würden*
trägem.^
Die Betätigung als Gehilfe (socii, consocii, lahorantes) entsprach nicht immer Beschäftig
dem heißen Streben nach Vervollkommnung, denn das Einerlei von Über* g"ns-
tragen, Kopieren, Untermalen, Fertigmachen von Architekturen und Land*
Schäften, Gewändern und Beiwerk füllte oft ihre Tage aus.- Alessandro Tiarini
malte bei einem unbedeutenden Porträtisten, Ceci genannt, an Bildnissen nur die
Hände (Malvasia IV, 183). Zweierlei suchte ein jeder zu erreichen, künst*
lerische Komposition und glanzvollen Kolorismus. Als Vorübung zur ersten
galt es, die vorbereitete Zeichnung oder gar nur den Entwurf des Meisters
auf der zu bemalenden Fläche fertigzustellen, den Karton nach der Skizze zu
zeichnen oder kleine Aufträge nach eigenen Erfindungen auszuführen. '
Die Entlohnung für zeichnerische und malerische Dienstleistungen beruhte Entlohnung,
nur auf gegenseitiger Abmachung und richtete sich nach dem Geschäftsgange,
nach Stadt und Werkstatt. In dem Kontrakt Fra Angelicos mit der Domopera
in Orvieto vom 14. Juli 1447 werden dem Meister 200 Dukaten Jahresgeld
und dem Consocius Benozzo monatlich sieben Dukaten zugesprochen, während
die anderen Gehilfen einen oder zwei erhielten.' Tizian verlangt für seine Helfer
vier Dukaten, erwirkt aber nur drei.'^ Guido Reni mußte sich noch als Zwanzig*
jähriger den Carracci verpflichten, einzelne bei ihnen bestellte Bilder für sie zu
entwerfen (shozzare), zu untermalen (campire) und fertigzumachen, und zwar
ohne jedes Entgelt; sie dagegen versprachen, ihn zu verpflegen, ihm den Lohn
kleinerer Arbeiten zu überlassen und den vollen Preis jener, welche ihm
anderweitig direkt übertragen würden.'' Bei der Ausschmückung weitläufiger
Innenräume bediente man sich der in den Herbergen auf Arbeit wartenden
Gehilfen und lohnte sie selbst tagweise. Stets hielten sich in Rom junge fremde
Künstler auf, die sich für Taglohn (agiornate) verdingten, um zu lernen und
zu verdienen.' In kleinen Werkstätten zahlte man oft nur 1 bis 2 Tcstoni
(1 ^2 bis 3 Lire) pro Tag.^
Dabei gab es vielfach Streit zwischen Meister und Gesellen und laute Klage Konflikte,
über die Habsucht der ersteren, so daß, wie die Viten melden, aus diesem
Grunde der Wechsel von mithelfenden Kräften ein beständiger war.'' Auch
allerlei andere Ursachen wie künstlerischer Ehrgeiz führten zu Konflikten. So
■ So Reni und Albani im Kloster d. h. Praxidis (Passcri, p. 324).
- Passeri, S. 322. - Mander = Floerke I, 293.
^ Malvasia IV, 5: Guido Reni bei Dionys Calvaert und ibid. 1\', 7; Reni bei den
Carracci.
* M. Wingenroth, Die Jugendwerke des Benozzo Gozzoli, Heidelberg 1897. S. S und
Della Valle, Storia d. Duomo di Orvieto, p. 125 und 309.
^ Guhl I, 264.
^ Malvasia IV. 7. - Ähnliche Bedingungen erfuhr Jan van Scorel (Mandcr-Hocrke I. 267).
• Vas. Mil. VII. 84.
*• Malvasia IV. 185 ff.
" A. Camassei bei Domenichino, Passeri, S. 185.
Meder. Uic Handzeichnung. iO
242 Des Künstlers Laufbahn.
kam es zwischen Taddeo Zuccheri und dem in seiner Werkstatt arbeitenden
jüngeren Bruder Federigo zu MißheHigkeiten, weil sich der letztere keine Korrekt
turen beim Freskenmalen gefallen lassen wollte. Das weitere Dienstverhältnis
konnte nur dadurch aufrecht erhalten werden, daß man ausmachte, Taddeo
dürfe als Meister wohl die Zeichnungen und Kartons verbessern, nie mehr
aber die Ausführung, es sei Tempera oder Fresko.'
Nordische Weit schlimmer erging es den nordischen Gesellen, die auf ihrer Wanderung
Wanderer, j^ ^Jer engeren und weiteren Heimat bloß des lieben Unterhaltes willen bei
dem Erstbesten, oft in kleinen Städten, Dienst nehmen und roboten mußten.
Die Arbeiten hatten bisweilen kaum etwas mit Kunst zu tun; stand ihnen auch
die Tür offen, so konnte sie im nächsten Ort ein gleiches Schicksal erwarten.^
Fahrten ins italienische Land, und zwar bis Rom, fanden seitens nordischer
Künstler schon frühzeitig statt. Waren es auch in erster Linie Pilgerreisen
Seelenheiles halber, so hatte man auf diesen Wanderungen von Stadt zu Stadt
doch vielfache Gelegenheit, Kunstdinge kennen zu lernen. Meister Bertram, Maler
und Bürger von Hamburg, pilgerte 1390 «zum Tröste seiner Seele» nach Rom.''
Und wenn man sich den streng religiösen Anstrich der alten Gildeneinrichtungen
vor Augen hält, so mochte sich dies wohl öfter ereignet haben. Roger van
der Weyden machte dort 1450 das Jubiläum mit. Jan van Scorel besuchte
außer Rom sogar Jerusalem.
Ver; Es gab aber noch andere Ursachen. Die frühe Vorliebe der Italiener für
anlassung. nordische, namentlich niederländische Feinmalerei erweckte lebhafte Beziehungen
in Handel und Wandel. Man fand sogar Aufträge; Hugo van der Goes malte
für Sta. Maria Nuova in Florenz, Jodocus van Gent arbeitete in Urbino und
in den Zunftbüchern Oberitaliens aus dem Quattrocento finden sich manche
Namen mit dem Zusatz: todescho oder d'Alemagna. Wanderten deutsche
«Malerknechte» auch gerne an den Rhein oder in die Niederlande, so gab,
zumal im 16. Jahrhundert, die Sehnsucht nach dem Süden der Mehrzahl Ziel
und Richtung. Und hatte Dürer auf seiner ersten, über vier Jahre währenden
Gesellenfahrt auch in Straßburg und Basel Beschäftigung gesucht, so zog es
ihn kurz nach seiner Heimkehr gleichfalls südwärts. Nicht bloß der Reiz
einer neuen fremden Kunst und deren lebendiger Betrieb, sondern auch die
weniger beschränkenden Einrichtungen Italiens gegenüber den unleidlichen
deutschen Zunftverhältnissen lockten die Unternehmungslustigen hinaus. Artikel
wie: Jeder Geselle habe zuerst eine zweiwöchige Probe zu bestehen und es
sei ihm strenge verboten, selbständige Arbeiten zu übernehmen;* oder jener:
«Wenn ein frembder gesell anhero gewandert kombt, soll er bey dem Ober?
meister sich angeben, undt welcher Meister am lengesten keinen gesellen gehabt,
dem soll er zue arbeitten schuldigk sein,» waren nicht darnach, künstlerisch
viel profitieren zu lassen.^ Auch Bildhauer und Bildgießer zogen dahin.
' Vas. Mil. VII, 89. ^ Mander.Floerke I, 377, 379.
" «Ik Bertram malre hebbe willen to wanderne to Rome to tröste miner zele» (H. Heus
bach, Die Hamburger Malerei unter Meister Bertram, Jhb. d. kunsth. Institut, d. k. k. Zentral?
kommission 1916, S. 172).
* M. Pangerl, Das Buch der Malerzeche in Prag, S. 82.
^ Leipziger Malerordnung, op. cit., S. 68.
Des Künstlers Laufbahn. 243
Hermann Vischer, Peters ältester Sohn, ging «kunsthalb auf seinen eigenen
Kosten gen Rom und bracht viel künstliche Ding, die er aufgerissen und
gemacht hat, mit» (Neudörffer). Einen besonderen Anziehungspunkt bildete
Venedig. Dürer fühlte sich hier als Zentüatn und verlängerte gerne seinen
Aufenthalt. Später ließen sich J. Heinz und Rottenhammer nieder und richteten
sich häuslich ein. Die Sadeler hatten daselbst ein Kunstgeschäft und unterhielten
lebhafte Verbindungen nach dem Norden hin.
Die angenehmste, leider seltene Veranlassung zu Romreisen gaben die
Gnadenakte einzelner kunstsinniger Regenten, die ihre Günstlinge zur weiteren
Ausbildung nach Itahen sandten (Jos. Heinz durch Rudolf II.).
Seit P. Brueghel d. Ä. war die Romfahrt auch in den Niederlanden Niederlande,
offiziell geworden.^ Rom und Florenz waren im 16. und 17. Jahrhundert die
Städte, wo es Akademien und Schulen, Modelle aller Art, Anregung, Aufträge
und Unterhaltung gab; Die Zeiten waren damals gut und das Geld hatte
besseren Umlauf (Passeri). Vlamen und Holländer suchten schon auf der
Wanderung durch Deutschland, Belgien oder Frankreich Stellung und Arbeit.
Einen längeren Aufenthalt bot Mailand, Venedig, Bologna, Florenz. Karel van
Manders Biographien gestatten hier reiche Belehrung.- Man wanderte gewöhn*
lieh paarweise oder auch in größerer Gesellschaft und trug im Reisesack eine
Empfehlung an landsmännische Meister, die sich in Italien ansässig gemacht
hatten, um als Geselle eintreten zu können.
In Rom wohnte man in einem Stadtviertel dicht beisammen und fand in Landsmann;
den landsmannschaftlichen Vereinigungen Bekanntschaften, Wege zu Tätigkeit schaftcn.
und Aufträgen, aber ebenso Gelegenheit zu allerlei Unfug. Die italienischen
Kompagnien gaben verlockende Beispiele, wie sie uns Vasari z. B. in den fest*
liehen Zusammenkünften und läppisch* verschwenderischen Schmausereien der
Compagnia del Paiolo und in jener des Cazuola auf das ausführlichste schil*
dert.-' So herrschte auch ein feuchtfröhliches Kneipleben in der holländischen
Bruderschaft der «Bentvögel», deren Betätigung im Vereine mit leichtlebigen
Burschen und Soldaten selbst damals auffiel (Abb. 89).'' Besonders ausgiebig
wurde die Ankunft eines neuen Kameraden in Rom gefeiert. Derselbe hatte
in der Vereinsherberge einen Schmaus zu geben, wobei ein jeder seine Zeche
zahlte, aber ein empfindliches Plus doch dem Gastgeber zufiel. Dergleichen
«Tauffeste», so genannt, weil der Ankömmling hier einen Kneipnamen erhielt,
dauerten wenigstens 24 Stunden, ohne daß man vom Tisch aufstand.' Mander
' A. Riegl, Die Entstehung der Barockkunst in Korn. S. 157: Die Romfahrten.
^ Mander; Floerke I, 379. - Dokumentarische Nachrichten über flandrische Wandere
künstler im Rep. f. Kw. XXXVII, 243: Walter Bombe. Flandrische Maler d. 16. Jahrh. in
Perugia. — G. J. Hoogewerff, Nederl. Schilders in Italic en de XVI de ccuw. Amstcrd. 1912.
— Bescheiden in Italic omtrent Nederl. Kunstenaars en geleerdcn II, 1913. Inlcid. bh. 4 — 17.
=> Vas. Mil. VI, 610 f.
* Z. a. M. Berlin II, 265. Lavierte Feder. Verlag Grote. Berlin. 203 X 259 cm. Auf der
Rückseite. Peeter Bamboots pittoor Haarlem. - G. J. HoogcwerH', De Stichting d. nederl.
schilderbent te Rome. (In: Feest; Bündel A. Bredius aangeboden. Amsterd. 1915. p. 111.
117.) — Hoogewerff schreibt die Zeichnung dem Schulkreise Lacrs zu. Lacr. genannt
Bamboccio, kam 1626 nach Rom, wo er 16 Jahre blieb.
•' Passeri. S. 61.
16'
244
Des Künstlers Laufbahn.
Verwildes
rung.
warnt in gebundener Sprache seine jungen Landsleute vor Rom, das zwar die
Hauptstätte aller Malkunst, aber auch der Verschwender und verlorenen Söhne
sei, die Hab und Gut durchbringen. ^ Einen deutschen Bericht mehr gesitteten
Inhalts erfahren wir über G. Ph. Rugendas, der 1693 nach Rom ging, «wo er
die alten Trümmer und die Antiquen mit unendlichem Eifer nachzeichnete,
Akademien besuchte und unter die Zahl der sogenannten Bande aufgenommen
ward, mit der Benennung alias Schild».^
Die italienischen Meister hatten ihre liebe Not mit der zügellosen Jugend.
Die Zeit Cenninis, wo man sich zum Eintritt in die Kunst mit dem Kleide
Abb. 89. P. de Laer (?), Kneipe der Bentvögel. Berlin.
der Liebe, Gottesfurcht, Ausdauer und des Gehorsams schmücken sollte, war
längst vorbei und das an Sitten Verwilderung reiche 17. Jahrhundert machte
sich in jeder großen Werkstatt geltend. Besonders Anschauliches berichtet
Malvasia von dem Treiben der Malergesellen in Guido Renis Atelier: «Die
Menge der Schüler, aus allen Ländern stammend, bildete mit ihren verschieden*
artigen Sprachen und Sitten eine sonderbare und ergötzliche Vereinigung aller
Nationen in einem einzigen Hause; sie betäubten in ihrem aufdringlichen
Gemisch, das meistens in Gegensätze, Reibereien und Frechheiten ausartete,
' MandersHoecker, p. 45, Vers 66.
- J. C. Füessli, Leben G. Ph. Rugendas und J. Kupezki, Zürich 1758.
Des Künstlers Laufbahn. 245
stets den Meister und hielten ihn in seiner Arbeit auf. Sie zerschlugen ihm
bedeutende Bilder oder legten heimlich von den schönsten, wie von dem Raub
der Helena, Kopien an, wie es Vignali in drei Nächten tat, nachdem er den
Saalhüter der Academia della Porte, wohin es der Meister zum Schutze vor
ihrer Habgier hatte bringen lassen, mit Geld bestochen hatte, und ruinierten
ihm Entwürfe, die noch einer Verbesserung und Veränderung fähig gewesen
wären, mit Scheidewasser» (Malvasia IV, 32).
Geregelter und besser überwacht verliefen die Studienjahre der nach Rom Stipendisten,
an die Academie de France gesandten Stipendisten (Pensionnaires), die zu
Historienmalern ausgebildet w^erden sollten. Ein bestimmtes Programm, je nach
dem Direktorat, hatte die Eleves peintres ihrem Ziele zuzuführen: fleißiges Ko?
pieren der Hauptmeister, mehr durch Malen als durch Zeichnen, jeden Abend
zwei Stunden Aktstudium und schließlich Übungen nach der Antike, dem
Houdonschen Skelettmann und in der Perspektive, wie sie Pozzo lehrte.''
Gab es auch vereinzelte Stimmen wie die des Marquis d'Argens, der in
seinen Reflexions critiques sur les differentes Ecoles de Peinture 1752 gegen
die Anschauung eiferte, daß man nur durch einen römischen Aufenthalt die
höchste Vervollkommnung erreichen könne, so verhallten dieselben in dem
großen Drang nach dem Süden. Die Überlieferung von den Wundern Italiens
allein wirkte von einem zum andern ungeschwächt fort, ob nun die im
weiteren Verlaufe seitens einzelner Staaten gegründeten Pflegestätten und ges
stifteten Stipendien und Preise mithalfen oder nicht.
Meistertum.
LJer Titel Magister, Maestro, Mastro, und zwar gewöhnlich in Ver« Titulaturen,
bindung mit Pittore, Depintore, hatte im Mittelalter und weit herauf seinen
guten Klang und spielte in allen Verträgen und Gutachten eine wichtige Rolle.
Man trug darin nicht nur die errungene Würde zur Schau, die an und für
sich und noch mehr im Anschlüsse an die Kollegen eine bedeutende Summe
von Gerechtsamen enthielt, sondern steigerte dieselbe noch durch die Berufung
auf den eigenen Lehrmeister. Italienische Dokumente geben Titulaturen wie:
Maestro Priamo di maestro Piero da Siena,- oder Signore Giovanni Biliverti,
allievo et discepolo del Cigoli," wefl es als geschäftliche Empfehlung galt, aus
guter Schule hervorgegangen zu sein. Man gibt sogar berühmte Akademien
als Lehrstätten an, ohne daß man sie gesehen, wie es Domcnichino von dem
lügenhaften Agostino Tassi berichtet.*
Als man nicht mehr zünftiger Meister, sondern Künstler sein wollte,
bürgerte sich der Titel Signore ein. Schon in einem Briefe Michelangelos
an seinen Neffen vom 2. Mai 1548 wird allen Ernstes der Wunsch laut, von
der Aufschrift: An Michelangelo, Bildhauer, abzusehen (Lettcrc, Mil. 225).
' Locquin, op. cit. p. 96 ff.
^ Documenti Senesi (Milancsi) II, p. 206: Allogazione von 1442, oder p. 137.
^ Tanfani Centofanti, Notizie di Artisti tratte dai documenti pisani, Pisa 1897. p. 237.
Ricordo vom Jahre 1625.
* Passcri, S. 1 17.
246 Des Künstlers Laufbahn.
Während Lodovico Carracci 1606 noch die weitläufigen Titulaturen, welche
ihm der interessierte Atelierfuchs Ferrante Carlo widmet, ablehnt, verlangt er
zwölf Jahre später dem Canonicus Dolcini gegenüber «Signore» statt
«Messer» und «Illustre» statt «Magnifico».^ Er selbst unterläßt es nie,
von Malern anders als von Signori zu sprechen.^ Und als man gar nach
dem Cavaliere strebte, geiselte Salvatore Rosa, selbst nicht frei von eitler
Ruhmsucht, in seiner Malersatyre diese Zeitschwäche.
Für uns erscheint es heute sonderbar, daß Meister bei dem Wechsel ihres
Berufes noch ihren früheren Stand, worin sie zum Meister wurden, bei*
behieken, selbst wenn sie nach unserer Anschauung in der Kunst aufstiegen.
Der als Architekt von Neapel nach Siena berufene Lando (Orlando di Pietro)
wird in dem Vertrag vom 3. Dezember 1339 und in Rechnungen immer nur
Aurifex genannt.^ Francesco Francia zeichnet seine Tafelbilder gleichfalls
mit Aurifex.
Deutschland. In Deutschland und den Niederlanden galt ausschließlich «Meister»,
immer in Verbindung mit dem Vornamen und der nachgesetzten Berufsart:
Meister Bernhard, der Maler (Barent van Orley), Meister Dietrich, der Glas==
maier; oder, wenn es nicht ansässige betraf, mit Hinzufügung ihrer Heimat:
Meister Stephan zu Cöln (Stephan Lochner), Meister Jakob von Lübeck.
Standen die Maler in Herrendienst, was in Deutschland selbst an den kleinsten
Höfen und Schlössern guter Brauch war, so erhielten sie als Attribut selbst
den Namen ihres Brotgebers: Meister Jakob, des von Rogendorffs Maler.^
Rechte und Da der Titel Meister sowohl die Lehrberechtigung (c/ie insegna la propria
Pflichten, professione, Baldinucci Voc.) als auch die Gewerbebefugnis (padrone. di bottega)
in sich schloß, so ging man in den Jahren strenger Observanz äußerst peinlich
in der Verleihung dieser Gerechtsame vor, um das geschäfthche Gedeihen
aller und jedes einzelnen zu wahren. Die vorgeschriebene Lehrzeit, nach
Ort und Zeit stets wechselnd, die Ablieferung eines oder mehrerer Meister:^
stücke, die Prüfung im Gildenhause wurden genau überwacht und ebenso die
Beobachtung der kulturellen Vorschriften und eines guten Leumundes.
Meisterstück. Italienische und deutsche Statuten geben hierüber verschiedene, aber stets
präzisierte Paragraphen. Die Malerordnung von Straßburg (1516) verlangte
z. B. drei Meisterstücke: ein Marienbild in Öl, eine Kreuzigung Christi in
Leimfarbe und die Bemalung einer Marienstatuette, womit das «Fassen, Pro?
nieren, Vergulden und Lasieren» erwiesen werden sollte, Erfahrungen, die bei
der Aufstellung von Altären mit Schnitzwerk allzeit erforderlich waren.^
Selbst approbierte Meister hatten bei Übernahme von Aufträgen in fremden
Städten neuerdings ein Probestück zu leisten.*"'
* Malvasia III, 459 enthält das Entschuldigungsschreiben des Prälaten Agucchi.
'•' Guhl II, 56. - Dresdner über das Titulieren in: Kunstkritik I, 302, n. 49, 50, 51.
' Documenti Senesi (Milanesi) I, 228.
* Dürers niederländische Reise bietet hiefür zahlreiche Beispiele, Lange und Fuhsc,
S. 128, 136. 140, 159.
■' M. Pangerl, op. cit., S. 17. - Auch die Leipziger Malerordnung von 1577 (Beiträge
z. Kunstgesch. II, S. 68) führt die Themen ausführlich an.
'"' So Pieter Vlerick in Tournay (ManderoFloerke I, 389).
Des Künstlers Laufbahn. 247
Zum Schutze des einzelnen und besonders des wirtschaftlich Kleineren Schutz^ und
fixierte man Kapitel, welche die Anzahl der Gehilfen' und Lehrknaben, die Abwehr.
Verteilung und Übernahme von Aufträgen innerhalb des Zunftbezirkes fest? ^^'^regeln.
stellten und einschränkten, so daß sich eine Art sozialdemokratischer Gleich*
heit entwickelte, die zwar das Handwerk, aber nicht die freie Kunst zu fördern
in der Lage war. Insbesondere schuf man eine scharfe Zollgrenze gegen das
Eindringen auswärtiger Konkurrenten und fremder Ware. Es gab Abwehr*
maßregeln, die nur Einheimischen das Meisterrecht verliehen, ^ und wieder
andere, die demjenigen, der einen Auftrag im fremden Bereiche auszuführen
hatte, einen vorübergehenden «Einkauf» in die Ortszunft und eine Sicher*
Stellung in Geld vorschrieben.^ Trotzdem mußte er noch auf allerlei Schwierig*
keiten und Hindernisse gefaßt sein, die sogar in Feindseligkeiten ausarten
konnten. Ehrgeiz und rücksichtsloser Brotneid spielten so manchem Künstler
auf seinem Lebensweg oft recht unerquickliche Streiche. Als Dürer 1506 in
Venedig das Rosenkranzbild zu malen hatte, scheint er — so wie später
Fed. Zuccheri — derartige üble Erfahrungen seitens der dortigen Maler ge*
macht zu haben: «Ich habe sehr gute Freunde unter den Walchen, die mich
warnen, mit ihren Malern zu essen und zu trinken.» In einer anderen Brief*
stelle: «Die Edelleute wollen mir alle wohl, aber wenig Maler. »^ Es gab
endlose Prozesse und Streitigkeiten innerhalb und außerhalb der Gilden, die
nicht einmal durch die vielen Paragraphen verhindert werden konnten. Mander
erzählt von seinem Lehrer Pieter Vlerick, daß man denselben auf der Straße,
gleich einem Advokaten, stets mit Papier und Briefen gesehen habe.^
In Italien trat vor 1500 mit einem Male eine freie Auffassung alles Gilden* Befreiung,
mäßigen ein, als die Päpste, geistliche und weltliche Fürsten klangvolle Namen
nach eigener Wahl an ihre Höfe beriefen und die Künstler, teils durch solche
Ehrungen, teils auch in der richtigen Einschätzung jener überlebten Hemmnisse
alle Vorschriften als nicht vorhanden betrachteten, so daß die Zunftvorsteher
freiwillig oder unfreiwillig auf jede Maßregelung verzichteten und ihre Para*
graphen nur mehr die kleinen Geschäfte in den niederen Bottegen zu regeln
hatten. Und so übernahm man bald Aufträge, wie und wo man wollte,
wählte sich Gehilfen nach Bedarf und zog mit ihnen von Ort zu Ort. Schon
von Raffael konnte Vasari berichten, daß er nicht wie ein Maler, sondern wie
ein Fürst gelebt habe. Außergewöhnliche Gunstbezeugungen, wie die durch
Karl V. erfolgte Ernennung Tizians zum Grafen des h. Lateranischen Palastes
mit allen damit verbundenen Privilegien, die schon 1553 erfolgte, lassen den
Umschwung der Anschauungen auf das deutlichste erkennen.
' So durften die Prager Meister um 1490 nur drei Gesellen halten, einen >\alcr, einen
Schnitzer und einen Zubereiter (Prager Artikel vom Jahre 1490, siehe Pangerl. op. cit ).
* MandersFloerke I, 387: Vorschrift in Tournay.
' Documenti Senesi (Milanesi) I, p. 3. Kap. XI der (^Idenordnung von Siena vom
Jahre 1355. - H. Holbein d. J. in Luzern. als er das llertensteinschc Haus bemalte:
«Meister Hanns Holbein hat 1 Gulden gen» (Jahrb. d. pr. Ks. 12, S. 65).
* Lange und Fuhse, S. 22 und 24. - Vas. Mil. VII, 99, Vita Taddco Zuccaro. - Der
Architekt Martino Lunghi in Mailand, Passeri, S. 276.
'^ Mander^Floerke I, 393.
248
Des Künstlers Laufbahn.
Herren^ Indes waren Papst* und Herrendienst nicht ohne Fesseln. Die Klagen
dienst, einzelner gegenüber vertrauten Freunden sprechen oft die stärkste Sehnsucht
nach Freiheit aus. «Habet Nachsicht mit mir», schreibt 1508 selbst Raffael
aus Rom an Francia, «denn Ihr werdet auch anderweitig erfahren haben, was
es sagen will, seiner Freiheit beraubt zu sein und seinem Herrn verpflichtet
zu leben, die dann usw. usw. ..».^ Die «Kammermaler» des Nordens waren
bisweilen mehr Kammerdiener als Künstler, die ihre Herren bei allen Reisen
begleiten mußten. Anderseits enthalten alte Suppliken nur zu häufig Mahnungen
und Klagen über säumiges Zahlen und rückständige Summen, sogar der monat*
liehen Gehalte.^ Ertrugen die wenigen Auserlesenen den Glanz eines Maler*
fürstentums nur schwer, weil dasselbe den Flug ihres Geistes bald förderte,
Streber, bald hemmte, so fühlten sich Streber, Windbeutel und Scheinexistenzen, einmal
von der Gunst eines Nepoten emporgetragen, in der vornehmen Welt um so
wohler und suchten sich um jeden Preis zu behaupten, indem sie durch einen
verschwenderischen Haushalt sowie durch prunkvolles Gebaren auf der Straße
ihre hohe Stellung zur Schau trugen. ^
Akademien. Nicht minder hob die Gründung der Akademie in Florenz unter Cosimo I.
die Meister auf ein freies und geistig höher stehendes Niveau, da sie durch
Vorlesungen und Disputationen sowohl ihrer eigenen Würde als auch der
hohen Aufgaben einer unabhängigen Kunst inne wurden.*
Literaten* Dresdner stellt als besonders befreiendes Moment den engen Anschluß der
tum. Künstler an die Literaten ihrer Zeit hin. Gefordert wurde dies bereits von
L. B. Alberti, der die Hingabe an Dichter und Oratoren empfiehlt.^ Tatsächlich
haben die neu erstehenden Freundschaftsbündnisse zwischen Kunst, Dichtung
und Schriftstellertum nicht nur die Geistesrichtung der Maler, Bildhauer und
Architekten beeinflußt, sondern auch deren soziale Stellung wesentlich gehoben.
Seit 1500 begegnen uns die Malerdichter immer häufiger, anderseits die Kunst*
gelehrten und Literaten, die bei der Ausführung großer dekorativer Aufgaben
in Palästen und Villen mit ihrem Wissen aushelfen und Programme entwerfen
ßt€
mußten.
Sammeleifer.
Zum Schlüsse sei noch auf den im 16. Jahrhundert anhebenden Sammeleifer,
den Drang nach aller Art Kunst hingewiesen, der zum großen Teile in der
persönlichen Wertschätzung einzelner Künstler seine Ursache hatte, die sich
aber erweiterte und verallgemeinerte und die Auszeichnung der Begünstigten
auch auf andere übertrug. Die Hohen gehen in den Ateliers ein und aus, man
sucht, begutachtet, kauft, bestellt und disputiert über Kunstthemen in schön*
geistiger Weise.
Gleichzeitig mit der Eroberung sozialer und wirtschaftlicher Rechte ent*
Stellungen, wickeln sich auch die durch bestimmte religiöse Feste veranlaßten öffentlichen
Ausj
' Guhl I, 123.
'' Cellini an Cosimo L (Guhl I, 351, 353).
^ Über das Auftreten des Agostino Tassi siehe Passeri, S. 121 und 128.
" Giov. Paggi an Girolamo Paggi (Bottari, Lettere VI, p. 64).
•'• Alberti, S. 144. — Lomazzo, Idea p. 71 und 28, Delle scienze necessarie: Die heil.
Schrift, Geschichtswerke, Die Hieroglyphen und die Poesie.
• Dresdner, Kunstkritik I, 77. 303 n. 58.
Des Künstlers Laufbahn. 249
Ausstellungen (mostre), die den Ruhm des Profanmalers auf kurzem \V'ege
rasch verbreiten halfen.^ Es gab St. Johannes*, Himmelfahrts^ Corpus^Domini*
Ausstellungen, bei denen sich ein großes Wettlaufen geltend machte, um unter=
zukommen.- Daneben wurde schon frühzeitig an dem Brauch festgehalten, für
Kirchen und Klöster fertig gemalte Bilder vor ihrer definitiven Aufstellung einige
Tage hindurch in demselben Räume der allgemeinen Besichtigung zu überlassen.
So stand es in Florenz, Rom, Venedig, Bologna, aber nicht in abseits Rück,
gelegenen Orten, wo die alten Regeln noch weiter vegetierten und zu jeder ständigkeit.
Stunde hervorgezogen werden konnten. Gelegentlich der Übernahme eines
Auftrages seitens der Bauvorsteher der Steccata zu Parma, an dessen Aus*
führung Parmegianino bereits jahrelang gearbeitet hatte, ohne ihn zu voll*
enden, schreibt Giulio Romano in vorsichtiger Auffassung der Situation 1540
folgendes: «Es ist unter uns Malern üblich, nicht in die Arbeiten eines anderen
einzutreten, bevor man sich mit dem, der dieselben begonnen, geeinigt hat
und derselbe zufrieden gestellt ist. Dies — höre ich — habe in gegenwärtigem
Falle nicht stattgefunden».^ Mit einem Male waren die alten auf Gegen*
seitigkeit beruhenden Rechte und Traditionen gewiß nicht zu entfernen, als
selbst die Freizügigkeit noch vielfach verworrenen Streitfällen begegnete, die
zwar nicht mehr durch die Zunftvorsteher gelöst wurden, bei deren Schlichtung
man sich aber immerhin der alten Kapitel erinnerte.
Die Fehde, welche Giov. Paggi um 1590 gegen seine Vaterstadt Genua G. Pjggi.
und einige dort ansässige Maler wegen gewisser selbst vor die vom Senate
eingesetzte Kommission gebrachten Zunftartikel über Meisterrechte, Anzahl
der Lehrlinge, Einfuhr fremder Bilder und Zulassung fremder Maler noch zu
führen hatte, bewies, wie tief und fest sich die wenn auch schon überlebten
Verordnungen eingewurzelt hatten. Und ging Paggi dank seiner geschickten
Verteidigung und der klugen Einsicht der Genueser Behörden aus dem Kampfe
zwischen Handwerk und Kunst auch siegreich hervor, so dal] er allgemeinen
Beifall fand, so tilgte man auch damals den Kodex noch nicht, sondern über*
trug ihn nur von der freien Künstlerschaft auf die Ladenmaler Genuas.' Ja
wir erleben sogar die merkwürdige Erscheinung eines provinziellen Eifers, das
Versäumnis — wenn auch post festum — durch die erst 1610 erfolgende
Gründung der Udineser Vereinigung nachzuholen, der Scuola ovvero Accadcmia
der Maler und Vergolder, mit 22 noch stark verzopften Artikeln.^
Selbst nach dem Norden, wie z. B. in die Niederlande, scheint eine billige Niederlande.
Denkweise gedrungen zu sein. Wenn wir Dürers Kunstfahrt durch die vlämi* Durer.
' Vas. Mil. IV, 95: mostra per un Assensa (festa ddl'Ascensione). - Bcllori. I.uc.i
Giordano, p. 371. - Guhl II, 322, 325: Briefstellen S. Rosas. - Über die wichtigste
Literatur siehe Dresdner, Kunstkritik L S. 319, n. 1.
■^ Schilderung Salvatore Rosas (Guhl II. 335).
^ Die Korrespondenz der BeteiHgten bei Guhl I, 336 ff.
* Siehe über diesen interessanten Streit Paggis Briete an seinen Bruder, bei Bottari \'l.
p. 56. und Guhl. Künstlerbriefe II. S. 19 ff. - Ferner Soprani, \'itc de' pittori Genovesi.
2. ed. 1768. I. 124. - Dresdner. Kunstkritik I. 94.
^ Fabio di Maniago. Storia delle belle arti friulane, l'dine 1823. 2" cd. enthäh
p. 374 ff. Ansuchen und Statuten der Gilde. Dank freundMchcr .Mitteilung des Herrn
O. V. Kutschcra = Woborsky.
250 Des Künstlers Laufbahn,
sehen Städte und seine Tätigkeit in Antwerpen verfolgen, erkennen wir überall
nur die wohlwollendste Aufnahme und Förderung. Wiewohl er jeden Stüber
seiner Auslagen verzeichnete, findet sich nirgends eine zunftmäßige Abgabe
trotz seiner dort ausgeführten Aufträge erwähnt. Allerdings geht er sehr
vorsichtig zu Werke und vermeidet jeden Anlaß zu Konflikten, indem fast
alle seine Geschäfte auf einen Tauschhandel hinauslaufen. Seine Porträts be*
schränken sich der Mehrzahl nach auf Zeichnungen, für welche man ihm 1 fl.
zahlt ;^ und selbst, wenn es sich um ein Ölbild handelt, geht es geschenkweise
an den Besteller über. «Ich hab Rentmeister Lorenz Sterck gar rein fleißig
mit Ölfarben conterfet, war wert 25 fl. Das hab ich ihn geschenkt, dargegen
gab er mir 20 fl.»^ Anderseits notiert er die Einnahmen der frei und offen
verkauften graphischen Blätter: «Ich hab 4 fl. aus Kunst gelöst.»^
Befreiung in Es war die Zeit gekommen, wo durch die immer häufiger stattfindenden
Deutschland. Wanderungen nach dem Süden das Künstlerbewußtsein lebendiger wurde
und nun auch in der Heimat die Erkenntnis durchbrach, daß freies Schaffen
und Freizügigkeit die Grundbedingung aller Kunstentwicklung sei. Der Geist
des neuen Jahrhunderts, der sich gerade um jene Jahre in religiösen Dingen
mächtig regte, zerriß auch die Fesseln des gotischen Kunsthandwerkertums.
Seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts fehlte es auch in Deutschland
nicht an kunstfreundlichen Fürsten. Die Höfe Dresden, München, Wien, Prag
verbanden mit der Wertschätzung von Kunstwerken, mit der Pflege ihrer Kunst?
kammern gleichzeitig den Persönlichkeitskultus. Es entstanden die Würden der
fürstlichen, herzoglichen Cabinet* Maler und Sr. Majestet Camer Maler und
1594 wurde auch Hans von Achen gleich Tizian durch Rudolf II. geadelt.
' Lange und Fuhse, S. 144.
* Ibid. S. 161; ebenso das Porträt des Jobst Plankfelt, ibid. 161; ebenso 167.
^ Ibid. 158.
Der Weg zum Kunstwerk.
A. Zeichnerische Vorstufen.
Allgemeines. Die Goethesche Einteilung der der Wissenschaft Er*
gebenen in «Nutzende, Wissende, Anschauende und Umfassende» darf auch
von den Künstlern gelten, denn nach ihm ist Wissenschaft eine Kunst, so wie
nach Leonardo Kunst Wissen bedeutet. Während die ersten drei Stufen in
die Jahre der Einführung, der Erwerbung aller Kenntnisse und der Erleuchtung
fallen, steht die letzte auf einsamer fiöhe, denn «die Umfassenden, die man
in einem stolzeren Sinne die Erschaffenden nennen könnte, verhalten sich im
höchsten Grade produktiv; indem sie nämlich von Ideen ausgehen, sprechen
sie die Einheit des Ganzen schon aus» (Naturwissenschaftl. Sehr., VI, S. 302).
Cennini, Alberti, Leonardo, Vasari, Armenino, Bernardino Campi u. a. m. Die drei
überliefern von einem zum andern dem Wesen nach immer dieselben Vors Stufen.
Schriften, daß der Weg zur Kunst mit dem gewissenhaften Ausnützen des
bereits Geschaffenen, mit dem Nachzeichnen bester Vorlagen, guter Meister*
Zeichnungen und Gemälde in Kirchen und Kapellen beginne und daß Kopieren
das Fundament jedes Unterrichtes sein müsse. Leonardo, der Fortschrittliche,
allezeit Verbessernde, übernimmt ohne Bedenken diese Werkstattvorschriften
in sein Malerbuch und faßt die drei Unterstufen kurz zusammen: «Zeichne
zuerst Zeichnungen von einem guten Meister ab, die eine Kunstweise
nach der Natur und nicht Manier zeigen (esempio), dann nach dem Runden
(di rilievo) und schließlich nach einem guten Naturvorbild (di bono naturale).^^
Das mittelaherliche Esempio lebt weiter, wenngleich sich Form und Inhalt Ksempio.
beständig ändern und erweitern. Aber immer dient es zur Übung der Hand,
zur Schulung des Auges und Formengedächtnisses. Die Konturen in ihren
gegenseitigen Verhältnissen von Größe und Entfernung und das Nachempfinden
dunkler und heller Stellen, wie sie die Flächenvorlage schon entgegenbrachte,
waren die gleichen Ziele bei dem Knaben Giotto wie bei Rembrandt.
Und ebenso bildete die weitere Anwendung dieser kleinen Errungenschaften Rilievo.
auf wirkliche Körper, das Rilievo^Zeichnen, die nächste durch Jahrhunderte
laufende Schulregel. Ob sich dies an Formen toter Modelle oder an einfachen
Naturobjekten vollzog, ob sich hier Zwischenstufen einschoben, wie sie Leonardo
empfahl, das Runde mit Zuhilfenahme einer schon vorhandenen Zeichnung
Leonardo §§ 82. 47, 63.
252 Zeichnerische Vorstufen.
nach demselben Runden zu erreichen (§ 82), oder ob Albertis Methode der
Flächenzerlegung Anwendung fand (S. 148), das gesteckte Ziel sollte eines
Tages das Studium menschlicher Körper (iignudo) sein, die Inangriffnahme
jenes Kunstelementes, dessen Beherrschung für alle eine Lebensaufgabe be*
deutete. Viele ermüdeten in ihrem Ringen schon auf halbem Weg und blieben
liegen, viele flüchteten in die Seitenwege beengter Kunstgebiete. ^
Von diesen drei Stufen erfuhr die erste wohl die geringste zeitliche Ent*
Wicklung, es sei denn, daß die allmählich auftauchenden gestochenen Vorlagen?
werke methodisch einzugreifen und die Wahllosigkeit zu verdrängen suchten.
Dagegen widmete man der zweiten und dritten Stufe alle Aufmerksamkeit, da
hier Licht* und Schattenfragen, perspektivische Erkenntnisse der Lösung harrten.
Je mehr sich der Antikenkultus in Italien verbreitete, desto reicher durch*
drang die Jugend Anregung und Schönheitsfülle, so daß Rilievozeichnen
und Antikenzeichnen zu einem Schulbegriff zusammenwuchsen, den später
die Akademien leidenschaftlich übernahmen und an ihren gipsernen Modellen
bis zum ertötenden Übermaß traktierten.
II naturale. Rascher und lebendiger erstarkte das Naturzeichnen, das schon in sich
selbst allen Anreiz und Antrieb barg und sich in dem Reichtum einer end*
losen Formenwelt geltend machte. Nichtsdestoweniger hatte man noch im
Atelier vor dem Modelle oder in freier Natur allerlei von der Proportion, der
Licht* und Raumperspektive diktierte Regeln zu finden, zu erwerben und zu
beobachten.
Damals wie noch heute sollte der Wert und die Vollkommenheit einer
guten Zeichnung — und zum gewissen Teil auch einer Kopie — nicht nur in
der formalen Durchbildung eines richtigen Konturs liegen, in dessen Lebendig*
keit und Reinheit gemäß den Zeichenmitteln, in einer richtig erschauten und
durchgeführten Körperlichkeit, sondern auch in der Belebung aller Formen
durch den entsprechenden Ausdruck, sowohl vom Standpunkt des Darstellenden
als auch des Dargestellten.
Graphische Der Technik nach begann man in frühester Zeit im Anschluß an mittel*
Stufen. alterliche Tradition im ersten Jahre auf Täfelchen mit Silberstift zu üben, vom
zweiten Jahre ab ' folgte der Federriß und Lavierung, dann das Cartetinte*
Zeichnen und zum Schlüsse der Kohleentwurf. Diese vier Stufen führt Arme*
nino (p. 58) weiter aus: Zeichnen mit Feder auf weißem Papier (Kontur und
Schattierung gleichen Kupferstichen), das Federzeichnen mit Lavierung auf
weißem Papier (con l'acquerello), dasselbe auf beliebig gefärbten Papieren
(sulIe carte tinte), um die höchsten Lichter anzubringen, und schließlich das
Zeichnen mit Kreide und Rötel (col lapis nero o rosso). Ohne daß diese
modi principali mit den einzelnen Lehrstufen in Verbindung gebracht werden,
läßt sich ihre Zuweisung an die eine und andere dennoch leicht erkennen.^
' H. Ludwig, Allgemeine Grundsätze, nach welchen die Elementarerziehung des Malers
zu leiten ist (in: Studien z. deutschen Kunstgesch. 80, S. 25 tt.)-
- Bernardino Campi reiht 1584 Unter; und Oberstufen in einem Zug aneinander:
Contrafare ogni sorta di disegni, ritrare il rilievo, ritrare dal naturale, schizzare Vinvenzione
al miglior modo und das Anfertigen von Wachsmodellen nach der Skizze (Parere sopra
la pittura, in: G. Zaist, Notizic istoriche, Cremona 1774, S. 103).
Zeichnerische Vorstufen. 253
Der italienische Lehrgang wird auch von den anderen Nationen übernommen. Außerhalb
Pacheco schheßt sich in seiner Arte de la Pintura strenge an die italienischen ItaHens.
Vorschriften und führt seine Quellen stellenmäßig an. Sandrarts Reihenfolge
des Zeichenunterrichtes (T. A. I, 60) repetiert gleichfalls in schwerfälliger NX'eise
die genannten drei Abteilungen: «In Handriß üben, dann in Abbildung (d. i.
Nachzeichnen) erhobener stillstehender Stücke aus Marmor, Gips; schließlich
die Abzeichnung der lebendigen Dinge, wozu die Besuchung der Akademien
nötig ist. » ^
Nach dieser drei* oder vierjährigen Vorschulung, nach den Wanderjahren, Kom-
oder vielleicht schon während derselben in einer Meisterwerkstatt, folgte die Position,
eigentliche Anwendung alles Erlernten in der Erfindung eigener Werke, in
der Übung der Phantasie und des Verstandes, in der Komposition. Aber
auch diese ging zunächst aus dem geschickten Entlehnen hervor und glich
mehr einem Kombinieren mit zusammengetragenen fremden Motiven und
Elementen als eigenem Schaffen. Dies war ein Werkstattbrauch, der weit
herauf sogar in Lehrbüchern seine Sanktion erhielt. Er mufke beibehalten
werden, weil die vielen Phantasielahmen und Bresthaften ihn nicht entbehren
konnten und weil selbst namhafte Meister in der Verwendung brauchbaren
fremden Gutes nicht ängstlich waren.
Die freien Kompositionsübungen nach gegebenen Themen fanden schon in
den ersten öffentlichen Akademien Eingang und reichliche Pflege, ohne welche
die in Italien und Frankreich bis ins Virtuose gestiegene Kirchen? und Plafond*
maierei ihren Höhepunkt kaum erreicht hätte. Der Weg bis dahin war ein
weiter und nur die Auserlesenen durften sich des göttlichen Funkens rühmen.
Aber zur Meisterschaft gehörte einmal die Komposition, der man mit zäher
Arbeit und nie erlahmendem Fleiß von dem ersten Concetto angefangen bis
zur klargewordenen Darstellung (Disegno) zustrebte, mit all den zugehörigen
Teilstudien, Bewegungsmotiven, Akten, Köpfen und Draperien, Tier* und Land*
Schaftsmotiven — bis zum fertigen Karton.
Diese vererbten und von allen Nationen streng beobachteten Entwicklungs* Disposition,
stufen ergeben für die nächsten Kapitel folgende Einteilung:
Zeichnerische Vorstufen als Kopieren
iDa:
Komposition und Teilstudien
_ .. , . , [ nach Zeichnungen und Stichen
(Das Ubungszcichnen , „ . , ,
, „ . { nach Gemälden
' als Kopieren
j Inach Gips und Marmor
' Das Naturstudium
' Einen heiteren Einblick in den nordisch erstarrten Werkstattunterricht gibt für
England das wiederholt genannte Malerbüchlcin: The Excellency of the Pen and Poncil
1688. Erste Practice: Die notwendigsten geometrischen Kenntnisse und die Anwendung
derselben auf die Elemente der Architektur (Säulcnordnungen). Zweite Practice: Zeichnen
von runden Gegenständen: Kirschen, Aptcl, Birnen, Trauben. Dritte Practice: Blumen.
Tiere, und zwar zuerst die schweren und trägen: Elefant, Bär, Ochs. Ziege und Schaf;
dann die flinken wie Hirsch, Eichhorn etc.; dann Vögel: Adler. Schwan. Fasan; dann
Fische. Vierte Practice: Der menschliche Körper. Zuerst der Kopf in verschiedenen
Richtungen, dann Hände. Füße und Rumpf. SchlielMich die Regeln von Symmetrie oder
Proportion des Mannes und Weibes, Draperie und endlich die Landschaft.
254 Zeichnerische Vorstufen.
1. STUFE.
Kopieren nach Handzeichnungen und Stichen.
Contrafare, Ritrarre i disegni. — Abmachen.
Cennini. Cennini gibt im Kapitel 27 den Malerburschen und Jungen folgende auch noch
für die ersten Dezennien des Quattrocento geltende Anweisung: «Vergnüge
dich unermüdlich mit dem Nachahmen der besten Sachen, die du
von Händen großer Meister finden kannst. Bist du an einem Orte,
wo viele Große lebten, um so besser für dich.» Gleichzeitig warnt er vor
dem Nachahmen verschiedener Meister und mahnt, sich einem anzuschheßen:
«Du wirst mit Gewalt ein Phantast werden und die Neigung zu jeghchem
Stil wird dir nur den Kopf verwirren. Folgest du aber ununterbrochen einem,
so müßte dein Sinn schwerfällig sein, wenn er nicht einige Nahrung davon zöge.»
Ähnlich, wie erwähnt, bei Leonardo.
Armenino. Armeninos Precetti lauten detaillierter, methodischer, fast akademisch : Der
Anfänger soll sich an Beispiele halten, die mit leichten und feinen Strichen
von einem tüchtigen Meister gemalt sind und Teile des Menschen wie Augen,
Ohren, Mund, Nasen, Köpfe, Hände, Arme und ähnhches darstellen. Er be*
ginne mit dem Umreißen aller Konturen (profili e contorni), möglichst in der-
selben Größe wie die Vorlage, dann markiere (calcare) er dieselben nach
der Richtigstellung mit Bleigriffel oder Kreide, um sie schließlich mit der
Feder auszuziehen (proßlare), wobei man jede Kleinigkeit, ja jeden Punkt
nachbilde, so daß sich die Kopie vom Originale nicht unterscheiden lasse (p. 58).
Abbildung 86 enthält links unten einen nach Augenvorlagen zeichnenden
Anfänger. Auf diese Weise wurde das wahllose Kopieren durch ein wichtiges
Fundament, die Proportion des menschhchen Körpers, geregelt, die mit dem
Kopfe zu beginnen und allmählich zu den übrigen Teilen der ganzen Figur fort?
zuschreiten hatte, ein Lehrprinzip, das sich bis ins 19. Jahrhundert fortsetzte.^
Proportion. Waren es anfänglich von Hand zu Hand gehende Originale oder bessere
Kopien, deren Studium man durch verschiedene Einteilungsschemen zu erleichtern
suchte, so setzten sich im 17. Jahrhundert allerlei Stichvorlagen nach hervor*
ragenden Meistern durch. Die Einteilungsformeln verfallen oft ins Gesucht*
Konstruktive. Selbst Künstler wie Rubens schufen derartige Zeichenvorlagen,
die uns heute fast dilettantisch anmuten (Abb. 90).- Man baute das Kopf*
Schema nach mittelalterlicher Weise aus Dreiecken, Quadraten und Kreisen
auf und übersah, daß dies den Weg zur Manier bedeute und daß solche Be*
helfe für lange ihre Spuren hinterließen. Erst allmählich verbesserte man im
Laufe der Jahrhunderte von Nation zu Nation die Methoden. Zahllos waren
die akademisch gehaltenen Kopf* und Aktvorlagen im 18. Jahrhundert, wie auch
ein flüchtiger Einblick in die Akademie *Inventare jener Zeit erschließen läßt.
' Encyclop. method. Beaux Arts II, 460: Dessin d'apres l'exemple. - H. Ludwig, op. cit.
S. 26.
'■' Schneevogt, Catalogue des Estampes gravees d'apres P. P. Rubens S. 238, Nr. 65,
Ausschnitt. Petrus Paolo Rubbens delineavit, Paul Pontius sculpsit apud Alexander Voet.
Zeichnerische Vorstufen.
255
Nach den Proportionen des menschlichen Körpers folgten jene des Pferdes.
War die Bekanntschaft mit der Einzelfigur angebahnt, ging man zu Gruppen
und ganzen Kompositionen über. In gleicher Weise machte man sich mit den
Elementen der Anatomie und Perspektive vertraut, indem man sich
nach Zeichnungen oder illustrierten Handbüchern das Notwendigste einübte
und aneignete, im weiteren Verlauf mit Tier* und Pflanzenformen und
einfachen Landschaften.
Die theoretischen Vorschriften erfahren ihre praktische Bestätigung sowohl Bcispieh
durch die vorhandenen italienischen Kopien, besonders aus dem 16. Jahr*
hundert, als auch durch zahllose biographische Notizen in den Viten Vasaris
und anderer. So übte sich Beccafumi nach Zeichnungen hervorragender Meister,
die sein Lehrer zur eigenen Hilfe im Hause besaß, «nach Brauch mancher
Künsder, die im Lernen nicht viel übrig haben», urteilt Vasari im stolzen
Bewußtsein seiner schon aka#
demisch empfindenden Zeit,
völlig vergessend, daß er
denselben Weg gegangen.^
Das Kopieren erstreckte
sich weit über die erste Lehr*
lingszeit hinaus, denn man
suchte darin auch allerlei gei*
stigen Gewinn, Formenreich*
tum, Kenntnisse von Bewe*
gungsmotiven, Skurzen und
den Wechsel persönlicher Aus*
drucksweise. Von Benvenuto
Garofalo berichtet Vasari,
daß derselbe in seinem neun*
zehnten Jahre nach Rom ge*
kommen (1499) und dort mit dem Florentiner Maler Giovanni Baldini in Vers
bindung getreten sei, der viele schöne Handzeichnungen verschiedener ausge*
zeichneter Meister besessen habe. Nach diesen Originalen, welche ihm Baldini
lieh, bemühte sich nun Garotalo, sein Auge zu bilden und, indem er sie
nachts kopierte, seine Hand zu üben.-
Kopien lassen sich für alle italienischen Schulen und meist nach deren
Häuptern feststellen. Aber während in Zentralen wie Florenz, Rom, wo eine
Meisterkonkurrenz und eine ständige Bewegung nach vorwärts herrschte, starker
Wandel im Persönlichkeitskultus zu beobachten ist, begegnen uns in der
Provinz noch lange die wenigen monopolisierenden Altmeister mit längst
überlebten Formen. Darf man aus dem heute rein zufällig überkommenen
Material auch keine absolut sicheren Schlüsse ziehen, so erscheint es doch
auffällig, daß z. B. Peruginos Schule eine überaus große Zahl von Kopien
hinterlassen hat, oder daß sich von einer Francia*Zcichnung: Judith und
Holofernes heute noch vier Kopien finden lassen,' Man schöpfte immer aus
' Vas. Mil. V, 634. * Ibid. VI. 460.
" Albertina, A. P. 163; Louvre, Br. 4, II; Fairfa.x-- Murray. Tat. 94; Petersburg.
Abb. 90. Aus Rubens' Zeichcnschulc.
Florcni
und die
Provinz.
256 Zeichnerische Vorstufen.
den wenigen, aber bewährten Qiiellen und das Esempio ging von einem zum
andern.
Gesellen; Wohl die meisten der erhaltenen Kopien weisen auf eine bereits geübte
Übung. Hand hin, was leicht begreiflich, da schwachwertige Versuche bald ver*
schwanden. Sie lassen erkennen, daß nicht mehr die Strichübung und not*
dürftige Beherrschung des Konturs die Hauptsache waren, sondern Bewegungs*
motive, Gruppenkomposition oder plastische Erkenntnisse. Diese Erscheinung
beobachtet man noch bei freigewordenen Gehilfen, die sich schon in der
Werkstatt eines Meisters an größeren Aufgaben beteiligt hatten, während ihrer
Wanderjahre aber nach guten Vorlagen weiter studierten, um sich einen
Kopieren Formenschatz anzulegen. Aus diesen Gründen war das Kopieren gleich
von Skizzens ganzer Skizzenbücher, welche dem jungen Künstler eine Fülle von An*
"c ern. regungen aller Art boten, sehr beliebt. Der bereits erwähnte Codex Escuria*
lensis um 1491 bildet, wie H. Egger nachgewiesen, eine solche von Schülerhand
angelegte Kopie eines Ghirlandaio^Skizzenbuches.^ Nicht jeder Meister aber
wollte seine Formenschätze preisgeben. Nach Condivi habe der junge Michel*
angelo von seinem Lehrer Ghirlandaio das libro di ritratti, nel quäl eran dipinti
pastori con sue pecorelle e cani, fabriche, rovine e simigliante cose, erbeten, aber
aus Neid nicht erhalten.^
Deutschland. Haben wir von den Deutschen auch keine frühen literarischen Nachweise,
so ergeben schon die vielen vorhandenen Kopien nach Schongauer, Dürer,
Altdorfer, Breu u. a. nur zu deutlich denselben Vorgang. Dürer mahnt in
seinem projektierten Malerbuche, frei nach Leonardo, ernstlich: «Item muß er
(der Lehrknabe) von guter Werkleut Kunst erstlich viel abmachen, bis dass er
ein freie Hand erlangt.»^ Daß unter «Kunst» in erster Linie Handzeichnungen
zu verstehen sind, liegt schon in dem Worte freie Hand. Und gerade in
seiner Umgebung sehen wir am deutlichsten, wie Schüler und späte Nach*
ahmer bis gegen das Ende des 16. Jahrhunderts sich an seinem reichen Nachlaß
Formensprache und technische Ausdrucksweise bildeten. Ganz ähnlich lauten
die Vorschreibungen Sandrarts, daß «zuerst eine Zeitlang in Handrissen» zu
üben sei.^
Mehrfache In kleineren Kunststädten Deutschlands wie Kolmar, Regensburg, Augsburg
Kopien, beobachtet man das gleichzeitige Auftreten mehrerer Kopien nach denselben
Vorlagen. Von der Schongauerschen Darstellung im Tempel (Original ver*
schwunden) kennen wir vier alte Nachzeichnungen.^ Ebenso finden sich
von Altdorfer*Zeichnungen gleich mehrere Kopienexemplare, alle in derselben
Technik und von alter Mache." Am zahlreichsten, zumal bei den Schweizern,
' Codex Escurialensis, ein Skizzenbuch aus der Werkstatt Dom. Ghirlandaios, herausg.
V. Hermann Egger, Wien 1906.
^ Vita di Michelangnolo Buonaroti (Valdeck, Quellenschr. VI, 11).
^ Lange und Fuhse, S. 287.
* Sandrart, T. A. I, 60.
* Albertina, A. P. 737. — Die Londoner Kopie besagt in ihrer alten Aufschrift, sie sei
nach einer Nachzeichnung Dürers, die er in Silberstift gemacht hatte. Also noch eine
fünfte Kopie.
"' Siehe Friedländer, Altdorfer S. 147. Nr. 7, 153. Nr. 23.
Zeichnerische Vorstufen. 257
treten Kopierungen von Glaszeichnungen auf. Hier hegt es deuthch vor
Augen, daß nicht die Übung allein, sondern der unumgänglich notwendige
Formenvorrat für Leute mit geringer Erfindungsgabe mitbestimmend war.
Wenig erzieherischen Wert bot das strichgetreue Kopieren nach Rembrandt Rembrandt=
trotz der rührend mühsamen Versuche, den impulsiv kraftvollen Linienwurf Kopien,
nachzuahmen. Was der Meister mit der fest ins Papier gedrückten Feder breit
hervorbrachte, das geschah bei dem Schüler in kindischer Unbeholfenheit
partienweise, so daß eine einzelne Bogenlinie des Originales gleich vier, fünf
Federansätze in der Kopie erforderte (Abb. 322).
llin reiches und leicht zugängliches Vorlagenmaterial boten die kleinen Nach
Kupferstichsammlungen, die sich jeder Meister neben zeichnerischen Origi; Kupfcr=
nalen zu seinem und seiner Schüler Nutz und Frommen rechtzeitig anzulegen ^*'*^"^"-
suchte. So wie die reinlichen und bestimmten Konturen und die exakten
Schattierungen eines graphischen Werkes den jugendlichen Zeichner zu einer
klaren Linientechnik erziehen sollten, so hatten die Kompositionen selbst,
namentlich berühmter Meister, die in der Mehrzahl der Fälle den Studierenden
doch nur in Stichen zugänglich waren, allerlei Erfindungen und Darstellungs*
möglichkeiten zu bieten. Viele Kupferstiche waren schon seit dem 15. Jahr«
hundert ausschließlich als Vorlagenmaterial für Goldschmiede, Zinngießer,
Kunsttischler, Fließenmaler entstanden, und wer sich nicht in ihren Besitz
setzen konnte, mußte sie kopieren. Was immer dekorative Elemente und
Motive enthielt, wurde für kunstgewerbliche Zwecke weidlich ausgenützt und
Bildschnitzer, Medailleure, Gold* und Waffenschmiede und Glasmaler waren
hierin außerordentlich geschickte Ausbeuter. Und je mehr die Produktion
anschwoll, desto mehr griff man zu.
Wenn wir die Nachlaßinventare italienischer und nordischer Künstler Dionys
durchsehen, müssen wir den Reichtum und die Vielseitigkeit des graphischen Calvaert.
Materiales nur bewundern, das ihnen ein lebendiger Quell der Anregung und
zugleich Lehrapparat war. ^ Malvasia, der die Schule des Dionys Calvaert
als eine der bedeutendsten und besuchtesten in Bologna rühmt, berichtet über
dessen Sammlung folgendes: «So viele berühmte Stiche bis zu jener Zeit
erschienen waren, auch damals zur gebräuchlichsten Übung dienten und das
Vergnügen unserer Künstler bildeten, welche sich dadurch so sehr zu belehren
und anzuregen glaubten, so von dem Erfindungsreichtum eines Dürer, Lucas
van Leyden und Aldegrever, oder von der belehrenden Exaktheit jener nach
Raffael gestochenen Blätter von Marcanton, Bonasone, Martin Rota, >\arco da
Ravenna, Agostino Veneziano, oder von der unaussprechlichen Anmut und
dem lebhaften Geiste jener eines Parmegiano, ob von ihm selbst radiert oder
von Hugo da Carpi in Clairobscur — so viele hingen wie Siegeszeichen seiner
übergroßen Weisheit an den Wänden seines Saales.-»
Es darf nicht wundernehmen, wenn hier deutsche Stiche an erster Stelle Deutsche
genannt erscheinen. Gerade der präzisen Strichführung zuliebe kopierten ^t'^li^
IC.
* Rembrandts Inventar weist vier Bände Stiche nach Raftacl auf.
' Malvasia II. 255.
Meder, Uie llandzeichnung. ''
258 Zeichnerische Vorstufen.
Itahener wie Pierino del Vaga,' Marcantonio, Stefano della Bella, selbst der
junge Michelangelo- nach solchen Vorlagen. Dürers Stiche und Holzschnitte
verloren zu keiner Zeit ihren lebendigen Anreiz und es hieße Raum ver*
schwenden, alle Nachahmer aufzuzählen, die sich an der klaren Ausdrucks*
4
weise wie an herben Formen und nordischen Landschaften begeistert hatten.^
Umgekehrt gewann Dürer aus Pollaiuolo* Zeichnungen und Mantegnas Stichen
das Antikische (Abb. 5 und 6). Da er die Konturen direkt pauste, die
Schattierung aber nach deutscher Weise hinzufügte, erkennen wir, daß es sich
ihm ausschließhch um die neue Form handelte.
Eins Ab und zu warnten Theoretiker und Praktiker vor dem Stichkopieren.
schränkung. Armenino nennt es einen für seine Zeit schon veralteten Brauch, verkennt
aber trotzdem nicht die Vorteile, dadurch eine leichte Hand zu bekommen
und eine wilde Manier zu zügeln. Aber ja nicht zu viel, denn solch zeit*
raubende Lernweise erzeuge eine unfreie Zeichnung. Dürer^Blätter seien wegen
ihrer allzugroßen Linienschwierigkeit nicht zu empfehlen."* Derlei Stimmen
waren selten und wurden nicht beachtet. Gerade die Jugend ergötzte sich an
den feinen Federkünsten und für angehende Graphiker gab es überhaupt
keinen andern Weg, sich in das Wesen ihres Berufes besser einzuführen.
In gleicher Weise erwarben die Miniaturporträtisten ihre Subtilität durch
Übungen nach Kupferstichen, wie Vorschriften um 1708 erweisen.^
Gestochene Die im 17. Jahrhundert in Italien anhebende Reproduktion von Handzeich*
Zeichnun= nungen lieferte eine Fülle graphischer Gelegenheiten, indem darin das PerSön*
^^^- liehe eines Originalstriches nachgeahmt und auf dem Wege einer größeren Auf«
läge nach Nord und Süd verbreitet wurde. Gestochene oder radierte Zeichnungen
bildeten eine neue Art des bisher gewohnten Esempio. Und als im 18. Jahr*
hundert die Feder von Kreide, Rötel und Pastell verdrängt wurde, schuf man
in Frankreich durch das Verfahren der Crayonmanier geeignete und jenen
breiten Stiften entsprechende Stichvorlagen in Schwarz, Rot oder auch mehreren
Farben (Jean*Charles Fran^ois, Louis Bonnet, Gilles Demarteau), die sich an
Akademien und weit darüber hinaus großer Beliebtheit erfreuten. Boucher
zeichnete direkt für derlei Zwecke männliche und weibliche Akte sowie Kopf*
typen und Landschaften.
Rousseau. Es verdient zwar alle Bewunderung, wenn J. J. Rousseau 1762 kühn folgende
Sätze aussprach: «Ich werde mich wohl hüten, dem Schüler einen Zeichenlehrer
zu geben, der ihm nur Nachahmungen zum Nachbilden gäbe und ihn nur
nach Zeichnungen zeichnen ließe. Ich verlange, daß er keinen andern Lehrer
habe als die Natur, keine andere Vorlage als die Gegenstände selbst. Ich
verlange, daß er das Original selbst vor Augen habe, nicht das Papier, auf
' Armenino, p. 72.
* Kopierte Schongauers hl. Antonius.
' In einer Zeichnung des Ligozzi (bei Fairfax Murray, Taf. 91) finden wir Burgkmairs
Tod als Würger genau kopiert und verwendet.
* Precetti, p. 59 f.
•^ Pour apprendre ä bien manier la plume rien n'est meilleur que de copier de bonnes
estampes dont le burin soit beau, par exemple les estampes des Carraches (Traite de la
Peinture, p. 19).
Zeichnerische Vorstufen. 259
dem es vorgestellt ist» (Emil). Aber auch er war nicht imstande, dem uner*
müdlichen Wiederholen von Handzeichnungen und Stichen Halt zu gebieten.
Die vielen Zeichnungskopien nach seinem Zeitgenossen F. Boucher beweisen
nur das Gegenteil.
Von einem andern Standpunkt aus äußert sich Kügelgen in launiger Weise Kügelgen.
über das Kunterbunt seiner Vorlagen: «Es ward nach Handzeichnungen der
verschiedensten Meister gearbeitet, welche den Stift auf die verschiedenste
Weise gehandhabt hatten, mit geraden, krummen, langen und kurzen Strichen,
wie es jedem genehm war. Dazu hatten einige unterwischt und überschraffiert,
andere unterschraffiert und überwischt, noch- andere gar nicht gewischt oder
gar nicht schraffiert und immer sah das Ding anders aus. Die Professoren
nannten dies den richtigen Gebrauch der Kreide» (Kap. Berufsstudien).
2. STUFE.
Zeichnen nach Gemälden.
Ritrarre le pitturc.
War die Hand durch diese Vorübungen strichfrei und das Auge maßsicher Vor^
geworden, so konnte man mit dem Nachbilden wandgroßer Kompositionen schritten,
im kleinen Maßstabe und mit dem Übertragen monochromer oder plastisch*
farbiger Gestalten in das Linearflächige beginnen. Auch hier lassen sich früh*
zeitige Vorschriften heranziehen, welche auf die zweite Lehrstufe des an*
gehenden Malers hinweisen: «Dann mache dich auf, alleinig oder in Gesell*
Schaft. Ist diese vorgerückter als du, um so besser. Bist du in Kirchen oder
Kapellen und fängst zu zeichnen an, so betrachte zuerst die Raumverhältnisse
der Darstellung oder Figur, welche du nachzeichnen willst, und betrachte, wo
die Schatten, die Mitteltöne und Hauptlichter an derselben sind.» (Genn., K. 29.)
Die Motivierung dazu finden wir bei Alberti (p. 100): «Du weißt, wie es
fast unmöglich ist, einen Gegenstand richtig abzubilden, der uns nicht stets
in derselben Ansicht erscheint, aus welchem Grunde gemalte Dinge leichter
nachzubilden sind als in Stein gehauene».
Aus Armenino erfahren wir weiters, daß man gerne monochrome Fresken .Mono,
und Bilder aufsuchte, weil sie dem Anfänger das Absehen plastischer Formen chrome
erleichterten. «In Rom», heißt es, «werfen sich die Studierenden zuerst auf '"'■"•<«;"•
die Chiaroscuro* Werke, wie sie Polidoro und Maturino hinterlassen haben.
Weil diese die wahre und alte Manier in Marmor und Bronze allüberall in
ihren Fassadenmalereien nachahmten, wurden sie groß und bewunderungswürdig
und erwiesen sich so fruchtbar in jeder Art der Dinge» (p. 64, 65). Und
in Oberitalien hatte man aus dem gleichen Grunde Mantegnas und Giulio
Romanos Werke aufgesucht.
Das Erlernen richtigen Sehens alles Runden, das zum Naturstudium über* Kcispiclc
leiten sollte, war indes nur eine Seite des Gewinnes. Fortgeschrittene suchten
ihren Hauptnutzen aus dem Vertrautwerden mit der Kompositionsweise zeit*
berühmter Meister zu ziehen. Selbst die Ciroßen hatten ihre Laufbahn nach
dieser Vorschrift begonnen. Wir besitzen von Michelangelo feine Federstudien
17«
260 Zeichnerische Vorstufen.
nach Ghirlandaios Fresken und nach Condivi habe er auch fleißig in Carmine
kopiert. Ein anschauhches Bild gibt uns Vasari aus seinen eigenen Lehr^: und
Wanderjahren: «In meiner Jugend zeichnete ich alles, was ich an bedeutenden
Werken in Rom, Florenz oder anderen Orten vorfand. Nicht nur Malereien,
sondern auch alte und neue Bild* und Bauwerke, wobei es mir vom größten
Nutzen war, daß ich die Decke und Wände der Kapelle Michelangelos und
alles nachzeichnete, was Raffael, Polidoro und Peruzzi gearbeitet hatten. Ich tat
es gemeinsam mit Francesco Salviati. Wir trachteten, Abbildungen von jeder
Sache zu erhalten, zeichneten deshalb am Tage nicht gleiche, sondern ver*
schiedene Gegenstände und kopierten nachts einer des andern Werk.»^ Sehr
gesucht waren fertige Kartons, denen man einzelne Figuren oder Gruppen
entnahm. Unter den lernbegierigen Jünglingen, welche nach Vasaris Bericht
sich vor Michelangelos Karton der Schlacht bei Pisa zeichnerisch übten, befanden
sich Baccio Bandinelli, Jac. Sansovino, Andrea del Sarto, Rosso und Alfonso
Barughetta Spagnuolo.^
Malistab. Solange die feine Technik auf grundierten Papieren mit Feder oder Metall*
Stift zünftig war, hatte das Kopieren ganzer Bilder seine Schwierigkeiten. Es
begegnen uns daher aus jener Zeit in der Regel Einzelfiguren (Abb. 323, 324),
ausnahmsweise eine Gesamtkomposition. ^ Es war tatsächlich nur ein beschei*
denes Sammeln. Erst die breiten und bequemen Zeichenmittel und das billig
gewordene Papier förderten größere Studien, die dann für viele den Ersatz
akademischer Erziehung bildeten. Man übte hier Proportion und Anatomie,
Perspektive und Komposition und angesichts der großen Kunstwerke, die durch
so viele Stunden auf ein junges Gemüt einwirkten, dämmerte auch in manchem
die Erkenntnis wahrer Kunst auf.
Bedürfnisse. Aus diesem Grunde erklärt es sich, wenn das Zeichnen nach Gemälden
auch dann noch mit Eifer weiter gepflegt wurde, als die Fertigkeit des Zeichnens
schon längst erreicht war. Ein jeder hafte seine Wünsche und Bedürfnisse.
Da eine Hand* oder Fußstellung, eine Körperwendung, eine Figurengruppe,
dort Köpfe von Heiligen und Propheten, Draperien; alles konnte willkommene
Behelfe für zukünftige Aufgaben abgeben. Es darf dabei nicht immer an
ein sklavisches Übertragen gedacht werden. Die reichgefüllten Skizzenbücher
bezeugen in vielen Fällen nur ein flüchtiges Notieren.^
Entlehnung Man war für jede Anregung dankbar und scheute sich auch nicht, die
g^"- Erfindung und die Formen eines andern ohne große Bedenken gelegentlich zu
verwenden, aber auch ohne Vorwürfe von Seite der lebenden Genossen.^ Jene
' Vas. Mil. VII. 13 und 654.
= Vas. Mil. VI, 137.
' Z. B. Dürers Helleraltar in Silberstift, von Lippmann irrtümlich dem Meister selbst
zugeschrieben (L. 354).
* Siehe das Chatsworther Skizzenbuch von Van Dyck.
' Erhob man derartige Vorwürfe, so entstanden sie durch gegenseitige Gehässigkeiten.
Als man Domenichino nachsagte, daß er in der berühmten Kommunion des hl. Hieronymus
Agostino Carracci nachgeahmt, verteidigte ihn Malvasia mit folgenden für die Zeit bes
zeichnenden Worten: «Wer stiehlt heutzutage nicht? Wenn nicht von anderen Malern,
so doch aus Reliefs oder Stichen! Wie viele, die wir für durchaus eigenartig, als Künstler
erster Ordnung achten, würden sie nicht, wenn sie den Blättern Parmegianinos oder
Zeichnerische Vorstufen. 261
ängsdiche Auffassung heutiger Generationen, daß jedes Nachzeichnen die freie
Entwicklung künstlerischer Individualität störe, kannte man nicht. Aus dem
Umstände, daß Polidoros Freskenmalerei in Rom wegen ihres Reichtums an
antiken Gewändern, Trachten, Waffen und Fußbekleidungen sich einer großen
Beliebtheit erfreuten und unausgesetzt belagert waren, ersieht Vasari nur den
ungeheuren Nutzen, den Polidoro und sein Genosse Maturino der Kunst
geleistet haben, einen Nutzen, «der größer ist, als sonst irgend ein Meister
seit Cimabue gewährt hat».^ Das Aufgehen des Schülers in der Art seines
Lehrers oder eines ihm nahestehenden Meisters galt zur Barockzeit fast als
Ehrensache. Giro Ferri rühmt sich in seinem Bittgesuche an Kardinal Barberino,
die von Fietro da Cortona unvollendet gelassenen Kartons für die St. Peter*
Mosaiken fortsetzen zu dürfen, daß er besser als jeder andere dessen Art nach*
zuahmen verstehe. '
Es gab immer Gnadenorte, zu welchen die begeisterte Jugend pilgerte und Vorbildliche
die nach dem jeweiligen Zeitgeschmacke wechselten. Santa Croce, Masaccios Meister.
Kapelle, Filippos, Filippinos, Ghirlandaios Gemälde in Florenz, Signorellis
Capella nuova in Orvieto, aber ganz besonders Rom mit seinen vatikanischen
Prunkräumen und Kirchen wurden zu Schulungsstätten für alle Regeln und
Vorschriften. Die Aufdeckung der Sixtinischen Fresken wurde zu einem
Ereignis. Hier holte sich die junge Künstlerschaft auf dem ^'ege der Zeichnung
Kraft und Begeisterung, Formen, Energie und Bewegung aber auch Manier
und Zügellosigkeit. «Den Dämon der Zeichenkunst hat Mit« und Nachwelt in
diesem Werke geehrt. Für alle Künstler ist die Altarwand der Sixtinischen
Kapelle, weit mehr als die Decke, die hohe Schule vom ^X'issen des mensch?
liehen Körpers geworden» (Mackowsky, Michelagniolo 242), Leonardos Abend*
mahl machte eine traurige Ausnahme, denn es zeigte sich bald nach seiner
Fertigstellung, wie Vasari meldet, als blinder Fleck.
Nach Raffael und Michelangelo kamen andere Götter, wie Correggio, die
Carracci, Guido Reni und Domenichino. Nach Bellori hatte der Gang des
hl. Andreas zur Richtstätte in S. Gregorio Magno (Guido Reni, Rom) einen
derartigen Ruhm erlangt, daß die römische Jugend zu diesem Werke hinströmte,
um es zu kopieren, und man konnte nicht begreifen, daß zur selben Zeit
Poussin das gegenüber befindliche Seitenstück von Domenichino studiere.-' Als
Luca Giordanos Gemälde im 18. Jahrhundert nicht bloß bei Sammlern, sondern
auch von Künstlern eine außergewöhnliche Überschätzung erfuhren, pilgerte
man nach Neapel und zeichnete mit bewunderungswürdigem Fleiße dessen
Figurenmassen nach. Und ebenso jene seines Schülers Fr. Solimena.'
Albrecht Dürers alle die Ideen, die Stellungen, die reichen Gewänder zurückstellen mülkcn.
nackt und gerupft aussehen wie jene Krähe des Asop?» (II, 240).
* Vas. Mil. V, 144.
* O. Pollak, Italienische Künstlerbriefe aus der Barockzeit. Jahrb. d. pr. Ks. 24, Hei-
heft S. 15.
=> Bellori, S. 266.
* Kopien dieser Art sind jene des Jacques Louis Duramcau (1733-17%) in der Albertina,
der folgende für seine Zeit charakteristische Bemerkung daraufsetzt: '^Quoii aJ miraculum
pinxit apiid Hieronimitas Neapoli Liic.is Giordano, delineavit Duramcau.^
262 Zeichnerische Vorstufen.
Beliebte Aus den genannten Hauptwerken, zu welchen im Laufe der Zeit viele
Figuren, andere hinzutraten, waren es wieder gewisse Figuren, welche den allgemeinen
Beifall fanden, wie z. B. von Raffael die kniende Frau aus der Transfiguration,
die Frauengruppe aus der Grablegung, der zum Streich ausholende Krieger im
bethlehemitischen Kindermord; dann die Ignudi Michelangelos, die Jungfrau
aus Correggios Himmelfahrt u. a. m. Oder man begeisterte sich an Einzel*
köpfen aus berühmten Bildern. Waren die Kartons noch erhalten, so zog
man dieselben aus zeichnerischer Bequemlichkeit den Gemälden vor. Ja man
scheute sich nicht, wenn tunlich, sie selbst zur Pausierung zu benützen, um
rascher und sicherer zu den Umrissen zu gelangen. Die Ausführung erfolgte
dann auf dem Wege der Nachzeichnung. Derartige, sich in einzelnen Kabinetten
noch vorfindende sogenannte Kopfstudien bildeten für den Forscher immer
ein Rätsel, da sie unter der Schattierung nicht Pauselöcher, sondern Pause*
punkte aufweisen. Diese sowie ihre mit jener des Bildes genau übereinstimmende
Größe brachten sie von altersher in den Geruch der Echtheit.^
Galt der Brauch, nach Bildern zu zeichnen, mehr in Rom und Florenz
als in den anderen Orten Italiens (Armenino, S. 64), so wurde er doch überall
und allgemein gepflegt. Primaticcios Gemälde in Fontainebleau, jene Tizians,
Tintorettos und Palmas in Venedig wurden in gleicher Weise emsig nach*
gezeichnet wie in den Niederlanden Bilder von Rubens oder Van Dyck.
Der Tür die Nordländer bedeutete es die Erfüllung eines Traumes, wenn sie
Norden. []^j.q Schritte nach dem Süden lenken durften, um ihre Mappen und Skizzen*
bücher zu füllen; für manchen freilich auch den Untergang seines bescheidenen
Kunstverstandes. So stark wie Dürer, der sich in Nürnberg wiederfand,^ und
so trotzig wie Rembrandt, der sich den Zaubertrank versagte, waren nicht viele.
Aber trotzdem studierte der letztere auch in Amsterdam nach italienischen
Gemälden, Handzeichnungen, Stichen und Medaillen, wie er als Jünghng nach
seinem Lehrer P. Lastmann kopiert hatte. ^
Romreisen. Während sich die Italiener an die maßgebende Kunstrichtung ihrer Zeit
hielten, nehmen es die nach Italien kommenden Nordländer weniger genau und
benützen, was sie als brauchbar erachten. Führerlos und uneingeweiht wandern
sie kopierend von Ort zu Ort und arbeiten, wo sich ihnen ein Zutritt erschließt.
.Sandrarts Lebens*Lauf , mitgeteilt in der Teutschen Academie, Anhang S. 1 ff.
schildert eine solche zeichnerische Tätigkeit von Augsburg bis Venedig, Ferrara,
Bologna und schließlich bis Rom. Immer war es Hauptaufgabe, «jede rare
Stuck nach selbst*eigenem gefallen abzuzeichnen».^ Nur die Stipendisten der
französischen Akademie kommen mit einem nach dem Geschmacke ihrer
Professoren aufgestellten Studienprogramm über Ort und Meister nach Rom.
Das Kopierungsprinzip erlahmte in keinem Jahrhundert. Der Historiograph
J. F. Felibien schreibt noch um 1706 in seinem Aufsatze «LTdee du Peintre
' So konnte Fischel 6 Köpfe nach der Transfiguration mit solchen Pausespuren fest=
stellen (Albertina, Chatsworth, London und Oxford).
* Auch er zeichnete in Venedig nachweisbar nach Gentile Bellini (L. 93).
' Kurt Preise, Rembrandt und Lastman, Cicerone V, 610.
* NX'citerc Beispiele bei Mander.Floerke I, 379, II, 396.
Zeichnerische Vorstufen. 265
parfait» ein ganzes Kapitel über die Frage, ob es gut sei, sich ohne jede Das
Skrupel der Studien nach anderen zu bedienen, und beantwortet dieselbe im ^^- J^hr=
liberalsten Sinne: // est necessaire enfin, qu'il (der Maler) ait ses etudes ou '^""'^^'^*-
dans sa memoire ou dans son porte-feuiUe ; les siennes, dis^je, ou Celles d'autruy.^
«Kopieren, Kopieren! war die Erziehung fast aller großen Meister. Die Malerei
war zuerst ein richtiges Handwerk, man war Bildermacher, wie man Glaser oder
Tischler war» (E. Delacroix).
Erst nach der Mitte des vergangenen Jahrhunderts wollte man nur mehr
die schädlichen Folgen erkennen. Heute ist man bereits derart in das Extrem
geraten, daß schon unsere A*B*C?Schützen ohne jede zeichnerische Vor*
Übung direkt vor die Natur geführt werden.
3. STUFE.
Das Rilievozeichnen nach Antiken,
Abgüssen und zeitgenössischen Skulpturen.
Ritrarre in rilievo — Dessiner d'apres la Bosse.
JDas Rilievozeichnen bedeutete die Anwendung der gewonnenen Formen? Forderung,
kenntnisse, wie sie soeben erörtert wurden, auf räumliche Dinge, ein Umgestalten
wirklicher Körper ins Linear*Flächenhafte und Scheinbar^Körperliche. Haupt*
aufgäbe war richtiges Erschauen der Flächen, deren Richtung und
Bewegung im Räume, ihr Licht* und Schattenspiel bei natürlicher
oder künstlicher Beleuchtung und das Loslösen vom Hintergrunde.
Es hatte für die Malerjungen etwas Sprunghaftes, mit einem Male anders Modelle,
zu kopieren, statt der im Gemälde fertigen Silhouette eine VollHgur unter
einem bestimmten Lichte, von einem bestimmten Punkte aus zeichnerisch fassen
zu sollen. Alle Arten von Guß und bildhauerischer Bearbeitung sowie alle
Metalle (Bronze, Blei, Gold und Silber) oder auch Wachs, Ton, Stein und
Holz konnten hier Vorlage sein; die bevorzugtesten Materiale aber blieben
Marmor und Gips. Die Einfarbigkeit der Abgüsse nach menschlichen Glied*
maßen oder Antiken ermöglichte es den jungen Augen, die Formen rascher zu
verstehen und richtig zu modellieren. Leonardo empfiehlt für seine Zeit noch
die Zuhilfenahme einer bereits vorliegenden Zeichnung nach dem in Betracht
kommenden Objekte, etwa des Meisters oder eines älteren Schülers, um das
eigene Resultat damit vergleichen zu können (§ 82).
Bei Cenninis Zeitgenossen und Vorläufern war unmittelbar nach dem Cennini.
Kopieren von Bildern das Naturzeichnen vorgeschrieben, weil die Natuc die
vollkommenste Führerin sei (K. 28). Nichtsdestoweniger scheinen Gipsmodelle
bereits existiert zu haben. Seine Worte, daß das Abformen einzelner Teile
menschlicher Körper dem Zeichner zu großer Ehre gereiche, lassen sich kaum
anders deuten (K. 181). Nach den Gemälden jener Periode zu schließen,
mochte der Brauch allerdings nicht sehr verbreitet gewesen sein, zumindest
nicht in den Malerwerkstätten.
' In dem Sammelwerk: Felibien. Conferences de lAcademie roy, de l'einturc, Amsterdam
1706, S. 139.
264
Zeichnerische Vorstufen.
Alberti. Besser erkannte der durchaus der neuen Zeit zugewandte Alberti den Wert
des RiHevozeichnens. «Wenn es dir schon gefälh, Werke anderer zu kopieren,
weil sie mit dir mehr Geduld haben als lebende Wesen, so erscheint es mir
genehmer, eine mittelmäßige Skulptur als eine ausgezeichnete Malerei zu
zeichnen, da du im letzteren Falle nur das Treffen der Ähnlichkeit gewinnst,
im ersteren aber auch noch die richtige Beleuchtung herauszufinden er;=
lernest» {impari conoscere et ritrarre i lumi, p. 154). Dachte er auch zunächst
an richtige Umrisse und deren Behandlung mit VoUicht, Mittehon und Haupt*
schatten, so ergaben sich bei den Übungen doch noch mannigfache Erkennt:=
nisse. Denn seltener handelte es sich um Gegenstände wie geometrische
Körper, Vasen und allerlei Gefäße, sondern in erster Linie um Skulpturen, also
Formen menschlicher Körper, an welchen diese Übungen vorgenommen wur#
den, so daß man damit noch weitere Ziele verbinden konnte, die mit der
Abb. 91. Das Gipszeichnen, nach F. Zuccheri. Albertina.
zunehmenden Entwicklung von selbst in den Vordergrund traten: das Verstehen
des organischen Aufbaues, der körperlichen Verhältnisse, deren Schönheit und
Harmonie.
Vasari. Weiters sprach Vasari für die Komposition selbst noch die Forderung
aus: «Wer seine Ideen oder was immer durch die Zeichnung ausdrücken will,
muß nach vorausgegangener Schulung der Hand sich im plastischen Zeichnen
üben (in ritrarre figure di rilievo o di marmo, di sasso, ovvero di quelle di gesso
formate sul vivo; ovvero sopra qualche hella statua antica)»}
Von diesen vielfachen Gesichtspunkten geleitet, ging die Entwicklung in den
Meisterschulen rasch vor sich und erreichte noch vor dem Beginn des 16. Jahr*
hunderts Hand in Hand mit dem Antikenstudium eine hohe Stufe. Nach
akademischer Gutheißung und verschiedenen lokalen und zeitlichen Um*
Prägungen behauptete sich das letztere allen Gegenströmungen zum Trotz bis
in die Neuzeit herauf.
' Vas. Mii. I, 170.
Zeichnerische Vorstufen. 265
Wenn wir den Stich von Agostino Veneziano, Schule des Baccio Brandini Werkstatt--
(BandinelH) in Rom (Abb. 78) heranziehen, um einen BHck in das abendÜche behelte.
Studium zu werfen, so finden wir kleine ganzHgurige Modelle männlicher
und weiblicher Gestalten in zierlichen Posen (Kleinbronzen), die von den Jün*
gern gezeichnet, vom Meister besprochen werden. Ein bescheidenes Kerzenlicht
gibt das Relief. Einige Vasen von verschiedenem Umriß vollenden die Be*
helfe.
Reicher ist die Werkstatt Fed. Zuccheris — wenn wir von der Zeichnung
aus das Lokal erschließen dürfen — die mit Abgüssen nach allerlei Antiken
und nach der Natur fast überfüllt aussieht (Abb. 91).^ Während die Jungen
in Michelangelesker, fast affektierter fialtung zeichnen, malt rechts der Meister
an einem großen Madonnenbild.
Die Darstellung der schon besprochenen Idealakademie von Pierfrancesco
Alberti (Abb. 86) läßt gleichfalls das Ritravve in rilievo einiger Lehrknaben
nach dem Abguß eines männlichen Beines erkennen. Weitere Abgüsse von
Köpfen, Büsten und Rümpfen, Händen und Füßen charakterisieren den
üblichen Bestand. Vor allem trachteten die staatlichen Akademien ein viel*
seitiges gipsernes Inventar anzulegen, das in den meisten Fällen den Grund*
stock für alle späteren Gipskabinette bildete.
Einzelne Meister überboten sich geradezu in diesen Requisiten. Freilich galten
dieselben in Privatschulen nicht allein als Lehrmittel, sondern mußten auch dem
Meister bald da, bald dort aushelfen. Schon Fra Bartolommeo besaß 65 pezzi,
feste, piedi e tovzi di gesso, um das lebende Modell zu ersetzen.- Unumgänglich
notwendige Formen waren Teilabgüsse von Kinderkörpern.'' Selbst bei Dürer
finden sich Nachweise (Abb. 161), und in holländischen Nachlaßinventaren
werden viele Posten mit Pleysfer tronien (Gipsköpfen) und Kindtstronitgens
erwähnt.* Einen speziellen Vorteil boten dem plastischen Zeichnen die an
anderer Stelle behandelten Wachsfigürchen (siehe Werkstattbehelfe, Modelli).
Eben diese parallele Entwicklung von Rilievo* und Antikenzeichnen, die Antikcn=
mit der Zeit zusammenwuchsen und denselben Aufgaben dienten, bedingt es, kultus.
daß der Antikenkultus und seine künsderische Auswertung hier noch im
besondern eine vorübergehende Beachtung findet. Denn nicht allein der Lim*
stand, daß derselbe eine neue Welt erschloß, sondern auch die Leidenschaft,
mit der Architekten, Bildhauer und Maler ihm huldigten, um zu neuen Kunst*
formen zu gelangen, verliehen ihm bald die Führerschaft. Während aber die
beiden ersten als Pfadsucher bald bestimmte Wege gingen, wie es ihre Kunst
gebot, zogen die Maler nach allen Seiten aus und sammelten und rafften fast
wahllos zusammen, was sie- für Darstellung und Dekor als brauchbar erach*
teten, Figurales und Bauwerk, Gewand und Gerätschaft. Wer nicht an Ort
und Stelle die Originalreste studieren konnte, der entlehnte von anderen und
' Albertina, Inv. Nr. 22133. Lavierte Federzeichnung auf rot grundiertem Papier.
I0-3X2r2 cm.
* F. Knapp, Bartolommeo, S. 275.
=" Ibid.
* Quellenstudien z. hell. Kunstgesch. V. S. 145.
266
Zeichnerische Vorstufen.
glücklich nannte sich, der in seiner Werkstatt einige geweihte Fragmente der
Antike bergen durfte.
Aus-- Schon im Trecento galt die Auffindung guter Skulpturen als ein Ereignis,
grabungen. £)es Kartäusers Jacopo Bericht über die Ausgrabung der Venusstatue des
Lysipp in Siena, den uns Ghiberti überliefert, gibt ein Bild jenes Zeitgeistes.^
Aus derselben Quelle erfahren wir, daß Ambrogio Lorenzetti darnach eine
Abb. 92. M. V. Heemskerck, Gartenhalle des Palastes MedicisMadama.
Zeichnung anfertigte, die noch Ghiberti gesehen hatte. Gab es auch Stimmen,
welche in diesem Kultus eine ,Ydolatria' sahen, das Interesse steigerte sich
in Kunstkreisen ins Ungemessene und die zufäUigen Entdeckungen wurden
durch planmäßiges Nachgraben aufs eifrigste gefördert. Höhepunkte bildeten
die Bloßlegung des Apollo vom Belvedere gegen Ende des 15. Jahrhunderts
nahe bei Grotta Ferrata auf einem Grundstücke des damaligen Kardinals
Giuliano della Rovere oder jene des Laokoon im Jahre 1506. Beide fanden
im Statuenhof des Belvedere, dem «geheimen Garten», ihre Aufstellung.-
' Come tutti gli intendenti et dotti dell arte della scultura et orefici et pictori corsono
a vedere questa statua di tanta maravigla et di tanta arte . . . Et con molto honore la collo=
carono in su la loro fönte come cosa molto egregia (Ghiberti, Denkwürdigkeiten, ed.
J. V. Schlosser I, 63 und II, 189). 1357 wurde sie wieder von dem Brunnen entfernt.
-' Kristeller, A. Mantegna, Berlin 1902, S. 216.
Zeichnerische Vorstufen. 267
Heemskercks Skizzenbücher aus den Jahren 1532 — 1536 (Berlin) führen uns Sammlun.
in die mit Torsi, Vasen und Fragmenten aller Art gefüllten Höfe, Hallen und S»-'n.
Gärten Roms (Abb. 92),^ instruktiver als der zwanzig Jahre später erscheinende
Führer durch das antike Rom des Ulisse Aldroandi: Le statue antiche che per
tutta Roma . . . si veggono, Venezia 1556.- Sie zeugen von den bereits aufge*
stapelten Reichtümern jener Jahre. Die Begeisterung war allgemein und auch
echt, denn sie basierte auf dem erwachten stolzen Gefühl für ruhmvoll ver?
gangene Zeiten des Heimatlandes.
Auch in nördlicher gelegene Städte gelangten kleinere Sammlungen, wie
jene des Kardinals Domenico Grimani nach Venedig (1523), die er bereits
1505 in Rom angelegt hatte.' Marcantonio Michiel zählt in seinen Kunst;
berichten über Padua und Venedig eine Menge von Skulpturwerken in Privat*
besitz auf und gleiches berichtet der Mailänder Prospettivo von den Palästen
Valle, Piccolomini, Branca, Riario u. a. m.^
Und so wie Päpste, Kardinäle und Fürsten, sammelten die Künstler je nach Künstler
ihren Mitteln für sich und ihre Schüler antikisches Material.^ Ghiberti soll ^^^ Sammler,
eine Sammlung römischer und griechischer Skulpturen besessen haben, die
nach seinem Tode auf 1500 Goldgulden geschätzt wurde.'"' Ebenso besaß
Donatello alte Kunstwerke.' Oberitalienische Künstler, die nach den Haupt*
Zentren gewandert waren, kehrten mit antikem Material nach dem Norden
zurück. Gerade sie benötigten den Privatbesitz mehr als ihre Kollegen in dem
gesegneten Mittelitalien. Nach Ridolfi brachte Squarcione aus Griechenland
und Italien antike Kunstwerke, Fragmente von Skulpturen in Originalen oder
Abgüssen in seine Vaterstadt und stellte sie in seiner Werkstatt als Bildungs?
mittel auf. Mantegna sammelte in dieser Umgebung seine Eindrücke und
archäologischen Kenntnisse und machte von den architektonischen, ornamentalen
und figuralenResten in seinen Gemälden wie kein zweiter Gebrauch. "^ Die Bellini be*
saßen weibliche Torsi, Giulio Romano schmückte sein neues Heim in Mantua mit
Anticaglie, die er aus Rom mitgeführt hatte (Vas. Mil. V, 549). Besonders
reich war laut Nachlaßinventar Sodoma; dasselbe nennt Torsi, allerlei Fragmente
von Köpfen und Füßen, Kleinbronzen, Reliefs, Gefäße und Schaumünzen.''
Rubens läßt es sich besonders viel kosten und erwirbt die Antiken des
englischen Gesandten Sir Dudley Carleton für 9 Bilder seiner Hand und
* Aus Egger und Hülsen, Die römischen Skizzenbücher Heemskercks, Bd. I, Tat. 6 und
Text S. 4; ferner Bd. II, Taf 61; Verlag J. Bard. Berlin. Feder.
- Mit fortlaufender Seitenzahl gedruckt als Beilage der Antichitä di Koma des
Lucio Mauro.
^ Hübner, Studien über die Benützung der Antike in der Renaissance (Monatsh. t.
Kunstw. 1909. S. 273).
* Vischer R., Luca Signorelli, S. 29.
'^ Über das Sammeln von Antiken seitens italienischer Kün.stler siehe Jakob Burckhardt,
Beiträge z. Kunstg. v. Italien, S. 332 ft.
« Baldinucci. Dec. I, Parte I (Mailänder Klassikerausgabe ISll. V, 40).
' Nach der Zeugenschaft des Archäologen Ciriaco d'Ancona. der Donatello um 1437
besuchte (Schlosser, Ghiberti, Denkw. II, 197).
" Kristeller, Mantegna, S. 123.
'•' Milancsi. Documcnti Senesi III. p. 110. Inventar vom 20. Juli 1529.
268 Zeichnerische Vorstufen.
2000 fl/ Und wer sich nicht Originale verschaffen konnte, begnügte sich mit
Abgüssen. Armenino führt sich selbst als Augenzeugen für mit solchen Be#
helfen angefüllte Werkstätten und Kammern an, wie er sie in Florenz, Bo*
logna, Mailand, Genua, Parma, Mantua, Pesaro, Urbino und Ravenna für die*
jenigen vorfand, welche nicht in Rom bleiben und arbeiten konnten (p. 70).
Eine gewisse Bedeutung hatten für die abendlichen Zeichenstunden jene
kleinen florentinischen und paduanischen Bronzestatuetten, die ihre Entstehung
teils Abgüssen antiker Muster, teils freien Nachahmungen verdankten und seit
Donatello bis ins 16. Jahrhundert allgemeine Verbreitung fanden. Meist
Figurinen der Mythologie, Venusbildnisse oder andere nackte Göttergestalten,
boten dieselben, ob nun von Bronze, Blei oder gebranntem Ton, handsame
Behelfe (Abb. 78).^
Das Die Viten*Literatur ist überreich an Berichten über die vielfältige künstlerische
Studium. Ausnützung dieser alten Bronze* und Marmorschätze und es muß hier genügen,
aus der Materialfülle nur auf einzelne Hauptpunkte hinzuweisen. In der naiven
Freude an den neuen Formen und Verhältnissen modellierte und zeichnete man
bald skizzierend, bald sorgfältig in rilievo. Aus beruflichen Interessen gingen die
Bildhauer voran. Sie schöpften aus ihrem eigensten Gebiet und entlehnten
völlig unbefangen. Vielfach auch die Malerei ausübend, fanden sie zeichen*
technische Ausdrucksweisen und wirkten so für alle vorbildlich.
Bildhauer Niccolo Pisano entlehnte schon 1 260 für seine Marmorreliefs an der Baptisterium*
und Maler, kanzel in Pisa antike Figuren. Ob der Übertragungsprozeß auf dem Wege
des Nachmodellierens oder, wie es wahrscheinlicher, des Nachzeichnens geschah,
bleibt wohl ungeklärt, allein die Direktiven waren damit für die folgenden
Jahrhunderte eingeleitet."' Die völlig verbrauchten gotischen Formen, denen zu
wenig Anschluß an die Natur innewohnte, um sich weiter zu entwickeln, forderten
solche harte und doch vermittelnde Stufen. Es erschien nur natürlich, wenn
man in den erkannten und immer sich mehrenden Wundern des Altertums die
Erfüllung aller Kunstbedürfnisse kommen sah. Die Skizzenbücher des Jacopo
Bellini, der Codex Escurialensis, das Budapester Architekturbuch, die Studien*
bücher des San Gallo, des Baldassare Peruzzi, des Märten Heemskerck gewähren
reiche Einblicke in die Bedürfnisse und Kunstanschauungen des Quattro* und
Cinquecento und ebenso in den Interessenkreis des Einzelnen. Und wo solche
Beweise mangeln, zeugen die gemalten Werke selbst von der Benützung und
dem Studium alter Kunst. Die gerade in den letzten Jahren stärker auf dieses
weite Gebiet gelenkten Forschungen enthüllen immer neue Beziehungen und
Einflüsse, die freilich nur dann ein allgemeines Interesse beanspruchen, wenn
es sich um Schulhäupter handelt und ein erbrachter Nachweis antiken Materials
und einer damit zusammenhängenden Romreise nicht nur deren Lebensweg, son*
dem auch die bis dahin aus ihrem Gesamtwerk herausfallenden Formen erläutert.*
' Guhl II, 143 ff. 2 j Burckhardt, Beiträge z. Kunstgesch. von Italien, S. 369.
^ Erst Cellini berichtet von sich: «An Festtagen ging ich gewöhnlich nach Altertümern
aus und studierte nach ihnen, entweder in Wachs oder mit Zeichnen» L. I, C. 5.
* So der Nachweis über Correggios römischen Aufenthalt von Osk. Hagen, Correggio
und Rom (Zs. f. b. K.. N. F. XXVIII, S. 110).
Zeichnerische Vorstufen. 269
In dem Garten Lorenzo Medicis an der Piazza S. Marco herrschte eifrig Der Medici;:
schulmäßiges Modellieren und Zeichnen, das zu einem gesteigerten Antiken^ Garten,
kultus in Florenz führen mußte. Belehrend ist der Bericht Vasaris, daß die
hier entstandenen Modelle, Zeichnungen und Kartons von Donatello, Brunelleschi,
Masaccio, Uccello, Fiesole, Fra Filippo und anderen einheimischen wie aus*
wärtigen Künstlern unter der Obhut des alten Beraldi, eines Donatello-Schülers,
gleich den Antiken aufgestellt und behütet wurden, gewiß als weitere Vorlagen
für Jüngere,^ Man wird dabei an den von Leonardo erwähnten Vorteil erinnert,
sich beim Rilievozeichnen bereits vorhandener Zeichnungen zu bedienen.
Das Material an solchen Studienblättern muß ungeheuer groß gewesen sein. Benv. Filippino.
Cellini fand das Haus Filippinos, wo er mit dessen Sohn verkehrte, voll von
Studien, darunter mehrere Bände nach römischen Altertümern (3. Kap. der Selbst*
biographie). Dies findet auch durch den Aretiner seine Bestätigung, der mit
großem Lob hervorhebt, daß Filippino jedes seiner Werke mit römischen Alter*
tümern geschmückt und so der Kunst neuen Reiz verliehen habe.-'
Die Gebiete erweiterten sich. Um 1500 wurde sogar die Trajansäule von
dem Maler Giac. Ripranda, und zwar unter magna admiratione magnoque perh
colo circhum machinis scandendo abgezeichnet.^ Wie schon Brunelleschi kopierte
auch Signorelli Reliefs des Konstantinbogens,"* und was Raffael und Michel*
angelo aufgenommen, das lehren uns ihre Gemälde oder Skulpturen.^
Eine besondere Art des Antikenzeichnens war die seitens Fürsten, hoher Aufträge.
Herren und Altertumsfreunde veranlaßte Kopierung römischer Antiken durch
bezahlte Künstler, die in Rom und Umgebung oft jahrelang fleißig arbeiteten.''
Dabei handelte es sich nicht immer um Stichausgaben, sondern vielfach nur
um Erinnerungen an vorhergegangene Reisen oder um die Erweiterung der
Kunstkammern. Nach Vasari soll selbst Raffael sich Zeichner gehalten haben,
die in ganz Italien, zu Pozzuolo, ja sogar in Griechenland alles, was der Kunst
zum Nutzen gereichen konnte, zusammentrugen.^
Es fiel aber leichter, Skizzenbücher zu füllen, als den Geist der Antike zu Anwendung,
absorbieren, deren Formeneinfachheit mit dem in allen Ateliers lebendig ge*
wordenen Naturstudium zu verbinden und daraus Neues zu gestalten. Der
Übergang war anfänglich ein schroffer und harter. Weit unvorteilhafter als die
Bildhauer entlehnten die Maler ohne viel eigenes Zutun aus den Sammelfrüchten
* Vas. Mil. VII, 141 und IV, 257. - Seidlitz. Leonardo I, 91. - Nach Crowc und Cav.
(4, 2, S. 540 f.) erst um 1488 für Unterrichtszwecke dienstbar gemacht.
* Vas. Mil. III, 462.
" Raff. Maffei di Volterra, Antropologia, ed. 1506 (Bertolotti, Artisti Bolognesi, Ho.
logna 1885, p. 35).
* G. Hübner, Studien über Benützung der Antike (Monatsh. f. Kw., Jahrg. 1909. S. 270 H.)-
* C. V. Pulszky. Beitrag zu Raflaels Studien d. Antike. Diss. Leipzig 1877. - G. Hübner.
Raffael und die Sammlung Grimani, ibid. S. 273. - Gruyer. Raphacl et l'antiquite. Paris 1863. -
Über Michelangelo: Alois Grünwald. Über einige Werke Michelangelos in ihrem Verhältnisse
zur Antike (Jahrb. d. kunsth. Samml. d. Kh. XXVII, S. 125).
" So Cortona. Poussin, Domenichino, G. B. Ruggieri für Dal Pozzos Sammlung römi;
scher Ahertümer. Malv. IV. 355. - Josef der Schweizer für Kaiser Rudolf II. (.Mander=
Floerke II. 295).
' Vas. Mil. IV. 361.
270
Zeichnerische Vorstufen.
oder konstruierten Möghches und UnmögHches zusammen. Die einen folgten dem
Instinkte, die anderen der neuen Schönheit, die dritten dem Zug der Mode, manche
der Gelehrsamkeit und viele der Bequemlichkeit. Nur zu oft wurde das eine oder
andere zum Verhängnis, indem man ganze Figuren fast unverändert in die
eigene Komposition einstellte und so Einheit und Persönlichkeit jäh zerstörte.
Maniera Von einer Periode zur andern wechselten die Bedürfnisse und demgemäß
antica. Jie Vorschriften des Zeichnens. Selbst lokale Unterschiede traten auf. Während
in Florenz eine mehr figurale Anwendung und Ausnützung erfolgte, sehen wir in
Oberitalien das Archäologische betont. Mantegna umstellt seine Sebastiangestalten
mit antiken Säulen, Kapitalen, Basen, Fußfragmenten, Gesimsplatten. Während
dort die freie Linie Körper und Gewand beherrscht, haftet in Padua, Ferrara
und Venedig den Gestalten und Gefälten das Bronzene, Gußartige an. Die
heute als interpoliert aufgefaßten scharfen Worte Squarciones, wie sie uns
Vasari überliefern will, beweisen, wie man schon zu seiner Zeit darüber dachte.^
Umwertung. Die schadlose Aufnahme einer großen untergegangenen Kunstanschauung, die
richtige Einschätzung ihrer Formenklarheit und Größe sowie deren maßvolle
geistige Umwertung war nur bei wenig Auserlesenen zu finden. Der großen
Masse kamen überhaupt nur ÄußerHchkeiten, Einzelformen als Aufputz und will?
kommene Aushilfe in den Stunden des Bedarfs zugute. Köpfe, Rümpfe, Gliederteile,
Draperien, Waffen, Trophäen, Architekturbestandteile. Namentlich galt es als
zeitgemäß, antike Gewandmotive in Ruhe oder in flatternder und um den
Körper kräuselnder Bewegung alten Reliefs zu entnehmen oder in freier Um*
dichtung zu verwerten. Und ebenso verraten die in den Gemälden angebrachten
reichen architektonischen Hintergründe oft eine Überfüllung mit Pilasterdekor,
Medaillons, fliegenden Genien und abschließenden Figurinen.
Bewegungs^ Neben der rein äußeren Formengebung hohe man Bewegungsmotive, die
motive. dann von Hand zu Hand gingen. Verallgemeinerte Standposen, aggressive
Fechterstellungen, das Inskniesinken Verwundeter, der Typus liegender Fluß*
gottheiten, Tänzer, der Dornzieher kehren immer wieder und fallen heute oft
recht ersichtlich aus dem Zusammenhang der Kompositionen heraus. Auch
damals mochte die Kritik ähnlich empfunden haben. Aber trotzdem übersah
man nie die schöne Linie, den reinen Umriß.
Daher trat bald die Forderung auf, dem antiken Schema Naturstudien
zu unterlegen und nur Maße und Pose zu entlehnen. Schon die religiösen
Aufgaben bedingten von Andacht durchdrungene Gestalten, denen die Antike
nur die Schönheit verleihen sollte. Das Aktzeichnen erlangte dadurch eine
nach zwei Seiten hin geläuterte Auffassung, der Naturalismus des Modelles
wurde durch den Geist der Alten und dieser durch die kirchliche Bestimmung
gemildert. Selbst Götterfiguren erhielten in Gebärde und Ausdruck ein dem
Wesen der Griechen und Römer fernliegendes sentimentales Gepräge (Botti*
cellis Venus, Berlin).
Höhepunkt. Anderseits wirkte das emsige Naturzeichnen unter Zuhilfenahme der Ana^
tomie wieder fördernd auf das« Verständnis der ausgegrabenen Schätze, beson*
ders der Torsi, und deren in schöpferischer Genialität frei und kühn erfolgende
Geläutertes
Natur-
studium.
' Vas. Mii. III, 389. - Ridolfi. op. cit. I, 68.
Zeichnerische Vorstufen.
271
Ergänzung und Umgestahung in Bild und Zeichnung. Leonardo, Michel*
angelo und Raffael vollbrachten durch ihr geniales Schaffen die endgiltige
und höchste Umwertung. Während der erstere alles auf einem rastlosen Natur.
Studium und schärfster Naturbeobachtung aufbaute, gestaltete Michelangelo den
antiken Geist durch die leidenschaftlich bewegte Formenenergie und Raffael
durch den alles beherrschenden Zug milder Schönheit um.
Abb. 93. F. Zuccheri, Der Laokoonzeichner.
Die unmittelbar folgende Zeit war nur mehr ein vöJliges Aufgehen in
diesen neugewonnenen Resultaten, ein haltloses, aufdringliches Nachahmen
der neuen Schöpfungen oder ein Schwanken zwischen Klassizieren und Natur,
zeichnen. Weil die Kraft zur Weiterentwicklung fehlte, verfiel man bald in
die maniera antica, bald in die manicra bella oder biiona. In letzterem
Sinne dozieren die Precetti Armeninos: Zwei Wege fuhren dahin, entweder man
kopiere verschiedene gute Meister oder folge nur einem, immer aber solchen,
deren Werke jenen der Antike am ähnlichsten. '
* Armenino, p. 66: di qiuinta importanza sia l'avcrc bella manieta.
bclla.
272 Zeichnerische Vorstufen.
An die Stelle wahllosen Anhäufens klassischer Motive tritt die Einschränkung
auf allgemein anerkannte Kunstwerke. Man befaßte sich nur mit den her*
vorragendsten Skulpturen wie: Laokoon (Abb. 93),^ Herkules, Apollo, dem
Torso, dem Nil, Kleopatra, Venus und noch einigen aus dem Belvedere und
päpstlichen Palaste.'' Von den mitten in der Stadt befindlichen Werken seien
Marc Aurel und die Giganten empfohlen, von den Reliefs jene der Triumph*
bogen, der Colonna Trajana und Antonina.
Zeit= Gleichzeitig wurden auch berühmte zeitgenössische Bildwerke zum Studium
genössische herangezogen. Merkwürdig erscheint uns Armeninos Zusammenstellung der
Bildwerke. Meisternamen, die gewissermaßen die bella maniera in sich schlössen: alle
Werke Michelangelos, jene des Baccio Bandinelli und des Frate
Guglielmo Milanese.^ Unmittelbar in eine solche Stunde damaligen
Fleißes versetzen uns zwei wie Momentaufnahmen anmutende Zeichnungen
des Federigo Zuccheri aus der Medici^Kapelle, wo jüngere und ältere Maler und
Bildhauer vor dem Lorenzo*Grabmale eifrig, aber auch sehr ungeniert in ihre
Büchlein zeichnen.* Hand in Hand mit diesen Bestrebungen ging daher die
Verbreitung von Abgüssen. Vasari und Tintoretto besaßen solche nach Sta#
tuen Michelangelos.^
Venedig. Einen selbständigen Weg wandelte man in Venedig seit Giorgione. Weder
er noch Tizian und Tintoretto ließen in ihren Kompositionen antike Formen
frei durchdringen, es sei denn als dekoratives Zubehör (der Brunnen in der
himmlischen und irdischen Liebe). Vasari überliefert die tadelnden Worte
Sebastiano del Piombos, daß Tizian Erstaunliches geleistet haben würde, wenn
er in Rom die Arbeiten Raffaels und Michelangelos und die antiken Statuen
gesehen und danach Zeichenstudien gemacht hätte.'' Auch Giorgione, Palma
und Pordenone mußten den Vorwurf, nicht in Rom gewesen zu sein, über
sich ergehen lassen.^
Bologna. Nicht ohne Einfluß war dieses ablehnende Verhalten Venedigs auf die
Eklektiker in Bologna. Aber wiewohl auch sie in ihrer Akademie eine Fülle
von Abgüssen antiker Köpfe und der besten Reliefs besaßen, so schlössen die
Prinzipien ihrer Schule, d. h. die glückliche Vereinigung lebendigen Natur*
Studiums mit plastischer Gemessenheit, sowie die alle ihre Kompositionen
beherrschenden Michelangelesken Bewegungsformen ein Überwuchern der
Antike aus (Abb. 168). Anatomische Studien und ein ununterbrochenes Akt*
zeichnen nach männlichen und weiblichen Modellen bildeten die Haupt*
gegenmittel. In der jüngeren Generation wie z. B. bei Alessandro Tiarini
(1577 — 1668) bemerkt man eine ausgesprochene Ablehnung der Statuen und
Reliefs, weil sie die Formen nur hart erscheinen lassen. «Warum das Original
* Von F. Zuccheri noch ein Reliefzeichner und der Zeichner einer Sockelfigur, alle
drei Blätter von St. Mulinari gestochen.
" Armenino, S. 68. - Noch 1792 nennt Watclet (Dictionnaire I, 83) als die fünf
Hauptwerke antiken Studiums den Torso, Apollo, Venus, Laokoon und den Gladiator.
' Armenino, S. 66.
* Louvre, Br. 307 u. 308.
^ Ridolfi, op. cit. II, 6.
« Vas. Mil. VII, 431.
' Ibid. 428.
Zeichnerische Vorstufen. 273
für eine Kopie aufgeben? Warum das Wasser aus der Gosse der Nachahmung
schöpfen, wenn man es aus dem ersten und wahren Quell der Natur haben
kann?» (Malvasia IV. 205.)
Wie ein matter Schimmer aus weiter Ferne erscheint die figurale Antike Der
in den germanischen Ländern; es fehlten hier alle Voraussetzungen, die Norden.
Tradition und vor allem die lebendige Anschauung, um in Fleisch und Blut
dringen zu können. Dürer, der sie nur durch italienische Vorlagen, Zeich* Dürer,
nungen und Stiche kennen lernte (Abb. 5), auch durch seine Reisen mancherlei
erfahren hatte, wollte sich in seiner «Proportion» der allgemeinen Anschauung
nicht ganz entziehen, wenn er sagte: «Desgleichen für ein Exembel mag nemen
bei Rom, do man dy alten Trümer der alten Künstler find, dergleichen itz
nit wissent ist von keinem, der do lebt» (L. u. F., S. 358). Zu einer wesent*
liehen Änderung seines Künstlernaturells kam es aber — gottlob — nicht,
wenngleich das «Antikische» in Werken gewisser Jahre heftig rumorte. '
Die Anlage kleiner, in Deutschland allmählich in Mode kommender Samm* Sammlun.
lungen war bescheiden. Wenn der Basler Amerbach allerlei Abgüsse in der gen.
Schublade hatte, «zwei gros, zwei klein menschenköpflin, zwei rosköpflin, alles
von gyps — ein menschen lyb, oder in einem Sammetladen allerlei Abtruck
von Brot» (Münzen und Medaillen), oder wenn uns in der einen oder ande*
ren Raritätenkammer ein Marmor oder Kleinbronzen begegnen, so will dies
für die allgemeine künstlerische Erziehung nicht viel sagen.*
Es schien, als ob sich in dieser Hinsicht überhaupt kein besseres Verhältnis
zu antiken Formen herausstellen wollte. Nach Rom wandernde Maler wie
Jos. Heinz zeichneten zwar römische Skulpturen, aber in Kreide und Rötel,
Fleischpartien rot, Haare, Augen und Sockel schwarz, um ihnen gleich Akten
Leben zu verleihen. ^
Noch um 1820, wie Wilhelm von Kügelgen aus seinen Lehrjahren an der
Dresdener Akademie berichtet, hatte der gefürchtete Professor Pochmann in
die Gipszeichnungen seiner Schüler schwarze Augäpfel und dunkle Locken
mit beleckter Kreide auf unauslöschliche Weise eingegraben,' trotz Winckcls
mann, der in seinem Erstlingswerke: Gedanken über die Nachahmung der
griechischen Werke in der Malerei und Bildhauerkunst schon 1754 seine auf
strengen Studien beruhenden Grundsätze aufgestellt hatte.
Verständiger betrieben die nach Italien ziehenden Niederländer das Antiken* Niederlande,
zeichnen. Aber wenn auch das Interesse wie jenes Lambert Lombards oder
Märten Heemskercks durch Anlegung von ausführlichen Skizzenbüchern-' über
das gewöhnliche Maß hinausging, wenn auch D. Calvaert seine um 1572
* Außer H. Grimm, M. Lehrs, H. Thode siehe F. WickhoH. Dürers Studium nach der
Antike (in Mitt. d. Instit. f. österr. Gesch. «Forschung 1880, S. 411-429). - J. Mcder. Neue
Beiträge z. Dürerforschung (Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh. XXX, lieft 4).
- Jahresber. d. Kunsts. in Basel LIX. S. 29 u. 44. - J. v. Schlosser. Die Kunst-- und
Wunderkammern der Spätrenaissance. Leipzig 190S, S. 34.
* J. Heinz. Satyr und Jüngling oder Bacchus mit dem Leoparden (A.)
* Erinnerungen eines alten »Mannes, Kapitel Berufsstudien.
^ Skizzenbuch Lambert Lombards im Besitze des Herzogs von Arenberg in Brüssel.
Hübner. Studien über Benützung der Antike (Monatsh. L Kw., Jahrg. 1909, S. 270).
Meder, Die Handzeichnung. '"
274 Zeichnerische Vorstufen.
in Bologna gegründete Akademie mit einem großen Apparat von Abgüssen
ausgestattet hatte, für die vlämische und holländische Malerei bedeuteten diese
Anstrengungen nicht sehr viel. Die sogenannte italisierende Richtung kam
der nationalen Kunst gegenüber nicht auf. Es lief vielfach nur auf eine
Modesache hinaus, so wenn Rembrandt eine antike Kaiserbüste erwarb und
dieselbe zeichnerisch (H. d. G. 939) oder in der Radierung «Pygmalion» ver*
wendete. ^ Nur das humanistisch geschulte Genie Rubens' durfte es wagen,
unbeschadet spätrömische Skulpturen und antike Posen in seine Gemälde auf*
zunehmen. Wie klug er darüber dachte, lehrt uns sein Schreiben an Franciscus
Junius 1637.^
Frankreich. Am innigsten schloß sich Frankreich an Italien an. Schon Jean Foucquets
Miniaturen für Etienne Chevalier bekunden eine Aufnahme und Verarbeitung
römischer Architekturen, die alles Erstaunen erregen und auf gute in Rom
gemachte Studien zurückgehen.
Sammlun; Im 16. Jahrhundert begann man nach dem Beispiele italienischer Mäzenaten
gen. große und kleine Sammlungen anzulegen, die, mehr oder weniger zugänglich,
die Kunst im guten und schlechten Sinne befruchteten. Franz I. ließ 1540
durch Primaticcio und Vignola 124 Statuen von Rom nach Fontainebleau
schaffen samt einer Anzahl von Büsten, aber weit mehr Gußformen nach der
Trajansäule, dem Laokoon und der Medici^Venus.^ Eine besondere Förderung
erfolgte durch die Academie royale.
Ersatz« Wo Geld und Raum nicht ausreichten, legte man Münzen?, Medaillen? und
Plakettensammlungen an und komplettierte sie durch Gips?, Blei?, Wachs? und
Brotabdrücke. Außerdem erstanden in den gestochenen und radierten Vor?
lagen nach der Antike (Paradigmata, Principes de dessin, Livres ä dessiner),
nach den offiziellen Skulpturen mit und ohne Maßangaben, nach Karyatiden,
Reliefs, Gemmen, ornamentalen Formen allerlei Ersatzbehelfe.*
Manier. Das einseitige Streben, Gedächtnis und Geschmack durch das akademische
Skulpturenzeichnen nach glatten, toten Formen zu nähren, dagegen die Natur
nur von der Seite anzusehen, rief wie in Italien, den Niederlanden und später
in Deutschland, auch in Frankreich Perioden des Manierismus hervor, der von
einzelnen in die Heimat zurückgekehrten Künstlern, wie Poussin, schmerzlich
empfunden wurde. «Ich schwöre es Ew. Herrlichkeit zu», schreibt derselbe
1641 aus Paris an Cassiano del Pozzo, «daß ich, wenn ich länger hier in
diesem Lande bliebe, ein ebenso großer Pfuscher werden müßte als alle die
anderen, die hier leben. Die Studien und guten Beobachtungen der Alter?
tümer oder was es sonst sei, sind hier durchaus unbekannt, und wer Neigung
zum Studium und zu sorgfältiger Arbeit hat, muß , sich hier wahrlich weit
davon entfernen.»^ Nach 26 Jahren wurde auch er bekämpft.''
* Fritz Saxl, Zur Herleitung der Kunst Rembrandts (Mitteil. d. Gesellsch. f. v. K. 1910,
Nr. 2-3).
^ Guhl II. 201. - Die Briefe Rubens", Ausg. O. Zoff. I, 459.
' De Monville, La Vie de Pierre Mignard, 1731, S. 4, Anm. a. - Vas. Mil. VII, 106.
* Gerard Audran, Les proportions du corps humain mesurees sur les plus heiles figures
de l'antiquite, Paris 1683, mit 30 Tafeln.
'' Guhl II, S. 263. « Roger de Piles, Conversations (Dresdner I, 122).
Zeichnerische Vorstufen. 275
Diese Kritik Poussins, der während seines vieljährigen Aufenthahes in Rom Vorschriften,
stets aus dem Vollen schöpfte und die aufgenommenen Eindrücke durch die
Kraft seiner Phantasie auch zu verarbeiten wußte, wäre damals von den über*
zeugten Professoren kaum verstanden worden. Daher blieb das trostlose Auf*
gehen in gipsernen Modellen weiterhin unumstößliches Dogma: «Der Schüler
beginne mit Abgüssen von Köpfen, dann folgen jene von Händen und Füßen
und endlich ganze Figuren. Beim Kopfzeichnen wähle er einen männlichen
und einen weibhchen, einen jungen und einen alten, z. B. Apollo und Venus
Medici, den kleinen Nero und den Tiber» (Ch. A. Dufresnoy, L'art de Pein=
ture 1668). Nicht einmal die naturalistischen Anregungen und nationalen
Bewegungen unter Watteau, Boucher, Fragonard vermochten die allmächtigen,
stets auf dem Gebiete der Historienmalerei sich betätigenden akademischen
Normen niederzuringen. Daher der sich erhebende heftige Kampf gegen dieses
Übermaß von Seiten De Piles', Diderots, Cochins, Watelets und Falconets.^
Aber der Zauber der Antike erstarb nie. Nach Jahren der Übersättigung
und der Enthaltung, nach dem Aufleben nationalen Empfindens, der Koloristen
und Rubenisten stand man eines Tages abermals vor derselben Schwelle und
begehrte Einlaß. Und wenn auch Louis David seine Kompositionen mit Far#
ben ausstattete, es blieben doch nur ins Bildmäßige übertragene Reliefs.
Uie große Masse der aus diesem Gebiete erhaltenen Zeichnungen, besonders \X'issen=
jener aus früheren Jahrhunderten, bietet dem Forscher durch die damit ver* schaftliche
knüpften Künstlernamen und durch das in ihnen aufgespeicherte archäologische Auswertung.
Material die vielseitigsten Anregungen. Manch fremdartige, rätselhaft er*
scheinende Form findet ihre Klärung durch die Feststellung einer antiken
Vorlage. Der Entwicklungsgang vieler Künstler erhält Richtungslinien für
örtliche und zeitliche Wandlungen. Die Literatur hinsichtlich des Nachweises
antiker Vorbilder in Kompositionen hervorragender Meister ist heute schon
eine beträchtliche zu nennen, doch noch lange nicht abgeschlossen. Von der
Publikation zusammenhängender Skizzenbücher abgesehen, erscheint sie durch
die vielen zerstreuten Einzelaufsätze oder gelegentlichen Entdeckungen noch
zu fallweise behandelt und der zusammenfassenden Gesichtspunkte bedürftig,
die uns die zeitlichen Forderungen der Kunst erkennen lassen sollten.
Ferner bietet das alte Kopienmaterial eine reiche archäologische Fund;
grübe. Der ehemalige Aufbewahrungs* oder Aufstellungsort der unmittelbar
nach der Ausgrabung geborgenen Skulpturen,- die Umgebung des Platzes
(Abb. 93), ihr fragmentarischer Zustand fanden in diesen schlichten Studien,
oft durch hinzugefügte Notizen erhellt, Beachtung. In einzelnen Fällen gewähr
ren sie für völlig Verschwundenes heute den einzigen Ersatz. Leider wurden
' Un jeune komme qui n'en connait point encore le dan,qer, y puiserait peut-etre un tjoüt
sec et froid, dont il pouvrait sc faire une habitude. L'usage trop frequent de la bosse
est aussi dangereux pour ceux qui veulent bien dessiner la Jigure, que le secours du
mannequin (lorsqu'on en abuse) lest pour ceux qui i'eulent bien draper; il faut donc que
l'eleve passe le plus tot qu'il lui sera possible ä l'etude de la nature. (Kncyclopcdie mctho.
dique, Watelet et Levesque, au mot Dessin). - Locquin, S. 77, Anm. 1.
' Beispiele bei Herrn. Iiggcr, Cod. Escur. I, S. 64 und an anderen Stellen.
18'
276 Zeichnerische Vorstufen.
mitunter kümmerhche Reste, Friesstücke, Sarkophagrehefs, selbst Architekturen
von der Phantasie des kopierenden Künstlers mit falschen Rekonstruktionen
ergänzt, so daß auch für diese alten Zeugen die Kritik ihre ungeschmälerten
Rechte fordert.^ Schließlich bildete die zeichnerische Aufnahme von vielen monu*
mentalen Resten oder architektonischen Bauwerken christlicher Zeit in kom*
pletten und aufgelösten Wanderbüchern italienischer, niederländischer und fran*
zösischer Schule, oft mit erklärenden Notizen versehen, für die römische
Lokalkunde ein reiches Qiiellenmaterial, das gleichfalls in den letzten Jahr*
zehnten bereits einer wissenschaftlichen Ausnützung zugeführt wurde.
4. STUFE.
Das Naturstudium.
Ritrarre dal naturale, il natural vivo — naer het leeven.
Uas richtige Naturzeichnen bildet für den Schüler die goldene Pforte, durch
die er das Reich der lebenden Formenwelt betritt; für den Meister das end*
los weite Gefilde, darin er den organischen Aufbau scharf erschaut, dem
Leben und Weben aller Natur mit ganzer Hingabe lauscht und seiner erwachten
und mitschaffenden Phantasie freien Lauf gewährt. Verstand, Wissen und
naives, umdichtendes Gestalten müssen hier am Werke stehen, um dem lebendigen
Eindruck eine lebendige Form und jedem Strich Inhalt zu verleihen. Es endet
während des langen Künstlerstrebens nie, erschöpft sich nie, steht im Kernpunkt
aller großen Aufgaben, führt bei strenger Konsequenz zu einem persönlichen
Stil und bewahrt allezeit vor der lähmenden Manier. Vom Standpunkt werk*
stattmäßiger Erziehung bezeichnet es die letzte Stufe, allgemein betrachtet,
Beginn und Höhepunkt aller Zeichenkunst.
Gedächtnis^ Schon die nachahmenden Versuche der Urzeiten beruhten auf wiederholten
zeichnen, oder unmittelbar vor der Natur aufgenommenen Bildern, von der Absicht ge*
leitet, die Merkmale der Gattung, den Typus, in harmloser Anschauung wieder*
zugeben. Man stellte nicht das Mammut, sondern überhaupt ein Mammut dar
(Abb. 1). Auch dieses gedächtnismäßig schabionisierende Nachahmen bildete
eine Art Naturzeichnen. Kinder und Unberufene verfahren heute nicht anders.
Vorstufen. Das unmittelbare Vor*der*Natursitzen und Zeichnen war ein viele
Voraussetzungen bedingender Akt.^ Jener erste, der dies, wenn auch unbeholfen
und bar aller geeigneten Mittel, wagte, hatte ein keckes Herz und klare Augen.
Wie klein ward unser Mut, als wir, noch in der lithographierten Vorlagenwelt
erzogen, zum ersten Male den Zeichensaal verließen und in die lichte Natur ge*
führt wurden. Die Wucht von tausenderlei Eindrücken, der Blättersegen eines
einzigen Baumes lähmte auch eine schon geübte Hand. Das Individualisieren
eines Objektes durch Betonung möglichst vieler charakteristischer Einzelheiten,
deren lineare und plastische Gestaltung, der Übergang von der Schablone zum
Besonderen, Bestimmten, vom Typus zum Individuum wurden hier zu Haupt*
' Ibid. I. 146. Taf. 59.
' P. Schmid, Das Naturzeichnen, BerUn 1833.
Zeichnerische Vorstufen.
277
Forderungen. Man soHte nicht mehr einen Baum, sondern den Baum, sein
Bildnis wiedergeben. Jene ersten trieb das Bedürfnis, die eifrigen Nachfolger
Schulvorschrift und Zweck. Und wie die frühen Naturzeichner Natursucher
waren, gab es ihrer in allen Jahrhunderten, so oft neu erwachte Kunstthemen
das Gemüt beschwerten und dieses im Freien Rat und Hilfe begehrte.
Das Zeichnen nach der Natur seitens der großen Masse Kunstjünger im Übungs.
Sinne von Übungszeichnen zur Erlernung der notwendigen Formen und zeichnen,
der plastischen Gestaltung er*
scheint als Abfolge Werkstatt:^
mäßiger Ausbildung, die, an?
fangs willkürlich dem Ermessen
des Meisters anheimgegeben,
erst allmählich einen pädagogi*
sehen Anstrich erfuhr. Dabei
dachte man zunächst an den
menschlichen Körper, wäh?
rend alle übrige Kreatur und
Landschaft der freien' Wahl
des Schülers für später über*
lassen blieb. Vorstufe war
das Skulpturzeichnen. Arme*
nino spricht von der Torheit
jener, die sich mit dem Na*
turzeichnen abzumühen pfle*
gen, bevor sie sich eine gute
Methode durch das Studium
der Bildwerke erworben ha*
ben.'
Anders stand es um jene ^^^^^^^^^^^^^W ^^^^^^^^^^^Etfi
Naturstudien, die als Bedarf*
stücke während der Ausfüh*
rung eines Bildes und im An*
Schluß an eine abgeschlossene
Komposition entstanden (Ab*
bild. 94)." Hier wirkten schon
meisterliche Erfahrungen, aber auch geklärte und ungeklärte Absichten, Be?
lichtungsforderungen, Modellschwierigkeiten und allerlei Zufälle mit, denen man
gerecht werden sollte. War in diesem Fall das Naturstudium der Idee unter*
geordnet, so konnte dasselbe aber auch ein selbständiger Ausgangspunkt zur
kommenden Darstellung werden, wie z. B. bei niederländischen Genremalcrn
und Landschaftern, die in der Schenke und auf der Niederung nach Motiven
suchten (Abb. 99). Alle diese Verschiedenheiten des Zweckes, der mehr oder
^ Zuerst sei das Ritrarre le statue con le altre antiche sculturc, also die Imitazionc Jellc
opere rilevate, dann das Ritrarre il naturale zu üben.
" Ausschnitt aus dem Gemälde in Antwerpen, S.immlunR II. von Slochcm. .Xus: Oiid
Holland, 1916, III. Allevering. - Vi. Martin. Nog cen Swccrts. in Oud Holland 34. S. 24.
Abb. 94. M. Sweerts, Zeichnen nach dem bekleideten
Modell.
278
Zeichnerische Vorstufen.
Persönliche
Ausdrucks;
weise.
weniger geschulten Hand sprechen aus den zahllosen in Sammlungen vorfind*
liehen Blättern und ein jedes einzelne stellt an den Beschauer die Frage, ob es
seine Entstehung der Übung, einer Teilstudie oder reinem Interesse an der
Natur zu verdanken hatte, ob darin Schularbeiten oder kompositionell gebun#
dene Formen oder freie Schöpfungen zu erblicken seien.
Neben diesen äußeren
j ■ ^ - - — — '■ 'L-?!
I , Voraussetzungen kommen
noch die subjektiven Auf*
fassungen in Betracht. Alle*
zeit war es nur wenigen
vorbehalten, das Materielle
zu überwinden und die For*
men mit eigenem Sentiment
zu füllen; nur wenigen die
Gabe verliehen, aus dem
verwirrenden Naturreichtum
eine klare Abstraktion und
die stofflichen Unterschiede
zeichentechnisch wiederzu?
geben, oder den Blick völlig
in das geheimnisvolle Wesen
der Natur zu versenken,
«ihr die Kunst zu entreißen».
Ob eine Porträtzeichnung
neben der unbedingten For#
derung äußerer Ähnlichkeit
auch die Erfassung von Cha*
rakter und Innenleben und
außerdem noch die persön*
liehe Note des Künstlers ent«
hält, wird sie zu einem
Kunstwerk stempeln oder
nicht. Ob eine gemalte Land*
Schaft nur den konventio*
neu studierten organischen
Aufbau, alle Licht* und
Farbeneffekte in zeitlichen oder Zufallstönen in 'wohl berechneter Aufmachung
zeigt oder auch schon im Ausschnitt, in der Wiedergabe des momentanen
starken Eindruckes ein Werk eigener Empfindung und technischer Gestal*
tung aufweist, wird den jeweiligen Grad des Naturstudiums erkennen
lassen.
Die Art, mit der Leonardo an die Natur herantritt, ist eine wesentlich ver*
schiedene von jener Dürers oder Rembrandts, selbst wenn sie vor derselben
Aufgabe stehen. Ein Vergleich zwischen Leonardos Selbstporträt aus seinen
Greisenjahren (Turin), Dürers Kopf eines alten Mannes (Albertina) und
Rembrandts lesendem Alten (Weimar) darf hier als lohnend empfohlen werden
w
^.
%
^
M
m^
Abb. 94 a. Leonardo, Selbstbildnis. Turin.
Zeichnerische Vorstufen.
279
(Abb. 94 a, b, c).^ Die italienische schHcht zeichnerische Auffassung eines lang*
bärtigen markigen Kopfes gegenüber der deutschen Freude am überwuchern::
den Detail und gegenüber dem holländischen malerischen Realismus, wo sich
alles dem Räume und Lichte unterordnet, bezeichnen den Standpunkt des Einzel,
nen und individualisieren je Meister und Schöpfung, Nationales und Zeitliches.
Zeichentechnisch tritt in den Ausdrucksweisen allmählich ein Übergang ein,
von der rein linearen Form
mit bildhauermäßig heraus*
gearbeiteten wirksamen Sil*
houetten zur gelockerten Be*
handlung und zum vernach*
lässigten Umriß, von der
feinplastischen Bearbeitung
der Flächen zur malerisch
flüchtigen Anlage, von der
frei im Zeichenblatte schwe*
benden Figur zur Raumbeto*
nung rings um dieselbe. Ver*
gleiche Abb. 94 a mit 94 b
und 94 b mit 94 c.
Nach solchen Gesichts*
punkten wäre die große
Masse der vorhandenen Na*
turstudien zu betrachten, eine
Aufgabe, interessant und
schwierig zu gleicher Zeit,
denn nicht immer offenbaren
sich die Absichten und indi*
viduellen Eigenheiten der
Künstler ohneweiters aus
ihren Arbeiten wie in den
erwähnten drei Beispielen.
Die Schwächeren und Nach*
ahmenden gehen in den
Vorbildern unter und selbst hervorragende Meister verhüllen ihr Wollen oft
durch eine derartige Flüchtigkeit, daß wir kaum erraten können, worauf es an*
kam, und uns mit technischen Unterschieden begnügen müssen.
Vv enn auch Dante von Giotto rühmt, dal^ er alle Kreatur mit dem Stile
zu zeichnen verstand, oder Cennini die Erkenntnis ausspricht, da(^ die Natur
die vollkommenste Führerin, das beste Steuer sei, zeichnerische Beweisstücke
haben wir nicht übernommen. In den Schöpfungen gotischer Zeit merkt man
— abgesehen von Kopftypen, naturalistischen Draperien oder einzelnen Tieren —
' Das Selbstporträt da Vincis in Rötel bei Richter und Seidliti als Tafel 1. Dürers
93jähriger von 1521, Pinselstudie, 1.. M. 568 und A. P. 156 und Kcmbrandts lesender .Mtcr
in der Prestelgesellschatt II, 23.
Abb. 94 b. Dürer, Greisenkopf. Albertina.
Zeichen;
technisches.
Italien.
280
Zeichnerische Vorstufen.
Alberli.
im allgemeinen wenig unmittelbare Verwendung von Naturstudien. Vielfach
ging der etwa durch die Zeichnung gewonnene Realismus wieder in dem strengen
Stilisieren unter. Auch später noch merken wir diese abschwächende Um#
tormung, wenn wir z. B. Pisanellos lebensvolle Federzeichnungen neben seine
Gemälde halten. Am längsten unterliegt die menschliche Gestalt dem Gesetze
der umformenden Konstruks
tion, während sich das Frische
und Unmittelbare an den
Tieren schon deutlicher aus*
spricht, im Norden Italiens
mehr als in Florenz
Als einer der frühesten
hervorragenden Naturzeich^
ner gilt Pisanello. Sein
wiederholt genanntes Skiz*
zenbuch gewährt hinsieht?
lieh der Materie wie der Art
und Weise seiner vor der
Natur gemachten Beobach*
tungen den reichsten Ein*
blick. Figuren, Akte, Köpfe,
Hände, Kleider, Affen, be?
sonders Hunde und Pferde
(Abb. 195-197), alle jagd=
baren Tiere, Vögel, Pflanzen
verkünden das allseitige In*
teresse und geben nach vor*
und rückwärts einen festen
Ausgangspunkt über Stand
und Auffassung des damali*
gen Naturstudiums (Abbil*
düng 95).i
Bestimmte Mitteilungen
über Erfahrungen und Ab*
sichten, wichtige Außerun*
gen über neue Anschauungen und Geschmack finden sich erst bei Alberti.
In einer Zeit, wo die Mehrheit den kleinsten Maßstab gelten ließ, empfiehlt
er möglichst Naturgröße. «Ich wünsche, daß, wenn du dich in der Zeichnung
großer Gegenstände übst, du diese fast in natürlicher Größe darstellst, denn
leicht ist es, in kleinen Zeichnungen einen großen Fehler zu verbergen, wogegen
man in großen auch die allergeringsten stark wahrnimmt» (p. 155). Daher
Abb. 94 c. Rembrandt, Lesender Alter. Weimar.
* Aus: Les Dessins de Pisanello e de son ecole. Conserves au Musee du Louvre. Societe
de Reproduction des Dessins de Maitres. Paris 1911—1913. 3 Bände. Naturgroßer Ausschnitt
aus I, Taf. 47, ziegelrote Grundierung, dunkelbraune Tusche, weiße Abdeckung als Kor»
rektur.
Zeichnerische Vorstufen.
281
warnt er bereits vor den
noch im Brauche stehenden
Täfelchen. ^ Beim Zeich*
nen selbst möge man sich
zunächst die bestimmten
Grenzen anmerken (i ten
mini) und dann erst nach
der bestimmten Stelle die
Linien ziehen. Aufmerk*
samkeit, Sorgfalt und fleißi*
ges Benützen des Schleiers
(velo) wird empfohlen, um
der Natur, der wunder*
baren Werkmeisterin der
Dinge, in der anmutigen
Flächenanordnung zu fol*
gen (p. 110). Drei Dinge
seien dabei zu beachten:
der Umriß (circonscrip>
tione, conscrittione), das
Zusammenfügen der Ober*
flächen und die Verhält*
nisse der einzelnen Glied*
maßen. Die Objekte fes*
sempi) seien sorgfältig aus*
zusuchen. «Worin immer
du dich übst, stets habe
ein gut gewähltes, ausge*
zeichnetes Modell vor dir
(qiialche elegante et singof
lare essempio), das du
schauend nachbildest.» Da*
bei sei Genauigkeit mit
Schnelligkeit zu verbin*
den; niemals nehme man
den Stift oder Pinsel zur
Hand, ohne vorher wohl
überlegt zu haben, was und
wie es zu tun, weil die Feh*
1er im Geiste weniger be*
schwerlich zu korrigieren
seien als im Bilde auszu* Abb. 95. Tierstudie aus dem Pisancllo «Skizzenbuch,
kratzen (Alberti, p. 154).
Weiter geht Leonardo, indem er Mensch, Tier und Landschaft in den Hc* l.cunnrdo
' Habe weiter Acht darauf, es nicht wie viele zu tun. die auf kleinen TaU'lchcn (in
picciole tai'olelle) zeichnen lernen (p. 152).
282
Zeichnerische Vorstufen.
reich künstlerischer Aufgaben stellt. Bewegung und Pose, richtige Beleuchtung
bei Tageslicht und Kerzenschein, alle Berücksichtigung der Schattenverschieden?
heiten und Reflexe, Gemütsbewegungen, alle Arten Draperien werden zum
Gegenstand der Beobachtung. Für die Bemalung höher liegender Flächen schreibt
er vor, die Zeichnung im vorhinein in der Weise anzulegen, daß man die
Modelle gleich höher als das Auge des Zeichners stelle (§ 96). Einzelne
für jene Zeiten scheinbar noch fernliegende Probleme wie: von Städten und
anderen Ansichten bei dicker Luft, von Sonnenstrahlen, die durch Wolken*
löcher dringen (§§ 446—447), von den Wolken (§§ 926—935) erhalten nur für
die Malerei selbst Sinn und Bedeutung. Von ihm erfahren wir auch die richtige
Qualität des Lichtes. In der Regel gelte Nordlicht, damit sich das Naturvor*
bild nicht verändere; sei das Fenster aber gegen Süden, dann bespanne man es
mit Zeug (§ 85). Siehe auch Teil III, Lichtplastik.
Stoffe Sein Zeichnungenbestand an Naturstudien gibt — vom Figürlichen oder
erweiterung. maschinellen, wissenschaftlichen Illustrationen nicht zu reden — ein neues, reiches
Bild: Gehenkte und Karikaturen, Pferde in allen Stellungen, Ochsen, Hunde,
das Innere einer Geschützgießerei, Landschaften mit Gewitterstürmen (Abb. 229),
Baumgruppen, Stämme und Laub, allerlei Geäste, Ranken, Blumen und Früchte.
Theoretisch und praktisch sind damit bereits alle wesentlichen Themen ange#
schlagen, die nicht nur die Problemsucher seiner Zeit beherrschten, sondern auch
für die folgenden Jahrhunderte ausreichten; Kapitel wie über psychischen Aus*
druck oder über Landschaften fanden erst hundert Jahre nach seinem Tode
ihre allgemeine Erfüllung.
Aber gerade in Italien erfuhr das strenge und naive Naturstudium wieder*
holt Hemmungen, die nur schwer überwunden wurden, und die hoffnungsreiche
Saat Leonardos vertrocknete in so manchen durch akademische Theorie und
Drill unfruchtbar gewordenen Kunstgefilden.
Schon der alle Schulen beherrschende und alle Formen durch Maß und
Ein» Gesetz mildernde Geist der Antike ließ das unmittelbare Studium vor der
schränkung. Natur im vorhinein nicht unbeeinflußt und noch mehr veranlaßte im weiteren
die maniera hella eine wesentliche Umgestaltung. Was zur figuralen Ausbil*
düng gehörte, in erster Linie Akt und Draperie, hatte sich je nach der Mei*
sterschule und dem schwankenden Begriff der Schönheit einzuordnen. Und als
letztere durch die großen Akademien dekretiert wurde, lief das zeichnerische
Studium oft nur auf die Erwerbung der notwendigen Formen hinaus. Wie
fest sich diese Doktrinen allseitig und für lange eingelebt hatten, lehrt die
Caravaggio. allgemeine Ablehnung Caravaggios, anderseits dessen scharfe Opposition gegen
die Anschauungen seiner Zeit. Malvasia übersieht keine Gelegenheit, alle
abträglichen Urteile zeitgenössischer Künstler über ihn getreulich zu berichten,
und Bellori vergleicht ihn einer Medizinalpflanze, die gleichzeitig Gesundheit,
aber auch das gefährlichste Gift enthalte. Im Eifer fährt der letztere fort: «Und
wahrhaftig die durch Nachahmung der Natur irregeleiteten Maler (sviati dalla
naturale imitazione) bedurften eines, der sie wieder auf den rechten Weg brachte.
Wie man aber durch die Flucht vor einem Extrem in das andere fällt, so hatte
man sich durch Vermeidung der Manier und durch zu strenge Verfolgung der
Natur tatsächlich von der Kunst entfernt, verharrte in Irrtümern und Finsternis, bis
Zeichnerische Vorstufen. 283
Annibale Carracci die Geister wieder erleuchtete und die Schönheit neuerdings
an die Stelle der Naturnachahmung setzte» (S. 128).
Die Anfeindung naturahstischer Richtungen seitens der Raffaelisten, Romanisten
und anderer im Geiste der Sixtina und Farnesina erzogenen Meister und Schrift?
steller hörte nie auf. Auch im Norden erfuhr Rembrandt durch den Dichter
Andries Fels in seinem Lehrgedicht: Gebruik en Misbruik des Toneeis (p. 36)
die schärfste Kritik.^
Wurde das Naturstudium auch als eine selbstverständliche Voraussetzung Nach=
betrachtet, als «simple Nachahmung», so galt doch nur das geistige Umgestalten, «ihmung
das «Ideal, nämlich die Vorstellung der Dinge, wovon keine Urbilder vor? ""*•* '^'^''''■
handen sind», als der wahre Inbegriff aller Kunst. Erinnerungszeichnen
und Fhantasiezeichnen hatten vielfach das Naturstudium zu ersetzen und
die von allem Zufälligen und Unwesentlichen befreiten Bilder der Seele, künst*
lerisch durch die Tag und Nacht schaffende Gestaltung gesteigert, den richtigen
Typus zu ergeben. Allein was wenigen Bedürfnis, blieb bei den andern nur
Schablone. Sind auch Leonardos Apostelstudien im Soborgo Mailands entstanden
und im Atelier zu geistig verklärten Köpfen geworden (Abb. 184, 185), sagte
auch Raffael, daß er wegen Mangel an schönen Frauenmodellcn sich einer
gewissen Idee, die in seinem Geiste erwache, bediene, so war dies eine künst?
lerische Notwendigkeit und das gute Recht frei waltender Genies.
Aber man durfte es nicht zur Regel erheben, wie es noch Mengs tat: Zum R. .Mengs.
Naturstudium brauche man nur einen richtigen Blick, der beim «Kopieren» der
Dinge nicht irreführt, zum «Ideal» aber Talent und große Einbildungskraft.
Der Naturnachahmer unterscheide nicht zwischen dem Guten und Besten, nehme
die Unvollkommenheit der Natur mit und erkenne nicht die idealische Voll?
kommenheit. Die holländischen Maler seien daher «sklavische Nachahmer der
Natur». ^ Selbst Tizian kommt unter diesen Gesichtspunkten schlecht weg.
Weit früher, kritikloser, unbefangener vollzog sich das freie Naturstudium Der
im Norden und seine Anwendung erregte bei aller Härte und allem Realismus Norden.
nur allseitige Bewunderung, in Fachkreisen und im Volke. Die Beispiele von
Van Eycks Adam und Eva und Dürers AposteUFußsohlen, die zu Sehens?
Würdigkeiten wurden, sind typisch. Die germanische Freude am gewissenhaften
und liebevollen Eindringen in das Stoffliche erlahmte zu keiner Stunde und
schuf Werke, die auch den Beifall der Ersten in Italien erwarben. Raffacl hatte
in seinem Atelier Stiche und Zeichnungen von Dürers Hand. Der 93 jährige
Niederländer, den der letztere 1521 zeichnete, war für den Künstler nicht allein
ein Modell zu einem Hieronymus, sondern in erster Linie ein gottgesegneter
Fund für ein dankbares Naturstudium, in dem er sich auslebte.
Ein Rembrandt konnte nur im Norden gedeihen, wo sich die profane Kunst
ihre Motive nach freier Wahl suchte. Daher das rastlose Studium in und
außer Haus, bald figürlich, bald landschaftlich, immer von einem leidenschaftlichen
Trieb nach neuen Aufgaben und zeichnerischen Gesichtspunkten erfaf^t. Auch
kleinere Meister wie Adriaen van Ostade überfüllten, wie Nachlaß und Invcntare
' Houbraken, Große Schouburgh. S. 115.
» R. Mengs. Hinterlassene Werke, hsg. v. Prange, II, HS) H.
284 Kompositionszeichnungen.
ergeben, ihre Studienbücher mit einer endlosen Masse von Bauern und Bäuerinnen,
Köpfen und Innenräumen. ^ Nur wo der Akademismus zu Gunsten der Histo*
rienmalerei die Kunstregeln diktierte, wie z. B. in dem Frankreich des 18. Jahr*
hunderts, traten die Gegenströmungen von Natur und Antike, Natur und dem
Beau ideal scharf hervor, die in der Kritik über zeitgenössische Werke ihre
breiten Erörterungen für und gegen fanden.^
Landschaft. Das innige Verhältnis zur Natur drückt sich auch in der Entwicklung der
Landschaft und des Tierstückes aus und insbesondere in den zugehörigen
Übungen naer het leeven. Während die italienische Landschaftszeichnung lange*
hin auf der dekorativen Stufe stehen blieb, eroberte die nordische rasch das
weite themenreiche Gebiet zu Wasser und zu Land und überwand selbst auf
zeichnerischem Wege mancherlei Schwierigkeiten atmosphärischer Erscheinungen.
Die hier in kurzer und übersichtlicher Weise zusammengestellten Bemerkungen
über das weite Gebiet des Naturstudiums finden ihre Ergänzung in den separat
ausgeführten Kapiteln: Teilstudien, Akt, Porträt und Landschaft.
B. Das Kompositionszeichnen.
Kompositionsskizze.
Macchia, Segni, Schizzo, Tocchi; Concepto, Concetto, Modello — Fißierung (visir),
Riß, Gedankh — Croquis rapide, projets pour un tableau — Schets, Ordinantie, bootsen.
Allgemeines. Mit dem Worte Macchia bezeichneten die Italiener
j ^, , . den allerflüchtigsten Entwurf eines Gedankens, einer Eigur, Bewegung oder
Landschaft.^ Baldinucci definiert in seinem Vocabolario (p. 86): / Pittori
usano quesfa voce per esprimere la qualitä d'alcuni disegni (ed alcuna volfa
anche pitture), fatte con istraordinaria facilitä e con un tale accordamento,
e fveschezza, senza molfa matita o colore e in tal modo, che quasi pave che ella
non da mano d'Arteßce, ma da per se stessa sia apparita sul foglio o su la
tela, e dicono: ,questa e una hella macchia'.
Schizzo dagegen behandelt den flüchtigen Entwurf zu einem Gemälde,
sowohl für das Ganze als auch für Details. Es liegt immer ein bestimmter
Zweck vor : eine flüchtige Vorarbeit für ein größeres Vollkommeneres. Macchia
ist etwas weniger als Schizzo, Skizzen haben d\t forma di una macchia} Sie erhielt
ten zunächst mittels löschbarer oder nur wenig sichtbarer Materie (Kohle, Blei*
griffel) eine Anlage, von Malvasia Segni genannt, die mit der Feder weiter
entwickelt wurde. ' Geschickte Erfinder zeichneten direkt (senza segni disegnato).
' Quellenstudien z. holl. Kunstgesch. V, 42 f.: Nachlaßinventar C. Dusarts.
" Dresdner, Kunstkritik I, 220 und die darauf bezügliche Literatur in Note 71—74.
^ Lomazzo, Idea63: tentare con la penna o stile le invenzioni, composizioni e le fantasie.
* Vas. Mil. I, Introduzione Kap. II, 174: Gli schizzi chiamiamo noi una prima sorte
di disegni che si fanno, per trovar il modo delle attitudini ed il primo componimento dell'opra ;
e sono fatti in forma di una macchia ed accennati solamente da noi in una sola bozza
del tutto.
'- Malvasia IV. 478, 479
Kompositionszeichnungen. 285
Invenzioni (composizioni, componimenti), insbesondere aber Capricci (Jan- Invenzione,
tasie), bezeichnen den Begriff eigener Erfindung im Sinne eines poetischen Capriccio.
Schaffens.^ Aber während die Invenzione als die Mutter aller Künste Vorzugs*
weise die Fabel (istovia) zum Inhalte hat, befaßt sich das Capriccio mehr mit
dem Außergewöhnhchen, Phantastischen und der Allegorie. -
Neben schizzare kennt der alte Sprachgebrauch noch disegnare in
abbozzo^ oder auch abbozzare un disegno. Cennini, bei dem weder
Schizzo noch Macchia vorkommt, verzeichnet für Entwerfen neben comporre
(K. 67) das altertümliche dibusciare (K. 10). Das Entwerfen und Malen
von Geschichtsbildern findet seine eigene Bezeichnung in istoriare (Bald.
Voc.) neben inventare und comporre le inventioni (Ridolfi II, 288).
Die Deutschen haben für das skizzenhafte Zeichnen gleichfalls verschie* Entwerfen,
dene Ausdrucksweisen. Entwerfen erscheint schon im Nibelungenlied und KcHkn,
im Freidank;^ ferner mit der federen autfreißen,^ reissen vnd malen,'"' «siercn.
ein riß mit linden (weichen) Kolen tuon;' auch entwerfen und bos#
sieren.'^ Die Worte Reiß* und Zeichenkunst charakterisieren die Zwei*
teilung alles Zeichnens (skizzieren und ausführen), für die das gespreizt tuende
17. Jahrhundert «fiesierungen und Disignationes» einsetzt (Hainhofer S. 73).
Entsprechende Attribute verleihen dem Worte Riß oder Abriß den Begriff
einer ausgeführten Zeichnung: «ein zierlicher abrüß eines Dolchens».'' Der
gebräuchlichste Ausdruck blieb reißen, im Sinne von einfachen Linien, zu*
nächst von Geraden (Aufriß in der Architektur), dann aber auch für jede Art
Kunst: «allen malern, goldschmiden vnd bildhauwern zu nutz gerissen durch
Vergilium Solis» (Frankfurt 1566, Asops Fabeln).
Ebenso können Visieren und Visierung eine Skizze (Gedankh fißieren),
als auch eine wohlausgeführte Zeichnung mit dem Nebenbegriff des Konstru*
ierten bedeuten.'^ Eine Abkürzung ist: visir,^' Das mhd. Visament erscheint
im 16. Jahrhundert bereits veraltet.
'■ I nostri Artefici dicono far di fantasia o di Capriccio quando senza esemplo vanno
operando di propria invenzione (Baldinucci, Voc: Fantasia).
2 Vas. Mil. II, II. - WölfHin, Renaissance und Barock, 3. Aufl., p. 10 ff. - Birch.
Hirschfeld, op. cit., S. 76 u. 77.
^ Baldinucci : la prima fatica, che fanno i Pittori sopra le tele o tavole, cominciando a
colorire (p. I).
* Swer malen wil, entwirfet e und merket wie sin bilde ste (Freidank 133, 25).
^ Dürer, Unterweisung.
« H. S. Beham, Das Künste und Lere*Büchlein. Vorrede.
■ Rodler, Underweisung, Kap. IV.
" S. Frank, Weltbuch 1567: «Wollen wir die weit mit einer kolcn nur entwerfen
und bossieren». - Grimm, Wb. 5, 1583. - Auch im Holländischen: bootscn (.Mandcr=
Floerke II, 250 und Mander.Hoecker, Lehrgedicht. S. 210. Vers 35).
^ Amerbach=Inventar, Woltmann, Holbein II, 47.
'" «Dz ist die erste Hßierung seine Gedankh gewcst>> und: ^Dz hab ich gtisyrt» (Dürer.
L. M. 466).
" Nach Dürers gemachten visir soll man das rathauß inwendig malen lassen etc.
(Hampe, Nürnberger Ratsverlässe I. 201. Nr. 1319 vom Jahre 1521). - »Visieret» dagegen
hat die Bedeutung von städtischen Beamten, die Weinfässer für Handels-- und Steuer^
zwecke mit der Visierrute ausmaßcn (Rp. f. Kw. XXXN'lll, S. I4S).
286
Kompositionszeichnungen.
Wesen
der Skizze.
Skizze
und Bilds
Zeichnung.
Episoden;
darstellung.
Moment der
Handlung.
iJie Kompositionsskizze, der flüchtige Entwurf eines Gedankens,
bezeichnet das erste Losringen des in der Phantasie noch in schemenhafter
Form freischwebenden Bildes und die Umformung desselben zum sichtbaren
Lineament. Alle Vorstellungen aus Erlebtem und Erlerntem treten zusammen
und gruppieren sich um eine Idee, ihr Gestalt und Gehalt zu verleihen. Das
blitzartige Hervorbringen und rasche Anordnen des Figuralen (inventare e corm
porre), das rasche Ersetzen des weniger Gelungenen durch Besseres, bald
durch Umkorrigieren, bald durch Neuentwerfen, bildet das Wesen derselben.
«Wenn die Maler eine Figur, eine alte oder neue Geschichte darzustellen
haben, werden sie sich durch Belehrung weiser Männer oder durch Lektüre
unterrichten, wie es zu geschehen habe. Und aus ihrer Idee bilden sie ein
Ganzes und zeichnen mit Kohle, Lapis oder Feder die ersten Gedanken auf
Papier, Bewegungen und Handlungen, die sich auf das Leben jener Malerei
beziehen» (Pacheco, p. 333).
Die Kompositionsskizze unterscheidet sich wesentlich von der nach strengen
ästhetischen Gesichtspunkten konstruierten und immer mit Rücksicht auf eine
bestimmte Umgrenzung ausgeführten Bildzeichnung oder Werkzeichnung, weil
sie noch frei über die Fläche verfügt. Disponere e condurre il disegno, lauten
bei Lomazzo (Id. 54) die beiden Begriffen entsprechenden Ausdrucksweisen.
In erster Linie hat man hier an die Historien^Komposition, an die figure
istoriate zu denken. La istovia e summa opera del pictore (Alberti, p. 157),
ein Dogma, das fortan alle Arten darstellender Kunst beherrschte und sich
trotz der frühen Angriffe durch Caravaggio und der mächtigen Erschütterungen
in Frankreich zur Zeit Ludwigs XV. bis ins 19. Jahrhundert behauptete.
Viele zeitliche Entwicklungsstufen lassen sich beobachten, bevor die Kunst
von der lehrhaften Tradition, möglichst viele Begebenheiten auf ein und der*
selben Fläche nebeneinander zu reihen, absehen und zur Einheit der Handlung
übergehen konnte. Von der Buchmalerei war die breit erzählende, oft typo*
logische Anordnung als belehrende Illustration in die Kirchenmalerei übers
gegangen. Trennende Grenzen der fortlaufenden Geschehnisse bildeten nur die
Randleisten der Felder, die auf den großen Wandflächen gotischer Kirchen
und Kapellen die heiligen Begebenheiten in übersichtlicher Weise vor Augen
zu führen hatten (Streifendarstellung; Abb. 100). Die Forderungen der kirch?
liehen Ikonologie blieben noch lange aufrecht und hinderten eine freiere
Gestaltung. Die Tafelbilder mochten das Prinzip der Einheit wohl zuerst
in Angriff genommen haben, wobei man nichts weiter als Vereinfachung und
Deutlichkeit der Hauptdarstellung anstrebte, indem man dieselbe in den Vorder*
grund und die nebensächlichen Begebenheiten in den Hintergrund stellte, ohne
sich um die oft nicht geringen Schwierigkeiten lokaler Anordnung große Sorge
zu machen. Später verlegte man die letzteren in die Predella und Seitenflügel.
Selbst in der Profankunst wurde das Episodische dicht um die Hauptgruppe
gelagert, um die Erzählerlust des Künstlers nicht einzuengen. Noch 1525
führte Jörg Breu die Historie der Lukretia in vier, durch einen antiken Markt*
platz räumlich verbundenen Vorgängen vor Augen (Abb. 108).
Erst die von allem kirchlichen Zwang und handwerklicher Tradition frei
gewordene künstlerische Anschauung durfte sich aus dem Nacheinander der
Kompositionszeichnungen.
287
Handlung einen ihr entsprechenden, dankbaren Moment wählen und die zeit*
liehe Kunstauffassung diktierte hiezu die Regeln der Anordnung (ordme). Ob
z. B. in dem Thema «Anbetung der Könige» das Mutterglück oder die Gott*
hchkeit des Kindes, die verehrende Demut der Könige, deren pomphafter
Aufzug oder der überirdische Glanz eines Weihnachtswunders in stiller Nacht
als Hauptmoment zur Darstellung gelangen sollte, darüber entschied einzig
und allein des Künstlers Absicht und darnach erfolgte der Figurenaufbau.
Die gotische Zeit hatte sich zeichnerisch nur auf das Allernotwendigste Gotische
beschränkt. Tafel* und Wand* Zeit.
maierei scheinen sich mit den ge*
ringsten Notizen und häufig direkt
auf der vorgerichteten Fläche be*
holfen zu haben. War die mitt*
lere Vertikale und Horizontale (das
Kreuz) gezogen, begann das Ent*
werfen. «Komponiere mit der Kohle
Szenen und Figuren und führe
deine Flächen gleich und eben*
mäßig aus. Nimm dann einen
kleinen Pinsel mit spitzen Borsten
mit ein wenig Ocker und fange
an, deine Figuren nachzuzeichnen
und auszuführen. Dann putze mit
einem Federbüschel die Kohlen*
linien gut weg». So Cennini : Art
und Weise auf der Mauer zu ar*
beiten (Kap. 67). Ahnlich war die
Vorschrift für Tafelmalerei, nur
trat hier die Mahnung hinzu, die
Kohlezeichnung einige Tage stehen
zu lassen, um sie nach Erforder*
nis verbessern zu können (K. 122).
Der kompositionelle Bedarf je*
ner Zeit war allerdings ein be*
scheidener; schlichte, konventio*
nelle Heilige ohne viel Bewegung
und Handlung mit dem schematischen Architekturhintergrunde. Nichtsdesto*
weniger muß eine Klarmachung und Anordnung der (jcdanken auf Pergament
oder Papier stattgefunden haben, wie uns einige Lorenzetti zugeschriebene Blätter,
die schon mehr an Bildzeichnungen erinnern, dartun. Sie enthalten gleich mehrere,
im kleinsten Maßstabe fortlaufend dargestellte Geschehnisse aus einer Legende
für eine Wandbemalung (Abb. 100 und Abb. 266). Die Stellung der Figuren
zueinander oder zu den willkürlich gestalteten Räumen erheischten nicht viele
Entwürfe. Haltung und Kostüme wiederholen sich. Geschickt sind die Ver*
bindungsglieder von einer Handlung zur anderen eingefügt. Mehr noch ver*
harrten in Andachtsbildcrn die feierlich stehenden oder knienden Profil-
Abb. 96. PisAnello, Kompositionsskizze.
Entwicklung.
Alberti.
288
Kompositionszeichnungen.
gestalten in steifer Ruhe, kaum daß in eine Kreuzigung oder Grablegung
Christi etwas Bewegung gebracht wurde und die Faltenverschiebungen lang*
wallender Gewänder den überhöhten Körpern Leben zu verleihen hatten. Rieh*
tige Kompositionsskizzen mit den notwendigsten Andeutungen der Figuren*
gruppierung in einem noch recht kleinen Maßstabe begegnen uns selbst in
der Übergangszeit in Form von Skizzenbuchnotizen auf Pergament äußerst
spärlich (Abb. 96). '
Eine fortschritthche Quellennachricht bietet Alberti: «Wenn wir vorhaben,
ein Geschichtsbild zu malen, so werden wir zuerst bedenken, welche Art der
Abb. 97. Carpaccio, Kompositionsskizze in Rötel.
Anordnung die schönste wäre, und werden unsere Entwürfe und Studien (nostri
concepti et modelli) von dem ganzen Bilde wie von dessen Teilen machen».^
Für Albertis Zeiten müssen wir also das freie Nebeneinandersetzen und Ver*
gleichen mehrerer Skizzen als selbstverständlich annehmen und die Erkenntnis
festhalten, daß die formale Anordnung ihre strengen Vorschriften hatte. Je
nach Individualität, Schule und Figurenreichtum waren diese Anordnungs*
versuche bald gewissenhaft, bald nur primitiver Art. Die Florentiner suchten
stets eine möglichst klare Vorstellung der Idee und des Aufbaues zu geben.
Dagegen müssen im Venezianischen noch Jahrhunderte hindurch die flüchtigsten
Andeutungen genügen. Eine Kompositionsskizze V. Carpaccios zu dem Martyrium
* Ausschnitt aus Dessins de Pisanello 1, T. 67. Außerdem 2 Skizzen zu einem Jagdzug
auf T. 21. Feder.
* Alberti, p. 158.
Kompositionszeichnungen. 2S9
der Zehntausend zeigt nur die bescheidene Angabe der Hauptgruppen, eine
mit vielen hochragenden Kreuzen, eine links, eine im Hintergrunde und die
Bogenlinie des die Massen zusammenfassenden Berges (Abb. 97).^ Dabei wurde
das Figürliche vielfach nur in skelettartigen Gestalten ausgedrückt, ein Brauch,
der sich auch bei den Umbrern und Florentinern geltend machte.^
Derselbe Alberti hatte für die Gruppenkomposition bereits die weiteren Forderungen
Forderungen formuHert. Er verlangte für das Geschichtsbild Reichhaltig* Aibertis.
keit, warnte aber vor Überfüllung; er empfahl Abwechslung in Bewegung
und Stellung bei entsprechender Berücksichtigung einer würdevollen Dar*
Stellung. Alle Bewegungsmotive hätten von den Gemütserregungen auszu*
gehen. Schließlich seien, wenn es der Gegenstand erlaube — für die Zeit
eine wichtige Neuerung — einzelne Figuren nackt, andere nur zum Teil
bekleidet vorzuführen (S. 118 u. 120).
Während aber Alberti die bewegten Körper nur insoweit zuläßt, als es das Leonardo.
innere Erleben verlangt, allzeit getragen und schönheitsvoll, betont Leonardo
in weiterer Entwicklung die gründliche Durcharbeitung der Bewegung um der
Bewegung willen. Das Studium derer, die Historien komponieren, muß darin
bestehen, die Figuren skizziert (bozzate) hinzustellen. Zuvor aber müsse man
verstehen, sie gut zu machen, von allen Seiten her und in allen Wendungen,
Beugungen und Streckungen ihrer Gliedmaßen. Das Entwerfen von Historien
gehe rasch und lebendig vor sich und die Gliederzeichnung sei nicht zu aus«
geführt (§ 181).
Je mehr sich diese neuen, auf naturalistischer Basis aufgebauten Anschau* Bewegungs«
ungen Geltung verschafften, die Einzelfigur ihre statuarische Ruhe aufgab, skiiicn.
Bewegungs* und Beugungsformen anstrebte, desto notwendiger erschien es dem
Künstler, sich mit der Feder auf dem Papiere Rechenschaft zu geben, neben
die erste Skizze eine zweite und dritte zu setzen, da jedes neue Bewegungs*
motiv auch eine Umgestaltung des Ganzen bedingte. So entwickelte und
förderte die bewegte Figur das freiere Bildskizzieren, aber auch das rast*
lose Suchen nach vielgestaltigen Kompositionsmotiven.
Dies neue Element, von Masaccio sachte angefaßt, bildet nunmehr das Kom^
lebendigste Streben aller Kompositionskunst bis zu Michelangelo, Correggio, positions*
und im weiteren Verlaufe bis zu Tiepolo. Nichts erscheint so lebhaft begehrt, ,, ""
II 11 111-1. X« • j j Hewcgungs;
so hoch entwickelt und gleichzeitig bis zur Manier entartet, wie gerade der studic.
bewegte Körper. Wenn wir mehrere für ein Gemälde bestimmte Skizzen mit*
einander vergleichen, finden wir, daß nur Bewegungsverschiebungen, oft einer
einzelnen Figur, das ganze Interesse des Künstlers beherrschten. Die Begriffe
von Kompositionsstudie und Bewegungsstudie fallen daher häufig zu*
sammen. Alles zur Fabel notwendige Beiwerk wird dabei weggelassen, der
Hintergrund kaum berücksichtigt, denn dies war eine Angelegenheit der
Bildzeichnung. ^ In Andrea del Sartos Bildskizze zur Madonna dcl Sacco
' Vas. Soc. IX, 7, Rötel. Samml. Henry Oppenheimer, London; Vorder, und Kück=
Seite mit Kompositionsskizze und zugehörigen Figurenstudien, 212 -^ 29 7 cm.
- Beispiele bei O. Fische!, Zeichnungen der Umbrer, Jahrb. d. pr. Ks. XXW'III.
Teil I u IL
^ Kompositionsentwurf von Pier di Cosimo (Knapp, Abb. 6, 7, 15).
Medcr, Die Ilandzeichnung. '''
290
Kompositionszeichnungen.
bilden der Bambino und die Madonna das Leitmotiv der Veränderungen
(Abb. 98).i
Bei diesen Bewegungskompositionen handelte es sich nicht allein um einen
die Handlung deutlich offenbarenden, «begreiflichen» Gestus, sondern auch
>^ \'
■ 3»Sijr*
/
jh
m
Abb. 98. A. del Sarto, Rötelentwürfe zur Madonna del Sacco.
um das Verhältnis der Figuren zueinander, also um die Betonung der Umriß*
gesetze von Symmetrie und Harmonie, der geschlossenen Formeinheit und
des horizontal oder vertikal wirkenden Gleichgewichtes im Ganzen und
Einzelnen.
' Aus Original Drawings by old Masters of the italian School. Privatly printed,
London 1913, Nr. 5. Sammlung Heseltine. 29X26 cm.
Kompositionszeichnungen. 291
Für die frontalen Zentralkompositionen des Quattrocento stand die Aufgabe Barock,
in dieser Beziehung einfach. Schwieriger gestaltete sich das Ausproben, als
im folgenden Jahrhundert der meist asymmetrische und lockere Barock*
auf bau den erregten Figuren alle Bewegungsfreiheit in den Bildraum hinein
und heraus gestattete und der erschütterte Flächenrhythmus dennoch das Ganze
zusammenhalten sollte. Wie der heutige Bestand lehrt, mehren sich die Bild*
skizzen gerade seit jener Zeit. Eine stete Sucht nach neuen Posen in der
Anlage und in den Akten, die stets Überraschungen bedeuteten und über*
eifrige Nachahmer und Fntlehner fanden. «Und so», lehrt Pacheco, «werden
diejenigen, wenn sie in die Lage kommen, eine Figur oder Geschichte zu malen,
aus Stichen, Zeichnungen oder Gemälden einen Kopf, eine HalbHgur, Arme,
Beine, Gewänder, Gebäude und Landschaft wählen und sie derart vereinen,
daß aus all diesem ein gutes Ganzes entsteht.»* Er selbst bezeichnet diese
erlaubte Art des Komponierens als die zweite Stufe der Malkunst und als
Vorstufe jeder freien Kompositionsweise. Erst wenn der Jüngling sich darin
vervollkommnet und bereichert erweise, könne er mit Eigenem beginnen.
Gerade dieses in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts allgemein eingerissene
Zusammenstellen aus fremden Vorbildern, namentlich aus Raffael, Michelangelo,
Correggio veranlaßte Annibale Carracci zur ernsten Mahnung: «Zuerst denke
man an die Haltung, wesentlich verschieden von allen anderen, und
daß sie schön sei, entsprechend der Stellung, angenehm und begreiflich. Und
davon mache man sich mehrere Skizzen». -
Das Erfassen und Durchführen stark bewegter Einzelfiguren oder gar Wege und
Gruppen enthielt für den Künstler die gröf^ten technischen Schwierigkeiten, Hiltsmittel.
deren Behebung er durch allerlei Hilfsmittel anstrebte. Ob Leonardo mit dem
Skizzenbuch in der Hand Figuren der Straße zu erhaschen suchte, oder
Correggio, Tintoretto, Palma u. a. Ton* oder Wachsfigürchen in bestimmten,
der Handlung entsprechenden Posen modellierten (Abb. 173), ob Barocci sich
von seinen Lehrjungen die Gesten, welche er benötigte, markieren ließ, oder
ob man sich (nach Lairesse) vor einem Spiegel die Bewegungen selbst vor*
machte, lief stets auf dasselbe Ziel hinaus.' Insbesondere waren es die Wachs*
modelle, deren man sich oft so viele anfertigte, als es die Hauptdarstcllung
verlangte und die uns in der Literatur des 16. und 17. Jahrhunderts immer
wieder als dankbare Kompositionshilfen begegnen und empfohlen werden
(Vas. Mil. I, 176 und Armenino, S. 105).' Diese Schnelligkeit im Erhaschen
gesuchter Motive bedingte von selbst ein abgekürztes Zeichnen, Abbreviaturen
für alle Gliedmalkn. Manichinartige Gestalten und Schemen ersetzten die
Vollfiguren.
Auf einem und demselben Blatte begegnen uns gleich mehrfach abge* .\ni.ilil
wandelte Bildgedanken, dicht nebeneinander in steigender Klärung. Der gc* J«-t Skizzen,
eignetste davon erhält durch vier Striche, durch einen flüchtigen Kreis oder ein
' Pacheco, p. 333.
' Malvasia III, 485: ättitudine dallc altie äffatto Jiversa.
* G. de Lairesse, Groot Schilderboek. Amsterdam 1716. p. 49.
* Über die WachsHgürchen und deren einzelne oder gruppierte Verwendung siehe
Kapitel: Aktzeichnen und Kapitel WcrkstattbehcUe: Modellmännchen.
19»
292
Kompositionszeichnungen.
Oval seine vorläufige Umrahmung oder Gutheißung. Zahlreiche Beispiele liefern
die Skizzenbuchkompositionen des jüngeren Palma oder des Domenichino.
Im 17. Jahrhundert erhielt das Skizzieren durch die besondere Pflege in den
Akademien nur zu häufig einen Selbstzweck, ohne jegliche Bezugnahme auf
Ausführung. Schulmäßige Aufgaben sowie private Betätigung, besonders infolge
der in Brauch kommenden Malerradierungen, liefern ein erkleckliches Material.
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^t>b. 99. Teniers, Naturstudie als Kompositionsskizze.
Technisches. Im allgemeinen war die Feder, mit und ohne Zuhilfenahme der Kohle, das
fügsamste Instrument des komponierenden Künstlers. Das Streben nach Breite
griff zu Kreide und Rötel. Der tuschende Pinsel und derbe, große Flächen
zusammenfassende Höhungen sichteten, namentlich zur Zeit der Barocke, die
Massen durch Licht und Schatten. Koloristen wie Tintoretto, Rubens schufen
sich ihre Bildskizzen gleich mit dünnflüssigen Farben auf geöltem Papier oder
Leinwand. Manieristen griffen zur gemischten Technik, entwarfen mit Rötel,
zeichneten mit Kreide die Pentimente und Korrekturen und stellten mit der
verstärkenden Feder eine beiläufige Redaktion her, so daß es Mühe kostet,
sich hineinzulesen (Abb. 118). Gerade hierin fühlten sich manche in seliger
Kompositionszeichnungen. 295
Ungebundenheit und fanden sogar Nachahmung. Gegenüber dieser schon
im Cinquecento sich entwickelnden Manier erhebt Lomazzo seine Stimme: Lomazzo.
«Man wird eine Idee am besten auf ein Blatt zeichnen, indem man zu harte
Kontraste wie satte Tinte und sehr weißes Papier vermeidet, dafür aber eine
sehr feine Feder und verdünnte Farbe anwendet; oder Kreide und Rötel auf
gefärbtem Papier, so daß man alles, was man im Geiste konzipiert hat, bei
verminderter Differenz zwischen Zeichenfarbe und Papier und ohne Unklarheit
für den Gegenstand leicht und sanft anzudeuten vermag» (Tratt. VI, 64).
Nicht dieselben strengen kompositionellen Vorschriften galten bei genre* Genre,
artigen Darstellungen, Landschaften und Porträts. Besonders erstere I-mdschaft,
erfuhren seitens der Akademiker in Italien und Frankreich eine mindere Ein? »'lunis.
Schätzung, denn sie entsprachen nicht dem «großen Geschmacke». Nur der
Historienmaler male für die Seele, die anderen für das Auge (La Font).'
Die vor der Natur entstandene Skizze bedurfte nur geringer Umänderungen,
Umstellungen und kleiner Zugaben nach dem jeweiligen Kompositionstypus.
Mehr als die wenigen italienischen Zeichnungen führen uns nordische Belege
ein. Bilder von Brouwer, Ostade, Teniers, Dusart gehen häufig auf direkt in
der Kneipe entstandene Skizzen zurück, die mit wenig Ergänzungen zur Bild?
Zeichnung überleiteten (Abb. 99).^ Die den Figuren eingeschriebenen Farben?
angaben beweisen die lokale Entstehung.
Bei Bildnissen entwickelte sich nach Klarlegung der vorteilhaftesten Stellung
die Porträtzeichnung meist ohneweiters auf dem Papier oder gleich in der
richtigen Größe auf der Leinwand (siehe Bildniszeichnung).
Wenn sich angesichts der tatsächlich in unübersehbaren Massen produzierten
Konzepte heute doch nur Reste erhalten haben, so hängt dies mit der ephe?
mären Bestimmung solcher Vorarbeiten zusammen; und selbst die auf uns
gekommenen Blätter verdanken wir zum großen Teile nur aufgelösten Skizzen*
büchern.
Die Kompositionszeichnung
und ihre Anwendung in verschiedenen Kunstzweigen.
1. Die Bildzeichnung.
Allgemeines. Den Abschluß mehrerer Entwürfe bildet die fertige Allgemeines.
Kompositionszeichnung, Ausführungs? oder Bildzeichnung (hen compito
disegno).^ War ein Thema nach allen Seiten gedreht und gewendet, der Künstler
sich klar, daß eine bestimmte Lösung das Wesen seiner Aufgabe möglichst er*
schöpfend enthalte, so arbeitete er dieselbe mit den noch nötigen Verbesserungen
und Ergänzungen aus, bis alles innerhalb der gegebenen Umrahmung, nach
' Dresdner, Kunstkritik I, 165.
» Albertina. Inv. Nr. 9280, Bleigriffcl. 19 ''21cm.
' Vasari, Intr. p. 174: Da questi (schizzi) Junque vengano poi rilevati in buona forma i
disegni. — Faceano essi piu schizzi, e da e.ssi ricavanJone im bcn compito disegno. nc
formavano il cartone, che apprescntando al Jovuto luogo osservando se ben tornassc. corrcggc
vano cd aggiiistavano (Malvasia 11.340). - Die Franzosen hatten die Hc:cichnung: Prc'--
paration siiv papicr.
294
Kompositionszeichnungen.
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Abb. 100. A. Lorenzetti, Bildzeichnung mit Teilstudien.
formalen Regeln angeordnet und zusammengestellt, durch Feder oder Griffel
einen endgültigen Umriß erfahren konnte.
Jede Zeit hatte ihre Vorschriften und jeder Künstler seine Erfahrungen,
Rezepte und Mätzchen, die zum Ziele führen sollten. Für die früheste Zeit
Kompositionszeichnungen.
295
war das Entwerfen, Korrigieren und Reinzeichnen — wie oben bemerkt - eine
Sache. Schon die vornehme Unterlage, Pergament, erheischte eine sorgfähige
Führung der Feder. Alles Flotte, Skizzenhafte, Unfertige widerstrebte dem
Geist der Zeit und alle Strichführung in Miniatur, Tafel und Fresko beruhte
auf Klarheit, Sauberkeit und Zierlichkeit (Abb. 100).' Das noch aus dem
Byzantinischen stammende Geltenlassen des Primaentwurfes geht durch die
ganze Gotik und bei Einzelnen noch bis in das 15. Jahrhundert herauf. Wenn
man von Fra Angelico sagte, daß er nie einen Strich änderte, weil Gott ge*
wissermaßen seine Hand führte, so hat man damit das traditionelle Fertig*
machen und Sich^Begnügen in eine schöne Legende gebracht. Noch Leonardo
glaubt jene Maler rügen zu müssen, die jeden Kohlenstrich gelten lassen wollen
und denen es wie eine Kran*
kung vorkomme, wenn sie
etwas weiter nach oben oder
unten rücken sollen (§ 189).
Für seine Zeit mit ihren bes
reits lebendigen Forderungen
nach Reichhaltigkeit und Be?
wegung in der Storia setzte
sich die Bildzeichnung aus
unermüdlichen Umgestaltun*
gen und Verbesserungen zu«
sammen, so daß das Verfahr
ren, das unklare Bild des
Entwurfes durch eine Pau*
sierung auf einem reinen
Blatt neu herzustellen, ein
Gebot der Notwendigkeit
wurde. Nicht nur die in
erhaltenen Bildzeichnungen des 15. und 16. Jahrhunderts ausgesprochene
Reinlichkeit der Ausführung, sondern auch literarische Nachrichten wie jene
des Armenino über Giulio Romano bestätigen diesen für eine vorwie«
gend zeichnerisch gestaltende Zeit unentbehrlichen Brauch.- Die so ent^
standene Zeichnung diente entweder gleich zur Übertragung auf die Tafel
Abb. 101. Rartacl, Bild^ und Kartonzeichnung.
' Aus: Dessins de Maitres anciens exposcs en 1879 ä l'ccole d. H. A. Braune Feder auf
Pergament, 22'9 - 168 cm, Paris. Ehemals als Giotto.
* Armenino, p. 85: Egli [Giulio Romano] teneva questo modo: pigliäva un foglio di
carfa sottile e su quello col piombo o col carbone dise^nava cid, che in mente aveva. Di
poi iingeva il rovescio (Rückseite) di quel foglio da per tutlo col oarbone, ed indi pigliava im
altro foglio netto e calcava quel disegno o schizzo su quello con uno stilo d'ottone ovvero
d'argento di modo, che vi rimaneva tutto cid ch'era disegnato di sopra sul primo foglio, di
poi profilato che quello aveva sottilmente d'inchiostro, li lei-ava l'orme del carbone con battervi
sopra un fazzoletto, onde i profili poi si vedevano restar netti e senza macchia o segno akuno
sotto di essi. Di poi li finiva o di penna trattegiando o di acquarello. — Eine der»
artige Fntwurfszeichnung desselben Meisters mit den noch auf der Rückseite befindlichen
Kohle; und GriHelspuren in der Alhertina (Inv. Nr. 323, der l'an:, Entwurf f. d. IreNko
in der Grotte des Palazzo del li:).
Lineare
Formen.
Das
Reinpausen.
296 Kompositionszeichnungen,
(Abb. 101/ 245) oder zur Vergrößerung für den Karton (Abb. 123). Die be*
stimmt geführten Konturen in Abb. 101 und 123 mit nur stellenweiser Schattier
rung und ohne Pentimente lassen diese Entstehungsweise leicht erkennen.
Malerische Einen direkten Gegensatz bilden die Zeichnungen der im malerischen
Formen. ^^^^ schaffenden Künstler seit der Mitte des 16. Jahrhunderts, wo an die Stelle
des reinlichen Zusammenklangs von Linien nur Licht* und Schattenmassen oder
Farbenflecke die Komposition beherrschten (Abb. 297, 301). Typische Beispiele
hiefür liefern seit Correggio und Barocci die Bolognesen und Venezianer, dann
vor allem Niklas Poussin in seiner Reife - und Rembrandt, die uns eine große
Anzahl derart behandelter Zeichnungen hinterlassen haben. Bei aller schein*
baren Flüchtigkeit herrscht Raum* und Lichtplastik wie dekorative Klarheit vor.
Einen glänzenden Abschluß dieser Richtung bot Tiepolo. Während aber das
künstlerische Temperament alles vermochte, der Pinsel Form und Raum fest
und sicher auseinanderhielt, verstieg sich das nachahmende Unvermögen in
Verworrenheit, Zerfaserung der Flächen und in völlige Unklarheit des Gewollten.
Entwicks Der Künstlerbrauch, mehrere Vorzeichnungen anzufertigen, sowie das Lücken*
lungsstuten. haftg jg^ überkommenen Materials erschweren oft die Entscheidung, ob das
eine oder andere Blatt einen früheren Entwurf oder die endgültige Ausfertigung
bedeutet, zumal bei flüchtig zeichnenden Künstlern. So stehen die beiden
erhaltenen Zeichnungen Ghirlandaios für Sta. Maria Novella, Geburt Mariens,
London und Zacharias im Tempel, Albertina (Abb. 300) auf verschiedenen
Ausführungsstufen. Die große Mehrzahl der Bilder läßt uns die Vorzeichnung
überhaupt vermissen. Auch führte nicht jede Anlage einer Komposition zum
Abschluß und nicht jede abgeschlossene Kompositionszeichnung zu einem Bilde.
Die Lust am Erfinden trieb phantasiereiche Künstler von einem Entwurf zum
andern, besonders bei selbstgewählten Sujets. Das mehrfach erwähnte, 1907
vom Printroom (London) erworbene große Skizzenbuch Tintorettos mit 90 Kom*
positionsstudien, die sich auf nur ca. 15 verschiedene Themen verteilen, enthält
gleich 34 Entwürfe der Versuchung des hl. Antonius.^
Änderung Die meisten der Bildzeichnungen mußten sich trotz ihres äußerlichen Abschlußes,
8^" trotz des Liniennetzes als Zeichen der Ausführung noch mancherlei Änderungen
gefallen lassen, die sich im Laufe der Arbeit als notwendig herausstellten. Von
dekorativen Änderungen in der Architektur, in der Draperie, in Hand*
bewegungen abgesehen, scheute man selbst vor einem einschneidenden figürlichen
Umbau nicht zurück.^ Der Begriff Komposition erstreckt sich demnach nicht
allein auf die Bildskizze und Zeichnung, sondern verbindet sich mit der Ge*
Samtausführung und Vollendung bis auf den letzten Strich im Bilde,
auf der Was sich an Änderungen nach dem Übertragen noch auf der Tafel oder
Malfläche. Leinwand ereignete, entzieht sich heute natürlich jeder Beurteilung. Manche
' Aus: Fischel, Raphaels Hz. Nr. 40. Feder. London, Nat.^Gal. 16-8X20-2 cm. Verlag
Grote, Berlin.
'' Walter Friedländer, N. Poussin als Zeichner, Zs. f. b. K., N. F. XXV. S. 313.
^ F. P. B. Osmaston. The Art and Genius of Tintoret, London 1915, vol. H, p. 119.
Nr. XXVIII-LXI. - Burlington Magaz. 1910, Jan. Feb.
* Vgl. z. B. Zeichnung und Bild von Alessandro Allori in Rivista d'Arte IX, Nr. 3,
p. 254 und 256, Fig. 1 und 2.
Kompositionszeichnungen. 297
Kompositionszeichnung, frei aus der Skizze hervorgegangen, nahm nicht immer
genau Rücksicht auf che zukünftige Form, sondern wurde häufig auf der
Bildfläche zurechtgerichtet, nach dem Ausmaß verschoben, verkürzt oder ver*
längert. So manche Flächenkorrektur in Kreide mag noch unter den Farbs
schichten stecken, über die uns einst die derzeit beginnenden Röntgenaufnahmen
vielleicht eines besseren belehren werden.
Es lassen sich Fälle feststellen, wo die Verwendung der Vorzeichnungen Umkehrung.
infolge geänderter Gesichtspunkte hinsichdich des Lokales im Gegensinne
erfolgte. Die Gruppenkomposition Tizians zu dem Wunder des hl. Antonius
(Zeichnung in Frankfurt, A. P. 398) erfuhren der Scuola del Santo eine gegen^
seitige Ausführung; und F. Baroccis Bild im Museo Etrusco im Vatikan: Gott
Vater spricht mit Moses, weist gegenüber der im Louvre befindlichen Zeichnung
ein direktes Umkehren auf.^
Nicht jedes ausgeführte Bild beruhte auf einer eigenhändigen Vorzeichnung. Kntlehnun»
Beispiele, daß Schüler auf Geheiß ihres Lehrers oder freiwillig dessen Entwürfe ßen.
ihren Werken zugrunde legten, sind nicht zu selten. Lieblingsschüler erbten
den künstlerischen Nachlaß ihres Meisters und nützten das willkommene
Material gut aus (Bartolommeo und Paolino di Pistoja).- Hofstede hat mehr=
fach nachgewiesen, daß Rembrandts Schüler nach seinen Kompositionen Bilder
ausgeführt haben, und zwar zu einer Zeit, als sie sein Atelier schon längst
verlassen hatten.'^
Eine eigene Art kompositioneller Zeichnungen waren die auf dem Wege Aus
der Kompilation entstandenen, deren Handhabung nicht gerade als ein aus; Antiken,
schließliches Recht der Schwachen galt. Die Maniera antica veranlafke viele
Künstler, ihre biblischen und mythologischen Schöpfungen restlos aus antiken
Skulpturen zusammenzustellen. Märten Hecmskerck lebte ganz im Banne jener
Formenwelt.
Noch regelmäßiger erscheint das bereits im Kapitel: Kompositionsskizze
als Vorstufe bezeichnete Entlehnen aller tauglichen Formen, woher sie auch
kamen. Erfindungsarmut zehrte von dem Reichtum fremder Schätze. Wie
viele der vorhandenen Bildzeichnungen harren noch ihrer Analysen! Von der
bei Künstlern stark ausgebildeten Erinnerungskraft abgesehen, galt das Plündern
von eigenen Skizzenbüchern, Kupferwerken, zumal bei italisierenden Nord; Aus Kupfer-
ländern, als eine selbstverständliche Manipulation. «Viele gewöhnen sich so sehr stieben,
an die Ausnützung von Kupferwerken, daß sie selten etwas vollbringen, das
nicht ganz aus anderen genommen ist. Wenn sie eine Geschichte, Fabel oder
Allegorie darstellen sollen, so werfen sie alle ihre Stiche, Zeichnungen und
Akte durcheinander, entnehmen da einen Arm, dort ein Bein, hier einen Kopf,
dort ein Kleid und wieder aus anderen den Körper, um auf diese Weise ihre
ganze Komposition zusammenzuflicken.»' Welche Fülle an graphischem >\aterial
' W. Friedlander: Das Kasino Pius I\'., p. 121 und Abb. 35 und 36. — Schmarsow.
Baroccis Zeichnungen Nr. II, S. 5, Nr. 2841.
» Vas. Mil. IV. 200.
' Rembrandts onderwijs aan zijne leerliniien (Fecst.bundel A Brcdius aangcbodcn.
Amsterdam 1915, I, p. 87 f.).
* Lairesse, Schilderboek, S. 50.
298
Kompositionszeichnungen.
gerade holländische Maler angesammelt hatten, darüber belehren uns die
Künstlerslnventare des 16. bis 18. Jahrhunderts.^ Jenem mit so scharfen Wor*
ten kritisierten Unwesen suchte man schon früh seitens der Gilden durch Vor*
Schriften zu steuern, indem man wenigstens in den Meisterstücken Kompositionen
«aus freyen Sinne sonder einige Kupferstiche oder Kunststucke» verlangte. -
Bei der Konstatierung von Bilderskizzen und Bildentwürfen ist insofern
Vorsicht geboten, als nicht jede Zeichnung, welche in Beziehung zu einem Bilde
steht, als Vorstudie betrachtet werden darf, sondern auch nach dem Bilde ge#
zeichnet sein kann, trotzdem sie durch freie und flotte Mache die Täuschung
einer Originalskizze erweckt (Siehe Teil IV, Kopien).
Allgemeines. FoRMALER AUFBAU. Die Gesetze der Komposition, uralt und geheiligt,
oft verdunkelt oder verloren, immer wieder gesucht und erprobt, schwankend
und schwebend bis auf den heutigen Tag, treten für den Beginn unserer Periode
schon ersichtlich, wenn auch bald naiv, bald aufdringlich, in Erscheinung.
Hervorgegangen aus dem Streben, das Figuren* und Begebnisreiche, das Viel*
fache geordnet und klar darzustellen, damit es Verständnis anbahne, episch vor*
zutragen, damit es Interesse errege, laufen alle frühen Versuche einer Flächen*
gliederung darauf hinaus, das Wichtige, Heilige in die Mitte zu setzen und
ein Links und Rechts anzubauen. Aus dem Begriff der Deutlichkeit, Betonung
des Wesentlichen, der sachlichen Einheit, ergab sich für alles übrige Beigeordnete
die Symmetrie und für das Ganze die Concinnitas und Harmonie. Es
handelte sich lange nur um die äußere geometrische Übereinstimmung, aus
der sich auf weiter Bahn erst die ideelle zu entwickeln vermochte. Das Inhalt*
liehe, dogmatisch oder weltlich, ergab die Aufteilung in Haupt* und Neben*
gruppen. Giotto hält das Himmlische und Irdische, die Darsteller und Zuschauer,
die Vorgänge im Hause und auf der Straße streng, jedoch in gleicher Flächen*
Wirkung auseinander.
Alberti. Auf wenigen Seiten, aber in bewunderungswürdig einsichtiger Weise führt
uns Alberti, der die Malerei bei aller werkstättischen Berücksichtigung zum ersten
Male vom ästhetischen Standpunkt aus kunsttheoretisch zu behandeln wagte,
in die Anschauungen der neuen Zeit ein. Als Architekt, Maler, Gelehrter
und Philosoph verstand er die Erfahrungen der Werkstatt mit seinen ästhetischen
Anschauungen zu einem System zu verbinden und so weit über seine Zeit
hinaus der ringenden Künstlerschaft eine Grundlage zu bieten. Und gerade
das noch unsichere Gebiet der Komposition erfährt durch ihn eine feste Zu*
sammenfassung der wesentlichen Punkte, die langehin die Richtung bezeichneten,
welche die Kunst in ihrer Entwicklung zu nehmen hatte. ^
Forderung Ein wahrlich großes Werk des Malers wäre ein Koloß; doch höheres Lob
«en. seines Talentes bringe ihm das Geschichtsbild, dessen Teile die menschlichen
' A. Bredius, Künstlerinventare des 16.— 18. Jahrh., im 5. Band Quellenschriften zur
holl. Kunstgesch. hsg. v. Hofstede de Groot, S. 28.
' Leipziger Maler^Ordnung v. 1577 (in Beiträge z. Kunstgesch. II, 66).
' Hubert Janitschek, L. B. Albertis kleinere kunsttheoret. Schriften (Quellenschriften z.
Kunstgesch. XI, Einleitung).- F. Burger, Vitruv und die Renaissance, Rep. f. Kw. 1909. - Irene
Behn, L. B. Alberti als Kunstphilosoph, Straiiburg 1911.- Willi Flemming, Die Begründung
der modernen Ästhetik und Kunstwissenschaft durch L. B. Alberti, Leipzig 1916.
Kompositionszeichnungen.
299
Körper seien. Deren Teile aber bilden die Glieder und deren Teile die Flächen.
Die Übereinstimmung der Körper untereinander, ferner der aus einer Maß?
einheit aufgebauten Glieder und schließlich aller Flächen und Grenzlinien unter
dem Gesichtspunkte der Schönheit (ad una bellezza) sei Sache der Komposition.^
Die Malerei müsse reichhaltig und mannigfaltig sein und in richtiger Postierung
alte und junge Männer, Knaben, Frauen, Mädchen, Kinder, Hühner, Hündchen,
Vögel, Pferde, Rinder, Gebäude, Ortschaften und dgl. enthalten.- Alles
Menschliche zeige Bewegung, entsprechend Alter und Charakter und dem
inneren Empfinden angepaßt (innere Notwendigkeit). Aber nur die klare Er?
Zählung werde den Vorzug haben, insofern sie jeden Beschauer, gelehrt oder
ungelehrt, dadurch erfreue und bewege (S. 116).
Diese proportionale Gliederung des Figuralen nach Höhe und Breite inner? Raum;
halb aller frontalen Darstellungsmöglichkeiten war indes nur eine Seite der behandlung.
Abb. 102. Guido Reni, Aurora in Silhouetten ^Wirkung.
Komposition. Eine weitere Forderung erstand durch die Raumbehandlung.
Albertis Linearperspektive und deren \'orschrift über die Anlage eines Pavimcntes,
von Filarete weitergeführt, bildete die Vorbedingung zur X'ereinheitlichung
der Raum? und Figurendarstellung, indem der menschliche Körper die Maß?
einheit für die Raumkonstruktion abzugeben hatte (S. 84). Und auch der
dritte raumgestaltende und kompositioneil unentbehrliche Faktor, die Licht? Lichte
und Farbenwirkung, findet durch ihn ihre entsprechende Beachtung, wenn? ""^ Farben
gleich noch in der bescheidenen, nur das Figuralc und Räumliche verdeutlichen? " ^^"^'
den und harmonisch zusammenfassenden Funktion (S. 130).'
Die Umrahmungslinie, ob vertragsmäßig übernommen oder nach freiem Flachen.
Ermessen gewählt, war für die kompositionelle Gliederung und Anordnung im ^^ 'c^ ^ninK.
vorhinein bestimmend. Beeinträchtigung einer Darstellung durch Kaumzwang
war damals gleichbedeutend mit der Verletzung der (ileichgcwichtsgesetze von
Symmetrie und Harmonie. Die Bildzeichnung hatte daher die noch wogenden
• Alberti. S. 108-116.
* Hbcnso bei Leonardo i:i|:j 178— 1S3.
^ W. FlemminM, op. cit.. S. 59. 64.
500
Kompositionszeichnungen.
Archis
tektonische
Hilfen.
Gruppen^
umril^.
Verhältnisse der Skizze auszugleichen, die Massen nochmals zu verteilen, Füll*
stücke einzusetzen, je nach dem vertikalen, horizontalen, diagonalen oder zentralen
Gesichtspunkte. Schon die einfache Tatsache, daß in jeder rechteckigen Fläche
das Gesetz von der wechselnden Differenz zwischen Haupt* und Querachse eine
Richtungsverschiebung der Diagonalen, dieser maßgebenden Führungs*
linien der Bildmassen bewirkte, gab den Künstlern Veranlassung, immer
neue Umstellungsversuche vorzunehmen und technische Anpassungen zu suchen.
Viel selbstverständlicher gestaltete sich die Gliederung in Lünetten und Ge*
Wölbezwickeln, wo die Wirkung eines gleichschenkeligen Dreieckes die
Symmetrie diktierte (Unterkirche
in Assisi). Und ebenso erleichtere
ten die gotischen Altäre mit und
ohne Flügel gegenüber den ob*
longen Freskoflächen eine gleich*
mäßige stoffliche Anordnung.
Dagegen ergaben die künstlich
gegliederten Felder der Barock*
kirchen und Paläste mit ihren
aus Geraden, Viertel* und Halb*
kreisen zusammengesetzten Um*
rissen oft recht schwierige Pro*
bleme.
Noch im Quattrocento stand
der Fall einfach, als man die Fi*
guren in der vordersten Schichte
der quadratischen oder leicht
überhöhten Bilder auf schmaler
Bühne wohlgeordnet und sym*
metrisch um die Hauptgestalt
wie um eine Achse verteilen und,
was der Handlung zuliebe etwa
in eine Unordnung geraten wollte,
durch architektonische oder land*
schaftliche Zusammenfassung ver*
binden konnte. Und selbst die Bewegungen ließ man rechts und links nach
gleichen Gesetzen vor sich gehen. Waren Innenräume vonnöten, wie z. B.
bei Maria Verkündigung, so schieden Säulchen oder Pilaster die Fläche in
zwei oder drei gleiche Teile. Fra Angelico liefert uns hierin Musterbeispiele
und für eine spätere Zeit Perugino und seine Schule. Die Architektur über*
nimmt als gliedernde Rückwand vielfach die Einteilung, schafft Umrahmungen,
Hallen, Arkaden, so daß das Figurale proportional untergebracht werden konnte.
Der Thron der Jungfrau Maria gibt eine dominierende Achsenwirkung nach
beiden Seiten hin für Heilige und Adoranten.
Um die Hauptgruppen im Sinne einer Zentralkomposition herauszuheben und
leichter zusammenzufassen, schrieb man sie in tatsächlich gezeichnete oder nur
gedachte geometrische Figuren ein, in gleichseitige Dreiecke, Pyramiden, auf
Abb. 103. Jan Fijt, Stilleben mit Kompositions^
linien.
Kompositionszeichnungen.
301
die Spitze gestellte Quadrate, in Kreise oder Ovale, die in der Hauptachse des
Bildes lagen. So berichten auch die Theoretiker des 16. Jahrhunderts.'
Michelangelo hatte nach Lomazzo für die Einzelfigur einen pyramidalen und
für deren Bewegung einen der züngelnden Flamme gleichenden Umriß ans
empfohlen, wobei die frontale Zentralkomposition noch die Losung war.
Die Barocke lockerte allmählich diese strenge Geschlossenheit. Die frontale
Haltung der Einzelfigur oder das frontale Zusammenbauen ganzer Gruppen in
harter Symmetrie hörte auf. Das Übermaß der Bewegungen ein* und aus*
wärts strebender Körper mit abgestreckten Armen und Beinen durchriß die
alten geometrischen Grenzen.
Die losen Stellen erhielten durch
weite pompöse Gewänder, flat#
ternde Draperien, Beiwerk und
Zierat eine Ersatzverbindung. Aus
der zentralen Führung wurde eine
asymmetrische oder gar schon
diffuse, freilich noch im Sinne
einer maßvollen, wohlüberlegten
Massenverteilung innerhalb der
Umgrenzung. Man steuerte noch
mit allerlei Behelfen und Regeln,
um nicht ins Uferlose zu geraten.
Lomazzo, Armenino, Dolce, Bor*
ghini haben uns manches über*
liefert, das aus der Zeit heraus
gesammelt wurde.- Die Seiten
der ideell geometrischen Haupt*
gruppe hätten alle gleichweit
von einem Mittelpunkte abzu*
stehen, Nebenfiguren seien außer*
halb derselben anzubringen. Für
eine Einzelfigur sei der Mittel*
punkt der Fläche bestimmend,
für zwei die Endpunkte einer in der BildHäche symmetrisch gestellten Hori*
zontalen.'' In abwechselnden Haltungen sollen sich das Männliche und Weib*
liehe. Junge und Alte gegenüberstehen. Noch warnt man vor Überladung
und die Größe der Figur hängt noch von der Bildgröße ab. Als echte Theo*
retiker verhalten sie sich auch zu den geistigen, künstlerischen und Werkstatt*
mäßigen Vorgängen bei dem Aufbau eines Historienbildes als ablesende und
sofort systemisierende Beobachter. Weil Lomazzo in seinem Tempio dclla
Pittura die Proportion, Bewegung, Farbe, Licht, Perspektive und das Formale
Abb. 104. Konipositionsschema von Abb. 103.
• Lomazzo. Tratt. VI. c. 2. p. 2S3.
' Lomazzo, Traft. VI und VII und Idca. c. 16. 24. 31 und 37.
III.-L. Dolce, Dialogo. p. 40flF.-R. Borghini. Riposo I. 40 tt.
S. 75. Kapitel Komposition.
=> Lomazzo, Tratt. VI, 283. - Birch^HirschfcId. S. 83.
-Armenino I. c 5. M.c. II.
- BirchsHirschkld. op. cit.,
Barock-
theoricn.
302
Kompositionszeichnungen.
Decken;
komposition.
Korns
positionsj
analysen.
in je sieben Teile gliedert, sollte auch die Komposition aus sieben Teilen be*
stehen. Erstens Ordine, Anordnung nach den Regeln der Proportion und Per*
spektive, 2. Collocazione, die Anpassung an den Aufstellungsort, 3. Com^:
positiva discreta, die maßvolle und naturgemäße Behandlung und Einord*
nung der Körper, Draperien und dgl., 4. Istoria, das Inhaltliche, 5. Corrif
posizione necessaria, die Ausschmückung mit allerlei Beiwerk und Dekor,
6. Composizione semplice significante, die Ausstattung mit animalischem
Leben, landschaftlichem und vegetabilischem Vorder* und Hintergrund, und
endlich multiplice significante, die gefällige Zusammenstimmung all der ge#
nannten Teile.' Glücklicherweise fand das Widerhaarige derartiger Rezepte in
den Werkstätten weder Beifall noch
Beachtung.
Die höchsten Anforderungen stell*
ten in weiterer Entwicklung des Ba*
rockstiles und gewissermaßen als letzte
Konsequenz desselben die dekorativen
Aufgaben in den weitflächigen Kir*
chen* und Palastgewölben. Michel*
angelo gliederte seine Sixtina* Decke
noch in viele kleine Eelder, um das
alte Verhältnis zwischen Figur und
Umgrenzung aufrecht zu erhalten. Je
mehr man aber auf das Großflächige
ausging, desto schwieriger gestaltete
sich eine harmonische Füllung des
Ganzen. Die Größendifferenz zwi*
sehen Figürlichem und Fläche ward
so bedeutend, daß man nur mehr mit
Gruppen hantieren konnte, die, so wie
früher die Einzelfigur, innerhalb der
Umrahmung nach den alten Gesetzen
verteilt wurden. Die Klarheit und Ein*
heit der Darstellung war damit in lauter verbindungslose Szenen zerronnen, die
sich der Beschauer erst zusammenzusuchen hatte. Die Komposition diente nicht
mehr der Bildfläche allein, sondern dem Gesamtinnenraum, dem einheitlichen
Prunk von Wänden und Decken. Eine gründliche zeichnerische Vorberei*
tung, ein Gliedern aller Teile und weitgehende perspektivische Kenntnisse waren
die natürliche Voraussetzung (Abb. 108 a).
Uie geometrische Anordnung aller Teile innerhalb der rechteckig, oval oder
gar durch komplizierte Bogenteile vorgeschriebenen Umrahmung ist wieder*
holt durch verschiedene Analysen an einzelnen Meisterbildern nachgeprüft"
Abb. 105. Pieter van Loo, Biumenstück.
Albertina.
' Lomazzo, Idea, p. 69.
* Thiis, Leonardo, p. 222, Kompositionsschema zur «Anbetung der Könige». — Jacob
Burckhardt stellte für den Tod des Decius Mus (Wien, Liechtenstein) ein flaches Sechseck
fest (Aus Rubens, Basel 1918. 3. Aufl., S. 124).
Kompositionszeichnungen.
303
und konstatiert worden. Derlei Flächenzerlegungen durch Mittellinien und
Diagonalen oder durch Einschreibungen von Polygonen. Kreisen, Ovalen in
Haupt, und Nebengruppen können zwar leicht zu subjektiven Ausdeutungen
führen, doch fällt stets auch ein unverkennbarer Tatbestand ab. Die UnvolU
kommenheit solcher Aufstellungen liegt nur in dem Lückenhaften der probe*
weise veranstalteten Nachkonstruktionen.
Auch hier sei ein derartiges Beispiel angeführt, Guido Renis Aurora,
als ein Muster gelungener Berechnung und künsderischer Überlegung. Um
alle Licht* und Schattenwerte, Innenzeichnung und schmückendes Füllwerk aus*
zuschalten, versuchte ich es mit der nach den Konturen einer Photographie ange*
fertigten silhouettierten Figurendarstel*
lung (Abb. 102). Bei aller Verschieden*
heit der fünf Bewegungsformen (fah*
ren, fliegen, schweben, schreiten, ziehen)
und der einseitigen Bewegungsrichtung
ist die symmetrische Aufstellung von
Apollo und Aurora je in einem Felde,
und zwar in der Diagonale, auffallend
ersichtlich. Die der Mittellinie ent*
eilenden vier schweren Pferdeleiber
halten das Zentrum. Sirius mit der
Fackel ist ein Füllstück von feinstem
Flächenausgleich nach jeder Seite hin.
Die scheinbar übergewichtige Masse
des Sonnenwagens und der Hören
(genau in der linken Hälfte) erhält
ihr Gleichgewicht durch die gewand*
reiche Aurora, die Köpfe und Beine
der Rosse und den noch im nächtli*
chen Dunkel liegenden Erdenstreifen.
Die Diagonalen steigern den wellen*
artigen Schwung des Zuges durch das
scheinbare Niedergleiten Apollos und das Aufsteigen Auroras. Jede einzelne
Figur ist derart gestellt und mit Kunstabsicht ausgearbeitet, daß selbst die in
wallende Gewänder gekleideten Hören noch in der Silhouette das Ircie Spiel
der Glieder erkennen lassen. Sie gleichen an Deutlichkeit einer Relietdar*
Stellung.' Einen Rhythmus für sich bildet der Umriß der Aurora.
Können wir auch für italienische Gemälde nicht mehr diese Art Zeichnungs*
Schablonen ausfindig machen, so ist es doch keine Frage, da(^ man sich ihrer
bedient haben mußte, wenn es galt, die ausgereifte Komposition in die ge*
gebene Fläche, etwa während des Kartonzeichnens, einzuordnen. Für den
Norden sind sie nachweisbar, wenn auch nicht gerade auf dem (jcbictc der
Historienmalerei, und was hier Brauch, wird seinem Ursprung nach eher im
Abb. 106.
Kompositionsschcnia von
Abb. 105.
Guido Keni
In Stilleben.
' Auf die Verwandtschaft mit dem Relief der Borghesischen T.in:erinnen wurde viel»
lach hingewiesen (M. v. Hoehn, Guido Keni 1910. S. 62).
304
Kompositionszeichnungen.
Süden als anderswo zu suchen sein. So enthält eine Jan Fyt* Zeichnung
«Jagdbeute» noch alle wesentlichen alten Baulinien, das Kreuz im Quadrate
samt Diagonalen, die horizontalen Teilungslinien und abermals Diagonalen
(Abb. 103 und 104).* Die Komposition hegt genau im Quadrat und das
überhöhende Fünftel dient nur dem lockernden Ausgleich der Massen nach
oben. Diagonale und Vertikale leiten die Gruppierung. Da hier keinerlei
Schattierung oder Raumvertiefung angegeben, wird die Annahme um so über*
zeugender bestätigt, daß es sich einzig und allein um die Anordnung der Flä*
chen gehandelt habe.
Es dürfte kein Zufall sein, daß sich ein solches Einteilungssystem in einem
Stilleben vorfindet. Gerade diese Kunstgattung mit ihrem Kunterbunt be#
Abb. 107. Claude Lorrain, Landschaft mit Diagonalgliederung.
In Land;
Schäften.
nötigte ein Regulativ zu einem wohlerwogenen, fein empfundenen Aufbau,
zu einem harmonischen Zusammenklang grundverschiedener Lineamente. Und
so erscheint es fast wie selbstverständlich, wenn sich dieses überlieferte Hilfs*
linienschema ohne Schwierigkeit auch auf verschiedene holländische Blumen*
stücke anwenden läßt (Abb. 105 und 106). ^
Und suchen wir auf dem Gebiete der dekorativen Landschaftsmalerei nach
derartigen Kompositionsbehelfen, so werden wir durch eine Claude? Zeichnung
direkt wieder nach Italien geführt. Die Anlage einer Ideallandschaft, die aller
Wahrscheinlichkeit nach in Rom entstand, enthält in gleicher Weise noch die
alte Einteilung der Gesamtfläche durch Kreuz und Diagonalen in regelmäßige
' Wien, Fürst Liechtenstein, Bisterfeder. A. P. 1339,
- Albertina, Aquarell. A. P. 170, 62-5 X 48-5 cm.
Kompositionszeichnungen. 305
lum;
Felder, um die symmetrische Verlagerung der Vorder* und Hintergrundmassen
zu ermöglichen (Abb. 107). ^ Insbesondere die Landschaft, die mit dem hori*
zontalen Gleichgewicht zu rechnen hatte, bedurfte einer vorherigen Abwägung
und es fällt hier leichter, diesen Schemen nachzugehen, als auf anderen Gc*
bieten. Abb. 219 zeigt verschiedene Versuche.
Wurden die drei oben skizzierten zeitlichen Kompositionswandlungen auch Kai
nur unter dem Gesichtspunkte der Flächenumrisse, der Silhouettenwirkung, gestaltung.
betrachtet, so spielten darin, und zwar in aufsteigender Linie, die beiden anderen
hier zu erörternden Bildfaktoren, die Raum* und Lichtgestaltung bereits
eine bedeutende Rolle, denn allezeit forderte die Bildvorstellung, sollte sie
einheidich und lebendig wirken, auch die dritte Dimension, volle Körperlich*
keit und den Drang in die Tiefe. Die lavierende Zeichnung hatte gerade hierin
viel zu leisten, das Räumliche zu bilden, nach den Gesetzen der Perspektive
aufzubauen und phantasiereich selbst bis in die Wolken hinein auszugestalten.
Nur für die frühe Zeit können Bildzeichnungen ohne jede Andeutung eines Paviment»
Hintergrundes vorkommen, d. h. für Werke mit vergoldetem oder einfarbig prinzip.
gehaltenem Fond. So späte Beispiele wie die Francesco Pesellino*Zeichnung
der Uffizien «Verlobung der hl. Katharina» sind selten.- Dagegen enthalten
Freskoentwürfe aus dem Trecento bereits gefühlsperspektivische Architekturen,
die im Einklänge mit der Handlung stehen (Abb. 100, 266). Erst die
Renaissance brachte durch die Aufstellung des Pavimentprinzipes System
in den Aufbau der Schaubühne und lieferte uns aus vielen Schulen Beweis*
stücke der energischen Inangriffnahme dieser neuen Aufgabe, und zwar von
schüchternen einfachen Versuchen bis zu komplizierten Prunkstücken. Dabei
schlug man verschiedene Wege ein. Man konstruierte gesetzmäßig und streng
nach der Maßeinheit Figur und Raumskelett (Abb. 293) oder behandelte beide
nach künstlerisch freien Gesichtspunkten, wobei mehr das Epische als die
Kompositionseinheit auf seine Rechnung kam (Abb. 295). Leonardo zeichnete
sich den architektonischen Hintergrund selbständig und verband erst im Kar*
ton die Handlung mit demselben (Anbetung der Könige; Abb. 298).
In einer Londoner Timoteo Viti*Zeichnung (Abb. 107a) für das Bild in rmhnschcr
der Domsakristei von Urbino mit den hl. Thomas Becket und A\artin von Brauch.
Tours von 1504 (Abb. 107 b) lernen wir einen besonders interessanten Vorgang
kennen.^ Zunächst die perspektivische Durcharbeitung des Raumes auf Grund
einer vorausgegangenen Bildskizze nach den gegebenen Größenverhältnissen,
dann modellmäßige Einzeichnung der Hauptfiguren direkt nach Malergesellen,
zuerst der sitzenden, dann der knienden, schließlich Aufrif? des Netzes zur
Übertragung auf die Tafel, War es auch logisch, von der gegebenen Bildgröße
auszugehen, weil diese die Architektur und letztere wieder die Figuren bc*
stimmen sollte, so war dieser Weg doch voll technischer Schwierigkeiten, weil
' Frankfurt, StädcMnstitut IX, 3; lavierte Feder.
» Siehe Abb. in Zs. f. b. K., N. F. X. vor Seite 81.
' Brit. iMus., Kreide, mit Rötel quadriert, 34 26 cm. Die Feststellung von Zeichnung; und
Bild verdanken wir O. Fische!: Zeichnungen der Umbrer. S. 242 und 243. Nr. Ibb, Abb. 317
und 318; und ebenso die freundliche Überlassung der Photographien.
.McJcr, Die I landzeichnung. -0
306
Kompositionszeichnungen.
\
'-4F
- jt •
Abb. 107 a. Timoteo Viti, Werkzeichnung mit Raums und Figurenanlage.
London.
man dabei auf das alte Prinzip der Konkordanz zwischen Horizont und Figur ver#
zichtete (Abb. 293 und 294) und den Augenpunkt der Architektur nicht mehr
zu jenem der Figuren machte. Daher steht in unserer Zeichnung der Horizont
weit über dem selbst stehend gedachten Adoranten (X in der Kreuzesstange).
Kompositionszeichnungen.
307
Es existiert keine perspektivische Übereinstimmung zwischen den Stiftern
und Heiligen und die scheinbare Entfernung zwischen beiden entspricht nicht
der tatsächlichen Enge. Die figurale Einzeichnung scheint sich nur nach
Augenmaß vollzogen zu haben, denn die Sitzpose will sich schwer mit den
Steinsockeln vereinigen.
Weit schwieriger gestaltete sich die Aufgabe, wenn gleich mehrere nach*
einander ablaufende Handlungen durch eine Raumeinheit gebunden werden
sollten. Fehlen uns hiefür auch Beispiele italienischer Meister, so lehrt ein
Beleg aus dem Norden, eine
Jörg Breu? Zeichnung, die
Kompliziertheit des Falles.
Diese aus der Zeit um 1528
stammende Raumanlage mit
vier Episoden aus der Ge*
schichte der Lukretia (Ver?
gewaltigung, Selbstmord,
Schwur und Leichenzug)
zeigt uns in den noch vor*
handenen Hilfslinien zur
Architektur die schwerfällige
Aufteilung der Gruppen
(Abb. 108 1 und 302). Es
erscheint selbstverständlich,
daß die freie Gestaltung
unter derlei Zwang recht
erhebliche Einbuße erfahren
mußte, die Figuren nur zu
leicht den Charakter des
Gestellten erhielten und die
Handlung den inneren Zu*
sammenhang verlor. Leichter
und anmutiger ließen sich
solche fortlaufende Darstel*
lungen in die freie Natur
verlegen. Der unbegrenzte
Reichtum landschaftlicher Linien barg in sich die Fähigkeit, jede Einzclgruppc
räumlich und doch auch kompositionell zu verbinden.
Als man in den Deckenbildern die frontalen Darstellungen aufgab und
dafür die Sottoinsu^Ansichten in immer kühner werdenden Perspektiven
einführte, erstanden für die Komposition neue Probleme, indem an die Stelle
der harmonischen Figurenumrisse die skurzierten und oft recht Silhouetten*
armen Gestalten traten. Die dominierenden, unter einen hohen Augenpunkt
Abb. 107 b. Timoteo V'iti, Das ausgeführte Bild.
Konti;
nuierendc
Darstellung
gen.
Sottoinsu»
Kompo»
sition.
' Budapest, A. P. 177, Feder, 21X31 cm. Das kleine Änderungen aufweisende (icmalde
vom Jahre 1528 befindet sich in Krlangen (DörnhöHer, Hin Zyklus von Federzeichnungen,
in: Jahrbuch d. kh. S. d. Kh. Will, S. 32 f.. Abb. 8 und 9).
20*
308
Kompositionszeichnungen.
gestellten Architekturgerüste hatten in dem Beschauer das Vertikal* Gefühl
anzuregen und damit auf dem Wege der Illusion auch das Figürliche in das
richtige Gleichgewicht und in wirksame Körperlichkeit zu versetzen. Zur Ver*
Stärkung der Vertikalen mußten auch kräftige horizontale Hilfen (Balkone,
Gesimse) angewendet werden (Abb. 297). Man suchte nach neuen Gesetzen
der Aufteilung und Verbindung der Gruppen, die sich, um nicht auseinander*
zu fallen, dem Gesamtraume strenge unterzuordnen hatten.
Während sich die symmetrische Anordnung durch eine regelmäßige Archi*
tekturanlage trotz des Mangels eines einheitlichen Figurenmaßstabes noch leicht
i^. ...... -_j^.
7
tr..^
Abb. 108. J. Breu d. A. Lukretia. Komposition mit vier Episoden.
erzielen ließ, kam eine zentrale Komposition nur unter besonderen Umstän*
den zustande, weil dieselbe, auch auf kleineren Flächen, den Einblick in das
Räumliche behinderte. Der offene Himmel — die gewöhnliche Aushilfe —
bot keine Gelegenheit zu architektonischen Leitlinien und gestattete nur jäh
sich verjüngende und innenseitig beleuchtete Wolkenringe, die ein ideelles
Lichtzentrum anzeigen und einschließen sollten (Correggio, Domkuppel in
Parma). Anderseits würden die häufig angewandten, von den vier Wänden aus*
gehenden Scheinarchitekturen, die sich in die Deckenflächen hinein und einem
oder mehreren Fluchtpunkten zudrängten, eine absolute Untersicht dieser zen*
tralen Figurenmasse erfordert haben, gegen die sich jede künstlerische Lösung
sträubte. Man verteilte daher die Gruppen mehr und mehr auf die Gesims*
architekturen, auf über das breite Rahmenwerk herabquellende Wolkenballen
— allzeit hilfsbereite Retter in Kompositionsnöten — um erträgliche Seitenansich*
ten der Körper zu ermöglichen (Abb. 108 a).
Kompositionszeichnungen. 309
Weil die Raumkonstruktion für das Gelingen der Darstellung ein Haupt*
moment bildete, so verbanden sich die Maler vielfach mit den Perspektive
Zeichnern, um die Schwierigkeiten zu umgehen, und zeichneten ihre vorbereitete
Skizze in das fertige Skelett nach Breite und Höhe ein. Indes gab es auch
genug Maler, zumal seit Pozzo, die sich in erstaunlichen Erfindungen nicht
genug tun konnten.
Die dritte und letzte Forderung der Komposition war die gleichfalls nach Licht, und
bestimmten Gesetzen geregelte Verteilung der Lichter und Schatten. Durch Schatten,
sie erhielt auch der beste Formenumriß und das bestkonstruierte Raumschema •Komposition,
erst Körperlichkeit und Illusion, die anderseits wieder das Inhaltliche zur
Klarheit erhoben. Lichte und Schattenführung hielt mit der Raumentwicklung
gleichen Schritt. So wie in der frontalen symmetrischen oder asymmetrischen,
reliefartigen Darstellung nur das flache ausgleichende Licht alles modellierte,
so beherrschten bei der diagonal in die Tiefe drängenden Komposition, weil
sich das Nächste und Fernste von selbst ergab, die gegensätzlichen Lichte und
Schattenwerte alle verschieden postierten Objekte und die Luftperspektive be?
anspruchte ihre Rechte.
• Das gegenseitige Verhältnis von Licht und Schatten diente dabei nicht
bloß der stärker betonten Raumbildung, sondern bald auch der Hervorhebung
des Kernpunktes der Handlung. Die Träger der Idee ins Hellste, die Mit*
agierenden ins Lichte, die Begleitung und das Beiwerk ins Halbdunkle.
Je mehr die Kompositionsteile im Sinne der Barocke auseinanderstrebten, Mittel
teils in die Tiefe, teils ins Frontale, desto mehr erwuchs für die leitende, vere und Wege,
bindende und klärende Lichtführung die Aufgabe, hier auszugleichen und
dort durch Gegensätze zu wirken, ohne die Gesamtharmonie aufzuheben. Man
suchte immer nach neuen wirksamen Mittein, bald mit Hilfe eines grellen
Seitenlichtes, bald durch Zentralbeleuchtung. Selbst Modellkästen mit be«
leuchteten Wachsfiguren sollten diesem Zweck dienen (Tintoretto). Die An*
Ordnung der Licht* und Schattenmassen hatte demnach eine innerhalb der Bild*
fläche wohldisponierte Verteilung zu beachten, die mit den Umrissen, dem
Inhaltlichen und den jeweiligen Gesetzen der Schönheit in Einklang zu bringen
war. Daher die zahlreichen Entwürfe aus freier Phantasie, worin die Gegen*
Sätze von Hell und Dunkel und die Art der Aufteilung ausgeprobt wurden,
um für die bevorstehende Ausführung in Farben die wichtigste Vorarbeit ge*
tan zu haben. Oder man legte der Vereinfachung halber die Komposition
auf kleinen Tafeln oder Leinwanden gleich als farbige Olskizzen an, ein Prin*
zip, das sich namentlich für große Plafondentwürfe bewährte.
Wie sehr man trotz der chaotischen Figurenmassen von himmhschcn, mytho* Beispiel,
logischen oder allegorischen Gestalten den weiten Raum schon in der Skizze
mit dem Schattierungspinsel in markigen Kontrasten und breit angelegten,
dominierenden Schattenmassen zu gliedern verstand, deren Gesamtwirkung in
dem darnach ausgeführten Gemälde auch nicht zur Hälfte wiederkehrte, lehrt
uns mancher Vergleich. Ein besonders instruktives Beispiel bietet die etwa
2 m hohe farbige Komposition: Triumph des Namens Jesu von Giov. B. Gaulli
(genannt il Baciccio, f 1709) für das Deckenbild der Kirche il Gesü in Rom
310
Kompositionszeichnungen.
Abb. 108 a. G. B. Gaulli, Plafondentwurf. Ölfarbenskizze.
Rom, Palazzo Spada.
Kompositionszeichnungen.
311
Abb. 108 b. G. B. Gaulli, Deckengemälde. Rom, il Gesü.
(Abb. 108 a, 108 b).^ Der Künstler weist damit dem Beschauer den Platz zur
richtigen Betrachtung und Erfassung von Raum und Gruppierung an, sodaß
er in den symmetrisch angeordneten dunklen Flecken sofort die künstlerische
Disposition zu überschauen vermag.
Kaum spielte die Beleuchtungsfrage je eine größere Rolle als bei Rembrandt Kcmbrandt.
und dessen Schule. In Bild, Zeichnung und Radierung erstehen für ihn immer
' Heute Rom, Palazzo Spada. Den Hinweis und die Cberiassung beider I'hotofjra;
phien K. Brogis verdanke ich Herrn Dr. Oswald v. Kutschera AX'oborsky.
512
Kompositionszeichnungen.
neue Probleme, die Geheimnisse des natürlichen und künstlichen Lichtes, direkt,
zerstreut oder reflektiert, zu lösen. Figur, Raum und LichtefFekt verwachsen in
all seinen Schöpfungen zu einem Guß und Komponieren bedeutet für ihn, die
Einheit dieser Forderungen konzentriert auszusprechen. Sein Beispiel wirkt nach
allen Seiten. Selbst in Städten wie Haarlem versagt man sich nicht den Reiz,
den Raum mit Schattenmassen zu silhouettieren (Abb, 109).^
Komposition Oo wie die drei kompositionellen Funktionen zunächst der formalen Einheit
und Idee. und Schönheit des Kunstwerkes zu dienen hatten, um einen harmonisch wohl*
tuenden Gesichtseindruck zu schaffen, so wollten sie auch dem geistigen Inhalt
Untertan sein und dazu beitragen, das
Gedankliche, die Idee, klar und leben*
dig herauszuheben. Dem Künstler selbst
war es anheimgegeben, jene Mittel
und Wege einzuleiten, die ihn am
besten dazu führen konnten. Auch
hierüber war sich Alberti, allerdings
mehr im Sinne der Architektur, be*
reits klar geworden: «Die Einheit der
künstlerischen Idee ist bis ins kleinste
Maßstab und Richtpunkt für alles.
Sie fördert die innerliche seelische
Verbindung aller Teile, schafft aus
der Mehrheit die Allheit».^ Dabei
setzt Alberti anderseits für den Be*
schauer soviel wie nichts voraus. Die
Idee in ihrer schlicht ausgesprochen
nen Form soll den Unbefangenen
von selbst gewinnen. «Reine Kunst
soll ihm auf reines Gefühl wirken.»^
Das war die Zeit der Frührenaissance, diese einfache Auffassung entsprach
den einfachen Darstellungsmitteln.
Idee und Aber schon bald trat man in überraschender Weise mit Anforderungen an
Beschauer, den Beobachter heran, die gewissermaßen einer Gegenleistung für den künst*
lerischen Aufwand an Mitteln gleichsahen. Den gemütserregenden Darstellungen
wie z. B. jenen der Barocke sollte auch ein empfindsamer mittuender Genießer gegen*
überstehen. Der erste Ruf hiezu kam von Leonardo: «Die Zusammenstellungen
gemalter Historien sollen die Beschauer und Betrachter derselben zur Äußerung
des gleichen Affektes bringen, um dessen Willen die Historie figuriert wird . . ,
So soll die Seele der Beschauenden und Beobachtenden deren Glieder zu Be*
wegungen veranlassen, daß es den Anschein habe, als seien sie selbst an dem
Fall beteiligt» (§ 188). Wie er diese Worte verstanden wissen wollte, lehren
Abb. 109. S. de Bray, Gruppe mit Zentrallicht.
' Albertina, Inv. Nr. 8357, Naturgröße.
* Zitiert nach W. Flemming, op. cit. S. 65.
" Ibid.
Kompositionszeichnungen. 313
seine beiden inhaltlich verschiedenen, kompositioneil aber von derselben Idee
getragenen Werke, der Reiterkampf und das Abendmahl, dort der Ausdruck
wilder Körperbewegungen, hier die maßvolle Haltung erregter Seelen. Streben
Kaum ein halbes Jahrhundert spater lag es schon allgemein in der Luft, sich ^^'^^ Außer;
mit etwas Außergewöhnlichem, /uon delVovdinario, Großfigurigem, Reichbelebtem, gewöhn^
Prunkvollem hervorzutun und damit gewaltsam an das Publikum zu appellieren.
Tizians Assunta von 1518, also noch vor dem allgemeinen Umschwung ent*
standen, stellt in dem Ausdruck der vom Schmerz getroffenen und leiden*
schaftlich auffahrenden Apostel dem Leonardschen Abendmahl gegenüber schon
die Erfüllung der neuen Probleme dar. Die tüchtige Schulung, Beherrschung
der menschlichen Formen und literarische Ausbildung, ferner äußere Verhältnisse
wie Konkurrenz, erwachtes Künstlerbewußtsein, Verkehr mit Fürsten und
Kardinälen, Gelehrten, Theologen und Schöngeistern und ebenso die sich all?
mählich entwickelnden Schaustellungen der geschaffenen Kunstwerke wirkten
gewiß mit, daß sich jeder einzelne ans Licht drängen wollte.
Die Kompositionen zeugen von dieser neuen Auffassung, sie mußten mit Dekorativer
der Bewegung rechnen. Man suchte nach interessanten Fabeln und Allegorien Aufwand.
und steigerte den Affekt und dekorativen Aufwand bis zur Unklarheit. Von
dem Bestreben, die Idee auf das sinnfälligste herauszuarbeiten, geriet man oft
in das Gegenteil. Um Beispiele bester Zeit heranzuziehen, wie selbst biblische
Themen von diesem Standpunkt aufgefaßt wurden, sei hier auf die Darstellungen
alttestamentarischer Gastmähler von P. Veronese hingewiesen, die in venezia*
nische Prunkfeste umgewandelt wurden. In der Hochzeit zu Kana oder dem
Gastmahl im Hause Levi, der Königin von Saba vor Salomon u. a. m. wollte
der Künstler fdem Beschauer durch eine reiche und wohldurchdachte Komposition
das festliche Gepränge, den Wohlstand zum Ausdruck bringen. Geschäftig
aufs und abtragende Diener, behaglich schwätzende und gestikulierende Gäste,
Musik und glanzvolles Leben allüberall. Aus der Masse und dem Einzelnen,
aus den reichen Marmorarchitekturen sollte der Glanz und die Prachtliebe
Venedigs sprechen (Abb. 301).
Einen wesentlichen Anteil an dieser einer bestimmten Richtung zutreibenden Literarischer
Entwicklung nahmen die Literaten und Kunsttheoretiker der Barockzeit, vor EmHuß.
allem Lomazzo, die immer wieder auf die alte und neuere Poesie hinwiesen,
wirksame Affekte und Episoden herausgriffen und sie in breiten Schilderungen
den Künstlern vor Augen führten, ob sie technisch erreichbar waren oder nicht.'
Sie abstrahierten Regeln und Vorschriften, wurden den Auftraggebern und
Künstlern zu Beratern und steigerten so die Kompositionsmöglichkeiten bis an
die äußersten Grenzen. Kirchliche und profane Malereien erfuhren durch sie
gewiß eine stoffliche Bereicherung, wurden aber gleichzeitig auf die Irrwege
spintisierender Allegorien, Symbole und der Capricci gelockt, die immer mehr
figurales und schmückendes Beiwerk erheischten.
Allein mit der Figurenfülle, die im 17. und 18. Jahrhundert sich in den Programme,
geschwungenen Decken immer breiter machte, hörte die Einheit der Darstellung
von selbst auf. Man begnügte sich nicht mehr mit einer Idee, sondern suchte
' Lomazzo, Traft \'L c. 28, 31. 34, 38. - HirclvHirschtcld, op. cit.. S. 7(-. H.
314
Kompositionszeichnungen.
ein ganzes Programm von Themen unterzubringen, die von Theologen abgefaßt
wurden und oft viele Bibelstellen zum Inhalte hatten.^ Aus der Historien*
maierei ward eine Dekorationsmalerei. Nur die Altarstücke oder profane
Bilder auf Leinwand hielten noch an den alten Gesetzen fest.
Die schlichten Anschauungen Albertis waren damit weit überschritten und
zurückgedrängt worden, wohl aber erfüllte sich an so mancher Komposition
sein Tadel Wort für Wort: Jene Maler tadle ich, die um der Reichhaltigkeit
willen kein Fleckchen des Bildes leer lassen, wodurch statt der Komposition
zügellose Verwirrung hervorgebracht wird und der Schein entsteht, daß es
■ i ■■ ■•
Abb. 110. Mantegna, Nacktkomposition zu Jakobus' Gang zum Richtplatz.
sich auf dem Bilde nicht um einen Hergang, sondern einen Tumult handelt
(S. 118). Siehe auch Kapitel Porträt? und Landschaftszeichnung.
Übergang. DaS NAC KT KOMPONIEREN. Während die gotische Komposi*
tionszeichnung ein schlichtes, fertiges Gepräge aufweist, das weder Akte noch
Detailstudien benötigte, tritt mit dem Beginne der Renaissance eine besondere
Gründhchkeit auf, die kein Moment der komplizierten Bildgestaltung außer
acht läßt. Als fortschrittlicher Grundsatz galt das Herausarbeiten aus dem
Nackten. «Zuerst zeichne man den Menschen nackt und dann umgebe man
ihn mit Gewandung», diktierte bereits Alberti (p. 110). Und dies galt auch
für die ganze Komposition. Man wollte damit der Proportion sowie der
Anatomie gerecht werden. Diesem der ßildhauerwerkstatt entnommenen Prinzip
' H. Tietze, Programme und Entwürfe in den groikn österreichischen Barockfresken
(Jahrb. d. kh. .S. d. Kh. XXX, S. 1 ff). - H. Thode, Tintoretto, Rep. f. Kw. 24, S. 19. -
Hscher, Die großen Gemäldefolgen im Dogenpalast, Rep. f. Kw. 41, S. 87.
Kompositionszeichnungen.
315
wm:
Abb. 111. Leonardo, Nacktkomposition zur Anbetung der Könige.
Louvre.
folgten willig die Maler. In und um Florenz empfand man die Notwendige
keit eines solchen zeichnerischen Vorgehens zuerst, besonders hei I landkingen
mit Affekten, wo man sich über schwierige Bewegungsmotive Rechenschaft zu
geben hatte. Aber auch für stillfriedliche Konversationsbilder drang die Vor*
316
Kompositionszeichnungen.
Gehilfen
modelle.
Schrift durch. Madonnen* oder Heiligenfiguren lassen unter den dünn darüber
gezeichneten Draperien in Tinte oder undeutlichen, halb verlöschten Bleigriffel*
linien den gliedmäßigen, proportionalen Aufbau oder die Nacktumrisse er*
kennen; bisweilen fehlt auch jede Andeutung einer Gewandung.
Indes muß hier noch auf eine Zwischenstufe hingewiesen werden, auf die
Verwendung der in den Werkstätten zur Verfügung stehenden jungen und
schlanken Bursche, wohl der Lehrknaben und Gehilfen, die in ihren knapp
anliegenden Wämsern und Beinlingen die Hauptfiguren der Komposition
stellten. Die mittelalterliche Scheu vor dem Nackten, die zünftige Vorschrift
für strenge Zucht zwischen Meister und Schüler machten sich gerade hierin
ersichtlich und dauerten noch lange an. In der konservativen umbrischen
Schule beobachten wir diese keusche Zurückhaltung bis nach 1500. Einzelne
Zeichnungen von Perugino, Timoteo Viti und von dem jungen Raffael ge*
währen uns einen interessanten Einblick in die Art und Weise ihres eigen*
artigen Auf bauens einer Komposition. Abb. 107 a zeigt nicht nur den perspek*
tivischen Aufriß des Raumes, sondern auch die hineinkomponierten Akte zu den
beiden Heiligen sowie zu den Stiftern.^ Ebenso bildete das traditionelle Ent*
werfen des historischen Vorganges in Schemen und manechinartigen Gestalten
eine Art Übergang.^
Bei dem Mangel zeichnerischen Bestandes aus der ersten Hälfte des Quattroü
Leonardo, cento stoßen wir erst um die Mitte des Jahrhunderts auf charakteristische Belege
wirklicher Nacktkompositionen. So bei Mantegna in seiner Vorzeichnung
zu dem Jakobsfresko in Padua 1451, der das florentinische Prinzip wohl von
Donatello übernommen hatte (Abb. 110).^ Illustrativer und gleichzeitig die
Bewegung markierend erscheinen die Studien Leonardos zu der Anbetung
der hl. drei Könige in den Uffizien, nach Seidlitz um 1481, die sich in erster
Fassung (Anbetung der Hirten) bei Bonnat, in zweiter im Louvre und den
Uffizien befinden (Abb. 111,^ 298, 299).
Schon bevor Raffael nach Florenz kam, scheint das Komponieren in Akten
bereits alle Provinzwerkstätten beherrscht zu haben. Während wir in den für
sein erstes großes Altarbild «Krönung des hl. Nikolaus von Tolentino» im Jahre
1500 geschaffenen Vorarbeiten noch die bekleideten Malerburschen in Ver*
Wendung finden,^ sehen wir einige Jahre später nur mehr das Nacktprinzip
sich geltend machen (Abb. 320). Selbst Klostermaler wie Fra Bartolommeo
vermochten nicht, sich diesem vorteilhaften Brauch zu entziehen." Durchaus
selbstverständlich erscheint er bei Michelangelo, dessen Nacktkultus seiner
Mantegna,
Raffael und
Michel*
angele.
' Weitere Beispiele: Perugino, Fischel, Z. d. Umbrer, Abb. 125 und 127; für Raffael:
Fischel, Raphaels Hz. I. Abb. 5, 15.
^ Vgl. O. Fischel, Zeichnungen der Umbrer, Taf. 1.
' London, Gathorne Flardy. Aus Vas. Soc. I, 26, Vorstudie zum Fresko in der Eremitani*
kapeile. Feder; 25-4X16-5 cm.
* Aus Paul Müller. Walde, Leonardo da Vinci, München 1889, Abb. 69; Berenson II,
Taf. 101; Seidlitz, Leonardo, Bd. I, Taf. 11.
^ Abb. bei Fischel, Raphaels Zeichnungen I, Nr. 5—10.
® Nacktzeichnung zur hl. Anna selbdritt, Uft., abgebildet bei Knapp, Fra Bartolommeo,
Abb. 52, 53.
Kompositionszeichnungen.
317
Abb. 112. Nach Rafifacls Transfiguration. Albertina.
Zurückgeführt auf Akte.
318
Kompositionszeichnungen.
Rück=
konstruieren.
bildhauerischen Schaffensweise entsprang. Sein jüngstes Gericht bedeutet die
volle Auswertung einer Nacktkomposition als Bild. «Bei diesem Werke führte
er alles vor, was die Malerei aus einem menschlichen Körper erreichen kann,
ohne auch nur eine Haltung oder Bewegung wegzulassen» (Condivi). Daß die
scharf in Akten herausgearbeitete Handlung bildhauerisch empfunden war und
in dieser Form den römischsflorentinischen Anschauungen entsprach, lehrt eine
Briefstelle Benvenuto Cellinis (1546): «Nun sieht man
heute, daß Michelangelo der größte Maler ist, der uns
je bekannt geworden; und zwar einzig und allein, weil
er alles, was er an Malereien macht, aus den durchs
dachtesten Skulptur^Modellen herleitet. Und ich weiß
keinen, der sich einer solchen Wahrheit der Kunst
mehr näherte als der treffliche Bronzino. Die andern
— nun der Hieb gegen die nordischen Koloristen —
sehe ich in ein Farbenmeer untertauchen, womit man
Bauern täuscht».^
Daher bildete sich gerade unter Michelangelo und
Raffael in Rom das aktmäßige Komponieren eifrig
weiter und namentlich in diesem Kreise findet sich
gewissermaßen als besondere Vorübung zu eigenen
Kompositionen auch das Rückkonstruieren be*
rühmter Gemälde oder einzelner Teile derselben in
reine Aktkompositionen. In älteren Sammlungen be«
gegnen uns ganze Gruppen oder Einzelfiguren aus
den Stanzen, die, meist in Rötel fleißig ausgeführt,
durchaus nicht auf Kopien zurückgehen. Ein be*
kanntes Beispiel bildet die seinerzeit so berühmte,
weil angeblich von Raffael herrührende Federzeichnung
zur Transfiguration in der Albertina, in Wahrheit
aber eine besonders belehrende Rückbildung des Bil*
des in Akte von unbekannter Hand (Abb. 112).^
Im Norden finden sich, von den wenigen Mai*
länder Beispielen abgesehen (Cesare da Sesto, Giam«
petrino, Madonna mit Heiligen, A. F. 1210), die meisten
im Venezianischen. Von Palma giov. gibt es zahlreiche Nacktkompositionen,
meist aus aufgelösten Skizzenbüchern auf ockergelben Grundierungen. Scheinbar
' Guhl I, 348.
* Albertina, Inv. Nr. 17544, Feder; 53'8X37'8cm. Hier annehmen zu wollen, daß etwa
ein Karton oder ein ähnliches Original existiert habe, nach welchem diese Zeichnung kopiert
sei, wäre Irrtum, da ein Künstler wie Raffael, und noch dazu in seinen letzten Lebens?
Jahren, zwar aktmäßig entworfen, aber nicht aktmäßig so durchgeführt habe in denselben
Verhältnissen und Entfernungen bis in alle Einzelheiten, wie es das Gemälde zeigt. Außer«
dem beweist der Kartonrest eines Fußes der vorn knienden Frau, daß der Karton mit
der Draperie gezeichnet war. Ebenso unrichtig erscheinen Wickhoffs und Dollmayrs Ans
nahmen im Anschluß an Fassavant, die Zeichnung sei nach dem Bilde, aber bestimmt,
den Schein einer vorbereitenden Studie zu erwecken (Passavant, Rafael von Urbino II,
S. 503, Nr. 185; Wickhoff^. Kat. d. ital. Hz. d. Albertina, Sc. rom. 293 in: Jahrbuch d. kh.
Abb. 113. Dürer,
St. Katharina mit Nackts
aufriß.
Kompositionszeichnungen.
319
wie Seltsamkeiten muten uns Dürers Versuche an, wenn er z. B. in Maria
Heimsuchung (L. M. 473) oder in der hl. Konversation (L. M. 521) sich die
Figuren nach seinem «Maß» aufbaut (Abb. 113)/ oder wenn er ganz nach
italienischem Muster allerlei rätselhafte kompositionsähnliche Darstellungen mit
Alten und Jungen beiderlei Geschlechts entwirft, welche Bewegungen markieren.
Das strenge Nacktkomponieren erlahmte, als an den Akademien neue Normen
auftauchten und jede Einzelfigur ohnehin nach dem entsprechend gestellten
Modell durchgezeichnet werden mußte und als die italienischen Naturalisten
Dürer.
Abb. 114. Luca Cambiasi, Abendmahl in kubischer Darstellung.
das Volksleben in die Kunst einführten, das im niederländischen Genrebild
seinen Höhepunkt erreichte. Im letzteren Falle wurde es direkt vermieden.
In all den vielen Kompositionszeichnungen Ostades, Teniers', Bcgas und vieler
anderer dürfte man es vergebens suchen. Ebenso bei Rembrandt.
Zum Schluß sei noch auf eine besondere, ziemlich selten vorkommende Art Das
des Komponierens mit kubischen oder polyedrischen Körpern nach Art der kubische
Bildhauer hingewiesen.-' Wir finden solche Merkwürdigkeiten bei Dürer, der ompo»
sie wohl Mantegna entlehnte, und bei E. Schön (Abb. 306), in Italien bei
Luca Cambiasi (Abb. 114)''und in Frankreich bei N. Poussin. Die dadurch
S. d. Kh. 1891-1892 und DoUmayr. Raftaels Werkstätte, ibid. XVI. 342). - Über die Lob.
preisung dieser Zeichnung, ehemals bei Crozat, siehe: H. Revelcy, Notices. p. 6.
'■ Ausschnitt aus der Albertina=Zeichnung, hl. Konversation, Feder.
' Weixlgärtner, Beiträge z. Kunstgeschichte, Wien 1903, S. 90. — Julius von Schlosser,
Jahrb. d. kh. S. d. Kh. 1913, S. 112.
' Albertina, Inv. Nr. 2750. Feder und Tinte; 17-8 > 25-5 cm. F. W'ickhott schrieb die«
selben dem alten Cambiasi zu.
nicren.
520 Kompositionszeichnungen.
gewährte Möglichkeit, sowohl alle Beugungen und Gelenksverschiebungen als
auch die Flächenmaße und deren Lichtbehandlung richtiger einzuhalten, mag
die Veranlassung gewesen sein.
13aS korrigieren von Kompositionen erfolgte auf mancherlei
Weise.
Radieren. a) Die einfachste Verbesserung, falls die Zeichenmittel es gestatteten, war
das Herausschleifen verfehlter Stellen aus grundierten Papieren und Perga*
menten,^ das Herausnehmen mißlungener oder mißliebiger Linien mittels
Brotkrumen, Radiergummi, Radiermesser oder Bimsstein. (Siehe S. 190.)
Pentimente. b) Weil dies bei den alten mangelhaften Radiermitteln oft schwer zu
bewerkstelligen war, zeichnete man die neue Komposition, die neue Bewegung,
die neue Figur auf die alte, so daß Köpfe, Arme und Beine durcheinander
wirbelten und ein äußerst verwirrendes Gesamtbild entstehen konnte. Häufig
erstreckten sich die Pentimente nur auf kleine Partien (Abb. 18). Von
dieser Art sind auch mehr Belege erhalten geblieben als von der ersteren, die
man geringer einschätzte und zugrunde gehen ließ. Bekanntlich gelten Penti*
mente als Kennzeichen für die Originalität einer Handzeichnung. Indessen
gilt auch hier eine gewisse Vorsicht.^
Meisters Von den Originalpentimenten sind jene zu unterscheiden, die durch eine
korrekturen. fremde bessernde Hand entstanden sind. Daß sich dieser Fall häufig an
Schülerzeichnungen durch Meisterhand ereignen mochte, lag in der Natur
jedes Unterrichtes (Abb. 158). So offenbaren sich Rembrandts wuchtige
Feder? und Pinselzüge auf Schülerzeichnungen und wir bewundern die er*
staunliche Sicherheit, mit der er mit wenig Mitteln die notwendige Klarheit
zu erreichen wußte. ^
Aus5 c) Waren größere Partien der Komposition nicht nach Wunsch ausgefallen
schneiden oder durch zu viel Korrigieren und Darüberzeichnen bereits unklar geworden,
der Fehler, ^q schnitt man die mißlungene Stelle möglichst geradlinig heraus, ergänzte die
Lücke durch ein neues Papier und zeichnete den entsprechenden Teil hinein.
Selbst Holzstöcke verbesserte man auf diese Weise und schuf so aus einem
ersten einen zweiten Zustand. Rembrandt, der die Schere kühn handhabte,
schnitt unter Umständen auch das Gute aus, eine Einzelfigur, und klebte sie
als brauchbaren Ausgangspunkt für die neue Komposition auf ein frisches
Papier (H. d. Gr. 1160, Juda erbittet Benjamin). Auch Schülerzeichnungen
korrigierte er auf diese Weise, so daß dieselben als ganz von seiner Hand
herrührend betrachtet wurden. Ein charakteristisches Beispiel bietet eine Tobias*
komposition der Albertina, die durch Rembrandt einen verbesserten Beleuch*
tungseffekt erhielt (Abb. 115). Der geniale Duktus in den Lichtstrahlen und
dem ergänzten Beiwerk wirkt gegenüber den lahmen und schülerhaften Figuren
* Eine Verkündigung in Jacopo Bellinis Skizzenbuch zeigt ausgeschliffene Stellen und
Spuren von einer Architektur (Golubew II, Taf. XXVIII).
* Zu beachten ist hier, daß Kopisten auch Pentimente nachzeichneten, letztere dem^
nach nicht immer als ausschließliches Kriterium der Echtheit gelten dürfen (siehe Kapitel:
Kopien).
'^ Bode W., Ein Einblick in Rembrandts Schülerateliers (Jahrb. d. pr. Ks. II, 192).
Kompositionszeichnungen.
521
MeJcr, Die lUnJzcichnung.
322
Kompositionszeichnungen.
befreiend. ^ Ebenso entfernte W. Buytenwech aus einer Landschahszeichnung
den ganzen Hintergrund, klebte den brauchbaren Vordergrund auf eine neue
Unterlage und ergänzte ihn (Amsterdam), Von Franzosen übte besonders
Niclas Poussin diesen Brauch.
Klebe; d) Noch kürzer war das Verfahren durch Über;: oder Unterkleben,
korrekturen. indem man mit einem entsprechend zugeschnittenen Papier die fehlerhafte
Stelle zudeckte, sei es nun über eine ganze Partie, sei es über eine Einzelfigur
oder auch nur über einzelne Teile derselben, um z. B. eine andere Kopfs
Wendung zu erzielen. Für alle drei Fälle, besonders häufig aber für den
mittleren, lassen sich mannigfache Beispiele konstatieren. Gerne überklebte
Abb. 116. G. Campi, Ursprüngliche Kopfzeichnung des Stifters.
Passerotti Einzelfiguren seiner Kompositionen. Ebenso Märten de Vos (auf
einer Zeichnung von 1581, Amsterdam) und Van Dyck. In einem Entwürfe
des Giulio Campi zu dem Devotionsbilde Francesco Sforzas in S. Sigismondo
ist der ursprünglich zu große, weil nach einer Medaille angefertigt, und schlecht
aufgesetzte Kopf Sforzas durch eine Separatzeichnung in richtiger Größe über*
klebt worden (Abb. 116, 117).^ Auch Rembrandt verbesserte durch stellen*
weises Überkleben (Petrus und Johannes, Albertina, A. P. 1258).
Merkwürdig erscheinen uns Fälle, wo man aufgeklebte Blattstücke zum
Teil wieder entfernt hat. Im Pariser Bellini* Skizzenbuch befand sich auf
' A. P. 621. Feder und Pinsel in Bister. — Andere Beispiele führt Hofstede de Groot
an in Feest=Bundel Abraham Bredius: Rembrandts onderwijs, p. 91, Amsterdam 1915. —
Vgl. Fairfax Murray, T. 197.
^ Albertina, lavierte Feder, Ausschnitt. A. P. 1204. — Ein zweites Beispiel von Campi
bietet ein Engelkopf, Albertina, Inv.sNr. 2714. Ähnliches bei Paolo Farinati (Albertina,
Nr. 1589. Salomons Urteil), Gerva.sio Gatti (I Disegni d. Uft. II, 3, Nr. 16).
Kompositionszeichnungen.
323
Tafel LXXV (Golubew*Ausgabe) eine Darstellung von Judith und Holofernes,
von der später die Judith wieder abgelöst wurde, so daß die Komposition
zur Hälfte zerstört und außerdem sinnlos erscheint.
Eine gewiß seltene Praxis beobachtet man bei Pietro da Cortona, der in Erweiterung,
einer vielfigurigen und bereits fertigen Komposition: Triumphzug des Bacchus,
in der Mitte eine unangenehme Häufung der Figuren erkennt, einen Zickzacks
schnitt längs der Gestalten von unten nach oben führt, ein Papier unterklebt
und Hintergrundfiguren einschiebt (Abb. 118).^
Nicht gerade ein Korrigieren, sondern mehr ein Erweitern der Zeichnung
bedeutete es auch, wenn das Papier an irgendeiner Seite eine Vergrößerung
Abb. 117. G. Campi, Klebekorrektur mit verbesserter Kopfhaltung.
erfuhr, ein besonders von Landschaftszeichnern geübter Brauch, um den mitten
im Schaffen eintretenden Papiermangel auf kurzem Wege zu beseitigen. Enie
RembrandtsLandschaft in Chatsworth (H. d. Gr. 835) zeigt auf der rechten
Seite einen 29 mm breiten Streifen angesetzt.^
Von diesen Verbesserungen sind jene Fälle bei Theaterprospekt = Entwürfen Varianten,
zu unterscheiden, auf welche eine Variante, z. B. eine Säule im Vordergrunde,
geheftet (nicht geklebt) wurde, um der Ausführung eine Auswahl zur Ver*
fügung zu stellen.^
Ebenso ist das Aufkleben und Zusammenstellen einzelner Teile auf Dekorative
dekorativen Entwürfen, so auf Plafond, und Wanddekorationen, zu trennen, wo Hntwurk-.
• Albertina, Inv.^Nr. 893. Kreide. Entwurf zu dem Bilde im Palazzo Sacchctti in Korn;
32X46 cm.
* Wohl zu unterscheiden von diesen gleichzeitigen X'ergrülierungcn sind jene von
Restauratorenhand hinzugefügten Ergänzungen bei defekten Zeichnungen.
•■ Albertina I D Dugourc. Vestibüldekoration zu Iphigcnie aul Tauris. Inv..Nr. IZTSZ.
21»
524
Kompositionszeichnungen.
man kleinere Kompositionen separat auf anders gefärbtes Papier zeichnete und
dann durch Einkleben in die Umrahmung zur Wirkung brachte. Der Vorteil
dieses Werkstattbrauches, der unter Umständen in Spielerei ausarten konnte,
ist nicht zu verkennen, da der Künstler seinen mühsam konstruierten Haupt*
entwurf durch etwa mißratene Details nicht zu ruinieren brauchte. Ein beleh*
rendes Beispiel bietet Andrea Boscoli (1340—1606) in einem Plafondentwurf
(Uff. 1089); er führte die drei Deckenbilderzeichnungen einzeln auf blauem
Papier aus, schnitt sie auf die Form zu und klebte sie in die braun aus«
geführten, ornamentalen Umrahmungen des auf weißem Papier befindlichen
Gesamtentwurfes. Das Ganze erhielt gleichzeitig eine malerische Wirkung.^
Abb. 118. P. da Cortona, Kompositionserweiterung durch Unterkleben.
Abdecken e) Eine völlig andere, nicht immer glücklich ausgeführte Korrektur war jene
mit Weiß, durch Abdecken verfehlter Stellen mit Deckweiß oder Schwarz. Der gewöhn?
liehe Fall betraf Federzeichnungen, die durch das mehrfache Überfahren ein
und derselben Stelle mit Tinte störende Kleckse bekommen hatten. Mit dem
Finger und etwas Deckweiß wurde die schwarze Stelle gemildert. In der
ziemlich pastos aufgetragenen Farbe erkennt man ab und zu die Hautlinien
des Fingers. Auch Pentimente wurden auf diese Weise beseitigt. (Verrocchio*
Schule, Madonnenkopf, Uff. 1254 oder Giuseppe D'Arpino, Albertina, Nr. 766.)
' Nicht in Betracht kommen an dieser Stelle jene willkürlich zu Tableaux zusammen^
geklebten Einzelzeichnungen, wie es hie und da von Sammlern in kindischer Weise
geschah. Es sind meist nicht zusammengehörige Fragmente (siehe Kap. Schädigung von
I landzeichnungen).
Kompositionszeichnungen.
325
Claude Lorrain drängt so in seinen Landschaftszeichnungen zu stark hervor*
tretende Partien zurück (Albertina, Nr. 11508). Selbst mißliebig erscheinende
Gestalten konnten auf kurzem Wege teilweise verschwinden gemacht werden,
wie es z. B. Natoire in einem Plafondentwurf tat. Rembrandt, bei dem wir
diese Prozedur recht häufig beobachten können, zeichnete über diese Stellen
neuerdings mit der Feder (Abb. 119). ^
Aber auch zu helle Stellen werden durch allmähliches Abtupfen mit einem
schwarzen Pulver (Kreide oder Pastell) oder auch mit Tuschschwarz zum Ganzen
gestimmt: Met een besmeurde
vinger, rät Hoogstraeten.'- B^^^^-' .ÄFBBÄS*^ ^
Selbstverständlich war das
Handhaben dieser kleinen
Vorteile und Kniffe rein per*
sönlich. Es gab Künstler, die
sie verschmähten, es gab an*
dere, wie z. B. Jordaens, die
anwandten, was eben der Mo*
ment gebot. Derselbe schnei*
det aus, klebt zu, ergänzt,
setzt unten an; und ebenso
Rembrandt und seine Schüler.
Luca Giordano hat eine Zeich*
nung hinterlassen, die sich
aus fünf Flicken zusammen*
setzt (A., Inv.*Nr. 1104).
Von den häufigen Blei*
Stift* oder Rötelkorrekturen
oder gar mit Tinte eingezeich*
neten Verbesserungen auf
Probedrucken von Kupfer*
Stichen und Radierungen
abgesehen, die dem Drucke
nicht zum Vorteile gereichten,^
sollen hier nur jene Hinzu*
fügungen Erwähnung finden, die als zeichnerisch ergänzende Zutaten erscheinen,
wie z. B. auf Porträtstichen eine frisch hinzukomponierte Umrahmung, oder alle*
gorisches Beiwerk mit Amoretten, Kränzen, Vasen, Ornamenten usw. Je nachdem
der Druck rot oder schwarz war, richtete sich die Wahl des verbessernden Zeichen*
Stiftes. Bartolozzi bietet eine reiche Auswahl dieser weiterführenden Ergänzungen.
Abb. 119.
Rembrandt, Abdecken der Fehlstellen
mit Deckweiß.
' Christus am Brunnen, Ausschnitt. Lavierte Federzeichnung in Bister. Albcrtina,
Inv.=Nr. 8794; 18X20 cm. Die Zeichnung erinnert eher an Philips Koninck.
- Hoogstraeten, Inleiding. p. 31. — Noch 1719 empfiehlt Gautier: «Das Blevwci« ist
sehr gut, die gemachten Fehler zu bedecken.» L'art de laver, S. 25.
^ Rembrandt überzeichnet einen dritten Zustand des großen Lazarus (B. 73) selbst mit
Kreide (Brit. Mus), um darnach die Platte zu verbessern (Seidlitz. Krit. N'erzcichnis der
Rcmbrandt^Radicrungen, S. 62. Abb. bei Rovinski. Nr. 230).
Krgänzungcn
auf Probcs
drucken.
526
Kompositionszeichnungen.
Freies und
verdingtes
Schäften.
Bestelle
leichnung.
Verträge
und
Programme.
Arten der Kompositionszeichnung. Der Unterschied
zwischen wohligem freien Ateherschaffen und einer oft bis ins kleinste vor*
geschriebenen Ausführung öffentlicher Aufträge kommt für den Charakter der
einzelnen Zeichnung sehr in Betracht und zeigt sich z. B. nirgends deutlicher
als in der Kunstweise Hollands gegenüber jener Italiens. Ebenso läßt sich
dies in der freien Graphik gegenüber bestellter Malerei konstatieren. Dürers
zeichnerischer Nachlaß zeigt uns für seine Stichs und Holzschnittarbeiten
weit mehr und eigen geartete Entwürfe als für seine Bilder und Rembrandt
gilt uns durch seinen überreichen Schatz von Federzeichnungen als das
klassischeste Beispiel freiwilliger Kunstbetätigung. Nur im vollen Aufgehen
in eigenen Erfindungen und Gebilden glaubt der Künstler sein Bestes geben zu
können. «Und darum säg ich,» schreibt Dürer an Jakob Heller, «so ich Euchs
nit zu sondern Gefallen thäte, sollte mich Niemand überreden, daß ich etwas
Verdingts machte, denn ich versäum mich an Bessern dadurch.»^
Die Bestellzeichnung dagegen mußte teilweise auf den Auftraggeber zugcü
schnitten sein, sie mußte Zugeständnisse aller Art an dessen Wünsche, an
lokale, zeitliche und genossenschaftliche Forderungen machen, nel modo et forma,
come si dirä. Aber trotzdem spielte sie im italienischen Kunstleben eine außer*
ordentliche Rolle, ob sie für Tafeln oder für die Bemalung großer Plafond*
flächen bestimmt war, ob sie durch einen Vertrag (Vertragszeichnung) oder
durch eine Konkurrenz (Konkurrenzzeichnung) erforderlich schien; und
schließlich, ob sie zu eigenem Gebrauch (Abb. 120)^ oder als Vorlage für
andere Künstler (Werkzeichnung) ^ dienen sollte.
Schon frühzeitig wurde gleich dem Vorgange in der Baukunst auch bei
Bildbestellungen und Konkurrenzen die Vorlage einer gut gezeichneten
Komposition zur Pflicht gemacht, es sei denn, daß schon in wohl stipulierten
Verträgen, wie z. B. in jenem des biederen Florentiner Flachshändlers Domenichino
di Stephano, ohnehin alles haarklein ausgemacht war, die Anzahl der Figuren,
wie und wo sie zu sitzen oder zu stehen hätten.* Später erfolgte statt der ver*
tragsmäßigen Einzelheiten eine seitens gelehrter Auftraggeber oder humanistischer
Pedanten für den Entwurf gegebene umständliche ikonologische Belehrung an
den Künstler. Ein Musterbeispiel in dieser Beziehung enthält das im Auftrage
des Kardinals Alexander Farnese an Taddeo Zucchero gerichtete langatmige
^ Lange und Fuhse S. 47.
" Brit. Museum, Rötel, 475X50 cm. Aus Vas. Soc. I, 22. Das oben rechts und links
befindliche Wappen deutet auf eine Bestellung des Hauses Medici. — Berenson II, p. 155:
Tod des Seneca. — Clapp, Les dessins de Pontormo. Paris 1914, S. 291.
^ Bei den Franzosen Dessin d'execution genannt.
* Dieser mit Benozzo Gozzoli am 23. Oktober 1461 abgeschlossene notarielle Vertrag
diene als Beispiel: .... et debba fare in su la detta tavola le infrascripte ßghure nel
modo et forma chome apresso si dirä. Et prima nel mezo di detta tavola la fighura di nostra
Donna chon la sedia nel modo et forma et chon ornamenti chome et in similitudine della tavola
dello altare maggiore di sancto Marcho di Firenze, et dal lato ritto di detta tavola allato a nostra
Donna la fighura di sancto Giovanni Battista nel debito usato suo habito, et apresso a llui la
fighura di sancto Zanobi chol suo ornamento pontificale, et di poi la fighura di sancto Girolamo
ginochioni chol suo debito et usato ornamento et dal lato sinistro gl'infrascripti sancti, cioe . . .
etc. etc. In diesem Tone geht es noch lange weiter. (L. Tanfani Centofanti, op. cit. p. 84.)
Kompositionszeichnungen.
327
Schreiben des Annibale Caro vom 21. XI. 1562, worin der Maler über das
Inhalthche der für das Schlafzimmer des Kardinals im Palazzo Caprarola be^
stimmten Darstellungen unterrichtet wird. Die Verteilung des Gegenständüchen
nach rechts und links, oben und unten, die Bewegung, Stellung und Kleidung
der Figuren, die Attribute, Farben der Gewänder und selbst die Landschaften
Abb. 120. Pontormo, Entwurf zur Dekoration eines Badezimmers.
finden die ausführlichste Erörterung.' Darnach hatten die Bild« und Werk«
Zeichnungen zu erfolgen.
Es war nicht der berechtigte Wunsch allein, aus den Handzeichnungen schon
die Kunstweise des einen oder andern erkennen zu wollen, man scheint auch
ab und zu mit Künstlern schlechte Erfahrungen gemacht zu haben und verlangte
die notarielle Abmachung als Sicherheit für die ausbedungenen Cjoldgulden
und eine gezeichnete Kontrolle, auf Grund welcher nach Fertigstellung der
Arbeit die offizielle Begutachtung (lodo, stimc, parere) erfolgen konnte. Dieselbe
Vas. Mil. VII. 115. - Bottari, Lettere III. p. 217, XCIX.
Kontrolle.
528 Kompositionszeichnungen.
wurde mit besonderer Erlaubnis des Rektors von Mitgliedern der Genossenschaft
gegen eine Taxe an die Gildenkasse durchgeführt und protokollarisch behandelt.^
Die Sachverständigen berufen sich in ihrer schriftlichen Erledigung auf den
Vertrag und die Zeichnungen (considerato la scritta e li disegni . . .).^ In
Milanesis Documenti senesi finden sich zahlreiche Verträge und Gutachten über
jedwedes Kunstwerk. Aber auch anderwärts stoßen wir auf ein reiches
Material über die gegenseitigen Bedingungen und den Charakter der Bestell*
Zeichnung.
Bestell; In der Regel ging dieselbe den Abmachungen voraus, um noch eventuelle
Zeichnung Wünsche berücksichtigen zu können. Juxta designum per illum [Signovelli]
vorläge. Qstensum heißt es in dem Vertrage über die geplante Malerei der Domkapelle
in Orvieto vom 23. April 1500;^ oder die Tafel sei secundum formam et
designum datum per dictum Ser Jacohum [Bellini] anzufertigen, so wie sie die
Bruderschaft von S. Maria della Caritä malen zu lassen gedachte.* Ähnliches
in einem Vertrag mit Gentile Bellini und noch in vielen anderen.^ Erwiesen
Zwei sind auch Fälle, wo zwei Exemplare vorhanden waren (secundum designum
Exemplare, factum, existentem penes dictum Magistrum Stefanum [Sassetta] et similiter
penes dictum LanducciumJ, da Auftraggeber und Künstler je eines benötigten.^
War nur ein Exemplar vorhanden, so wurde schon im Vertrage die Rückgabe
desselben an den Künstler für die Ausführung erbeten. Hernach fiel es dem
Auftraggeber zu.^ Die Bestellzeichnung verpflichtete in der Regel zu keinen
weiteren Beilagen von Detailstudien und Kartons, die bei großen Aufträgen
erst an Ort und Stelle ausgeführt wurden. Correggio bedang sich als vierten
Punkt seines Vertrages mit der Domverwaltung in Parma (3. Nov. 1522) ein
Zimmer oder eine geschlossene Kapelle, um die Zeichnungen anfertigen zu
können.^ Dagegen wurden zu den Bestellzeichnungen, die von anderen
Künstlern und andernorts ausgeführt werden sollten, auch Kartons, wenigstens
mit den Hauptfiguren eingefordert.
Eigen; Auch auf die Eigenhändigkeit (di sua mano) wird in der Regel hingewiesen.
händigkeit. Während in frühester Zeit z. B. der Satz: che maestro Jacomo [della Quercia]
sia tenuto e debba fare o far fare uno disegno . . . noch Gültigkeit besaß,
heißt es in den späteren Allogazionen immer ausdrücklich: sia tenuto fare tutti
' In der Sieneser Gildenordnung vom Jahre 1355 bereits üblich; vgl. Milanesi, Doc.
Senesi I, S. 18, Cap. XLIV: Di fare stime e pagare la taxa e in che modo.
" Ibid. III, p. 227.
=» R. Vischer, L. Signorelli, S. 350.
* Corrado Ricci, Jacopo Bellini e i suoi Libri di Disegni, Firenze 1909, I, p. 53. Vertrag
vom 9. Juni 1452.
•'' Ibidem p. 57. Vertrag mit der Scuola grande di S. Marco vom 15. Dez. 1466: come in
parte a mostra per il designo.
" Allogazione wegen der Übertragung der auf dem Stadttore in Siena stecken geblies
benen Malerei, Krönung Mariae, an Stefano di Giovanni (gen. II Sassetta) 1447. (Milanesi,
Doc. Sen. II. 242 und J. v. Schlosser, Ghiberti, Denkw. II, 149).
' E che Vosfra Magnificentia si contenti darci il disengnio piculo e quello tenerlo per
fino che sirä finita detto . . . e dapoi rendarlo ä Sua Magnificentia (Capitoli vom Jahre 156.,
in Documenti senesi III, p. 231).
" C. Ricci, Correggio, übers, v. H. Jahn, S. 266.
Kompositionszeichnungen. 329
//■ disegni . . . di sua mano} Man fing an, die künstlerische Persönhchkeit
einzuschätzen. Bei Arbeiten, wo viele Gehilfen und erprobte Künstler mit*
taten, stellte man auch die Pflichten des Meisters vertragsmäßig und streng
abgegrenzt auf. Taddeo Zuccaro hatte für die Übernahme der Ausmalung des
schon genannten Caprarola*Palastes, da er anderweitig in Rom gebunden war,
in folgende Bedingungen einzugehen: eigenhändige Ausfertigung aller Zeichs
nungen und Kartons, Anordnung und Einteilung des ganzen Schmuckes in
Stucco und Malerei, Wahl der mitarbeitenden Künstler, zwei* oder dreimonat*
lieber Aufenthalt in Caprarola, um Aufsicht und Korrektur zu üben.-
Die Bestellzeichnungen waren auch im Norden üblich; so in der Schweiz und Der
in Süddeutschland die ziemlich ausführlichen, farbigen Vorlagen von Fassaden* Norden,
maiereien. Die fiausbesitzer forderten solche (Ganz, fiolbein I, 8, Haus zum
Tanz, Basel; ferner IX, 3; IX, 7). Verträge waren mir nicht zugänglich. Auch
für Buchillustrationen bestanden solche, betreffend «die Visirung der an*
gedingten Bildlen in die Bauern Calender sampt denen darzu zugerichteten
Kupfern».^
Bei öffentlichen Aufträgen erfolgte gleich von mehreren Künstlern die Ein* Konkurren:
Sendung von Bildzeichnungen (Konkurrenzzeichnung). Man gab bei -cichnung.
solchen Gelegenheiten sein Bestes, um durchzudringen oder etwaige Rivalen
zu schlagen.^ Gewählte Künstler oder eine Kommission hatten zu entscheiden
(giudicare oder stimare)/-' Bekannt ist das heitere von Vasari berichtete Kon*
kurrenzzeichnen der Künstler G. Salviati, F. Zuccaro, P. Veronese und
J. Tintoretto für die Scuola S. Rocco in Venedig. Während die ersten drei
ihre Zeichnungen noch mit allem Fleiße ausführten, spannte Tintoretto eine
große Leinwand auf, bemalte sie in gewohnter Schnelligkeit und brachte sie
an der bestimmten Stelle an. Das Offenbarwerden erregte sowohl bei den
Auftraggebern, als auch den übrigen Teilnehmern Überraschung und Unwillen.'"
Zur unumgänglichen Notwendigkeit wurden die Ausführungszeichnungen, Vorlagen
wenn berühmte Meister ob ihres guten Namens für andere Künstler, wegen f""" andere,
einer billigen Ausführung, die Vorlage zu machen hatten. Bei dem heutigen
Künstlerbewußtsein könnte man sich einen solchen Vorgang nicht ohne großen
Konflikt vorstellen; aber das damalige Werkstättenleben, die gewerblichen Ein*
richtungen und Anschauungen auch auf dem Gebiete der Kunst sahen darin
keine Erniedrigung. Außerdem waren solche Beispiele in der Architektur und
Skulptur etwas Selbstverständliches. Wenn Giotto im Auftrage des Dolfo da
Pietramala für dessen Bruder, den Bischof von Arezzo, ein Grabmal zu zeichnen
* Milanesi. Documenti senesi I, p. 44 (Alloga:ione vom Jahre 140S) und III. p. 10
(Allogazione von 1502).
= Vas. Mil. VII. 88.
» Leipziger Kontraktbücher von 1569 (Bd. 31) und 1578 (Hd. 4~)). KirchhoH. MetalU
schnitte in der typograph. Ausst. (Arch. f. d. Gesch. d. deutsch. Buchhandels X. 225).
* Giorgio Vasari erhielt in Arezzo den Auftrag zu zwei Talein, weil seine Zeichnungen
unter den vielen, darunter war eine von Giovantonio I.appoli, den meisten Beifall gefunden
hatten (Vas. Mil. VI, 14).
* So war Lorenzo di Credi 1491 einer von jenen Künstlern, die die Zeichnungen und
Modelle der Domfassade in Florenz zu beurteilen hatten (Vas. Mil. IV. 575).
« Vas. Mil. VI, 593.
330 Kompositionszeichnungen.
bekam, welches dann ein von ihm vorzuschlagender Bildhauer auszuführen
hatte, so wollte das nicht viel sagen (Vas. Mil. I, 395). Ebensowenig, wenn
ein Künstler eine mitten im Gange befindliche Arbeit eines andern über?
nahm und sie nach vorliegenden Zeichnungen zu Ende führte. (SignorelU . . .
habebat designum jam datum per ven. Virum Fr. Johannem qui incepit pingere
dictam Cappellam novam [in OrvietoJ.)^ Anders stand es, wenn Lippo Memmi
für den Hauptaltar der Kirche S. Francesco in Pistoja ein Temperabild malen
mußte, welches Simone Martini gezeichnet hatte. (Vas. Mil, I, 556). Oder
gar, wenn sich die sparsamen und fürsichtigen Bauvorsteher der Steccata in
Parma von dem in Mantua weilenden Giulio Romano kontraktmäßig eine
Zeichnung zu einer Krönung Mariens verschreiben ließen, und zwar eine farbig
lavierte Bildzeichnung auf Papier samt dem dazugehörigen Karton, «so groß,
wie er sein muß, daß ihn andere Maler ausführen können» (16. Mai 1540).^
Werk; Neben den Bildskizzen und Bildzeichnungen gab es noch weitere Vorstufen,
Zeichnungen. Raumkonstruktionen mit figuraler Verteilung, ausschließlich bestimmt, alles
Bildmäßige noch einmal der Regel unterzuordnen. Besonders der in einzelnen
Schulen maßgebende architektonisch*symmetrische Aufbau bedurfte solcher
Vorarbeiten, um für Karton oder Tafel eine sichere Unterlage zu schaffen, die
heute zu den seltensten Dingen unserer Sammlungen gehören, da sie als
richtige Werk Zeichnungen nach der Verwendung keine Beachtung mehr
fanden (Abb. 107 a).
Gerne erbaten sich schwache Künstler Nacktkompositionen, um sie dann
nach ihrer Weise bildmäßig zu behandeln. So verschenkte Michelangelo wieder*
holt großmütig ganze Kompositionen an seine Freunde. Ebenso Rosso Floren*
tino an Giovan Antonio Lappoli.^ Dürer zeichnete dem Joachim Patinir vier
Christoph* Figuren,* Rubens 1618 einem Monsieur Felix einen Entwurf zu
einer Speisung der Zehntausend (Brit. Mus., Vas. Soc. IX, 16, mit einem Brief
auf der Rückseite des Blattes).
Technische Nach all diesen Erörterungen sind Anschauungen wie die folgenden durch*
Notwendig; aus nicht den Tatsachen entsprechend: «Für die Renaissancekünstler setzt sich
*^^**- das Bild aus Einzelheiten wie ein architektonischer Bau aus Einzelgliedern zu*
sammen. Es gilt, geschickt zu kombinieren und so einen Aufbau zu konstruieren.
Immer geht man vom Einzelnen aus und gelangt erst durch geschickte Zu*
sammengruppierung der Einzelteile zu bildmäßiger Wirkung. Es nimmt darum
nicht wunder, wenn wir unter all den Zeichnungen vieler italienischer Renaissance*
meister nur selten Bildentwürfe finden. Das Quattrocento kennt solche über*
haupt kaum».^ Aber schon der Fall, daß wir sie überhaupt, wenn auch selten
finden, beweist, daß sie existierten, und sie mußten existieren, weil sie unum*
' R. Vischer, Signorelli. S. 349.
- Guhl, Künstlerbriefe I, 337, Nr. 112.
' Vas. Mil. VI, 11.
* Lange und Fuhse, S. 166: den Meister Joachim hab ich 4 Christophel auf grau Papier
verhöcht. — M. J. Friedländer, Dürers Entwurf mit den neun Christophgestalten. Jahrb.
d. pr. Ks. 1911, Heft 2.
" F. Knapp, Andrea del Sarto, S. 123.
Kompositionszeichnungen.
351
ponieren
auf Tafeln
und
gänglich notwendig waren. ^ Gerade das Fresko, welches dem Tafelbilde
gegenüber mehr die lebendig bewegte Darstellung, die Erzählung, die freie
Gruppierung Agierender pflegte und immer große Flächen zu beherrschen hatte,
benötigte eine Bildzeichnung, weil sie einen Karton brauchte.
Es gab gewiß einzelne Meister, welche, auf der Höhe ihres Könnens stehend,
die Ausführungszeichnung auf dem Papiere umgingen und ihre Komposition
mit und ohne vorbereitende Skizzen gleich auf grundierten Tafeln herstellten.
So war es um 1500 in Venedig Brauch, mit monochromen Farben direkt auf die
Leinwand zu komponieren. Vasari berichtet von Giorgione, daß derselbe
keine Zeichnungen machte, weil er der Meinung war, das richtige Verfahren
sei, gleich in Farben zu arbeiten, ohne weitere Studien auf Papier vorzunehmen.-
Ähnliche Worte legt er auch Tintoretto in den Mund (Vas. Mil. VI, 593).
Im folgenden Jahrhundert finden wir diese Übung auch in der vlämischen
Schule (Rubens, Van Dyck) allgemein geltend; ein kräftiger Ersatz für die Leinwanden
dünne Vorzeichnung auf Papier (siehe Cartoncino). «Ich selbst war noch als
Jüngling gewohnt,» erzählt Pacheco, «auf kleiner Leinwand bald in Weiß und
Karmin, bald in Weiß und Schwarz solche Kompositionen für eine Historia oder
für eine Figur zu machen, wobei ich mich der Ölmalerei bediente als einer hin*
sichtlich der Anordnung leichteren Art, um wegzulassen oder hinzuzusetzen.
Und von diesem kleinen Modelle (pequeno modelo) schritt ich zum Tafel*
bild oder zur großen Leinwand, bald frei, bald mit dem Netz zeichnend. So
verfahren heute die Meister und in nicht geringer Anzahl.»" Bei Porträts war dies
wohl allgemeinste Übung. Wir suchen bei Tizian, Tintoretto, Frans Hals, Velaz*
quez vergebens nach zeichnerischen Vorlagen für ihre zahlreichen Bildnisse.
Unter wesentlich anderen Bedingungen entstanden in Italien und noch mehr
im Norden Bildzeichnungen für das Genre, für Tierstücke und Landschaften.
Der Bestellcharakter fiel hier weg, das Bestimmt^Inhahliche und Ikonologisch;
Strenge der historisch^religiösen Darstellungen, die Rücksichtnahme auf die zu
bemalende Fläche kamen nicht in Betracht. Selbst Rembrandts biblische und
profane Gemälde entbehrten bei ihrer durchaus selbständigen Entstehungsweise
jener Art der Vorarbeiten, wenngleich er sich in flüchtigen und ausgeführten
Zeichnungen zu irgendeinem freigewählten Thema nicht genugtun konnte. In
Genre,
Tierstück,
Landschaft.
' Ich führe nur einige evidente Beispiele von Zeichnungen mit den zugehörigen Bildern
aus der Renaissancezeit an: Mantegna, Entwurf zum Jakobsfresko, Gathorne Hardy, London
(Abb. 110). Ghirlandaio: Zacharias im Tempel (Abb. 300), Albertina (A. P. 216) und
Studie zur Heimsuchung (Florenz), beide für Santa Maria Novella (Bcrenson 871). Katfael:
Traum des Ritters (Abb. 101). Bild in London. - Esterhäzy.Madonna. Uffizien (A. P. 87) zu
dem unvollendeten Bilde in Budapest. - St. Georg, Uffizien (A. P. 145 1 zu dem Bilde in
Petersburg. - St. Georg mit dem Schwerte, Uffizien (A. P. 246) zu dem Bilde im Louvrc. -
Die AltarstaffebEntwürfe, Stockholm, Louvre und Oxford, zu dem Maria Krönungsbildc
im Vatikan. Giulio Romano: Pandorus und Diomcdes, Albertina (A. P. 441) zu dem
Fresco in der Sala della guerra in Mantua. V. Carpaccio: St. Georg tötet den Drachen.
Uffizien (A. P. 136) für die Capella degli Schiavoni in Venedig. Girolamo da Santa
Croce: Abendmahl, Darmstadt (A. P. 529). zum Bilde in San Martino in Venedig v. 1549.
Francesco Morone: Madonna mit vier Heiligen. Uffizien (A. P. 273) zu dem Frescobildc
in Verona vom Jahre 1515 (Museum). - Johannes und St. Benedict. Albertina (A. P. IM) zu
dem Tafelgemälde in Marcelise bei Verona.
- Vas. Mil. Vll. 427. ' Arte de la pintura p. 333.
352
Kompositionszeichnungen.
diesem unbeschränkten Erfinden lag der höchste Anreiz für einen Künstler und
alle Schaffensfreiheit.
Während die Genrestücke in Italien und Frankreich nach Art der Historie
auf Grund von Phantasie^Entwürfen, Naturskizzen und Einzelstudien alle weitere
't\if%'t '■ r^
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Abb. 121. Potter, Naturstudie als Kompositionsthema.
Zusammenstellung und Anordnung erst auf der Leinwand erlebten, so daß
wir nur vereinzelt auf vollendete Bildzeichnungen stoßen, erfahren in Holland
Landschaften und Tierstücke schon in freier Natur eine vorbildliche Studie, die
man ohne viel Veränderung vergrößerte und verarbeitete (Abb. 121,^ 122 und
' Aus Oxford Drawings III, 32, Univ.»Galerie: Kreide auf bräunlichem Papier. Signiert.
Vorstudie zu dem Bilde in Amsterdam, Sammlung Six.
Kompositionszeichnungen.
333
217, 218). Diese mit Vorbedacht gewählten Naturausschnitte mit einer bereits
in Wirkung gebrachten Ausführung hinsichthch der Verteilung der Massen,
Lichter und Schatten dienten dem Maler als Anlage und gleichzeitig als Rück^
erinnerung an die beobachteten Eindrücke und Effekte und brauchten nur in
den sogenannten Atelierton umgesetzt zu werden. Daß hier noch Einzclstudien
Verwendung fanden, lag in der Natur jedes gewissenhaften Schaffens. Ver*
gleiche Abb. 198, Hundestudie zu Abb. 122.
Merkmale der BILDZEICHNUNG. Die Aufstellung eines Besteller,
bestimmten Typus' einer Bildzeichnung erscheint nach diesen Erörterungen notizen.
ausgeschlossen, aber immers
hin lassen sich gewisse ges
meinschaftliche Merkmale be*
obachten. Als abgeschlossene
Gedanken tragen dieselben
auch abgeschlossene und
festgelegte Konturen, einen
gewissen Grad von Aus*
führung und Sauberkeit, die
in heiklen Fällen ans Pe*
dantische streifen konnten.
Bei Bestellzeichnungen fin*
det man beigefügte Maf^s
Stäbe, Ziffern oder Worte der
Empfehlung wie: ho voluto
il disegno della pitfura gli
plaque,^ oder Bemerkungen
über den Ort der Aufstellung.
Anderseits setzten die Auf*
traggeber oder Mittelsperson
nen ihre offizielle Guthei*
f^ung darauf, mit gleichzei*
tigen Wünschen eventueller
Abänderungen. ^ Tafel* und Plafondzeichnungen weisen häufig die projektierte
Umrahmung auf. (Siehe Rahmenentwürfe und Abb. 127.) Typisch sind Netz*
linien,-' Klebekorrekturen, Pauselöcher (Abb. 101), Griffelrisse; Ol* und Earb*
flecke und Nagellöcher weisen gleichfalls auf eine tatsächliche Verwendung hin.
' Siehe A. P. 599, Francesco Montemezzano, Altarentwurf vom 26. .Mai 15S4. Darmstadt.
' Auf einem Entwurf L. Cambiasis zum Bild in Bologna: La Madonna, U doi pastori,
che portano la fiacola, lo angiolo che appare alli pastori et quel lontano et il tiioppo deüi
Angeli mi piacciono in questo disegno (A., Sc. R. 175). — Auf einer Zeichnung des
Perrault (Louvre Br. 878) liest man: Approuve par monseigneui pour estre mis aiidessus
de la porte de Voratoire de la Reyne en dedans le 19. Juillet IMO. — In der Zeichnung
eines unbekannten Deutschen, Anfang des 19. Jahrb., mit drei N'arianten einer Madonnen«
darstellung: «Welches aus diesen drcyen gilt, ist mir mit einer nota zu bezeichnen» und
die Antwort «Ich bleibe bey diesem» (A., Inv.;Nr. 14247).
' Bei den Franzosen Preparation mise au c.nrcaii genannt
Abb. 122. Potter, Tierstück. Gemälde in Amsterda
m.
334 Kompositionszeichnungen.
Technische Daß Bestellzeichnungen auch mit Farben laviert wurden, ergab sich von
Merkmale, selbst. Oft verlangten es sogar die Verträge (G. Romano, Steccata^Entwurf,
S. 330). Gotische Altarentwürfe markieren die zu vergoldenden Hintergründe
und Umrahmungen durch eine gelbe Lavierung (Basel, U. 3, 1), Aus Dürers
Schule stammen fertig kolorierte Mitteltafeln (Abb. 123).^ Eine ganze Gruppe
deutscher Zeichnungen vor und nach 1500 bieten uns Bildzeichnungen für die
Außenseiten von Altarflügeln, fein in Tusche auf steingrau grundiertem Papier
ausgeführt, mit besonderer Hervorhebung der Gesichter und Hände in Fleisch:=
färben. 2 Dazu gehören auch viele einzelne Heiligengestalten, auf gotischen
Sockeln oder Mauerbänken unter einem Bogen stehend, die als Reste alter
Vorlagen für Altarschreine in Sammlungen auftreten.^
Farben; Während sich wie z. B. in der Schule des Lukas Kranach schablonenhafte
angaben. Entwürfe in lavierter Tuschfeder und mit farbigen Fleischpartien finden lassen,
war es auch gebräuchlich, die Farbenangaben in Worten anzuzeigen. Schon in
einer dem Schongauer zugeschriebenen Zeichnung (Z. a. M,, BerHn 138) finden
sich grien, r[rot], w[weiß]. Ebenso bezeichnete Dürer seine Vorlage für ein
großes Konversationsbild vom Jahre 1522 (Abb. 145) mit: rott, ferlett, plo,
gell, weis, grün aber mit einem aufgezeichneten Kleeblatt; in ähnlicher Weise
Melchior Feselen seinen Entwurf zu dem Münchner Bilde «Belagerung Roms»
(Erlangen). Selbst niederländische Genremaler, deren Studien oft gleich an Ort
und Stelle, auf der Gasse oder in der Kneipe zu Kompositionen wurden, fügten
ihre Farbennotizen mit zarten Griffellinien oder mit der Feder bei (Abb. 99).
Signaturen. Bei den Nordländern war es allgemeiner Brauch — für die Italiener fehlt
es an hinreichenden Beispielen — die Bildzeichnungen zu signieren, ein
hervorragendes Merkmal, im Gegensatz zu den Werkzeichnungen, Skizzen
oder gleichfalls nur selten bezeichneten Teilstudien. Siehe Signaturen.
Schicksal Wir dürfen uns heute über die verhältnismäßig geringe Anzahl vorhandener
Bildentwürfe nicht verwundern. Es wurde bereits wiederholt hingewiesen,
daß in frühen Jahrhunderten für viele Tafeln die traditionellen Kompositionen
gleich auf dem Gipsgrund entworfen, korrigiert und fertig gezeichnet wurden,
und ebenso, daß man vorhandene Kartons immer wieder benützte. Waren
aber in der Folgezeit für Tafel* oder Freskogemälde noch so viele Vorzeich*
nungen geschaffen worden, so verfielen sie gar zu leicht dem Verderben; an
die Wand oder Staffelei genagelt, mit dicken Übertragungslinien versehen, be#
schmutzt und verstaubt, verloren sie jede weitere Wertschätzung. Wir können
heute noch in so manchem Atelier beobachten, wie gerade Kompositions*
Zeichnungen der Vernichtung anheimfallen. Viele der rein zufällig auf uns
gekommenen Blätter tragen tatsächlich alle Spuren ihrer einstigen Verwendung
an sich (Abb. 101). Siehe Kapitel Schädigung.
Anderseits haben sich Kompositionszeichnungen gerade aus dem Grunde
erhalten, weil sie nicht zur Ausführung gelangten, sei es, daß während der
' Albertina, Mittelstück farbig aquarellierte Federr Flügel: Tuschfeder. Inv.^Nr. 3121 ;
18'8X 188 cm, A. P. 469 u. 470. — Als Zeichner kann man mit guten Gründen Hans
Kulmbach vorschlagen.
^ Darmstädter Kabinett, Holbein d. A., Vorstudie zu dem Altarflügel in Prag, A. P. 479.
' Louvre, Monogrammist H. R. 1502, Evangelist Johannes.
gen.
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Kompositionszeichnungen. 335
Arbeit wesentliche Umgestahungen vorgenommen wurden oder ein Abbruch
des Unternehmens eintrat. Sie hatten das Glück, unversehrt zu bleiben und
der Aufbewahrung würdig erachtet zu werden. Die Entwürfe Dürers zu der
geplanten großen Konversation bilden solche Exempel (Abb. 145).'
Bei graphischen Blättern fällt dies noch mehr auf. Während die richtigen Graphische
Vorlagen beim Aufpausen auf die Platte oder auf den Holzstock vielfach N'orbgen.
vernichtet wurden, blieben die Varianten, also nicht verwendeten, unversehrt.
Dürers «Heimsuchung» und «Tod Mariens» (Albertina, L. M. 473 und 474)
und noch vier erhaltene Entwürfe aus der Serie des Marienlebens unterscheiden
sich vielfach von den ausgeführten Holzschnitten und weisen auch keinerlei
Übertragungsspur auf. Ebenso verdankt seine fertige Kupferstichvorlage, die
Pupilla?Augusta?Zeichnung in Windsor, ihre Erhaltung der Nichtausführung
(Abb. 132). Zu den Landsknecht^Holzschnitten Wolf Hubers existieren keine
Vorzeichnungen, wohl aber zu einem weiteren als Fortsetzung projektierten
Stück der Folge. -
Mitunter konnten auch erste Entwürfe, Vorstufen, eine Benützung er*
fahren, indem ihre wesentlichen Umrisse der weiteren Behandlung als Grund*
läge dienten, wie es sich bei dem ersten Gedanken zu Dürers Radierung
Frauenraub B. 72 haarscharf nachprüfen läßt. Er entnahm der Zeichnung
(Lanna) die bestimmenden Hauptkonturen zu den beiden Nacktkörpern und
zu dem Pferde, pauste sie offenbar auf ein zweites Papier und gestaltete sie
entsprechend um. ^
2. Weitere Arten von Vorzeichnungen.
Allgemeines, in der schulmäßig herangebildeten Vielseitigkeit der Viel«
Renaissancemeister, deren Betätigung als Architekten, Bildhauer, Maler und scitiijkeit.
Goldschmiede und der damit verbundenen Beherrschung von Praxis und
Technik, in dem erweiterten und durch die allgemeine Baulust geförderten
Wirkungskreis lag auch für jeden einzelnen der Anreiz, sich in den verschiedenen
Zweigen zu betätigen, sowie die Möglichkeit, umfassenden Aufgaben gerecht
zu werden.
Nicht nur Kirchen, Paläste und Landhäuser drängten mit ihren weiten Aufträge
Flächen bald nach religiösen, bald nach römischsheldenhaften oder idyllisch* ""'*
heiteren Darstellungen, sondern auch die reiche Inneneinrichtung und aller
Hausrat boten dem Künstler Aufträge und Themen zu immer neuen Entwürfen
und Ausführungen. Selbst Waffe und Rüstung, Hals* und Haarschmuck, der
Becher beim Mahle sollten prunkend ergötzen. Und nie bedeutete die Hingabe
an eine mindere Sache für die Großen eine Entwürdigung, weil ihre Auffassung
vom Wesen der Kunst eine einheitliche war und die Dekorative alle ihre
' L. 65, 324, 326. 364. - Ein italienisches Beispiel bietet eine Guido Reni^Zcichnung
in Berlin gegenüber dem Gemälde in der Kremitagc: Unbefleckte Kmpf.ingnis. (Kochn.
Guido Reni, S. 41 u. 43).
' Riggcnbach, Wolf Huber, S. 43; A. l^ 1321.
» Die Nachprüfung wird am besten an der Hand der Dürcr.Society VIII ermöglicht,
wo Zeichnung (Lanna) Taf. XI und Radierung Taf. XXIV. beide in OriginalgrolW. neben,
einander, eventuell vor einer Lichtquelle übereinander gelegt werden können.
336 Kompositionszeichnungen.
Schöpfungen durchdrang. Nicht wenig hatten die aus dem Kunsthandwerk
hervorgegangenen Gildeneinrichtungen mit ihren festen Traditionen dazu bei*
getragen, den höchsten und niedersten Anforderungen Genüge zu leisten.
Daher der leichte Übergang vom Kirchlichen zum Profanen, vom Kultus
zum Hausgerät, vom Großen zum Kleinen und von einem Kunstzweig in den
andern. Der innige, von der Gotik übernommene Zusammenhang in der
Ausschmückung der Kapellen seitens der Architekten, Bildschnitzer und Gold?
schmiede, der Glasmaler und Seidenweber setzte sich in der Renaissance uiid
im weiteren in der Barocke unter immer gleichen Gesichtspunkten fort. EnU
wickelte sich auch gemach aus wirtschaftlichen Gründen oder persönlicher Neigung
in einzelnen Zweigen eine Spezialisierung, so blieb es doch das gute Recht ver?
wöhnter Auftraggeber, sich an die Besten zu wenden, und dieser wieder, von
ihrem Erfindungsreichtum abzugeben, so lange es sie freute. Wenn Dürer in
sein Tagebuch einträgt: «Ich hab ihm (dem Tomassin) drei Degenheft gerissen»
oder «Hab den Goldschmieden eine Visierung gerissen von Frauenkopf bündlein»,
so will dies nicht eine geschäfdiche Notiz, sondern nur den Ausdruck seiner
Schaffensfreude und Befriedigung bedeuten.^
Fürsten^ Gut und allseitig beschlagen mußte jener Künstler sein, der in die Dienste
dienst, eines Fürsten trat. Leonardos Brief an Sforza, worin er seine Kenntnisse und
'Fähigkeiten aufzählt, darf nur vom Standpunkt damals selbstverständlicher Viel*
seitigkeit, nicht von jenem eines besonderen Selbstgefühles aufgefaßt werden.
Es gab keine Feste, Empfänge, Huldigungen, die nicht erst durch das Mit*
tun der Künsderschaft ihre Weihe erhielten. Die französischen Könige hielten
sich Dessinateursdecorateurs, um auch alle Schaugepränge, Maskenbälle und
Feuerwerke mit künstlerischem Geschmack zu veranstalten.
Zeichnungss Den vielfachen Bedürfnissen stand ein rastloses Erfinden und Komponieren,
bestände. Vorreißen und Ausführen auf jedmöghchem Gebiete gegenüber. Die alten
Zeichnungsbestände sind heute für manche dekorative Gruppe recht umfang*
reich und von der Forschung noch nicht entsprechend ausgenützt. Erst schritt*
weise erfolgt ihre Zuweisung an das eine oder andere Gebiet. Nur einzelne
Kunstzweige können im Nachfolgenden eine kapitelmäßige Behandlung erfahren.
Ein geringer Teil soll sich gleich hier einer allgemeinen Zusammenfassung ein*
ordnen, wenngleich manche der Zeichnungengruppen wie z, B. jene für
Bildweberei, Goldschmiedekunst oder Häuserbemalung eine gewiß lohnende
separate Zusammenstellung erheischten.
Teppich. Gerade das weite und für die Künsder dankbare Feld der Karton entwürfe
l<artons. für Wandteppiche mit reichen figuralen Darstellungen (cartoni de'panni d'arazzo,
cartoni per arazzi) bildete einen innigen Zusammenhang mit der Bildkomposition.
Das Verwandtschaftliche der Themen einerseits und die Kostspieligkeit der
Herstellung anderseits bedingte gute und erste Namen. Schon bei feinen,
meist kirchlichen Stickereien hatte man sich an die Meister gewandt und
Cennini schrieb ein Kapitel: Wie man auf Geweben oder Zendel zum Gebrauche
der Sticker zeichnen soll (K. 164). A. Pollaiuolo machte die Entwürfe
' Lange und Fuhsc, op. cit. S. 119, 166, ferner 127.
Kompositionszeichnungen. 537
aller Stickereien für S. Giovanni di Firenze (disegni di tuttj i recamj)} Gleiche
Aufträge erhielt Raffaellino del Garbo. ^
Einen weiteren Umfang nahmen die Kompositionen für die großen in den Tapeten^
Niederlanden aufblühenden Bildwebereien in Arras, Courtrai, Brüssel und zeichnen.
Antwerpen an, die süd* und ostwärts weltliche und geistliche Höfe versorgten.
Anfänglich waren nur niederländische Zeichner tätig, aber schon im 16. Jahr?
hundert machten die italienischen Auftraggeber ihre Geschmacksrichtung geltend
und ließen ihre Bestellungen in der fieimat entwerfen und in Flandern aus?
führen, Mantegna, Raffael,' G. Romano,* Pontormo, Bronzino, Salviati, Garofalo
lieferten Cartoni. Welche technischen Umformungen und Vorbereitungen
nötig waren, um dieselben nach Wunsch in jene kunstvollen Webereien um*
zusetzen, entzieht sich heute leider unserer Einsicht. Wie schwer sich die
italienischen Künstler mühten, um der fremden Technik, besonders dem Ver?
kehrtzeichnen gerecht zu werden, berichtet Vasari von Pontormo, der gelegentlich
der Einführung dieses Kunstzweiges in Florenz durch Cosimo 1546 mit seinen
wenig fachtechnisch geschaffenen Kartons den niederländischen Webemeistern
große Hindernisse bereitet habe.^
Trotzdem verblieb in den Niederlanden selbst ein sich immer vergrößernder
Stab von Künstlern, die sich mit dem Zeichnen von Tapijt*patroonen be*
schäftigten, so Barent van Orley, F. Coecke van Alost,'' Karel van Mander,
Stradanus.^ Selbst Rubens und Jordaens entzogen sich nicht derartigen Auf?
trägen.
Im Jahre 1667 hatte Ludwig XIV. durch Colbert eine großangelegte Gobelin?
Weberei organisieren lassen, für welche Poussin, Le Brun, Van der Meulen
arbeiteten. Seit 1736 schuf Boucher unter Ludwig XV. für die Manufacture
de Beauvais ganze Serien.""
Das Tapetenzeichnen hatte darin seine Schwierigkeit, daß die Komposition Verkehrt^
verkehrtseitig angelegt werden sollte. Geschah dies nicht, mufke das stets von zeichnen,
der Rückseite des Gobelins erfolgende Weben nach einem Spiegelbild geschehen.
Niederländische Entwürfe zeigen daher schon in der ersten Anlage einen
möglichst klaren, aber gegenseitigen Umriß. Bernt van Orley hat uns derartige
Entwürfe in Dresden, München, Wien und London hinterlassen (Abb. 124).''
Verkehrte Beleuchtung und linksseitige Gesten (Lukretia, die sich mit der
Linken ersticht) charakterisieren die Bestimmung solcher Blätter. Von Hans
' II Codice Magliabechiano, hsg. v. C. Frey, Berlin 1S92, p. 81. - Sascha Schwabacher.
Die Stickereien nach Entwürfen des A. Pollaiuolo (Stud. z. Kunstgcsch. d. Auslandes S3).
•■' Vas. Mil. IV, 239.
' Vas. Mil. IV. 370; VII, 15.
* Vas. Mil. V. 101 Note 1, 549 und 550 Note 1; VI. 2cS5 ; \'ll, 15. 599.
•■■ Vas. Mil. VI. 284.
« M. J. Friedländer. P. Coecke van Alost (Jhb. d. pr. Ks. XXXVlll, 1917. S. 87).
' Mander^Floerke I. 105; II, 19. 119, 407.
« Maurice Vaucaire. Les tapisseries de Beauvais sur Ics Cartons de F. Boucher (l.cs ,\rts.
1902, Nr. 6. p. 10 ff. und Nr. 18. p. 13 ff.).
« Albertina. Inv. Nr. 15468. Triumph der Keuschheit, lavierte Bistcrfedcr; oben F als
Serienbezeichnung. 366X54 cm. - M. J. Friedlandcr. B. van Orley. jhb. d. pr. Ks XXN
S. 156 und Abb. 41.
.^lcllcr, Die Ilandzcichnung. ^'
358
Kompositionszeichnungen.
Kompositionszeichnungen. 339
dem Deutschen, der um 1543 in Antwerpen viel für Teppichweber gezeichnet
haben soll, berichtet Mander, daß er nicht gut verkehrt behchten konnte (con
niei wel op den averechten dag schilderen).^ Diese kleinen Vorlagen wurden ins
Große (Kartons) übertragen und koloriert, geteyckent en geschildert, meist unter
Beihilfe von Schülern.- Die Italiener bezeichneten dies genauer und nannten
es a guazzo, a tempera, d. h. ein Kolorieren mit Leimfarben.'' Berühmte Beispiele
hiefür bilden die sieben im South*Kensington;Museum aufbewahrten Karton*
Zeichnungen Raffaels zu den Tapeten mit Darstellungen aus der Geschichte
der Apostel Petrus und Paulus aus den Jahren 1515 und 1516 (Rom, Galleria
degli Arazzi).*
Den größten Aufwand für diese Art Vorarbeiten entfaltete Rubens, der im Rubens.
Auftrage genuesischer Edelleute 1618 statt der Tapetenpatronen gleich sechs
naturgroße, prachtvolle Ölbilder mit der Geschichte des Decius Mus schuf,
aber ihrer Bestimmung halber im Gegensinn (Wien, Liechtenstein).-'
Ein gleich dankbares Feld wären die Entwürfe für Bildschnitzer, Klein* Andere
plastiker, Goldschmiede, Zinngießer, Waffenschmiede, Plattner und "^'orlagcn.
Harnischätzer in Italien und Deutschland," so wenig uns auch die ver*
nichtende Zeit überliefert hat. Die Goldschmiede erfreuten sich allzeit ob ihrer
Reißkunst eines guten Rufes. Vasari nennt Francesco di Girolamo del Prato
einen der besten Zeichner seiner Zeit.' Weit fruchtbarer und zugleich anregend
wirkte die Betätigung der aus dem Goldschmiedehandwerk hervorgegangenen
Künstler wie Verrocchio, A. Pollaiuolo, Benv. Cellini u. a. auf kunstgewerblichem
Gebiet, wenngleich sie in ihren Erfindungen gewiß vielfach den Weg des
Modellierens eingeschlagen haben mochten, da das Figürliche das Ornamentale
überragte. Cellini aber berichtet ausdrücklich, daf^ er sich erst nach den von
Fr. Penni angefertigten Vorlagen Wachsmodelle schuf. Selbst von Leonardo
haben wir Federentwürfe kunstgewerblicher Art erhalten (Seidlitz II, 266). Die
Niellen sind für das Quattrocento vielleicht die zahlreichsten Belege zeich*
nerischer Ausdrucksweisen seitens der Goldschmiede, wiewohl wir darin schon
deutlich die immer lebhafter auftretende Mitwirkung der Maler erkennen.
Neben diesen und den Bildhauern unterzogen sich auch die Architekten,
besonders in Frankreich, dem Entwerfen von Prunkvasen und Schüsseln.
Mehr als in Italien waren in Deutschland die Maler die Geber und Anreger, Deutschland,
wenngleich sich bei dem einen oder anderen auch das Goldschmiedehandwerk
geltend machte. So wie Martin Schongauer oder der Hausbuch*Mcister für
das 15. Jahrhundert, vermittelten Dürer, flolbein, die Beham, Altdorfcr,
' MandersFloerke I, 63.
* Ibid. I, 105.
" Vas. Mil. VII, 15.
* Crowe und Cavalcaselle, Raphacl, deutsche Ausg. II. 219.
* O. Zoff, Die Briefe des P. P. Rubens I, Nr. XXX an S. Dudley Carlcton.
^ Über Goldschmiedrisse: Jakob Burckhardt im Basler Taschenbuch 1864. - August
Winkler, Handz. d. Hamburger Goldschmiedes Jakob Moers in Berlin fjhb. d. pr. Ks. 1S90,
S. 108). - Über Plattnerzeichnungen siehe: J. 11. v. 1 lefncr;^ Alteneck. Originalzcichnungen
deutscher Meister d. 16. Jhdts. zu ausgeführten Kunstwerken (W'aHen) lür Könige von Franko
reich und Spanien und andere Fürsten. Frankf. a. M. 1889.
' Vas. Mil. VII, 4>.
22»
340
Kompositionszeichnungen.
'f5i
Abb. 125. Holbein d. J., DeckclbechersKntwurf mit abgeklatschter Hälfte. Basel.
Kompositionszeichnungen. 341
G. Penz, Aldegrever die neuen Formen und ihnen schloß sich die stattUche
Zahl der Kleinmeister mit ihrer unübersehbaren Vorlagenfülle an. Deren
reicher Inhalt aus der Bibel, Geschichte, Mythologie und Allegorie, dem Bauern;
und Soldatenleben wurde von Hand zu Hand gegeben, nach Bedarf umgearbeitet
und gewendet, weiterhin durch den Formenmeister P. Fletner und die in der
zweiten Hälfte des Jahrhunderts schaffenden Virgil Solls und Jost Amman
nach dem veränderten Geschmack ergänzt. So erhielt der Stich nicht bloß die
wesentliche Funktion einer vervielfachten Künstlerzeichnung, sondern er förderte
gleichzeitig die Einheit des neuen Stiles, der deutschen Renaissance, vom
geätzten oder erhobenen Ornament bis zum Figurenrelief, vom emaillierten Gold;
anhänger bis zu dem mit Edelmetall und Edelsteinen verzierten Kunstschrank.
Neben dem Stichmaterial erstehen von Künstlerhand in ununterbrochener
Reihenfolge für die verschiedensten Zweige Federrisse, bald flott und leicht
gegeben (Dürer), bald aufs sorgfältigste durchgeführt, wie es Holbeins Er*
findungen aus seinem englischen Aufenthalt erkennen lassen (Abb. 125).^
Aber nicht immer handelte es sich gerade um Künstlerzeichnungen. Für Meisterrisse,
viele Gewerbe war die Fertigkeit, bestimmte Objekte zu entwerfen, vorgeschrieben.
Es gab Meisters und Gesellenrisse. «Wan einer sein Meisterstück machen will,
der soll erstlich vor dem Ampt einen Riß thun», § 4 der Tischlerordnung
von 1555 zu Bremen (Stadtarchiv Bremen S. 1 und 12).- Erst nach Gutheißung
desselben konnte das Meisterstück ausgeführt werden. Sammlungen derartiger
Handzeichnungen, welche heute wieder Beachtung erfahren, finden sich in der
Mainzer Tischlerinnung, in der Gewerbemuseums*Bibliothek zu Berlin, in
Oldenburg und in der Bibliothek des Bremer Gewerbemuseums. Schlichte
Tusch* oder Tintezeichnungen mit Beigabe eines Profiles und der Maße.
Die Zeichner der angewandten Kunst, im Zwange der Zunfttradition erzogen, Hntlchnun^
kombinierten mehr als daß sie Neues erfanden, indem sie bei Meistervorlagen, «*="•
Stichwerken oder bei ihrem während der Wanderschaft gesammelten Vorrat
große Anleihe machten. Die Fayencemaler waren bekannte Borger. Kaum
daß Vasari von Batt. Franco erzählt, er hätte auf Befehl des Herzogs von
Urbino Prunkgeschirrentwürfe gemacht, die großes Aufsehen in Italien her=
vorriefen, während man sonst nur Stiche nach Raffael u. a. benützt hatte. ^
Schon im vorhinein sei hier auf die bestimmt nachweisbaren zeichentcch= MAtcnalstii.
nischen Ausdrucksweisen der Vorlagen, entsprechend der Bestimmung und
Verarbeitung, aufmerksam gemacht, auf Verschiedenheiten, die ob ihrer vom
Gesamttypus eines Künstlers abweichenden Formen oft zu erregten Erörterungen
über die Echtheit führten. Nichts lag näher, als daß die mit dem Kunstgc*
werbe wohlvertrauten alten Meister in ihren Vorlagen die zukünftige Ausführung
bedachten und dem Praktiker die Aufgabe so viel als möglich erleichterten.
Die in den letzten Dezennien eifrig betriebenen Forschungen auf dem Gebiete
' Aus Ganz, Holbein d. J. VIII, 8, Verla.t,' J. Bard, Berlin. VorzeichnunM für Hans von
Antwerpen, Goldschmied in London, gez. während des zweiten englischen Aufenthaltes. Die
rechte Haltte wurde abgeklatscht, daher die Schritt im Spiegelbild.
* C. Habicht, Die Meisterzeichnungen der Möbeltischler im Besitze des Gcwcrbcmuscums
zu Bremen (Cicerone 1913, S. 865) mit mehreren Abbildungen.
' Vas. Mil. VI, 581.
342
Kompositionszeichnungen.
Abb. 126. B. Pcruzzi, Dekorativer Entwurf für die Apsis im Dome zu Siena. Albertina.
Kompositionszeichnungen. 545
der Tapisserie, Reliefplastik, Goldschmiedekunst und Glasmalerei haben inters
essante Beziehungen zwischen den von Meisterhand herrührenden Visierungen
und kunstgewerblichen Erzeugnissen aufgedeckt und damit allerlei Anhalts*
punkte festgestellt, die schon nach der Eigenart einer Zeichnung den Zweck
erkennen lassen.
Ob ein Glasriß für Hüttenglas oder Stückglas entworfen, ob eine Clairobscur*
Zeichnung für den Glasmaler, für den Reliefbildner oder Holzschneider bestimmt
war, ob ein Reiterdenkmalentwurf dem Freskomaler oder Bildhauer zu dienen
hatte, spricht sich bereits in gewissen Merkmalen und in der Betonung des
Materialstiles aus. Vieles wurde schon auf volle Wirkung gebracht, Vers
goldungen durch gelbe Lavierungen gekennzeichnet, Edelsteine durch bunte
Farben (Holbein, Ganz XV, 8—10). Die Schultradition legte frühzeitig Wert
auf die Beachtung von Stoff und Bearbeitung. Zweckmäßige Umformungen
während der Ausführung kommen deswegen immer noch vor. Zur Erleichterung
bot der Künstler im Dekor oft Varianten, wählte dagegen bei Wiederholungen
Vereinfachungen jeder Art, insbesondere den bequemen Weg des Abklatsches
(Abb. 125). In der linken Hälfte des Holbein^Pokales sehen wir den Originals
entwurf, der durch Befeuchten, Zusammenklappen und Fressen nach rechts
übertragen wurde. Weitere Charakterisierungen der einzelnen Gruppenzeichs
nungen finden in den nächsten Kapiteln ihre Erörterung.
a) Architekturzeichnungen, Plafond* und Rahmenentwürfe.
Architekturzeichnungen im Sinne von Bauzeichnungen, Fassaden, Bau-
Grundrissen, Aufrissen, Teilstudien, fast durchwegs mit Lineal, Tinte, Tusche Zeichnungen,
und Zinnober ausgeführt, mit regelmäßigen parallelen Schattenlinien oder
Lavierungen, entbehren allen individuellen Gepräges und stehen abseits von
unserer Aufgabe.^ So auch die in Skizzenbüchern auftauchenden, freihändig
nach antiken Bauwerken gemachten Skizzen oder selbständigen Klarmachungen
von Profilen für projektierte Gebäude.- Näher liegen uns dekorative Entwürfe,
in denen Malerei, Bildnerei und Stucco in gegenseitiger Ergänzung zur Geltung
kommen sollten, wie z. B. in dem Federentwurf für die Domapsis in Siena von
dem sienesischen Malerarchitekten Baldassare Peruzzi, die den Gesamtdekor
für Bemalung (Verklärung Christi), Tabernakel und Chorgestühl innerhalb der
architektonischen Gliederung aufweist (Abb. 126).^
Zahlreicher begegnen uns in Sammlungen Gesamt* und Detailcntwürfe für l'Ufond--
weitläufige Plafonddekorationen, bei denen es sich in erster Linie um eine dckomtion.
dem gegebenen Raum entsprechende symmetrische Gliederung handelte. Es
war ein Hauptbestreben des Architekten, dem Maler wohldisponiertc Felder
' Über die frühesten mittelalterlichen Bauzeichnungen, wie z. B. jene des Klosters
St. Gallen auf drei zusammengenähten Kuhhäuten vor 830 oder jene des Mönches l-adwin
um 1150 usw., siehe Ma.\ Ilasak: Der Kirchenbau des Mittelalters. Handbuch der Archiv
tektur. II. Teil, IV. Band, p. 268. - Von der grol^angelegtcn Publikation «^Architektonische
Handzeichnungen alter Meister», hsg. v. Hermann Kgger. Wien 1910, nur Bd. I erschienen.
Reich an Beispielen sind Michelangelos Zeichnungen, so zur Fassade von S. I.orcnzo;
Frey, Taf. 29. 50. 49. 50.
' Albertina, S. K. 129. A. F. 538. Lavierte Bisterteucr. 44 6 29 cm.
344 Kompositionszeichnungen.
zur Verfügung zu stellen, anderseits eine Pflicht des letzteren, falls er sich
die Umrahmung selbst zu geben hatte, die Gesetze der Architektur strenge
einzuhalten. Durch die gleichzeitige Ausübung beider Berufszweige ward die
Aufgabe wesentlich erleichtert und die einheitliche Wirkung gefördert. Äußerst
kompliziert hatte sich das Thema seit dem 17. Jahrhundert, als es sich um
kunstvoll konstruierte Deckenperspektiven (Scheinarchitekturen) handelte und
alle Künste der Phantasie von den Regeln der Augenpunkte abhingen. Gesamt*
entwürfe und Teilvorlagen von Zwickel* und Ovalfüllungen, Gesimsen, Kon*
solen für Stuccoarbeiter und Maler waren hiezu vonnöten. Ein überaus reiches
Material, besonders von Barockzeichnungen, findet sich in den Offizien auf*
gestapelt, das noch der klärenden Bearbeitung harrt. ^
Theater; Eine abgeschlossene Gruppe bilden die ebenfalls seit dem 17. Jahrhundert
Prospekte, auftauchenden Theaterprospekte, für welche sorgfältig durchgearbeitete
Zeichnungen erforderlich waren und von denen die Mitglieder der Maler* und
Architektenfamilie Bibiena eine reiche Auslese hinterlassen haben. ^ Beson*
ders die von Giuseppe Bibiena gezeichneten, fast durchaus diagonal in den
Hintergrund geführten Palastbauten mit hochsäuligen Kolonnaden und weit
außerhalb der Bildfläche liegenden Augenpunkten gewähren durch kräftig ein*
fallendes Sonnenlicht und klar abgesetzte Schatten eine erstaunliche plastische
Täuschung, die gleichzeitig durch Anwendung zweier Tinten farbig gesteigert
wurde. Von ähnlichen Gesichtspunkten geleitet, erscheinen die meist anonymen,
deutscher Schule entstammenden, perspektivisch angelegten Entwürfe zur Be*
malung der Häuser fassaden, teils in Indigo, teils buntfarbig.^ Von ersten
Künstlern wie Dürer (L. 182), Holbein (G. I, 8; IX, 3, 7) auf eine dekorative
Höhe gebracht, sinken sie bald zu verwunderlichen Künsteleien herab und
enden schließlich in handwerksmäßigem Betrieb.
Frankreich. Einen großen Schatz an architektonisch*dekorativen Entwürfen lieferten die
französischen Künstler des 18. Jahrhunderts. Der Innenschmuck der königlichen
Schlösser und jener des Adels beschäftigte Erfinder und ausführende Hände
ohne Zahl. Prunk* und intime Räume mit Lambris, Alkoven, Kaminen, Balda*
chinen, Panneaux, Plafonds, Türen* und Fensterumrahmungen, dann Fassaden
mit Details von Gesimsen, Balkons, Konsols, Kartuschen, Gitterwerk für Tore
und Treppen, ferner Gartendekor und Skulpturen, Fontainen und Kaskaden,
italienische Grotten bilden den Inhalt; Zeichnungen, die bald rein architekto*
nisch, bald in malerischer Auffassung einen großen Reiz durch ihren uner*
schöpflichen Reichtum an Erfindungen gewähren.^
In das große Gebiet architektonischer Zeichnungen gehören auch die häufig
von Malern selbst den Bildzeichnungen beigefügten Rahmenentwürfe, um
' Eine Sammelmappe von Decken^ und Wandmotiven mit allerlei Details, von Archis
tekten, Bildhauern und Malern herrührend, publizierte Alfrede Melani: Modelli d'arte
dccorativa italiana raccolti . . . fra i disegni, Milano, U. Hoepli.
^ Eine grölkre Anzahl davon in der Albertina: Giuseppe Dom., Sc. Bol. 616 — 638;
Ferdinando. Sc. Bol. 588-594.
' Vgl. Egger, Architektonische Handz., Taf. 7, 8, 9.
* Eine Publikation solcher Zeichnungen in: Les dessins du musee et de la bibliotheque
des arts decoratifs par Leon Deshairs, I. Nicolas et Dominique Pineau, Paris 1914.
Kompositionszeichnungen.
345
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Abb. 127. Lorenzo di Credi. Altarentwurt. UHizicn.
346
Kompositionszeichnungen.
Altar; und
Rahmen;
entwürfe.
Italien.
Deutschland.
dem Besteller die harmonische Vollwirkung zu demonstrieren, dem Bild*
Schnitzer eine Anregung zu geben. Der von dem Architekten angeschlagene
künsderische Wohllaut der Altarnische sollte noch im letzten dekorativen
Beiwerk ausklingen. Vielfach setzte sich die Rahmenarchitektur auch in der
Tafel fort (Giov. Bellini, Frari^Altar). Im allgemeinen lassen sich wenig Bei=
spiele aufbringen, aber immer genug zur Charakterisierung der Schulen. Schon
in J. Bellinis Skizzenbuch finden sich Belege. ^
In L. Credis Altarentwurf für eine Verkündigung ist nicht nur der Bild?
rahmen, sondern auch der ganze architektonische Aufbau mit der Mensa, wie
er die Kapellennische zu füllen hatte, wohlbedacht und samt Einzeldekor in
der Lünette, den Pilastern, dem Fries und Sockel durchgebildet (Abb. 127).^
Jedes Ornament erfährt Berücksichtigung und das Ganze legt von dem weiten
Gesichtspunkte und den Architekturkenntnissen damaliger Künsder beredtes
Zeugnis ab.^ Bisweilen wurde die Umrahmung nur flüchtig angedeutet, wie
es z. B. von Fra Filippo am Schlüsse eines Briefes an Giov. de Medici geschah:
«Damit Ihr aber wohlunterrichtet seid, wie er gemacht werde und wie hoch
und breit er werden soll, schicke ich Euch die Zeichnung.»*
In der Regel aber bedeuteten die Entwürfe richtige Vorlagen für den Bild*
Schnitzer. Aus einem Vertrage des Cima da Conegliano mit Alvise Grisonj
in Capodistria'vom 18. April 1513, worin ihm das große, heute noch bestehende
Altarwerk übertragen wurde, läßt sich die Bestimmung erkennen, daß die vor*
gelegte Bildzeichnung den Rahmenentwurf enthalte, der dem Bildhauer zu über*
geben sei «opera con le fegure sono anotate sulo disegno, aloro dato per lo
jntajador (= infagliator)».^ Diese Zeichnung ist nicht erhalten, wohl aber
andere venezianische Rahmenentwürfe, so jener eines Anonymus in Berlin*' oder
der des Girolamo Santa Croce.^ Ein Beispiel aus später venezianischer Kunst
liefert eine Altarzeichnung des Francesco Montemezzano 1584 in Darmstadt, '^
die eine Maria Aegyptiaca zum Gegenstande hat. Für die mailändische Schule
findet sich ein interessanter Beleg von der Hand G. Ferraris, heilige Familie.''
Die gewissenhaften Deutschen setzten stets Maßangaben hinzu und richteten
die gezeichneten Triptychen selbst mit drehbaren Klappflügeln ein, um sie an*
schauhcher zu gestalten." Mit dem Vordringen der Renaissance nach dem
Norden hörte die strenge Einhaltung einer künstlerischen Einheit zwischen
' Louvre, Ausgabe Ricci I, Taf. 2; Ausgabe Golubew II, 2.
^ Uff., Nr. 1436, Bisterfeder. A. P. 648.
' Ein ähnlicher Altarentwurf aus der Schule Verrocchios in Drawings by old masters,
Coli, of Chatsworth by Arthur Strong. London 1902, Taf. 17.
* Berenson. Taf. XXXIII. - Guhl I. S. 16, Brief v. 20. Juli 1457.
•' Giuseppe Caprin, L'Istria nobilissima, S. 135.
*^ Z. a. M., Berlin I, 24 als: Florentiner Meister.
' Ambrosiana, Bd. Resta. - Abb. bei Morelli III, Galerie Berlin, S. 93: dreiteiliger
Rahmenentwurf mit Lünette.
" A. P. 599.
'•• Sammlung Heseltine, London, Abb. in Original Drawings by old masters of the
School of North Italy, London 1906, T. 12.
'° Luk. Kranach d. Ä, Triptychon mit vollständiger Rahmendekoration, Z. a. M.,
Berlin 203.
Kompositionszeichnungen. 547
Bestimmungsort und Altarschrein auf. Es erfolgte der Import, der sich mit
den gotischen Kapellen nur schwer abfand.
Dürers Rahmenentwurf zu dem Allerheiligenbilde bedeutete wohl für ihn
selbst ein Ereignis, ein Kompromiß italienischer Renaissance mit deutschem
Zierat. Ein Vergleich zwischen der Vorlage, dem schlichten Frührenaissance*
Altar des Giovanni da Pisa (Padua, Eremitani) und seinem deutsch empfundenen
Entwürfe (L. 343) zeigt den schwierigen Umformungsprozeß.* Ein ähnlicher
Fall bei Dirk Vellert, der für seine Triptychonzeichnung von 1520 mit der
Dreieinigkeit und Petrus und Paulus in den Seitentafeln die Leitmotive dem
Bellinischen FrarisAltare entlehnte. ^
In der Barockzeit, wo der pompöse Stil mit seinen gedrehten Säulen, Barocke,
geschwungenen Gesimsen und überladenem Figurenschmuck die bemalte Lein*
wand umwucherte, oder die überbevölkerten Plafondgemälde mit ihren Wolken*
himmeln und Scheinarchitekturen sich innig an den Stuccoschmuck anschlössen,
war eine Auseinandersetzung mit dem Architekten, Bildschnitzer und Stucka*
teur auf dem Wege ausführlicher Zeichnungen dringend geboten. Und gerade
im letzteren Falle geht die Arbeitsteilung schon stark erkennbar vor sich. Wir
finden farbige Plafondskizzen ohne jede Spur einer dekorativen Umrahmung
und daneben die Studien zu derselben von Architektenhand. Aber selbst die
individuelle und einer oft willkürlichen Phantasie folgende Formensprache
der einzelnen Mitarbeiter hob nicht das Einheitliche auf, eine Freiheit, die
nur der Reichtum der Barockformen ermöglichte.
b) Glasvisierungen, Scheibenrisse.
Disegni per le finestre di vetro. — Glaessschrijven.
/Cur Zeit der handwerksmäf^igen Erzeugung bunter Glasfenstcr, und zwar Kirchenfensters
Jahrhunderte lang nur für Kirchen, wie sie uns Theophilus (ca. 1080 — 1120) vorlagen,
berichtet,'' benötigte man noch keiner besonderen kompositionellen Vorarbeiten.
^ J. Meder, Zur Umrahmung des Allerheiligenbildes. Neue Beiträge ;ur Dürer=
Forschung in: Jahrb. d. kh. S. d. Kh. XXX, S. 254.
- Achenheim, Der ital. Einfluß in der vläm. Malerei (Zur Kunstgesch. d. Auslandes,
Heft 77, Taf. IV).
^ Schedula divers, artium in Quellenschr. f. Kunstgesch. VII. Hs wird nicht unange=
bracht erscheinen, diese wichtige und früheste Quelle in wörtlicher Übersetzung nach Ilg
wiederzugeben (L. I, C. X\'II: De componendis fenestris): <A\'enn du gläserne Fenster
zusammensetzen willst, bereite dir vorerst eine Hohtafcl. eben und so lang und breit,
daß du die Fläche eines und desselben Fensters zweimal darauf machen kannst. Nimm
Kreide, schabe mit dem Messer von derselben über der ganzen Tafel hin, sprenge überall
Wasser darauf und verreibe es mit dem Tuche. Wenn es trocken, nimm das .Mal^ eines
Fensters und entwirf auf dem Brette dasselbe nach Lineal und Zirkel mittels Hlci oder
Zinn, und wenn du eine Randverzierung daran haben willst, ziehe sie in beliebiger Breite
und Ausführung. Ist das getan, entwirf die Bilder vorerst mit Blei oder Zinn, dann mit
roter oder schwarzer Farbe, wobei du alle Linien sorgfältig machst, ilieraut. indem du
die Mannigfaltigkeit der Gewänder verteilst, merke iede Farbe an ihrer Stelle an und hir
das andere bezeichne die Farbe mit einem Buchstaben. Dann nimm ein Bleigcfäß. worein
mit Wasser verriebene Kreide kommt, und mache dir zwei oder drei Pinsel. Nimm ein
Stück Glas, welches aber größer sei als die Stelle, auf die es zu legen ist. bringe es aut
die Fläche dieses Raumes und so wie du durch das Glas hindurch auf der Tafel die
348 Kompositionszeichnungen.
Man entwarf die schlichten Heihgenfiguren nach Tradition und Maß mit dem
Blei* oder Zinngriffel auf fenstergroßen, leicht mit Kreide hergerichteten Holz*
tafeln und zog sie mit kräftigen Pinselstrichen in Rot oder Schwarz aus. Die
Farbenangaben erfolgten durch Buchstaben. Cennini ist der Meinung, daß
diejenigen, welche die Glasmalerei ausüben, mehr Praxis als Zeichnung haben
(K. 171). Wir müssen hier in erster Linie an Klostermaler denken. Haben
wir auch von den frühesten Erzeugnissen in Frankreich (Reims) keinerlei
Bericht, so erfahren wir über die bald darauf folgende Glasmalerei in Tegernsee,
daß der Mönch Werinher (1068—1091), der fünf Fenster herstellte, Maler,
Goldschmied und Schmelzwirker gewesen sei.* Auch Theophilus ist Presbyter
und nach Ilgs Vermutung Goldschmied. Erst später, als sich das Handwerk zu
einer gewissen Vollkommenheit entwickelt hatte, wurden in Italien erfindungs*
Künstlers reiche Künstler herangezogen. Ghiberti,^ Donatello, Uccello schufen Ent#
kartons. würfe für die Fenster des Florentiner Domes. In Perugia empfing Benedetto
Bonfigli am 4. April 1467 von dem Kloster S. Pietro 5 Fiorini für den
Karton zu einem heute nicht mehr bestehenden Glasfenster in der Sakristei.^
Perugino zeichnete für das Kloster der Gesuati vor Porta Pinti Kartons,
«solange er lebte».* Man lieferte von Florenz aus in die Provinz, wie
Davide und Benedetto Ghirlandaio 1495 für den Pisaner Dom.^ Die
Bezahlung der Künstler scheint auch in Deutschland nicht schlecht gewesen
zu sein. Holbein d. J. erhält am 24. Okt. 1517 in Luzern für eine Visierung
1 Pfd. 9 sh/'
Welcher Art und Beschaffenheit jene italienischen Vorzeichnungen waren —
man spricht immer nur von disemgnio (disegnio) — läßt sich mangels hin*
reichender Belege nicht feststellen. Es konnten ebensogut Zeichnungen im
kleinen Maßstabe als Kartons sein. Fischel hat für eine Perugino # Zeichnung,
h. Bischof in einer Nische (Berlin), die Verwendung als Scheibenriß geltend
gemacht.'
Papiers Mit der Verbilligung des Papieres setzt auch der aus vielen Bogen zusammen*
kartons. geklebte Papierkarton ein, auf dem nicht mehr mit Blei oder Zinn, sondern
mit Kohle entworfen wurde. Die Endredaktion erfolgte mit Tinte. Cennini
führt dieses Verfahren als eine, wie es scheint, allbekannte Praxis an (K. 171).
Im Sinne der schon im 14. Jahrhundert üblichen Graumalerei bediente man
Züge erblickst, ziehe sie mit Kreide an dem Glase, jedoch nur die äußeren Konturen.
Auf dieselbe Art wirst du alle Gattungen Glas bezeichnen, sei es bei Gesichtern, Ge=
wändern, Händen, Füßen, Säumen.» Darnach folgte das Ausschneiden der einzelnen Glas
ser und das Zusammensetzen derselben mit Bleistreifen.
' Otto V. Falke, Glasmalerei im Mittelalter, in: Illustr. Gesch. d. Kunstgew. I, S. 252.
^ Merrifield I, p. LXIII. — Baldinucci, Libro di Deliberazione de' Signori Operai,
b. 1436, A. C. 8.
' W. Bombe und A. Rossi: Gesch. d. Peruginer Malerei, in: Ital. Forsch. V, 321.
^ Vas. Mil. 111, 572. - Fischel, Zeichnungen d. Umbrer, S. 17.
" Für den Betrag von 6 Lire und 12 Soldi. Tanfani Centofanti, op. cit. p. 136.
•■' E. His, Lehr, und Wanderjahre Holbeins d. J. (Jahrb. d. pr. Ks. 12. S. 64).
' Zeichnungen der Umbrer, Taf. V und Text S. 24 und 99, Nr. 26. Leider ist dieselbe
ohne Hintergrund, um sie bestimmt als Glaszeichnung erweisen zu können. Kreide,
laviert, mit Pauselöchern. 418X25 cm.
Kompositionszeichnungen.
549
sich auch grauer Grundierungen, auf welchen die Zeichnung in Clairobscur.
Technik ausgeführt wurde. Darüber belehren uns die Originalentwürfe von
Angioletto da Gubbio aus der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts für das große
Fenster in der Kapelle S. Lu*
dovico der Basilika in Assisi,
nach Merrifield im Besitze
des Grafen Fr. Ranghiasi
Brancaleone in Gubbio.^
Mehr bietet der Norden,
wenngleich es auch nur spar*
liehe Reste sind. So befin*
det sich im British Museum
ein St. Petrus zu dem Barn*
bergers Fenster im Chor der
Sebalduskirche zu Nürnberg
aus der Zeit um 1505, den
J. Schinnerer dem "VC'olfgang
Katzenheimer zuschreibt. Der
auf mehreren Bogen (1 m zu
40 cm) in Tusche und Pin?
sei gezeichnete Karton gleicht
an Größe völlig der Aus?
führung.^ Weitere deutsche
Kartons verwahrt heute das
Baseler Museum von der
Hand Holbeins d. J., teils
in Gänze aufgespannt, teils
in Bogen zerschnitten. Max
Rooses beschrieb drei vom
Jahre 1548 datierte nieder?
ländische Kartons für Karl V.,
angeblich von dem Hof;
maier Bieter Coeck van
Alost gemalt (Eremitage).^
Etwas später fallen die in
der Literatur bekannten und in der Sakristei von St. Jans in Gouda aufgestellt
ten Kartons der beiden Crabeth,' Wouter und Dirck, die bereits den Einfluß
Abb. 128. Pieter de Jode, Kirchentensterentsvurt.
' Memorie storiche di Ottaviano N'elli, da I.uigi Bonfatti. Gubbio 1843. — Merrifield
I, p. LXII.
^ Joh. Schinnerer, Vv'olfgang Katzenheimer von Bamberg (Monatshefte f. Kw. VI. 322.
Taf. 77, 78).
' Max Rooses, De Teckeningen der Vlaamsche Mecsters: De Romanisten. On:c
Kunst 1902, S. 168. Neuerer Zeit von Iledicke und M. J. Fricdl.inder Michel van C'oxcic
zugeschrieben (Jahrb. d. pr. K.s. XXXVIII, S. 87).
* Über Crabeth siehe N. Beets in Thieme, Allgemeines Kunstlexikon \'III, 42. — 7ur
Lit. : Vitraux peints de l'eglise S.Jean ä Gouda. Ad aufogrnphum majus dclinc.ivif I. ('.
Boetius, P., Tanjc sculp. en iangues frant,. et holland Amsterdam vcrs 1740).
Nordische
Beispiele.
350
Kompositionszeichnungen.
der heraldischen und allegorischen Richtung auf die kirchliche Glasmalerei
bekunden. (Siehe Kap. Kartons.)
Entwürfe. Daß derartigen für die Glasmaler bereits fertiggestellten Zeichnungen auch
kleinere Entwürfe oder Skizzen vorausgingen, beweisen einzelne Reste, die
heute in ihrer Mehrzahl nur geringe Beachtung gefunden haben. Sie sind, je
nach dem Stadium ihrer Entwicklung, bald mehr, bald weniger ausgeführt. Beson*
ders nach 1500, soweit die Belege erkennen lassen, begegnen uns bogengroße
Federentwürfe, die, mit Farbenangaben versehen oder seltener koloriert, oft
nur mit getonten Gesichtern und Händen den Werkstätten zur Vergrößerung
und weiteren Ausführung
übergeben wurden. So eine
in der Nationalgalerie von
Schottland befindliche, far*
big angelegte Zeichnung zu
einem gotischen Fenster, wahr*
scheinlich von einem Nürn*
berger herrührend.^ Von Di*
rick Vellert existiert in der
Albertina ein größerer Rest
mit der Weihe eines Bischofs.^
Ähnliche Entwürfe zu dem
«Leben des hl. Johannes»
werden dem Jehanin Ma?
buse zugeschrieben.^ Die in
den Niederlanden um die
Mitte des 16. Jahrhunderts
tätigen Brüder Crabeth, Aert?
sen, L. Cornelisz de Kock,
später P. de Jode und Abra?
harn Diepenbeeck, lassen in
ihren Entwürfen bereits den manieristischen Geist und das Aufgeben der guten
alten Zeichenweise erkennen.'^
Technisches. Während sonst Rahmen und Windruten mit Rötel bezeichnet wurden, zer*
schnitt man auch den Entwurf in kleinere Rechtecke und klebte sie derart
auf einen zweiten Bogen, daß zwischen ihnen die Rahmenbreite frei blieb, in
die hinterher die Fensterleisten einliniert wurden.
Die Folge davon war, daß einzelne Figuren ihren Zusammenhang ver?
loren und unnatürlich verlängert wurden (Abb. 128, siehe die Infein der bei*
den Bischöfe).^
Abb. 129.
Altniederländer, Scheibenriß in Clairobscurtechnik.
* Vas. Soc. VII, 25a, b. — Ferner Frankfurt, Stadel, A. Dürer (?) mit gleichzeitigem
Rahmenwerk (Stadel, Publ. I, 12).,
■' A., Inv.^Nr. 15.122, signiert und datiert 1525. Glück, Jahrb. d. kh. S. d. Kh. XXll, 24.
^ Uffiz. Nr. 1336-1338.
* Albertina: Crabeth, Inv. Nr. 7874, Aertsen, Inv. Nr. 7879, 7984. Ebenso Lucas Cor:=
nelisz de Kock um 1495-1552, Akademie Wien, A. P. 1398.
•' Albcrtinn. Inv. Nr. S199, Kreide, Ausschnitt.
Kompositionszeichnungen. 351
iJesser unterrichtet sind wir über die nordische profane Glasmalerei. Zierscheiben.
Die heute noch als umfangreich zu bezeichnende Masse erhaltener Glas*
Zeichnungen, zumal der Niederländer, Rheinschwaben, Schweizer, Augsburger,
Nürnberger aus dem 15. und 16. Jahrhundert gibt uns ein bestimmtes Ent?
Wicklungsbild für die kleinen, in Rathäusern, Zunftstuben und bürgerlichen
Wohnungen angebrachten, beliebten Zierscheiben mit Heiligenfiguren, mytho?
logischen und historischen Darstellungen und dem jeweiligen Wappen der
Stifter oder dem Ehewappen, bald in Vierpässen (meist 15. Jahrhundert), bald
in Kreisen oder Vierecken (16. Jahrhundert). Die V^isierungen gingen von
Werkstatt zu Werkstatt und wurden handwerksmäßig immer aufs neue kopiert
und nach Bedarf umgestaltet.^
Vor 1500 lassen sich für mit Schwarzlot gerissene Konturscheiben noch ver* Weift»
einzelt WeißschwarzsZeichnungen konstatieren, welche von den sich im schwär:^
nächsten Jahrhundert fortsetzenden Weiß rot*" oder >X'eif5braun* Entwürfen '^'^^'^■
abgelöst werden, schlichte, wenig durchgeführte Blätter mit scharf betonten
Umrissen und ohne jeden Mittelton. (Siehe Weißschwarz * Zeichnung, S. 50
und 162.) Aber ebenso behauptet sich noch die ältere, einfache Tuschfeder*
visierung auf weißem Papier, z. B. in Vierpaßrissen aus dem Kreis des Haus*
buchmeisters, oder auch in einzelnen Flügeln derselben (Schmitz, Abb. 172, 187).
Nach 1500 treten zwei große, technisch und lokal leicht unterscheidbare Technische
Gruppen auf. Während die niederländisch * niederrheinische Glasmalerei im Zweiteilung.
Anschlüsse an die Miniatur sGrisaille die Darstellung auf einer ungeteilten
Glastafel grau in grau fein ausstupfte und demnach schon in der Vorlage eine
durchgeführte Clairobscurtechnik auf grauer Grundierung mit weifkr oder gelber
Höhung verlangte (Abb. 129),^ finden sich am Oberrhein, in Augsburg und
Nürnberg mehr oder weniger dick konturierte Federzeichnungen mit klaren
Schattierungen oder Lavierungen auf weißem Papier, da die süddeutsche Glas*
maltechnik bei ihrer Verwendung mehrerer farbiger Glasstücke (buntes Hütten*
glas) das Hauptgewicht auf einen deudichen Umriß legen mußte (Abb. 54). ■•
Derselbe wurde, wenn die Feder nicht genügte, mit dem Tuschpinsel dick
nachgezogen, damit er noch durch die daraufgelegten farbigen Gläser deutlich
durchscheine und das Nachmalen mit Schwarzlot ermögliche. Die Zeichnungen
waren in dem ersten Falle richtige Vorlagen, in dem letzteren l^nterlagen und
Kartons zugleich. Die Verschiedenheit dieser Techniken war auch Ursache,
daß die Komposition in der ersten Gruppe alle Freiheit und allen Figuren*
reichtum gestattete, in der zweiten aber nur schlichte, klare Darstellungen,
meist auf Sockeln oder vor einer Brüstung stehende Einzelfigurcn bedingte.
Komposition und Innenzeichnung waren vereinfacht und bestimmt. Gesichter
und Hände öfter mit fleischfarbigen Tönen angelegt (libfarb), meist ohne
Hintergrund, mit beigefügten Wappen, Farbenangaben und dem die Silhouette
' Dabei begnügte man sich mit einfachem Durchpausen der Konturen. \'gl. die vielen
Breu = Kopien. - P. Ganz, Über die schweizerische Glasmalerei und ihre Bedeutung »ur
die Kunstgeschichte, in: Basler Museumsberichte. 58. Jahrg.. Neue Folge II. S. 27.
' Urs Graf. Albertina.
» Albertina. Inv. Nr. 11, ehemals Taddeo Gaddi. Durchm. 23 cm.
* Über das Technische der Grisaillemaicrei bei Schmitz. Die Glasgcmaldc S. 64 u. 101.
352 Kompositionszeichnungen.
umfahrenden Kohle* oder Rötelkontur zur Bezeichnung der Form und Größe
des farbigen Glasstückes (Verbleiung). ^
Deutschland. In dem Maße, als sich das bequemere Bemalen ganzer Scheiben in
Deutschland verbreitete, erhielt der Scheibenriß auch hier eine kompositionelle
Ungebundenheit und freie Federführung auf weißen Papieren. Jörg Breus
Scheibenzeichnungen weisen diese fortschrittliche, jene H. Baidungs noch die
ältere Form auf. Nichtsdestoweniger bürgerte sich auch in Deutschland die
Anfertigung von Clairobscur* Scheibenrissen d. i. auf grundierten Papieren im
Sinne niederländischer Manier ein. Die Schweizer bevorzugten dabei immer
lebhaftere Farben; während H. Leu 1514 noch ein Dunkelblau beibehielt, sehen
wir bei Urs Graf Karmin, Gummigutt, Terra di Siena.-
Auch kompositionell fanden die Scheibenrisse mit dem Eintritt der Renaissance
und deren figuralen und architektonischen Formenfülle, der Bereicherung der
Glasmaltechnik an neuen Farben und Vorteilen, der Erteilung zahlreicher Auf:;
träge von Seite eines aufstrebenden Bürgertums eine völlig neue Ausdrucks?
weise. Das Format, meist hochgestellte Rechtecke mit einer Grisailledarstellung
Holbein, oben querüber, vergrößert sich. Holbein d. J. war schon während seines
Luzerner Aufenthaltes, und mehr nach demselben in Basel, der hervorragendste
Interpret dieser neuen Richtung. Der monumentale Stil seiner Kompositionen,
in großen Fassadenmalereien erprobt und betätigt, geht auch auf seine Glas*
Zeichnungen über. Und es ist interessant zu beobachten, wie dieser über*
flutende Profanstil sich auch auf seine kirchlichen Aufträge erstreckt. Figuren
mit italienischen Posen (Mantegna) und Ornamente aus italienischen Stichen
weiß der Künstler bei seiner reichen, nie versagenden Kompositionsbegabung
mit deutscher Empfindung zu verschmelzen.
Verfall. Holbeins Geschmack und Einfluß auf seine Schweizer Nachfolger war ein
sehr geringer. Die immer mehr und mehr ins Heraldische geratende Richtung
verlor sich in leeren Umrahmungsschnörkeln und Rollwerk, bei völliger Ver*
zichtleistung auf eine gute Figur. Man ging gegen Ende des Jahrhunderts
in der Anfertigung der Zeichnung nur mehr handwerksmäßig vor, verzichtete
auf Meisterentwürfe, behalf sich mit Kopieren und Kombinieren. Man zeichnete
nur die linke Hälfte und pauste durch einfaches Zusammenfalten die rechte
durch. Noch manches Blatt verrät diese Manipulation durch die vertikale
Bruchfalte (Basel, U 1, 70, Bernhard Herzog). Rötelgrenzhnien mit einge*
schriebenen Buchstaben zur Bezeichnung der verschiedenfarbigen Gläser bilden
noch charakteristische Kennzeichen.
Immer bleiben Feder und Tinte, deren vergilbtes Braun sich heute von
den Flächentuschierungen stark abhebt, vorherrschend. Bei Holbein wechselt
noch der spitze Pinsel mit der breiten Rohrfeder regelmäßig ab. Braune, selbst
blaue Lavierungen setzen in der Folgezeit ein. Die Verwendung neuer Farben?
nuancen erkennen wir bei Tobias Stimmer sowie auch in den Niederlanden
an den grellfarbigen biblischen Kompositionen auf leuchtend rot, grün, violett
grundierten Flächen (Sammlung Liechtenstein, Wien).
' Als typisches Beispiel ein Johannes Ev. in der Weimarer Sammlung; Tafel II, 7 der
Prestelgesellschaft.
' Basel, 'J 10, Nr. 86, 88-90.
Kompositionszeichnungen. 355
c) Vorzeichnungen für Kupferstich und Holzschnitt.
rLin streng begrenzter Begriff einer graphischen Vorzeichnung — ob als Allgemeines.
freie Erfindung oder nach fremden Kunstwerken gezeichnet, ob für Stich,
Radierung oder Holzschnitt bestimmt — läßt sich angesichts des schwan*
kenden Bildes kaum geben. Zweck, Ausdrucksmittel und Zeitunterschiede,
von individuellen Methoden nicht zu sprechen, gewähren ein derartig buntes
Feld, daß es schon schwer hält, darin einzelne Gruppen festzustellen. Selbst
zwischen einer Bildzeichnung und einem freien graphischen Entwurf können
die Formdifferenzen auf ein Minimum herabgedrückt erscheinen. Wer wollte
zwischen Dürers Entwürfen: Martertod der Zehntausend (Bildentwurf) und
Mariae Heimsuchung (Marienleben) besondere Unterschiede herausfinden oder
an den frischen Bildniszeichnungen G. F. Schmidts erkennen, daß sie von
einem ausgesprochenen Graphiker herrühren?
Erst dann, wenn in der Komposition mit besonderer Absicht der Zweck
hervorgekehrt wird, lassen sich ab und zu Anhaltspunkte beobachten. Segnet
Christus mit der linken Hand (Mair von Landshut, A. 146) oder ersticht sich
Pyramus mit der Linken (Unbekannter deutscher Meister 1520, Berlin) mit
gleichzeitiger Belichtung von rechts, so können wir sicher einen graphischen
Zweck voraussetzen. Auch die von links nach rechts geführten Schattierungs*
linien lassen gleiches vermuten. Gewisse technische Ausdrucksweisen wie VC'eiß*
schwarz* oder Clairobscurtechnik, vereinfachte, sorgfältige Umrisse (Abb. 132),
pedantische Federschattierungen mit Kreuzlagen ' oder innere Widersprüche
zwischen reicher Erfindung und kümmerlichsmühevoller Darstellung weisen auf
eine graphische Bestimmung hin, wobei eingeschwärzte Rückseiten, Grififelun;
gen und Übertragungsnetze die Vermutung verstärken oder bestätigen.
Im wesentlichen müssen zwei Hauptgruppen unterschieden werden: Zeich; .Malen
nungen der Malergraphiker für eigene Zwecke oder als Vorlagen für Ilolz^ i"i«J Berufs»
Schneider und Stecher; und Zeichnungen der Berufsgraphiker, bald nach «"P^'c.
eigenen Naturstudien (Porträts und Landschaften), oder nach eigenen Erfin*
düngen (Illustrationen und dekorative Blätter), bald nach Gemälden, Zeich*
nungen, Skulpturen und Architekturen anderer (Vervielfältigungen).
Die schwierige Handhabung des Stichels auf der xMetallplatte, wo jeder Stich.
Fehlstrich eine umständliche Korrektur mit sich brachte, erforderte einen genauen entwürfe,
und sicher aufgepausten Vorriß. Dieses schon aus der (joldschmicdtcchnik
stammende Verfahren machte es dem freischaffenden Künstler, dem A\alcr*
graphiker, erst recht zur Pflicht, sich durch vieles Umkomponicrcn und Um*
pausen eine gebrauchsfertige Zeichnung anzulegen.
Dürers Adam und Eva (B. 1) gewährt uns durch die noji erhaltenen Uurer.
Entwürfe, Umrißzeichnungen und Detailstudien einen deutlichen Einblick m
das vorbereitende Schatten eines gewissenhaften Künstlers. Die Studien L. 173,
234, 241, 242, 475, 476 geben sowohl für die Haltung der Figuren, als auch für
die Arme und Hände eine bestimmte Entwicklungsreihe (Abb. 130- und 1S8).
' So Pergamentzeichnungen von Gillis Sadcler, Jan Wierix. Goltims.
" Pierpont Morgan. A. P. 1177. L. 173. Bisterleder. 35-3 X 364 cm.
Mcdcr, Die I Uniizeichnung.
354
Kompositionszeichnungen.
Radier^
vorlagen.
Abbildung 150 zeigt den Abschluß der Komposition, aber noch ohne Land*
Schaft. Die verkehrtseitige Griffbewegung (Eva) und Linksschattierung beider
Gestalten werden im vorhinein berücksichtigt. Der Albertina :? Probedruck
(Abb. 131) enthält noch teilweise die streng aufgepausten und mit dem Stichel
nachgezogenen Konturen. Den besten Beleg, vielleicht den einzigen aus jener
Zeit, für eine bis zur Übertragung vorbereitete, aber nicht zur Ausführung
gelangte Komposition bildet
der sorgfältig gearbeitete,
aus vielen verschiedenen
Elementen zusammengesetzte
Federumriß Dürers in Winds
sor (L. 389). Die beiden
mysteriösen Worte: pupila
augusta erscheinen bereits
in Spiegelschrift (Abb. 132).^
Von Porträts abgesehen,
haben sich wenig Stichs
Zeichnungen der Malergras
phik erhalten. Sie gingen
wohl während der Arbeit
zugrunde und vielleicht
hat der genannte DürersRiß
seine Konservierung der
Nichtausführung zu ver*
danken. Aber nicht jede
mit einem Stich scheinbar
übereinstimmende Zeich*
nung darf als Vorzeichnung
gelten, wie z. B. Dürer «Die
Gerechtigkeit» (L. 203), die
nach dem Stiche B. 79 von
fremder Hand kopiert wurde. Das Kapitel: Kopieren nach Zeichnungen und
Stichen (S. 254) hat diese erzieherischen Übungen zur Genüge hervorgehoben.
Erst die virtuose Radierung, das freie Ausleben des Griffels auf der
harten Platte, ermöglichte im Prinzip den Verzicht auf eine Vorzeichnung.
Trotzdem gehen auch hier vielerlei Kompositionsskizzen, figürliche oder land*
schaftliche Anhaltspunkte, mitunter selbst eine wohldurchdachte Vorzeichnung
voraus. Sogar Dürers oder Rembrandts strichsichere Hand versagte sich nicht
eine Gesamtanlage oder Details mit der Feder. Von letzterem weist Hofstede
de Groot für 32 Radierungen Vorstudien nach.^ Aber auch hierin haben
Zeit und Werkstatt gründlich aufgeräumt. Zu dem fast 1500 Blatt umfassenden
CallotsWerk haben sich verhältnismäßig nur geringe zeichnerische Reste erhalten.
-jja^ii
Abb. 130. Dürer, Vorzeichnung zu Adam und Eva.
' Meder. Neue Beiträge zur Dürer.Forschung, Jahrb. d. kh. S. d. Kh. XXX, S. 218. -
Weisbach, Der junge Dürer, S. 53.
* Hofstede. Handz. Rembrandts, S. XX f.
Kompositionszeichnungen.
335
Eine Übergangsgruppe bilden jene von Malern für Berufsgraphiker ge.
schaffenen Erfindungen, die teils eine gewisse Ausführung, teils nur flüchtige
Entwürfe aufweisen. Frühzeitig lag den Künstlern selbst daran, ihre Komposi.
tionen in Stichen zu veröffentlichen,' häufiger arbeiteten sie für Verleger. -
Der Höhepunkt des Illu;
strationszeichnens fiel in das
18. Jahrhundert Frankreichs
(Gravelot, Cochinfils, Eisen,
J. M. Moreau, Gabriel und
Augustin de Saint Aubin,
Monnet, Queveredo).
Der reiche Holzschnitts
betrieb in Deutschland
setzte gleicherweise Skizzen
und pausfähige Zeichnuns
gen seitens eines Künstlers
voraus. Es mag im 15. und
16. Jahrhundert wohl üblich
gewesen sein, daß Inhaber
von Druckereien der Kürze
halber die Illustrationen di;
rekt auf die kleinen Holz*
Stöcke zeichnen liefkn (zu
entwerffen uff eyn bret, zu
eynem drucke uss zu ste*
chen),-' in der Weise, daf^
die schlichten Konturen
auf dem leicht gekreideten
Grund entworfen und dann
mit der Feder ausgeführt
wurden.^ Aber gewif^ wurde
jede gröfkre oder bessere Zeichnung erst durch Pause oder l'mdruck auf den
Stock übertragen und dann ausgezogen, schon aus dem Grunde, weil der Holz;
Schneider klare Konturen, frei von allen irreführenden Pcntimenten, verlangte.
Abb. 131. Dürer, Probedruck der Albertina.
' Die Beispiele sind zahlreich. KaHacl hatte in Marcanton seinen Stecher, der, wie
Kristeller nachgewiesen, die Zeichnungen des Meisters frei umgestaltete (Jahrb. d. pr. Ks.
XXVIII, S. 199 B.). Bandinelli zeichnete für Agostino \'ene:iano (N'asari, \'ita Handineili).
Rubens und \'an Dyck beschäftigten einen ganzen Stecherkreis. Cicrne gaben Künstler
Zeichenschulen heraus, z. B. Annibale Carracci: Diverse figure al numero 80. Roma 1646.
* Hs lag im Interesse der Verleger, gute Namen auf ihren publizierten Blättern zu
haben, und es darf daher nicht wundern, wenn sie immer neue Aufträge zu ganzen
Serien an bekannte Künstler erteilten. Der rührige Mieronymus (Jock bestellte 15s7--I560
bei Pieter Brueghel d. A. die Folge der Tugenden und Todsünden. Für denselben Ver«
leger zeichneten fleemskerck. Märten de Vos.
=• Zülch, Martin Caldenbach. Rp. f. Kw. XXXVIII (N. F. III. 1S4).
* Hierher gehören die Ilulzstöcke aus der Bergmannschen Ofhzin (Basel). — Ferner der
bezeichnete Ilolzstock von Altdorfcr v. J. 1512 in München (Sturge. Moore. Altdorfcr. T. 3).
23*
Künstler-
vorlagen.
Holzschnitt»
entwürfe.
356 Kompositionszeichnungen.
Clairobscur; Je mehr sich die graphischen Techniken zeithch entwickelten, desto mehr
Holz; gingen Vorlage und Ausführung auseinander. Man bemerkt dies deutlich bei
sc nitte. jg^ ClairobscursHolzschnitten. Während die deutschen Vorzeichnungen
des 16. Jahrhunderts wie z. B. Urs Grafs Zeichnung «Teufel mit Weib» von
1513 (Basel, U 10, 42) durch verkehrtseitige Schattenanlage und umgekehrte
Schrift noch auf die Reproduktion Rücksicht nahmen, war dies bei groß*
flächigen italienischen Zeichnungen (Parmegianino, Salviati, P. Farinati) nicht
mehr der Fall, so daß Holzschneider wie Andrea Andriani, Ugo da Carpi,
Gian. Bologna alle drucktechnischen Erfahrungen besitzen und sich die rieh*
tigen Tonwerte und verschiedenen Druckstöcke selbst bestimmen mußten.^
Ebenso hatten sich auch Stecher die freie Ausdrucksweise ihrer Vorlagen
erst nach vorgenommenen notwendigen Änderungen für ihre Zwecke zurecht?
zurichten. Schon die mit dem Pinsel getuschten Schattierungen erforderten
beim Übertragen ins Lineare eine wohlberechnete Umformung. Van Dycks
Porträtentwürfe zur Ikonographie in Kreide oder gar grau in grau auf Holz*
tafeln setzten gewandte Graphiker voraus.
Berufs; -L'ie große Anzahl der Kupferstichzeichnungen verdanken wir den Berufs*
Stecher. Stechern; ein fast unübersehbares Stoffmaterial von den verschiedensten Quali*
tätsabstufungen, je nachdem sie selbständige Studien, eigene Erfindungen oder
schablonenhafte Nachzeichnungen nach aflerlei Vorbildern enthalten. Nicht
immer begegnet uns darin die kleinhche, hnear saubere Manier, wie es das
Professionsmäßige mit sich brachte und wie wir es z. B. bei Porträtvorlagen
von Goltzius und dessen Zeitgenossen beobachten.
Wir finden im 18. Jahrhundert viele freie künstlerische Entwürfe von
frischer Empfindung, die sich kaum von Malerzeichnungen unterscheiden
würden, wenn nicht, wie bei Porträtzeichnungen, allerlei Aufschriften, Lebens*
daten, ovale Umrahmungen mit allegorischem Beiwerk und Wappen sie kennt*
lieh machten. Besonders in Frankreich lassen sich zeichnerische Meisterstücke
auf blauem Papier in schwarzer und weißer Kreide und in weiterer Entwick*
lung aux trois crayons auf lichtbräunlichem Ton finden.
Illustrations; Leichter erkenntlich sind jene seit Claude Gillot aufgekommenen Illu*
Zeichner. strationszeichnungen für Prachtwerke, die in J. M. Moreau, H. F. Gravelot,
Gh. Eisen, P. Ph. Choffard, C. Mariliier, Debucourt, Le Barbier erfindungs*
reiche und geschmackvolle Vertreter fanden. Wiewohl selbst Stecher und
Radierer, verlegten sie sich mehr auf das Zeichnen als auf das mühsame
Stechen und überheßen die Ausführung geschickten Gehilfen.^ Meist sind es
mit spitzem Rötel ausgearbeitete handgroße Blättchen mit angedeuteten Legen*
den, die in Sammlungen bald als Originale, bald als Contreepreuves auftauchen,
da sie bei ihrer Benützung durchwegs abgeklatscht wurden.
Auffallend zahlreich erhalten sind jene von den reproduzierenden Stechern
herrührenden Vorarbeiten, die alte Sammlungen wie ein Unkraut überwuchern
' Zeichnungen dieser Art sind heute sehen, und von ihnen wohl zu unterscheiden
sind die häufiger auftretenden Kopien von ClairobscursHolzschnitten.
'' Lippmann, Der Kupferstich, 3. Aufl., S. 184.
Kompositionszeichnungen.
33/
v$^'
r
i^
^■■•^
Abb. 132. Dürer, Vorzeichnung zu einem nicht ausgeführten Stich.
und Jahrhunderte hindurch sogar Anspruch auf Künstlernamen erhoben, nach
deren Gemälden sie kopiert worden waren. Trotzdem unterscheiden sie sich
wesentlich von den bereits besprochenen durch die glatte, häuHg empfindungs«
lose Mache, die nur darauf ausging, ein Gemälde, eine .Skulptur kontur« und
flächengetreu wiederzugeben. Wichtiges und Unwichtiges, X'ordergrund und
Kcproduzie»
rcndc
Stecher.
358
Kompositionszeichnungen.
Merkmale.
Feder;
Zeichnungen.
Hintergrund erfuhren die gleiche Behandlung. Draperien erfreuen sich einer
besonders feinen, gleichmäßigen Durchführung. Der Ausdruck der Gesichter
wird flach, sie gleichen in vielfigurigen Kompositionen einander wie jene
von Geschwistern. Wenn wir erstaunen, zu welch plastischer Klarheit und
glanzvoller Technik die darnach gearbeiteten Stiche sich oft erheben, so muß
daran erinnert werden, daß die Durchführung auf der Platte durch fortwähren*
des Vergleichen mit dem Original, oft unter den Augen der Künstler erfolgte.
Neben dieser sich auf alle Teile
gleichmäßig erstreckenden Behand=
lung findet man noch allerlei Merk*
male, so die Gegenseitigkeit. Man
unterzog sich bei Kopien nach gro#
ßen Gemälden der schwerfälligen
Prozedur des Spiegelzeichnens , durch
den Spiegel', um eine negative
Vorarbeit zu erhalten. Einfacher
freilich war die Zeichnung im richti*
gen Sinne in Kreide oder Rötel,
welche hinterher abgeklatscht wurde.
Die größte Anzahl der Kupferstich*
Zeichnungen ist originalseitig. Die
Schwierigkeiten einer genauen Ko#
pie, zumal nach Deckenbildern, waren
ohnehin bedeutende und die Ver*
kleinerung, die Umsetzung der far*
bigen Tonwerte erheischten allezeit
einen gewandten Zeichner. Weitere
Kennzeichen sind Griffelspuren in
allen Hauptlinien bei gleichzeitiger
Bedeckung der Rückseite mit Gra*
phit, Kreide* oder Rötelstaub, ge*
griffelte oder mit Stiften gezogene Netze und selbst Pauselöcher. In der fran*
zösischen Schule des 18. Jahrhunderts, wo man auf eine sorgfältige Zeichnung
in Kreide oder Rötel hielt und dieselbe auch nicht gerne der Zerstörung preis*
geben wollte, klatschte man sie einfach mittels Pressendruck auf den weißen
oder schwarzen Grund der Kupferplatte ab. Solche Zeichnungen, matt und
flau im Strich, der stofflichen Frische beraubt, sonst aber wenig versehrt, tra*
gen außerdem in der Mitte des oberen und unteren Randes kurze vertikale
Griffellinien (Passerlinien). Man findet letztere häufig auf Porträtzeichnungen
in Kreis* oder Ovalform. ^
Vorlagen, mit der Feder ausgeführt, offenbaren bereits alle Exaktheiten
graphischer Linienführung (Parallelstriche, Kreuzlagen, Häkchen). Besonders
charakteristisch ist die partienweise Flächenbehandlung in Punkten.^
' Z. B. Bildniszeichnung des Jean Law von G. F. Schmidt, Albertina 4259.
* Belehrende Beispiele bietet Jan Wierix, dessen aufs feinste gearbeitete Federzeich*
nungen auf Pergament uns in vielen Sammlungen begegnen.
Abb. 133. P. Pontius, Philipp IV. Stich»
Zeichnung nach Rubens.
Kompositionszeichnungen.
359
Meister des reinen Linienstiches bringen ihre virtuose Technik oft schon m
der Vorzeichnung prunkend zur Schau, eine Manier, zu welcher Deutsche,
Holländer und Vlämen bis Ende des 17. Jahrhunderts besonders neigten.
Die Rubens^Stecher liefern häufige Belege (Vorstermann). '
Die in alten Sammlungen noch zahlreich auftretenden, mit dem Tuschpinsel Tuschier.
gearbeiteten Kupferstichzeichnungen waren besonders im 17. und 18. Jahrhundert manier.
beliebt. Man lavierte die
Flächen gleichmäßig und mar*
kierte einzelne Partien mit
der Feder. Ein Beispiel die?
ser Art gibt Abbildung 133
unter Beilage der Stichrepro?
duktion (Abb. 134) von dem
Rubens^Stecher Pontius.^ Die
Zeichnung wurde nach dem
in München befindlichen
Originale angefertigt. Der
Stich dagegen, der Kinn?
und Schnurrbart zeigt, stellt
den zweiten Zustand der
nach der veränderten Phy?
siognomie umgearbeiteten
Platte dar.
Viele benützten blaues
Papier, um die sorgfältige
Tuschlavierung auch mit Lieh*
tern ausstatten zu können.
Wahre Muster von derarti*
ger Korrektheit gewähren
die Stecher Drevet nach
Rigauds Bildnissen (Alber?
tina). Die große Masse aber
begnügte sich mit schleu?
derhaft angelegten Tuschierungen. Ausnahmsweise finden sich im IS. Jahr?
hundert en grisaille in Ol auf Papier gemalte Vorstudien.
Eine besondere Gruppe von graphischen Vorarbeiten bilden jene für die Nach Hand«
Reproduktion alter Handzeichnungen bestimmten Federübungen. Sie Zeichnungen,
sind selten, da in der Regel die Originale, selbst erster Meister, in rücksichts?
loser Weise einfach auf die Platte gepaust wurden. Geschickte Stecher um?
gingen im Bewufksein ihrer Fertigkeit dieses rohe Verfahren und erwarben
sich vorher die jeweilige Strichmanicr eines Meisters. Bartolozzis derartige
Abb. 134. Pontius, Der ausgeführte Stich.
' Auch Crispin de Passe.
* Albertina Nr. 8739, rechtseitig mit dem Hilde und in Größe sich mit dem Stich
deckend, zeigt Griftelspurcn, Rückseite nicht bestaubt; 37 X 27 cm. In derselben Samm;
lung auch das Gegenstück, die königl. Gemahlin lilisabeth von Hourbon. — Sthncevogt,
Catalügue des Hstampes gravees d'apr^s 1'. P. Rubens, S. 173. — Rooscs. Rubens IV, Nr. 1025.
560
Kompositionszeichnungen.
Übungen nach Guercinos Federzeichnungen besitzen eine solche Frische des
Schwunges, daß sie leicht zu Irrtümern führen konnten. Sie zeigen weder
Griftellinien, noch sonst ein Zeichen ihrer Bestimmung und gelten häufig noch
als Originale des Bolognesen (Abb. 135).^
Abb. 135. F. Bartolozzi, Pasticcio nach Guercino. Feder. Albertina.
Wert» Der Wert der Kupferstichzeichnungen steht heute, wie die Auktionen er*
Schätzung, weisen, nicht besonders hoch, es sei denn, es handle sich um Meisterzeich*
nungen. Gerade die kleinen, feinen Federarbeiten, die mit spitzer Kreide
granierten Blätter oder die glatten Tuschlavierungen wurden einst von Samm*
' Albertina, Inv.^Nr. 1389; 21 x 17 cm.
Kompositionszeichnungen. 561
lern sehr begehrt. Schon Aldegrevers Zeichnungen der Herkulesfolge, «der
Tugenden und Laster samt vielen dergleichen Historien», in einem Buche ver;
einigt, wurden von dem schwedischen Gesandten Spiring im Gravenshag «theuer
erkaufft und, ungefähr in 60 Stück bestehet, mit der Feder schrafiert, ohne
Zweifel für die Modellen, so aber bäfkr als die Kupfer selbst geachten»
(Sandrart, T. A. I, 244). Goltzius' und Jan Wierix' Federkunststücke auf
Pergament, erstere übermäßig groß, letztere miniaturartig klein, bildeten be*
gehrenswerte Blätter für manche Raritätenkammer (S. 45). Die durch ihre
Eleganz und Präzision sich auszeichnenden Porträtzeichnungen der Kupfer?
Stecher Drevet (Pierre Vater und Sohn und Claude), meist nach H. Rigaud,
wurden als Rigaud verkauft. Indessen können solche zeichnerische Vorarbeiten
auch durch den Gegenstand oder die dargestellte Person ein gewisses Interesse
abgewinnen, besonders dann, wenn die Gemälde verloren gegangen,^ oder
durch ihre geschmackvolle Ausführung, wie sie die im 18. Jahrhundert in
Frankreich aufblühende Illustratorenschule in Darstellungen zu alten und zu
neuen Klassikern, Gedichten, Erzählungen und Romanen, zu Almanachs,
Trachten? und Sittenbildern darbot.
d) Bildhauerzeichnungen,
Ausgesprochene Bildhauerzeichnungen bedeuten für einen Sammler eine Allgemeines,
seltene Sache, denn es lag in der Natur einer zielbewußten Arbeitsweise, die
Projekte durch Modellieren klarzumachen. Cellini spricht den Erfahrungs?
satz aus, daß ein noch so schön mit allen Maßen und aller Grazie gezeich?
netes Objekt, etwa eine Vase, ins Plastische übertragen, ein Werk ergebe, das
weit von der Anmut der Zeichnung entfernt sei, ja sogar falsch und unver?
ständlich erscheine.- Die Profilierung einer Ansicht genügt zur Not der
Feststellung der Idee, aber nicht zu deren Durchführung nach allen Seiten hin,
es sei denn, daß es sich um Reliefs handelt, deren figuraler Aufbau sich
gleich einem Bilde frontal abwickelt.
Nur aus den sorgfältiger ausgeführten Bestellungszeichnungen zu öffentlichen
Monumenten oder privaten Aufträgen," aus Resten gedanklicher Notizen oder
Werkzeichnungen gewinnen wir eine Vorstellung von der kompositionellen
Aussprache, die mancherlei Rückschlüsse auf die Vorarbeiten und auf die Mit?
hilfe der Feder gestatten. Dabei kommt der Umstand nicht wenig in Betracht,
daß zeichnerisch veranlagte Malerbildhauer oder auch Maler uns Entwürfe
hinterlassen haben, aus denen sich zwar bestimmte Forderungen der Zeiten
' Z. B. Kupferstecherzeichnung nach Giov. B. Tiepolos verloren gegangenem Bilde
(München); vgl. Sack, Tiepolo, Abb. 143.
* Cellini an Benedetto Varchi, 28. Juni 1546 (Guhl I, 348).
' Alte Verträge mit Bildhauern verlangen ausdrücklich zeichnerische Vorlagen, so in
der Abmachung zwischen Giac. della Quercia und dem Legaten von Bologna vom
28. März 1425: in su la forma, che appare per im c/i'se^no fatto di sua mano. e sottoscrittc
di sua propria mano (Milanesi, Doc. Sen. II, 125) oder zwischen Michelangelo und Andrea
und Giac. Piccolomini vom 15. September 1504 über 15 Marmorfiguren (ibid. III, 21):
sia obligato quelli in prima designiare in uno foglio, accio si vega panni. gesti et nudo se
li richiede.
362
Kompositionszeichnungen.
ableiten lassen, die aber infolge der verschiedenen Auffassungsweise vor ihrer
Durchführung noch mannigfache Veränderungen erfahren mußten.
Gotik. Bildhauerzeichnungen der gotischen Zeit gleichen noch völlig Bildzeichnungen.
Der Grund lag teils in der allgemein üblichen linearen Formengebung, teils in
dem leichten Übergang von einem Beruf zum andern. Die in Orvieto, Berlin
[Abb. 136. Sienesische Bildhauerzeichnung zu einer Kanzel. Berlin.
und im British Museum aufbewahrten Reste von der Hand eines Sienesen des
14. Jahrhunderts für eine projektierte Domkanzel in Orvieto geben in der
architektonischen Gliederung, in dem sorgsam durchgearbeiteten Detailschmuck
ebensosehr den Charakter einer Architektur* oder Bildhauerzeichnung, wie in
den vielfigurigen Reliefdarstellungen der Füllungen die Auffassung einer
damaligen Freskokomposition (Abb. 136).^ Ein Wandentwurf Giottos konnte
* Vas. Sog. 1, 23, 23», 24. 25 und Z. a. M., Berlin, Taf. 1, Federzeichnung auf Perga.
ment. Fragment. 248 x 248 cm. — Von Siren einem sienesischen Bildhauer (Maitani)
zugeschrieben: Jahrb. d. pr. Ks. 27, S. 208, n. 1.
Kompositionszeichnungen.
365
auch nicht anders ausgesehen haben. Technisch nicht viel fortschrittlicher
treten noch bis ins 15. Jahrhundert vereinzelte Aufrisse von Marmortabernakeln' RenaissAnce.
und Wandgrabmälern'- mit Figuren und Ornamentierung auf, sowie von Nischen*
heiligen und Lünettenfüllungen. Das
Reliefartige fmdet als solches
noch keinerlei besondere Andeu?
tung, oft nicht einmal durch eine
schräge, gleichmäßige Abschattie*
rung des Hintergrundes, wie es
2. B. bei Bandinelli und anderen
später eintritt.' Umrahmung und
Füllung wickeln sich noch gleich?
wertig und monoton ab. Erst die
Zuhilfenahme des Pinsels ergibt
eine gewisse Tiefenwirkung. Leo*
nardo läßt in seiner Auseinander*
Setzung zwischen Maler und Bild*
hauer letzteren sagen: Das Basrelief
sei eine Art von Malerei. Er selbst
bestätigt dies hinsichtlich der zeich*
nerischen Umrisse, da es sich der
Perspektive bedienen müsse (§ 40).
Eine wesentlich andere Behand*
lung bedingt die Vollfigur. Ent*
würfe und Reinzeichnungen arbei*
ten auf das eine Ziel los, die vor*
teilhafteste, klarste und wirksamste
Vedute mit oder ohne plastische
Wirkung aufzufinden. Die Umge*
bung ist mitbestimmend. Antonio
Pollaiuolos Entwurf zu einem Reiter*
denkmal Francesco Sfojzas (Mün*
chen)^ führt uns schon in den neuen
Stil ein. Sowohl das gesteigerte Aus*
maß (Folio), als auch die scharf um*
schreibende Federtechnik und der
dunkel abgedeckte Hintergrund kenn*
zeichnen die neuen Postulate von
Silhouettenwirkung und Plastik.
Mit Leonardos mehrfachen Entwürfen zu seinem Reiterdenkmal (Abb. 46)
setzt das Aufgeben der vollendeten Zeichnung ein. An ihre Stelle tritt das
Vollplastik.
Abb. 137. Michelangelo, David. Bildhauerskizze.
Leonardo.
* Tabernakelentwurt mit zwei knienden Hngeln von einem Florentiner Meister um
1500. Fairtax.Murray, Taf. 8. Feder, laviert.
» Fairfax^Murray. Taf. 81. ' Entwürfe zu Reliefs. I.ouvre. Br. 6-9.
* München, Handz. altci Meister 1888, Lfg. V. Nr 89. - Vas, Mil. III. 297. - Bcrcn.
son II, Nr. 1908.
564
Kompositionszeichnungen.
Michel»
Angelo.
unermüciliche Studium nach der Natur, der sich korrigierende und Leben
suchende Kontur.. Aber stets bleiben Breitenansicht und Herausarbeitung einer
wirkungsvollen Hauptsilhouette das geltende Prinzip. Die ihm gut dünkende
Haltung erhält mit der Feder die endgiltige Form und zur Verstärkung eine
gleichzeitige Abschattierung des Hintergrundes (Richter II, T. 69). «Der Bild?
d^^ ^ ^^^
^,
I !
\
'^
Abb. 138. Michelangelo, Apostelfigur. London.
hauer sucht nur die Linienzüge (lineamenti) auf, die den plastischen Stoff
umgeben, der Maler bestimmt die gleichen Linien, doch in Verbindung mit
Schatten und Licht, Farbe und Verkürzung» (Leonardo, § 39).
Weit anders erscheinen Michelangelos Entwürfe, lockere skizzenhafte
Federzeichnungen nach der wohlüberlegten Aktpose (Abb. 137).^ Statt des
Profiles schon eine gegensätzliche Vierteldrehung von Ober* und Unter*
Aus Frey, Handz. Michelangelos, Taf. 24, Feder. Verlag J. Bard, Berlin.
Kompositionszeichnungen.
365
körper zur vollen Entfaltung allseitiger Ausladung. Wiewohl die Figur des
David als Standbild gedacht ist, enthält sie in dem vorgeschobenen rechten
Bein und dem zurückgeworfenen Oberkörper gleichzeitig Momente der Be*
wegung und Ruhe, zurückgehaltene Erregung. Die Symmetrie des Umrisses
und die Klarheit der Silhouette ist aufgegeben, die Forderungen der Barocke
haben sich geltend gemacht. Dabei ist die Figur nicht erfunden, sondern
direkt nach seinem wiederholt verwendeten, auch hier an der vortretenden
Stirne leicht erkennbaren Modelle gezeichnet.
Ähnlich ein zweiter Fall einer drapierten Apostelfigur (Abb. 138 rechts),
von der er zuerst einen Frofilkontur versuchte (links), um ihn sofort wieder
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^1i^ M-«TVV-
Abb. 139. Michelangelo, Modell mit den Hauptmalkn für den Marmorblock.
aufzugeben und in einer Verbesserung seine Absicht zu erreichen. Abermals
ist die Achse etwas gedreht worden, um die ProHlansicht zu verschieben und
damit einen bewegten Umriß zu erhalten.' Daß Michelangelo außerdem noch
mit der Feder streng durchgeführte Teilstudien schuf, wie z. B. zum Minerva*
Christus (Frey I, 36 und 37), war nur die weitere Folge seines intensiven
Strebens, sich die menschlichen Formen in ihrem Knochen^ und Muskeigcfüge
außer durch Modellieren auch zeichnerisch klarzumachen. Gleichen dieselben
auch jenen zu seinen Bildern, so bleibt die bildhauerische Absicht doch unvers
kennbar; sie sind für seine Zeit unmalerisch, meiden alles Verschwommene und
betonen in der gespannten Muskulatur, in den großen Verhältnissen der Glieder
die plastische Wucht. Niemand denkt bei diesen Zeichnungen an Farbe.
• Aus Frey. Taf. 13 (Verlag J. Bard, Berlin). Text S. 9: aus der Zeit von 1503-1505.
nicht für die unvollendete Matthäustigur. Feder.
366
Kompositionszeichnungen.
\Verk= In das Gebiet der Bildhauerzeichnung fallen auch jene nach der Fertig*
leichnung. Stellung der Modelle zurechtgelegten und mit Maßzahlen versehenen Skizzen,
die den Zweck hatten, erstlich bei der Größenberechnung des Marmorblockes
und dann bei der Bearbei*
tung desselben dem Gehil*
fen als Richtschnur zu die*
nen. Eines dieser seltenen
Beispiele finden wir gleich*
falls bei Michelangelo für
die nach dem Tonmodelle
von zwei Seiten gezeichnete
Figur einer Flußgottheit
(Abb. 139). 1
Barocke. \^yMiif^^iiP^''^( iß /'\k Je weiter herauf in der
Barockzeit, desto häufiger
erscheinen die Entwürfe, oft
in drei bis vier Variationen
mit Klebeänderungen, Archi*
tekturaufrissen und Grund*
rissen. Objekte und Figu*
rales werden nicht mehr in
trockenen Konturen darge*
stellt, sondern schon in male*
risch gehaltenen Lavierungen
mit kräftigen Kontrasten zur
Wirkung gebracht. Inter*
essante Beispiele bieten die
Vorlagen L. Berninis für
Fontänen,^ oder für die Auf*
Stellung des ägyptischen
Obelisken auf der Piazza
Minerva in Rom,^ oder für
Grabmäler* und Altäre.
Der technische Unter*
schied zwischen Bild* und
Skulpturzeichnung erscheint
um diese Zeit abermals auf*
gegeben, es sei denn, daß uns in den letzteren der Mangel jedes Hintergrun*
des auffällt. Weil viele Bildhauer sich bei Malern Rat und Anleihe holten,
offen und geheim, eigneten sie sich auch deren Zeichnungsmanier an, so daß
Abb. 140. Amberger, Chlodwig^Figur. Dresden.
' Brit. Museum, Feder; aus Frey, Taf. 60 (Verlag J. Bard, Berlin).
' Voß. Berninis Fontainen, Jb. d. pr. Ks. 1910, S. 90. - Böhn, Bernini, 1912, Abb. 35.
Ibid., Abb. 65-67, Zeichnungen in der Bibliothek Chigi in Rom.
* In Berninis Entwürfen für das Grabmal Urbans VIII., Alexanders VII. und die
Cattcdra d. S. Pietro in der Feterskirche (Windsor) sind Skulptur und Architektur gleich:^
mäßig behandelt, mit Maf^stab versehen. Abb. im Archiv f. Kunstgesch., Taf. 159-160.
Kompositionszeichnungen. 367
die Festlegung der Gattung mitunter recht schwer fällt. Selbst Bildschnitzer
wie der Belluner Jacopo Brustolon (f 1709) hatten sich einen flotten Umgang
mit dem Waschpinsel angeeignet.^
Nach dem Eindringen der Renaissance in Deutschland wurde es allgemein Deutschland.
Brauch, sich mangels zeichnerisch geschulter Bildhauer von Malern mit Entwür*
fen versorgen zu lassen. Holbein d. Ä., Dürer, Burgkmair, Amberger, Hans
Traut, Jakob Barbari, Wolfgang Katzenheimer befaßten sich mit solchen Aus*
hilten. Das Fehlen großer, vielseitiger Aufgaben, wie sie öffentliche Bauten
mit sich bringen, ermöglichte nicht ein ähnliches Aufgehen in allen Künsten
wie in Italien. Fälle wie die Münnerstädtischen Tafelbilder, die dem Bilds
Schnitzer Veit Stoß zugesprochen werden, sind nicht überzeugend erwiesen.*
Und wenn sich Dürer in kleinen Plaketten versuchte, so will dies nur eine
bescheidene Ausnahme bedeuten. Tatsächlich vielseitig war Mich. Fächer.
Die von Malern ausgegebenen Zeichnungen brachten nur die Gesamtanlage. Amberger.
Die detaillierte Durchbildung erfolgte erst von den Bildschnitzern selbst, die,
wenn es sich um Abgüsse handelte, zunächst das Tonmodell zu besorgen hatten.
Daher auch allerlei der Ausführungstechnik wegen angebrachte Abänderungen.
So weist Ambergers «gestellte Visierung des Kunigs Chlodolphus», für die er
10 Taler erhielt,^ gegenüber der vollendeten Skulptur wesentliche Verschieden*
heiten auf (Abb. 140).
Daß für den entwerfenden Künstler, wie bereits hervorgehoben, immer nur
die Hauptansicht, ,der Ruhepunkt für den Beschauer' maf^gebend war, davon
überzeugen uns Gilg Sesselschreibers und Christoph Ambergers Figuren*
risse zu dem Innsbrucker Maximiliandenkmale aus den Jahren 1510 — 1548.
Weil der um den Sarkophag wandelnde Beschauer die ehernen Standbilder
nur von vorn sehen konnte, wurde auch im Entwurf schon eine frontale Auf*
fassung gegeben.*
Und ebenso läßt sich auch die alte Vorschrift der Herausarbeitung der
Profilstellung, wenn die örtliche Lage es bedingte, sowie die Abdunkelung
des Hintergrundes zur Steigerung des Formenkonturs, wie es Leonardo formu*
liert hatte, für Deutschland nachweisen. Hans Burgkmairs Entwurf zu Jörg
Erharts Reiterfigur Kaiser Maximilians I. um 1510 (Wien, Hofbibliothek)-' bietet
' Den Hinweis auf einige Photographien nach dem Klebeband in Belluno, Museo
civico, mit äußerst geschickten Entwürfen des Meisters verdanke ich Herrn O. R. von
Kutschera = Woborsky.
* B. Daun (Veit Stoß, Lpz. 1906. S. 51) teilt sie ihm zu. Neudörtter berichtet, daß dieser
Bildhauer «des Reissens. Kupferstechens und Mahlens verständig gewest ist» (S. 25).
^ Der Gießer Gregor LöfHer hatte die Zeichnung Mitte Juli 1548 von Augsburg nach
Innsbruck geschickt erhalten und nennt ausdrücklich Ch. Amberger als Zeichner. Schön»
herr. Gesch. d. Grabmals Kaiser Max 1. und der Hof kirche zu Innsbruck (Jahrb. d. kh. S.
d. Kh. XI. S. 140. 196 u. 200, S. 173 u. 191).
* Davon bilden 30 Stück von G. Sesselschreiber den Kode.x 8329 und 7 Stück Ambergers
den Kodex 8007 der Wiener Hofbibliothek; die Zeichnung König Chlodwigs in Dresden
(Publikation. Mappe III, Taf. 3). Lavierte Feder.
' Ludwig von Baldass. H. Burgkmairs Entwurf (Jahrb. d. kh. S. d. Kh. XXXI, S. 339). -
Georg Habich. Das Reiterdenkmal Kaiser Maximilians I. in Augsburg (Münchner Jahrb.
d. b. K. 1913. S. 255).
368 Kompositionszeichnungen.
dafür einen Beleg, gleichzeitig aber auch für die Gewandtheit eines Malers,
derartige Aufgaben mit Erfolg zu lösen.
Bildhauer- Neben Malerentwürfen haben sich auch richtige deutsche Bildhauerzeichnun^^
entwürfe, gen erhalten, so von Peter Vischer d. A. (Wien, Akademie) ^ und dessen Söhnen
fiermann (Louvre)^ und Peter (Weimar).^ Neudörffer rühmt an beiden letzteren
die Kunst ihrer Visierung. ^ Außerdem dienten deutschen Bildhauern, wie bei
P. Vischer oder Riemenschneider nachgewiesen, Stiche als Vorlagen, die in
freier Weise Verwendung fanden. ^ Die Feder besorgte allzeit den Umriß, eine
bescheidene Lavierung gab die Plastik. Finden sich streng mit dem Pinsel
durchgearbeitete Zeichnungen wie z. B. für einen hl. Antonius (Basel), den
man mit einer Skulptur in Kolmar in Zusammenhang bringen will, so handelt
es sich nur um fleißige Kopien nach der Plastik.*'
Aka- Die strenge Handhabung akademischer Regeln beeinflußte in nicht geringem
demischer Maße die Bildhauerzeichnung. So wie das Gemälde wurde auch die Skulptur
Brauch, schrittweise und mühsam vorbereitet und erforderte ihre Teilstudien. War das
Tonmodell akzeptiert, erfolgte das exakteste Durchzeichnen der Pose nach dem
lebenden Modell, und zwar von allen Seiten. Die schon von Cellini über*
lieferte Forderung, daß jede gute Skulptur acht gute Ansichten haben müsse,
fand ihre Neubelebung (Guhl I, 347). Diesen Brauch erkennen wir in einem,
wie es scheint kompletten Beispiel bei Edme Bouchardons «Amor als Bogen*
Spanner» (Louvre), zu dem das Tonmodell, sogar neun verschiedene Rötel*
Studien derselben Stellung und die vollendete Marmorskulptur sich erhalten
haben (Abb. 141).^ Aber nicht jeder mochte seine Aufgabe so gewissenhaft
aufgefaßt haben als dieser zeichnerisch begabte Künstler.
Empire. Wieder völlig verändert erscheint uns die Bildhauerzeichnung zur Zeit der
Klassizisten. Fast alle Innengliederung und Plastik fiel weg, diese bildeten
eine Angelegenheit des Modellierens, und ein fadendünner Kontur, streng und
wohlerwogen, erstrebte das Wesentliche, die Silhouette (A. Canova). Manche
dieser Zeichnungen gleichen farblosen Auszügen aus griechischen Vasenbildern.
So kehrte das ursprünglich lineare Concetto nach der malerisch*breiten und eftekt*
vollen Ausdrucksweise der Barockzeit wieder zur einfachen Form zurück. Nur
in Bestellarbeiten tat man ein übriges und putzte die gesuchte antike Schlichtheit
mit kalten Lavierungen (braun, blau oder schwarz) in sorgfältiger Weise auf.
* F. Dettloff, Der Entwurf zum Sebaldusgrab, Posen 1915.
' H. Weizsäcker, Zwei Entwürfe zum Sebaldusgrab (Jahrb. d. pr. Ks. XII, S. 50 mit
Abb.) - A. Mayer, Die Entwicklung Peter Vischers d. Ä. (Münchner Jahrb. 1913, S. 263).
^ Ruland, Die Schätze des GoethesNational^Museums zu Weimar 1877. Taf. VI.
* Neudörffer, Nachrichten, S. 32 und 33 der QuellenschriftensAusgabe X.
'" W. Vöge, Der Meister des Blaubeurer Hochaltars und seine Madonnen. Monatsh.
f. Kw. II, 1909, S. 19. - H. Stierling: Dürer in der Vischerschen Werkstatt. Monatsh. f. Kw.
VIII, 366f.
'' Schweizer Handzeichnungen III, Taf. 47: Schule von Kolmar. — Societe de Repro^
ductions IV, 1912: Schule von Kolmar, Ende des 15. Jahrhunderts.
Sämtliche im Louvre; Rötel. Siehe Abbildungen:|^Inventaire general illustre des dessins
du Musce du Louvre II, 14, N'^ 885-893. - Alph. Roserot: La statue de .L'Amour' d'Edme
Bouchardon (1739-1750) in: Gaz. d. b. A. 1906, I, 310. - Weitere ähnliche Beispiele des
Meisters im Inventaire unter Nr. 1198-1210, oder 1211-1218, oder 1219-1227.
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Abb. 141. Bouchardon. Sechs Aktzeichnungen und fertiges Model
zu einem Amor. Louvre.
Kompositionszeichnungen.
369
Abb. 142. Pisanello, Naturstudie zur Medaille Alphons I. von Neapel.
e) Medaillen* und Plakettenzeichnungen.
Uie Medaillen* und Plakcttcnzeichnungen, wiewohl selten, landen im all* Italien,
gemeinen von Seiten der Sammler wenig und seitens der Kunsthistoriker erst
Med er. Die Ilandzeichnung. 24
570
Kompositionszeichnungen.
neuester Zeit Beachtung. Als technische Vorstufen erfuhren sie selbst in den
Werkstätten nur eine vorübergehende Wertschätzung und gingen bald zu#
gründe, es sei denn, daß
die Persönlichkeit des Kunst:*
lers oder Dargestellten oder
eine zufällige Ausführung
in Skizzenbüchern die Kon#
servierung veranlaßte. Nach
Pisanello. / - 'l'll^l<*^v'^^*' ^^"^%' \ dem Verfahren Pisanellos,
von dem sich aus letzterem
Grunde alle vorbereitenden
Entwürfe zu einer Alfonso*
Medaille erhalten haben,
müssen wir für jene Zeit
zuerst eine große Profil*
Zeichnung nach der Natur
voraussetzen (Abb. 142),
die dann kompositionell
und entsprechend verkleis;
nert für die Rundform mit
allem notwendigen Beiwerk
umgearbeitet wurde (Abb.
143 und 144). Aber schon
in der Naturstudie herrscht
im scharfen Umriß, in der
seitlichen Beleuchtung und
Abschattierung des Hinter*
grundes längs der Gesichts*
linie der ausgesprochene
Reliefcharakter vor, wäh*
rend die verkleinerten Zeich*
nungen rein kompositionelle
Ziele innerhalb einer Kreis*
fläche verfolgen. Ebenso
hat sich die Vorzeichnung
zu einer Wiederholung der
Medaille : Alfonso alsTrium*
phator et pacificus in dem*
selben Kodex erhalten.^
In ähnlicher Auffassung
mit noch stärkerer Herausarbeitung und Abschattierung der Profillinie erscheinen
die beiden zierlichen Medaillenzeichnungen Maximilians I. und der Maria
Bianca Sforza von dem Bildhauer und Goldschmied Gian Marco Cavalli
Abb. 143.
Pisanello, Umgestaltung der Studie
zur Medaillenform.
* Aus: Les Dessins de Pisanello, Louvre I, T. 9, 35, 38. Feder. - Hill, Pisanello, S. 196,
T. 59; S. 201, T. 60. - B. de Tauzia, Dessins Nr. 1989 A-B und Gaz. de b. A., t. 24, p. 169.
Kompositionszeichnungen.
371
(ca. 1454—1516).^ Diese typischen Kennzeichen begegnen uns auch bei deut*
sehen zeichnerischen Vorlagen, seien sie mit der Feder oder einem andern gra*
phischen Mittel ausgeführt. So im Münchener Kabinett das Profilbildnis von
Jakob Fugger in Kleinformat von einem Unbekannten. -
Anderseits begegnen uns in Sammlungen vereinzelte Porträtköpfe deutscher
Schule mit strenger Profilhaltung, gewöhnlich längs der Silhouette ausge*
schnitten und wieder auf ein neues Blatt aufgespannt. Während man sie
früher als richtige Bildniszeichnungen auffaßte, hat die neuere Forschung fest*
gestellt, daß es sich auch hier um Medailleurbehelfe, um «Visierungen» handle.
Mit Kohle, Kreide oder Rötel nach dem Leben in halber oder dreiviertel
Größe gezeichnet, oft mit Tinte verstärkt und mit Netzen versehen, hatten
auch sie den Zweck, freihändig oder mit dem Pantograph in verkleinertem
Maßstabe auf eine Schiefertafel oder ein
Brettchen übertragen zu werden, um darauf
die Modellierung in Wachs vornehmen zu
können. Eine große Anzahl solcher Visie*
rungen, seinerzeit Albrecht Dürer zuge?
schrieben, bildet eine heute in Berlin, Bam*
berg und Weimar befindliche Serie, als
deren Urheber Adolf Erman den deutschen
Medailleur Hans Schwarz erkannte. Für
einige konnten auch die zugehörigen Me*
daillen nachgewiesen werden.^ Dieser gün*
stigen Lösung harret noch so manche uns
beachtete Profilzeichnung.*
Einen dritten Typus ergeben die franzö*
sischen Medaillenzeichnungen des 18. Jahr*
hunderts, von denen der Louvre eine reiche Auswahl besitzt, so von Louis de
Boullogne^ aus den Jahren 1722—1733 oder von Edme Bouchardon aus
dem Jahre 1741. Technisch weisen sie Kreide und besonders Rötel auf weißem
Papier auf, oder sachgemäßer, Kreide auf blauem Papier mit weißer Höhung,
seltener Tuschlavierungen. Ihr Diameter mißt 18—27 cm. Von den Rötelzeich*
nungen haben sich auch Abklatsche erhalten, die wohl den Zweck hatten, den
Stempelschneidern die gegenseitige Ausführung zu erleichtern.''
Nicht jede Profilzeichnung bedeutet einen Medaillenentwurf. Kupferstecher
eigneten sich gerne diese Auffassungsweise an und stellten Porträtstiche direkt
Abb. 144. Pisanello, Fertige Medaille.
^ Trotz dieses ausgesprochenen Charakters einer Medailleurzeichnung wollte Morelli
darin eine Bildzeichnung des Ambrogio de Predis für die Wiener Porträts erkennen. Mo«
relli, Kunstkrit. Studien I, 240 und Abb. - Schneider, Jahrb. d. kh. S. d. Kh. XIV, S. 187.
- G. Habich, Studien zur deutschen Rcnaissancemedaille, Jahrb. d. pr. Ks. XXVII,
S. 51, Abb. 36. Feder.
' Adolf Erman, Deutsche Medailleure des 16. und 17. Jahrh., Berlin 1884. - Georg
Habich, Jahrb. d. pr. Ks. XXVll, 1906, 30 ff.
* Z. B. zwei weibliche Porträts in der Sammlung des Hans Graf Wilczek, A. P. 462.
445, gleichfalls ausgeschnitten.
* Inventaire gcneral II, Abb. Nr. 1550-1571.
« Ibid. Abb. 1315-1316 (beide Contreepreuves in Rötel).
24*
Deutschland.
Frankreich.
Porträt»
Stiche.
372
Kompositionszeichnungen.
Monoä
chrome
Relief,
entwürfe.
Dürer.
nach Medaillen? oder Plakettenart her. Dürers Varnbüler^Zeichnung in der
Albertina als Vorlage für den Holzschnitt B. 155, oder die Silberstiftzeichnung
im Louvre zum «großen Kardinal» B. 103 bieten solche Beispiele.
Der französische Stecher C. N. Cochin fils zeichnete um 1770 eine große
Anzahl von Profilköpfen französischer Maler in kreisrunder Umrahmung inner?
halb einer viereckigen Platte, eine der Medailleurkunst entlehnte Aufmachung,
die sich im Porträtstich einer großen Verbreitung erfreute. Ab und zu begegnen
uns direkte Kopien nach Medaillen, z. B. eine Federzeichnung Rembrandts
(Berlin) nach einer verschollenen italienischen Medaille des Andrea Doria.^
Iline abgeschlossene Gruppe bilden die in Deutschland und den Nieder?
landen in ausgesprochener Clairobscurtechnik sauber ausgeführten Vorlagen
für Reliefarbeiten in Metall, Marmor, Perlmutter, Holz oder Ton. Schon frühe
Beispiele, wie eine Zeichnung bei Lanckorohski (A. P. 370) : Kavalier und Edel?
dame, um 1450—1470, tragen deutlich das Gepräge einer derartigen Verwendung.
Noch bestimmter lassen sich zwei Entwürfe auf blauer Grundierung (wohl für
Silber) des Jennin Mabuse (A.) als Goldschmiedzeichnungen erkennen.-
Hervorragend sind Vorlagen Dürers, der auch sonst kleinen Reliefaus?
führungen im Sinne von Goldschmiedarbeiten nicht ferne stand. ^ Der Simson?
kämpf (Berlin) und die Auferstehung (A.), beide in feinster Feder? und Pinsel?
technik vollendete Blätter in dunkelgrau von 1510, haben ihre plastische
Gestaltung in den Reliefs der Fugger?Kapelle zu Augsburg gefunden.^ Und
ebenso die eine ähnliche Ausführung bekundenden Bremer Zeichnungen mit den
zwölf Taten des Herkules von 1511 in den zwölf Medaillen des Lobkowitz?
Pokales in Raudnitz. ^ Nach diesen Beispielen zu schließen, dürfte auch die
grüne Passion vom Jahre 1504 oder früher schon das liegende Mädchen von
1501 (L. M. 466), beide Albertina, eine gleiche Bestimmung gehabt haben.
Gerade die erstere gab ob ihrer oft hart erscheinenden Technik Veranlassung
zu manchem literarischen Disput. Vom Standpunkte des Hinweises auf eine
plastische Ausführung würde sich vieles erklären lassen, was sonst Ursache
war, die ganze Folge Dürer abzusprechen. Und welchem Zwecke hätte sie
sonst dienen können? In grau in grau schuf auch Holbein d. J. Goldschmied?
entwürfe, so einen Anhänger oder ein Hauszeichen für die Messerschmiede
(Ganz XIX, 8^ XVI, 10). Noch für die zweite Hälfte des 16. Jahrhunderts
konnte E. W. Braun Beispiele von Clairobscurzeichnungen mit direktem Nach?
weis der Plaketten erbringen." Diese Art zeichnerischer Vorarbeiten scheint
* Hofstede. Jahrb. d. pr. Ks. XV, 178.
* Albertina, Inv. Nr. 7836 Täschchenbeschlag, A. P. 1218 als unbekannter Meister. —
Ebenso Inv. Nr. 7835.
=" Thausing II, 50.
* R. Vischer, Über den Zusammenhang der SamsonsZeichnung in Berlin mit dem Grab?
mal des Georg Fugger in der Annakirche zu Augsburg (Stud. z. Kunstgesch., 1886, S. 583).
- Z. a. M. Berlin II. Taf. 147.
* M. J. Friedländer, Ein Fokal in Raudnitz nach Dürers Vorlagen (Jahrb. d. kunsth.
Institutes der k. k. Zentralkommission, Wien 1913, S. 169).
* Eine Nürnberger Goldschmiedwerkstätte aus dem Dürerkreise (Mitteil. d. Ges. f.
vervielf. Kunst, Wien 1915, S. 52).
Teilstudien. 373
nicht eine spezifisch deutsche gewesen zu sein, sie kommt auch in ItaHen Italien.
schon vor 1500 vor. Die Albertina bewahrt zwei Clairobscurzeichnungen,
scheinbar nach antiken Scheibenreliefs angelegt: Reiterkampf und Huldigung,
gleichfalls en grisaille, die auf eine ähnliche Ausführung schließen lassen;^
denn keine Technik vermochte dem Reliefarbeiter die Absicht des entwerfenden
Künstlers plastischer zu verdeutlichen als die sich von dem Halbton scharf
abhebenden flachen Lichter und Schatten.
C. Zeichnen von Teilstudien.
Allgemeines. Nach Fertigstellung der Kompositionszeichnung trat Beginn,
an den Künstler die Forderung heran, sich über alles Figurale und Beiwerk
die notwendige Klarheit zu verschaffen und dasselbe aus dem Gedächtnisse,
nach der Natur oder mit Zuhilfenahme von Vorlagen zeichnerisch durch*
zuarbeiten. Jahrhunderte lang lebte man von der Schablone, von der Anwen«
düng der handwerksmäßig überlieferten Formen; aber schon um 1300 erregen
naturalistische Einzelheiten in Giottos Fresken unsere Aufmerksamkeit. Aus«
drucksvolle Köpfe, freifallende und der Schwere folgende Gewänder und
Mäntel, allerlei Tiere (Abb. 223) und selbst Architekturen lassen unbedingt
vorausgegangene Studien erschließen, die sich in dem reichen Schaffen dieses
Künstlers von Werk zu Werk lebendiger offenbaren. Wie früher in den er#
starrten Formulierungen der Grund zur Unfruchtbarkeit lag, so erfüllte jetzt
die naiv^bescheidene Anwendung von Naturtreue die Gestalten mit innerem
Leben. Bemerkenswert erscheint es, daß die Nacktformen menschlicher Kör#
per der Kunst noch verschlossen blieben und nur ausnahmsweise im Zwange
der heiligen Begebenheiten eine schüchterne Behandlung erfuhren.
Aber gerade deren Studium wurde schon 70 Jahre später zum allerersten Der
Problem, an dessen Lösung sich auch in der Malerei eine auserlesene Künstler? menschliche
schar abmühte. Die Florentiner übernahmen die Führung und behielten orper.
dieselbe durch zwei Jahrhunderte. Fast immer um die Wende eines neuen
Säkulums stellte sich eine neue Ausdrucksweise ein, oder anders: es gelangten
die Früchte vorhergegangenen Strebens zur Reife. Giotto, Masaccio und das
Dreigestirn kennzeichneten die Wendungen zu einem neuen Stil, weil man
das Formenstudium stets von einer neuen Seite angefaßt hatte. Die Beein*
flussung durch die Skulptur ist eine unverkennbare, ob sie direkt durch die
mehrfache Berufstätigkeit der genannten Meister oder indirekt durch Männer
wie Ghiberti, Donatello sich geltend machte.
Auf die Erkenntnis der menschlichen Gliedmaßen folgte die Auffindung Weitere
immer neuer Bewegungsmotive und das Ausdrucksstudium der Köpfe, stets Aulgaben,
geregelt und erläutert durch den Moment der Handlung. An die Glieders
künde schloß sich die allen Beugungen und Streckungen unterworfene, aber
bereits dem Dekor dienende Gewandung und Ausstattung. L'nd an den
' Albertina, Inv. Nr. 1324S und A. P. 661. - Wickhoft. Kat. d. ital. Hz., Sc. div. 27S:
Zwei Tondi des Konstantinbogens, lombardischer Quattrocentisl. Beides nicht zutreHend.
374
Teilstudien.
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Teilstudien. 375
figuralen Vordergrund mit all seinem der Begebenheit entsprechenden Beiwerk
hatte sich der nach Raum drängende Hintergrund mit seinen vielgestaltigen
Architekturen oder landschaftlichen Partien anzufügen. Wahrhaftig eine Fülle
von Einzelaufgaben und Teilstudien, wie sie jedes historische Thema mit sich
brachte und deren gewissenhafte Bewältigung von dem Künstler die größten
Anstrengungen erheischte. Und selbst nach der gründlichsten Durchzeichnung
aller Bestandteile erschien das Verwenden und Einfügen des einen oder an?
deren, das Zusammenbauen des Ganzen zu einer harmonischen Einheit als
eine neue Schwierigkeit, vielleicht die gefahrvollste, an der alles scheitern
konnte.
Angesichts dieser künstlerischen Forderungen und der vielen bestehenden Teilstudien;
Gemälde müßte die Anzahl der Teilstudien in allen Landen heute eine unge* bestand,
heure sein, selbst wenn nur ein Tausendstel davon erhalten geblieben wäre,
wenn — alle so gearbeitet hätten. Allein die Schulung war keine allgemeine,
Provinzmeister blieben langehin rückständig und erst nach 1450 darf man in
Italien von einem durchgreifenden Teilstudium sprechen. Und selbst dort, wo
das regste Streben herrschte, verfuhr ein jeder anders und suchte sich bei
aller Gewissenhaftigkeit die Aufgaben nach seiner Weise zu vereinfachen.
Erst in der zeitlichen Entwicklung läßt sich ein Anwachsen des Materiales
erkennen. Von Giotto und Masaccio besitzen wir soviel wie nichts, von Fra
Angelico und Benozzo Gozzoli Kümmerliches, mehr von Verrocchios Schule,
vieles von Leonardo, Michelangelo und Raffael, eine Fülle von Barocci, den
Bolognesen und den französischen Akademikern. Trotzdem lassen sich erst
aus dem 18. Jahrhundert akademische Beispiele französischer Kunst zusammen*
stellen, wo der ganze Apparat klappt.^
Der früheste und häufigste Fall, daß nach der Anlage der Hauptfigur Alter
nebenan auf demselben Blatte Hände und Füße in der verlangten Stellung Brauch,
und in etwas vergrößertem Maßstabe durchgezeichnet wurden, meist in symmes
trischer Anordnung, dauert in Italien lange an. Pollaiuolo (Abb. 151), Peru*
gino," der junge Raffael'' überliefern Beispiele. Eine derartig studierte Figur
konnte wie z. B. bei den Umbrern und Venezianern — noch immer nach altem
Werkbrauch — gleich für mehrere Gemälde dienen. Auch Dürer zeichnet auf
einem Blatte solche Klarstellungen nebeneinander (Abb. 188).
Andere arbeiteten mehr nach dem Gedächtnisse und stellten nur das Not* Andere
wendigste nach dem Manichino zusammen. Wieder andere benützten die GcpHogen=
Modelle erst beim Kartonzeichnen oder gar erst beim Fertigmalcn In der heiten.
Freskotechnik geschah es auch, daß einzelne Partien wie Arme, Beine, Rumpf
erst an der Wand erledigt wurden, wobei der Gehilfe zu posieren hatte
(Malvasia IV, 15). Nicht immer gab das lebende Modell das Vorbild ab.
Abgüsse von Köpfen, Händen und Füßen nach Antike und Natur mußten
' So die Details Antoine Coypels aus den Jahren 1702 — 1705 und 1716 zu den Üekos
rationsbildern der Galerie des Palais royale. last sämtlich abgebildet im Inventaire gcne»
rale V. p. 15. Nr. 2761 ff.
* Lesender Mönch. Florenz; lautenspielender Hngcl. Turin (bei Fischel. Die Zeich»
nungen der l'mbrer, Tat. \'l. \'ll; bei Knapp, l'crugino. Abb. 42).
=• Fischcl. Kaphaels Zeichnungen I. Abb. 8, 16, IS, 22. 50.
576
Teilstudien.
Arten der
Verwen;
düng.
aushelfen. Bartolommeo besaß 65 pezzi piedi et torzi di gesso.^ Besonders
schwierig gestaltete sich das Studium nach Kindern. Bei demselben Künstler
konstatieren wir 22 boze di cera di bambini (Abb. 160). Viele lebten von
Anleihen aus Stichen und Kopien. Eine methodische Durcharbeitung be#
obachtete man allezeit an den Akademien.
Die Verwendung fertiger Studien im Bilde erfolgte nicht nur nach be*
stimmten künstlerischen Prinzipien, sondern erfuhr auch die persönlichste
Behandlung, soweit unsere
geringen Erkenntnisse über
den jeweiligen Aufbau ein
Urteil ermöglichen. Wähs
rend die formstrengen Kunst*
1er des 15. und 16. Jahr:=
hunderts ihre scharf durch*
modellierten Teilstudien im
Bilde fast Strich um Strich
gelten ließen und sie im
Sinne des Kartons gewissen?
haft einfügten, so daß zwi#
sehen Vorlage und Malerei
nur geringe Differenzen hin*
sichtlich Kontur und Flä*
chen hervortraten, behan*
delten die Koloristen ihre
flüchtigen und breiten An*
merkungen als eine Art Vor*
Übung und schufen nur in
beiläufiger Anlehnung an
diese Behelfe frei aus der
Phantasie. Die Zeichnung
fand zum Bild kaum ein
Verhältnis, sie stand viel*
mehr fremd gegenüber, weil
sich der natürliche Gegen*
Satz von Linie und Farbe
geltend machte. Wie gleich*
wertig und innerlich verwandt verhalten sich Studien von Credi, Ghirlandaio,
Leonardo zu ihren ausgeführten Gemälden und wie zusammenhanglos erschei*
nen jene von Tizian, Tintoretto, Rubens zu deren farbigen Werken! Den un*
abhängigsten Weg geht Rembrandt zur Zeit seines reifen Wirkens. Er, der
Vielzeichner und Klarmacher auf graphischem Gebiet, verzichtet bei seinen
Ölbildern auf jede Art vollendeter Vorarbeiten. Seine Kompositionen er*
stehen als einheitliches Formganzes in saftigen Farben auf der Leinwand, frei
aus der Vorstellung oder nach Modellen.
Abb. 146. Dürer, St. Barbara. Teilstudie zu Abb. 145.
' Knapp. Fra Bartolommeo. S. 275 f.
Teilstudien.
377
Diese beiden Haupttypen bilden die Endpunkte einer langen Entwicklungs*
linie, in der die verschiedensten zeitlichen und lokalen Zwischenstufen liegen.
Es erscheint demnach verfehlt, den kompositionellen Aufbau der Renaissance*
zeit in dem Sinne zu generalisieren, als ob alles mosaikartig zusammengesetzt
worden wäre. Jederzeit waltete das Genie frei über seine Bildelemente und
außerdem über den Reichtum seiner Vorstellungswelt.
Durch Camerarius, der von Dürer berichtete, derselbe habe alle Teile einzeln
so durchgezeichnet, daß nach?
her — es sei ein Wunder
gewesen — doch alles zu*
sammenstimmte, verbreitete
sich der Irrtum, als ob auch
Teilstudien ganz nach freiem
Empfinden, gewissermaßen
planlos entstanden und
dann zu einem Bilde ver#
einigt worden wären. ^ Der*
lei Auffassungen, welche nur
durch die besonders in die
Augen fallenden Dürerschen
Wunderwerke vonTeilarbei*
ten hervorgerufen wurden,
finden sofort ihre Richtig*
Stellung, wenn man das Ge*
samtmaterial eines im Gange
befindlichen Werkes heran*
zieht. Gerade ein Dürer*
Beispiel, jenes großgeplante
Konversationsbild von 1521,
liefert gleich vier Komposi*
tionsskizzen- und zu der
akzeptierten (Abb. 145) auch
fertige Einzelfiguren. Die
Übereinstimmung der bei*
den Heiligen St. Barbara
und St. Apollonia (Abb. 146,
147)^ mit den Figuren im Entwurf läßt in Haltung und Aufstellung erkennen,
daß die Modelle genau nach dem Entwurf gestellt wurden. Das Figurale
stand in seinem Geiste schon fertig da, bevor er an die Durchführung der
Abb. 147. Dürer, St. Apollonia. Tcilstudic zu Abb. 145.
' Camerarius in der Vorrede zur lateinischen Ausgabe des Proportionswerkes und
Wölfflin, Die Kunst Albrecht Dürers. 2. Aufl., p. 187.
- L. 362. 365 und 364, Sammlung Bonnat; L. 324 Louvre. - Hier abgebildet L. 364. Feder.
315 X 444 cm. Verlag Grote. Berlin.
=» St. Barbara, L. 326, Louvre. 417 X 286 cm. St. Apollonia. L. 65. Berlin, 41 2 29 cm.
Beide in Bleigrittel auf grüner C^rundicrung. Finc zugehörige männliche Kopfstudic im
Brit. Mus., L. 2Sy.
Dürer.
378
Teilstudien.
Kombinat
tion.
Genre und
Tierstück.
Landschaft.
Studie und
Bild.
Ausdrucksstudien schritt. Und diese empfingen bereits von dem Gehalte der
Idee, von der Verinnerlichung mehr, als die Modelle zu bieten vermochten.
Es gab allerdings Fälle, wo seitens nicht sehr formgewandter Künstler nach
Fertigstellung der Konzeption bereits vorhandene eigenhändige Kopfstudien
oder auch solche aus der Vorlagenmappe oder nach Stichen durch eine beson#
dere Kombinationsgeschicklichkeit zur Verwendung gelangten, wie z. B. bei
Frans Floris, von dem Mander erzählt, daß er seinen Schülern mit Kreide
zijn meeninghe aufzeichnete, dann sie weiter arbeiten hieß, indem er sagte:
«Bringt die und die Köpfe an», von denen er jederzeit eine Anzahl auf Holz
stehen hatte. ^ Allein dies war Brauch geschäftskundiger Bildermacher.
Die Gesichtspunkte der Teilstudien und deren Verwendung gingen mit den
kompositionellen Gesetzen von der Historie auch auf das Genre, das Tier*
stück und die Landschaft über, zumindest dort, wo der , große Geschmack'
vorherrschte oder die akademische Schulung alles künstlerische Schaffen beein*
flußte. Anderseits drängte schon die damalige Zurücksetzung dieser Gattungen
auf eine tiefere Stufe, in das mißachtete Gebiet der ,bloßen Naturnachahmung'
und der , Ideenlosigkeit', die Künstler zu einer wenigstens ähnlichen, der all*
gemeinen Anschauung des Akademismus entsprechenden Arbeitsweise, um eine
Würdigung zu erringen. Man suchte die Modelle nach Bedarf an Ort und
Stelle auf, brachte sie in Position und zeichnete sie in Kreide und Rötel
gewissenhaft in die Skizzenbücher. In der Campagna, in der Schenke, auf
der Straße, aber auch in der Kammer und im Salon erstanden die vielen
Einzelfiguren männlichen und weiblichen Geschlechtes oder Formteile, die im
Bilde Verwendung finden sollten.
Am selbständigsten ging der Landschaftsmaler vor, d. h. jener, der den
Spuren der Natur mit allem Ernste folgte. Während sich die dekorative
Landschaft, die römische Vedute, die heroischen, arkadischen Motive noch
ganz aus Einzelstudien akademisch aufbauen und oft eine aufdringliche Über*
fülle von antiken und mythologischen Hinweisen enthalten, wächst die hollän*
dische Landschaft aus einer guten Gesamtstudie heraus, in der bereits alle jene
Stimmungselemente angedeutet erscheinen, welche in der Werkstatt ihre Aus*
arbeitung erfuhren.
Die in Sammlungen verhältnismäßig reichste Gruppe, die Teilzeichnungen,
bieten der Kunstforschung eine ergiebige Fundstätte für hübsche kleine Ent*
deckungen, Zusammenstellungen von Bildern und Vorarbeiten, eine der an*
genehmsten kunsthistorischen Übungen, die freilich auch leicht auf Irrwege
geraten können. In dem Kapitel vom Kopieren wurde hingewiesen, welche
Unzahl von Nachzeichnungen nach Bildern und Zeichnungen entstanden, dar*
unter viele Einzelteile, besonders Köpfe und Aktteile, die ehemals in Skizzen*
büchern, heute herausgeschnitten und zerstreut, den Eindruck von originalen
Vorstudien erwecken. Ihre auffallende Übereinstimmung mit der eines Tages
wieder entdeckten Gemäldefigur verleitet leicht zu falschen Schlüssen. Gerade
das genaueste Zusammenpassen mahnt zur Vorsicht (Abb. 323). Richtige Vor*
Studien weisen in der Regel Abweichungen vom Bilde auf; sie tragen, vor
' Mander^Floerke I, 321.
Teilstudien. 379
dem Modell entstanden, ein unabhängiges, ungebundenes Gepräge und erhalten
im Bilde die entsprechende Vereinfachung (vgl. Abb. 192 und das Louvrebild
Ghirlandaios: Heimsuchung). Für einzelne Meister wurde bereits der Versuch
gemacht, deren gesicherte Vorstudien und Gemälde in Abbildungen nebenein*
ander zu stellen.^ Als ein allgemein sicheres Merkmal benutzter Detailstudien *
gilt das darüber gezogene Liniennetz (Abb. 177). Mitunter wird aus einer
Gruppe von Figuren nur eine verwendet und dann trägt sie dieses Kenn*
zeichen, oder es kommen von einer Figur nur bestimmte Teile in Betracht.
Doch opferte nicht jeder Meister gute Studien dieser barbarischen Behandlung.
Das Zeichnen nach dem menschlichen Körper.
Modellzeichnen, Aktzeichnen — Academia del naturale, del ritrar li nudi, disegnare
l'ignudo dal naturale, designare da corpi naturali, modelli naturali, spogliare modello —
Academie — Naakte Beeltjes na't leven oder einfach Modellen — Debuxo del desnudo.
Uie wichtigste Teilstudie aller Kompositionen, zumal historischer Vorgänge, Ent^
bildete der nackte menschliche Körper hinsichtlich Proportion und Muskulatur, wicklung.
Haltung, Bewegung und Ausdruck.- Der Versuch, aus dem geringen Bestand
gezeichneter Figuren italienischer Frühzeit, bekleidet und unbekleidet, ein auch
nur skizzenhaftes Entwicklungsbild aufzubauen, findet bald seine Grenzen.
So sicher auch die in Gemälden vorkommenden schüchternen Aktbelege für
diesen oder jenen Meister ein gewisses Studium nach dem menschlichen Körper
erkennen lassen, so wenig können wir Ahnliches aus dem Gebiete der Zeich*
nung an die Seite stellen. Daß z. B. Mantelfigürchen oder Akte aus Qiaattro*
cento* Skizzenbüchern, wie sie in Abb. 148, 150 auftreten, in unmittelbarer
Fortsetzung gotischer Gepflogenheit einfach vergrößert und dann durch Heran*
Ziehung tauglicher Werkstattgenossen fertig gemalt wurden, läßt sich nicht
erweisen, aber annehmen. Eine technische Übergangszeit von den Meßfiguren
zu den Umrißfiguren nach dem Leben und von diesen zu dem Durchdringen
und Aufbauen körperhafter Natur lag in der Entwicklung selbst begründet.
Und ebenso erscheint es wahrscheinlich, daß die Stein* und Holzbildner in
dem Bestreben, eine Form von allen Seiten klar zu erfassen, zuerst und am
meisten den menschlichen Körper heranzogen. Das Nachmodellieren im klei*
nen machte mit der Form leichter vertraut als das Federzeichnen.
Diese Art praktischer Naturstudien ist von dem in Handschriften
üblichen traditionellen Figurenzeichnen wohl zu unterscheiden, wo Entlehnen
und Nachahmen von Skulpturen und Gedächtniszeichnen das meiste leisteten.
Darum kann es sich bei der Behandlung dieser Frage selbstverständlich nicht
mehr um jene primitiven Gestalten in Miniaturen und Fresken handeln, um
jene steifen Adam* und Evaschemen, um die hüllenlosen, klappcrbeinigen
Toten in Auferstehungsdarstellungen, auch nicht um jene im stillen Begnügen
nach Normen konstruierten Körperformen, wie sie das Buch vom Berge Athos
oder Cennini beschreiben oder Villards Skizzenbuch illustriert (Abb. 80, 81),
' Di Pietro, Disegni sconosciuti di F. Barocci ncgli Uffizi. Firenzc 19n.
* B. Haendcke, Der unbekleidete Mensch, Stral^burg 1910.
380
Teilstudien.
Mittel-
alterliche
Anschauung.
Vorbedins
gungen.
Entwicklung
und
Reaktion.
sondern nur um die direkt vor dem lebenden Modell entstandenen Stu*
dien, als Übung oder als Vorarbeiten zu Kunstwerken.
Der mittelalterliche Begriff der Nacktheit deckte sich mit jenem tiefster Not
und Armut, er enthielt ein Stück Erbsünde, ein Verstoßensein. Das Erste,
was in frühen Darstellungen des Jüngsten Gerichtes die nackt dem Grabe
erstandenen frommen Seelen erfahren, ist, daß sie an der Paradiespforte von
Engeln mit Kleidern versehen werden (Angelico, Memling). Die Bösen be?
halten ihre Blöße. Selbst die schemenhaften Gestalten von Adam und Eva
wurden teilweise verhüllt.^ In der kirchlichen Kunst trat das Nackte zunächst
an toten Körpern in Erscheinung, an Christus — und auch dieser trug auf dem
Kreuzesbalken ein langes Hemd- — an Lazarus; später in der Taufe Christi
oder in Darstellungen einzelner Märtyrer.
Eine neue Weltanschauung mußte erst den Boden vorbereiten, die bannenden
Worte «Eitelkeit und Nichtigkeit alles Irdischen» abschwächen, die Menschen
froher und das Künstlergemüt freier stimmen, bevor leibliche Schönheit in die
Werkstatt einziehen durfte. Geistliche Würdenträger mußten erst selbst in
ihren Gärten und Höfen die antike Nacktform kennen und schätzen lernen,
ehe sie gestatteten, daß auch in geweihte Räume das naturalistische Abbild
halbentblößter oder unbekleideter Körper eintrete. Welche Hemmungen aller
Art mochten noch dazwischen treten (Savonarolas Verbrennung der Eitel?
keiten 1497), welche Summe von geistigem Zusammentun, Erproben, Er;:
schauen, Messen an warmen und kalten Körpern, Präparieren von Muskeln
und Knochen erst vorausgehen, um ruckweise in die Wunder des mensch*
liehen Gliederbaues einzudringen; welche Fülle bildhauerischer Werke hatte
zu entstehen, bevor die neue Lehre auch in der Malerei gepredigt und zum
Gemeingut werden konnte!
Dennoch vollzog sich die Entwicklung rasch, fast zu rasch. Was im
QuattrocentosBeginn der engen Werkstatt noch als ein Ereignis erschien, das
hatte ein halbes Jahrhundert darnach mit Hilfe gründlicher anatomischer Kennt*
nisse schon zum persönlichsten Ausdruck geführt und konnte wieder ein Jahr*
hundert später bereits zur handwerksmäßigen, inhaltslosen Akademie werden.
Der Nacktkörper eroberte im Fluge die Flächen der weiträumigen Paläste und
nicht minder die Decken und Gewölbe von Kirchen und Kapellen bis zu
jenem Grad der Freiheit, die schon wie z. B. in dem Jüngsten Gerichte MicheU
angelos oder in den blanken untersichtigen Engelbeinen Correggios das kirch*
liehe Dekorum zu überschreiten drohte. Selbst freie Geister wie Salvatore Rosa
oder der Lüstling und Heuchler Pietro Aretino wollten sich dadurch verletzt
fühlen. Aber alle von Rom ausgehenden Gegenströmungen in Tat und Wort,
in Druck und Schrift, die ihre Höhepunkte in der Übermalung aller anstößigen
' Die Evafigur in einer Miniatur des Garsia Stephanus (U. Jahrh.) erscheint von vorne
gesehen, mit den Händen auf der Scham und von einem dünnen Schleier bedeckt. F. de
Mely, Les Miniatures, Paris 1913. Abb. f. 14. - Ebenso am Dome zu Reims (Haendcke,
Der unbekleidete Mensch, S. 26).
* Christus am Kreuz mit hemdartigem Rock in der Unterkirche von S. S. Giovanni
e Paolo und in S. Maria Antiqua in Rom um 741 (Tafel 180 bei Wilpert, Die röm.
Mosaiken und Malereien).
Teilstudien. 381
Stellen in der Sixtinakapelle durch Daniello Ricciarelli, in dem Sendschreiben
des Bildhauers Bartolomeo Ammanati von 1582 an die Mitglieder der Akademie
in Florenz und in der Abhandlung des Malers und Theologen G. D. Otto*
nelli «Trattato della pittura e scultura 1652» erreichten, vermochten nicht mehr
dem freigewordenen Nackttum dauernd Widerstand zu leisten.^
Je weiter wir gezeichnete Nacktfiguren nach rückwärts verfolgen, desto Gotische
kleiner erscheint ihr Maßstab. Figürchen von Fingerlänge, die jede Möglich* Typen.
keit einer besonderen Gliederung ausschließen und infolge ihrer Flüchtigkeit
und Allgemeinheit zu der Überzeugung drängen, daß sie nur in traditioneller
Weise auf Grund erlernter Schemen entstanden seien.- Der während der ganzen
Gotik erstarrte Brauch, menschliche Figuren vorbildlichen Werken, etwa Skulp*
turen zu entlehnen oder mit dem Zirkel zusammenzustellen, hielt bei schwä*
cheren Malern noch an, als das Naturzeichnen schon als fortschrittlich galt.
Allmählich wurden Regeln abgeleitet und deutlich ausgesprochen. Zur Lehre Alberti.
vom Allernotwendigsten trat inmitten allgemeiner praktischer Dürftigkeit die
vorauseilende Doktrin einzelner Genies. Wohl im Sinne zeitgenössischer
Bildhauer wünscht L. B. Alberti folgenden Vorgang beobachtet zu sehen:
«Zeichnest du nach dem Nackten, so zeichne immer den ganzen Körper und
dann führst du dasjenige Glied aus, das dir am besten an ihm zu sein scheint,
und übest es im Zusammenhang mit den übrigen Gliedmaßen» (S. 145).
War für die traditionelle Forderung einer bescheidenen Festlegung der Haupt*
konturen ein anatomischer Aufbau mit Muskelgefüge und Gelenken noch kein
Bedürfnis, so erscheinen bei Alberti die seit ca. 1400 entstandenen Werkstatt*
Prinzipien mit einem Male als fundamentale Malerregel derart zusammengefaßt,
daß zu einem genauen Aktstudium auch anatomische Kenntnisse erworben
werden müssen (S. 110).
Gegenüber diesen für jene Zeit schwer erfüllbaren Anforderungen hatte die Antike
Antike mit ihren sich mehrenden Entdeckungen Ersatz für Form, Maß und Vorbilder.
Schönheit, mehr oder weniger verstanden, zu gewähren. Es war ein leichteres,
zunächst bei den vollendeten Formen an der Hand der Vitruvschen Maß*
einheiten in die Schule zu gehen oder Körperteile, Drapierungen kurzerhand
zu entlehnen, Posen nachzuahmen, als am lebendigen Leibe mit seinen Unvoll*
kommenheiten den schwer faßbaren Kontur, die schwankende Plastik zu stu*
dieren. Und doch führte die Antike selbst eines Tages zum konsequenteren,
mehr methodischen Natur* und Aktzeichnen, als ihre wenn auch so begehrten
Reste nicht mehr für alle künstlerischen Ansprüche ausreichten. Ihre Bewe*
gungsarmut allein drängte den Künsder zur Natur.
Das männliche Modell.
Mit dem Begriffe Modell verbindet man in der Regel die Vorstellung
eines Nacktkörpers. Aber weder der Beginn, noch die weitere Entwicklung
' Das Sendschreiben Ammanatis sowie sein Brief an den Großherzog Ferdinand bei
Guhl I. S. 455 u. 464 und ein Auszug Ottonellis ebendaselbst II. S. 122.
"^ Buch vom Berge Athos § 52: Angabe der Verhältnisse des menschlichen Körpers. -
Cennini, Kap. 30 und 70.
3S2
Teilstudien.
Übergang.
Lehrknaben
und
Gehilfen.
des Naturzeichnens lassen diese Auffassung allein gelten. Modelle konnte
jede Art von Vorlage bedeuten.^
Die mittelalterliche Scheu vor dem entblößten Leib, die selbst Eva unter
dem Baum in ein langes Gewand stecken zu müssen glaubte, führte in der
Zeit, als man sich weltfroher, aber
noch hilflos fragend an die Natur
wandte, zunächst zum bekleideten
Modell jugendlich schlanker Körper.
Erst nach und nach fallen die Hüllen
und es erwacht ein Nacktkultus, der
sich nicht genug tun kann, bis er in
den Akademien ein mäßigendes Re*
gulativ findet. Daneben bleibt für ge*
wisse Szenen das Zeitkostüm und mit
der Aufnahme naturalistischen Volks*
lebens (Genre) in die Kunst ersteht
nochmals ein lebhaftes Studium nach
dem bekleideten Menschen. Gerade
das Charakteristische beliebter Typen
(Bettler, Zigeuner, Soldaten, Hirten,
Jäger, Bauern) bedingte eine beson*
dere Beachtung ihres Äußeren.
Für die ersten Zeiten stellte der
Malerbursche mit enganliegenden Bein*
lingen und stramm zugeknöpftem
Leibchen den Ersatz eines nackten
Modells. In dem heute aufgelösten
Skizzenbuch der Scuola del Pol*
laiuolo finden sich noch derartige
Studien nach bekleideten Garzoni
und Gehilfen in sitzender und ste#
hender Stellung neben vereinzelten
nackten Figuren, sogar ohne Lenden?
tuch und mit einzelnen Beugungs?
motiven.^ In Abbildung 148 posiert
er im Alltagskleide einen lesenden
Heiligen. Der Modellstab vertritt
gleichzeitig das Abzeichen einer kirchhchen Würde. ^ Noch deuthcher, dem
künftigen Zwecke entsprechend erscheint ein Putto di Pittore (Abb. 149) mit
i
ik
J
Abb. 148. PollaiuolojSchule. Malerbursche,
einen Heiligen stellend.
Modell, Modello (lat. modulus), in seiner frühesten Bedeutung jede Art von Vorlage
für Architektur, Skulptur und Malerei. Selbst die Kompositionsskizzen heißen modelli
(Alberti, p. 159). Bei deutschen Malern (nachweisbar 1722) bereits im akademischen Sinn:
"Also nennet man denjenigen ein Modell, welcher sich ganz nackend vor die Schüler
darstellet oder hinleget» (Grimm. Wb.: Modell).
* Uff. Nr. 49 - 120 F.
=> Uff. 118F/20, lavierte Feder.
Teilstudien. 385
herabgestreiften Beinlingen, die eine Art Stiefelchen vorbilden sollen.' Ganz
in Auffassung des Donatello* David stemmt er den linken Arm ein, hält in
der Rechten die Schleuder und setzt seinen rechten Fuß triumphierend auf
einen Topf, der den abgeschlagenen Kopf Goliaths andeutet. Man möchte
hier eher an ein Bildhauermodell denken. Am zahlreichsten findet sich diese
Art figuraler Vorstudien in Umbrien (Abb. 107% 107').- Noch Fra Barto*
lommeos Studien zu einer Bartholomäusfigur in der Vermählung der hl. Katha*
rina (um 1512) beweisen diesen Werkstattbrauch.'' Selbst dann, als man die
Garzoni schon nackt hinstellte, ließ man ihnen außer dem Lendentuch noch
das Käppchen und stattete sie mit Attributen aus.^
Außer Werkstattgenossen dienten in Süd und Nord nur zu häufig Familien* Familien^
angehörige. Thomas Murners scharfe Kritik faßt auch den Malernarren heraus, ungehörige,
in dessen Heiligenfiguren man Vater und Hausfrau erkenne:
Wä er (der Maler) macht eins heiligen bild, Wä sie dann ein wip gesin,
Das do glich solt sin eim man, So muoß sinr frowen glichnüss drin,
So musst sins vaters glichnüss han. Wie vvol es was Sant Katherin.
(Narrenbeschwörung XXIV, 26.)
Der Jesuitenpater Ottonelli findet es in seinem Trattato gleichfalls tadelns*
wert, daß man zu Heiligenbildern die Züge geliebter Frauen oder bestimmter
Modelle benutze.^ Doch abgesehen von solchen zeitgenössischen Stimmen,
begegnen uns auf Schritt und Tritt in den Werken fast aller hervorragenden
Künstler genug Beispiele dieses Brauches (Raffae.l, A. del Sarto, Albani,"
Dürer, Rembrandt, Abb. 25 und 159).
Die Italiener des Quattrocento milderten bald das Körperlich? Individuelle. Ideali=
In der umbrischen Schule fällt eine diskrete, idealisierende Aktbehandlung bes sierung.
sonders auf. Köpfe mit schwärmerischem Ausdruck, überschlanke Beine, zier«
liehe Standposen verhüllen das Profane, umgehängte Draperien oder Mäntelchen
das Werkkleid. In dieser Weise durchgeistigte noch der junge Raffael das
Alltägliche an seinen Werkstattgenossen in Studien zur Krönung Mariae.'
Perugino, von dem sich sehr stilisierte Naturakte erhalten haben, gibt ihnen
bereits eine derartige idealsreligiöse Auffassung, daß in dem Beschauer der
Gedanke an ein Modell kaum aufkommt "^ (Abb. 165).
Aber trotz aller Idealisierung gab es hartnäckige Gegner des Nacktstudiums Hemmung
und folgenschwere Konsequenzen. Nach Vasaris Bericht soll Fra Bartolommeo, gen.
durch Savonarolas leidenschafdiche Predigten aufgeregt, tatsächlich Gewissens*
' Stockholm (A. P. 976). Bisterpinsel auf grüner Grundierung, 29*4 XH5 cm. - In
ähnlicher Auffassung, mit Mantel, eine zweite Zeichnung Utt. 42 f.: Masaccio zugeschrieben.
- Abbildungen bei Fischel, Z. d. Umbrer, Perugino. Abb. 127. 152-154. 156. 15S. 310;
ferner Abb. 141, 142. 148; Spagna 284. 288; Timoteo Viti. Abb. 317. - Dann Fischel.
RaphaehZeichnungen Abb. 5. 15. 18. 19. 21. 41.
* Zwei Studien in der Albertina, A. P. 15. ein weiteres Blatt mit Dctailstudicn UFF. —
I Dis. d. Uff. 1914, Serie II. Fase. 11. 19 und A. P. 86.
* Stockholm, Benozzo Gozzoli, David; A. P. 1086.
* Guhl II. 124. « Passeri. S. 331.
' Studien zu zwei musizierenden Fngeln. Oxford. Fischel I. 19 und Lille. Fischel I, 21.
" Sammlung Liechtenstein, Wien. St. Sebastian. A. P. 1094.
5S4
Teilstudien.
konflikte gefühlt und sich von denselben in der Weise befreit haben, daß er
bei jenem berüchtigten Bilder#Autodafe Zeichnungen verbrennen ließ. Seinem
Beispiele folgten Lorenzo di Credi und viele andere. Als Bartolommeo später
nach den mächtigen Ein*
^1.»**^-
1
^-3
(
^
■'
Frühe
Naturakte.
;•!?*>
z.
Abb. 149. Unbekannter Florentiner,
als DavidsModell.
Lehrknabe
drücken von Michelangelos
Werken von Rom nach
Florenz zurückkehrte und
ihm, wieder nach Vasaris
Bericht, der Vorwurf ge#
macht wurde, er könne
keine Akte malen, schuf er
einen so anschaulichen hl.
Sebastian, daß die Mönche
in den Beichten erkannten,
die Frauen nähmen daran
Ärgernis, und das Gemälde
wieder aus der Kirche ent#
fernten.^
In dem Bestreben, das
Materielle einer Idee unter*
zuordnen, lag der Beginn
jeder Art künstlerischer Stei*
gerung, die Umbildung der
menschlichen Gestalt zu je*
nen unsterblichen Formen,
wie sie alle Großen her*
vorgebracht. Das Umge*
stalten im Sinne individueller
Vorstellung geschah schon
während des Zeichnens und
setzte nur bei temperament*
losen, akademischen Natu*
ren aus, die dem Modell
bloß einen seelenlosen Kon*
tur zu entlehnen wußten.
Während in der Pro*
vinz noch bis in die letz*
ten Dezennien des 15. Jahr*
hunderts sich eine Zurück*
haltung offenbarte, mochten
in Florenz schon im Be*
ginn des Quattrocento richtige Aktzeichnungen ausgeführt worden sein. Für
Masaccios Adam und Eva müssen gründHche Bewegungsakte vorausgesetzt
werden und ebenso für Masolinos Taufe Christi (1435, Castiglione d'Olona),^
■ Vas. Mil. IV, 178 u. 188.
'' Klass. Bilderschatz, Nr. 1699.
Teilstudien.
385
die sogar einen trefflichen Rückenakt enthält. Als früheste erhaltene Nackt*
Zeichnungen können aber nur oberitalienische, jene Pisanellos in Berlin
(Abb. 155) und Paris, hervorgehoben werden. In einem dem Paolo Uccello
zugeschriebenen Quartblatt mit vier Figuren zeigt sich schon das nackte Sitz*
modell mit dem Modellstab in der Hand.^ Zeichnungen aus dem Kreise der
PoUaiuoli lassen bereits eine freiere
Posierung erkennen (Abb. 150).- Maß?
gebend in diesen Studien ist der reine
Verlauf des Konturs und eine beschei*
dene Betonung der Muskulatur. Eine
Verwendung des Velo ist nicht aus*
geschlossen.
Einen sichtbaren Markstein in der
Entwicklung bildete Antonio Polla*
iuolo selbst, der hervorragende For?
menkenner, dessen Kompositionen von
wohlstudierten männlichen und weib*
liehen Nacktfiguren getragen werden.
xMit ihm erscheint der individuelle
Akt, ausgeprägt, eigenwillig. Schon
das Größenmaß steigerte sich auf Folios
format. Hält auch das Silhouetten;
mäßige noch an, so bekunden sie in
den Gelenken anatomische Kenntnisse
und in der Plastik ein bildhauerisches
Sehen (Abb. 10 und 151). Bei dieser
Johannesfigur ist statt des Modellsta?
bes unter dem linken Unterarm eine
Stütze zu denken, die gleich als be*
wachsener Fels charakterisiert wurde.-'
Noch förderten Vertikale und Verhält^
nisstriche den Aufriß. Bei aller Beob*
achtung guter Maße zeigt er bereits
eine starke Neigung zur Geziertheit.
Die Posen überschreiten die Empfin*
düng. Man muß für ihn und seine
Zeitgenossen eine Fülle derartiger Leistungen voraussetzen, um sich solch über«
wucherndes Stilgefühl in den Formen erklären zu können. Die Antike war
es nicht, die solche Gesten erzeugte. Von ähnlicher Technik müssen auch
Piero della Francescas Aktzeichnungen gewesen sein.^
Abb. 150. Pollaiuolo.Schule. Nacktmodell.
' Uff. 30. Vorderseite; Philpot, Nr. 544; Berenson II, Nr. 2774 als Schule Uccellos.
Sehr fraglich, ob Horcntinisch.
- Uffizien 73 F/38, lavierte Feder.
•■' UfKzicn. Nr. 699, Berenson. Taf. 14, Nr. 1903. Feder.
* Für Darstellungen wie der Tod Abrahams in Areizo. LOpera dei grandi artisti ita»
liani I. Roma 1910.
Meder, Die tlandzeichnung. 25
Pollaiuolo.
386
Teilstudien.
Rückenakte. Weil eine der Hauptforderungen der Storia auf Reichhaltigkeit des Figuralen
und zwar nach allen Seiten abzielte, mußte auch bald das Vorurteil gegen die
Rückseite des menschlichen Körpers schwinden.^ Ausgeführte Rückenakte
begegnen schon in Bildern von Masolino. In Zeichnungen lassen sich Bei*
spiele, mehr zufällig, bei Pisanello nachweisen (Z. a. M., Berlin 65). Um 1500
werden sie häufiger und verbinden sich mit ersten Namen (Abb. 12, 153, 271).
In dem feinen Licht* und
Schattenspiel eines männlichen
Rückens stellte sich mancher
seine Probleme (Abb. 153).
Wohl am frühesten erschein
nen bei Signorelli sogar
Doppelakte (Abb. 152).2 Ge*
rade in der Verschiebung der
Muskulaturen zweier Rücken
nach links und rechts hin
lag für den Künstler ein
großer Anreiz.
In Verrocchio, wenn wir
von seinen Schülern Credi
und Leonardo ausgehend
rückschließen dürfen, setzte
ein stärkeres plastisches Be*
dürfnis ein, jenes gewissen*
hafte, allseitige Durchmodel*
lieren mit scharfer Betonung
der Silhouette, wie es der Bild*
hauer erheischte, der Maler
aber graphisch zu gestalten
anstrebte. Seine Aktzeichnun*
gen wären für uns vom
größten Interesse. Leonardos
und Peruginos Studien bie*
ten teilweisen Ersatz und
Einblick in den Schulbrauch.
Leonardo. Der schlanke Jünglingskörper, ausnahmsweise der magerer Männer, galt als
Kanon des Quattrocento. «Willst du eine Figur machen, die Anmut zeigt,
gib ihr feine und schlankgestreckte Gliedmaßen ohne die Ausprägung allzu*
Verrocchios
Schule.
„^-/'_. vii^'
Abb. 151. A. PoUaiuolo. Studie zu einem Johannes.
^ Das Frontalitätsprinzip schaltete kehrseitige Figuren mit Absicht aus und ließ sie
nur in wenigen Fällen gelten, so in Gruppendarstellungen oder in Handlungen, wo sie
unvermeidlich erschienen, wie z. B. in der Grablegung Christi. Während sie in frühmittels
alterlichen Mosaiken mit römischem Nachklang sich häufiger zeigen (Wilpert, 'Bd. III,
Taf. 12, S.Maria Maggiore: eine Hirtengruppe), verschwinden sie später fast ganz, um im
Quattrocento wiederzukehren und ein wesentliches Kompositionselement zu bilden.
* Z. a. M., Berlin I, 36, Ausschnitt. Pinsel. Verlag Grote, Berlin. — Vorbildlich mochte
hier die antike Statue: Faun mit dem Bacchuskind auf den Schultern (Neapel) gewesen sein.
Teilstudien.
387
vieler Muskeln und die wenigen,
die du zweckentsprechend zeigen
läßt, seien weich» (Leonardo § 319).
Leonardos Einfluß war weithin be?
merkbar, in Florenz und Mailand.
Seine Zeichnungen wirkten regulier
rend und anregend. Credi, Fra Bar*
tolommeo, der junge RafFael, Filips
pino lassen dies deutlich erkennen,
nicht zu reden von Luini, Cesare
da Sesto und anderen mailändischen
Nachfolgern. Selbst auf Dürer fällt
noch ein schräger Strahl.
Aber schon setzte die neue Forms
bewegung an Nacktkörpern ein. An
die Stelle der Grazia tritt die Forza.
Selbst Leonardo kann sich um 1500
ihr nicht mehr entziehen. Der prachts
volle Rückenakt in Windsor, wie*
wohl nur dem Anatomie* und Pro*
portionsstudium dienend, überschrei*
tet das Jugendlich*Graziöse und stellt
die gestraffte Manneskraft dar, aber
noch ist die Muskulatur verschwim*
mend weich gehalten und die Um*
rißführung stark betont (Abb. 153).
Erst Signorelli gibt beides auf " f^ "^ Michei--
und legt das Hauptgewicht auf die ^^^IK^ '¥|f>^]| m^__ angelo.
Energie der Bewegung mit hervor*
quellenden Muskeln (Abb. 152, 166).
Deutlicher offenbart dies Michelangelo
in seinem Karton (1504) und in der
Sixtina (1512 und 1541). Wir er*
kennen den Wandel von seinen
Jugendwerken bis zu jenen der rei*
fen Jahre. Für ihn genügt nicht
mehr die Wucht eines herkulischen
Körpers, er schuf sich ein .neues
Geschlecht', dessen Leiber uns selbst
in schlichten Feder*, Rötel* oder
Kreidezeichnungen eine gesteigerte
Urkraft in Form und Bewegung* be*
zeugen (Abb. 167).
Alle Künstlergemüter gerieten in Nach--
Aufregung und alsbald gab es nur mehr eine strebenswerte Aufgabe, die ahmungcn.
Nachahmung jener Übermenschen, das übertriebene Betonen der Muskulatur
25»
Abb. 152. Signorelli. Rückcn»DoppcIakt.
388 Teilstudien.
— meist an falscher Stelle — das bei den guten Nordländern viel Unheil zur
Folge hatte. Nur ein Rubens vermochte Michelangeleske Werte aufzunehmen
und seinem formenden Temperamente und Kolorismus unterzuordnen. Fanden
auch diese Übertreibungen eine Zeitlang Milderung durch die Antike oder in
dem teilweisen, besänftigenden Anschluß an Raffael, so war doch das Ver*
sinken in den Manierismus das unvermeidliche Ende vieler.
Die Carracci. Wiewohl man den Carracci, den Eklektikern, zum Vorwurf machte, daß sie
die Natur mit den Augen Michelangelos, Correggios und Tizians ansahen, so
waren sie dennoch von der Überzeugung durchdrungen, daß die Aufnahme so
verschiedener Elemente nur durch ein unausgesetztes Naturstudium wieder aus«
geglichen werden konnte. Darin fanden sie sich selbst wieder. Ihr Aktbetrieb
bildete die Anziehungskraft ihrer Schule und die Nahrung ihrer Nachfolger
(Abb. 168). Alle Quellennachrichten und das noch hinreichend vorhandene
Zeichnungenmaterial bezeugen uns in anschaulicher Weise. Dieses fast in
jeder öffentlichen oder privaten Schule eingeführte Aktstudium col carbone e
gesso auf bräunlichen Papieren schützte auch die Folgezeit vor der drohenden
Verwilderung.
Berufs* Über die Modelle späterer Zeit erfahren wir gleich wenig. Sicher darf ange*
modeile, nommen werden, daß um die zweite Hälfte des Quattrocento das Beruf s^j
modell neben das Gesellenmodell getreten war. Wenn Leonardo ein Modell
fordert, das gut in Schultern und Hüften sitzt, und vor solchen mit striemigen
Leibern warnt, die im Panzerhemd aufgewachsen sind (§ 99), so müssen wir
in erster Linie an den Kriegerstand denken, der Modelle lieferte. Ebenso
scheint dies eine kleine Bewegungsskizze eines Florentiner Meisters, Jüngling
am Seile, daneben Schild und Lanze, zu bestätigen (Abb. 174). Marcantonio
hielt in seiner Werkstatt bezahlte (salariati) männliche Modelle.^ Raffael klagt
über den Mangel an guten Körpern und Malvasia bezeichnet die Modelle
als persone hasse e plebee (II, 307).
Ersatz* Die Schülermodelle hörten deswegen nicht auf. Caravaggio unterwarf sich
modeile, anfänglich dem Lionello Spada derart, daß er nichts anderes im Sinne hatte,
als ihm zu gefallen, und sich ihm sogar als Nacktmodell stellte. Als er sich
schließlich weigerte, hielt ihn der Meister, der einen Johannes zu malen hatte,
durch vier Tage in einer Kammer eingesperrt (Malvasia IV, 105). Agostino
und Lodovico Carracci halfen sich gegenseitig aus, weil sie der Meinung waren,
daß nur derjenige eine schwierige Stellung posieren könne, der sie nachempfinde,
im Gegensatz zu den Berufsmodellen, die sich unnatürlich und langweilig be*
nehmen (posticcie et insipide).^ Trotzdem scheint um diese Zeit das Entblö*
ßen untereinander nicht ganz selbstverständlicher Werkstattbrauch zu sein.
Die technischen Ausdrucksweisen heben den Begriff des Entkleidens mit be*
sonderem Nachdruck hervor: farsi nudo e servirgli di modello (Malvasia IV, 105).
Spogliare (ausziehen) erhält direkt die Bedeutung von Modellsitzen. Wie*
derholt wird betont, daß es nur bis zu den Hüften geschah.
Vorschriften. Über die Gepflogenheiten beim Zeichnen selbst erfahren wir einiges von Leo#
nardo. Zunächst die Hauptforderungen einer guten Figur: Die Bewegung sei
^ Baldinucci, Notizie VI, 520. ^ Malvasia III, 378.
Abb. 155. Leonardo Rückenakt als I'rüportionshgur W'indsor.
Teilstudien. 389
zweckentsprechend, das Rilievo deutlich, die Zeichnung richtig und das Kolorit
schön (§ 403). Bei der Handhabung des 3^9 Ellen hohen Fadennetzes sehe
man darauf, daß dasselbe lotrecht und 7 Armlängen vom Zeichner, eine vom
Modelle entfernt stehe. Es trage einen Wachspunkt als Zielkorn, das man auf
die Halsgrube (bei Vorderansicht) oder auf einen Halswirbel (bei Rückenakten)
einzustellen habe (§ 97).
Bei dem Direktzeichnen beobachte man eine Entfernung, die dreimal so
groß sei als der Gegenstand (§ 83). Dabei bediene man sich eines Fadens
mit niederhängendem Blei, um zu sehen, wie sich die Dinge schneiden (§ 100;
Abb. 169). Immer sei es notwendig, den ganzen Körper zu zeichnen, dann
erst die Einzelteile (§ 88). Das Aktzeichnen vollziehe sich reichlich im Som*
mer. Im Winter solle man diese Studien genau nach Maß und Form durchs
prüfen und das Beste auswählen, um an der Hand desselben in der kommenden
warmen Jahreszeit neuerdings das Zeichnen nach dem Nackten fortzusetzen
(§ 98). Später ging es Sommer und Winter hindurch und fand am Abend
statt. ^ «La prima hora del giorno dal rilievo de gessi e le due prime di
nofte dal naturale.»^
Die in mittelalterlichen Handschriften mit besonderem Behagen dargestellten Niederlande.
Badeszenen führen mit großer Wahrscheinlichkeit zu dem Schlüsse, daß für
den Norden die Badestuben eine geeignete Pflegestätte männlichen und weib?
liehen Körperstudiums bildeten.^ Wieweit hier das Erinnerungszeichnen oder
unmittelbares Festhalten eine Rolle spielte, entzieht sich mangels richtiger
Künstlerzeichnungen der Beurteilung. Die ersten niederländischen Künstlerakte
von Bedeutung, die vielbesprochenen Adam; und Evagestalten der Brüder
Van Eyck, setzen bereits in bestimmtester Weise ein genaues Zeichnen nach \'an Eyck.
der Natur voraus.* Die nicht gerade harmonischen, aber charakteristischen
Äußerlichkeiten zweier der Jugendschönheit entwachsenen Modelle bezeugen
bei aller Feinheit der Durchführung den stärksten Realismus. Darf man gerade
von dieser gewissenhaften Durchbildung auf die Art der Vorzeichnung schließen,
wird man für jene Zeit an den Silbergriffel denken müssen. "* Eine Bestätigung
hiefür gibt das StädeUBlatt eines unbekannten Niederländers mit einer Schacher?
Figur, die nach dem gestellten Modell gleichfalls in Silberstift gezeichnet worden
ist. Dasselbe zeigt festen Stand (Spiel* und Standbein) und trägt den über
Rücken und Arme geschobenen Aktstab. Zwei Bänder halten die Unterarme, um
die Hände in die richtige Position zu bringen (Abb. 153 a).'' In der zweiten
Hälfte des 15. Jahrhunderts bestanden demnach schon zweckentsprechende Ein*
richtungen und kluge Hantierungen, den Körper der Handlung gemäß zu fixieren.
* Malvasia IV, 183: che si facea del nudo la sera.
'^ So in der Akademie des Baldi. Ibid. III, 364.
^ B. Haendcke, op. cit. S. 109 ff.
* Nach allgemeiner Auffassung dem Jan van Eyck zugeschrieben.
^ Auch die im Louvre befindliche Zeichnungskopie nach den beiden Figuren des Ge>
mäldes zeigt Silberstifttechnik (Abb. 30 bei L- Kammerer, Hubert und Jan van Eyck).
''' Städelsches Institut, Nr. 6977, auf weiß grundiertem Papier. Reproduziert in der Städcb
Publikation als: Unbekannt, italienisch, erste Hälfte des 15. Jahrhunderts, Mappe VIII.
Taf. 5. Nach den vorhandenen Schwächen und Verzeichnungen zu schließen, dürfte es
sich um eine alte Kopie nach einem Silberstiftoriginal handeln.
390
Teilstudien.
Römische
Manier.
'"^^^
Ouwater. So wie jenes Vorelternpaar erregte auch der fleißig durchstudierte Akt zur
Lazarusfigur des Ouwater (Berlin) noch in den nachfolgenden Jahrhunderten
alle Bewunderung.^ Die auffallende Magerkeit in Darstellungen toter Körper
(Kreuzabnahme, Schacher) mit richtiger Betonung des Skelettes und der sich
dünn darüber spannenden Haut zwingt zur Annahme, daß die altniederländischen
Meister sich auch toter Modefle bedienten.^ Wie mannigfachen Aufgaben
der seinerzeit gewiß geringe zeichnerische Vorrat zu entsprechen hatte und
nach Bedarf geschickt umge*
staltet wurde, beweist Hans
Memling in seinem Jüngsten
Gerichte (Danzig). Die Ge#
stalten der Seligen, ob jung
oder alt, tragen ein und den*
selben knabenartigen Nackt*
typus, gleich zierlich und
schlank, nur die verschieden*
artigen aufgesetzten Köpfe
unterscheiden die Lebensalter.
Mit der nach 1500 eintreten*
den italisierenden Richtung er*
stickte das unbefangene Ab*
sehen des menschlichen Ab*
bildes in gezierter römischer
Manier. Jan Gossaerts Nackt*
figuren (Abb. 247) verquicken
italienische und niederländische
Formen und verlieren dadurch
den vorhergegangenen gesunden
Realismus heimatlicher Überlie*
ferung. ^ Michelangeleske Auf*
fassung bis in die Fußspitzen,
aber nur äußerlich. Entlehnun*
gen römischer Posen lassen
mehr an eine Verwendung der
Studienbücher als an direkte Naturstudien denken.
Rubens. Erst mit Rubens' Schule erwachte wieder die strenge Zucht, die gewissen*
hafte Vorarbeit vor dem Nacktkörper, zwar nach italienischen Akademievor*
Schriften, aber im national vlämischen Geiste und mit der Durchdringung
persönlicher Kraft. Was aber Rubens in seiner wohleingerichteten Schule bie*
ten konnte, das lag nicht in der Macht kleinerer Meister und noch weniger
des Gildenunterrichtes. Nach Houbraken erhielt erst die 1664 in Antwerpen
Abb. 153 a. Unbekannter Niederländer, 15. Jahrh.
' Mander=Floerke I, 66: een uytghenomen suyver naed. — Klass. Bildersch. Nr. 1309.
* Roger van der Weyden, die Christusfigur in der Kreuzabnahme im Eskurial. — Vgl.
B. Haendcke, op. cit. S. 116.
^ Ferner Albertina, A. P. 1189: Federzeichnung zu einer Adam und Eva^Komposition.
Teilstudien. 391
von der Genossenschaft gegründete Akademie die Einrichtung des Natur*
aktes.^
In Holland war die geringe Pflege historisch* mythologischer Darstellungen Holland,
dem Aktstudium besonders ungünstig. Das kleine Genre hatte es weniger
nötig, akademisch vorzugehen. Manders Klage, daß es in den Niederlanden
wenig historische Kompositionen zu malen gäbe, wodurch den Malern jede
Gelegenheit zur Behandlung des Nackten entzogen würde, spricht deutlich den
Mangel aus.- Daß sich aber trotzdem und ohne staatliche Einrichtungen, die
Kunst dem strengen Körperzeichnen bald im Sinne der aus Italien kommenden
Tradition, bald nach heimatlicher realistischer Art zuwandte, lehren Manders
Vorschriften in seinem Lehrgedicht ' sowie überkommene Akte von A. Backer,
van Noord, van Campen, Adriaen van de Velde u. a. und vor allem Rem* Rembrandt.
brandts Selbstschulung und Brauch in seiner Werkstatt (Abb. 158, 159).
Seine Studien nach Jünglingen und Frauen mit Feder und Radiernadel, mit
Wasch* und ölpinsel bilden eine lange Serie ernster Kunstwerke. Die Akt*
Zeichnungen erstreben nicht nur organischen Aufbau, Klarmachung einer Be*
wegung, sondern neben graphischen Problemen vor allem Licht* und Raum*
werte. Während man nach akademischer Weise die Modelle der schönen Linie
halber unter einem zerstreuenden Lichtschirm studierte, mit nüchterner Modellie*
rung und ohne Hintergrund, setzte sie Rembrandt in das grellste Seitenlicht
oder in das Helldunkel, so daß sie mit ihren tiefen Schlagschatten eine kraft*
volle malerische Wirkung erzielten. Haben wir für seine erste Periode noch
wenig Einblick in die Einrichtungen seiner Werkstatt, so lassen sich dieselben
für die mittlere und späte Zeit aus Bildern, Zeichnungen und Radierungen
um so reicher erkennen und erschließen (Abb. 158, 159, 317).*
In Deutschland wirkten die nordische Scheu vor dem nackten Menschen, Deutschland,
kirchliche Verbote und die Schwierigkeiten, geeignete Modelle zu erhalten, durch
Jahre entgegen, aber ebenso das unvermeidliche Theoretisieren auf dem Gebiete
der Perspektive und Proportion. Dürer unterlag lange den Konstruktions* Dürer.
Skrupeln: «Man durchsucht oft zwei* oder dreihundert Menschen, ohne daß
man kaum ein oder zwei schöner Ding an ihnen Hndt, die zu brauchen sind.
Darum thut not, willt du ein gut Bild machen, daß du von Etlichen das
Haupt nehmest, von anderen die Brust, Arm, Bein, Hand und Fuß. Denn
von viel schöner Dinge sammelt man etwas Gutes, so wie das Honig aus viel
Blumen zusammen getragen wird».^ Allein auch Dürer kam weder mit diesem
Rezept, noch mit seinem in der Proportion niedergelegten Generaltypus aus.
Seine strengen Naturakte wie auch seine eigenen Worte überzeugen uns von
dem Zwiespalt und dem Sieg der Natur. «Aber derselb stell alsdann ein
Menschen für sich, der zu derselben Maß beiläufig tüglich sei. Darnach zeuch
die äußeren Linien, so viel du kannst und verstehst. Dann das ist für gut zu
' A. Houbraken, Schouburgh, S. 107.
» Mander = Floerke II. 219 (Michiel Jansen Mierevclt).
' Mander; Hoecker, p. 61.
♦ Vergleiche die Zusammenstellung bei Hofstedc de Groot im Tafelbande zu: Fecst.
bundel A. Brcdius aangeboden, Amsterdam 1915. Taf. 16, 33-40 und Textband p. 91 H.
•' Lange und Fuhse, S. 300.
392
Teilstudien.
achten, je gnäuer man einer hübschen Gestalt aus dem Leben und Natur
mit Abmachen nachkummt, je besser und künstUcher dasselb Werk würd.»^
Katurakte. Nach den konstruierten (gfisyrten) Figuren, wie der liegende weibliche Akt
von 1501 (L. M. 466) oder Adam und Eva um 1504 (L. M. 475, 476), folgen
schon 1506 Naturakte, die in dem Weimarer Mannesakt, der tatsächUch ,aus dem
Leben und Natur abgemacht' ist, den Höhepunkt seiner realistischen Auffassung
erreichen (L. 156).^ Selbst Rückenakte treten auf. Dürer erlernte sie 1506 in
Venedig (Abb. 157); 1509 erscheint dieselbe weibliche Figur mit diskreter Bein*
Stellung in dem bekannten Silberrelief,^ 1510 in dem kühnen Entwurf zu Adam
und Eva, wo er als erster versuchte, das Vorelternpaar kehrseitig darzustellen.^
Akademien. Offiziell erscheint das Aktzeichnen in Deutschland zum ersten Male in der
1703 in Nürnberg errichteten Akademie, und zwar nur in den Wintermonaten,
viermal in der Woche. Die Mitglieder hatten «die Unkosten, welche zu An?
Schaffung und Belohnung der Person, nämlich des Modells» nötig waren, durch
einen gebührenden Beitrag zu decken und der Vorsteher der Akademie «bei
jedweder neuer Stellung oder Positur vorher einen nervösen und deutlichen
Discurs zur Information und Nachrichtigung zu halten».^ Die Nürnberger
Akademie hatte so wie später die Dresdener einen Zeichensaal, Antikensaal
und einen Aktsaal. Die Besucher des letzteren hießen «Aktsäler».**
Eine weniger willkürliche Entwicklung nahm das Aktzeichnen in Frank*
Frankreich, reich. Der Kunstunterricht vollzog sich wie in einem von der königlichen
Sonne erwärmten, aber gut verzäunten Garten. Die Akademieeinrichtungen
waren souveraine Angelegenheiten, die, nach italienischem Muster geschaffen,
für das ganze Land galten. Paris war das Zentrum. Hatte das Aktzeichnen
in den italienischen Akademien auch eine stark schulmäßige Behandlung er*
fahren, so blieb es doch eine freie und jedermann zugängliche Übung. Dies
bewiesen die vielen Privatkurse. Dagegen erhielt es in Frankreich einen durch*
aus offiziellen Zuschnitt. Bezeichnend hiefür ist die bleibende Übertragung des
Namens der Schulstätte auf den Akt selbst: Academie.^ Der amphitheatralische
Modellsaal mit Reflektorenbeleuchtung war eine Art Kunstheiligtum, wurde
Offizielle gut überwacht und nur Beteiligten der Zutritt gestattet. Das Stellen des Modelles
Modelle, durfte nicht vor den Schülern geschehen. Die Pariser Akademie hatte drei
pensionsberechtigte männliche Modelle, die Livree und Degen trugen, im Louvre
wohnten und mit der Zeit recht würdige Männer wurden. Ihre alltägliche
Verwendung als Helden und Götter, selbst Göttinnen, forderte stets die Spott*
lust der losen Jugend heraus. So wie einst Caporal Leone in der Accademia
des Andrea Sacchi, die auch Poussin in Rom besuchte, sich eines besonderen
Rufes erfreute,^ so posierte in Paris ein gewisser Deschamps, genannt bon
* Ibid. 355; daneben die Ausdrucksweise «ein jung oder alt nacket machen», ibid. 246.
* Roh, Ein neues Selbstbildnis Dürers in Weimar. Rp. f. Kw. 39, 10.
=> Münchener Jahrb. d. b. K. I. 1906. S. 142.
* L. M. 518 und A. P. 410. — Ferner eine Skizze, wohl zum Relief, im Dresdener
Skizzenbuch (Brück, Taf. 62).
•^ Beiträge z. Kunstgesch. Nürnbergs von Josef Baader (Zahns Jahrbücher I, 264).
' J. Thaeter, Lebensbild eines deutschen Kupferstechers. Frankfurt a. M. 1887, S. 23.
' Encycl. Method. B. A. I, 1. « Passeri, p. 352.
Teilstudien.
393
Deschamps, durch mehr als 40 Jahre. ^ Bei besonderen Gelegenheiten, wie z. B.
anläßlich eines Besuches Christians VII. von Schweden, wurde durch gleich*
zeitige Verwendung zweier Modelle eine biblische oder mythologische Gruppe
in Szene gesetzt (Abb. 87).
Durch das Aktzeichnen an den staathchen Akademien, immer nach den* Reformen,
selben Gesichtspunkten und denselben Modellen, verlor sich alles Individuelle,
besonders in Perioden, als das antike Element vorherrschte. Die seinerzeit so
berühmten .Academies' Bouchardons enthielten nur antike Motive oder solche aus
berühmten Skulpturen oder gar
aus Gemälden. Mit der erwachen*
den Kritik und Opposition gegen
den Akademismus wetteiferte man
in allerlei Vorschlägen. Man emp*
fahl statt der abgebrauchten Kör*
per Modellwechsel,- schrieb zuerst
ein genaues Studium, dann auch
Auswendigzeichnen in Gegen*
wart des Modelies vor, denn der
Vergleich sei der Schlüssel zu
jeder Erkenntnis. Dem Aktmalen
gehe das Zeichnen voraus, immer
aber sei auch die Antike heran*
zuziehen.^ Aber trotzdem suchte
man freiere, «humanisierte» Be*
wegungsmotive, die alle Muskeln
spielen lassen sollten. Die Mo*
delle bogen Stäbe, hoben Steine
oder schoben mit Stangen Lasten
weiter.* Oder es wurden see*
lische Erregungen durch vehe*
mente Bewegungen ersichtlich ge*
macht (Abb. 154).^ Diejenigen,
welche sich der Malerei zuwen*
den wollten, hatten sich, um einen Übergang zum Farbigen zu gewinnen,
der papiers colores en bleu ou en gris und des Wischers zur Erzielung weicher
formen und Töne zu bedienen, denn weilk Papiere und das Strichverfahren
(par hächures oder en egrenant) erzeugen nur Härte."
Abb. 154.
Cochin Hls, Academie zu einem Entrüsteten.
' Locquin, op. cit. 78 und 79. - Dictionn. des Arts de Peinture, Paris 1792, III. 472.
Articie: Modele von Levesque.
■ «II serait necessaire, qu'il y eüt plusieurs modeles de dlHerents äges et de dlHerents
characteres.» schrieb Cochin 1777 (Cochin, 3' discours i Pacadcmie ... de Rouen 1777.
p. 14).
' Encycl. Method. B. A. I. 2.
* Der Louvrc besitzt eine grolk Anzahl dieser Akte. (Inventaire generale: Bouchardon).
•'■ Aus Jombert, Nouvelle Methode. 1740.
• Encycl. Method. B. A. I, 1.
394
Teilstudien.
Männliche
Modelle
als Ersatz.
Das weibliche Modell.
Hindernisse. J_yie Einführung des weiblichen Aktes ging ungemein langsam vor sich.
Die christliche Scheu vor dem «Geschlechtswesen», das nach Augustinus von
Natur aus der Vernunft und Sittlichkeit ferne steht und eine gefährliche Ver?
suchung bedeutet/ die schwierige Beschaffung geeigneter Modelle, der anfangs
liehe Mangel an öffentlichen kontrollierbaren Zeichenschulen und das bequeme
Verfügen über die Malerburschen oder andere männliche Modelle schlössen die
Verwendung weiblicher Personen für lange Zeit aus. Es gab noch einen anderen
Grund: die allgemeine Anschauung, daß der männliche Körper der voUkom?
menere sei und die richtigen Maße enthalte. Cennini entschuldigt sich förmlich,
wenn er nach Angabe der Maße eines Mannes jene des Weibes nicht mehr
behandle. «Die der Frau lasse ich bei Seite, weil sie keine ebenmäßigen hat»
(Kap. 70). Diese Ansicht scheint sich vor und noch lange nach ihm geltend
gemacht zu haben, denn bildhauerische und zeichnerische Beispiele sowie Nach*
richten lassen erkennen, daß man den männlichen Akt gerne für weibliche
Figuren anwandte.
Die Evafigur am Bamberger Dom aus der Mitte des 13. Jahrhunderts er#
innert in ihren Umrissen mehr an einen Jüngling mit einem Badewedel als an
ein Weib. Die Klosterkünstler hatten überhaupt keine anderen Modelle. Fra
Bartolommeo mußte auf die Beschauung weiblicher Formen verzichten und sich
mit Puppen oder Nachzeichnungen behelfen (Abb. 261). Michelangelo ent*
sprachen für seine Sibyllen weit besser männliche Körper (Abb. 167). Lodovico
Carracci, fett und fleischig wie er war, diente mit seinem Rücken dem Anni?
bale zu einer Venus, angeblich für jenes Gemälde, das die fierren Bolognetti
kauften (Malv. III, 378). Annibale Carracci dagegen benützte einen häßlichen
Farbenreiber als Modell zu einer Magdalena. Man war darüber sehr erstaunt,
aber er modelte alles zur allgemeinen Zufriedenheit um. Rubens malte die Figur
eines mädchenhaften Engels, der das Schwert aus dem Herzen der Mutter
Christi zieht, nach einem Jünglingsakt (Albertina, A. P. 20). Der Brauch hörte
auch noch im 18. Jahrhundert nicht auf Nicht nur an den französischen Aka?
demien, wo den Frauen bis 1759 der Zutritt verboten war, sondern auch in
Meisterateliers suchte mancher damit auszukommen. Jean Restout rühmte sich,
daß er für eine Ariadne oder Venus, für Nymphen und andere weibliche
Gestalten Männermodelle (le model homme de l' Academie) nehme. Manches
Gemachte und Gesuchte in seinen Stellungen und Bewegungen erscheint da#
durch leicht erklärt. -
Bade= Von den schematisch gezeichneten weiblichen Nacktfiguren in Miniatur::
mädchen. werken abgesehen,'' müssen zunächst jene aus Pisanellos Schule herrührenden
Naturstudien (Berlin) als frühe Belege angezogen werden. Dem Anscheine
' Troeltsch: Augustin, die christliche Antike und das Mittelalter, München und Berlin,
1915, S. 129.
' Robin J. B. C, Notice sur J. B. Restout (Magasin Encyclopedique 1797, VI, 443). -
Locquin, op. cit. p. 79.
' Julius V. Schlosser, Die Bilderhandschrift König Wenzels 1. (Jahrb. d. kh. S. d. Kh.
XIV, S. 271 f.)
Teilstudien.
395
396
Teilstudien.
Leonardo.
Berufs;
modelle.
nach wurde ein und dasselbe Modell stehend, sitzend, gebeugt und liegend in
ziemlich reahstischer Auffassung dargestellt (Abb. 155).^ Der Maler legte sich
in voller Ausnützung der Situation gleich eine Mustersammlung an. Konti*
nuierende Umrisse und leichte Schattengebung genügten für die ziemlich richtig
aufgefaßten Maßverhältnisse. Wie die Badeschüssel (Multer) und das Kopf*
kissen erkennen lassen, vollzog sich das
Studium in der Badestube selbst.^ Den
Leonardischen Kanon von der schamhaften
Stellung kannte er noch nicht, der auch für
A. Pollaiuolos Eva (Uff.) noch nicht exi*
stierte.-' In antiker Auffassung und im An?
Schluß an die typische Venusdarstellung
formuliert erst Leonardo die Haltung der
Frauenakte in folgenden Worten: Frauen
soll man mit schamhaften Gebärden dar?
stellen, die Beine geschlossen, die Arme
ineinander gelegt und den Kopf nieder und
zur Seite geneigt (§ 144). Diese Vorschrift
wandert auch nach dem Norden und kehrt
in Manders Lehrgedicht wieder (IV, v. 19).
Nach den zufällig entdeckten und als
geeignet befundenen Bademädchen kamen
später die Berufs modelle und wahrschein*
lieh entstammten auch diese derselben
Quelle. Es hatte überhaupt vielfach seine
liebe Not an brauchbaren Körpern. Aus
Raffaels Brief an den Grafen Castiglione,
der ihm Schmeicheleien über die Gestalt
der Galathea gesagt hatte, erfahren wir das
bereits erwähnte Bekenntnis, daß schöne
Frauengestalten selten und die Phantasie
ergänzend mitwirken müsse.* Hatte man
Brauchbares gefunden, nützte man es, wie
Zeichnungen und Bilder erweisen, mög*
liehst lange aus. In Guercinos Feder? und
Rötelstudien begegnen wir immer demsel*
ben Gesichte (Abb. 16). Malvasia rühmt die trefflichen Modelle der Carracci,
die einen Glanzpunkt ihrer Akademie bildeten,^ eine Art Reklame, die auch
' Berlin, Rückseite von Nr. 65 der Zeichnungen alter Meister, Kat. Nr. 487; 27-3 X 191,
Feder auf Pergament. Verlag Grote, Berlin.
^ In Deutschland hatte man statt der Multer den Kübel (Scheffel): Ein wibel vil ge»
lenke nam min da mit dienste war, sie truoc mit bat ein scheffel dar, weder ze kalt noch
ze warm, sie streich mir rucke, btin und arm (aus: Seifried Helbling). — Alfred Martin,
Deutsches Badewesen in vergangenen Tagen, Jena 1906, S. 148. Auch das , Kopfkissen'
findet Erwähnung, ibid. 149.
=• Berenson I, T. XVII und I Disegni, Ser. I. fasc. 3, Tav. 6. " Guhl I, 129.
^ Fossero del maschio o dclla femmina, i megli formati corpi (Malvasia III, 378).
Abb. 156. Dirk Vellert, Akt nach
einem Bademädchen.
Teilstudien.
397
später noch, selbst im Norden, für das geschäftliche Gedeihen aller Privat*
schulen förderlich war.^ Vielfach entwickelten sich aus Liebesverhältnissen
Modellgelegenheiten aller Art, über die wir ab und zu aus Viten einiges erfahren
(Fra Filippos Lucrezia, Raffaels Fornarina, Sartos Lucrezia, Albanis Doralice,
Cellinis schöne Hausmagd
[1. 1., c. 10]) und nicht selten
wurden aus Modellen auch
Künstlerfrauen.
So wie in Italien suchte
das früheste Modellstudium
auch in Deutschland und
den Niederlanden die
Kenntnis weiblicher Formen
in den Badestuben zu erwers
ben, so gut es nur gehen
mochte. Letztere wurden
nicht umsonst mit «Bads
oder Schandhauß», «Schand*
oder Wüsthauß» bezeichnet.
Adam* und Eva*Darstelluns
gen des Nordens erinnern
noch lange Zeit durch den
Badequast statt des Feigen?
blattes an jene Lokale. Der
fein ausgeführte Federakt von
Dirick Vellert (Abb. 156)
bestätigt die gleiche Hers:
kunft.- Die Figur trägt alle
Attribute: Haube, Wasser*
kübel und Badewedel zur
Schau. Vom Jahre 1496 fin*
den sich bei Dürer mehrere
Frauen* und Mädchenakte in
der Komposition einer Frauen*
badstube vereinigt (L. 101,
Bremen). Ebenso mochten
auch die öffentlichen Frauen* Abb. 157. Dürer, Weiblicher Rückenakt.
Deutschland
und
Niederlande.
' Nach Hogarth bestellte M. Vanderbank für die neugcgründctc Akademie, «-um sie
den Mitgliedern einladender zu machen», ein weibliches iModell (Aufzeichnungen, deutsch
von Leitner, Berlin 1914).
"^ Aus G. Glück, Beiträge zur Geschichte der Antwerpener .Malerei, Jahrb. d. kh. S. d.
Kh. XXII, S. 26. Feder, Louvrc. - Julius v. Schlosser, Die Bilderhandschrift König VC'cn»
zels I, ibid. XIV, S. 271. Die hier zahlreich abgebildeten Bademädchen, meist im Hemde,
selten nackt, tragen immer den Quast oder Wedel. - Von P. Flötner wird von den drei
Untugenden: Balnea, Vina und Venus (Badt, Cnitte weyn und schöne wcyher) der Bcgritt
Balnca durch ein Bademädchen dargestellt (H. Röttinger, 1'. Flettner, Straßburg 1914, Nr. 19).
398
Teilstudien.
Baidung,
Beham.
häuser, die in keiner größeren Stadt fehlten, den Badstuben verwandt waren
und unter obrigkeitlicher Aufsicht standen, manche Ausbeute geboten haben.^
Auch ohne literarische Quellen wird man dies annehmen müssen.
Dürer. Einen Hinweis scheint Dürers früheste Aktzeichnung nach einem jungen
Mädchen (Bonnat, L. 345) zu geben, das in auffallender Weise einen langen
Schleier trägt. Rot und gelb gefärbte Schleier waren in Deutschland das vor*
schriftsmäßige Abzeichen dieser gesetzlich anerkannten Zunft. ^ Dürer wurde
dieser Schönen auf seiner Wanderschaft 1493 habhaft. Ihre Pose ist gezwungen,
denn die etwas sagen wollende Geste der Arme und Hände steht noch im
Widerspruche mit dem steifen Sichhinpostieren. In weiterer Folge hinterläßt
uns Dürer 1497 den Stich der vier nackten Frauen (B. 75), 1506 den vene#
zianischen Rückenakt (Abb. 157),^ 1508 Lukretia (L. M. 516), 1516 abermals
einen Entwurf zu einem Frauenbad (L. 398, Chatsworth).^
Hans Baidung befaßte sich zeichnerisch viel mit der Weiblichkeit, opferte
aber das strenge Studium seiner technischen Ausdrucksweise, dem jede Korrektur
ausschließenden Clairobscur. Bessere Nacktzeichnungen brachten die «gottlosen
Maler von Nürnberg», die beiden Beham auf, weil von italienischen Formen
ausgehend und von gutem Geschmacke geleitet.^
Außer den Berufsmodellen leisteten auch die Frauen und Freundinnen der
Maler Modelldienste. Im Norden ist dies bei Albrecht Dürer (Frau Agnes),**
Rubens (Helene Fourment), Rembrandt (Hendrickje Stoffels) allgemein bekannt.
Dabei legte man mehr Wert auf Bequemlichkeit als auf klassische Formen.
Zu einer gewissen Zeit scheinen die Schwierigkeiten der Beschaffung weib«
lieber Modelle in Deutschland aufgehört zu haben. Nach dem Dreißigjährigen
Kriege wenigstens machte man aus dem Modellstehen schon ein Geschäft.
«Der Bildhauer Georg Schweigger (^ 1690) hat einer der schönen und langen
Jungfrauen 20 Rthahler bezahlt, ihren bloßen Leib zu stellen und dadurch einen
großen Anlauff unterschiedlicher Weibspersonen nach und nach bekommen,
Geld damit zu erwerben.»^
Rembrandt. Aus dem zeichnerischen Material Rembrandts gewinnt man nicht nur die
Einsicht in den reichen Betrieb des weiblichen Modellstudiums für seine eigenen
Werke, sondern auch in das Schulsystem, wie es für seine Discipulen galt.
In dem interessanten Weimarer Blatte (Abb. 158) sehen wir den Meister mitten
unter seinen sechs Kunstjüngern — darunter ein alter — bei der Korrektur.^
Künstler»
frauen.
^ Alwin Schultz, Deutsches Leben, 1892, L 7L
* Ib. L 75. - Grimm, Wb. IX, 578. - Weinhold. Die deutschen Frauen, 2. Aufl., II, 327.
^ Braunschweig, Blasius, L. 138. Pinsel auf blauem Naturpapier. (Verlag Grote, Berlin).
* Ch. Ephrussy, Les bains de femmes. Nürnberg 1881.
^ Eine gute Aktzeichnung von Hans Sebald in der Albertina: Ceres, Feder (A. P. 28).
* Rückenaktzeichnung zu einer Maria unter dem Kreuz (Donaueschingen, Jahrb. d. pr.
Ks. XXV, Taf. S. 224. - Bekannter der Profilakt im großen Glück, B. 77.
' Neudörffer, Nachrichten, S. 76.
* Aus Prestelgesellschaft II (Weimar), Taf. 25. Feder. (Verlag Voigtländer und Tetzner,
Frankfurt a. M.) — Die Feststellung dieses Tatbestandes von J. Meder in der Besprechung
der 2. Serie der Prestelgesellschaft in: Mitteil. d. Gesellsch. f. v. Kunst 1915, Nr. 2, S. 29.
Unabhängig davon Hofstede de Groot in: Feest^Bundel Abrah. Bredius aangeboden 1915,
Bd. I, 92, Rembrandts Onderwijs.
Teilstudien.
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"*'*.
400
Teilstudien.
Auf dem Platz eines Zeichners sitzend, die charakteristische Toque auf dem
Haupte, beurteih er mit scharf vergleichenden Augen die Leistung des hinter
ihm Stehenden.^ Man zeich*
net, wie die drei geöffneten
Tintenzeuge erkennen lassen
— bei dem Stehenden links
und in der Mitte des Hin*
tergrundes auf Stufe und
Fußboden — mit Feder und
Tinte. Eine fast gleiche Dar*
Stellung, jedoch mit einem
liegenden weiblichen Mo*
dell, findet sich in Darm*
Stadt. ^ Nach Houbrakens
Bericht, der mit Rembrandt*
Schülern verkehrte, gingen
die weiblichen Schönheiten
auch sonst in den einzel*
nen Studienkammern ziem*
lieh ungeniert ein und aus.^
Sowie seine männlichen
Akte lassen auch die weibli*
chen das Körperliche nur
im Räume mit abgedunkel*
tem Hintergrund oder selbst
im Helldunkel gelten, so
daß die weißen Glieder,
bald hell schimmernd, bald
von Reflexen übergössen,
plastisch hervortreten, fast
immer mit zugewendetem
Kopfe und einer Drehung
des Oberkörpers bildein*
wärts (Abb. 159 und 317).^
Darstellungen des Zeich*
nens und Malens nach
M-u irr, r> 1. j. A;i j 11 j Mi UV wcibHchen Modellen treten
Abb. 159. Rembrandt, Modell an der Aktschlinge.
wegen ihres interessanten
Vorwurfes in Bildern der Nordländer häufig auf, bei Rembrandt (Glasgow),
J. Steen (Leyden), A. Houbraken (Rijks* Museum), M. Sweerts, der Zeichensaal,
' Über den Verkehr weiblicher Modelle vgl. A. Houbrakens große Schouburgh,
Quellenschr. XIV, S. 111 u. 115.
* Siehe auch Rembrandts Radierung B. 192: das Modell und dazu die Zeichnungen
Budapest CA. P. 69) und Brit Mus., Handz. Rembrandts, 1890, III, 110.
' Houbraken, Schouburgh, S. Ulf.
* Aus Hofstede de Groot, Teekeningen van Rembrandt, verzameling Hofstede, Nr. 30.
Teilstudien.
401
Le Prince, Les Modeies, gest. von De Longueil, J. Heiss (Braunschweig), so
daß wir über zeitliche und lokale Gepflogenheiten in öffentlichen und pri?
vaten Schulen ziemlich unterrichtet werden und manche technischen Vorgänge
erfahren, deren Behandlung leider das vorgesetzte Programm überschreiten würde.
In dem Zeitalter Ludwigs XV. spielte der weibliche Akt die größte Rolle.
Wiewohl an der Akademie nicht zugelassen, fand er in den einzelnen Maler*
schulen eine um so intimere Pflege und entwickelte sich zu einer spezifisch fran*
zösischen Form, die weit über die Grenzen des Reiches großen Anklang fand.
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Cf
Abb. 160. Fra Bartolommeo. Fliegende Putten nach einem Wachsmodell.
Geschmackvoll und graziös im Lineament, farbig in der Erscheinung (aux trois
crayons), etwas lüstern in der Pose, dekorativ durch hinzugefügtes mythologi*
sches Beiwerk, manifestiert er schon für sich allein den Kunstausdruck jener
Zeit. Wir merken hier nie wie bei Rembrandt den nüchternen Apparat der
Sitzung oder des Ateliers, weder ein Podium noch eine Stützvorrichtung. Fast
alle ruhen auf weichen, malerisch angeordneten Pfühlen oder gar gleich Göt*
tinnen auf Wolken. Die Natur erfuhr während des Studiums eine delikate
Umformung, vielfach aber zeichnete man auch auswendig. Neben streng be*
obachteten Formen finden wir bei Boucher der Mehrzahl nach genial aus dem
Gedächtnis entworfene jugendliche Nacktheiten, die gleich seinen Putten muskel*
und knochenlos, gelenksarm, nur ihre schwammigen Reize aufzuweisen bestrebt
sind. Daher konnte es kommen, daß Diderot 1765, indes mit Unrecht, behaup*
ten wollte, seit 50 Jahren benütze kein französischer Maler mehr ein Modell.''
Frankreich.
' Oeuvres. Bd. X. 258. - Dresdner I. S. 223.
Mcder, Die lUndzcichnung.
26
402
Teilstudien.
Seit 1759 erfolgte auch die Zulassung weiblicher, und zwar bekleideter Mo*
delle an der Pariser Akademie unter dem Prätext eines Preises für Tetes d'Ex*
pression. Zum Kopf gewährte man stillschweigend die Büste und so bildete
sich seit dieser Zeit, mit und ohne Ausdruck, ein Lieblingsthema heraus. Es
entstanden eine Menge süßer Blätter, die durch den Farbstich ihre Vervielfältig
gung erfuhren (Boucher).
Kinder; Am schwersten tat man sich mit Kindermodellen, wiewohl der Santo
modeile. Bambino, fliegende Engel und Putten für religiöse und profane Darstellungen
unentbehrliche Bauelemente waren. Man konnte von dem rastlosen Bewe*
gungstrieb eines Kindes nicht die einfachste, geschweige denn jene gespreizten
Posierungen erwarten, wie sie schon zur Zeit Raffaels in Geltung kamen.
^TT^^^^^M
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Abb. 161 und 162. Dürer, Weinende Cherubim nach demselben Modell.
Mochte auch Leonardo vor den zu behenden Bewegungen und Stellungen der
Kinder warnen, der Bedarf sprach dagegen (§ 386). Hier halfen wieder antike
Bozze und zeitgenössische Skulpturen aus, namentlich aber Gipsabgüsse oder Wachs*
di cera. modelle, die als unumgängliche Apparate die Natur ersetzten. Fra Bartolommeo
besaß 22 boze di cera di hamhini.^ In zwei Uffizienzeichnungen ließ sich die
Verwendung dieser Behelfe direkt nachweisen (Abb. 160).^ Die beiden Engel*
knaben, von denen der linke in dem Lucca*Bilde «Katharina und Magda*
lena in Verklärung» wiederkehrt, beruhen nur auf der leicht gedrehten Stellung
desselben Modells. Die Hauptaufgabe fiel der ergänzenden Phantasie zu,
die nicht nur organisch verbindend, sondern auch umgestaltend zu schaffen
hatte.
Dürer. Selbst Dürer bediente sich derartiger Skulpturen schon 1506 in Venedig
(L. 333).^ Wie Abb. 161 und 162 erkennen lassen, ist die Verwendung ein
und desselben modellierten Kopfes mit freier Hinzufügung der Haare und
' Knapp, Bartolommeo, S. 275 f.
^ I Disegni d. Uff. II/2, Nr. 13. Kreide mit Rötelnetz. 23 X 32-3 cm. Verlag L. Olschki,
Florenz. — Ein zweites Beispiel bei Knapp, Abb. 47 (Uff.).
■'' Drei Kinderköpfe, schwarz abgedeckt, Paris, Nationalbibliothek.
Teilstudien. 403
der Flügel noch 1521 nachweisbar. Ob von ihm selbst geschaffen oder ander*
weitig bestellt, ließ sich nicht feststellen.^
Außerdem fand man sich mit erwachsenen Knaben, Mädchen, selbst Jung* Knabenakte,
lingen ab. So diente ein halbwüchsiger Bursche in einer Pontormo?Zeichnung
(Berlin) zu einem Putto in der Mediceer*ViIla in Poggio a Cajano.- Von
Fr. Albani wissen wir aus dem Bericht Passeris, der mit ihm verkehrte, daß
er eine schöne Frau und viele liebe Kinder besaß, die ihm zu Engeln und zu
allem, das er benötigte, Modelle abgeben mußten. Seine Bilder zeugen von
dem weitgehendsten Gebrauch.^
In vielen Fällen begnügte man sich mit Gedächtnisformen. Es hatte für Vorlagen.
einen Künstler keine besondere Schwierigkeit, mit Rücksicht auf die in solchen
Fällen nur oberflächlich betonte Anatomie einen Kinderakt aus der Erinnerung
zu zeichnen, wenn nur die Maßverhältnisse eingehalten wurden. Außerdem
gab es mit der Verbreitung von Stichvorlagen bald bei allen Nationen ganze
Serien von Putten in allen Stellungen und Gesten, die den verschiedensten
Quellen entstammten.''
Der Naturakt in Ruhe und Bewegung.
L'atto, l'attitudine, azzione, gesto, posamento, movimento — Vom Biegen, Stellung der
Possen — Van der actitude, welstandt, staende postueren — Attitüde, Academie bienpose.^
iJie gotische Malerei hält sich auch in ihren Bewegungsmotiven streng an Die
das Vertikalgesetz. Selbst in erregtesten Darstellungen, im Kindermord, stehen vermittelnde
die Schergen noch steif und gerade, das Kind in der Linken emporhaltend und
mit der Rechten das Schwert gelassen ansetzend (Duccio, Siena Domopera).
Und ebenso gefaßt stehen die Mütter um die toten Lieblinge, kaum daß sich
eine beugt oder kniet. Trotzdem war auch hier die Stellung einer jeden Figur,
wenngleich traditionell, vom Standpunkt der Klarheit wohlüberlegt und sprach
bedeutsam zum Beschauer.
Schon in der Übergangszeit treten Leihmotive aus der Antike auf, die sich
stetig vermehren. Wenn es auch Alberti für die Maler als notwendig erachtet,
mit allen vor der Natur gut erlernten Körperbewegungen wohl vertraut zu
sein (S. 123), so vollzog sich dennoch der Weg von der ruhig posierten Figur
Antike.
' L. 446 Berlin und L. 153 Braunschweig, Clairobscur. Verlag Grote, Berlin.
- Fritz Goldschmidt, Zeichnungen von Jacopo Carucci (Amtl. Bcr. aus d. kgl. Künste
Sammlungen in Berlin XXXVI, Nr. 5).
3 Passeri, S. 331.
* So von den Kleinmeistern angefangen bis zu Natoire und Boucher herauf.
* Über die technischen Ausdrücke siehe Baldinucci, Voc, p. 17: L'atto o Vazzione
o il gesto, che ja la figura, cioe: di star ferma, chinarsi, alzarsi o altrimenti muovcrsi in
qualunque modo, per esprimere gli affetti, che si vogliono rappresentare. — Ferner: Borghini 11,
p. 1 19- 120; Lomazzo. Trat. 11, VI. c. 4 und Idea c. 12, 20. 27, 32; Armenino I, c. 9. - Über
holländische Vorschriften siehe: Manders Lehrgedicht, Kap. Van der Actitude (Quellen;
Studien z. holl. Kunstgesch. VIII, S. 75). — Für französische Akademien gibt der Traitc
folgende Bezeichnungen: Poser le Modele, c' est faire prendre ä ut} homme ou ä une femme,
preposes pour cela, une certaine attitude. afin de dessiner d'apres, comme cela se fait dans
les Academics de Peinture; on dit une Figure, une Academie bienposee, pour dire dans
une belle attitude, action (p. 260).
26*
404
Teilstudien.
zur bewegten Erscheinung zunächst unter Mithilfe griechisch-römischer Formen.^
Beispiele. Arme und Beine traten zuerst in Tätigkeit, während der Rumpf noch lange
Bewegung und Drehung vermied.^ Die antike Profilfigur des mit vorgescho*
benem Knie weit Ausschreitenden (Fechterstellung) genügte lange Zeit für kämp*
fende Krieger, herantretende Abgesandte und Verkündigungsengel (Abb. 163^
und 245) oder für den in die Vorhölle hinabsteigenden Christus. Nicht das
Alltägliche, das sich dem Künstlerauge darbot, das Materielle am leben*
den Modelle reizte zur Nach?
ahmung, sondern das überliefert
Geheiligte, künstlerisch Abge*
klärte, abgesehen, daß die For*
menentlehnung vielfache Erleich*
terungen gewährte. Selbst das
einfache Stehen erhielt einen anti#
ken Anstrich durch eine über*
starke Ausnützung des Stand*
beines und übermäßige Entlastung
des Spielbeines.^ In Zeichnun*
gen und Gemälden treten viel*
fach Beispiele dieser monument*
artigen Hahung auf (Abb. 164).^
Ebenso gab der Dornzieher man*
nigfache Anregung." Entlehnte
man die Motive auch lange dem
Skizzenbuch, eines Tages stellte
man das Modell selbst in die
Pose der antiken Vorlage.
Ein neu eingeführtes Bewe*
gungsmotiv war eine Art Erfin*
^ Cosi adunque conviene, sieno ai
pittori notissimi tutti i movimenti
del covpo quali bene imparerano dalla
natura. Alberti, p. 121.
- I. I. Tikkanen, Die Beinstelluns
gen in der Kunstgeschichte, Helsing*
fors 1912.
Abb. 163. Baldovinetti,
Antik schreitender Verkündigungsengel.
^ Maria Verkündigung, Uffizien, Ausschnitt. - Als weitere Beispiele dienen: Jac. Bellini,
Skizzenbuch, Louvre, Taf. 18; Botticini, Reise des Tobias, London; A. Pollaiuolo, Herkules
tötet die Hydra (Uff., Gemälde), oder der Männerkampf, Stich B. 3; Ercole Roberti, Frag*
ment einer Kreuzigung, Berlin, Z. a, M. I, 47; Credi, Verkündigung, Uff., Gemälde.
* So die antike Figur eines Nackten mit Chlamys aus der Casa Sassi (Eggerc^Hülsen, Die
röm. Skizzenbücher von M. v. Heemskerck I, Text. p. 42).
ä Aus Berenson I, Taf. IX, Nr. 542. Lavierte Feder, Brit. Mus., Ausschnitt. - Weitere
Beispiele: Piero della Francesca, Taufe Christi (Gemälde); Jacopo del Sellaio, Vor der
Ermordung des Julius Cäsar (Gemälde, Berlin); Credi, Taufe Christi (Gemälde, S. Dome*
nico bei Florenz); Mantegna, Gang des Jakobus zur Richtstätte, Padua, Fresko, und im
Triumphzug Cäsars.
^ Berenson H, 10, Nr. 176. - Andreas Aubert, Der Dornauszieher auf dem Kapitel
u. d. Kunstarchäologie (Zs. f. b. K. 1901, 12, S. 40).
Teilstudien.
405
düng; es ging von Atelier zu Atelier, von der Plastik zur Malerei und sogar
in den Kupferstich über. Gerade in den letzten Jahren wurden viele antike
Vorbilder für die Renaissancemeister
festgestellt und noch ist mancherlei
Ausbeute auf diesem Gebiete zu er*
w^arten.^ Als Beispiel diene der ge*
stürzte Krieger in dem Grabmal des
Desilaos (Athen), der, ins Knie ge*
sunken, sich mit der Hand auf den
Boden stützt; ausgehend von dem
griechischen Urbild und vielen römi*
sehen Nachahmungen, läßt sich eine
ganze Reihenfolge von Anwendun*
gen bis zu Dürer herauf feststellen.^
Das freie posieren.
Neben der Entlehnung entwickelte
sich im Quattrocento das naturalis
stische freie Posieren an der Hand
der vielgestaltigen Aufgaben und
unter der Führung erster Meister
außerordentlich rasch. Wie ein Über?
gang erschien das Anlehnen an zeit*
genössische Bildhauerwerke. Dabei
wurde schon in der ersten Hälfte
der Grundsatz ausgesprochen, daß
jede Bewegung nur Ausdruck inne*
rer Vorgänge sei, weshalb jeder
Figur entsprechend der Gemütsbewe*
Erkenntnisse
und Fordes
rungen.
' Studien über die Benützung der
Antike in der Renaissance von P. G. Hubs
ner in: Monatshefte f. Kw. 1909. S. 267 ff.,
mit erbrachten Nachweisen für Brune«
leschis Isaak (Opferung) aus dem SockeN
relief der rechten inneren Säule des Kon;
stantinbogens und für einige Entlehnung
gen Raffaels.
* Das Grabmal in Athen stammt aus
dem 5. bis 4. Jahrhundert. — Benützung
gen des Motivs bei Donatello. Esclwundcr
im Santo; Pollaiuolo, Herkules im Kampfe,
B. 3; Leonardo. Entwurf zum Sforzadenk-
mal; Pier di Cosimo. Hylas und die
Nymphen, London. Benson; Giulio Ro^
mano. Domenichino, Perseus im Kampfe mit Phineus. Im Norden in Dürers Fcdcrzcich«
nung vom Jahre 1494 (Arion, Hamburg), be» B. Beham (B. 18) in Rückenansicht, bei B. v.
Orley. Prüfungen des Hiob (Brüssel). - Vgl. J. Meder. Neue Beiträge zur Dürer. For»
schung, Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh. XXX. S. 219 ff.
Abb. 164. B. Gozzoli, Antikes Standmotiv.
406
Teilstudien.
gung (movimento d'animo) eine besondere Haltung oder Stellung (gesto o posat
mento) gezieme (Alberti S. 120). Gefährlich wurde die Forderung für alle
starken Affekte wie Zorn, Schmerz und Freude. Leicht stellte sich das Über?
triebene, Gezierte, Gewundene ein (Botticelli, Pollaiuolo).
Leonardo. Von Alberti bis zu Leonardo wächst das Thema und erfährt praktisch
und lehrhaft in den Werkstätten stetige Entwicklung. Mit letzterem schließen
alle Anschauungen des Quattrocento ab
und finden in den zahlreichen Paragraphen
ihren bestimmten Ausdruck. Sein Grund*
satz: l'attitudine e la prima parte piü nobile
della figura legt das Hauptgewicht mehr
auf Stellung als auf Güte der Figur, denn
letztere werde schon durch Nachahmung
erreicht, erstere nur durch künstlerischen
Verstand (§ 403).' Sie beruhe auf strenger
Beobachtung anmutiger Umrisse und ge*
nauen anatomischen Kenntnissen. Alle Teile,
Kopf, Schultern, Oberkörper und Hüften
müssen richtig aufeinandersitzen (§ 322). Der
Kopf dürfe nie dahin gerichtet sein, wohin
sich die Brust dreht, sondern müsse schräg
zur rechten oder linken Schulter sich wen*
den, auch wenn er nach oben, unten oder
geradeaus schaue (§ 88 und 357). Ebenso
solle der Oberkörper nicht geradlinig auf
dem Unterkörper ruhen, höchstens bei Alten
(§ 357). Eine Drehung sei auf vier Ge*
lenke, Füße, Knie, Hüfte und Hals zu ver*
teilen (§ 320). Von den Hüften, den Polen
der menschlichen Gestalt, sei die eine höher
als die andere je nach der Pose und des?
gleichen die Schultern; die Halsgrube aber
liege lotrecht über dem Gelenke des Stand*
fußes (§ 319). Vergleiche Abb. 165.^
Arme, Beine und Hände sollen eine un*
gleiche Bewegung einnehmen, sich nie in
eine Richtung stellen und so viel als mög*
lieh die Absicht der bewegten Figur verdeut*
liehen (§ 88, 357, 368). Wenn bei Stehen?
den der eine Arm nach vorne geht, so sei der andere in Ruhe, oder aber er
wende sich nach rückwärts (§ 396). Das Spielbein neige sich im Knie zum
Standbein, so daß die Kniescheibe etwas tiefer zu liegen komme (§ 319, 320).
Bei Frauen und Mägdlein sind zu offene Beinstellungen zu vermeiden, denn
' Bereits bei Alberti S. 116 f.
-' Aus I Disegni IV/1, Nr. 16, als Filippino. Kreide auf Ockergrundierung; Verlag
L. Olschki. Florenz. 26*5 X 11 cm.
Abb. 165.
Unbekannt. Q.uattrocento ^Akt.
Teilstudien. 407
darin liege Keckheit und Mangel an Schamhaftigkeit (§ 387). Schließlich
mögen alle Gliedmaßen Leichtigkeit und Anmut ohne allzuviel Ausprägung
der Muskeln bewahren; diese seien weich, mit Schatten von geringer Dunkel*
heit (§ 319).
Waren diese Vorschriften auch zum großen Teile nur an der Antike ge* Anatomie,
wonnene Anschauungen, die alltäglich an dem Modell erprobt und erweitert
wurden, so bedeutete ihre klare Formulierung, die in alle Lehrbücher überging,
keine geringe Sache. Aber weit höher stand Leonardos Verdienst um die Fest*
legung anatomischer Erkenntnisse und deren Anwendung an gestrafften Glied*
maßen. Weil sich die Muskulatur je nach der Anstrengung bloßlege, solle
man Anatomie verstehen. Und weil man nicht immer gute Nacktmodelle mit
ausgeprägten Muskeln zur Verfügung habe, müssen Gedächtnis und Kenntnisse
aushelfen (§ 302, 303, 340). Immer aber hüte man sich vor einer auf*
dringlichen Muskulatur, denn ein Nacktkörper mit grober Deutlichkeit aller
seiner Muskeln erscheine bewegungslos, weil keine Bewegung ausgeführt wer*
den könne, ohne daß ein anderer Teil seiner Muskeln nachlasse. Außerdem
gleiche er, hölzern und ohne Anmut, einem Sack voll Nüsse (§ 336, 340).
Schließlich mögen alle Bewegungen dem Lebensalter und der Standeswürde
entsprechen bei Männern wie bei Frauen (§ 299, 326, 366).
So sehr auch die Gemälde des Quattrocento für einen Aktreichtum an Heiligen Seltenheit
und Profangestalten zeugen, so wenig haben wir an Zeichnungen überkommen, "uher
sei es nun, daß vieles entschwunden oder die Einzelstudie gleich mehrfache
Verwendung fand (Umbrien, Venedig), vieles erst in den gleichfalls verloren
gegangenen Kartons durchgezeichnet wurde, sei es, daß in manchen ober*
itahenischen Städten das naturalistische Erschauen gegenüber dem traditionellen
Gedächtniszeichnen zurückstand. Nicht einmal Florenz hat viel aufzuweisen:
stehende oder kniende Adoranten mit gläubigem Ausdruck, Sebastian* und
Johannes*Gestalten, wenig Mythologisches, Frauen schlummernd oder nach Art
von Flußgottheiten gelagert.
Mit Rücksicht auf die im Quattrocento und auch darüber hinaus vor* Erfinden
kommenden üblichen Frontal* oder Profilformen von Standfiguren muß an oder
dieser Stelle vor einer übertriebenen, kritiklosen Ausbeutung sogenannter ^-"*'^ "^"•
Entlehnungen, wie sie uns häufig begegnet, ernstlich gewarnt werden. Der
menschliche Körper hat seine bestimmten, 'natürlichen, sich in jedem Modell
wiederholenden Stellungen, die zumal bei den typisch gehaltenen Heiligen*
figuren mit Spiel* und Standbein von selbst wiederkehren. Gleiche Arm*
und Beinstellungen ergeben unwillkürlich gleiche Formen, ohne da(^ erst ein
Schöpfen aus Vorbildern angenommen werden muß. Das Halten von Stäben
und Büchern, das Lesen, das Falten der Hände führt naturgemäß zu ähnlichen
Positionen. Schließlich möge man einem Künstler auch die Fähigkeit zugestehen,
derartig einfache Posen aus Eigenem zu finden. Anders war es zur Zeit der
Barocke mit ihren tatsächlich gesuchten und überreichen Bewegungsmotiven.
\C^eder die Zuhilfenahme der Antike, noch die perspektivischen Kunststücke Der bewegte
konnten der erwachenden Lust an bewegten Figuren in erregten Darstcllun* Akt.
gen und dem nun mit offenen Augen die lebendige Natur erschauenden Künstler
408 Teilstudien.
mehr genügen. Wenn Alberti bereits vor allzugroßer Heftigkeit und über«
triebenen Bewegungen warnte, bei welchen man — eine ebenso unschöne als
unschicksame Sache — an ein und derselben Figur Brust und Rücken sehe,
so deutet dies nur auf die ungestüme
Freude an Neuem und auf die Ausschrei*
Alberti. WB^^^^' <;^i9HHi^lHli tungen einzelner hin.^ Alle Bewegungen
der Jünglinge und Männer, eine weitere Vor*
Schrift, seien voneinander verschieden, jene
leicht und gefällig mit einer Schaustellung
hohen Mutes und Kraft, diese durch grö*
ßere Festigkeit ausgezeichnet (S. 128).
Artender ??? i , Leonardo unterscheidet in mehr zusams
Bewegung |:| ■- 'XMl^ menfassender Weise als Alberti eine Orts?
^^"" ^' - . \i,^^^(vl bewegung, d. h. von einem bestimmten
Punkte aus (moto lochale): Steigen, Herab*
steigen und das Dahinschreiten; dann eine
Handlungsbewegung (moto actionale) mit
ihren endlosen Motiven und drittens zu*
sammengesetzte Bewegungen (moti cotrim
posti) wie Tanzen, Fechten, Gaukeln, Säen,
Pflügen, Rudern (§ 304).- Auch von diesen
Theorien führte die Tradition von der Ein*
teilung der Bewegungen hinsichtlich Ort,
Qualität und Quantität wie ein Faden noch
zur Antike (Aristoteles) zurück. Leonardo
warnt besonders vor übertriebenen Verkür*
Zungen und gestattet sie nur in Schlacht*
darstellungen, wo es sich um «bestialische
Raserei» handle (§ 177). Tatsächlich finden
sich solche in dicht gedrängtem Knäuel ent*
standene Moti leidenschaftlich erregter Kör*
per nur in Kampfszenen; zunächst in der
Bildnerei bei Bertoldis Reiterschlachtrelief
(Bargello), in Michelangelos Jugendwerk,
Kampf der Zentauren und Lapithen (Casa
Buonaroti), beide von antiken Sarkophagen
Abb. 166. Signorelli. Männliches inspiriert.
Modell am Seil. Immer mehr und mehr folgten Zeich*
nung und Malerei dem erwachenden Be*
wegungsrealismus. Botticelli und A. PoUaiuolo hatten bereits eine Erschütte*
rung der alten Normen versucht. Nicht immer entsprachen die zuckenden
«Sie halten dies aber für löblich, weil sie hören, jene Bilder erscheinen sehr lebendig,
wo die einzelnen Figuren jedes Glied wild umherwerfen: so machen sie aus denselben
Fechtmeister und Gaukler ohne jede künstlerische Würde» (S. 126).
Alberti nennt siebenerlei Ortsveränderungen: nach aufwärts, abwärts, rechtshin,
linkshin, sich entfernend, nähernd und im Kreise drehend (p. 124).
%tM. Ifijfc »Ti ^-^a^
*-^~'''»''9 .<5.-y "».""•^^'r^ — r~
•'^
Abb. 167. Michelangelo, Männlicher Akt zur Lybischen Sibylle.
Madrid, Sammlung A. de Beruete.
Teilstudien. 409
Bewegungen ihrer Körper, zumal der Hände und Finger dem seelischen Zu*
Stande. Indes hatte die alte Flächenkunst mit ihren strengen Vorschriften
dem allen Rhythmus störenden Bewegungswirbel noch vielfach gesteuert. Erst
Signorelli brachte in den Orvietofresken (1504) die erstaunliche Kühnheit Signorelli.
auf, die Verdammten mit Leidenschaft zu erfüllen. Alle Knienden, Hockenden,
Fliegenden, Stürzenden beruhen auf streng nach allerlei Werkstatterfahrungen
durchgeführten Naturstudien. Selbst die Geißler Christi werden zu von
Bewegung durchdrungenen Muskelmenschen, die am Seile studiert werden
(Abb. 166). 1 Aber noch ist die Tatsache bemerkenswert, daß dem Gesamt*
Wohllaut durch reine Silhouetten und durch die Betonung vieler Vertikalen
(Standfiguren) Rechnung getragen wurde. Kurz darauf folgten die beiden
Kartons von Leonardos Reiterkampf und Michelangelos badenden Kriegern,
worin der letztere seiner siegreichen Beherrschung jeder Art von Beuge? und
Streckmotiven die kompositionelle Strenge opferte. Der klare Umriß ver?
schwindet schon teilweise. Es erscheinen die .malerischen, formenarmen Sil?
houetten, die sich nicht mehr mit dem Sinn der Gestalt decken'- und die viele
Skurzi enthalten.
Nach 1500 setzt mit Michelangelo eine völlig geänderte Auffassung des Michel»
Aktes ein. Fast alle Normen Leonardos scheinen zum größten Teil aufgegeben, angelo.
Das stärkste Talent des neuen Jahrhunderts, geleitet von einem neuen Zeitgeist,
schuf Formen eines neuen Geschlechtes, wie sie die Welt nicht geahnt hatte.
An Stelle des jugendlichen Körpers tritt der des reifen Mannes mit kraft?
vollster Muskulatur. Selbst für Frauengestalten muß ein männliches Modell
herhalten. Ein übermächtiges Gefühl innerer Vorgänge (nach A. Riegl die
überwuchernde Empfindung gegenüber dem Willen) durchdringt die Glieder
und drängt sie bei aller äußeren Ruhe zu energischen Muskelspannungen, ohne
daß es sich im Gesichte widerspiegelt. Wir unterscheiden die seelischen Vor?
gänge nicht mehr auf den ersten Blick, sondern vermögen sie nur zu erschließen.
Dabei fühlt sich jede Figur schon in ihrer in sich geschlossenen Bewegung
auf sich selbst gestellt, voll des stärksten Bewußtseins, doch passiv und von
schweren Gedanken erfüllt.''
Die Drehung findet nicht mehr in harmonischer Abstufung von Gelenk zu
Gelenk statt, sondern vollzieht sich durch einen jähen Ruck in den Hüften.
Alle Gliedmaßen folgen dann entgegengesetzten Richtungen, selbst die Finger
und Zehen zeugen noch von der den Körper durchbebenden motorischen Kraft.
Das Mäl^igende der Antike verschwindet. Die Symmetrie der Renaissance
weicht einem bewegten Kontur. Die Akte erscheinen nicht mehr in Gänze,
sondern nur in dem Wesentlichen, in der anatomischen Durchzeichnung der
Beugungen und Gelenke (Abb. 167).'' Es entsteht der Typus der pyrami?
dalen oder flammengleichen Figur, ohne harte Winkel und gerade Linien,
* Braun, Nr. 140. Kreide, Louvre. Studie zu dem rechten Geißler in dem Gemälde der
Kirche S. Crescenziano in Morra. (Abb. bei Ricci, La Pinacoteca di Brera.)
'' Wölfflin, Kunstgesch. Grundbegriffe, S. 207.
=• A. Riegl, Die Entstehung der Barockkunst in Rom. Wien 1908. S. 31 ff.
* Aus Frey. Taf. 4, Vorderseite (Verlag J. Bard. Berlin); ca. 1509-1510. Rötel. Madrid.
Sammig. Don Aureliano de Beruete. 288 X 213 cm.
410
Tcilstudien.
Abb. 168. Annibale Carracci, Barockakt. Studie zu den Farnese^Fresken.
Teilstudien.
411
der Figura serpentinafa, die Lomazzo ausdrücklich Michelangelo zuschreibt
und erörtert (p. 22 — 23).^
Über sie hinaus geht Correggio. Seine Körper treten aus der Ruhelage und Correggio.
streben nach Ortsveränderung. Weitausgreifend mit Armen und Beinen, suchen
sie den Raum, die Wolken oder binden sich in Gruppen gegenseitig." Die
Verkürzungen und Überschneidungen nehmen zu und bedingen neue technische
Erfahrungen (Abb. 170 und 258).
Die Bolognesen, vor allem die Carracci^Gruppe, den Einflüssen Roms und Carracci.
Parmas folgend, geben ihren Akten neben gesteigerter Bewegung und bilds
einwärts gedrehten mächtigen Körpern noch ein Neues: allerlei Zutaten der
Umgebung, um das Räumliche leise anzudeuten, und eine rhythmische Licht*
und Schattenführung, die von Glied zu Glied springt, sich aber mehr der
Dekorative als den Helligkeitswerten des Gesamtraumes unterordnet. So wie
sie die Phantasie in der Werkstatt effektvoll gestaltet, so finden sie ihre Ver*
Wendung in der Malerei (Abb. 168,^ 16). Trotz der starken Lichter vermissen
wir die schweren Schlagschatten hinter den Körpern. Man braucht nur ein
Gegenstück aus dem Norden, z. B. von Rembrandt zum Vergleich heranzuziehen,
um zu erkennen, wie hier die Lichtführung lokalseinheitlich, sachlich? richtig
auftritt und damit auch eine plastisch*räumliche Wirkung auslöst (Abb. 159).
Die Leuchtkraft der Körper und Tiefe des Hintergrundes waren außerdem noch
raffinierte Mittel, sich gegenseitig zu verstärken.*
Den Höhepunkt zeichnerischen Erprobens und Erfindens komplizierter Be* Decken-
wegungen und Verkürzungen erforderte erst die in ihrer Entwicklung aufsteigende malerei.
Plafondkunst. Der Geist der Aufregung, Mißachtung strenger Symmetrie und
des kompositionellen Gleichgewichtes, Aufgeben des Konturs fährt auch in die
Einzelfigur. Weder innerer Ausdruck noch Handlung stehen im Verhältnis
zur äußerlichen Bewegtheit. Das Modell erlebte an sich Stellungen und Lagen,
die dessen Gefühl der üblichen Langweile noch durch jenes des Unbehagens
vermehrten. Kriechend, hockend, auf dem Rücken, auf dem Bauche liegend,
mit angezogenen, gespreizten oder aufgebundenen Beinen hatte es Bewegungen
zu markieren, die erst durch eine Umstellung im Karton ihre richtige Bedeutung
erhielten und durch die ergänzende Phantasie in der Gesamtkomposition Ein?
reihung und Verbindung erfuhren.
Die einerseits aus der Antike und dem intensiven Naturstudium, anderer* Deutschland,
seits aus der unter neue Forderungen gestellten Kompositionsweise hervor*
gegangene Motivenbereicherung trat auch in dem Schaffen jenes Mannes zu
Tage, der in Deutschland die Kunst verkörperte. Trotz aller ungünstigen
Voraussetzungen entwickehe sich in dem einen Leben der rasche Übergang
von den gotischen Draperieposen zur Nacktgestaltung, von der statuenhaften
Haltung zur Bewegung, von innen heraus motiviert und geleitet. Und wie*
wohl der reine Born der Erkenntnis, die Anatomie, ihm versagt blieb, so
ersetzten seine durchdringende Phantasie und das jahrelange Versenken in die
menschliche Proportion diesen Mangel reichlich. Dürer ward sich in Vene*
' Birch = Hirschfeld, op. cit. S. 41. * A. Riegl. a. a. O.. S. 46 ff.
= Braun, Nr. 340. Kreide auf bräunlichem Naturpapicr. I.ouvre.
* A. Riegl, a. a. O., S. 169.
412
Teilstudien.
Dürer.
Grünewald.
Holbein.
_ A
t
:;<:}
. ir,--
dig der Wichtigkeit der Bewegungen, «des Biegens» bewußt und sammelte
bereits allerlei für den Norden noch recht fremdartige Motive nach Mantegna
und Pollaiuolo, die in seinen graphischen Werken, z. B.
in der Eifersucht B. 73 Verwendung fanden oder fin*
den sollten (Abb. 132). Eine eingehende Beschäftigung
für Jahre bedeutete ihm der Apollotypus, der in der
Adamfigur seinen Abschluß fand.^
In dem Werke von der menschlichen Proportion
versuchte er auch den neuen Anschauungen nach seiner
Art gerecht zu werden;- und in verschiedenen, vielfach
als rätselhafte Kompositionen aufgefaßten Bewegungs*
Studien junger und alter, dicker und schlanker Männer
und Weiber haben wir nur das Problem ,des Biegens'
zu erkennen (L. 195, Frankfurt; L. M. 538, Albertina;
Staedel Publ. XV, 1 vom Jahre 1515). Und ebenso die
Radierung: der Verzweifelnde, B. 70. Sie entsprangen
den durch die Proportionslehre gewonnenen Gedächtnis*
formen. Wo diese Vorarbeiten fehlen, wie bei Alt*
dorfer, L. Kranach oder H. Baidung, erscheinen leicht
Monstrositäten. Wiewohl Dürer seine Gemälde nicht
aus Akten aufbaute und für seine graphischen Kom#
y-'^ ^^\> -^ Positionen Figur um Figur in reicher Faltengebung fertig
hinsetzte, so muß es ^doch manches Aktmäßige ge#
geben haben, das verloren ging. Schon das Wenige,
das sich erhalten, gibt den Hinweis auf die Durcharbei*
tung bestimmter Absichten.
Gründlich studierte Bewegungsmotive in Akten be#
sitzen wir, leider nur in Fragmenten, von M. Grüne*
wald (Dresden, Göttingen). Gleich Michelangelo durch*
-^^f* ' ■ dringt er die Formen mit stärkster Empfindung bis in
die zuckenden Fingerspitzen hinein. Ein gleiches Ver*
trautsein mit dem menschlichen Körper, doch nach der
abgewogenen rhythmischen Linie hin, voll Geschmack
und Flächenkunst müssen wir für Holbein d. J. vor*
aussetzen. Die Beherrschung des Figuralen, die pla*
stische Formsicherheit, die kompositionelle Freiheit geben
Kunde von vorangegangenen Studien, von denen
4i
\
1
'tUh,
\
Abb. 169. Leonardo.
Bewegungsschemen mit
Lotlinie.
* M. Lehrs, Zu Dürers Studium nach der Antike (Mitteil. d.
Instituts f. österr. Geschichtsforschung 1881, S. 281 ff.). - Wölff=
lin. Die Kunst Albrecht Dürers, 2. Aufl., S. 129.
«Nun tut weiter not, daß man unterschiedlich und verständlich
Deshalb ist zu merken, alles, das zu solchem Biegen gehört
und notdürftig ist, mit sunderem Fleiß acht zu nehmen, damit man ein jedlich Ding biegen
und stellen kann, ernstlich und lieblich.» Beim Ernst, d. h. bei aufgeregter Handlung
fordert er ,eine grimme Stellung', bei harmlosen Darstellungen ,eine freundliche'. — Erhard
Schön schreibt gleichfalls von der .Stellung der Possen liegent vnd stehent'.
" Lange und Fuhse 233
von solchem Biegen rede
Teilstudien.
415
Abb. 170. Wachsmodell in drei verschiedenen Stellungen nach Correggios
Figurengruppe aus der Domkuppel in Parma.
414
Teilstudien.
■*^-:C ^y
Bewegungss
skizze.
nur Reste in seinem reich*
haltigen Zeichnungenwerk
einen schwachen Begriff ver*
schaffen können.^
y?
Werkstattpraxis.
Dem einfachen und noch
mehr dem komplizierten
Akt ging stets die Bewe*
gungsskizze voran. Ob
selbständig oder bereits Be#
standteil einer Bildkomposi*
tion, setzte sie allzeit eine
lebendig schaffende Phanta*
sie und einen gewissen Vors
rat an Bewegungsmotiven
voraus. Sie konnte auch un#
mittelbar vor dem sich stetig
bewegenden Modell entste?
hen und dann erheischte
sie scharfe Naturbeobachtung
und eine gewandte Hand.
«Ein Maler, der von seinen
Werken Ehre haben will,
soll allezeit die lebendige
Unmittelbarkeit der Bewe*
gungen in natürlichen Stels^
lungen studieren, die von
den Leuten unversehens
ausgeführt werden. Von die*
sen soll er sich kurze Er*
innerungen in seine Skizzen*
bücher machen (brevi ricordi)
und sie nachher zu seinen
Zwecken verwenden, indem
er dann einen Menschen in
derselben Aktion Modell
stehen läßt, um die Qualität
und die Ansichten der Gliedmaßen zu studieren, die gerade zu selbiger Aktion
verwendet werden» (§ 127). Wie ein bildlicher Kommentar zu diesen Worten
Leonardos erscheinen uns die Momentaufnahmen Raffaels, die er z. B. für
seine Madonna im Grünen mit der Feder festhielt. Das ruhelose Auf und
Nieder eines bewegungsfrohen Bambino ist hier mit eifervoller Geduld immer
wieder skizziert worden.^
Abb. 17L
Tintoretto, Sturzmotive nach einem
Wachsmodell.
Ganz II, 10; IV, 6. '' Albertina. Inv. Nr. 207 (A. P. 55 und 213).
Teilstudien.
415
IV
*?■►:
i
•^k
m
Trattati und Viten geben
über die Anlage der Skizze
hie und da etwas Licht,
mehr die akademischen Tra^
ditionen und die Zeichnuns
gen selbst. Bandinelli zeich*
nete die nackten Arbeiter
auf dem Gute seines Vaters.
Albani studierte mit einem
jungen Bildhauer, einem
Bäckersohne, des Nachts an
den schaffenden nackten
Bäckergehilfen.^ Von Bas
rocci berichtet Bellori, daß
er von seinen Lehrjungen
die Bewegungen, welche er
benötigte, markieren ließ,
wobei er sie fragte, ob bei
gewissen Gesten irgendein
Zwang zu verspüren sei.
Ebenso verfuhr er bei Figu?
rengruppen, wo er die Jun?
gen gleichzeitig in Aktion
stellte. Hatte er darnach
seine Skizzen gemacht, ging
er daran, die Zeichnungen
frei auszuführen (e da gli
schizzi formava poi da se
il disegno compito).^
7.\xt Zeit, als man be*
reits größere Spiegel zur
Verfügung hatte, benützte
der Künstler auch seinen
eigenen Körper als Modell,
wie wir aus einer direkten
Vorschrift bei Lairesse erfah?
ren, der dem komponieren?
den Maler empfiehlt, sich vor dem Spiegel allerlei Bewegungen vorzumachen,
dabei Kopf*, Arm- und Beinstellungen strenge zu beachten und schließlich
nachzuzeichnen.'' Als ein gutes Hausmittel bei solch raschem und richtigem
Erfassen empfahl schon Leonardo die von Bildhauern benützte Lotschnur, da*
mit man sehe, wie die Dinge sich schneiden und zueinander in Richtung
Quellen;
nachrichten.
¥
Abb. 172. Tintoretto. Rückseite von Abb. 17L
Spiegel
und Lot.
' Malvasia IV, 183.
* Bellori, Le vite, p. 117.
' Lairesse, Schilderboek I. S. 49: Maak met uw ciijen lichchaam, voor een spiegel. stA.inJe
zulke actien en beweegingen, als gy uw beeiden wild doen hebben.
416
Teilstudien.
stehen (Abb. 169).^ Ein Gleiches beobachtet man bei Dürer (L. M., Text*
abbildung zu Nr. 475 und 476).
ModelU Bequemer und einfacher, weil allezeit leicht zugänglich, vermittelten die
männchen. Modellmännchen aus Ton oder Wachs, die auf Brettchen gestellt oder an
Fäden schwebend aufgehangen wurden, dem Künstler Bewegungsreichtum und
verminderten das Maß der Überschneidungs« und Beleuchtungsschwierigkeiten.
Bezeugen auch einzelne Literaturhinweise ihre Wertschätzung, so gewähren vor*
handene Zeichnungen und Bilder den Einblick, daß wir es durchaus nicht mit
einem vorübergehenden Behelf zu tun haben, sondern daß ihre Anwendung
eine weit verbreitete war. Gerade der stetig sich steigernde Bewegungsreichtum
Abb. 173. Palma Giovine. Zwei Modellmännchen als Ringer, in verschiedenen
Zusammenstellungen.
der Barockfiguren erheischte ihre Zuhilfenahme. Michelangelo, Correggio, Pars
megiano, Primaticcio, Tizian, Tintoretto und Palma Giovine nützten sie reich*
lieh aus. Da ihre Verwertung noch an anderer Stelle eine Besprechung erfährt
(siehe Werkstattbehelfe), sei hier nur auf einige besonders belehrende Bei:=
spiele aus Gemälden und Zeichnungen hingewiesen.
In Bildern. So ließ sich selbst für Correggios Schaffensweise auf experimentuellem Wege
eine überzeugende Nachprüfung durchführen. Es war vom größten Interesse
zu erkunden — da leider alle Studien verloren gegangen — , auf welchem Wege
derselbe in der figurenreichen Himmelfahrt Mariens der Domkuppel zu Parma
die technischen Schwierigkeiten hinsichtlich der Sottoinsu* Ansichten bewältigt
haben mochte. Viele der um die Jungfrau jubilierend schwebenden Engel
' Ausschnitt aus Richter, Leonardo, T. 22. Paris, Institut de France. Feder. — Leonardo,
§ 100. - Alberti, S. 194.
Teilstudien.
417
ließen schon in ihren auffallend gleichmäßig bewegten Beinstellungen an
eine Anwendung von Modellmännchen denken. Ein nach dem mittleren
Engel (Abb. 170 oben) angefertigtes und aufgehängtes Plastelinfigürchen be*
stätigte, in die Stellung der anstoßenden gebracht, in überraschender Weise
die Vermutung und ergab eine vollkommene Übereinstimmung, ohne daß auch
nur das Geringste daran geändert zu werden brauchte.^ Oberkörper und Arme
fanden vom Künstler selbstverständlich der Handlung entsprechend eine freie
Umgestaltung. Daher auch die unorganische Verbindung zwischen Unter? und
Oberkörper, der Mangel anatomischer Strenge, den man Correggio wiederholt
zum Vorwurf machte. Siehe ferner
Abb. 258. Der gleiche Vorgang läßt
sich auch bei einzelnen Deckenbildern
des Primaticcio in Fontainebleau be*
obachten.^
Armeninos Satz: Wer wüßte nicht, llk 11 1 in Zeichs
daß man von ein oder zwei plastischen rt t ! nungen.
Figuren bloß durch einfaches Dre?
hen viele, unter sich ganz verschieb
dene gewinnen kann,^ findet kaum eine
bessere Erläuterung als durch eine Buda?
pester Zeichnung von Tintorettos
Hand, die nach dem Modellchen
eines Stürzenden angefertigt wurde und
gleich fünf Varianten aufweist. ■* Damit
war auch das Verfahren gegeben, wie
man auf zeichnerischem Weg sich
zunächst einen brauchbaren Vorrat ans
legte, aus welchem der Künstler frei
schöpfen durfte (Abb. 171 und 172).^
Weitere Studien bieten vier Louvre*
Zeichnungen (als Correggio, Br. 453
bis 456), in denen männliche und
weibliche Modelle in Untersichtsstel*
lungen, von den verschiedensten Seiten gesehen, mit Rötel skizziert sind.''
Ein besonders interessantes Beispiel, wie man auch mit Gruppen Versuche Gruppen»
anstellte, gewährt eine LouvresZeichnung von Palma Giovine, die zwei Ringende männchcn.
' Oben Ausschnitt aus dem Stich des Domenico Bonaveri nach dem Kuppelfresko.
^ Z. B. in einer Louvre-Zeichnung dieses Meisters, Br. 368.
" Armenino, p. 109.
* [Tintorettol sospendeva ancora alcuni modelli co' fili alle travature, per osservare
gli effefti, che facevano veduti aW insu, per formar gli scorci posti ne" sofßtti, componendo in
tali modi bizzarre inventioni: le reliquie de' quali si conservano ancora nella stanza sccretaria
de' pellegrini suoi pensieri. (Ridolfi, op cit. 11, 7.)
•' Budapest; Kreidezeichnung, aus Kinzelstücken zusammengeklebt, heute wieder ab=
gelöst. Die freundliche Überlassung der Photographien verdanke ich Herrn Johann Wilde
in Budapest.
" Den freundlichen Hinweis erhielt ich von Frau Dr. Anny t. Popp.
27
Mcdcr, Die Handzeichnung. *■
Abb. 174. Florentiner des 15. Jahrb.,
Junger Krieger am Hängeseil.
418
Teilstudien.
Werkstatt-'
gepflogen^
heiten
*•',
^ f'y
darstellt. Der Künstler fügte beide in Kampfstellung modellierte Figürchen ohne
vieles Hinzutun viermal frei aneinander, um neue Kombinationen zu erzielen.
Während der kniende Sieger, so wie er links oben einzeln dargestellt erscheint,
unverändert in Verwendung gebracht wird, erleidet der Unterliegende leichte
Umbiegungen der Arme, um Anschluß an die obere Figur zu finden. Gleich?
zeitig werden daran die
durch grelle Beleuchtung
hervorgerufenen springen*
den Schatten in ihren schar*
fen Überschneidungen nach
echt barocker Weise in Wir*
kung gesetzt (Abb. 173).^
Ohne daß man irgendeine
-^' Sorgfalt in der Zeichnung
oder anatomische Strenge
beobachtete, Energie der Be*
wegung, Lebendigkeit der
Handlung wurden erreicht.
Direkt unvermeidlich er*
schien dieses Verfahren für
schwebende Putten und
Engel.
Wenn solche Behelfe
namentlich in Venedig eine
auffallende Ausnützung er*
fuhren, so wird es auch
glaubhaft erscheinen, daß
von hier aus Anregungen
nach dem Norden wan*
derten.
%
f
J?'
Abb. 175.
Michelangelo. Das Aufschweben mit vier
Stützpunkten.
IN eben diesen Aus*
kunftsmitteln, die nur dem
Wissenden dienlich waren,
den Unerfahrenen zu lee*
ren, unverstandenen Formen
führten, blieb die Durch*
führung des vorbereiteten Motives, das direkte Studium und raffinierte
Posieren, die unmittelbare Erfassung des scheinbar in der Bewegung erstarr*
ten und eine Illusion vortäuschenden Körpers Endziel aller Meisterschaft. Das
Modell sollte allzeit ebensoviele Tugenden besitzen als der Zeichner Ana*
tomiekenntnisse. Darum der Ausspruch Carraccis, daß nur die Künstler selbst
einander am besten auszuhelfen vermögen. Es war für das Gedeihen eines
Kunstwerkes nicht dasselbe, ob der fertig gezeichnete Akt erst vergrößert
und in die zu bemalende Fläche eingetragen wurde, oder ob man gleich im
* Louvre, Br. 421. Feder, laviert.
Teilstudien.
419
Karton oder Bilde nach der Natur arbeitete. Leicht konnte die trockene Ver*
größerung und Übertragung auch der besten Vorstudie zu einer lahmen Figur
führen, wenn sie nicht die mitgestaltende Phantasie mit Leben und Bewegung
erfüllte.
Soweit alte Abbildungen erkennen lassen, werden die Modelle für alle für
Standmotive auf ein Podium, auf ein provisorisches Bänkchen oder in be^ Standposen,
quemerer Weise auf Matratzen und Tische postiert. Die Bäuerinnen C. Begas
(Abb. 182), die Modelle bei Rembrandt (Abb. 158) stehen auf niederen Holz*
stufen.' In M. Sweerts Zeichensaal (Haarlem) sitzen die mit Rötel zeichnenden
Abb. 176. Annibale Carracci (?). Aufschwebender nach einem Liegeakt.
jungen Maler um einen Tisch, auf dem das Modellmädchen steht. In den
Akademien war das hochgestellte Modell selbstverständlicher Brauch. Alle
diese Einrichtungen ergaben bei normalem Sitzen des Zeichners etwas Unter*
sieht und eine Verlängerung der Beine.- Umgekehrt suchte das Auge bei
Liegeakten, mit und ohne Verkürzung, in der Regel eine Daraufsicht (Abb.
176, 179 und 251).
Um das Modell vor Ermüdung zu schützen, verwendete man frühzeitig
Stütz* und Hängevorrichtungen. Vor allem den Modellstab für Standposen,
der außerdem noch verschiedene Dienste zu leisten hatte (Abb. 148, 150).
Eine frühe und interessante Ausnützung erfuhr er durch einen alten Nieder*
länder, der damit den Kreuzbalkcn markieren liefi (Abb. 153 a). An seiner
Stelle erscheinen auch Lanzen, Hellebarden, Säulen, selbst Tische (Abb. 175).
Für stärker bewegte Körper hatten das Aktseil, die Schlinge oder der
Ring den notwendigen Halt zu gewähren. Wohl eine der frühesten Dar*
' Ferner Rembrandt, Radierung B. 193, sitzender männlicher Akt v. 1646.
" Rembrandt, Radierung B. 192, der Modcilieichner.
für bewegte.
27«
420
Teilstudien.
für
schwebende
Figuren.
B
eispiele.
4
-^^.
•r'
^
3-
Stellungen eines Seilbehelfes liefert ein Skizzenbuchblatt des Louvre (seinerzeit
Verrocchio zugeschrieben) zur Posierung einer heraneilenden oder einher*
schwebenden Figur, wie sie uns in Peruginos Engelsgestalten begegnet (Abb. 174).^
Einen anderen Fall bietet eine Signorelli#Zeichnung (Louvre) mit einem auf den
Zehen sich streckenden und oben haltenden Mann, der in prachtvoller Ent*
Wicklung aller rückseitigen
Muskeln die Bewegung eines
mit beiden Händen Drein*
schlagenden darzustellen hat
(Abb. 166, 159). Besonders
erfindungsreich war man in
den Akademien, wo allerlei
Hänge Vorrichtungen von der
Decke herabhingen (Abb. 87,
154). Heute gibt es für sprins
gende und laufende Posen
hölzerne oder eiserne Stell*
maschinen.
Aufschwebende Figuren
beruhten ursprünglich auf
Standstellungen mit Unter*
sieht. Die Füße zeigen im
Qiaattrocento, wenn auch im
Bilde auf Wolken ruhend
(Melozzo da Forli), noch
das deutliche Gepräge des
festen Stehens auf festem
Boden; nur Arme und Ge*
wand haben die Bewegungs*
richtung anzudeuten. Später
holte man Flugmotive aus
dem auf einen Tisch lie*
genden Modell heraus. Die
Aktschlinge oder unterstüz*
zende Körper mußten die
abgespreizten Gliedmaßen
fixieren. Derartige bald nach
gestreckten, bald nach ge*
krümmten Modellen entstan*
dene Zeichnungen wurden nach Bedarf in die entsprechende Richtung ge*
bracht, um das Fallen oder Steigen in der Vorstellung wachzurufen. ^
Ab und zu lassen Zeichnungen solche angewandte Vorgänge erschließen.
Eine Michelangelo*Studie zu einem aufschwebenden Christus zeigt deutlich, wie
}i-.
\
Abb. 177. Tintoretto. Starkes Vorneigen am Seil.
^ Aus den Verrocchio zugeschriebenen Skizzenbuchblättern, Louvre; Braun 161.
' O. Hettner, Zeichnerische Gepflogenheiten bei Michelangelo (Monatsh. f. Kw. II, S. 71).
Teilstudien.
421
sich das Modell mit der rechten Hand auf eine erhöhte Unterstützung, mit
der linken auf einen Stab stemmte. Der rechte Fuß ruhte auf einem Schemmel
(Abb. 175).^ Noch deutlicher versetzt uns ein dem Annibale Carracci zuge*
schriebener Rötelakt zu einem aufwärts Strebenden in die Situation. Das Modell
liegt auf einer Matratze und markiert
durch Kopfs, Arm* und Beinhaltung die
Bewegung (Abb. 176).2 ____^_
Die zeichnerische Behandlung von BBKli^S^BB^^^^^^^^^^^BB Flüchtige
Bewegungsakten brachte vielfach eine ml^'SS^l^rfSm^^^^^^^^l^^S Behandlung.
Flüchtigkeit mit sich. Schon in den volle
Muskelspannung aufweisenden Posen,
wie z. B. bei Michelangelo, lag die For#
derung, rasch zu arbeiten und von
allem Nebensächlichen, wie Kopf, Füßen,
Händen, abzusehen. Die Details folg*
ten in bequemer Weise nach. Am
lässigsten erscheinen derartige Studien
bei Tizian, Tintoretto und deren
Nachfolgern. In Tintorettos Kreide*
Zeichnung zu einer bildeinwärts geneig*
ten und sich am Aktseil haltenden
weiblichen Figur (Abb. 177) sind nur
mehr die Hauptumrisse berücksichtigt.^
Nicht einmal die Pentimente erfahren
durch eine Markierung des Richtigen
eine Absonderung. Trotzdem genügte
sie, wie die Netzlinien und die Bildfigur
(Abb. 178) erweisen, der Verwendung."*
Am gewissenhaftesten verhielten sich die
Akademiker (Abb. 176).
Das Vertrautwerden mit der Per* ^^' ^1^ • ' "'^''^'^^^^^ ^^ Skurzi.
spektive leitete schon früh zu kühnen
Projektionen, zu dem Ritrarre in is*
corcio, den Scorci (scurzi, sciirti,
scorti). Wiewohl bereits Giotto schüch*
terne, von Vasari hochgepriesene An*
fange versucht hatte,^ wich die Früh*
renaissance diesem Thema im allgemei*
nen aus. Das Gesetz von der reinen Silhouette einer Figur wehrte das Ein*
dringen ab. Nur für einzelne Meister bildeten Verkürzungsschwierigkeiten
Abb. 178. Tintoretto. Jungfrau aus einer
Geburt Johannis.
' Frey II, 288. Text S. 131 (Verlag J. Bard. Berlin). Kreide, graniert. Brit. Mus.
' Albertina. Inv. Nr. 2177. Rötel. ' Albertina. Inv. Nr. 21630. Kreide. 26 X 15 cm.
* Ausschnitt aus dem Stich v. F. Horthemels. Gemälde ehemals im Kah. Groiat.
'■ Mord der unschuldigen Kinder, Assisi. Untere Kirche und in der gleichen Darstellung
in der Arenakapelle (Vas. Mil. 1. 393).
422
Teilstudien.
Liegeskur:
Velo,
Glasscheibe,
Netzrahmen.
in dem perspektivisch verlaufenden, sich überschneidenden, unterbrochenen
Kontur und in einer spitzfindigen Modellierung einen besonderen Anreiz, aber
auch die Veranlassung zu Absonderlichkeiten.
Die einfachste Aufgabe bildeten die liegenden, meist von den Füßen aus
gesehenen Körper. Von den vielen derartigen Zeichnungen Uccellos, die für
seine Schlachtenbilder vorauszusetzen sind, haben wir keinen Strich über*
kommen. ^ Tatsächliche Belege hat uns Mantegna hinterlassen, der sich
wiederholt das Problem stellte. Der Riesenkörper des hl. Christophorus, einer
der schlafenden Apostel aus
Gethsemane (London), be*
sonders aber der tote Chri*
stus (Brera) in seiner ab*
schreckenden Künstelei lassen
erkennen, was hierin die
Zeichnung vorerst zu erpro*
ben hatte. Ein Londoner
Blatt, in Nachempfindung
des Marforio gezeichnet,
etwas diagonal aufgefaßt,
hält sich noch innerhalb
des Erlaubten und Mögli*
chen (Abb. 179).2
Das Naturzeichnen hatte
damit nicht viel zu tun, es
sei denn, daß man die Mit*
hilfe des Albertischen Velo,
der Glasscheibe oder des
Netzrahmens voraussetzt,
die auch sonst für das Akt*
zeichnen empfohlen wur*
den.'^ Dürer, der sich in so
vielfacher Weise zeichnerisch
an Mantegna anlehnt und
gewiß auch den verkürzten Liegeakt in Deutschland vermittelt hat, gibt uns
in seinem Holzschnitt B. 149: Der Netzzeichner, einen technischen Anhalts*
punkt, wie solche Skurzi entstanden (Abb. 251).* Diese Experimente lassen
sich für die Renaissancezeit nur vom Standpunkt perspektivisch*theoretischer
Probleme als zeichnerische Kunststücke erklären, und es ist bezeichnend, wie
Abb. 179. Mantegna, Liege^Skurz.
' Vasari weiß den Skurzzeichnern mit Recht wenig Dank: «Diese Meister hatten mit
angestrengter Mühe das Unmögliche zu leisten versucht, vorzüglich in Verkürzungen und
nicht angenehmen Ansichten, welche für sie schwer ausführbar und für andere ungefällig
anzuschauen waren.» (Vasari, Vorrede zum III. Teil; Vas. Mil. IV, 11.)
'' Brit. Mus., Feder. ^ Leonardo § 97. - Mander^Hoecker, p. 61, v. 17.
■• Merkwürdigerweise ging man in Deutschland im 16. Jahrhundert mit besonderer Vor*
liebe dem Liegeskurz nach und zeichnete, malte und stach sie ohne Zahl und Wahl, bald
mit Hilfe des Paviments, bald mit dem Netz, aber immer gleich schlecht, weil ohne Anatomie.
Teilstudien.
423
Abb. 180. Der moderne Skurz^Zeichncr.
' «Denke daran, wenn du eine einzelne Figur machst, daß du hier die Verkürzungen
meidest, sowohl der einzelnen Teile als des Ganzen. Denn du würdest mit der Unwissenheit
der in solcher Kunst Ungelchrten zu kämpfen haben» (§ 177).
' Lomazzo, Tratt., p. 252.
^ Vas. Mil. I, 178: E certo i nostri veccbi come amorevoli deWarte trovarono il tirarli per
via di linee in prospettiva.
* Vas. Mil. I, 178.
sitzende
Skurzi.
bei allen Großen der Kunstgeschmack über den Kunstverstand siegte und der*
artige problematische Versuche in ernsten Aufgaben nicht aufkommen ließ.
Selbst Leonardo, der gerne spitzfindige Möglichkeiten in Betracht zog, wich
diesem Thema aus. ^ Dagegen lassen sich für den Barockskurz mehrfach Nach*
weise von der Ausnützung der Glasscheibe finden. -
Häufiger bedingten höher gelegene Wandfresken oder Deckenbilder an ste* Stehende
henden, sitzenden oder bewegten Figuren Verkürzungen, anfangs noch und
mäßig in den Überschnei*
düngen und unter die Ge*
setze der Architekturflucht*
linien gestellt.-' Mantegnas
Gefangennahme des Jakobus
weist ein einfaches Beispiel
auf (Abb. 307). Auffallen*
der treten die entstandenen
Härten hervor, wenn es sich
um richtige Sottoinsu*Figu*
ren handelte (Mantegna, Ca*
mera degli Sposi). Hiefür
verwendete man schon Liege*
akte.
Bald aber mochten werk*
stattmäßige Erfahrungen zu
Erleichterungen und Ver*
besserungen geführt haben.
Vasari erwähnt bereits den
Brauch mit in entsprechen*
der Höhe aufgestellten Mo*
dellen, die dem Zeichner
Haltung und Bewegung zu
geben hatten.^ Aus dem
17. Jahrhundert erfahren wir
von Lairesse das gewiß hau*
fig geübte Spiegelverfah*
ren. Derselbe setzte sein
Modell auf ein höheres Gestell, sich selbst aber, mit dem Rücken gegen das*
selbe, auf den Erdboden und zeichnete aus einem zwischen die Knie geklemmten
Spiegel die so verkürzt gesehene Figur. Ein bestimmter Neigungswinkel des
Spiegels ergab die beabsichtigte Untersicht. Dasselbe tat er mit dem Glieder*
Schwebes
skurz.
424
Teilstudien.
mann für Draperien.^ Diese Methode gestattete richtige Überschneidungen
und Beleuchtungen. Auch heute noch gilt ein ähnliches Verfahren, mit und
ohne Spiegel, in den modernen hohen Ateliers (Abb. 180).^
Am schwierigsten gestalteten sich die Skurzi der Fallenden und Fliegen*
den, wie sie die Barocke für ihre reichfigurigen Deckenflächen benötigte, Ge#
stalten, die entsprechend den zeitlichen Raumforderungen eine diagonale Aufs
fassung in die Tiefe hinein oder heraus vorzutäuschen hatten. Meist wurden
'^,>r^Kjfi'^'
Abb. 181. Rubens. Sturzmotiv mit drei Stützpunkten und Aktschlinge.
diese Flieger aus liegenden oder hockenden Modellen herausgearbeitet. Ein
Rubensakt der Albertina zu einem Verdammten, der als Kopfüberstürzender in
dem Münchener und Dresdener Bilde erscheint, zeigt deutlich die schwierige
Pose eines Knienden mit drei Stützpunkten (zwei Ellbogen und das rechte
Knie), während der linke Fuß in einer Schlinge geruht haben mochte (Abb. 181).^
Die richtige Lage der Zeichnung, so wie sie entstanden, ergibt sich auch aus
dem Schlagschatten des Kopfes, der auf den linken Oberarm fällt. Neuere
' Schilderboek II, 144.
" Aus Herrn. Katsch, Wie ein Deckenbild gemalt wird (Kunst f. Alle XIII, 81).
^ Das Original, ringsherum beschnitten und am linken Fuß eine Ergänzung zeigend,
ist wohl von altersher allseitig ergänzt und auf Hochformat gebracht worden, wodurch
sich die Modellpose kaum erkennen läßt. Erst durch die in der Abbildung von der Unter«
läge befreite und in die richtige Lage gebrachte Figur wird der Vorgang wirksam. A. P.
827 zeigt die Zeichnung in ihrer alten Aufmachung. Kreide.
Teilstudien. 425
Werkstattradition berichtet für das vergangene Jahrhundert von hochaufgehängs
ten Netzen (Hängematten), in welchen die Modelle liegen (Munkacsy). ^
Gerade im Barock und Rokoko bildeten sich in jeder Werkstatt neue Mittel
und Wege aus, um die menschlichen Leiber zu entmaterialisieren, sie zu Flug*
wesen umzugestalten, und man scheute auch vor keinerlei Verkürzung zurück.
Aber je kühner man sie anlegte, desto näher lag die Gefahr, die Figuren als
eine in sich zusammengeschobene Puppe erscheinen zu lassen. Daher das
weitere Bestreben, durch übertrieben lange und gespreizte Gliedmaßen das
Gedrungene wieder zu lockern und sie mit allerlei in den Luftraum ragenden
Attributen, langen Stäben, Tuben, Bändern, Kränzen, fliegenden Gewändern zu
versehen (Tiepolo).
Eine große Rolle spielte bei all diesen vielgestaltigen und mühevollen Auf* Gedächtnis=
gaben das Gedächtniszeichnen, der Gedächtnisakt. Das sklavische Haften ^^^^
am Modell hatte seine Grenzen. Auch der beste Akt konnte, in die Kompo*
sition eingereiht, schwer, ungefügig, bewegungslos erscheinen. Die lockernde
geistige Verbindung kam erst durch die .Freiheit des Geistes'. Bei stark be*
wegten Figuren trat diese Forderung besonders laut auf. Hier konnten dem
Maler nur die durch gründliches Studium (Anatomie, Modellieren und Zeichnen)
erworbenen Kenntnisse über das Erstarrte hinweghelfen und nur starke
künstlerische Imagination und Schöpferkraft, gepaart mit sicherem Formen*
gedächtnis, den Schein der Wahrheit schon im Karton und später an der Wand
herstellen. «Überhaupt werden dir nicht immer gute nackte Modelle zur Ver*
fügung stehen und du wirst sie nicht immer zeichnen können. Daher ist es
besser für dich, du hast jene [durch die Muskeln, Sehnen und Knochen hervor*
gerufenen] Unterschiede bei den Stellungen in der Hand und im Gedächtnisse»
(Leonardo, § 303).
Formsichere Künstler wahrten sich die Lebendigkeit körperlicher Formen und
schon in der Kompositionszeichnung, die dann an der Hand nur teilweiser Teilstudien.
Modellstudien im Karton richtig gestellt und ausgeführt wurden. Der Segen
eines guten Naturstudiums, der Gedächtnisakt, kam dann zu besonderen Ehren.
Raffaels bereits angezogene Briefstelle beweist dies und auch bei Annibale
Carracci lautet es ähnlich. Geärgert, wenn man wegen seiner Malereien in der
Farnesina so viel Rühmens machte, sagte er eines Tages: «Das seht doch auch ihr
anderen, wie man dies macht. Man ersinnt zuerst eine Pose (Attitudine), völlig
verschieden von denen anderer, aber schön, entsprechend ihrer Situation, an*
mutig und verständlich und macht sich davon mehrere Skizzen; dann zeichnet
man nach einem Modelle dieses Bein, jenen Arm, Ding um Ding, nach jener
Stellung. Hernach fügt man alles zusammen, indem man es in den Karton
einträgt, aber noch ohne Schatten und Licht» (Malvasia III, 484). Besonders
lehrreiche Fälle enthalten Tiepolo#Zeichnungen mit rein aus der Phantasie ent*
worfenen Schwebefiguren.
Bekleidete modele E. im Gegensatz zu den organisch entstan* Bekleidete
denen Bewegungsakten, die dann mit Hilfe des Manichino bekleidet wurden, Modelle.
' Nach freundlicher Mitteilung des Prof. F. A. Scligmann.
426
Teilstudien.
Beispiele.
Gegensätze.
s
f"^
4^
/r;
V^/.
Stehen die vielen direkt nach der Natur gezeichneten Studien von bekleideten
Einzelfiguren. Geschah es auch schon früh bei historischen und biblischen
Bildern, daß man in Volksszenen charakteristische Gestalten von Kriegern und
Zuschauern anwandte und zu diesem Zwecke die Eintragungen der Skizzen*
bücher ausnützte, so entwickelte sich das exakte Studium nach bekleideten
Modellen doch erst mit der Ent#
Wicklung der Genremalerei in
jenen Schulkreisen oder in jenen
Ländern, wo der akademische Ein*
fluß mißachtet war oder überhaupt
fernestand.
Italien hat uns wenig hinter*
lassen und mehr noch der Nor*
den (Pisanello, Carpaccio) als Tos*
kana und Rom. Und selbst als
das Volksleben der Malerei wür*
dig erachtet wurde, befaßten sich
unter dem Widerspruche der Aka*
demiker nur einige mit dem Thema.
A. Carracci ließ seine Zeichnun*
gen nach den bolognesischen
Straßentypen nur radieren. Um
so mehr haben wir von den
Niederländern und Franzosen er*
halten. Von Pieter Brueghel d. Ä.
bis auf C. Troost und von den
Brüdern Le Nain bis auf Watteau
ergibt sich ein reicher Schatz an
Naturstudien nach interessanten
Gestalten, die man bald in der
Schenke, auf der Straße, bald im
Salon oder im Parke zeichnerisch
erhaschte. Bisweilen wurden sie
auch im Atelier nach Art der
Nacktmodelle auf ein Podium ge*
stellt und mit etwas Untersicht
gezeichnet, um gesteigerte Maß*
Verhältnisse zu erhalten (Abb. 182).* Oder der Zeichner setzte sich niedrig
und ließ das Modell stehen (Abb. 94). C. Bega, Ostade, Dusart, Teniers,
N. Maes, G. Dou, Metsu, Verspronck u. a. gewähren ein interessantes Ver*
gleichsmaterial.
Ein derartig zeichnerischer Aufbau, das direkte Absehen einer z. B. in ein
faltenreiches Gewand gehüllten Figur, wurde natürlich zu einer völlig ver*
schiedenen Aufgabe gegenüber dem klaren Gestalten nach dem nackten Orga*
■^Sf^K^S^^f^^m -■■'*^Kc-' /^ •■",J' ^
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A'
Abb. 182. C. Bega. Das bekleidete Modell.
' Frankfurt, Stadel; Rötel. A. P. 178.
Teilstudien. 427
nismus. Versteckte Beugungen und Maßverhältnisse sollten auf dem Wege
schärfster Beobachtung und einer eigenartigen Übung sichtbar gemacht werden
und nicht immer bildeten Anatomie und Proportionskenntnisse die selbstver*
ständliche Voraussetzung. Bei so manchem der holländischen Zeichner werden
letztere Tugenden stark vermißt, aber gerade darin lag deren nationale und per*
sönliche Eigenart. Weil Ostades Modellstudien mehr äußere Beobachtung als
organische Zusammenstellung geben und Formen und Bewegungen übertreiben,
erzielen sie das Possierlich:; Vergnügte in den Figuren. Die Phantasie ward
mehr von der Naivität und dem Naturell als vom Wissen geleitet und darum
schuf sie eine volkstümliche Kunst.
Kopf;, Hand; und Fußstudien.
JNächst dem Akte galt die Kopfstudie als eine weitere wichtige Aufgabe, Aufstellung,
denn alles fiistorisch*Biblische verlangte in seinen Repräsentanten außer Schön*
heit, Würde und Hoheit auch allmählich einen spezialisierten Ausdruck, einen
der Gesamthandlung entsprechenden Charakter. «Ein guter Maler hat zweierlei
zu malen, den Menschen und dessen Seele» {l'homo e la sua menfe, Leonardo,
§ 180). Weil es eine traditionelle Forderung war, alle Personen wie auf der
Bühne gemäß der Handlung, aber auch dem Beschauer zugewendet darzustellen,
so reihten sich ihre Gesichter im Halbkreis aneinander, vom Profil zum Enface
und wieder zum Profil gleich den Mondphasen.^ Rückenansichten wich man
ursprünglich aus. Nur bei überfüllter Szene oder aus Gründen der Begeben*
heit (Bergpredigt, Abendmahl, Tod Mariens) erlaubte man sich Ausnahmen,
lieber bei Zuschauern als bei Hauptteilnehmern, und selbst da versuchten
manche — häufige Beispiele bei den Deutschen — , den Kopf gegen alle Anatomie
profilmäßig zu drehen. Schon in der zweiten Hälfte des Qiiattrocento war in
Italien diese Scheu überwunden und die Rückenfigur (Mantelfiguren oder Sol*
daten) spielte fortan rechts oder links auf erstem Plan eine Hauptrolle.
Die ältesten Kopitypen christlicher Kunstwerke, wie Gott Vater, Christus, Übergangs»
Propheten und Apostel, durch Handwerk und Tradition zu typischen Formen ^^'*-
erstarrt, sollten den Gläubigen auch ohne viel Symbole erkenntlich erscheinen;
sie wanderten, wie alte Musterbüchlein, Miniaturen und Mosaiken bezeugen,
von einer Werkstatt zur anderen (Abb. 73). Allmählich vollzog sich die
Befreiung von der Schablone. Keime dazu lagen zunächst in den Allegorien
(Tugenden und Laster) und in erregten Darstellungen. Die Trauernden unter
dem Kreuz, schreiende Krieger, erschreckte Mütter bildeten die unmittelbare
Veranlassung zur weiteren Entwicklung. Anfänglich gab es nur Grimassen;
was die Gesichtsmuskeln nicht auszusprechen verstanden, hatten Attribute und
Gesamthaltung zu ergänzen. Affekte und Gemütszustände wie Zorn, Schmerz,
Freude und andachtsvolle Stimmung reichten im allgemeinen für jene Zeit aus.
«Der Betrübte, von Sorgen bedrängt, stehe da wie aller Kraft und Empfindung
beraubt, mit Blei in allen Gliedern und von schlafler, träger Haltung» (Alberti,
S. 120). Man denkt an Giottos Joachim auf dem Felde. Große Schwierigkeiten,
und zwar noch weit herauf, bot die Darstellung von Lachen und Weinen. «Wer
' Findet noch bei Leonardo § 328 Beachtung.
428
Teilstudien.
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Abb. 183. Signorelli, Aufblickender Kopf. Berlin.
Teilstudien.
429
Mantegna.
glaubt wohl, wenn er es nicht selbst erfahren, daß es für den, welcher ein
lachendes Gesicht malen will, recht schwer sei zu vermeiden, daß er dies nicht
viel eher weinend denn fröhlich mache» (Alberti, S. 120 und 124). Eine Er*
leichterung erzielte man durch Profilstellung.
Erst unter dem günstigen Einfluß der Skulpturen, durch Beobachtung und Einfluß der
Studium konnte ein organisch motivierter, psychischer Ausdruck erstehen.^ Die Skulptur,
antikisierenden Köpfe Niccolo Pisanos um 1260 (Pisa), die verinnerhchten
Propheten Giovannis (Siena) vor 1298 mit ihren charaktervollen Gesichtern
und einer .seherischen Erregung' mußten der Mal* und Zeichenkunst gewiß
Mittel und Wege angebahnt haben, auch in der Fläche gleiches anzustreben.
Mantegnas Jakobus ? Fresken in
Padua nach 1450 bedeuten einen
wichtigen Fortschritt und setzen
viele wohlvorbereitete, leider ver*
loren gegangene Studien voraus.
Graphisch dargestellte Seelenreguns
gen geben seine Stiche Tritonen*
kämpf (B. 17) oder Seezentauren
(B. 18). Antiker Einfluß ist hier
unverkennbar, wie auch später bei
Leonardo.
Die großen Massen der An*
dachtsbilder des Quattrocento ka*
men noch mit dem jeweiligen von
Demut und Frömmigkeit erfüllten
Schultypus aus. Heilige Männer
in ernster Betrachtung oder auf*
blickend, Frauen mit sanftem Augen*
aufschlag (Abb. 52) oder gesenk*
ten Lidern wiederholten sich in
leichten Abwandlungen. Leonardo berührt diesen Fehler mit leisem Spott,
wenn er von Malern berichtet, die in einer Historie die Schönheit der Ge*
sichter stets die nämliche sein lassen. -
Einen wesentlichen Anstoß zu genauer Durchzeichnung der Köpfe gab deren
Wendung und Drehung nach oben. Besonders die Untersicht erheischte ein
strenges Studium, die Halsmuskulatur machte sich geltend und perspektivische
Kenntnis war vonnöten (Abb. 183, 246).^ Daher das anfängliche Verdecken
des Halses.* Aus den letzten Dezennien des Quattrocento, zumal aus Ober*
italien, haben sich zahlreiche Studien nach Aufblickenden erhalten.
Typen.
Abb. 184. Leonardo. Judaskopf. Vorstudie
zum Abendmahl.
Auf=
blickende.
' Selbst der Norden weist wie z. B. in dem Verführer am Stral^burger Münster ein
frühreifes Charakterisierungstalent auf (13. Jahrhundert).
- § 107: Vom Fehler, den Meister durch die Wiederholung der nämlichen Gesichts«
mienen (le medesime attitudini de volti) begehen.
=» Abb. 183 aus Z. a. M.. Berlin. IX. H 37. Pinselz.. 32: 234 cm. Verlag Grote. Berlin. -
Ferner Unbekannter Venezianer, Frankfurt, A. P. 593 und Wien. Liechtenstein, A. P. 935.
* Pinturicchio, Darmstadt, A. P. 552.
430
Teilstudien.
AbendmdhU Indes bedeutete es nur eine erste Stufe, typische, von allgemeinen Affekten
darstelluns ergriffene Idealköpfe in der Kunst einzuführen; die höhere und höchste bestand
^^"" darin, Charakterköpfe zu formen und dieselben vollauf im Geiste der Hand*
lung und der ihnen zugewiesenen Rolle aufgehen zu lassen (Attitudini de volti).
In diesem Sinne hatten sich z. B. schon Castagno und Ghirlandaio in ihren
Abendmahlfresken die Charakterisierung der Apostel zur Aufgabe gestellt;
Leonardo, allein erst Leonardo gab in S. Maria delle Grazie überraschende Kunde von
den Darstellungsmöglichkeiten lebendig nachempfundener Gemütsbewegungen.
Sein Trattato zeigt, wie er auch theoretisch den seelischen Ausdruck und die
Gebärdensprache als eine Hauptforderung der Malerei hinstellt (§ 377, 378).
Der Novellendichter Giambattista Giraldi und später Lomazzo berichten zwar
über die Art und Weise des Werdeganges,^ allein die geringen Zeichnungen*
reste geben uns kaum einen Begriff von der Umwertung einfacher Natur*
Studien zu jener Verinnerlichung, zu jenem wundersamen Protest, den jeder
einzelne Apostel seinem Charakter entsprechend den Worten Christi gegenüber
ausdrückt. Die Judas*Zeichnung (Abb. 184)^ bedeutet etwa einen ersten Ansatz,
•den Rohstoff, wie ihn der Künstler im Borghetto gewonnen, während wir im
Bartholomäuskopf schon eine weitere, im Sinne innerer Vorstellung erfolgte
Umbildung erkennen (Abb. 185).^
Welche Art psychischer Vorgänge in jedem einzelnen Falle zusammenwirkten
und in welcher Reihenfolge, ob das Modell mehr die Vorstellung oder diese
mehr die Natur korrigierte, und wie aus der Verdichtung beider neue Gebilde
entstanden, die weder dem einen noch dem andern glichen, läßt sich bei wirkli*
Raffael. chen Kunstwerken nie feststellen. «Woher Raphael die Möglichkeit gekommen
ist, Plato und Aristoteles in ihrem Gegensatz so zu charakterisieren, daß sie
uns als glaubhafte Bilder der zwei Philosophen erscheinen, wissen wir nicht»
(Wölfflin, Klassische Kunst). Leonardo gibt in einzelnen Paragraphen wohl
einige Hinweise, läßt erkennen, daß man die Gesichter unter Umständen nach
verschiedenen Modellen zusammensetzen müsse, besonders wenn es sich um
Schönheit handle, allein das phantasiegemäße Durchbilden kommt nicht zur
Sprache (§ 285 — 291), Nur zu häufig läßt bei vielen Künstlern die Vergeisti*
gung derart aus, daß wir den Modellkopf trocken im Bilde verwendet
sehen.
Entlehnen. Vielfach endete das Streben nach Ausdruck und Charakteristik darin, daß
man das Unzureichende eigener Kunst durch entlehnte fremde Formen zu er*
ganzen suchte. Nach Vasari habe Pontormo Lebendigkeit und Verschiedenheit
seiner Köpfe Dürerischen Stichen und Holzschnitten entnommen, ein Vorgang,
der ihm von Seite des Aretiners ob deren Herbheit nur Tadel eintrug.* Die
große Mehrheit hielt sich an die Disputa und Schule von Athen und sammelte
auf der Straße ähnliche Modelle (Federigo Zuccheros Serie im Louvre). Selbst
die Antike gewährte in Büsten und Reliefs befruchtende Anregungen. Von
' Seidhtz, Leonardo l, 200 ff.
'' Aus Seidlitz L S. 198. Feder. Windsor. — Klaiber, Leonardos Stellung zu d. Gesch. der
Physiognomik und Mimik (Rep. f. Kw. 1915).
=■ Bei Richter I. T. 47 als Matthäus, bei Seidlitz I, 199 als Bartholomäus; Windsor, Rötel.
* Vas. Mii. VI, 266 ff.
Teilstudien.
431
Abb. 185. Leonardo, Kopf des Bartholomäus. Ausdruckstudie.
Windsor.
432
Teilstudien.
Rubens und Boucher haben wir gezeichnete und gestochene Köpfe aus der
Trajansäule (Abb. 249). ^
Bologna. Einen besonderen, aber schon akademischen Aufschwung nahm die Kopfs
Studie in der bolognesischen Schule. Die Teste colorite, disegnate in pasfello,
so wie sie von Barocci schon in den sechziger Jahren in Naturgröße ausgeführt
worden waren, finden hier Nachahmung. Vor allen werden jene Guido Renis
gepriesen.^ Abermals war der Ausgangspunkt Raffael. Es sind jene Prunk*
köpfe nach bärtigen Alten, aufwärts gerichtet oder gesenkt, die bald in das
gestochene Vorlagenmaterial übergingen und zum Gemeingute aller Akademien
wurden. Im kleinen lieferte Guercino Charaktertypen in Federtechnik.
Dürer. Wenn Dürer den Italienern so reichlich auszuhelfen vermochte, so darf
dies nicht verwundern. Denn ein Jahr schon nach seinem zweiten venezia*
nischen Aufenthalt, der in den Studien zum Rosenkranzbild noch stark konven*
tionelle Köpfe aufwies, erfüllt von dem ausgeglichenen Sentiment der Renais*
sance (Abb. 331, 332), war in seinen Kopfzeichnungen zu dem Helleraltar
eine Wucht des Ausdruckes und der Beseelung hervorgetreten, deren Ursprung
wir vergebens in Venedig suchen würden. Scharfgeschnittene deutsche Typen,
derbknochig und hart, aber voller Innigkeit und Naivität. Nur einmal noch
überbot er sich und die ganze deutsche Kunst über Jahrhunderte hinaus, als
er die vier Temperamente oder den Hieronymus^Kopf im größten Maßstabe
herausmodellierte (Abb. 186,^ 94 b). Nur in Kinderkopfstudien ging er nach
italienischem Brauch vielfach auf Skulpturmodelle zurück (Abb. 161, 162).
Rembrandt. Wie in allem, so wandert auch auf diesem Gebiet Rembrandt seinen eigenen
Weg. Wenn er auch in Radierungen und Gemälden mehrfach Charakterköpfe
bärtiger Greise voll Würde und kostümlichem Dekor hervorbrachte (Abb. 94 c),
die sich in endlosen Nachahmungen bis ins 18. Jahrhundert beobachten lassen,
folgte er doch erst in den physiognomischen Studien seiner innersten Neigung.
Federskizzen, klein im Maßstab, aber voll des atmenden Lebens, wie er es
ersah und rasch erfaßte. Mit erstaunlicher Sicherheit und Einfachheit wandelte
er die individuelle Spannung und Neugier einer Zuschauergruppe ab (Abb. 9).
Ein bekannteres Beispiel bildet der Weimarer Federnschneider.^ Ungemein
fleißig im Sammeln von Bauerntypen war A. van Ostade und Cornelis
Dusart, die ihre Studien gleich farbig anlegten.^
Lairesse. Im Gegensatze zu diesem naturalistischen Erfassen steht das von Lairesse
ausführlich geschilderte Verfahren, Ausdruck und Leidenschaft zeichnerisch nach
dem eigenen Spiegelbilde oder an frischgegossenen, also noch weichen Köpfen
durch Ummodellieren nach gleichen, im Spiegel vorgestellten physiognomischen
^ F. Boucher, Recueil de differents caracteres de Testes dessinees d'apres la Colonne
Trajane, gravees par J. B. Hutin (12 Tafeln).
* Malvasia IV, 89.
' L. 72. Berlin, Kreide. 37-3x26'5cm. Verlag Grote, Berlin. - Dieselbe, bei. Dürer selten
verwendete braune Grundierung kommt noch auf einer Pariser Madonnenzeichnung (L. 370)
ebenfalls von 1526 vor.
* PresteUGesellschaft 1. 27.
'" In Dusarts Nachlaß findet sich ein ganzes Portfolio met 43 st. tronities (Gesichter
und Köpfe) met coleuren van C. Dusart (Quellenstudien z. holl. Kunstgesch. V, 40).
U-
R^B:^/
>»N
iJ'aC
Abb. 186. Dürer, Markus. Vorstudie zum Münchner Bild. Berlin.
Teilstudien.
433
Typen zu studieren. Könne einer gut zeichnen, dann werde er auch in wenig
Tagen diese praktischen Behelfe erlernen.^
In Frankreich sollte das Studium seelischen Ausdruckes, das sich durch
den akademischen Drill mehr und mehr schabionisiert hatte, durch den von
Caylus gestifteten Preis für den besten weiblichen Charakterkopf eine wesent*
liehe Auffrischung erfahren. Schon die Bemühungen Le Bruns in den Con^
ferences, die legalisierten Tables des Preceptes hatten die Bedeutung von ,Ex*
pression', freilich im akademisch=:raffaellesken Sinne, immer aufs neue betont.^
Nun war es abermals ein Zugeständnis an die Zeit, in der bereits wiederholt
scharfe Angriffe gegen das starre Lehrsystem laut wurden, als eine Art Ab*
wehr gegen die Verflachung, wie sie sich
unter den Nachahmern Watteaus und
Bouchers verbreitet hatte. Selbst Watteau
begnügte sich mit wenig Modelltypen,
zeichnete dieselben zwar nach allen Sei*
ten gewandt und graziös durch, aber ohne
Seele. ^
Am 17. Dezember 1759 trat das Er*
eignis ein.^ Ein durch das Los gewählter
Professor hatte das Modell zu suchen
und ihm den verabredeten Ausdruck wie
L'Admiration melee de joie, l' Affliction, la
Douceur, la Gaiete, le Mepris, l'Abaftement
usw. zu suggerieren. Die erste Sitzung,
gewiß etwas Sensationelles für jene aka*
demischen Jahre, wurde durch einen Stich
von J. J. Flipart nach C. N. Cochin fest*
gehalten (Abb. 88). Diese in Naturgröße
gezeichneten Köpfe erfuhren noch äußere
Zutaten, aufgelöste Haare, Blätterkränze,
Schleier und einen bunten Aufputz durch
Farbstifte. Daß der Brauch bald außer*
halb der Akademien Pflege fand, bekundet eine der Kopfstudien von Vigee
Le Brun in der Albertina (Abb. 187).-' Insbesondere gingen sie vielfach in
die Malerei über, wie die vielen, seinerzeit gut bezahlten Mädchenköpfe von
J. B. Greuze beweisen. Zahlreich waren die darnach erscheinenden Stichfolgen.''
Abb. 187. E. L. Vigee Le Brun.
Ausdruckstudic.
' Lairesse, Schilderboek I. 63 f.
* Vgl. Ch. Le Brun, Conferences sur l'expression des diffcrents caracteres des passions,
Paris 1667, avec figures. — Das nach seinen Bildern von Seb. Le Clerc zusammengestellte
Stichwerk: Caracteres des passions de Tarne crschienl696; deutsch: .Abbildung und \'or.-
stellung der GemütssRegungen. Nach Abzeichnung von Le Clerc in Kupfer gebracht', Nürn^
berg 1721, und .Unterschiedliche Affecten des Gemüts*. Augsburg 1752. mit 20 Tafeln.
=» Vgl. Watteau, Handz., hsg. v. Com. Gurlitt. Berlin 1909.
* Locquin, op. cit.. p. 80.
^ Original in Naturgröße, aux trois crayons. Albertina, A. F. 89.
' Greuze. Tetes de difterents Caracteres. 1766. — iMartin Schmidt. Toute sortc de tctes
inventees par M. Schmidt, en cuivre par F. Landerer 1769.
Mcder, Die Handzeichnung. 28
Preiss
zeichnen.
Tetes d'Exs
pression.
434 Teilstudien.
Allein die einseitige Bestimmung, daß das Modell ein Mädchen sein müsse,
erbrachte nur einseitige, .süßliche Resultate. Die männlichen Köpfe der Historie
trugen nach wie vor den traditionellen Raffael* oder Guido Reni^Typ. Nur in
der Sittenmalerei erstanden jene breit in Rötel gezeichneten Altmännerköpfe
mit dem Ausdruck bürgerlichen Biedersinns (Greuze).
Karikatur. Jedem Porträtisten oder Kopfzeichner war es ein leichtes, die normalen
Verhältnisse eines Gesichtes ins Gegenteil zu kehren, aus dem Ebenmäßigen
ein Groteskes, Lächerliches zu schaffen oder hervorstechende Einzelteile bis
ins Komische, selbst Häßliche zu übertreiben. Aber trotzdem blieb das ver*
gnügliche Karikieren eine individuelle, von einer Neigung zu Spott und
scharfer Kritik geleitete Begabung. Rein theoretisch beschäftigte sich Leonardo
mit der absichtlichen Steigerung einzelner Gesichtsteile über das Normalmaß
hinaus, um die Wirkung zu studieren, oder er sammelte aus dem Leben der*
artige Mißbildungen, gewissermaßen zur Bestätigung seiner Versuche.^ In
gleichem Sinn folgte Dürer diesem Beispiele und nahm das , eingebogene und
ausgebogene Angesicht' in seine Proportion auf."
Agostino Was hier nur ein proportionales Ausproben bedeutete, das konnte auch
Carracci. gjne andere Auffassung erfahren, wenn Künstler kritischen Zungen gegenüber
ihrem Ingrimme Luft machten und ihre Gegner nach Dantes Beispiel in die
Hölle versetzten oder in nicht gerade schmeichelhafter Weise in Gemälden
anprangerten (Orcagna, Pari Spinelli, Leonardo, Michelangelo, Pietro Pancotto,
Alessandro Tiarini). ^ Eine schulmäßige Behandlung auf rein zeichnerischem
Weg erfuhr die Spottfigur erst durch Agostino Carracci, den geborenen
Karikaturisten, der nach Malvasia ganze Bücher mit Ritratini carichi nach
allen seinen Bekannten füllte, bald bloß ihre Züge übertreibend, bald in Tier*
gestalt oder als Gegenstände des Hausrates, und der auch bei seinen Schülern
großen W^ert auf diese Übungen legte, weil sie die schärfste Naturbeobachtung
voraussetzten.'^ Freilich wurden sie für viele nur zum angenehmen Zeitvertreib
(piü dilettevole passatempo, Malv. III, 379) und wenige verfügten, wie die nach*
folgenden Jahrhunderte erwiesen, über die drei notwendigen Dinge einer guten
Karikatur, über Witz, Geschmack und feine Zurückhaltung.
Hand» Außer Rumptteilen, Armen, Beinen, Schultern und Kniegelenken, die ein?
Studien, ^eln und meist fallweise gezeichnet wurden, bildeten namentlich Hand* und
Fußstudien in gewissen Perioden eine besondere Aufgabe, der man mit allem
Eifer nachging. Anfangs auf demselben Blatte neben dem Körper klein und
in mehreren Varianten gezeichnet (Abb. 151), entwickelten sich diese Teil*
Studien hinsichtlich Ausdruck, Maßstab und technischer Ausführung bald zu
einem Kunstproblem persönlichster Art, wie es schon Alberti gefordert hatte.
«Während der Typus der Heiligen meist der Schule angehört, die Art die
Falten zu legen durch die Vorbilder des Meisters den Schülern und Nach*
' Seidlitz I, 36. 295, 443 ^
' Brück, Taf. 122-125 u. Proportionsholzschnitte auf S. 91, 91 \ 92^ 94.
' Malvasia III. 575; IV. 211.
* Ibid. III, 379. 469. Lelio Orsini in Rom besaß noch einen ganzen Band.
Teilstudien. 435
ahmern überliefert wird, hat dagegen jeder selbständige Maler seine eigene
Art, die Landschaft, und was noch mehr sagen will, die Form der Hand
aufzufassen und darzustellen» (Morelli I, 97). Ihre komplizierte Gliederung
und die Vielgestaltigkeit ihrer Bewegungen erforderte tatsächlich ein unermüd*
liches zeichnerisches Erproben. Nur wenigen gelang es, die Freiheit des Aus?
druckes, ihres Ausdruckes, mit anatomischer Sicherheit zu verbinden. Weil die
Funktionen der Hand so mannigfach sein konnten, bald zugreifend (Hand:= Funktionen.
lung^, bald temperamentvoll mitsprechend oder mitteilend (Gestus), bald als
Ausdruck seelischer Zustände (Andacht, Verzückung, Schmerz und Freude)
oder auch äußerer Ruhe (Porträt), wurde sie zu einem wichtigen kompositio?
nellen Bestandteil. V^'ährend energisch erregte Bewegungen Hand* und Finger*
Stellung von selbst regelten, ließ der Künstler an der lässig ruhenden Hand
seiner Neigung freien Lauf, bald im Sinne ausgesuchter Schönheit, bald im
Stile zeitlicher Absonderlichkeiten. Madonnen, Heilige, Porträts bieten eine
übersichtliche, reiche Sammlung künstlerischer Absichten.
Das Mittun der Hände hält mit der Entwicklung der einzelnen Stilperioden
gleichen Schritt und ergibt eine interessante aufsteigende Linie von Giotto bis
Raffael und Michelangelo. Das Trecento, Quattrocento und Cinquecento weisen
streng voneinander abweichende Entwicklungstypen auf, Kulturstufen, ver*
schieden in Ausdruck und Organismus, verschieden in Umriß und Plastik. Mit
dem Aufgeben der Tradition gotischer Zeit, das Anfassen, Halten und Segnen
durch lange knochen* und gelenkslose Hände schüchtern anzudeuten, erhielten
im Quattrocento Gestus und Fingerstellung durch anatomische Kenntnisse und Quattro«
nicht minder durch das lebhafte italienische Temperament eine lebendige Be* cento.
handlung, die bei aller organisch#knöchernen Formenbildung dennoch ein
gefälliges Spiel entfaltete. Man freute sich an dem entdeckten Mechanismus
und arbeitete ihn in überplastischer Deutlichkeit heraus. Selbst in verson*
nenen, andächtigen Standfiguren regte sich vom Handgelenk abwärts zucken*
des Leben, das freilich bei manchem ins Gezierte übergehen konnte. «Man
würde eine dargestellte Figur doppelt tot heifkn, wenn sich nicht in allen Be*
wegungen der Hände und Arme das, was die Seele ausdrücken will, offen*
harte» (Leonardo, § 368, 286).
Nach Crivelli, Botticelli, Verrocchio, Leonardo, Pcrugino, Filippino, R. dcl
Garbo, Signorelli, die in diesem Sinne immer neue Fingerstellungen formten, kam
Michelangelo, der durch Vereinfachung den stärksten Ausdruck zu erzielen Barocke,
versuchte. Scharf abgebogene Handgelenke und Zeigefinger genügten, auch
mächtige innere Erregungen oder verhaltene Affekte anzuzeigen. Mit Raffael
drang eine abermalige neue Formengebung durch, volle Hände von besten
Verhältnissen, die beiden mittleren Finger fest vereinigt, die von nun ab zur
allgemein gültigen Norm wurden. Seither sprechen die Theoretiker nur von
der schönen Hand. In der Schule der Carracci, bei Guido Reni, Albani,
Domenichino erhielt sie bereits akademischen Charakter.' Gerade aus diesem
Kreise hat sich eine Unzahl von Studien in Kohle, Kreide oder Rötel auf
' Malvasia IV, S. 567: Nissan Pittore de! mondo [che L. Carucci/ /f /iJ mai fatte meglio,
ben inlese. giuste c graziöse.
28*
436
Teilstudien.
Dürer.
grauem Papier erhalten, die ein unermüdliches Erproben erkennen lassen.^
Der Maßstab geht bisweilen über Naturgröße, ins Kartonmäßige. Ihre Zu*
erkennung an Meister und Bild erscheint heute kaum mehr möglich. Daneben
zeitigte die aus Correggios Schule hervorgehende Richtung wieder einen Rück*
fall in die langfingerige, knochenlos gewundene Hand, die bei Parmegianino,
Girolamo Mazzuola, Primaticcio ans Manierierte streifte. Damit stimmt, daß
wir bei den Parmesanern alle Nachweise zeichnerischer Vorstudien vermissen.
Dürer unterlag in Venedig rasch dem für ihn neuen Problem, als er in
seinem «Zwölfjährigen Christus im Tempel» gleich vier kunstvoll dozierende
-; M
c V
Abb. 188. Dürer. Arms und Handstudien zur AdamsFigur, B 1.
Hände nach gründlichen Vorstudien mühsam im Bilde zu vereinigen trachtete.
Erst zwei Jahre später erkannte er im Helleraltar die rechte Weise, das Maß*
volle und eine tiefe Verinnerlichung, Ausdrucksklarheit und Formeinfachheit
(Abb. 19). Auf grundierten Papieren, in Feder oder Pinseltechnik fein mo*
deliiert, mit Lichtern organisch belebt, vermitteln uns solche Zeichnungsreste die
frohgemute Entdeckungsfreude jenes Jahrhunderts. Nicht einmal seine graphiü
sehen Blätter entbehrten der gewissenhaften Naturstudien (Abb. 188).^ Im
Gegensatz zu Dürers maßvoller Innigkeit steht die aus heftigster innerer Er*
regung hervorgegangene Formgebung Grünewalds. Gleich Leonardo verlegt er
^ Albertina. Erworben 1908.
* British Museum (L. 234), Feder. Verlag Grote, Berlin. Zum Stich Adam und Eva.
Teilstudien.
437
das Sichtbare dramatischer Vorgänge in den Ausdruck der Hände. Nie noch
war das Leiden des Gekreuzigten so erschütternd vermenschHcht worden als
durch ihn. Aber mehr als der wundenbedeckte Körper wirken die vom letzten
Schmerz durchzuckten und in das nächtliche Dunkel aufragenden, todesstarren
Finger oder die ringenden Hände der Mutter Christi und Maria Magdalenas
(Isenheimer Altar).'
Die spätere akademische Richtung prägte sich jene strengen Vorschriften Aka*
von Ebenmaß und Würde, Anmut und Zierlichkeit, die zwar eventuellen demische
Auswüchsen steuerten, gleichzeitig aber auch durch die endlose Verwendung "^'^'^•
approbierter Formen Empfindung und Lebendigkeit vernichteten. Die Hände
hatten vielfach nichts anderes mitzuteilen als eine schöne Pose. Der von
P. Pino ausgesprochene Kanon dauerte noch lange an: Sie seien zart mit aus*
einander gelegten Fingern, die sich an den Enden verjüngen und Nägel tragen,
länger als breit.- Bei anderen wieder galt das Aneinanderlegen der beiden
Mittelfinger, eine Norm, die noch bis in unsere Tage reichte.
Die große Masse lebte vom Borg und entlehnte aus Gemälden, Skulpturen,
Abgüssen, Stichen und Vorlagen. Schon die Zeichenschulen dressierten die
Jugend in diesem Sinne und auch der kleinste Künstlerhaushalt hielt Gips*
bände bereit.
Im Gegensatze zur italisierenden Richtung stand der vlämische und hoUän* Niederlande,
dische Norden, wo uns trotz der vielen Zeichnungen kaum Handstudien be*
gegnen — es sei denn als Vorbereitung für ein Porträt. Bei Rembrandt,
dem Vielzeichner, lassen sich wenig Spuren entdecken.
V_regenüber den zahllosen Handstudien in ihrer Mannigfaltigkeit erscheinen Fu(*istudien.
die Fußstudien spärlicher und in beschränkten Stellungen, Profile und Skurzi;
meist der Rechte und Linke nebeneinander in ihrem gegenseitigen Stellungs*
Verhältnis, dazu ein Stück Unterschenkel und mitunter auch etwas Draperie.
Besondere Schwierigkeiten bot der stehende Fuß von rückwärts gesehen, mit
seinen Überschneidungen von Ferse, Knöchel, Mittelfuß und Zehen, ein
Problem, dem man gerne auswich.^ Ein besonderes Paradestück bildeten die
Fußsohlen Kniender mit dem Gefälte (Dürer).
Gewandstudien.
Gewandung, Kostüm — Panni, Pieghe — Laken oft draperinghe - Draperies.
Allgemeines. Es bedurfte einer langen Entwicklung, bis die Dar*
Stellung der Gewandung in der Flächenkunst jenen Grad der Vollkommenheit
erreicht hatte, den wir heute mit dem Ausdruck organisch bezeichnen, jene
gesetzmäßige Faltenbildung im großen und kleinen, die von den bewegten
Gliedern und der stofflichen Schwere bedingt und von einem guten Geschmack
geleitet wurde. Die alten handwerksmäßigen Gepflogenheiten in ihren ver*
' Ähnliche Kreidestudien zu S. Sebastian (Dresden u. Sammlung Khlcrs. Göttingen).
- P. Pino. Dialogo di Pittura. Vcnczia 154S, p. 9. - Birch^llirschteld. op. cit. S. 35.
^ l. I. Tikkanen, Die Beinstellungen in der Kunstgeschichte, Helsingtors 1912.
458
Teilstudien.
schiedensten Abarten waren damit lange nicht beseitigt, sondern liefen immer
noch nebenher.
Körper und Ursprünglich ein äußerlicher Behelf, den nackten Menschen zu hüllen und
Gewandung, tu charakterisieren, erhielt er in der Malerei noch anderweitige Funktionen, die
mit der Entwicklung und Vervollkommnung dargestellter Nacktkörper und
auch mit deren Vernachlässigung zu gewissen Zeiten innig zusammenhingen. Es
gab eine Vorstufe, wo die Gewandung, namentlich in der Skulptur, durch eine
überquellende Fülle an Gefältel den Körper allein darzustellen, ihm Gewicht,
Haltung und Festigkeit zu verleihen hatte (13. Jahrhundert).^ Es folgte die
Periode der plastischen Ausgestahung des Rumpfes und der GHedmaßen, so
daß das Kleid schrittweise zurücktrat, bis jene organisch^harmonische Ver^
Schmelzung hergestellt war, die jedem seine Rechte zuwies, dem Körper Form
und Bewegung, der Hülle Zier und Charakteristik.
Funktionen: In der Malerei erwuchs zunächst die Aufgabe, die körperlich noch mangels
Bewegung haften Gesten und Bewegungen in der Fläche zu verdeutlichen und zu
verstärkend, ye^stärken oder durch bestimmte Faltenzüge sinnvoll zu vereinfachen. Denn
ebenso schlicht und konventionell wie die Bewegungen war der Faltenzug, der
außerdem durch zahllose Wiederholungen schon früh zur Schablone werden
konnte. Aber auch zur Zeit, als der Körper den Bewegungsausdruck übernommen
hatte, heferte die Gewandung noch Verstärkungsmotive aller Art, die dem
Auge die bewegte Erscheinung zu ergänzen und zu steigern Veranlassung
boten. Das Umflattern leichter Gewänder versinnbildhchte das heftige Heran*
schreiten besser als die Stellung der Beine (Abb. 193). Die in weitbauschige
und luftdurchwehte Draperien gehüllten Schwebefiguren der Barocke erscheinen
mehr durch die bewegte Hülle als durch die skurzierten Glieder himmel*
wärts getragen. Die übermäßige Ausnützung dieses Raum* und Bewegungs*
elementes mußte eines Tages sogar zur Vernachlässigung der vorschriftsmäßigen
Durchzeichnung der fliegenden Körper führen,
dekorativ, Schon jene frühe lineare GHederung enthieh gleichzeitig dekorative Ele*
mente für die Innenzeichnung, die Auflösung des Körperhch^Massigen in viele
Einzelmotive, ein Spiel zwischen Vertikal*, Parallel* und Wellenlinien,
anfangs strichmäßig, bald aber mit Hflfe von Licht und Schatten ausgedrückt.
In den noch gotisch gehaltenen Figuren bezeugen bereits zwei gerne ange*
wandte Typen dieses Streben: der aufgeraffte, durch Anpressen des Armes
festgehaltene Zipfel des schwer fallenden Mantels, dessen Rand im Zickzack
abwärts fäflt (Abb. 276), und die geradlinig wie ein Wasserfall herabstürzenden
Falten, die sich auf dem Boden zu dichtem Gekräusel ausbreiten. Die Hülle
sucht nach ornamentaler Wirkung (Reihung und Symmetrie). Die Renais*
sance kannte Ahnliches, wenngleich von der Energie eines muskelfesten Kör*
pers getragen. Die großen Faltenzüge ordnen sich zu verwandten Gruppen
von gegenseitiger Wirkung, die in einzelnen Gewandteilen z. B. auf dem rechten
und linken Ärmel durch die hervortretenden Lichter in aufdringlicher Regel*
mäßigkeit erscheinen. Perugino und seine Schule wichen in dieser Beziehung
' Eugen Lüthgen, Die niederdeutsche Plastik von der Gotik bis zur Renaissance, Straß;
bürg 1917, p. 108 ff. (Studien z. deutsch. Kunstgesch. 200).
Teilstudien. 439
jedem Realismus aus und komponierten rein nach harmonischer Empfindung
in Zeichnung und Malerei. Und ebenso entwickelte sich zwischen je zwei
parallelen Hauptfalten im kleinen ein der Phantasie folgendes Spiel von Zickzack*
linien oder von wurmlochartigem Gefälte (Abb. 194). Namentlich enthielten
fliegende Gewänder in ihren Hauptzügen allezeit rhythmische Anordnungen
und in dem kreiselnden Schwung des Saumes ornamentale Motive (Abb. 193).
In der geschickten und geschmackvollen Vereinigung eines sicher modellierten
bewegten Körpers mit der malerischen Durchführung von Licht und Schatten,
wie sie eine reiche Draperie zu erzeugen vermochte, lag alle Schwierigkeit, aber
auch alle Vollendung.
Schon in der werkstattmäßigen Entwicklung vermochte die Drapierung mit Hächens
wenigen, sich leise abwandelnden Motiven den Aufbau symmetrischer gliedernd.
Flächenumrisse (Silhouettenwirkung) anzustreben. Die Renaissance machte
hierin recht große Ansprüche und wußte die weiten Gewänder und Mäntel weid*
lieh auszunützen. Kaum tat dies einer überzeugter und erfolgreicher als Melozzo
da Forli. Selbst bei isolierten Figuren, wie jenen Peruginos, greifen die aus*
ladenden Gewandteile nach feinempfundenea Verhältnissen in die Fläche ein.
Wie sehr sich die Umrisse starkbewegter Gewandungen in vielfigurigen Kompo*
sitionen innerhalb der Fläche dem Gleichklang unterzuordnen hatten, wurde
schon bei G. Renis Aurora gezeigt (Abb. 102). Im weiteren Verlaute sollten
sie zu einem Apparat werden, der die Hauptführung des Linien* und Flächen*
Systems derart an sich riß, daß man in einzelnen Perioden darüber Seele und
Inhalt vergessen konnte. Viele Maler des Jesuitenbarocks verrannten sich in
den Irrtum, alle Kunst stecke im farbigen Gefälte. Aus der Bekleidung ent*
stand ein schauspielerisches Behängen und Maskieren, alles Körperlich*Organische
einballend und die Bewegung mehr durch die fliegenden Zipfel als durch die
unmöglichen Glieder vortäuschend. Selbst Porträts blieben nicht frei davon.
Außer der für uns nicht in Betracht kommenden letzten Funktion: Farben* raum=
trägerin zu sein, hatte die Draperie noch in die Raumkunst einzugreifen. Sie bildend,
wurde zu einem Raumfaktor ersten Ranges, erweiterte den Körperkontur, gab
Fülle und Bewegung nach jeder Seite hin. Das Vor und Zurück grolkn und
kleinen Gefälteis, die wechselnden oder sich wiederholenden Lichter und
Schatten erzeugten endlose Tastwerte. Jede nach rückwärts führende Falte,
jedes vom Wind aufgewirbelte Band führte in den Raum hinein. Keine Kunst*
Periode wußte dieses Gesetz so zum Ausdruck zu bringen als die Barocke.
Die große Masse der Draperiezeichnungen, die in ausgesprochenster Weise
Stilelemente enthalten, hat heute in der Forschung noch nicht genügend Beachtung
finden können. Meist aus Skizzenbüchern herausgeschnitten und ihres Zusammen*
banges beraubt, wurden sie in alten Sammlungen neben Hand* und Fußstudien
als minderwertiges Material in Konvolute gesteckt. Ihre Zuweisung an Meister
und Bild erheischt Geduld und gut Glück und vor allem müßte in Rcproduk*
tionswerken auch auf dieses Kompositionsmaterial mehr Gewicht gelegt werden.
Die hohe Vollendung antiker Draperien hatte selbst in den erstarrten, nur Mittel,
von der Tradition lebenden frühmittelalterlichen Gestalten nicht ganz ihre Ein* elterliche
Wirkung verloren. Ein langes Untergewand mit vertikalem Gefältcl und über Schemen.
440
Teilstudien.
Giotto.
dem Oberkörper ein mehrfacher Wund mit diagonalen Zügen, dessen Enden
rechts oder links herabhingen, galt für Sitz* und Standposen. Wenige Gewand*
Schemen reichten aus. Deutlicher trugen gotische Figuren das Gepräge des
Vereinfacht^Stilisierten an sich. Schon die infolge der langen Gewänder sich
ergebende Faltenfülle be*
dingte eine übersichtliche
Klarmachung, eine Auswahl
der Hauptzüge, wenn auch
nur insoweit, das Stehen und
Zugreifen möglichst profil*
mäßig anzuzeigen. Leichter
hatte es der vorbildliche
Bildhauer. Was er mit Wachs
und Ton formte, das ver*
mochte der Maler nur müh*
sam mit Griffel und Feder
plastisch zu gestalten. Weil
das darunterliegende Körper*
liehe noch nicht zur Kör*
perlichkeit gediehen war,
mußte die Hülle alle Plastik
und Bewegung vortäuschen.
Giotto, der Bildhauer und
Maler, läßt in seiner Natur*
lichkeit und Fülle an neuen
Faltenmotiven mit aller Si*
cherheit ein Naturstudium
voraussetzen, wiewohl ein
Aufbau am Nacktkörper
noch nicht erfolgte, sondern
die Gestalten gleichzeitig mit
der Gewandung entstanden.
Man scheint sich großer
Tücher bedient zu haben,
die man Gehilfen oder Per*
sonen der Umgebung man*
telartig umlegte (Abb. 272).
In Giottos Fresken der Arena*
kapelle kann man einen mehr*
fach verwendeten weißen Mantel mit dunklen Borten feststellen. ^ Trotzdem
müssen wir Entlehnungen aus Skulpturen, Gemälden und Zeichnungen weiter*
hin annehmen, welch letztere zur Übung angelegt und zur Verwendung in
Tafeln, Fresken, Miniaturen und Glasgemälden bereitgehalten wurden. Zeich*
Abb. 189.
Toskanisch um 1400. Gesammelte Gewandmotive.
' So in: Joachim bei den Hirten, Joachim und der Engel, Taufe Christi, Kreuztragung,
Auferstehung.
Teilstudien. 441
nungen wie Abb. 189^ und 272 geben uns eine Idee solcher gesammelter Ge*
wandmotive. Daher auch das häufige Wiederkehren bestimmter Typen selbst in
ein und derselben Darstellung. Einfaches Umkehren spielt eine gewisse Rolle.
Das formelhafte Schematisieren entwickelte sich besonders in Deutschland, Deutschland,
wo alle Abstufungen von direkten Anleihen aus plastischen Bildwerken bis
zu dem durch wiederholtes schulmäßiges Nachzeichnen erstarrten und unver#
standenen Gefältel erscheinen. Alte Musterbücher, wie jenes in Braunschweig,
enthalten solche Sammlungen. Späterhin erfuhren diese stets wechselnden Zu?
sammenstellungen von Einzelmotiven in der Glasmalerei, im Holzschnitt und
Stich noch allerlei technische Vereinfachungen. Von der großartigen Gewand*
behandlung mittelalterlicher Bildhauer mit immer neuen Formen, wie sie im
13. und 14. Jahrhundert in Bamberg, Straßburg, Naumburg und Köln auftraten,
ist in der Malerei nichts zu verspüren.
Im 15. Jahrhundert erscheint der einen Verfall bezeichnende Hang zu un*
organischen, geschmacklosen Ealtenröhren, die gegenüber dem gebrochenen
Faltenstil Italiens wie ein Mißverständnis aussehen. Graphisch wirken sie
als ein Faltenwust, der oft sternförmig von einem Punkte ausgeht oder sich
ineinanderschiebt (Abb. 275). Einen beruhigenden Abschluß bildete nur der
verzierte Kleidersaum. Das linearformelhafte Drapieren war zwar auch in ita*
lienischen Schulen des Quattrocento üblich und hat sich bis auf Perugino und
den jungen Raffael erhalten, allein es erscheint immerhin durch die Bewe*
gung und Gesamtführung der Gewandung motiviert. Vielfach muß man, um
sich das Flache zu erklären, zu der Annahme gelangen, daß vor der Einfüh*
rung der Gliederpuppe die Körperhüllen durch Auslegen und Zurechtrichten
von Tüchern auf dem Fußboden gebildet, nachgezeichnet und mit der Figur
im Bilde vereinigt wurden. Die nordischen Schulen bieten hiefür viele Anhalts«
punkte.
Mit der Entdeckung des Nacktkörpers entwickelten sich in Italien neue Renaissance.
Gesetze. Körper und Hülle erfuhren eine gleichmäf^ige Beachtung, ein jedes
wurde einzeln studiert und in ein gegenseitiges harmonisches Verhältnis
gebracht. Dabei kam es gleichzeitig zu einer Klärung schwebender Kunst?
anschauungen. Während einzelne Künstler rückhaltslos für das rein Antike Antik
(al modo antico) eintraten, suchten andere das moderne Gewand (vestire alla und modern.
moderna) durchzusetzen. Noch in der zweiten Hälfte des Quattrocento sprechen
sich Stimmen wie die Filaretes offen über dieses Thema aus, der Donatello ob
der antiken Ausstattung seines Gattamelata tadelt,- oder wie jene Squarciones,
der Mantegna die marmorenen Gestalten vorhält. Anderseits eiferte man gegen
das Zeitkostüm, wie derselbe Filarete gegen Masolino, weil er Heilige modern
kleidete, oder wie Leonardo, der alles Modische als vorübergehend überhaupt
vermieden sehen möchte (§ 541).
Selbst im Norden gab es ein Schwanken. Jörg Breu entwarf 1528 seine
Lukretia im Zeitkostüm, führte sie aber im Bilde antikisch aus (Abb. 108).
Nach der Übersättigung an endlos antiken Kompositionen, wie sie Märten
' Aus Vas. Soc. III, 1. Britisches Museum. Feder, Ausschnitt. 15 X 171 cm.
* Antonio Avcrlino Filaretes Buch von der Zeichenkunst. In Quellenschriften für Kunst»
gcschichte Wien, 1890, N. F. III, S. 622 und 653: Antike und moderne Gewandung.
442
Teilstudien.
Ideal,
draperie.
Heemskerck, Frans Floris, Lambert Lombard und andere lieferten, konnte
Mander in seinem Lehrgedicht die kunstblasphemischen Sätze der Jugend vor?
tragen: «Alle antiken Gewänder müssen denen unserer Zeit weichen, denn ihre
Falten hängen wie Stricke
herab und scheinen von
nasser Leinwand zu stam*
men. Nie sah ich ein anti?
kes Gewand, wenn mich
nicht ein zu kurzes Ge*
dächtnis trügt, innerhalb
Rom von irgend welcher Be*
deutung, vielleicht die Flora
und einige fliegende Bronze*
figuren ausgenommen» (s.
Mander#Hoecker X, v. 27
und 28).
Es entstanden neue For#
men, naturalistisch ? antike
Mittelstufen, Idealgewa n#
düngen, würdig der from*
men Begebenheiten, die man
am Modelle selbst mittels
langer und breiter Man*
tel anstrebte und auch
durchsetzte. Es war ein
Kompromiß, als unter der
dekorativ gesteigerten Man?
teldrapierung noch die All*
tagskleider sichtbar blieben
und Jünglinge das moderne
Kleid auch im religiösen Bilde
tragen durften. Die theatra*
lische Umhüllung hatte aber
nicht bloß das Profane zu
verklären, sie war auch reich
an künstlerischen Motiven
und blieb fortan an allen
Schulen und Akademien
durch alle Jahrhunderte die
Hauptnorm. Zeitlos, inter*
national, entsprachen diese
Idealdraperien dem Alten
und Neuen Testamente, der
Fabel und Geschichte, der Allegorie und vereinzelt sogar dem Forträt.
Aus der zweiten Hälfte des Quattrocento hat sich eine ganz erkleckliche
Anzahl von Standfiguren, seltener Sitzfiguren, in Silberstift auf gelb, grau.
Abb. 190.
Florentiner des 15. Jahrb., Malerbursche
mit Manteldrapierung.
Teilstudien.
443
grauviolett und blau grundierten Papieren erhalten, deren Verwendung nicht
gerade nachweisbar, weil sie vielfach nur dem Übungszeichnen dienten und
die bald Ghirlandaio, bald Filippino, bald Raffaellino del Garbo zuge#
schrieben werden (Abb. 190). ^ Durchaus Manteldraperien, die wegen ihres ManteU
freien Fallens und der leicht erreichbaren Mannigfaltigkeit das vermeintliche draperie.
Idealgewand ergeben sollten und schulmäßig gezeichnet wurden. Die Durch?
bildung der Falten spricht nicht immer von großer Sorgfalt, man deutet mehr
an und derbe Lichter besorgen die notwendige plastische Klarheit. Zu Lo=
mazzos Zeiten nannte man es pannegiare (Trat. II, 183). Charakteristisch
erscheinen die Großbrüchigkeit der Falten, hervorgerufen durch grobe Stoffe,
die kantige Ausladung der
Umrisse, der bewegte Zug
der Lichter in gegensätzlicher
Führung zu den Vertikalen.
Die Gotik kannte dies nicht.
Von jener Gruppe der Man?
telfiguren existieren auch viel?
fach Kopien, die dem eigent?
liehen Naturstudium als Vor?
Übung vorausgingen.
Daneben versuchte man
mit Hilfe kleiner Wachs? oder
Erdfigürchen (Modelli di piet
ghe), an denen man in Leim
oder heißes Wachs getauch?
tes Papier, Leder oder an?
dere Stoffe zurecht richtete,
antikisierende Formen zu er?
reichen. Man hatte diesen
Brauch bei Bildhauern ge?
sehen, die ihre Tonmodelle
des Abends mit nassen Fetzen einhüllten, um sie über Nacht vor dem Ein?
trocknen zu schützen." Aber das Unzureichende der kleinen Puppen, das
Zurechtzupfen oder Andrücken der klebenden Stoffe mit dem Finger tührte
häufig zu einem knitterigen, unorganischen Gefältel, das eher einen provinz*
mäßigen als antiken Eindruck machte und nur in den lombardischen, paduani?
sehen, ferraresischen und venezianischen Schulen starke Verbreitung fand (Bra?
mantino, Mantegna, Ercole Grandi, Cosimo Tura, Francesco Cossa, Fr. Zaga?
nelli). Man erkennt dieses Verfahren in einzelnen alten Zeichnungen und
vielen Tafelbildern vor und selbst nach 1500 an den unnatürlichen, mit dem
Finger eingedrückten Faltenlöchern, im Gegensatz zu Formen frcitallender Ge?
Abb. 191.
F. Zaganelli. Draperiestudie nach geleimten Stoffen.
' Albertina, Inv. Nr. 23, als Baldovinctti (Vorderseite). Silberstift auf blauem Grund,
weiß gehöht; Ausschnitt. — Ferner A. P. 1034 Stockholm; A. P. 623 Albertina. Raffaellino
del Garbo; A. F. 477 und 411, Albertina, Ghirlandaio^Schule.
" Lomazzo, Tratt. II. Kap. XXII, p. 184: Modelli J'huomini, creJ'io, vcstiti di cartä. —
Sandrart, T. A. I, 82. spricht nur von nassem Fapicr.
Drapierungs?
behelte.
Draperie^
männchen.
444
Teilstudien.
Manichino.
wandstofFe (Abb. 191).^ Die
piccoli Modelli kamen nie
ganz außer Gebrauch. Ber*
nardino Campi empfiehlt
dem, der nicht ein natur*
großes Manichino besitze,
sich wenigstens ein Wachs*
modell anzufertigen, das er
entsprechend biegen könne,
um daran die Draperie mit
gut eingenäßtem dickeren
oder dünneren Tuch (panno)
herzurichten. Das Verfahren
hatte sich um die Mitte des
16. Jahrhunderts in der Weise
vervollkommnet, daß man,
um eine dickere Gewandung
zu erzielen, die Leinwand in
flüssigen Ton tauchte (nella
creta liquida a guisa di loto),
aber um dünne, schillernde
Stoffe nachzuahmen, mög?
liehst feine Gewebe mit dün*
nem Leim (colla dolce) ver*
steifte.^ Im späteren Ver#
laufe dienten die Modelli
nur für fliegende Gewänder.
Der bequemste Behelf
war das in einem größeren
Maßstabe angefertigte Ma?
nichino, das sich leicht in
die entsprechende Stellung
bringen ließ und künstlich
angeordnete Falten ohne
Störung für Tage beibehielt.
Ebenso konnte man an ihm
Gewandteile, wie Kopf#,
^ Stockholmer Studie zu dem
Bilde in Chantüly; (A. P. 972.
Pinsel, Ausschnitt).
^ Armenino II. 110. - Campi,
Zaist II, 104 - Der Gebrauch
der nassen Gewänder hörte nie
auf. Heute noch werden in den
Akademien männliche und weibliche Gipstorsi mit nasser Leinwand drapiert, die mit
Stecknadeln befestigt, am nächsten Tag gezeichnet werden.
Abb. 192. D. Ghirlandaio. Manichino* Drapierung.
Teilstudien.
445
Schulter* und Kniedraperien in immer neuer Anordnung studieren. Es hatte
nur den Nachteil, daß das Fehlen normaler Gliedmaßen und der füllenden ße*
kleidung eine auffallende
Flachheit erzeugte (s. Abbil*
düng 192).^ Schon Leonardo
hatte empfohlen, sogar die
lebenden Modelle beim Dra*
periestudium bekleidet zu
lassen (§ 539). Erst die tech*
nische Vervollkommnung des
Manichino verminderte dies
sen Übelstand. In Ermang*
lung richtiger Behelfe warf
man das Tuch auch über
einen Sessel (Dürer, L. M.
500) oder über Kleiderstän*
der (Dürer, L. M. 572).
Nichtsdestoweniger galten
auch in Deutschland sowohl
die .kleinen Wachsmodelle
oder die Gliedermänner
nächst fleißiger Beschauung'
als die geeignetsten Mittel,
»angenehme Falten' zu ma?
chen, indem man sie mit
Röcken oder Mänteln von rau*
her Leinwat oder mit nassem
Papier überlegte (Sandrart,
T. A. I, S. 82).
Trotz all dieser Behelfe
konnte das freie Erfinden
von Gewandungen nie auf«
hören. Es lag in jeder
künstlerischen Schulung, Fi*
guren mit aus der Erinne*
rung geschaffenen Gewän*
dem zeichnen zu können,
und es wurde zur unerläß*
liehen Bedingung bei be*
wegten Draperien. Die Faltenwirbel bei Botticelli, Ghirlandaio waren reine
Phantasieprodukte, wobei man die Vorschrift vom Gegensatze anliegender und
Gedächtnis»
draperien.
Abb. 193. D. Ghirlandaio. Phantasiedrapierung
zu flatternden Gewändern.
* Vorstudie in den Uffizien zur Heimsuchung im Louvre. Pinsel. Berenson, Taf. 69. —
Ein weiteres Beispiel eines in sitzender Stellung drapierten Manichinos als Modell für
eine Madonna in der Albertina (A. P. 766), festgestellt von A. Weixlgärtncr, Dürer und die
Gliederpuppe. (Beitr. z. Kunstgesch., Franz Wickhoff gewidmet, Wien 1903.)
446 Teilstudien.
sich schwingender Gewänder zu beobachten hatte (Abb. 193).^ «Die Körper
werden auf der Seite, wo die Gewandung vom Wind getroffen und gehoben
wird, sich zum Teil nackt zeigen, während auf der anderen die vom Wind
Flatternde erfaßten Gewänder anmutig in der Luft flattern» (Alberti, S. 130). Weil dies
Gewänder. Alberti aber noch außergewöhnlich erschien, fügte er hinzu: «Es wird gut
sein, auf dem Bilde den Kopf des Zephirs oder des Auster anzubringen, wie
er aus Wolken bläst». Man denkt unwillkürlich an Botticellis Geburt der
Venus. Daß gerade hier antike Skulpturen mit vorbildlich waren, steht außer
Zweifel. Noch Leonardo mahnt: Man ahme so viel als möglich die Griechen
und Lateiner nach in ihrer Art, die Gliedmaßen sehen zu lassen, wenn der
Wind die Gewänder an dieselben legt.
Draperien Die schwierigste und gleichzeitig umständhchste Drapierung war jene mit
[liegender weitbauschigen, fliegenden Gewändern, wie es die Barocke für viele Sottoinsu*
Figuren, pjgm-en in den großflächigen Deckengemälden notwendig machte. Ein Natur*
Studium konnte nur auf Umwegen erfolgen. Unsere Kenntnis von den Werks
Stattpraktiken beruht mehr auf Tradition als auf literarischen Nachweisen.
Zunächst legte man sich — und dies war gewiß eine frühe Erfahrung — die
Gewänder oder den entsprechenden Stoff im Sinne eines fliegenden Körpers
auf dem Fußboden zurecht, jedoch im erreichbarsten Zusammenhang mit der
bereits gezeichneten Figur. Ein Brauch, auch heute noch in den Ateliers gang
und gäbe. Allein das Zusammenfügen stark skurzierter Gestalten mit unab*
hängig davon studierten Gewändern führte trotz allem zu mancherlei Unge*
reimtheiten und Fehlern. Weit geeigneter waren die aufgehängten Modefli,
an denen man leimstarre, dünne Stoffe angeordnet hatte. Auch dieser Vorgang
ist heute noch in Übung.
Wesentlichen Anteil an richtigem und gutem Schaffen hatten rastlose Beob*
achtung aus dem Leben und eine lebendige Erinnerung. Gefährhch wurden
Nachahmungen und Anleihen. Und wehe dem Künstler, der seine Körper auf
schwankender Grundlage aufgebaut hatte. Trotz aller Anlehnung an berühmte
Beispiele entgingen solche Plafondhandwerker nicht dem Schicksal einer trau*
rigen Manier. Baldinucci klagt über die Sünder seiner Zeit: «Diese Scorci
sind eine Geisel der ungeschulten Künstler. Und wenn sie dieselben schon
darstellen müssen, dann bedecken sie ihre Arbeit mit Tüchern und fliegenden
Gewändern an jener Stelle, die sie nicht darstellen können.»^ Aber die
fliegende Draperie behauptete sich kühn weiter, weil sie, ob ihrer beherrschenden
Flächenwirkung zum Träger des farbigen Dekors geworden, den wichtigen Zu*
sammenschluß vielfiguriger Deckenkompositionen und einen notwendigen Bes
standteil der Gesamtarchitektur bildete.
Alte und -Die im Quattrocento erwachte Freude am genauen Detail entwickelte durch
neue Vor= die verschiedenen Methoden in Zeichnung und Malerei jene systematische
Schriften. Schulung, die auch bald theoretisch ihren Ausdruck flnden sollte. Alberti
hatte schon auf eine der Bewegung entsprechende Drapierung (pieghe), also
' Stockholm, Nat.^Mus. Nr. 21; A. P. 951. Lavierte Feder, Ausschnitt.
' Baldinucci. Voc. 148.
Teilstudien.
447
auf eine organische Entwicklung hingewiesen. Wie die Baumäste müßten die
Falten hervorgehen (S. 128).
Leonardos Vorschriften über die Gewandung (de panni) klären uns in Leonardo.
16 Paragraphen über Verfahren und Geschmack seiner Zeit auf Die wesent*
Abb. 194. Leonardo. Draperiestudie nacii einem .^lanichino.
liehen Punkte sind: Den Gewändern müsse man ansehen, daß die Figuren
auch wirklich darin stecken. Verworrenheit durch viele Falten sei zu ver*
meiden. Letztere können solide oder knitterige sein (salde o rotte). Teilweise
sei das Gewand anliegend, teilweise flatternd darzustellen. An den Lichtseiten
solle man wegen der störenden dunklen Schatten keine Falten anbringen und
ebensowenig an den Schattenseiten helle. Häßlich seien die mit Ausbauchungen
448 Teilstudien.
und schlaff gewordenen Blasenformen bedeckten Körper. Dichte Stoffe und
lockere Gewebe sollen nebeneinander abwechseln, aber nie die Bewegung der
Gliedmaßen verstecken. Die Gewänder möge man nach der Natur studieren,
nicht nach über die Modelli gelegten Papieren oder dünnem Leder, wie es so
viele tun.' Leonardo eifert hier nicht gegen die kleinen Modelle als Gewandungs?
träger, als vielmehr gegen das unechte Material.^
Verrocchio; In diesem Sinne haben sein Lehrer Verrocchio, sein Mitschüler Credi sowie
Schule. ej- selbst für die Zeit Vorbildliches geleistet. Ihre Studien tragen alle Vorzüge
einer durchgearbeiteten Plastik an sich, mit Halbschatten, Kernschatten, Glanz*
lichtem und Reflexen, die sich an den noch recht kunstvoll angeordneten, aber
doch freifallenden und die Bewegung markierenden Faltenzügen offenbaren
(Abb. 194).'^ Mit Vasari annehmen zu wollen, sie seien nach kleinen Puppen
entstanden, ist nicht sehr rätlich.* Dürer lernte diese Art treufleißig behandelter
Gewandstudien in Venedig kennen und pflegte sie fortan bis in die letzten
Jahre seines Lebens.
Lomazzo. Zur klassischen Norm, und zwar für alle folgenden Jahrhunderte, wurden
die Gewandungen Raffaels. Aus seinen Werken zog man Regeln, die uns
Lomazzo als für den guten Geschmack maßgebend überliefert hat. Notwendig
sei die Beobachtung der stofflichen Unterschiede, die er mit Namen anführt.
Feste und dickere Stoffe, freifallend und alles bedeckend, haben eher bei mann«
liehen Figuren und langsamen Bewegungen Geltung und ihre Falten können
nur durch Druck oder Zug der Glieder entstehen. Zur Bezeichnung des Nackten
seien sie nicht geeignet. Dünne Stoffe dagegen mit vielen kleinen Falten und liebli*
chem Flattern empfehlen sich bei weiblichen Körpern, Göttinnen und Nymphen.^
Teil; Seit Raffael treten die Teildraperien immer häufiger auf. In Baroccis und
draperien. ^jgj. Carraccisten großen Zeichnungenbeständen finden sich eine Unzahl Arm*
oder Kniebehänge oder am Boden aufliegende Gewandteile, die den Eindruck
erwecken, als ob sie erst während des Kartonzeichnens oder Malens durch ein
flüchtiges Studium entstanden wären. Die bräunlichen Naturpapiere, schwarze
und weiße Kreiden oder der Belichtungspinsel bildeten grobe, aber geeignete
Ausdrucksmittel. Wurde auch allzeit die schlichte Federskizze noch beibehält
ten, insbesondere wenn es sich um einfaches Notieren handelte, so entsprach
das erstere Verfahren durch seine malerische Wirkung den Forderungen jener
Zeit doch weit besser.
Nordische Albertis, Leonardos und Lomazzos Regeln gingen in alle nordischen Lehr*
Doktrinen. Bücher über, wenngleich sie nach persönlichem Geschmack zugerichtet wurden,
' § 542-544.
^ «Bisweilen formte Leonardo verschiedene Figuren, legte darüber weiche, in Gips
getauchte Lappen und bemühte sich mit äußerster Geduld, sie auf ganz feiner oder schon
gebrauchter Leinwand nachzuzeichnen, indem er sie schwarz und weiß mit der Spitze des
Pinsels bewunderungswürdig schön ausführte, wie jetzt noch einige in meinem Zeichens
buche beweisen» (Vas. Mil. IV, 20).
•^ Pinselsfumato auf Leinen. Louvre, Berenson Taf. 112; Müllers Walde Abb. 18.
* Fra quali [disegni di nostro libro] sono alcuni ritvatti da modegli di terra, acconci sopra
con panno Uno incerato e con terra liquida (Vas. Mil. IV, 564, Vita Credi).
' Lomazzo, Trat. II, K. 22 de i moti di tutte le sorti di panni. — BirchsHirschfeld, op.
cit. S. 43: Die Gewandung.
Teilstudien. 449
und bestanden namentlich an den französischen Akademien für die Draperies
ideales zu Recht. ^ Freilich wechselten auch Mittel und Wege. So warnten die
Pariser Akademiker vor einer zu häufigen Benützung der kleinen Mannequins,
weil die darnach, wenn auch fein gezeichneten Draperien, ins Bild übertragen,
hart erscheinen und die Harmonie des Ganzen stören.'- Nur das Studium am
Modell in möglichster Anlehnung an die guten Meister gewähre die richtige
Schulung. Raffael sei das Hauptvorbild. Ebenso entwickelte R. Mengs aus den
Gewandungen dieses Meisters seine Regeln, besonders hinsichtlich der Faltung.
Alle Falten haben ihren Grund entweder in der Schwere des Stoffes, in der
Rundung der Körperteile oder in der Bewegung der Glieder. Alle seien
perspektivisch zu zeichnen und nie dürfen gleichgeformte nebeneinander liegen;
sackartige müsse man völlig meiden. Die dreieckige Gestalt der Falten, die
daher komme, daß jeder Gewandteil geneigt sei, sich locker und lose zu machen,
verlange besondere Beachtung. Der Rand der Kleider soll immer sichtbar sein.^
IN eben der idealen Gewandung hatte sich seit dem Quattrocento das Historische
historische Kostüm eingebürgert, d. h. jene auf Grund der in Rom an i^ostüme.
großen Skulpturresten, (Trajansäule, Konstantinbogen) gemachten Studien mit
verallgemeinerten Formen, die man als römisch, maniera antica, bezeichnete
und die dem damaligen Streben nach historischer Färbung vollkommen genüg?
ten.^ Man zeichnete Schuppenpanzer, reich ornamentierte Bcustharnische und
Helme, Beinschienen und Sandalen aller Art, Waffen, Schilde und Trophäen.
Schon Mantegnas Triumph Caesars, Giulio Romanos Triumphzug des Kaisers
Sigismund, Polidoros und Maturinos Fresken hatten durch ihre mit antiken
Rüstungen gefüllten Darstellungen Schule gemacht, die wieder Gegenstand
fleißigen Kopierens seitens anderer wurden." Gewisse biblische Szenen oder
antike Motive erheischten für jeden Historienmaler einen \'orrat derartiger
Notizen. Weit seltener begegnen uns zeitgenössische Rüstungsstücke. Beispiele
wie Pisanellos Figuren oder der bis in jede Niete und jedes Gelenk durch?
gezeichnete gewappnete Reiter Dürers von 1498 (L. M. 461) sind äußerst selten.
Das eigentliche Studium zeitgenössischer Gewänder und Kostüme, das für
einzelne Künstler wie die soeben genannten immer einen stofllichen Anreiz Zeitkostüm,
bot und sich sogar farbig auslöste, entwickelte sich erst recht mit dem Eintreten
der Sittenmalerei, und zwar weniger nach akademischen Vorschriften. Weil
für Darstellungen aus dem X'olksleben der Aufbau aus dem Nackten nicht in
Betracht kam, so konnte man auch leichter auf eine Teilzeichnung der ver*
schiedenen Kostüme verzichten. Man stellte die gewählten Typen im Atelier
oder auch in der Schenke nach Bedarf und zeichnete sie von oben bis unten
fertig. Damit suchte man Haltung, Gesichtsausdruck und Bekleidung mit einem
Male zu erreichen (Abb. 94).
• Vgl. für die Niederlande Mandcr^Hoecker, Lehrgedicht, p. 241, X, v. 1-53; für Deutsch»
land: Sandrart, T. A. I.
- VC'atelet, Draperie (Dictionnaire I. 654).
' Betrachtungen über die Draperie des Raphacl, Corrcggio und Titian (A. K. Mengs
hintcrlassonc Werke 11, Kap. 5, S. 82— .S6).
' W'atelet, Draperie, Dictionnaire 1,649. * Vas. Mil. V, 143.
.Medcr, Die 1 Ijnditichnung. -9
450
Teilstudien.
Stoffliche Was uns, von Leonardo abgesehen, in Italien kaum mehr begegnet, die
Betonung, schon in der Zeichnung versuchte stoffliche Betonung, wird in Holland von
einer Gruppe von Künstlern mit grofkm Fleiße verfolgt. Seiden* und Atlasglanz,
grobe Wolle, Pelzverbrämung erhalten schon im Strich ihre Werte. Selbst
Rembrandt geht diesen Themen nach.^
Holland und Dem geringeren Zeichnungsbestand Italiens an Kostümfiguren steht der
Frankreich. Reichtum des Nordens gegenüber, Blätter, die wegen ihrer Lebendigkeit und
geschickten Ausdrucksweise schon seinerzeit eine große Wertschätzung erfuhren
(Abb. 49). Ungemein reich sind die Sammlungen an Holländern des 17. Jahr*
hunderts (Ter Borch, Metsu, Dou, Steen, C. Zachtleven, Bega, Jan de Bray,
Ostade, Dusart, Flinck), weniger an Franzosen des 18. Jahrhunderts (Watteau
und Schule, Grcuze, Chardin, Aubert). Diese Studien tragen keinerlei Benüz?
Zungsspuren wie Netz* oder Griffellinien an sich; Einzelfiguren auf Halbbogen
in Kreide mit Rötelaufputz oder gar etwas farbig, in naturalistisch gesunder
Auffassung, frei von akademischer Modellmüdigkeit, fertig im Ausdruck, wie
es das Gemälde erheischte. Ob Soldaten, Trinker, Damen, Bäuerinnen, allen
haftet das Originale ihres Standes oder Charakters an. Bei einzelnen Meistern
wie bei Elsheimer. Callot, J. de Gheyn, Ostade, Dusart erscheinen sie als kleine
Figürchen, direkt in ihrem Tun und Treiben beobachtet und in ruckweisen
Federstrichen hingesetzt (Abb. 17).
Watteau. Nur bei Künstlern mit akademischer Schulung finden sich häufig auch ein*
zelne Teile der Zeitkostüme studiert, hinsichtlich deren Verwertung im Bilde
man bisweilen vor technischen Rätseln steht. Wir staunen über die wenn auch
virtuos und geistvoll geschaffenen, aber doch nur flüchtigen Andeutungen
Watteaus, die er sich nach ein und demselben Modell auf einem Blatt wie
zum Vergnügen zusammentrug und die ihm dennoch bei der Ausführung der
verschiedensten Figuren genügten. Erinnerung und Phantasie, Pinsel und Farbe
brachten alle Ergänzung und Vollkommenheit.
Tierstudien.
Entwicks Jede Art Nachbildung lebender Tierkörper vollzog sich vom Anbeginn
lungsstufen. unter allerlei Einschränkungen. Bildhauer und Zeichner vermochten nur, sich
einen möglichst günstigen Standpunkt zu wählen, ein Stellen gab es nicht.
Scharfe Beobachtung, Gedächtnis und die mitschaffende Phantasie hatten das
Mangelhafte unmittelbaren Studiums zu ergänzen. Daher das Stilisieren der
Tierformen seit den frühesten Zeiten, die summarische Zusammenfassung und
eindringliche Herausarbeitung der Hauptmerkmale. Die äußere Erscheinung
in Umrif^ und Oberfläche zu charakterisieren, oft mehr nach der ornamentalen
Seite hin, war eines der ersten Ziele. Anschließend folgte die Darstellung
einzelner, dem Organismus entsprechender Bewegungen oder Handlungen
(Szenen aus dem Tierleben) und als letzte Stufe das naturalistische Erfassen,
die Entdeckung des individuellen Schauens (Tierblick) und Gehabens, der
Tierseele. Die Skulpturen ältester Kunstperioden (Ägypter, Assyrer, Griechen)
Frau mit Pclzjacke, Ilaarlem, Teyler Mus.; Rembrandt Handz. 1892, IV, 166.
Teilstudicn. 451
lassen bereits die beiden ersten Entwicklungsstufen erkennen, die restlose Über*
Windung der letzten Aufgabe war der Malerei vorbehalten.
Aber gerade sie tat sich zunächst recht schwer. Auf die Profilwirkung be* Antike und
schränkt, schloß sie im vorhinein für lange Zeit alle Unfreiheit in sich. Die Mittelaher.
Bewegung drückte der nach rückwärts gedrehte Kopf oder das Heben eines
Vordertußes aus. Später setzte das Laufen, Anspringen und Kämpfen ein.
Erst mit der perspektivischen Behandlung der Tierkörper, mit der Einführung
der Skurzi erstand ein freies Komponieren. Die Alexanderschlacht (Mosaik
in Neapel) mit ihrem Getümmel von Reitern läßt erkennen, zu welcher
Vollkommenheit die Griechen emporgestiegen waren. Allein diese großen
Errungenschaften gingen vollständig verloren, das Mittelalter hatte wieder vom
neuen aufzubauen und alle Wege mühevollen Ringens zu versuchen, ^'ic
behutsam und lange wich man der Vorder* und Rückansicht aus, weil das
Zusammenstoßen der vier Beine noch zeichnerisch unüberwindlich erschien.
Versuchte man derartige Skurzi, so ließ man die rückwärtigen durch die
vorderen überdecken, d. h. man stellte Vierfüßler als Zweifüßler dar.' Die
Miniatoren wurden zu eifrigen Pflegern und sammelten mit Eeder und Spitz*
pinscl immer neue Formen. Die Wandbilder mit ihren biblischen Begeben*
heiten stellten allerlei thematische Forderungen und erweiterten das Stoffgebiet.
An die Stelle des unbedingt Notwendigen trat die epische Ausschmückung
(Zug der Könige).
Knüpften die Florentiner an die entdeckten und willkommenen antiken Reste Italien,
an, um rascher zum Ziele zu gelangen, so war Oberitalien (Pisanello) und noch Deutschland,
mehr der Norden auf das Studium der Natur allein angewiesen, das langsam, Holland,
aber um so sicherer zu künstlerischen Erfolgen führte. In Zeichnungen und
Stichen stieg die Linie seit der zweiten Hälfte des 15. Jahrhunderts rasch auf*
wärts und erreichte in Dürers Feldhasen einen ungeahnten Höhepunkt. Im
17. Jahrhundert bemächtigte sich Holland im vollsten Umfang des Tierstudiums
und schuf im Tierstück und im Tierstilleben ein neues Kunstgebiet, das
für alle weiteren nationalen Entwicklungsphasen den Ausgang bildete.
Im allgemeinen war die für biblisch* historische Darstellungen in Betracht Werkstatt*
kommende Auswahl eine bescheidene und demgemäß auch der Umfang der bedarf.
Studien.- Alte Musterbücher geben Einblick in den VC'erkstattbedarf, zuerst
miniaturartige Ausführungen, dann Silberstift* oder Federzeichnungen, schlichte
Profilkörper von Löwen, Kamelen (Abb. 74), Lammgestalten und einzelnen
Vögeln (Adler).'' Die Haustiere erscheinen nach und nach auf dem Plan und
vor allem das Pferd, das mit der Entwicklung episch dargestellter Begeben*
heiteii bald zum wichtigen Kompositionselement wurde und auch am frühesten
' J. V. Schlosser, Zur Kenntnis d. künstl. Überlieferung im späten Mitlcialtcr (Jahrb. d.
kh. Samml. d. Kh. 23, S. 282).
- Noch Pacheco nennt als die in der Historie am meisten gebrauchten Tiere: den
Löwen, den Stier, den Adler und das Pferd (p. 274).
•' Marcantonio Michiel führt einige solcher Bücher als im Hause des Messer Gabrielli
Vendramino in Venedig an (1550): einen l'ergamcntband in 4" mit kolorierten Tieren von
Michelino Milancse. einen kleinen Pergamentband in S" mit Tieren und Kandelabern, Pcder^
Zeichnungen von Giacometto (Quellenschr. i. Kunstgcsch., N. F. I, S. 109).
29*
452
Teilstudien.
i
Abb. 195. Pisanello, Pferdekopf. Federstudie.
eine proportionale und anatomische Behandlung erfuhr.^ Zeichnungen, die
der Merkwürdigkeit halber entstanden (Rhinozeros von Dürer, Schildkröte von
M. Lorch),^ streifen kaum unser Gebiet.
Vasari preist den Sienesen Barna (f 1381) als den ersten, der gute Zeich?
nungen nach Tieren gemacht habe (Vas. Mil. I, 651). Dachte er nur an Ita;«
' H. >X'eizsäcker, Das Pferd in d. Kunst des Quattrocento (Jahrb. d. pr. Ks. 1886, 159).
' iM. Lorch, I ondon, mit der Notiz: Zu Venedig dem lebend nach gemacht 1555.
Teilstudien.
453
lien, hätte er zunächst wohl Giotto nennen müssen (Geburt Christi, Flucht Giotto.
nach Ägypten, Assisi und Padua; Joachim bei den Hirten, Padua). Während
vor ihm die zur Handlung unumgänglich notwendigen Tiere häufig nur Sym«
bole blieben, als Vertreter eines Lokales oder einer Landschaft, und gleich den
Bäumchen und Architekturen einen kompositionell untergeordneten Bestandteil
bildeten von kleinerem Maßstab als die menschliche Gestalt, erstehen unter
Giotto bessere Proportionen und fein studierte Tiere (Abb. 223),
Im ersten Drittel des folgenden Jahrhunderts lesen wir bei Alberti, das Tier*
Studium sei als gleichwertiges Material zu behandeln: «Weil für das Geschichts*
bild als höchste Leistung des Malers jedwede Fülle mit Gewähltheit in den
Dingen gefordert wird, ist es notwendig zu wissen, nicht bloß den Menschen,
sondern auch Pferde, Hunde und andere Tiere richtig zu malen» (p. 156).
Also zu einer Zeit, als wir
im Norden Italiens in Pi? Pisanello.
sanellos Zeichnungen und
Bildern tatsächlich eine Voll*
endung beobachten, die alles
Bisherige übertraf. Alle Ar*
ten der Haustiere, auch jene
des Waldes (Abb. 95) und
der Luft wurden für ihn
und seine Schule zum Gegen*
Stande des Naturstudiums
(St. Hubertus, London). Mit
feiner Federspitze werden
Form, Charakter, alles Stoff*
liehe in der fortschrittlich*
sten Weise gekennzeichnet.
Handelte es sich z. B. in
der Pferdestudie (Abb. 195)' mehr um die Form des Kopfes, um die Durch*
modellierung eines künstlerisch allzeit interessanten Objektes, so ging er in
Hundestudien bereits auf die Tierseele und deren verschiedene Stimmungen
an ein und demselben Modell los. Das aufmerksame Schauen (Abb. 196) und
das seitliche Lauern (Abb. 197)^ werden meisterhaft beobachtet und mit ein*
fachen Mitteln scharf getroffen. Gerade der Tierblick, der noch durch Jahr*
hunderte vielen Künstlern unverstanden und unerreichbar blieb und meist jenem
von Menschenaugen glich, hatte hier schon seinen Entdecker gefunden.
Was Pisanello im Norden, das versuchte nach der Tradition Uccello in Floren:
Florenz, aber mit geringem Erfolg.' «Weil er zu arm war, sich Tiere zu
halten, sammelte er Zeichnungen nach ihnen, die ihm als Vorlagen dienen
mußten» (Vas. Mil. II, 208). Vielleicht waren es nordische Miniaturen. Leider
sind uns, von seinen unbeholfen gemalten Reiterkämpfen abgesehen (London,
Florenz, Turin), sowohl seine Zeichnungen als auch die im Hause der >\edici
' Aus Dessins de Pisanello (I.ouvrc) I, T.if. 52.
-' Ibid. I, T.if. 67. I.ouvrc. Feder. Ausschnitte.
=■ Wickhoff. Aus der Werkstatt Bonifazios; Jahrb. d. kh. S. d. Kh. 24. 92.
Abb. 196. Pisanello. Hundestudie.
454
Teilstudien.
Leonardo.
^j^isi^>v^^
;s^»^-
■V^^J?^
auf Leinwand geschaffenen Tierstücke, Kämpfe von Löwen untereinander oder
mit Schlangen, verloren gegangen. Die als Skizzenbuchreste zur Zeit ver?
streuten Blätter mit Federzeichnungen nach allerlei Getier werden ihm heute
mit Recht abgesprochen.^ Nicht minder hölzern erscheinen die Pferde des
Piero della Francesca in der Heraclius? Schlacht. Ebenso findet sich zu Vasaris
Lob über Baldovinetti, derselbe habe ein Maultier so gut gezeichnet, daß
ein jedes Haar mit großer Geduld und Zartheit ausgeführt war, keinerlei
Beleg mehr. Im Gegensatz zu diesen das Stoffliche betonenden Studien stehen
J. Bellinis Zeichnungen in seinen Skizzenbüchern nach Pferden, Affen, Eseln,
Hunden, Löwen und Leoparden, die mehr das Konturmäßige anstreben und
auf eingelernten Formen beruhen. Seine Pferde mit ruhigem Paßgang gehen auf
die bronzenen Cavalli der Markuskirche zurück.^ Der typische Skurz von vorn
oder rückwärts oder das
wie im Turnier anspren*
gende Streitroß gleichen den
damals auch anderwärts vors
kommenden Umrissen wie
z. B. bei Benozzo (Reiter*
zug der heiligen drei Kö?
nige, Palazzo Riccardi). Letz*
terem bot sich bei seinen
mehrfachen Aufenthalten in
Rom reiche Gelegenheit,
den Marc Aurel, die Dio*
skurengruppe und das Re*
lief am Titusbogen zu stu*
dieren. Auch hier ist jeder
zeichnerische Beleg verloren
gegangen.
Leonardo, alles vom Grund aus erfassend, hatte sich als Bildhauer eine
Anatomie des Pferdes, wohl die erste, zu seiner eigenen Förderung gezeichnet
und geschrieben. Nur wenige Reste der langjährigen Mühen sind erhalten
geblieben, das Ganze (un libro di nototnia di cavagli) war schon in Vasaris
Tagen in Verlust geraten.^ Ihm handelte es sich nicht wie Pisanello um die
Erscheinung, sondern um den organischen Aufbau. Daher finden sich auch
im Malerbuche nur wenig Hinweise auf das Tierstudium im allgemeinen, wohl
aber hinsichtlich der Bewegung (§ 308, 335, 399). Bewegung und Erregung
auch im Ausdrucke und in gegenseitiger Vergleichung zwischen Mensch, Pferd
und Löwe kehren in Skizzen wieder, die sich zum Teil auf seine Florentiner
Anbetung (Abb. 298), das Sforza* Denkmal und den Reiterkampf beziehen.*
V-5^'
^f^
^
Abb. 197. Pisanello. Der lauernde Hund.
' Solche mehr an Kopien erinnernde Blätter in der Albertina und Stockholm (A. P. 349,
555. 1026. 1072). •' Vgl. z. B. Taf. LXXXV der Ricci. Ausgabe.
' Vas. Mil. IV. 34 (Zus. z. 2. Ausg.). Einige Abb. bei Seidlitz I, 94, 181, 189. 293 u. Tf. 54.
* MülIer=Walde, Abb. 25 und Seidlitz I, Taf. 22; II. S. 66, 68, 79, 83. 86, Taf. 57. -
Simon Meiler. Die Reiterdarstcllungen Leonardos und die Budnpcster Bronzestatuette
(Jahrb. d. pr. Ks. 1916. S. 213).
Teilstudien. 455
Sein Ruhm auf diesem Gebiete war noch zu Lomazzos Zeit lebendig (Senza Jubbio
ha superato i migliori antichi e moderni, tanto nella pitfura e disegni quanto nelrilievo)}
In der Hervorkehrung dramatischer Elemente ging er über das Schulmäßige
hinaus. In seinem Reiterkampf erfüllt die ineinander verbissenen Pferde nicht
geringere Wut als die Krieger. Anderseits veranlaßten die neu erstrebten Be#
wegungsmotive den Komponisten zu vielfachen zeichnerischen und bildhaueri*
sehen Versuchen. Das Pferd mit seiner wunderbaren Hals*, Rücken? und
Schwanzlinie wurde zu einem gleichwertigen, mitwirkenden Bildelement.
Unabhängig von dieser Richtung erweitert sich in Venedig, im Anschluß Bassani,
an die sich hier gleichzeitig entwickelnde Landschaft, unter den Bassani das
Tierproblem. Biblisch spastorale Szenen werden derart mit Rindern, Pferden,
Schafen und Ziegen gefüllt, daß sich dieselben dicht an den Vordergrund heran*
drängen und die Zeichnung fast zu einem Tierstück stempeln (Abb. 313).
Aber auch da fehlt der seinerzeit gewiß reiche zeichnerische Bestand, der in
die Art und Weise der Teilstudien einführen könnte. Die Kompositions*
skizzen scheinen, wenn wir von dem Nachfolger der Bassani, dem Genuesen
Benedetto Castiglione rückschließen dürfen, gleich in Ölfarbe auf satu*
rierten Papieren ausgeführt worden zu sein.
JL/ie innige Beziehung des Menschen zur Tierwelt findet ihren lebendigsten Deutschland.
Ausdruck in Deutschland. Miniaturen, Holzschnitt und Stich wetteifern in
immer neuen Aufgaben. Äsops Fabeln geben reiche stoffliche Anregung. Der
Meister der Spielkarten, Meister E. S., Meister des Amsterdamer Kabinettes
gewähren Einblick in frühe und kecke graphische Ausdrucksweisen, wo die
Zeichnung alles vermittelte. -
Mit bewundernswerter Liebe und scharfem Erfassen geht A. Dürer den Tier* Dürer,
formen nach. Von der schlichten Federzeichnung des Nürnberger Reiters (1498)
bis zur Entdeckung tierischen Lebens an dem Feldhasen (1502) und bis zu den
Löwenstudien (1521) in Gent** ersteht vor unseren Augen eine Stufenleiter selbst«
gesteckter Ziele mit durchaus neuen Resultaten, je nachdem er in vorbereiten*
der Absicht für graphische Zwecke zeichnet, oder die allgemeine Erscheinung
erfassen will, oder sich rein stoffliche Aufgaben stellt. Kaum interessiert ihn,
im Gegensatz zu Leonardos Auffassung, die Bewegungsstudie, wenngleich in
seinen Stichen und Holzschnitten des Inhaltes wegen mehrfach äußerst bewegte
Tierformen vorkommen (apokalyptische Reiter, Entführung auf dem Einhorn).
Sonst geben seine Zeichnungen, die ohne besondere Umgestaltung in die graphi*
sehen Arbeiten übernommen werden, gewöhnlich ein Bild des ruhigen Modelles
(Der Windhund, L. 388, zu dem Eustachiusblatt B. 37). \'on Kranach d. A.
haben sich Tierdarstellungen in hinlänglicher Anzahl erhalten, meist jagdbarer
Art, die schon Scheurl rühmte.
Das richtige und fröhliche Tierzeichnen begann erst im 17. Jahrhundert in
den Niederlanden, ein planmäßiges, gründliches und fortan von Meister zu
' Idcn, p. 48. - F.benso I.od. Dolcc. Dialog. Qucllcnschr. II, S. S9.
- Z.B. der sich kratzende Hund vom Amsterdamer Meister (I.clirs, Nr. 78 der Chalko»
graphischen Ausgabe).
' L.ingc und Fuhse l'>7: Darnach sähe ich die I.cwen und contcrlcit einen mit dem Stcit.
456
Teilstudien.
Meister wanderndes Studium in Hof, Feld und Wald. Hatte auch das vorher^
Belgien, gehende Jahrhundert schon in Belgien einen schlichten Naturstil aufzuweisen
(P. Brueghel d. Ä.), so unterbrach das folgende durch italienischen Einfluß diese
Richtung, indem es durch die Wucht eines Gewaltgenies und dessen Dar*
Stellungsmittel einen repräsentativen Charakter anstrebte, der strenger Naturs
Rubens. Zeichnungen nicht bedurfte. Rubens hatte in Florenz Leonardos Reiterschlacht*
karton und in Venedig Tizians Schlacht bei Cadore kopiert und studiert. In
seinem Decius Mus, Sennacherib, seiner Amazonenschlacht, seinen Löwenjagden
waren die Früchte jener Anregungen zur Reife gelangt. Seine Teilzeichnungen,
soweit sie Zeugnis geben, gewähren kaum einen Aufschluß. Mit der geisti*
gen Konzeption des Ganzen erstand die Form und regelte sich farbig auf dem
kleinen Karton. Die wenigen erhalte*
nen Blätter: eine Kuh, ein Pferd, eine
Gruppe von drei Kühen (Rooses V,
Nr. 1582 — 1585) bedeuteten nur ein
Klarmachen des tierischen Organismus
vor dem Modelle.^
In jener Zeit bildete sich unter
den Künstlern das Spezialistentum her*
aus, das gerade im Tierzeichnen und
Malen eine allgemeine Gutheißung er*
fuhr. So kamen F. Snyders besondere
Qualitäten in der Ausführung von
Tieren und Stilleben auch Rubens Bil*
dern zugute.^ Seine Jagdhundestudien
gehen fast immer auf die Bewegung los.
Das tolle Anstürmen und Fassen, das
Zappeln der Verwundeten weiß er in
Einzelzeichnungen meisterhaft zu ge*
Holland, stalten (Albertina). Das relativ reichste Material lieferte Holland. Tier*
und Stillebenmaler und Landschafter benötigten die Naturstudie im gleichen
Maße, meist Einzelstücke, Standmotive von Tieren in behaglichster Ruhe, die
im Bilde Verwendung fanden. Man übt den organischen Gliederbau und
sucht den Ausdruck des vegetativen Lebens. Man erfaßt sie in Gruppen und
komponiert die Einzelstudien auf der Leinwand zusammen. Dabei sieht man
von der akademischen Gepflogenheit, mittels Netzen zu übertragen, vollständig
ab und zeichnet die Studie frei im Bilde nach, stets im Anschlüsse an die
Gesamtanordnung. Potters Hund (Albertina) erscheint in dem Tierstück
(Sammlung Six) ziemlich frei verwendet (Abb. 122, 198).^ Holländische Zeich*
nungen erfreuen uns daher durch das Unberührte ihrer Konturen.
Völlig abseits und alle durch seine scharfe Charakterisierung überragend steht
Rembrandt. Rembrandt mit seinen Löwenzeichnungen. Mit Feder und Tintenhörnchen
Abb. 198. P. Potter. Wachhund.
' Albertina, Chatsworth, Oxford (Oxford Dr. III, 19).
"^ Rosenberg, Rubensbriefe, S. 43.
=* Inv. Nr. 17603; A. P. 1001. Kohle. 179 X 162 cm.
Teilstudien. 457
sitzt er vor den Käfigen in Amsterdam und skizziert unermüdlich in wuchtigen
Strichen jedes neue Regen des gewaltigen Tieres. Entsprechend seinen biblischen
Stoffen erwecken noch Kamele und Elephanten sein zeichnerisches Interesse.
Wenn wir die heute zerschnittelten und verstreuten Originale und Kopien nach
verlorenen Stücken zusammenhalten wollten, sie müßten ein ganzes Skizzenbuch
ergeben. Fast jede große Sammlung bezitzt Studien oder Nachzeichnungen.'
Auch sonst entstammt die Mehrzahl der vorhandenen holländischen Blätter Studien
mit Rindern, Pferden, Schafen, Ziegen, Hunden den Skizzenbüchern (Abb. 535). """^ '^re
In einzelne Stücke zerteilt, um nach altem Mißbrauch nach Gattungen ein; ^^^^'^'■^""S-
geordnet zu werden, fast durchwegs in Kreide, Rötel, seltener Kreide ^ Rötel,
tragen sie — von denen einzelner hervorragender Künstler abgesehen — heute
manches Konventionelle an sich, das häufig jeder sicheren Bestimmung wider*
strebt. Größere Wertschätzung erfuhren schon frühzeitig kompositionelle
Anlagen, Zeichnungen mit Bildwirkung, vielfach von den Meistern mit echten,
oder von Sammlern und Händlern mit nachgetragenen Signaturen versehen.
A. Cuyps oder P. Potters vollendet gezeichnete Tierstücke für Staffeleibilder
beanspruchen schon den Wert abgeschlossener Kunstwerke (Abb. 121).
Eine Weiterführung zum selbständigen Kunstobjekt erfuhr die Tierzeichnung Tier*
in der Radierung. Einzelne Maler wie Potter, A. Cuyp, Adriaen v. d. Velde, radierungen.
Karel Dujardin widmeten ihre Platten ausschließlich dem Tierstück. Aber
selbst in Fällen, wo letzteres nur zur Staffage geworden, dringt des Künstlers
Absicht deutlich durch, die gewonnenen Resultate der Freilichtstudien in einer
ähnlichen Technik künstlerisch weiterzuführen, in klaren Umrissen Erscheinung
und Charakter herauszuarbeiten und alle stofflichen Unterschiede strichmäl^ig
zur Geltung zu bringen. Sie gleichen virtuosen Federzeichnungen in bild?
mäßiger Auffassung (N. Berchem).
Holland war und blieb die Schule für alle anderen Länder. Der Export
seiner Bilder nach allen Seiten hin gab Anregung zur Nachahmung, aber auch
zur Entwicklung neuer nationaler Werte. Deutschland, Frankreich und selbst
Italien zeigen an ihren Tiermalern diese mächtige Beeinflussung.
Im Anschlüsse an das Tierstudium sei noch jener wenigen auf die grofk Stilleben.
Gruppe der Stilleben bezugnehmenden Zeichnungen gedacht. Die grof^e Mehr*
zahl der Jagd? und Küchenstücke, beladenen Speisetische und Vorratskammern,
Frucht* und Blumenstücke hatten eine andere Entstehung. Die möglichst getreuen
Naturnachahmungen eines buntschillernden Gefieders, der Rauh* oder Glatthaa*
rigkeit von Fellen, der Früchte voller Glanz oder mit Reifestaub, halbdurchsich*
tiger Trauben in feinster Ausführung waren rein koloristische Aufgaben. Ein
vorhergehendes zeichnerisches Durcharbeiten erbrachte geringen \'orteil. Wohl
aber bedurften derartige kunterbunte Zusammenstellungen einer wohlabgcstimni:^
ten kompositionellen Anlage, um eine geschickte X'crbindung der Einzelheiten
zur Einheit in Fläche und Farbe zu erzielen (Abb. 103 — 106).
Vgl. Hofstede, Rembrandt.Urkunden, S. 203. Nr. 249.
Die Bildniszeichnung.
Allgemeines. Iline gute Porträtzeichnung bedeutet eine Naturstudie, die außer der ge*
nauen Erfassung der individuellen äußeren Form noch die feinste Beobachtung
inneren Lebens des Dargestellten bedingte.^ Die letzte Stufe der Vollkommenheit
erreichte sie, wenn sie gleichzeitig die persönliche Ausdrucksweise des Künstlers
enthielt. Diesen Forderungen standen indes, besonders im gemalten Bildnis, oft
Hemmungen gegenüber, die von der mitsprechenden Eitelkeit der Dargestell?
ten ausgingen. Böcklin hieß in einer Stunde des Unwillens das Porträt die
elendeste aller Kunstgattungen, weil hier der Künstler am meisten gebunden
sei.^ Das Aufsuchen der genauen Verhältnisse aller Gesichtsteile, der Gesamt*
haltung nannten die Italiener rifrane dal naturale (ritratto), die Deutschen
Angesicht conterfetten, conterfeyen oder kurz Abrisz.'-^ Die Franzosen leiteten
ihre Bezeichnung portrait von portracfus, protractus her,
Zeichnung Vom Anbeginn hatte die Zeichnung dies alles im kleinen oder großen
und Bild. Maßstabe zu ermitteln. Versuchte auch der Berufsporträtist des 16. Jahrhunderts
bereits das, was er an Leben und Charakter aus seinem Modell herausfühlte,
gleich mit Pinsel und Farbe zu erreichen, so behielt die Bildniszeichnung
dennoch vor und nach dieser Zeit, von ihrer disponierenden Aufgabe abge*
sehen, anderen Studien gegenüber stets ihre besondere Bedeutung. Ob sie in
gleichmäßiger Vollendung oder nur in allgemeinen Umrissen ihr Ziel verfolgte,
schon das Interesse an der Person vermochte eine Rolle zu spielen und ihr
für Generationen eine pietätvolle Wertschätzung zu verleihen. Viele der ge*
zeichneten Porträts früher Zeit hatten vor den in Tempera und selbst in öl*
färbe gemalten eine unvergleichliche Frische und Unmittelbarkeit voraus. Die
Zufälligkeiten der Stunde sprechen lebendiger aus ihnen als aus den mit sym*
bolischen, allegorischen und dekorativen Zutaten versehenen Ausführungen.
Dürers Maximilian in der Albertina mit der kostbaren Handschrift trägt noch
den Odem jener denkwürdigen Sitzung an sich. Und darum sind wir gerade
* Wiewohl die Bildnis; und Landschaftszeichnung den Teilstudien anzuschließen wären,
erfuhren sie dennoch eine separate Behandlung, weil die meisten von ihnen tatsächlich als
selbständige Kunstwerke eingewertet wurden.
' G. Floerke, Zehn Jahre mit Böcklin, 2. Aufl. München 1902, S. 91.
^ F. Winter, Über griechische Porträtkunst. Berlin 1894. - J. Burckhardt, Das Porträt
in der italienischen Malerei (Beitr. z. Kunstgesch., Basel 1898, S. 145 ff.). - Lehmann, Das
Bildnis bei den altdeutschen Meistern bis auf Dürer. Leipzig 1900. - A. Warburg, Bildnis»
kunst und florentinisches Bürgertum. Leipzig 1901. — E. Schaeffer, Das Florentiner Bildnis,
München 1904. — K. Woermann, Die italienische Bildnismalerei der Renaissance. Esslingen
1906. - W. Waetzoldt, Die Kunst des Porträts, Leipzig 1908. - Elsa Fröhlicher. Die Porträt*
kunst IL Molbeins d. J. Straf^burg 1909 (Studien z. deutschen Kunstgesch. 117). - Grete
King. Bcitr. z. Gesch. niedcrl. Bildnismalerei. Beitr. z. Kunstg., N. F. 40.
Bildniszeichnung. 459
Bildniss
Zeichnung.
für die Periode einer noch schwerfälligen Maltechnik jenen wenigen Bildnis;
Zeichnungen dankbar, weil sie uns der Wahrheit weit näher bringen.
Eine besondere Stellung hinsichtlich des Zweckes und der Bewertung nimmt Die
die im vorhinein als selbständiges Kunstwerk gedachte Porträtzeichnung ein. selbständige
Wie viele derselben wurden, ohne daß man an eine weitere Ausführung dachte,
direkt an die Dargestellten abgegeben und in deren Familie durch Geschlechter
vererbt. Hauptsächlich standen die nach dem Spiegel gezeichneten Selbstbildnisse
einzelner Künstler, die häufig als Tauschobjekte dienten, im hohen Ansehen.^
Gerade bei den Deutschen fand der anspruchslose Porträtkultus Verbreitung.
Bald zur Erinnerung in das Skizzenbuch gerissen (Holbein d. Ä., Dürer,
H. B. Grün), bald aus Gefälligkeit oder gegen ein bescheidenes Entgelt auf"
einem Folioblatt ausgeführt, begegnen uns diese sympathischen Köpfe noch
ziemlich häufig. Dürers niederländisches Tagebuch erwähnt nicht weniger als
98 Porträts, die er aus Dankbarkeit oder gegen eine geringe Entlohnung, oft
als Entschädigung für eine Einladung zum Mittagessen zeichnete (Abb. 287).
Ihre Konservierung geschah durch Aufspannen innerhalb einer vertieften Holz*
tafel mit und ohne Deckel. -
Auch in Frankreich und Holland wußte man, wenn der Säckel nicht weit
reichte, ein Papier* oder Pergamentbildnis zu schätzen, die man rahmte oder
nach Art der Landkarten spannte und an die Wand hing (Abb. 63). Die frucht*
baren Lagneau und Dumonstier, C. Visscher, G. Flinck, Eeckhout,
Cosijn, Ary de Vois, Miereveit, Slingelandt, Thopas haben uns viele
Proben dieser populären Bildniskunst hinterlassen. In gleichem Maße bedeuteten
Holzschnitte, Stiche und Radierungen eine vermehrte und dauerhaftere Ausgabe
gezeichneter Bildnisse für den Freundeskreis.
iJie Entwicklung setzte manche primitive Vorläufer voraus. Zunächst Enface-- und
jene schablonenhaften Umrisse beiläufiger Ähnlichkeit bei historischen Persönlich* Profiltypen,
keiten. Buchmalerei, römische Kirchenmosaiken, frühe Freskomalereien und Glas*
bilder liefern rein zeichnerische, ganzfigurige Gebilde in Amtstracht und mit
Beischriften."' Ein byzantinisch feierlicher Enface*Typus ist vorgeschrieben.'
Giottos Bonifaz VIII. (Lateran) erinnert noch sehr an die alte Formel. Aber ge*
rade im Jahrhundert dieses Meisters setzt sich mit dem gleichzeitigen Erblühen
der Freskogemälde das Profilporträt durch, und zwar gleich gruppenweise in
den Assistenzfiguren von Zeitgenossen (Bruderschaften, Stiftern, Magistrats*
Personen, Dichtern, Malern) oder in den Darstellungsserien großer Männer,
selbst vergangener Zeiten (uomini famosi), oder sogar in vereinzelten Reiterbild;
nissen von Condottieren.'' Die antiken Ziermedaillons mit Caesarenköpfen und
* Dürer und Raffael (Vas. Mil. IV. 3S4). - J. v. Sandrart und Gucrcino (T. A. !. 199).
* «Item Hab Meister Jacob mit dem Kohhi contertet und ein Tefclcin dazu machen
lassen, kost 6 Stüber, und ihm geschenkt. >> Lange und Fuhse, S. 170.
^ Burckhardt, op. cit. S. 146.
* Beispiele: Kaiser Nikephoros Botanatcs aus Joh. Chrysostomus aus dem 11. jahrh.
(Paris, Bibl. nat. Coislin 79) oder Kaiser Otto IH, Kvangcliarum in München ((^.imel. 5S);
Heinrich II., Missaic München (Cime). 60); König Karl von der Provence, Strai^burg. Glas.
Fenster nach 1298. Alle abgebildet bei W'oltmann und W'oermann I, l'ig. 62. 6.S, 70. 112).
' Burckhardt, op. cit. S. 158 H.
460
Bildni
iszeichnung.
Münzen gaben fruchtbare Anregung, noch mehr die gegen Ende des Trecento
aufkommenden zeitgenössischen Denkmünzen. Skizzenbücher späterer Zeit, wie
jene J. Belhnis zeugen noch von dem großen Interesse für diese Profilköpfe.
Giotto schmückte den Rahmenstreifen in S. Croce mit 10 Bildnisköpfen der
Stifterfamilie, wandte aber bereits das Dreiviertelprofil an.^
Tatelbildnis. Die Tafelmalerei, wohl nur in Fortsetzung des Brustbildes in kirchlichen
Wandmedaillons, setzt zunächst mit dem Profil auf dunklem oder schwarzem
Grunde ein. Michiel beschreibt uns zwei längst verlorengegangene Einzelbildnisse
Gentile da Fabrianos, wahrscheinlich noch aus dem 14. Jahrhundert, die uns
heute ein Bindeglied nach vor* und rückwärts gewähren würden.^ Vorzeich*
nungen müssen vorausgesetzt werden und die noch 100 Jahre später bestehende
Tradition gibt uns einen Begriff von deren Anlage. Vielleicht haben wir
solche Beispiele in der lavierten Federzeichnung Abb. 199 erhalten, oder in
einem Uffizienblatt, ebenfalls Profilköpfe fast in Naturgröße mit abgedecktem
Hintergrund.^ Selten sind jene kleinen handtellergroßen Federumrisse mit
beigegebenen Beschreibungen nach Art der Reisepässe: La carnagione frescha
e chiava, l'ochio piccholo, tondo, la . . . ner, la barba rasa^ um dem Modell all*
zulange Sitzungen zu ersparen. Auch im Norden galt diese allerdings auf
Kosten der Ähnlichkeit gehende Vereinfachung.^
Quattros In der ersten fiälfte des Quattrocento setzte sich das Dreiviertelbildnis
cento. durch (un occhio e mezzo, in mezzo occhio, un quavto d'occhio). Im Fresko
hatte man es zuerst versucht. Vorbildlich, auch für die Italiener, wurden hierin
die Niederländer, welche das Bildnis eifrigst pflegten und mit der freieren
Auffassung den stärksten Individualismus verbanden. In den Registern von
Ypern kommen schon um 1323 die beiden Bezeichnungen Pourtraittures und
Ymaiges vor." Die Fälle, wo wir Bild und fiandzeichnung überkommen
haben, sind selten. Als frühes Beispiel diene Van Eyck, Bildnis eines Geist*
liehen (Wien) und dazu die Dresdener Zeichnung in Silberstift mit allerlei
Farbenbezeichnungen, die einen besonders belehrenden Einblick in die Technik
und Bedeutung einer Bildnisstudie gewähren.^ Für das Ende des Jahrhunderts
bieten Bonsignori in seinem Londoner Bilde von 1487 und in der Albertina*
Zeichnung^ sowie Gentile BelHni mit seinem Selbstbildnis (Berlin), das in der
großen Prozession auf dem Markusplatz (1496) Verwendung fand," interessante
' W. Waetzoldt, Gotische Bildnisköpfe in S. Croce, Zs. f. b. K.. 50. Jahrg., S. 270.
- Michiele (1512—1543), Notizia d'opere, p. 47: sichtbar bis an den Gürtel, auf schwarzem
Grund, im Profil, einander anblickend, höchst lebendig und überaus vollendet. — Burcks
hardt, op. cit. S. 168.
' Albertina, Inv. Nr. 47. Pinselstudie, früher auf dunklem Grund, heute ausgeschnitten
und neu aufgezogen. Verkleinerter Ausschnitt. A. P. 588. Das Uffizienblatt in: Dis. d.
Uffiz. S. I, fasc. 3, Nr. 3: als Paolo Uccello, mit abgedecktem Hintergrund.
* Albertina, Inv. Nr. 28-31.
* Bei Van Eyck (Dresden). H. Baidung (Karlsruhe), Holbein d. J. (Windsor).
" Springer, Handb. d. Kunstgesch. 1909, II, S. 432.
' ].. Kaemmerer, Hubert und Jan van Eyck, 1898, S. 72.
" A. P. 203.
" G. Gronau, Die Künstlerfamilic Bellini, Leipzig 1909, Abb. 26.
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Bildnisreichnung.
^«,
461
1
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i:
%
Abb. 199. Uccello 5 Schule. Männlicher Profilkopf
462
Bildniszeichnung.
Formats
vergrößes
lg-
runt
Ausdrucks:
weise des
Quattros
cento,
des Cinqucs
cento.
Vergleiche. Im folgenden Jahrhundert mehren sich derartige Beispiele in allen
Landen (Sarto, F. Mazzuola, Dürer, Baidung, Holbein, L. van Leyden).^
Innerhalb der Entwicklung der Schulen oder selbst eines Meisters läßt sich
die unverkennbare Tendenz zur Vergrößerung des Formates beobachten. Maß*
gebend hiefür sind auch die Zeichenmittel, Der Übergang vom Silberstift zur
Kreide oder gar zur Kohle bedingte eine wuchtigere Aussprache. Dürers Jung*
lingskopf von 1503 (Wien, Akademie, L. -^26), seine Mutter von 1514 (Ber*
lin, L. 40), Varnbüler von
1522(Albertina, L.M. 578)
ergeben eine Formatsteige*
rung selbst innerhalb brei*
ter Zeichenmittel.
Die linearen Ausdrucks*
weisen entsprechen immer
genau den zeitlichen Kunst*
anschauungen. Im Quattro*
cento hielt man auf eine
schlichte, reinliche Zeich*
nung mit möglichst klarer
Herausarbeitung des um*
schreibenden Konturs auf
dunklem, die Gesichtspia*
stik heraushebendem Hin*
tergrund.- Der Kopf allein
konnte genügen (Abb. 291).
Der innere Ausdruck, meist
von Strenge und Festigkeit,
deckt sich mit der Be*
stimmtheit des Umrisses. Im
Norden dominiert gegen*
über der schönen Linie des
Südens mehr der Realis*
mus, selbst auf Kosten for*
maier Schönheit, und offen*
bart seelische Tiefen, wie
sie die italienische Kunst nicht anstrebte. Dürers Mutter (Berlin, L. 40) be*
zeichnet hier einen Höhepunkt.
Das italienische Cinquecento erweiterte und vergrößerte das Thema.
Schon rein äußerlich war bald nach 1500 mit der Einführung der Pastellkreiden
eine koloristische Aufmachung eingetreten (siehe S. 137) und es entwickelte sich
Abb. 200. Van Dyck, Porträtskizze.
' Mazzuola, bei Heseltine (Katalog v. 1913, T. 25) und Porträt in der Brera. — Sarto,
Porträt eines Bildhauers, London u. Uffizien, - Dürer, Kaiser Maximilian, Wien. — Hol-
bein d. J., Ganz XVI, 2 (Windsor) und Bild von 1536, Uffizien.
'■' Sowie auf Bildern tritt bei Zeichnungen in der Regel ein schwarzer, selten ein
blauer Hintergrund auf; so auf einem Prälatenporträt des Lorenzo Costa, Taf. 6 der
Disegni d. L'flizs Ser. II, fasc. III, oder der Filippo Mazzuola^Zeichnung bei Heseltine.
Bildniszeichnung.
463
kompositioneil aus dem schlichten Gedenkbild das Repräsentationsbild. Im
innigsten Zusammenhang mit der Historienmalerei und immer von Historien;
malern ausgeübt, unterlag das Porträt auch den gleichen Bedingungen und
Ansprüchen. Nicht bloß farbiger Glanz, auch Stand und Würde samt allen
Attributen sollten Berücksichtigung finden.' Aus einem herben Figurenkontur
sollte nunmehr eine reiche Kompositron mit geschickter Flächenverteilung, mit
Raum* und Hintergrundpro*
blemen erstehen (Abb. 66).
Halbfiguren, Kniestücke wurs
den häufiger, bis endlich die
Vollfigur erschien. Waren
die Attribute Behelfe, Würde
und Charakter der darge*
stellten Person sichtbar zum
Ausdruck zu bringen, so
erwuchs für den echten Por*
trätmaler die neue Aufgabe,
diese Würde zu motivieren,
die Persönlichkeit auch
geistig herauszuholen. Viel*
fach aber tritt in Italien an
die Stelle scharfer Charakte*
ristik die Idealisierung. Ver*
langt auch Vasari die Wahr*
heit, so legt Lomazzo das
Hauptgewicht auf die gel*
stige Pose, auf das Ideal*
bildnis.-
Der im 16. Jahrhundert
einsetzende Umschwung, ob
nach der realistischen, idea*
len oder dekorativen Seite
hin, fand seine Begünsti*
gung inj" der allgemeinen
Anwendung derölmalerei,
in der technischen Beherrschung einer bequemen, jede Unterbrechung und
Fortsetzung gestattenden Malweise. Gerade das rasche Primavista* Erfassen der
Form und Persönlichkeit auf der Leinwand wurde eine Vorbedingung und der
Inbegriff aller Porträtkunst. Daher erscheint es seit dem Ende des 16. Jahr*
hunderts gegenüber den zahlreichen gemalten Porträts fast ausgeschlossen, her*
vorragende zeichnerische Vorarbeiten zu finden. Tizian, Tintoretto, Velazquez.
Rembrandt, Frans Hals' haben uns nichts oder kaum eine flüchtige Anlage
Kcpräscnta;
tionsbild.
Abb. 201. Van Dyck, Das ausgeführte Gemälde.
' Ein datiertes Porträt, dem Boccaccio Boccaccino zugeschrieben, von 1512 in den Vii'izkn
(1 Disegni d. Uff.. II. S.. III. f.. Nr. 7). ' Birch. 1 lirschleld. op. cit. S. 90
=» Neuerer Zeit versuchte Terey eine Zeichnung von F. Hals (Irankf. a. M.) lur em Buda.
pester Porträt vom Jahre 1634 festzustellen (Tcrey. Kunstmarkt XII. Nr. 38).
Ölbildnis.
464
Bildniszeichnung.
Heldenpose.
hinterlassen. Nicht einmal ein Karton war mehr vonnöten. Houbraken be*
richtet uns in der Schilderung des Besuches Van Dycks bei F. Hals anschau*
lieh über das direkte Malen auf der Leinwand.^ Nur Akademiker oder einzelne
Schulen gehen auch hier im Sinne einer Komposition vor, zeichnen einen Ge#
samtentwurf und eine genaue Kopfstudie, seltener Hände oder Kostüme. Von
Annibale Carracci oder Rubens haben wir mehrere ausgezeichnete in Natur*
große dargestellte Porträtköpfe in Kreide und Rötel. ^ Eben so wichtig für die
Vorbereitung waren die Pose (Abb. 57), kompositionelle Raumanlage, Archi*
tektur und allerlei Beiwerk
(Abb. 200, 201). 3 Darnach
arbeitete man auf der Lein*
wand unter Vornahme not*
wendiger Abänderungen und
fleißiger Benützung des Ma*
nichinos.
Die Modeforderung, Bild*
nisse dem Zwange reicher
Komposition unterzuordnen,
brachte es mit sich, daß man
selbst bürgerlich einfache Per*
sonen in eine prunkvolle
Umrahmung versetzte und
mit einem Dekor versah, der
ihnen nicht zukam. Man
schätzte die Modelle, nicht
ganz ohne Geschäftssinn und
mit Seitenblicken auf die
menschliche Eitelkeit, oft vom
Standpunkt ihrer Finanzen
ein. Lomazzo klagt, daß man
Kaufleute und Geldwechsler,
die niemals ein bloßes Schwert
gesehen haben und die man
tatsächlich nur im Geschäftsrock, mit der Feder hinter dem Ohr und das Kassen*
buch vor sich kenne, bewaffnet und mit dem Kommandostab in der Hand
darstefle; cosa veramenfe ridicula!* Diese Prunksucht zieht auch nach dem
Norden, in das Land der Bildnismalerei. Es stimmt so ganz zu Lomazzos Kri*
tik, wenn wir an die heldenhafte Pose des Herrn Willem van Heythuysen, des
simplen Tuchhändlers denken (Wien, Liechtenstein), die ihm der kunstfertige
Frans Hals verlieh.^ Wo die eigene Phantasie nicht ausreichte, mußten Stiche
Abb. 202. Com. Dusart, Der Bildnismaler.
' Houbraken, Schouburgh, S. 46.
'^ Z. B. Albertina: Buckingham, Susanne Fourment, sein Sohn Nicolas u. a. von Rubens
oder der Lautenspieler Masscheroni von Annibale Carracci.
' Tuschpinsel, Albertina, Inv. Nr. 13078 (ehemals Velazquez). Bild in Genua, Coli. Gal*
liera. — Meder. Zwei Handz. Van Dycks (Mitteil. d. Gesellsch. f. vervielf. Kunst 1911, S. 1).
* Trattato, p. 434. ^ y^ £ ^oes, F. Hals, franz. Ausg. Brüssel 1909, p. 47.
Bildniszeichnung.
465
oder Kopien nach geeigneten Originalen herhalten. Ein Teil holländischer
Maler mache es so, ohne zu beachten, ob die entlehnte Positur dem Charakter
des Gesichtes, Person und Stand entspreche, ja ob Körper und Kopf über*
haupt zusammenpasse. Finde man zwei hübsche Hände in einem fremden
Bilde, so werden dieselben sofort übernommen, ohne sich um die Wahrheit zu
kümmern, als ob es nicht kurze, dicke, grobe und vierkantige geben würde. ^
Com. Dusarts satyrische Zeichnung (Amsterdam) zeigt, wie auch der arm*
I t
I
%7^^n>' ^Uk^'^:
Abb. 203. Gerbrandt v. d. Eeckhout. Gruppenporträtskizze mit Zuschnittlinien.
seligste Maler seine einfältige Kundschaft mit Weisheit, Würde und einer
.schönen Hand' auszustatten wußte (Abb. 202).^
Der Zug ins Pompöse wächst namentlich in Frankreich im 17. und 18. Jahr*
hundert bei Standespersonen ins Ungeheure. Die das Ich erweiternden Hüllen
füllen die ganze Fläche. Draperien und prunkvolle Gewänder, Architekturen
und Landschaften müssen zusammenhelfen, die in der Mitte thronende Figur
eindringlich und in festlicher Stimmung vorzustellen.
^ Lairesse, Schilderbock II, 19.
^ Aus Moes, Handz. a. M., Amsterdam, Nr. 28, lavierte Tuschfeder. 23 X 184 cm.
(Verlag Hiersemann, Leipzig.)
Med er, Die Handzeichnung. 30
466
Bildniszeichnung.
Gruppen.- Unerläßlich war eine Vorzeichnung, wenn es sich um Gruppenporträts
porträts. (Familienbildnisse, Kompagnien, Schützenstücke und Anatomien) handelte.^ Die
Anordnung vieler Personen, die Verteilung derselben im Räume erforderte ein
zeichnerisches Ausproben. Die Holländer als Hauptvertreter des Gruppen*
porträts haben uns das Meiste hinterlassen. Bald finden wir in äußerst skizzen*
hafter Form (Feder oder Kreide) die Gesamtanlage (Abb. 203),^ bald Einzel*
Abb. 204. Dürer, Der Glastafelzeichner.
figuren in geklärter Auffassung und Haltung,^ bald wieder Teilstudien von
Köpfen und Händen.* Manche benötigten hiezu denselben Apparat wie zu
einem Historienbilde.
Vorarbeiten Zahlreicher als für Gemälde begegnen uns Porträtzeichnungen bei graphi*
für Graphik, sehen Aufgaben. Die schwierige, unfreie Führung von Messer und Stichel
' Alois Riegel, Das holländische Gruppenporträt (Jahrb. d. kh. S. d. Kh. 1902, XXIII).
' Albertina, Inv. Nr. 8821, ehemals unter Rembrandt. Nach Wurzbach Familienbild
bei Lemker in Kampen, «Die 6 Kinder von A. ToUing und Alida Janssen, bez. 1667.»
Lavierte Bisterfeder.
* Gruppierungsstudien zu den Staalmeesters in Rembrandts Handzeichnungen hsg. von
Preise. Lilienfeld u. Wichmann, Bd. I (Amsterdam), Nr. 24 u. Bd. II (Berlin) Nr. 91.
* Händestudien von G. Netscher, Amsterdam.
The Lady Ratclif.
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Abb. 205. Holbein d. J., Glastafelpause mit freier Ausführung. Windsor.
Bild
niszeic
hnung.
467
machte eine gute Vorzeichnung unerläßlich, nicht nur bei ausgesprochenen
Graphikern, sondern auch bei genialen Breitmalern wie \'an Dyck (Ikono*
graphie) oder Rembrandt. Nicht zu reden von den vielen Kupferstechern und
Radierern, die in der Herstellung gestochener Porträts nach eigenen Zeich*
nungen oder fremden Gemälden ihr schwer verdientes Brot suchten. Solche
in feiner Federtechnik oder mit scharf gespitzter Kreide und Rötel ausgeführte
Bildnisse finden wir allüberall in den Sammlungen (siehe Kupferstichzeichnung).
Wenn es einzelnen treffsicheren Radierern glückte, Porträts direkt auf der Platte
zu entwerfen und zu vollenden, waren es Ausnahmsfälle. Das heutige allgemein
verbreitete Primaschaffen mit der Kaltnadel kannte außer Rembrandt kaum ein
anderer. Eine bestimmte Gruppe von Porträtzeichnungen, fast alle im Profil,
bilden die bereits besprochenen Vorstudien der Medailleure.
Außer der direkten Naturzeichnung eines Bildnisses gab es allerlei Unter* Behelfe.
Stützungen und Behelfe zur rascheren Erlangung der die Ähnlichkeit bestimmen*
den Umrisse und Verhältnisse. Zur Förderung der kleinen
Porträtzeichnungen, wie sie uns bei Holbein d. J. in England,
bei Clouet und dessen Kreis, bei Ottavio Leoni und noch
manchem anderen in so auffallend großer Anzahl und in un*
gefähr gleich großem Format begegnen, scheint mir die Glas*
Scheibe, insbesondere in der von Dürer 1525 herausgegebe*
nen und dann allgemein verbreiteten Konstruktion, weit mehr
beigetragen zu haben, als allgemein angenommen wird (Ab*
bild. 204, 253 und Werkstattbehelfe). * Trotz der ablehnenden
Worte Dürers läßt sich die Vermutung nicht von der Hand
weisen, daß er den Apparat, mit dem er sich so vielfach be*
schäftigte, einmal selbst benützt hätte. In dem Porträt des Kar*
dinals Lang von Wellenburg (L. M. 548) erkennt man an den
zusammengelaufenen Tintenstrichen und der gebräunten Farbe,
daß es auf einem gefetteten Pauspapier (Oleat) gezeichnet
wurde, und aus dem Mangel an Pentimenten, daß nur eine
fertige Vorlage diese Bestimmtheit ermöglichen konnte. Es ist aber bei der
enormen Treffsicherheit Dürers unwahrscheinlich, daß er ein freihändig gezeich*
netes Porträt nochmals übertragen hätte. Wohl aber verlangte ein Glasnß
naturgemäß eine Pausierung.
Deutlicher weisen die englischen Bildnisse Holbeins auf zinnobergrundierten Holbein.
Blättern durch ihre Egalisierung hinsichdich Größe,- auffallende Bestimmt*
heit und Vereinfachung der Konturen auf die Glasscheibentechnik hin
(Abb. 205).^ Schon die an den toten, stellenweise auch ausgebliebenen Linien
sicher erkennbare Pausierung (siehe Ärmel und Hände) setzt eine Vorzeichnung
Abb. 206.
Glastafelapparat
von 1799.
' Aus «Unterweisung der Messung mit Zirkel und Richtscheid'), Ausg. 1525; B. 146.
Dürer beschäftigte sich nach der im Dresdner Ski::enbuch behndlichen Zeichnung 2u
dem Apparate schon 1514 mit dem Thema.
» So bei Ganz XV, 3-5; XVI. 4; XVII. 6.
' Aus Ganz XIX. 4. Windsor. Kreide auf roter Grundierung mit Farbenangaben.
297X20 cm. Verlag J. Bard, Berlin.
30»
Glas5
Scheiben«
apparat.
Dürer.
Die Trans=
parente.
46S
Bildniszeichnung.
voraus. Daß dies eher ein mechanisch erzeugter Umriß als eine freihändige
Naturstudie war, beweist die Gesamtführung so vieler gleichartiger Blätter, das
Schablonenhafte, Leere an Licht* und Schattenseiten, selbst wenn man von der
durch das Übertragen entstandenen Härte absieht. Erst nach der Aufpausierung
erfolgte die zeichnerische Ausgestaltung durch eine teilweise farbige Schattierung
und durch einzelne feste Federstriche in den Augen, Brauen, Nasenflügeln und
Lippen.^ Man vergleiche zur Klarstellung dieser Unterschiede eine mit der
Scheibe hergestellte Bildniszeichnung mit einem frei nach der Natur gezeichneten
Kopf desselben Meisters.
Der Glasrahmen fand in allen folgenden Jahrhunderten Verwendung. Seine
Spuren lassen sich noch in manchen Lehr* und Zeichenbüchern finden. Be*
Abb. 207. Der Netzrahmenzeichner. 17. Jahrh.
sonders instruktiv sind Fr. Chr. Müllers Büchlein: «Gebrauch der Transparente»
von 1776 und J. H. Meynier, die «Kunst zu Tuschen» 1799, die im Anschluß
an je eine Abbildung (Abb. 206, 253*) berichten, daß «die mehresten Pastell*
mahler, welche Köpfe von einer gewissen Größe mahlen, sich zur Aufzeich*
nung derselben Maschinen bedienen». Der Glastafelrahmen, mit einem Visier a
versehen, trägt eine Klemmschraube zur Befestigung an der Tischplatte. Das
Zeichnen erfolgte mit aus trockener Seife oder Kerzen (Unschlitt) geschnit*
tenen Stiften, einem Zeichenmittel, das sich tatsächlich bewährt.^ Andere über*
' Irrtümlicherweise werden in Beschreibungen diese so notwendigen Ausführungen
der flachen Pause als von fremder Hand herrührende, grobe Überarbeitungen aufgefaßt
(Ganz, Text zu XII, 7).
* Friedrich Christian Müller, Gebrauch der Transparente, Frankf. und Lpz. 1776, S. 34. —
J.H. Meynier, Die Kunst zu Tuschen, Leipzig, 1799, 8» mit 6 Kupfertafeln, S. 33f., Taf. I.
Bildniszeichnung. 469
spannten den Rahmen mit einem schwarzen Flor («Milchflor») und zeichneten
mit weißer Kreide die Konturen, welche dann, auf Leinwand oder Papier ge*
legt, mit Kohle nachgefahren wurden; der durchfallende Kohlenstaub er*
zeugte leichte Spuren von Linien.^
Daß man auch den Netzrahmen benützte, beweist eine Radierung aus dem Netzrahmen.
17. Jahrhundert von A. Bosse (Abb. 207) mit der Darstellung einer Sitzung
hinter dem Fadenrahmen, der ein herabhängendes Lot trägt; der Zeichner hat
eine gleiche Quadrierung in Kohle auf seinem Papier.^ Nach 1740 erscheint der
Apparat in der Neuausgabe der Nouvelle Methode von Ch. A. Jombert (PI. 70).
Von allgemeinem Nutzen war der Spiegel, am meisten wohl bei Selbst* Spiegel,
bildnissen.-' Eine bestimmte Haltung der Köpfe und die meist scharf heraus«
blickenden Augen lassen die Entstehungsweise mancher Blätter leicht erkennen.
Das Porträt des dreizehnjährigen Dürer, als Spiegelzeichnung bezeugt, gewährt
uns belehrende Anhaltspunkte für die Betrachtung ähnlicher Köpfe (Abb. 37).
Man kann sich wohl nichts Selbstverständlicheres vorstellen als ein Selbstpor?
trat, eine Art Selbstschau, ein Erproben des bereits Erworbenen und eine Re*
Vision der wandelbaren eigenen Erscheinung. Ursprünglich waren nur Konvex*
Spiegel in Verwendung, die gleichzeitig verkleinerten. In vereinzelten Fällen
wie bei Profilbildnissen sind wir genötigt, zwei Spiegel anzunehmen.^ Über
die Verwendung des Spiegels zum Zwecke der Korrektur beim Porträtieren
fremder Personen siehe: Werkstattbehelfe, Spiegel.
Zu minderen Porträtbehelfen gehörten die Kopfschablonen, deren sich die Kopf«
Miniaturzeichner bedienten. Man hielt, entsprechend den Prinzipien des Jean Schablonen.
Cousin, auf Kärtchen allerlei Kopfovale bereit, verschieden in Höhen* und Breiten*
Verhältnissen und mit der notwendigen Augen* und Naseneinteilung, die beim
Zeichnen nach dem jeweiligen Modelle unter das Elfenbeinblättchen gelegt wur*
den und schwache Zeichner vor groben Entgleisungen schützen sollten. Man
darf sich bei dieser Tatsache nicht wundern, wenn viele Porträtminiaturen, beson*
ders von Frauen, alles Individuellen entbehren und uns wie Typen erscheinen.^
Am meisten offenbart sich das Schablonenmäßige in den mandelförmigen Augen.
Weil Glas* und Netzrahmen vor allem gesicherte Hauptumrisse und richtige Silhouetten;
Verhältnisse ergaben, erleichterten sie besonders den Medailleuren, Miniatur* zeichnen,
und Silhouettenzeichnern die Herstellung der ProHlumrisse und fanden in
Frankreich und Deutschland eine fleißige Ausnützung, zumal im Schatten*
riß, der in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts seine Entwicklung und
Verbreitung fand.'' Schon in den fünfziger Jahren in Frankreich zur Mode
' Ibidem.
* Aus: E. Diederichs, Deutsches Leben d. Vergangenheit in Bildern, Atlas II, .\bb. 1260.
^ Giotto dipinse . . . . con ajuto di specchi se medesimo (Filippo V'illani, V'ite d' uo»
mini illustri fjorent., p. 81).
•* Für das Profilporträt des Simone Mcmmi nimmt V'asari (Mi). I. 25S) zwei Spiegel an
(con due specchi, ribattendo l'uno nell alho). — Über Burgkmairs Profil-Sclbstporträt in der
Hamburger Kunsthalle vgl. DörnhöHer, Über liurgkmair und Dürer (in Beiträge z. Kunst»
gesch., Wien 1903, S. 19 und T. III. Abb. 1).
* ConstantsViguier, op. cit. p. 74.
" Der Name wird wohl mit Unrecht mit jenem des französischen Finanzministers
Eticnnc de Silhouette (1709 — 1767) in \'crbindung gebracht. — Zur Literatur: (orscp, Die
470
Bildniszeichnung.
Lavater.
geworden, wanderte dieser bis ins Dilettantenhafte sich verlierende Bildniskultus
nach Deutschland, wo er durch Lavater sogar einen physiognomisch wissen*
schaftlichen Anstrich erhalten sollte. ^ Der Schattenriß ist uralt und beruht
auf der alltäglichen Beobachtung eines Schlagschattens auf lichter, glatter Fläche.
Schon die ahen Legenden von dem Lydier Gyges berichten von der zeichne*
rischen Ausnützung dieser Wandschatten und die antike Vasenmalerei machte
davon technisch ausgiebigen Gebrauch.
Ursprünglich frei aus der Hand gezeichnet, werden nach und nach alle
hieher gehörigen Behelfe, wie Velo, Quadratnetz, Glastafel, zur Unterstützung
Abb. 208. Der Silhouettenzeichner.
Nach Lavater um 1776.
Abb. 209. Silhouetten ^Apparat
mit Sessel, um 1780.
herangezogen. Lavater konstruiert sich einen eigenen Apparat und ist stolz auf
dessen Exaktheit. (Abb. 208). ^ Das Zeichnen erfolgte des Abends bei starkem
Kerzenlichte auf einer Papierfläche, die über eine Glasscheibe gespannt war.
Das Modell saß dicht hinter dem mit einem Kopfhalter versehenen Rahmen,
der sich auf* und niederschieben ließ. Man konstruierte sich sogar Sessel, die
in Verbindung mit einem Rahmen standen (Abb. 209).^
Silhouette, Lpz. 1899. — A. Kippenberg, Die Silhouette; in: Deutsches Barock und Rococo,
hsg. von Georg Biermann. Lpz. 1914, S. LXVII-LXIX.
' Charlotte Steinbrucker, Lavaters physiognomische Fragmente im Verhältnis zur Kunst,
Berlin 1915: Die Silhouette, S. 165-187; über das Zeichnen und Stechen derselben S. 195-199.
* Aus Lavaters Physiognomische Fragmente. Lpz. 1776, II. S. 93.
' Aus Deutsches Leben der Vergangenheit in Bildern, E. Diederichs. Jena 1908, II.
Abb. 1759; Stich von J. R. Schellenberg um 1780.
Die Landschaftszeichnung.
--5- ^ Ä»»^^^«=^ Allgemeines. Es GnAFd
ist eine bemerkenswerte Tat* ""'^ Pinsel.
Sache, daß die sonst mit den
'S^i^^^S^ ^^^^^■BI^^^J^H& a^ Entwicklungsphasen der Ma*
^^^ ^" ^^B» 'SaB^a**BB ;■«! igj.gj schritthahende Zeich«
nung gerade der Landschaft
gegenüberlange zurückblieb.
Auf keinem Gebiete hatte
der Griffel soviel vom Pins
sei zu lernen als hier und
erst seine malerische Schu*
lung ermöglichte eine male«
rische Landschaftszeichnung.
Kolorismus und lineare Fors
men standen sich in ihrer
natürlichen Gegensätzlich«
keit fast unvereinbar gegen*
über. Allezeit lebte die land*
schaftliche Vorstellung in
der Künstlerseele als farbige
Erscheinung, als koloristi«
scher Reiz. Ohne daß man
letzteren jemals auszuschal«
ten vermochte, bei den grif«
feimäßigen Versuchen mußte man verzichten und sich mit dünnen, abstrakten
Gerüsten begnügen. Aber auch hier trat die Farbe als freundliche Begleiterin
heran. Man illuminierte den schmalen Bodenstreifen, Bäume und Berge und
gab das Stoffliche von Stamm und Krone, Berg und Felsen an. Und machte
sich auch eines Tages eine Art Selbständigkeit, ein Landschaftsgebilde als Illu«
stration, Holzschnitt oder Stich bemerkbar, das schwere Ringen bleibt erkenntlich.'
Welche Anstrengungen Wolf Hubers um 1530, mit der Feder das Strahlende Form
der auf« und untergehenden Sonne darzustellen, gegenüber den schon vorher und Farbe,
glücklich gelösten farbigen Versuchen Dürers!- Andauernde Hemmnisse lagen
auch darin, daß eine sich zeichnerisch aussprechende Landschaft alle Wege der
Überleitung zur Tiefe nur beschränkt und mit Anwendung von Gewaltmitteln
anzubahnen vermochte. Statt der farbigen Übergänge hatte man blol^ harte
Abb. 210. Salvatore Rosa, Waldeinsamkeit.
' Kämmerer, Die Landschaft in der deutschen Kunst, Bcitr. z. Kunslg., N. F. IV, S. 27.
* London, L. 210.
472
Landschaftszeichnung.
Schattierungsstufen, deren richtige Wertung vieler Erfahrungen bedurfte, oder
auffallend gegensätzliche Größenverhältnisse vorn aufgestellter Kulissen oder
Baumstämme (Abb. 220). Im Bilde vollzog sich das leicht und rasch, alles
Organische erhielt durch den Pinsel Körper, Raum, Verbindung, Blut und
Leben.
Darin liegt das Schwierige unserer Aufgabe, die Landschaftszeichnung —
insbesondere für den Beginn — losgelöst vom Bilde einer Betrachtung unter*
ziehen zu wollen. Trotzdem mußte der Versuch unternommen werden, die
technische Entwicklung, d. i. die organische Zusammengehörigkeit der Glieder,
deren Aufbau nach vorn und rückwärts, Symmetrie, Proportion und malerische
Erscheinung auch in dem Zeichnungsbestande aufzusuchen; freilich im steten
Anschluß an die gemalten Landschaften der Zeit selbst. Das allmähliche Auf?
tauchen gewisser Probleme wie Licht*, Farben* und Stimmungseffekte konnte
nur aus den Malweisen heraus beobachtet werden.
Im ganzen 15. Jahrhundert und noch in das 16. hinein gab es keinen
wesentlichen Unterschied zwischen figuralem und landschaftlichem Kompo*
nieren, weil letzteres nur die Ergänzung des ersteren bildete. In der Bild*
Zeichnung erfolgte die Zurichtung landschaftlicher Motive nach Größe und
Bedarf und in der Tafel die farbige Umformung, Ausstattung mit tonigem
Licht* und Luftschimmer nach gedächtnismäßig verarbeiteten Impressionen, nach
der Phantasie. Alle Rückschlüsse innerhalb des Naturstudiums weisen zunächst
Veduten, auf ein zeichnerisches Notieren von Veduten, Städten und Schlössern hin.
In altflandrischen Bildnissen zeigt der Hintergrund Privatbauten der Dar*
gestellten.^ Die , Grandes Heures' des Herzogs von Berry, das ,Livre d'Heures'
des Ludwig von Savoyen enthalten Städteansichten. ^ Die ländliche Umgebung
des Malers oder der Besteller wurde in die religiösen Darstellungen über*
nommen. Im Fischzug des Konrad Witz vom Jahre 1444 zeigt der Hinter*
grund den Genfersee. Gerade diese bereits von einem Lokalton durchdrungene
Landschaft mit örtlichen Spiegelungen des Wassers läßt sogar eine aquarellierte
Studie voraussetzen. Dürers farbige Landschaften aus seiner Venediger Reise,
gleichfalls Ansichten, dürften uns daher nicht als eine Entdeckung erscheinen.
Als Unter allen Vorarbeiten zu einem Bilde war die Landschaftsskizze wohl der
Füllstück, bescheidenste, aber dehnbarste Bestandteil, weil Füllmaterial des Hintergrundes;
noch den vorherrschenden Farbenwerten zuliebe erfolgten jederzeit Umfor*
mungen. Daher auch die anfängliche Geringschätzung derartiger Studien bei
Mangel Künstlern und Sammlern und die Seltenheit früher Blätter. Alle Regeln, hervor*
an Regeln, gegangen aus vielen Einzelbeobachtungen, entwickelten sich in der Werkstatt
selbst und entziehen sich in ihrer lokalen oder zeitlichen Aufeinanderfolge
unserer Kontrolle. Wir können sie nur da oder dort als bereits fertig an*
gewandt konstatieren und auch nur an zufällig erhaltenen Beispielen. Sobald
sie theoretisch ausgesprochen werden, sind es abgeschlossene Entwicklungen.
Wenn Leonardo z. B. sagte, die Bäume solle man halb beleuchtet und halb
beschattet darstellen und daß es das beste sei, sie zu machen, wenn Wolken
' Kämmerer, op. cit., S. 53.
* J. Gramm, Die ideale Landschaft, ihre Entstehung und Entwicklung. Freiburg i. B. 1912
Landschaftszeichnung. 473
die Sonne bedecken [also bei zerstreutem Licht], so war diese Regel für den
Maler, nicht für den Zeichner niedergeschrieben (§ 91). Auch sonst lernen
wir in den Trattaten kaum praktische Ratschläge kennen. Immer läuft alles
auf Theorie und Ästhetik hinaus oder wie bei Lomazzo auf Selbstverständlich*
keiten. Feinere Beobachtungen, wie jene, daß jeder Baum je nach seiner Art
vom Winde bewegt werde, sind äußerst selten (Lomazzo, p. 185).
Die Entstehung des gemalten selbständigen Landschaftsbildes fällt in Selbständige
den Beginn des 16. Jahrhunderts. Wenn der heutige Bilderbestand als Orien* Landschaft,
tierung dienen darf, so müssen für Deutschland Altdorfer (München), für
die Niederlande Patinir (Berlin), für Italien Tizian (Buckingham Palace)
als Bahnbrecher genannt werden. Scheinbar unabhängig voneinander und doch
unter zeitlich gemeinschaftlichen Einflüssen stehend, vollzog sich die Vollendung
an drei verschiedenen Orten kurz nacheinander. Als Dürer Joachim Patinir
1521 in den Niederlanden kennen lernte, ward letzterer schon als ,der gut
Landschaftsmaler' bezeichnet.^ Die Altdorfers fällt um 1532- und der Tizian
zugeschriebene «Sturm» etwas später.^
Vorausgegangen war die deutsche graphische Landschaft in Holzschnitten, Lineare
Stichen und Radierungen, in denen die Naturschilderung bald das Figürliche Landschaft,
überwucherte und eines Tages völlig unterdrückte. Dürers radierte Kanone
(B. 99) bildet einen solchen Übergang. Durch die bald darauf, besonders in
Italien erstehende lebhafte Nachfrage nach landschaftlichen Bildern wurde die
Produktion derartiger graphischer Blätter nicht wenig gefördert. Altdorfers Vcr*
suche mit der Radiernadel waren im ersten Drittel des 16. Jahrhunderts erschien
nen (Abb. 220), um die Mitte jene Lautensacks und Hirschvogels; um 1554
bis 1558 jene Serie der großen Landschaften von H. Cock nach P. Brueghel.
Vasari schreibt 1547 an Bened. Varchi, daß jede Schuhflickerbude deutsche Land*
schalten enthalte, dorthin gebracht ob ihrer Anmut und perspektivischen Wir*
kung."* Weil die graphische Landschalt, immer hervorgegangen aus vor der
Natur entstandenen Zeichnungen, die farbige Räumlichkeit eines Bildes mit
eigenen Mitteln zu ersetzen hatte, baute sie sich auch wesentlich verschieden
auf. Sie suchte nach geschickt gewählten Ausschnitten, die wenig kompo* Ausschnitt,
sitionelles Hinzutun erheischten und technische Schwierigkeiten wie z. B. massige
Baumkronen sorgfältig vermieden. Das Hereinragen von Geäst in die Bild*
fläche, das Abschneiden der Baumstämme durch den oberen Rand hatte gleich*
zeitig das Räumliche zu vermitteln. Schon in Dürers frühen Holzschnitten der
Apokalypse, in seinen Stichen wie Adam und Eva erscheint dieser Weg wcid*
lieh ausgenützt (Abb. 236, 131). In Bildern wird der Ausschnitt erst später be*
achtet, so bei P. Brill um 1590.''
' Lange u. Fuhse, S. 160, 16.
' J. M. Friedländer, Albrecht Altdorfer, der Maler von Regensburg. S. 117 f. (Beiträge
z. Kunstgesch.. N. F. 13, 1S91).
^ Crowe u. Cavalcaselle. Titian, His Life and Times. London 1S77. Die Frage, ob
diese Landschaft auch tatsächlich von seiner Hand herrührt, spricht nicht gegen die Zeit.
* Guhl, Künstlerbriefe I, 426. — Über das Sammeln nordischer Landschaften in Italien
siehe: Jacob Burckhardt, Beiträge, S. 323 fl.
* A. Mayer. Matthias und Faul Brill (Kunsthist. Monogr. Xl\'. S. 2S).
474
Landschaftszeichnung.
Übergang
ins
Malerische.
Einteilung.
Das rastlose Streben des Zeichners, dem Maler hinsichtlich farbiger Raums:
erfassung und Atmosphäre nachzufolgen und entsprechende Tonwerte einzu*
führen, streng konturierte Formen in räumlich locker wirkende Massen auf*
zulösen, Papierhelligkeiten für Lichtfragen auszunützen, führten schrittweise zur
weiteren technischen Vervollkommnung (Abb. 211).^ Man abstrahierte alle
farbigen Unterschiede und übertrug sie ins Monochrome. Alle Flächen ver?
loren ihre scharfen Umrisse, das Einzelne seine Bedeutung und verschmolz
mit dem Ganzen.^ Zum Kunstwerk gelangte man allerdings erst dann, als das
von einer Beseelung getragene Abbild Gefühl und Stimmung des Künstlers
zum Ausdruck brachte, wie sie ihn vor der Natur erfaßt hatten.
Die folgende Einteilung der Landschaften in drei sich zeitlich aneinander?
reihende Hauptgruppen basiert auf Wahl, Aufbau und Inhalt der Landschafts;:
glieder und auf deren bald mehr durch die Phantasie, bald mehr durch ein
Abb. 211. A. Elsheimer, Landschaft in malerischer Technik.
Naturstudium bestimmte Ausdrucksweise. Die erste charakterisiert sich einmal
Epische durch die naive Überfülle des Inhalts, Erweiterung des Gesichtsfeldes bis fast
Landschaft, an den oberen Rand, Anhäufung zahlloser Einzelerscheinungen aus dem Tier?
und Pflanzenleben, Staffagenreichtum biblischer, mythologischer oder episodi?
scher Natur neben und hinter der großfigurigen Hauptdarstellung. Das Auge
wird von Anregung zu Anregung, zu genußreichen Entdeckungen geführt. Die
sich friedlich, d. h. ohne Gegensätze auslebende Empfindung darf in harmloser
Freude die künstlich vermehrte Natur genießen, lauter Erinnerungsbilder aus
dem Schatze der Künstlerphantasie. Ein typisches Beispiel einer epischen
Landschaft bietet Dürers Madonna mit den Tieren in der Albertina (L. M. 460).
Vorder* und Hintergrund wird dieselbe Ausführung zuteil, alle im Gesichts?
felde liegenden Objekte erscheinen in gleicher Schärfe und fast mit gleicher
Federstärke behandelt. Atmosphärische Stimmungen spielen nur eine Rolle,
soweit sie inhaltliche Forderungen sind.
Dekorative Mit dem Selbständigwerden der Landschaft tritt auch eine Verschiebung von
Landschaft. Inhalt, Charakter und Anlage ein. Sie hat nicht mehr eine Begebenheit zu
' Frankfurt a. M., Städelsches Institut, Inv. Nr. 5844, Feder und Pinsel.
* Wölfflin, Kunstgesch. Grundbegriffe, S. 43.
Landschaftszeichnung.
475
erweitern, sonciem will nur dekorativ sein. Es kommt ihr nicht mehr auf das
Wieviel an, sondern auf das Wie. Der Aufbau zeigt innerhalb der Bildfläche
jegliche Art von Berechnung und stellt ausgesucht wirkende Kompositions*
glieder nach Symmetrie und Harmonie zusammen, trennt durch Schatten* und
Lichtgegensätze und verbindet durch farbige Stimmung. Der hohe Horizont
verschwindet. Die Auswahl des Details erfolgt nach dekorativen Gesichts*
punkten, die Natur wird bildmäßig verschönert und bereichert, nach dem
schönen Scheine, nicht nach Wirklichkeit. Was dazu diente, war willkommen.
Architekturen, Ruinen, antike Reste, Stadt* und Hafenansichten, alte Stadtmauern
und Viadukte, Wasserfälle,
mächtige Felsenformationen,
Baumgruppen werden zu
Prospekten vereinigt und
durch einen vorherrschen*
den Wolken* oder Sonnen*
effekt, Gewitter und Regen*
bogen zur Stimmung ge*
bracht (Abb. 107). Spuren
epischen Beiwerkes wie Raub*
vögel, die kleineres Getier
verfolgen, laufen noch neben
dem reichen Staffageleben
einher. Liegen hier Natur*
Studien zugrunde, so werden
sie nur auszugsweise be*
nützt. Man entnimmt das
dekorativ Wirksamste und
stellt es, vereinfacht, aber
konturmäßig gesteigert, stili*
siert, an die richtige Stelle.
Die dekorative Landschaft
hat sich seit dem Cinque*
cento durch alle Jahrhunderte und bei allen Nationen behauptet. Sie trug den
wechselnden Geschmacksrichtungen aller dichterisch gestimmten Zeitperioden
Rechnung und führte die verschiedensten Bezeichnungen. Ihre allgemeine Be«
nennung mit Ideallandschaft findet noch allerlei zeitliche Ausdrucksweisen,
wie elegische, pastorale, idyllische, poetische, heroische und romantische.'
Die realistische Landschaft ist die Frucht unmittelbarsten und intensivsten
Naturstudiums. Sie verzichtet auf den Schein und sucht die Wahrheit, ein
Stück Natur, einen Ausschnitt, um denselben, ohne viel hinzuzufügen, wohl
abgestimmt im Bilde zu verwenden: das Momentane, Zufällige, Individuelle und
Stofflich*Interessante. Diese Ausschnitte bisher ferne gelegener Winkel zeigen,
ob gezeichnet, radiert oder gemalt, eine Vertrautheit mit der Natur und deren
endlosen Erscheinungsformen, die mit einem Male vor keiner Schwierigkeit mehr
Rodler.
Abb. 212.
Landschaftszeichnen mit Fensternetz.
Realistische
I.andschah.
' Joseph Gramm, Die Ideallandschaft, S. 15 ff.
476
Landschaftszeichnung.
ichablonen;
landschaft.
zurückschreckt. Hervorragende Landschafter gehen auf Entdeckungen aus und
überraschen mit neuen Stimmungen (Abb. 210).^ Es sind nicht mehr Kombi*
nationen, landschaftUch unmögHche Zusammenstellungen, sondern durch keckes
und frisches Zufassen organisch entstandene Bilder. Aber schon die Auswahl
des Ausschnittes ist, wie die Zeichnungen dieser Richtung beweisen, bereits
künstlerisch erschaut. Die
Gesetze vertikaler oder hori*
zontaler Wirkung, des Mas?
senrhythmus' innerhalb der
Bildfläche werden erwogen
und zeichnerisch ausgenützt,
können aber im Bilde noch
ein Verschieben und Ver#
einfachen zugunsten kolori«
stischer und harmonischer
Absichten erfahren. Hier
spielt das große Material
der holländischen Zeichnun*
gen des 17. Jahrhunderts
eine Hauptrolle (Abb. 217
und 218).
Jeder dieser Perioden —
besonders der zweiten —
folgte der Manierismus,
die Nachahmung guter Vor*
bilder mit schlecht erlernten,
erborgten oder konstruierten
Formen, ohne Temperament
und Empfindung. «Außer
etwas Baumzeichnen, richti*
ger Baumschlag, ist nicht
mehr viel von der Natur
von nöthen.» Nach dem Re*
zepte des Akademieprofes*
sors J. Dan. Preisler in Nürnberg lassen sich aus einer Landschaft mit Tempeln,
Ruinen, Säulen, Wasserfällen, Bauernhütten, Gräbern, Aschenkrügen immer
wieder neue bilden.^
Abb. 213.
Landschaftszeichnen mit schwarzem Konvexspiegel.
Glasscheibe.
Fadens
rahmen.
Uen Schwierigkeiten landschaftlichen Naturzeichnens suchte man frühzeitig
mit allerlei erleichternden Behelfen zu begegnen. Schon Leonardo hatte die Glas*
Scheibe {un vefro grande, § 90) empfohlen, um Ortlichkeiten genau zu zeichnen.
Später kam der Fadenrahmen in Gebrauch. Man kannte deren für die
' Albertina, Inv. Nr. 20671. Lavierte Feder, auf der Rückseite ein undatierter Brief.
^ Volkmann, Naturprodukt u. Kunstwerk, S. 6. — J. D. Preisler, Gründliche Anleitung,
welcher man sich im Nachzeichnen schöner Landschaften oder Prospekten bedienen kann.
[Nürnberg 1766.]
Landschaftszeichnung.
477
Wanderschaft, aber auch für den Werkstattgebrauch (Abb. 212). Kaum aber
waren es die besseren Talente, die sich derselben bedienten.'
Die harte Bestimmtheit vieler Umrisse scheint ihre Entstehung nicht immer
der Absicht einer klaren Zeichnung, sondern häufig der Verwendung von
Hilfsapparaten zu verdanken. Geschickt und für Künstler verwendbar waren
die bei Lairesse und Descamps beschriebenen Konvexspiegel, die in Nürn*
berg verkauft wurden. Kreisförmige Spiegel, von einem Fuß im Durchmesser,
welche man an dem Deckel der aufgeschlagenen Zeichenmappe befestigte und
aus denen man leicht das verkleinerte Spiegelbild, besonders von Bäumen, zu
zeichnen vermochte. Der Maler saß naturgemäß mit dem Rücken gegen die
Landschaft.^ Vorteilhafter erschien deren Wirkung, als man — wie noch heute
— schwarze Konvexgläser verwendete, in wel#
chen sich die farbige Natur fast monochrom
widerspiegelt. Abbildung 213 zeigt Format und
die Art der Anwendung in freier Natur. Der
Camera obscura soll an anderer Stelle gedacht
werden (Abb. 257). Neuerer Zeit bedient man
sich, doch mit geringem Erfolg, etwa nur, um
mit dem Stifte einige Notizen zu machen, eines
an einer verschiebbaren Verlängerung befind«
liehen, drehbaren Glasprismas, genannt Ca*
mera lucida (Abb. 214), die indes wegen ihres
lichtarmen Bildes nur eine geteilte Aufnahme
gefunden hat.
Das große, breite Thema der Landschafts*
Zeichnung bedürfte nach diesen Gesichtspunkt
ten weit mehr als eines dem Rahmen dieses Fiandbuches entsprechenden Ka*
pitels und wartet, als ein wichtiger Teil landschaftlicher Entwicklungsgeschichte,
einer restlosen Durcharbeitung. Indes darf erst dann von einer allseitigen In*
angriffnahme gesprochen werden, wenn der zeichnerische Bestand, mögHchst
vollständig und kritisch, für alle Schulen publiziert, zum Vergleiche bereit
liegen wird. Hat man auch für einzelne Meister wie z. B. für Dürer, Tizian
und Campagnola, P. Brueghel die Zeichnungen berücksichtigt und deren gra*
phische Arbeiten für die lineare Ausgestaltung als wichtig erkannt, so konnten
dies nur Versuche bedeuten, Rechenproben für einzelne Posten, aber nicht
für die Gesamtführung aller Landschaftskunst.
Technischer Aufbau.
Die ungezählten landschaftlichen Elemente organisch, kunst* und bildgemäß
zu vereinen, war eine geduldsame Aufgabe, an deren Lösung sich Jahrhundertc
' Und so du Landschafften durch eyn fenster abconterfccten wiUt und vff cyn papicr
oder sunst bringen willt: So laß dir eyn rame machen, die die grosse des Fensters bcgrelH.
die theyl mit dem zirckcl inn gerade oder vngerade thcyl ab, und sovil thoyl du inn der
ramen hest, also vil thcyl mach vff das papicr (Rodler. Underweisung 1531, toi." A III;
Abbildung auf fol.° i"-) 11, verso).
'^ Lairesse, Schilderboek II, p. 155. - Descamps II. 218.
Abb. 214. Camera lucida.
Konvex«
Spiegel.
V
Schwarze
Spiegel.
Camera
obscura.
Camera
lucida.
Thema der
Landschaftss
Zeichnung.
Primitive
Funktionen.
478
Landschaftszeichnung.
Unter;
geordnete
und selb;
ständige
Landschaft.
Baugesetze.
abmühten. Solange man die landschafthche Ausstattung bühnenmäßig ganz
nach Bedarf der Darstellung dicht hinter den Figuren aufstellte, ohne Zu*
sammenhang und Gesetz, einen Plan für die Agierenden und eine Hinter?
wand zur Lokalbezeichnung, erfolgte alles nach allgemeinen Eindrücken. Man
benötigte keine zeichnerische Vorarbeit, schloß den Hintergrund mit sanften
Wellenlinien ab oder umfuhr die Figuren willkürlich mit steilen Bergkonturen.
Die Größenmaße der darstellenden und landschaftlichen Glieder traten noch in
kein Verhältnis; Tempel, Innenräume, Bäumchen, Felsen umstanden wie Spiel*
zeug die Handlung. Je mehr die Freude am Detail wuchs, desto mehr erfolgte
ein kunstloses Anhäufen von Naturgebilden, zumal in Darstellungen mit ver#
schiedenartigen neben* und hintereinander sich abspielenden Szenen derselben
Legende. Passionsbegebenheiten oder jene aus dem Leben eines Heiligen
lieferten gewaltsam zusammengebaute Gelände. Erst mit der nach Kunstregeln
entwickelten und gegliederten Historie erhielt auch der landschaftliche Part
seinen entsprechenden Anteil proportionaler Dekorative und Raumwirkung
zugemessen, der sich in dem Maße organisch erweiterte, als gründliche Natur*
Studien hinzutraten.
Während sich in der Storia die Darstellung meist im ersten oder zweiten
Plane abspielte, das Breitfigurale allein Flächen gliedernd und füllend vor*
herrschte und alle Proportions* und Symmetriegesetze zum Ausdrucke brachte,
Architekturen und landschaftliche Szenerien dagegen nur orientierten (Abb. 111),
stellte sich bei der zur Selbständigkeit heranwachsenden Landschaft das
Umgekehrte ein: die kleinen, zur Staffage herabgesunkenen figürlichen Begeben*
heiten traten beiseite und die Naturschilderungen übernahmen unter Bei*
behaltung der alten Kompositionsgesetze die Raum* und Flächengliederung.
Die selbständige Landschaft unterlag auch dann noch dem Zwang traditioneller
Kompositionsweise, als sich bereits ein starker Realismus die Motive beschafft
und Schwierigkeiten aller Art mitgebracht hatte. Der strenge Organismus, wie
ihn die Natur bot, erheischte erst recht ein kluges Vermitteln zwischen Wirk*
lichkeit und Flächenzuschnitt. Und so hörte das Ringen nach einem har*
monischen Ausgleich nie auf, weil sich außerdem das zeitliche und persönliche
Erschauen mit den Gesetzen abzufinden hatte.
Das Kunstganze einer gemalten Landschaft vermag den Betrachter zwar
über die Entstehungsweise, über das angewandte Naturstudium, Behandlung
einzelner Raum* und Formelemente hinwegzutäuschen, weil er befangen von
dem Zauber einer lokalen oder farbigen Stimmung nicht mehr das Beschränkende
zu erkennen vermag, unter dem das Werk entstand, allein die Bauschwierig*
keiten waren nichtsdestoweniger vorhanden. Zeichnungen alter Meister führen
als frühe Vorstufen hier eher in den Werdegang ein und lassen das allmähliche
Emporsteigen, die Mittel und Wege Einzelner, das Abfinden mit dieser und
jener Regel leichter erkennen. Diesen alten Zeugnissen in allen Landen und
Schulen nachzuspüren, lohnt der Mühe. Im engen Rahmen unserer Aufgabe
obliegt es indes nur, das allgemein Gesetzmäßige und Typische, das rein
Technische und Schematische hervorzuheben, das zeichnerische Gerüste
herauszuholen, wie es beim Erschauen und Nachbilden und endlich während
der Vorarbeiten allmählich in Erscheinung trat. Eine historische Abfolge der
Landschaftszeichnung.
479
Gesetze selbst geben zu wollen, d. h. inwieweit sich das eine oder andere im
Zeitenlauf als Kompositionsnorm deutlich machte, ist zur Stunde nicht denkbar,
da sie nicht einmal in historischen Darstellungen zeitlich oder schulmäßig fest*
gelegt sind. Leichter- lassen sich große stilistische Gruppen für die einzelnen
Perioden zusammenfassen. Das Zusammenwirken konstanter, aber unbewußt
mittuender physiologischer Vorgänge, wie die körperliche Empfindung des
Gleichgewichtes (Horizontalbetonung), Behagen oder Unbehagen der Augen*
muskeln bei Schrägen, zeitUche psychische Zustände, Stimmungen und An*
schauungen oder technische Erfahrungen, Vereinfachungen im Erfassen (Ab?
straktionen), das alles mag sich in unzählbaren Kombinationen geäußert haben.
Abb. 215. Jan v. d. Velde. Landschaft mit Horizontalglicderung.
Vom Gesichtspunkt der Entwicklung sind Flächen* und Raumgliederung, Flächen;
weil nacheinander entstanden, strenge zu trennen. Erst allmählich unterstützen und Raum=
sie sich gegenseitig, wobei bald die eine, bald die andere prävaliert. Zur Zeit gliederung.
hoher landschaftlicher Stufen helfen beide derart zusammen, daß sie ihren
Wirkungen nach kaum voneinander unterschieden werden können, denn sie
sind beide zu Gehilfen des Kolorismus geworden.
Das Gleichgewicht, die oberste Norm der Architektur und Bildkompo* Gleich-
sition, durchdrang in nicht geringerem Maße als strenge Forderung die Lands gewicht.
Schaftszeichnung. Den fundamentalsten Ausdruck desselben bedeutete die
Wagrechte, welche die wogenden Breiten und Höhenmassen durch eine be*
stimmte Lagerung zum Stillstände brachte. Schon der untere Rand gab als mar*
kante Linie die Vorstellung horizontaler Bodenfestigkeit, die sich im X'order*
und Mittelgrunde noch vielfach wiederholte und verstärkte, bis zum lernen
Horizont und selbst bis in die Wolkenschichten hinein (Abb. 215,' 312 und
' Albertina, Inv. Nr. 8083. Feder. Ausschnitt.
480
Landschaftszeichnung.
219, Nr. 1,2, 3). Am deuthchsten stellt sich die Hervorhebung der Horizontalen
in ovalen oder kreisrunden Formaten ein und wird durch gerad aufstrebende
Bäume oder Architekturen noch gefördert.^
Horizont. Ein wesentliches Regulativ der wagrechten Schichtungen ist der Horizont
selbst, ob als auslaufende Ebene oder von Bergen überragt aufgefaßt. Seine
Lage wechselt im Vierecke mit der zeitlichen Entwicklung und mit dem Inhalt.
Im allgemeinen läßt sich beobachten, daß er ursprünglich in dem knapp über
dem Bildrand sich erstreckenden Bodenstreifen lag (Abb. 279) ^ und im 14. Jahr*
hundert bereits bis an den oberen Rand reichen konnte. Die noch nicht er*
loschene Tradition, das Hintereinander durch ein Übereinander darzustellen,
die Freude an dem Epischen, über die Figurenköpfe hinaus noch allerlei Bei*
werk anzubringen, führten zu dieser Flächenfüllung (Abb. 235). Ein berühmtes
Beispiel bildet Pisanellos Hubertusbild (London). Aber soviel man auch in
den Hintergrund hinein erzählte, man schuf doch nur eine blickhemmende
Hochwand. Trat auch im Quattrocento infolge der perspektivischen Erkenntnisse
und besserer kompositioneller Verbindung von Raum und Handlung bereits
ein Herabsinken ein, so gab die Erzählerlust im Süden und Norden noch
allerlei Anlaß zu Hemmungen. Man suchte wie Leonardo, Brueghel (Abb. 228,
239) den hohen Horizont durch hochgewählte Standpunkte, die einen erweis
terten Ausblick ergeben sollten, zu motivieren. Als die selbständige Land*
Schaft eintrat, konnte er sich bereits mit einem Drittel der Höhe begnügen
(Altdorfer). Die tiefste Lage fand er in holländischen Niederungs* oder See*
landschaften, wo er im untersten Viertel, selbst Siebentel, lag. (Van Goyen,
A. Cuyp, Everdingen, Bakhuysen, R. Zeeman.)^
Vertikale. Die Wagrechte gegensätzlich verstärkend, treten in Bauwerken, Baumstämmen,
Schiffen und stehenden Figuren die Vertikalen als das Gelände befestigende
Faktoren hinzu. Das Betonen der einen und anderen Richtung steht im gegen«
seitigen umgekehrten Verhältnisse. Eine nur darf dominieren (Abb. 312). Ein
gleichmäßiges Hervorkehren beider Gleichgewichtsmomente führt zur Ver*
nichtung des landschaftlichen Organismus und gestaltet die Natur zu einem
geometrischen Gebilde. Vorherrschend erscheint das vertikale Prinzip in Hoch*
formaten, wo große Objekte wie Architekturen, Ruinen, Felsen und Gebäume
dicht an den Vorderrand herantreten (Abb. 221). Sowie die betonten Horizon*
talen (Niederungen, breite Flußtäler, Seen und Meere) die Vorstellung der
Raumbreite, Raumbreite vermitteln, so steigern geradlinig aufsteigende Glieder jene der
Raumhöhe. Raumhöhe. Schwankende, unklare Wirkungen finden ihren sicheren und ein*
deutigen Abschluß in den Umfassungslinien der Zeichnung (Abb. 230, 232),
selbst im Blattrand, im Gemälde durch die kräftigen Rahmenleisten, wodurch
das Gleichgewicht äußerlich nochmals festgelegt und der Ausschnitt seine fein
abgewogenen Maße erhält. War dagegen eine bestimmte Bildform gegeben
oder gar eine ovale oder lünettenartige, dann hatte sich der Inhalt den Breiten*
und Höhenmaßen unterzuordnen.
' Schon in kreisförmigen Vasenbildern war dies Prinzip klar. (Bulle, Der schöne Mensch
im Altertum, I. Serie, I. Bd., Sp. 620, Abb. 190 u. 191).
^ Kämmerer, op. cit., S. 27.
' Bei Jan Porcellis selbst bis auf zwei Neuntel.
Landschaftszeichnung.
481
So wie die rehgiösen Tafelbilder inmitten der Kapellennischen dem Zwange Symmetri
der umgebenden Architektur folgten und sich symmetrisch einreihten, so war
die landschaftliche Symmetrie wieder eine Konsequenz der Bildgesetze. Die
Anordnung der Flächenschichten parallel zum Bildrand erleichterte den gleich*
mäßigen Aufbau, die Verteilung der landschaftlichen Glieder nach beiden Seiten
hin und in abstufender Weise selbst in die Tiefe hinein gleich den Heiligen*
figuren. In den Tafelbildern erscheint die proportionale Gruppierung der Natur*
bestandteile um den figuralen Mittelpunkt ausgeprägter als in Fresken, wo sich
rie.
Abb. 216. Claude Lorrain. Römische Landschaft mit betonter Mitte.
die Fesseln lockern, und der symmetrische Zuschnitt der Natur bleibt immer er*
kennbar. Erst in der venezianischen Landschaft, und wir denken hier noch
nicht an die asymmetrische, beginnt eine freiere natürliche Anordnung aller
Glieder und Gelenke, wenngleich die Symmetrie, kaum bemerkbar und doch
vorhanden, auch hier eine ideelle Mitte anstrebt.
Die vor der Natur entstandene Landschaftszeichnung nimmt bereits auf diese
Tradition Rücksicht und ordnet die Hauptglieder derart an, daß sie entweder
die Mitte seitlich einschließen (Abb. 228) oder sogar bezeichnen. In der selb*
ständigen Landschaft wird die Achse bald durch Aufstellung dominierender
Mittelstücke (Berge, Baumgruppen, einzelne Baumstämme oder Alicen, Schifie,
Schlängelfluß oder Straßenband), bald durch gleichwertige Seitenmassen
(Seitenkulissen) sichtbar gemacht; oder bei diagonaler Aufitassung durch un*
gleichwertige, von denen die eine in den Vordergrund, die andere in den
Mittelgrund gesetzt wird. Häufig wirken auch alle drei Formen zusammen
Med er, Die Handzeichnung, 31
Betonung
der Mitte.
482
Landschaftszeichnung.
Diagonale.
Organische
Verbindung.
(Abb. 216).^ Namentlich vermag der in die Mitte des Horizontes gestellte
Augenpunkt eine zentrale Absicht zu bezeichnen. Ein Schulbeispiel hiefür
bietet Hobbemas berühmte Allee bei Middelharnais in der Londoner National*
galerie. Entbehrt die Landschaft wie z. B. in Breitstücken mit Flachland, See*
Spiegel, Niederungen der Seitenkulissen, so ergibt sich durch Hervorhebung
eines markierenden Objektes, etwa eines Schiffes, ein Mittelpunkt oder Schwer*
punkt der Gesamtfläche (Abb. 219, 1).
Im Zusammenhang mit diesen ausgleichenden Gesetzen stehen die regulie*
renden Diagonalen. Ihre symmetrische Teilung des Viereckes erleichtert das
Abb. 217. A. Cuyp, Wasserschloß. Naturstudie.
proportionale Verschieben der Hauptmassen, die Anordnung von Landschaft
und Staffage (Abb. 107). Selbst in dem dargestellten Aufruhr der Elemente
wirken sie scheidend. In Abbildung 225 betonen die beiden Wellenberge mit
den schief geworfenen Masten und die beiden dunklen Wolkenzüge die Haupt*
richtungen der Diagonalen und damit Symmetrie und ideelle Mitte.
Gleich den Hauptgliedern unterstehen auch untergeordnete Teile derselben
Notwendigkeit, auf beiden Seiten nach guten Verhältnissen zu füllen, zu ver*
teilen und auszugleichen. Ihre innere Verbindung, ursprünglich rein komposi*
tionell und dekorativ, wird erst allmählich durch angewandte Naturstudien
organisch. Im Quattrocento erfolgte sie nur bedingungsweise, die Teile er*
innern noch an aneinandergereihte Motive. Selbst Leonardos Mahnung, alle
Gliedmaßen der Dinge, die GHeder der lebenden Wesen wie auch die der
* Albertina, Inv. Nr. 11623; Bister und Tuschlavierung auf blauem Papier; 19-5x27-3cm.
Landschaftszeichnung.
483
Landschaft (le membra de paesi) gut zu machen verstehen, konnte bei seinen
Zeitgenossen nicht die Empfindung für eine gewachsene Natur wachrufen (§ 66),
weil Handlung und Figuren Beherrscher der Fläche blieben. Schon aus diesem
Grunde läßt sich das schwere und späte Aufkommen der naturalistischen Land*
Schaft gegenüber der dominierenden Dekorative erklären.
War die Landschaft in ihrem flächenmäßigen Zusammenschluß asymme* Asymmetrie,
trisch behandelt, so mußte nicht erst der Augenpunkt seitwärts gerückt er*
scheinen, um eine optische Verschiebung nach links oder rechts zu erzielen.
Die Asymmetrie konnte auch durch ungleiche Flächenfüllung erfolgen (Abb. 234).
Es genügte ein einseitiges Aufrichten schwerer Baum* oder Felsmassen, um den
Eindruck des Ebenmaßes aufzuheben. Wirkte der Augenpunkt mit und zogen
sich die Hauptglieder des Geländes so wie einzelne Richtungslinien schräg in
die Tiefe, war der Effekt um so deutlicher und die Tiefenbewegung führte zur
lebendigsten Raumillusion (Abb. 220, 221). Weil damit das Schwergewicht an
die eine Seite rückte und die ent*
lastete Hälfte den Eindruck des
Uferlosen erhielt, wurde dieselbe
durch einen Tiefenansatz (Figuren,
Boote, Baumstämme, schmale Archi*
tekturen) gefestigt (Abb. 220, 241).^
Nicht immer vollzog sich dieser
Ausgleich schon in der Zeichnung,
selten aber fehlt er in dem durch*
geführten Gemälde.
Wie auf einer Wage werden
rechts und links Gleichgewichts*
Objekte aufgestellt, wenn die per*
spektivische Auffassung das Auge nach zwei Seiten hin, gewissermaßen nach
zwei Verschwindungspunkten bildeinwärts leitet. In der Guypschen Land*
Schaftszeichnung (Abb. 217) war zuerst nur die einseitige Schrägenführung
beabsichtigt.- Die diagonale Ableitung vom Baume links über das Wasser*
schloß nach rückwärts zum Horizont sollte rechts als einfachen Ausgleich
zwei Figuren erhalten, die zwar angefangen, aber dann weggelassen wurden (in
der Abb. nur die Beine schwach sichtbar). In dem ausgeführten Gemälde da*
gegen verfeinerte der Künstler das Prinzip, verwarf den hohen Baum und
setzte, der Größe der beiden Figuren entsprechend, einen niederen Strauch als
Ausgleicher an, weil er die Tiefenwirkung des Schlosses auch nach linkshin frei*
machen und den symmetrischen Aufbau hervorheben wollte (Abb. 218).'
In der Abb. 219 soll ein Versuch dargestellt werden, einzelne Hauptschemen, Schemen,
meist holländischen Zeichnungen entnommen, in monochromer Weise auf*
zuführen, um die Tatsache zu erweisen, daß die erkannten Flächengesetze
im Geiste der Maler lebendig blieben, auch wenn man vor der Natur stu*
dierte. Neben Parallelen als Horizonte (1, 2, 3) erscheinen statt der einfachen
Abb. 218. A. Cuyp. Verwendung der Natur»
Studie im Bilde.
Aus«
gleichung.
' John Burnct, Notions pratiques, Paris 1835, S. 8 u. PI. I (Französ. Ausg.).
- Albertina, Inv. Nr. 8568. Kreide; 18x27 cm. « London. Nat. Gallcry. Nr. 824.
31*
484
Landschaftszeichnung.
5 10
Abb. 219. Landschaftliche Schemen über Flächengliederung und Raumwirkung.
Nach eigener Zusammenstellung.
Landschaftszeichnung. 485
Diagonalen (6) auch andere Hilfslinien, Schnittlinien, gedacht oder wirklich an*
gedeutet, etwa von der Seitenhälfte oder dem Seitendrittel zur Hälfte der Basis.
Oder bei asymmetrischen Landschaften Diagonale (4, 8), welche die Licht; und
Schattenmassen innerhalb der Umrahmungsverhältnisse von Höhe, Breite und
Tiefe regelten. Dabei herrscht überall der Grundsatz, daß die kräftigsten Massen
nicht die Hälfte der Gesamtfläche überschreiten. Der Vereinfachung halber
wurden nur Querstücke herangezogen, obgleich für Hochstücke dieselben Prin«
zipien, wenig geändert, gelten. Diese Schemen, welche sich beliebig vermehren
ließen, führten zu zahllosen Kombinationen und gestatteten dem Zeichner bei
aller scheinbaren Gebundenheit dennoch ein freies Schalten und Walten.
Bei Verwendung einer Zeichnung zu einem Bilde erfolgte notwendigerweise
noch ein weiterer Ausbau und ein strengeres Handhaben der Schichtengliederung
im Interesse der Farbentöne. Dieses nach in Meisterschulen erworbenen Normen
erfolgende Zeichnen zeigt sich indes nur bei vollendeten Landschaften, nicht
bei Teilstudien, wie einzelnen Hütten, Baumgruppen usw., die nicht mehr als
ein Fixieren von Bedarfsstücken bedeuten sollten.
(jleichgewicht und Flächengliederung hatten sich allmählich den mächtigen Raumtiefe.
Bestrebungen, Raumtiefe zu gewinnen, unterzuordnen. Das anfänglich ver?
wendete Mittel hintereinander aufgestellter Objekte als Raumschichten genügte
bald nicht mehr, so sehr man auch deren Überschneidungen betonte und aus*
gestaltete. Man suchte nach neuen Requisiten, die der Übersicht halber in der
hier folgenden Aufzählung zwar getrennt angeführt werden, aber in der prak*
tischen Verwendung nur in gegenseitiger, sich verstärkender Verbindung ver#
standen sein wollen. Deutlicher noch als Zeichnungen illustrieren deutsche
Holzschnitte und Stiche, Radierungen holländischer und italienischer Meister
die Entwicklung aller Tiefenvariationen. Sie sind insofern belehrender, als sie
ob ihrer selbständigen Bestimmung gleich gemalten Landschaften alle Behelfe
ihrer Zeit enthalten und doch linear ausdrücken, während Zeichnungen als
Vorarbeiten vielfach nur Zwischenstufen bedeuten.
1. Die Klarmachung der Raumschichten vollzog sich anfänglich nach Raum=
frontalen Gesichtspunkten und äußerst langsam. Sachte schloß sich an den schichten.
Bodenstreifen romanisch*gotischer Zeit (Rasen, Erdhügel, Plattform) ein wellen«
artiger Hintergrund an, der sich zur Berglandschaft entwickelte. Und wieder
nach großen Zeitspannen schob sich ein Mittelgrund ein. Die Erdbank
vorne blieb noch lange Zeit die Dominante, die willkommene Bühne für jede Art
szenischer Darstellung (Abb. 218). Selbst die ins Freie gestellten Konversationen
zeigten noch eine gequaderte Plattform mit Brüstung (Giorgione), über welche
sich der Blick in die Ferne schwang. Der verdeckte Mittelgrund wurde im
Geiste ergänzt und verstärkte die Entfernung. Der Einschub des Mittelgrundes
wird zuerst bei Roger, in Italien bei Masaccio beobachtet,' streng farbig oder
tonig erst bei den Vlämen durchgeführt und immer im engeren Anschluß an
den Vordergrund (Abb. 240). Lomazzo stellte dies für seine Zeit direkt als
Regel auf.'-^ Aber auch seine schulmäßige Dreiteilung (tre parti) verlor sich
' Masaccio, Kreuzigung, S. demente. Rom; vgl. Guthmann, op. cit. S. 155.
" Tratt. Compositione del fare i paesi diversi, p. 475.
486
Landschaftszeichnung.
Abb. 220. Altdorfer. Landschaft mit Baum als Tiefenwirker.
wieder durch das weitere reahstische Studium, durch das Einfügen vieler Zwischen?
glieder in ein kontinuierlich organisches Ganzes.
Perspektive. 2. Die mit größtem Eifer theoretisch betriebenen perspektivischen Studien
konnten, abgesehen von dem Architektonischen und der Verjüngung gleich*
artiger Objekte bildeinwärts im Sinne der Distanzwirkung wie Bäume, Figuren,
keine allzu weite Verwendung finden, es sei denn, daß man Feldparzellen
Landschaftszeichnung.
487
fluchtlinienartig einfügte (Abb. 215, 227) oder sich verjüngende Flußläufe
durch zeichnerische Kunstgriffe ausnützte (Abb. 227) oder Wolkenzüge einem
beiläufigen Augenpunkte zuführte.
3. Eine wirksame Blickführung erstrebten die Tiefenleiter. Was das Auge Tiefenleiter
hinterwärts zu führen vermochte, wurde hineingezogen. Ihre Anzahl ist eine
große und ihre kombinierte Anwendung eine endlose. Jeder der drei Gründe
hatte seinen Apparat. Der hier primitivste und auch späterhin in ungeschwächter
Wirkung angewandte Behelf war der des Vordergrund=:Tiefenansatzes, des Vorder,
der bereits erwähnte hori? grundes,
zontal gelagerte Plan oder
der dreieckige Zwickelstrei*
fen, um dem Blick eine
Abflugsstätte zu bieten. Viel*
fach erweitert und gesteis
gert wurde er durch Staf*
fagefiguren, die sich sil?
houettenartig vom Hinter*
grund abhoben. In Wasser*
landschaften beginnt der
Plan oft erst in der Mitte
(Abb. 219, Nr. 3). Ebenso
häufig treten die vertika*
len Tiefenleiter in Funk«
tion, wie seitlich postierte
Architekturen, Felsen (Sei*
tenkulissen, Abb. 234), oder,
der gewöhnlichste Fall, bis
an den Oberrand ragende
Baumstämme mit oder ohne
Krone. Die dadurch ge*
schaffene Tiefenwirkung er*
scheint um so täuschender
und kräftiger, je stärker
gleichzeitig die Größen*
und Tongegensätze sich äußern. Kräftige Lavierungen des Vordergrundes
bezwecken eine besondere Trennung und Raumferne. Aber selbst rein linear
arbeitende Zeichner wie Altdorfer, Wolf Huber erzielen durch auffallende Steige*
rung des Maßstabes ihre Erfolge (Abb. 220).^
Hieher gehört auch das Aufstellen mächtiger Seitenkulissen, bald einfach,
bald rechts und links bis zum beengten Durchblick in die Weite. Dies hatte
seine Vorläufer in dem hinter den Hauptfiguren religiöser Darstellungen auf*
gestellten Baum* und Buschwerk, um eine dekorative Folie zu schaffen.
Giorgione und noch mehr Tizian geben bereits viele Beispiele. Außerdem bot
Abb. 221. Jan Both. Landschaft mit Seitenkulissen.
* Aus: Graph. Gesellsch. 1906, A. Altdorfcrs I.andschafts^ Radierungen, hsg. v. M. J.
Friedländer, Taf. II. — Original Wien. Hofbibliothek. Bartsch 67.
488
Landschaftszeichnung.
des Mittel;
grundes.
des Hinters
grundes.
Tiefen^
drehung.
Einzels
motive.
Lufts
Perspektive.
der Gegensatz einer dunklen Wand zur hchten Ferne einen besonderen Reiz.
Die realistische Landschaftszeichnung hat dieses dankbare Motiv weiter aus*
gebildet. Der Fernblickausschnitt und die verdeckenden Wände ließen sich
endlos variieren (Abb. 221).^
So wie der Vordergrund enthält auch der Mittelgrund seine tiefenwirken*
den Organe. Mitten durch die Landschaft ziehen, oft schon vorne am Rande an*
setzend, breite Ströme und Kanäle, Straßen, Alleen, Buschzeilen, Felsgrate bald
im Zickzack, bald schräg geführt, dem Hintergrunde zu. Ergänzend tritt die
bewegte Staffage hinzu. Und in gleicher Weise erschließen die Hintergrunds*
teile, meist Hügel oder Berge, durch ihr Angrenzen an die Atmosphäre,
besonders aber durch ihre zarten Konturen und abgeschwächten Töne, die
letzte Ferne.
4. Einen mächtigen Umschwung erfuhr das Bestreben aller Tiefenwirkung
durch die Drehung des frontalen Aufbaues schräg in den Raum hinein. Der
Zeichner saß seinem Ausschnitt diagonal gegenüber, so daß sich die Haupt*
massen für das Auge auch diagonal in Bewegung zu setzen und in der Ferne
zu verjüngen schienen (Abb. 220, 241). Der neue Tiefenzug, der früher schon
in figuralen Kompositionen auftrat und den Wölfflin die Entwertung der
Fläche nennt, tritt bereits nach 1500 in Geltung. Dürers Marienleben weist
in dieser Beziehung figural und landschaftlich schon deutliche Ansätze auf
(B. 78, 90). Zur Steigerung der schrägen Tiefenbewegung verwendete man
nicht nur in die vorderste Schicht gelegte und perspektivisch gerichtete Stämme
gefällter Bäume, Felsklötze, Dämme, Flußufer, sondern nützte auch Tiefen*
weiser rein zufälliger Art aus, wie in die Landschaft hinein oder heraus
wandernde Tiere (Viehtrieb), Wagen (Transporte), Reiter und Kähne. Hiebei
entwickelte sich ein endloser Staffagenreichtum, dessen Wirkung sowohl der Be*
lebung, als auch allen räumlichen und kompositionellen Gesetzen zu dienen hatte.
5. Die Loslösung dieser summarisch angeführten und hintereinander ge*
lagerten Raumteile geschah durch Licht* und Schattengegensätze. Die pri*
mitiven Buchillustrationen erhielten zunächst durch Ausfüllen mit schlichten
Farben Tiefenwert. Und späterhin im 16. Jahrhundert (Niederlande) strebte man
im Anschluß an die gemalten Landschaften eine räumliche Schichtung durch
zwei oder drei Farbentöne an, vorne braun, mitten grün, Ferne blau (Abb. 240).
Schwieriger gestaltete sich das stufenweise Anordnen und Abschwächen in
monochromen Zeichnungen mit Feder, Kreide oder Rötel. Abb. 222 läßt das
Versagen aller Tiefenleiter erkennen, weil der Künstler die gegensätzlichen
Linienwerte oder lavierte Tönungen nicht angewandt hat.^ Gerade die Tiefen*
leiter werden zur Schattierung herangezogen und dadurch hervorgehoben.
Beim naturalistischen Landschaftszeichnen nimmt man schon in der Wahl des
Ausschnittes auf jene Glieder Rücksicht, die in sich lebendige, Licht* und
Schatten bildende Wirkungen enthalten. Ein künstlerisches Zutun ist un*
vermeidlich. Weil es sich um ein Loslösen des einen vom andern, um Gegen*
' Aus Handz. alter Meister, hsg. v. Moes I, 17. Braunlavierte Feder. Amsterdam
(Verlag Hiersemann, Leipzig).
* Albertina, Inv. Nr. 20.126, braune Tinte; 15X22 cm.
Landschaftszeichnung.
489
Sätze handeh, werden helle und dunkle Töne scharf und dicht hintereinander
angesetzt, kraftvoll im Plane und locker bis in die Ferne sich verschwächend.
Je stärker die Tonunterschiede der einzelnen Organe, desto wirksamer die
Luftperspektive des Ganzen. Frontale oder schräge Auffassung ergeben
unter diesem Gesichtspunkte eine völlig verschiedene Wirkung, die erste wohb
tuende Ruhe, die zweite Bewegung und Erregung mit betonter Richtung.
Trotzdem müssen in beiden Fällen die verschieden getonten Glieder zur Korn*
Position und selbst zur Umrahmung in bestimmten harmonischen Verhältnissen
stehen. Schatten und grelle Lichter haben sich nach der ganzen Fläche hin das
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Abb. 222. Wolf Huber, Traunkirchen, Umrißlandschaft.
Gleichgewicht zu halten. Wieder ersetzt hier der gestaltende Künstler das
Lückenhafte des Naturbildes und gleicht nach freiem Ermessen aus (Abb. 225).
JDie Teile einer Landschaft haben aufkr den erwähnten Funktionen der
Balance, der Flächenanordnung und Tiefenwirkung noch weiteren Aufgaben
zu dienen. So bietet die Lokalisierung der Handlung, die primärste
Forderung der Landschaft, dem Künstler reiche Gelegenheit, örtliche Elemente
hineinzutragen. Sie äußert sich im gotischen Zeitalter durchaus naiv und
heimatlich und scheut sich nicht, in biblischen Begebenheiten eine Windmühle
anzubringen. Das landschaftliche Fabulieren erreicht, wie z. B. bei dem
bethlehemitischen Kindermord (Brueghel), kein Ende. Mythologische Dar»
Stellungen bedürfen antiker Tempel und Ruinen, Säulenreste, sanfter Gcbirgs«
linien, Quellen. Der Aufwand ist hier ungeheuer und nur zu häufig wandelt
sich das Notwendige ins Breit*Dekorative.
Harmonie.
Weitere
Funktionen:
lükati«
sicrcnd.
490
Landschaftszeichnung.
hervor*
hebend,
abrundend.
Stimmungss
elemente
Für die Darstellung der Hauptpersonen bilden einzelne Teile eine er#
läuternde, hinweisende Folie, um sie flächenmäßig ersichtlich zu machen
oder durch eine farbige Folie herauszuheben. Schon der Maler der Fresken in
Santa Maria antiqua um 741 gliederte seine Komposition mit Bergkonturen. ^
Giotto handhabte bewußt den Kunstgriff. In der Abbildung 223 erhält die
Hauptgruppe, Mutter und Kind, außer der Mittelstellung noch eine umrahmende
Verstärkung durch den lichten Felskegel und die Bäumchen. ^ Anderseits werden
dadurch Einzelfiguren oder Gruppen getrennt. Andere Glieder binden Vorder*
und Hintergrund. So erfuhren schon 1370 in der Geburt Christi (Welt*
chronik des Rudolf von Ems) der noch lose aneinander geklebte Inhalt der
ganzen Fläche durch ein Fluß* und Wegband Zusammenhang und Schichtung
(Abb. 235).
I^^^P^P
Hieher gehören auch jene
organischen Teile, welche das
Ineinanderflechten von Gera*
den und Schrägen besorgten.
Einen harmonischen Linien*
fluß erreichte die Landschaft
erst durch das runde Li*
neament, welches das Ver*
tikal* und Horizontalgerüste
verband und in seinen Här*
ten abschwächte. Es sind
dies die Umrisse naher und
ferner Baumkronen, der Ge*
büsche, der Berge, Hügel
und Felsen, Konturen welli*
ger Terrainbewegungen, fer*
ner des bewegten Wassers,
Wolkenballen, selbst tierischer
Körper.
Vereinzelt bereits in der
Hintergrundlandschaft histo*
rischer Darstellungen, in reichster Fülle aber in der selbständigen Landschaft
können gewisse Glieder zu Stimmungsträgern werden. Als solche bilden
sie in ihrer Einzel* oder Gesamtwirkung den besonderen Reiz einer Landschaft,
aber auch den persönlichsten Ausdruck eines Künstlers. Ob episch, reflektiert,
ideal oder naturalistisch, ob als Symbole einer nach allen Seiten ausgegliche*
nen Natur oder Motive eines in allen Teilen linear oder farbig dargestellten
Aufruhrs, immer wird es sich darum handeln, daß der Künstler jene großen
und kleinen Elemente in einem Ausschnitt gesammelt, verdeutlicht und ge*
steigert vorträgt, wie sie für ihn maßgebend waren, die aber gleichzeitig in
' Wilpert, Die römischen Mosaiken und Malereien der kirchlichen Bauten vom
4. - 13. Jahrh., Taf. 180.
^ Padua, Arenakapelle — Weitere Beispiele dieser Art bei Giotto (J. Guthmann, op.
cit. S. 20: Die Bedeutung giottesker Landschaftslinien).
Abb. 223. Giotto, Flucht nach Ägypten.
Landschaftszeichnung.
491
uns durch Rückerinnerung an Selbstgeschautes oder Erlebtes einen bestimm*
baren oder unbestimmbaren Gemütszustand, ein klares oder verschwommenes
Gefühl, eine Stimmung hervorzurufen imstande sind. Nur in den seltensten
Fällen vermögen sich die Empfindungen von Geber und Empfänger zu decken.
Die Heranziehung der Jahreszeiten mit ihrem bunten Wechsel der Tagesstunden,
mit Sonnenlichteffekten, nächtlichen Beleuchtungen oder großen Naturereig?
nissen, sie bedeuten nur gewöhnliche Beispiele gegenüber hundert andern un*
definierbaren, in feinsten Abstufungen verschwimmenden Stimmungsbildern.
Nur der sensible Landschafter weiß den Grundton herauszufühlen und den
Akkord entsprechend seiner Empfindung anzuschlagen.
Die Farben sind ihm sein bestes, aber nicht einziges Darstellungsmittel.
Auch Radierungen, also monochrome Ausdrucksweisen, vermögen starke
Stimmungen auszulösen (Rembrandt). Seit dem Beginne des 16. Jahrhunderts
förderte die Zeichnung das Aufsuchen derartiger Motive, das Zusammenbauen
derselben nach Qualität und
verstand es bald, sie linear
und malerisch zur Geltung
zu bringen. Es bedurfte
tatsächlich erst der Ent*
deckung bestimmter Gesetze
und Wirkungen.
In den vedutenmäßigen
Darstellungen werden wir
kaum Spuren davon enU
decken. Es war die künstle*
Tische Mithilfe, die bewußte
Hervorhebung bestimmter
Steigerungselemente nötig,
sichtbarer Mittel, welche ent*
weder das Gefühl des Na*
turschweigens oder des Aufruhrs und der Bewegung erzeugen sollten. Die Ideal*
landschaft z. B. hält es bei möglichster Betonung der Mitte und Einhaltung
der Symmetrie mit dem Vorherrschen der Wagrechten im Mittel* und Hinter*
grund, mit weichen Bergkonturen und abgerundeten Baumkronen. Die Hori*
zontale und sanfte Bogenlinien sind ihre Elemente. Treten hiezu noch Ob*
jekte inhaltlicher Natur, wie antike oder Pastoralmotive, so bezwecken sie nur
mehr illustrative Verstärkungen für das Friedlich*Abgeklärte.
Reichere Gelegenheit und größere lineare Ausbeute aber bot das Bewegungs*
Problem, das Hereinziehen elementarer Ereignisse und Naturgewalten, Wetter*
stürme, Wasserfälle und Wogendrang: durch das Ausnützen linearer Cjegen*
Sätze, scheinbares Aufheben des Gleichgewichtes, Einführen vieler Schrägen und
Überschneidungen, seitlich tiefgehaltener Beleuchtung, greller Gegenüberstellung
dunkler und heller Massen und durch das Herausarbeiten wirkungsvoller
Silhouetten, wie etwa schroffer Felskanten vor lichtem Himmel. Ihre Wirkung
auf den Beschauer besteht nicht allein in der Rückerinnerung aufgenommener
Erlebnisse, sondern tatsächlich in der Erregung physiologischer Sehvorgänge.
Abb. 224.
Quercino, Landschaft mit sturmzerzaustem Baum.
der Ruhe,
der
Bewegung.
492 Landschaftszeichnung.
Dieser Ton wurde zuerst nur leise angeschlagen. Die Renaissance begnügte
sich, gleich den maßvoll bewegten Figuren, mit dem Gezweig eines Baumes,
das «bald bogenförmig sich nach der Höhe wölbte, bald herabbeugte, bald
sich nach innen oder auswärts kehrte, bald sich wie Seile miteinander
verflocht».^ Die Barocke brachte bereits den halbverdorrten, vom Sturme
hart zerzausten Baum mit einem Zickzack von Stamm und Geäst. Die
Assoziationen werden hier fühlbarer. Guercino macht hievon reichlichen Ge*
brauch (Abb. 224).^ Man sucht emsig nach neuen Schrägenerzeugern. Sogar
die wie auf der Flucht befindlichen Staffagefiguren werden tektonisch aus*
genützt, um durch schiefe Haltung, fliegende Gewänder die Vorstellung
hastender oder fluchtartiger Bewegung und damit eines Ereignisses zu erwecken.
Im vollen Besitze reicher Mittel weiß sich die holländische Landschaft.
Als Beispiel einer vollständigen x\ufhebung allen Gleichgewichtes in Linie
und Tonung diene eine L. Bakhuysen? Zeichnung (Abb. 225).^ Himmel und
Wasser im Aufruhr, alle Masten in schräger Lage, zerfetzte Segel und lockere
Raastangen hängen nach allen Richtungen, Wolkenmassen durchstürmen den
Himmel und nur der vor einer dunklen Wolkenwand geisterhaft aufragende
Fels mit dem Turm sowie die Umrahmungslinien erregen in dem Beschauer
noch das Gefühl eines festen Haltes. Weitere Steigerungen kommen noch
durch den Tuschpinsel zum Ausdruck, wenn das Lineargerüste in stimmungs*
gemäße Licht? und Schatteneffekte gesetzt wird. In derselben Zeichnung
bewirken das Zusammenballen von Schattenmassen und die grelle Seiten*
beleuchtung einen düsteren Kontrast. Gerne verstärkten einzelne Holländer
die Stimmung durch Hereinziehen gruseliger Elemente: Nachtstimmung mit
schwarzem Gewölk, durchbrechendem Mondlicht und hellen Wolkenrändern,
gebrochenen Bäumen, Galgen und Rad (Abb. 226).^ Die Zeichnung über?
schreitet hier bereits ihre Grenzen und strebt nach Bildwirkung. Bei Nacht*
landschaften greift man außerdem nach blauem Naturpapier, um das Silberlicht
auf Dächern, Wiesen und stillen Wässern mit Hilfe geschickter Höhungen zu
erzielen (Aert van der Neer).
Staffage. So wie die Landschaft einst eine Ergänzung des Figuralen bildete, stellte sich
jetzt das Figurale in weitgehender Anwendung und Unterordnung in den
Dienst der ersteren und orientierte den Beschauer rasch über die Vorgänge in
der Natur. •'' Die Sprache der Staffage, der Figurinen,^ wurde in einzelnen
Schulen immer lauter. Hirten, Jäger, Schiffer, Fischer und Landleute leiteten
die Gesamtauffassung und Stimmung im Sinne der künstlerischen Absicht,
führten aber auch den Manieristen zur öden Spielerei. Es darf immer als ein
' Alberti, S. 128.
'^ Albertina, Inv. Nr. 2433, Feder. Eine andere, rein ornamentale Funktion hatte der
verdorrte Ast bei den Deutschen.
" Albertina, Inv. Nr. 10.008, braune Pinselzeichnung. 16X27 cm.
* Albertina, Inv. Nr. 9983, Finselzeichnung in Tusche und weiß.
•^ Ernst Zimmermann, Die Landschaft in der venezianischen Malerei bis zum Tode
Tizians. In Beiträge zur Kunstgesch-, N. F. XX, Leipzig 1893, S. 139.
® Reinhold, Zeichenschule, 1786, S. 257: «Figurine ist der Name aller Figuren im
Kleinen, welche die Landschaft und alle Gemälde zieren.»
<
w
E
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<
Landschaftszeichnung.
493
Zeichen stärkster Naturvertiefung gelten, wenn der Zeichner und Maler es
wagte, von diesem Universalmittel abzusehen.
Entwicklung.
Konform unserem Plane handelt es sich nicht um eine Gesamtdarstellung
der Landschaft, sondern nur um eine vereinfachte Darlegung der Prinzipien, wie
sich dieselben innerhalb der Zeichnung in Italien, Deutschland, in ' den
Niederlanden und Frankreich geltend gemacht haben, vom einfachen land*
schafthchen Hintergrund in Heiligen:^ oder Profandarstellungen angefangen bis
Abb. 226. Hendrik van Mindcrhout. Nachtlandschaft.
zur vollen Selbständigkeit, zum unabhängigen, von eigenen Baugesetzen be*
herrschten Kunstwerk.
Italien, ihrer Entstehung nach hatte die Landschaft gleich dem
architektonischen Hintergrund eine lokalisierende, symbolische Punktion.
Nicht ein Urtrieb explosiver Naturfreude, wie bei den Tierdarstellungen, sondern
belehrende Zwecke gaben in jenem Momente ihr das Dasein, als die Figuren
nicht mehr in der Luft oder in goldenen Gründen stehen, sondern ein Stück
Erdboden berühren sollten. Erst nach Jahrhunderten erfolgte ein Ausgleich
zwischen dem Heiligen und Irdischen. Noch im 15. Jahrhundert weisen
deutsche Illustrationen den grün kolorierten, mit vergröfkrtcn Pflanzen oder
mageren Bäumchen geschmückten Rasenstreifen auf (Abb. 279). '
' H. Brandt, Die Anfänge der deutschen Landschaftsmalerei im 14. und 1^. Jahrhundert.
In Studien zur deutschen Kunstgeschichte 154, S. 114.
Kntstehung.
494
Landschaftszeichnung.
Schwierig:: Außer der Grundanschauung, daß die menschhche Figur einer Begebenheit
keiten. schon genüge und für jede belehrende Darstellung ausreiche, waren das unent*
wickelte Naturempfinden und die unreife Kunstpraxis weitere Ursachen, daß
man an der Natur teilnahmslos vorbeiging. Das ungeschulte menschliche Auge
verhielt sich gegenüber der Erscheinungenfülle in einer Landschaft derart hilflos,
daß es nur Einzelnes, nie den harmonischen, organischen Komplex aufzu*
nehmen vermochte. Es sah nicht den Wald, sondern den Baum, und an dem
Baume nicht eine Gesamtform, sondern nur Teile. Zeichnungen von Natur*
Völkern und die frühesten Miniaturen bezeugen dies. Auch jedes Schulkind
von heute, vor die Schwierigkeit einer zeichnerischen Wiedergabe gestellt,
beweist den kleinen Gesichtskreis und das bescheidene Erschauen schematischer
Einzelformen. Das Vereinfachte, Bestimmte, wie es das Figurale (Mensch,
Tiere, Gebäude) ermöglichte, das streng Konturmäßige frühester Zeichenweise
versagte vor der zerfließenden Landschaft. Der Wiesenplan mit seinem Tau*
senderlei, die Baumkrone mit ihrem schwankenden, überreichen Gezweig, die
schwimmenden, stetig wechselnden Wolken, die ruhelosen Wellen erschienen
dem betrachtenden Auge und der nachfahrenden Linie lange nicht faßbar.
Symbole. Man gab daher ursprünglich nur sinnbildliche Vertretungen. Der Fisch be#
zeichnete das Wasser, der Vogel die Luft, die Einzelpflanze die Wiese, den Plan,
ein kümmerliches Stämmchen mit zählbaren Blättern oder dürrem Geäste den
Baumwald, ein Felsstein das Gebirge. Die Art und Weise, wie man darstellte,
war nur die Abstraktion einer Abstraktion, etwas mehr als Symbole gleich
den ältesten Schriftzeichen. Kaiendarien begnügten sich mit Attributen des
jeweiligen Monates. Darum auch in den frühesten religiösen Darstellungen
nur die notwendigsten Hinweise auf die betreffenden Lokalmotive.
Traditionen. Die in der antiken Landschaft bereits technisch und farbig hochentwickelten
Stufen bildeten für die Ausgestaltung der Zeichnung in unserem Sinne keinerlei
Grundlage, weil deren Traditionen längst verschwunden waren, es sei denn,
daß in Miniaturen verwischte Reminiszenzen stückweise und kümmerlich fort*
lebten.^ Wellenlinien als Wasser, darmartige Gebilde als Wolken erscheinen
uns als derartige Erinnerungen. Die Art und Weise, wie man sich noch vor
1400 die Natur besah, lehrt das vielfach angezogene primitive Rezept Cenninos,
Fels ein Gebirge nach der Natur zu entwerfen (Kap. 88): «Nimm große Steine,
und Baum, j-auh und unpoliert, und zeichne sie nach, indem du ihnen Licht und Schatten
verleihest, je nach deiner Einsicht» (Abb. 223). Auch im Norden noch bei
Dirk Bouts, J. Patinir, Herry met de Bles, Orley, Jan Scorel galten die aus
solchen Anschauungen herausgewachsenen steilen Felsen und Steinnadeln mit
zackigen phantastischen Formen als allgemeiner Typus. Mir wiH es scheinen,
daß man bei Baumdarsteflungen auf gleiche Weise verfuhr, indem man abge*
schnittene Zweige oder Fichtenzapfen als Modelle nahm. So manche frühe For*
men in Miniaturen und Holzschnitten lassen keine andere Entstehung zu. Dies
wäre nicht sehr verwunderlich, wenn man sich vor Augen hält, daß gerade
die Miniatoren für ihre botanischen Werke (Hausbücher) nach abgeschnittenen
' W. Kailab versuchte, den Zusammenhang toskanischer Landschaftsmalerei mit der
Antike durch die Vermittlung der byzantinischen Kunst zu erweisen. (Die toskanische
Landschaftsmalerei im 14. u. 15. Jahrhundert. Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh. XXL 1900).
Landschaftszeichnung.
495
Kräutern zu arbeiten gewohnt waren. SchheßHch bedeutete diese Art Natur*
Studium immerhin einen Fortschritt gegenüber den nordischen ornamentalen
Baumranken mit spiralförmigen Verästelungen, Knospen und Blüten. >
Erst in der Weiterentwicklung biblisch* historischer Miniaturen, Fresken und Künstlerin
Tafeln erhält der landschaftliche Hintergrund über die Forderung hinaus, scher Anteil.
Geschehnisse zu lokalisieren, einen künstlerischen Anteil: die Hauptfiguren
herauszuheben, Gruppen flächenmäßig zusammenzufassen oder zu trennen.
Geschickt verteilte Bäumchen wirkten gliedernd, Flüsse und Wege teilten ab,
flache Hügel verbanden durch einfache Bogenlinien das Vertikalgerüst des
Abb. 227. Jac. Bellini. Landschaft mit Schlängclfluiü.
Figuralen. Man beobachtet ein überlegtes Disponieren über die Fläche im
Sinne der Gesamtkomposition zugunsten inhaltlicher und harmonischer Klarheit.
Dadurch, daß man die einfachsten landschaftlichen Elemente möglichst hinter« Kaum*
einander, nicht mehr übereinander aufzustellen versuchte, entstand das Kaum* problcm.
Problem. Aber wirklich raumbildend wurde die Landschaft erst, als man
die steile Rückwand aufgab, als man ihren Organen nach Art der Architekturen
oder gleichzeitig neben ihnen eine abstufende Tiefenwirkung zuteilte, als man
Berg* und Hügelketten sich überschneiden ließ, durch hellere und dunklere
Töne unterschied, langstämmige Bäumchen vor denselben aufstellte, oder in
Erkenntnis bereits gewonnener Perspektivgesetze Schlängelflüsse und Wege zur
Verbindung der losen Glieder in die Tiefe führte (Abb. 227). Die Behelfe dazu
* Die Miniaturen der Manesseschen Hs. um 1330. heraus^, von Fr. X. Kraus, .Stral^burj;
1887. - H. Brandt, op. cit., S. 17.
496
Landschaftszeichnung.
waren allerdings nur schablonenhafte Bedarfsstücke, mit denen man sein be*
scheidenes Auskommen suchte.
Skizzenbucb Außer dem Berliner xMusterbuch des Jacques Daliwe, welches größere Baum:=
Zeichnungen gruppen aufweist, enthalten jene in Wien, Rom, Venedig und Bergamo noch
J. Bellinis. j^ejmerlei landschaftliche Notizen. Selbst Pisanellos inhaltsreiche Skizzenbuch*
blätter entbehren derselben. In J. Bellinis Libri del disegno treten zwar viele
selbständige Veduten und Hintergründe auf, aber ein erdenwarmes Naturstudium
können wir nirgends konstatieren. Wie viel davon auf Tradition, Entlehnung
und eigene Beobachtung entfällt, läßt sich heute nicht mehr feststellen. Unver*
kennbar ist bereits das Problem perspektivischer Gestaltung. Es gilt noch der
alte in Miniaturen bewährte Apparat primitiver Tiefenwirkung, der Schlängele
fluß, der Schlängelpfad, aber schon wirken weitere perspektivische Erkenntnisse
mit, wie Feldparzellen mit zum Augepunkte führenden Furchenlinien (Abb. 227).^
Der Baumbestand bleibt in seinen Formen konventionell, die Felsen vergrößerte
Steine. Als kompositionelle Notwendigkeiten gelten die Betonung der Mitte
und ein freier symmetrischer Anschluß beider Hälften. Alles weist darauf hin,
daß bei Künstlern des 15. Jahrhunderts die Landschaft als Zeichnung kaum
eine größere Wertschätzung als die eines flüchtigen Behelfes erreichen wollte.
Es wäre sonst kaum möglich, eine anderweitige Erklärung dafür zu finden, daß
uns trotz der vielen landschaftlichen Hintergründe in Gemälden so gut wie
nichts erhalten geblieben ist.
Geringe Es sieht wie eine Bestätigung dieser Ansicht aus, wenn noch Leonardo
Schätzung (§ 60) von Botticelli berichten durfte, derselbe habe dieses Studium für eitel
^^^ (vano) gehalten und gesagt, man brauche nur einen Schwamm voll ver*
Studiums, schiedenerlei Farben gegen die Mauer zu werfen, um einen Fleck zu erzeugen,
in welchem man die schönste Landschaft erblicken könne. Und dennoch hat
uns Botticelli eine Frimavera mit einem blumenreichen Hain und noch manche
interessante landschaftliche Durchblicke auf verschiedenen Bildern hinterlassen.
Mochten diese auch in den Augen Leonardos als tristissimi paesi gelten,
zeichnerische Vorbereitungen mußte der Meister doch angestellt haben.
Nachrichten. Dieser tatsäcWiche Mangel an landschaftlichen Zeichnungen des Quattrocento
und der somit fehlende Einblick in die Gepflogenheiten wird auch nicht durch
die sparsamen Nachrichten italienischer Viten behoben. Wenn Vasari von Paolo
Uccello berichtet, daß er als erster unter den alten Malern sich den Ruf erwarb,
Landschaften zur größeren Vollendung gebracht zu haben, als man vor ihm
gesehen hatte, so will uns dies mangels aller zeichnerischen Hinweise wenig
helfen. Bei seinen perspektivischen Neigungen müssen wir eher an landschaft*
liehe Konstruktionen wie jene des Bellini denken, denn er habe alles nach dem
Verhältnisse der Perspektive abnehmen lassen und so gezeichnet, wie man es
sehe, mit Feldern, Gräben, Ackerfurchen.^ Mehr erfahren wir über Baldo*
vinetti, der mit großem Vergnügen Landschaften nach der Natur gezeichnet
habe (ritraendoli dal vivo e naturale), und zwar so genau wie in der Wirklich*
keit. Daher finde man auf seinen Gemälden Flüsse, Brücken, Pflanzen, Früchte,
' Verkleinerte Abbildung aus Riccis Publikation: Jacopo Bellini e i suoi libri del disegno
Louvre, I, Taf. 17. Federzeichnung.
^ Vas. Mii. II, 209.
Landschaftszeichnung.
497
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Med er, Die Handzeichnunf;.
12
498
Landschaftszeichnung.
Wege, Felder, Städte, Schlösser, Sandhaufen und unzählig Ähnliches.^ Weitere
Berichte, wie jener, daß Ghirlandaio ein Skizzenbuch mit Landschaften be*
sessen habe, lassen mit der allgemeinen naturalistischen Richtung des Kunst*
Studiums auch das allmähliche realistische Erfassen der Landschaft, zumindest
der Einzelmotive, erschließen.
Leonardo. Einen wirklichen Einblick in das Verhältnis zur landschaftlichen Realität und
in die zeichnerische Ausdrucksmöglichkeit gewinnen wir erst aus Leonardos
Zeichnungsresten und Vorschriften. Aus dem Jahre 1473 stammt eine Feder?
Studie, die alle Wahrscheinlichkeit besitzt, vor einer bestimmten Gegend ent#
standen zu sein (Abb. 228).^ Aber auch sie zeigt noch mancherlei Traditionelles
und Konstruiertes: die stark herausgearbeitete Plattform im Vordergrunde und
die große Felsenkulisse rechts als Tiefenerzeuger, sowie perspektivisch gelegte
Felder. Bei allem Bemühen, dem Vielerlei gerecht zu werden, weiß der erst
21jährige Künstler der tonigen Gegensätze zwischen Vorder^: und Mittelgrund
auf linearem Wege nicht Herr zu werden, so daß eine Unklarheit in den
Raumschichten entsteht. Die linke Felsenzunge mit der weit ins Land vor:;
springenden Festung, der rechte mit Bäumen bestandene Felsberg lösen sich
nicht körperlich ab. Malerische Elemente sind noch ausgeschlossen.
Literarische Woermann weist darauf hin, daß in der Renaissancezeit das Gefühl für
Einflüsse, landschaftliche Naturschönheit weniger dem Volksbewußtsein als klassisch;:
literarischen Reminiszenzen entsprang und nur auf den gelehrten Teil der Nation
beschränkt blieb, ja zeitweilig dichterische Modesache ward.^ Das Wort findet
leichter Mittel und Wege, Bilder und Ereignisse aus der Natur zu malen. Wie
anschaulich schildert nicht Ghiberti ein schreckhaftes Unwetter angesichts der
für uns untergegangenen Fresken Ambrogio Lorenzettis zu Siena: «Und nach?
dem die Mönche enthauptet, erhebt sich ein düsteres Ungewitter mit Donner
und Blitz, Hagel und Erdbeben, das alles so wohl ausgedrückt ist, daß man
den Einsturz des Himmels und der Erde befürchten möchte . . . auch sieht man
die Bäume sich neigen und einige sich spalten. Als Malerei scheint mir diese
Darstellung wahrhaft bewundernswert zu sein.»* Und doch wie mager und un*
beholfen mochte deren Ausführung gewesen sein. Leonardo ergeht sich gleicher*
maßen in hochfliegenden Phantasien über Naturphänomene, deren glänzende
Schilderung er in seinen Trattato aufnimmt: «Die Göttlichkeit, die der Wissen*
Schaft des Malers innewohnt, bewirkt, daß sich sein Geist zur Ähnlichkeit mit
dem göttlichen Geist emporschwingt, denn er ergeht sich mit freier Macht in
der Hervorbringung verschiedenartiger Wesenheit mannigfaltiger Tiere, Pflanzen,
' Guthmann, ib. S. 266. - Vas. Mil. II, 595.
^ Man dachte an verschiedene Orte: an eine Gegend im Lucchesischen, etwa bei
Montecatini oder wieder unterhalb Montelupo mit dem Monte Albano zur Rechten. —
Guthmann. S. 353, Anm. 125. - Müller.Walde. S. 64, Abb. 28. - Uzielli, Ricerche I, 46. -
Seidlitz I, S. 37: scheint auf der Strecke des von Vinci nach Pistoia führenden Höhenweges
zu liegen; links wäre Papiano.
^ K. Woermann, Die Landschaft in der Kunst der alten Völker. München 1876,
S. 10.
* Ghiberti, Beschreibung der untergegangenen Fresken in der Minoritenkirche zu Siena.
Übersetzung von Rumohr, Italien. Forschungen II, S. 101 — 102. — Schlosser, Ghibertis
Denkw. I, 40, II, 142. - Vas. Mil. I, 521. - Guthmann, op. cit., S. 83.
Landschaftszeichnung.
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Abb. 229. Leonardo. Gcwitterlandschaft. Windsor.
Früchte, Landschaften, Gefilde, Bergstürze, angstvoller und schauriger Orte, die
den Schauenden mit Schrecken erfüllen, und ebenso gefalliger Gegenden, ans
mutig und ergötzlich durch buntfarbig blühende Wiesen, die ein linder Wind*
hauch zu sanften Wellen beugt, die dem entfliehenden Luftstrom nachschauen;
Flüsse, die mit vollen durch Kegenflut hoch angeschwollenen Gewässern vom
32»
Leonardos
Alpen;
landschaft.
500
Landschaftszeichnung.
hohen Gebirg hernieder kommen, entwurzehe Bäume vor sich her wälzend,
mit Steinblöcken, Wurzeln, Erde und Schaum untermischt» (§ 68).^
Aber so tief Leonardo gleich dem Dichter in das UnendUche der Natur*
Stimmung einzudringen versuchte und auch zeichnerisch Dinge wagte wie keiner
vor ihm, so blieben die Darstellungsmöglichkeiten für ihn und seine Zeit doch
auf eine bestimmte Stufe beschränkt. Das Wesen der Linie setzte die Grenze.
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Abb. 230. Raffael, Madonna mit landschaftlichen Hintergrundskizzen.
Seine berühmte Alpenlandschaft in Windsor mutet uns durch die Schil*
derung eines von der Höhe beobachteten Gewittersturmes im Gebirge zwar
völlig modern an, etwa wie von Hans Thoma, allein es fehlt noch der zu«
sammenfassende und Schattentiefe erzeugende Lavierungspinsel (Abb. 229).^
Das Naturereignis verliert durch , die lineare Helligkeit seinen Schrecken, die
Stimmung wird technisch gestört. Neu .ist der Rötel; der Versuch, dies Mittel
' Darauffolgend eine ebenso scharf beobachtete Beschreibung eines Meeressturmes.
§ 147 gibt Vorschriften über die Darstellung eines Unwetters, §§ 882-925 handeln vom
Baumlaube, 926-935 von den Wolken. - Seidlitz, Leonardo I, 367. - E. W. Bredt, Die
Alpen und ihre Maler, S. 68.
* Richter, Leonardo, Taf. 29; Rötel, verkleinert.
Landschaftszeichnung.
501
gerade hier auszunützen, versagte.^ Trotzdem ward diese Zeichnung, die
gewiß auch naturwissenschaftlichen Beobachtungen dienen sollte, zu einem
Markstein in der landschaftlichen Entwicklung. Ein Vergleich mit der Feder:^
Zeichnung (Abb. 228) läßt den Fortschritt erkennen. Das Bestimmte, scharf
Lineare ist verschwunden, dafür der unterbrochene, impressionistische Kontur
in den Wolken und Bergspitzen an die Stelle getreten, um Licht* und Raum?
illusionen zu schaffen. Und was nicht zu übersehen, sie führte das Erleben
von Naturereignissen ein, ohne jede Zutat und Motivierung religiös inhalt*
liehen Geschehens.- Aber dieser Markstein blieb noch lange ohne Beachtung
und Auswertung, vereinsamt wie Dürers großes Rasenstück.
Wie sehr derart malerisch dankbare Effekte landschaftlichen Entwürfen
noch ferne lagen, erkennt
,man durch Vergleiche ein*
zelner Bildzeichnungen mit
den darnach ausgeführten
Malereien, Pinturicchios
Federentwurf zur Libreria
in Siena: Auszug zum Bas*
1er Konzil (Uff.) enthält als
Landschaft nur die trockene,
lineare Darstellung des fia*
fens und der See.^ Erst
in dem Fresko wurden die
Stimmungselemente, Gewit*
terwolken, Regenguß und
Regenbogen als farbige Er*
scheinung eingefügt. Für
eine Kompositionszeichnung
genügte die lineare Lokali*
sierung der Handlung, die
Naturphänomene gehörten in das Gebiet von Farbe und Pinsel. Leonardos wei*
tere hinterlassenen Landschaftsstudien (Seidlitz II, 1 1 Waldsaum) oder Details
(Seidlitz II, 246 und I, 371) bezeichnen die vielfachen Richtungen seiner Pro*
bleme. Er denkt an alles und geht sogar den konstruktiven Gesetzen eines
Baumes nach. Damit hatte die Landschaftszeichnung ihre Bestimmung, nur
eine gelegentliche Anregung für den Hintergrund zu geben, zwar überschritten,
allein trotzdem dauerte das freie Schalten und Walten mit kleinen, meist Ve*
duten enthaltenden Notizen oder gar das gedächtnismäßige Gestalten und
Zukomponieren noch weiter an. Die Erinnerungslandschaft spielte nach wie vor
ihre Rolle. Eines der wenigen Beispiele soll dies dartun. Die Sammlungen
Oxfords bewahren einige ersichtlich zusammengehörige Skizzen von der Hand
Abb. 23L Raffael, Umkehrung der Motive von Abb. 230.
* Zu bemerken sei, daß diese Landschaft oberhalb der W'olkcnschicht eine zweite
Teilstudie zeigt, die in den Beschreibungen irrtümlich als zur unteren Landschaft gc»
hörig, gewissermaßen dieselbe hoch überragend, autgefaßt wurde. Man dachte sogar an
Monte Rosa. *
* Gramm, S. 204. ^ Fischel, Raphacls Zeichnungen. Nr. 62.
Pinturicchio.
Lrinnerungs»
landschatt.
502
Landschaftszeichnung.
Raffael. Raffaels, die den Entwurf einer Madonna/ sowie den entsprechenden land#
schaftUchen Hintergrunddekor in Gänze überhefert haben. Das freie Verschie*
ben derselben Motive nach rechts oder hnks lassen die Einwertung solcher
kompositionellen Behelfe erkennen. Abbildung 230 zeigt den Gesamtentwurf,
links eine Wasserlandschaft, rechts ein Kastell. Daneben mit Andeutung des
Kopfkonturs eine Klarmachung der rechten Hälfte (Kastell und Vordergrund).
In Abbildung 231 dasselbe landschaftliche Thema, aber umgekehrt, links das
Kastell und rechts das Wasser ohne Brücke, in flüchtigster Andeutung der
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Venedig.
Abb. 232. Raffael, Weitere Ausgestaltung von Abb. 231.
Madonnenkopf in der Mitte. Abb. 232 wiederholt die nun akzeptierte, aber
weitere Ausgestaltung, zunächst in der Gesamtanlage mit Berücksichtigung des
Madonnenkopfes und darunter das linksseitige Kastell vergrößert und ver#
deutlicht. Alles entsteht auswendig und wird flächenentsprechend umgeformt.
Eine ähnliche, nur als Gesamtanlage und aus der Erinnerung skizzierte Land==
Schaft des Meisters befindet sich in Weimar.
Eine freiere Naturauffassung war schon gegen Ende des Quattrocento in
Venedig durch Giovanni Bellini erfolgt. Lage, Klima und eine ausgesprochene
* Dieser Entwurf, zu dem kein ausgeführtes Bild nachweisbar ist, bei Fische! als:
Madonna am Fenster (Handz. Raphaels I, Nr. 46 — 49); Verlag Grote, Berlin.
Landschaftszeichnung. 503
:ian.
koloristische Begabung der Venezianer führten über das bisher Erreichte hinaus.
Hier überwob zunächst eine farbige Luftperspektive das Tektonische.' Und was
Bellini begonnen, lenkte Giorgione^ durch den Zusammenschluß vereinfachter
Bildelemente in neue Bahnen, bis Tizian durch seine besondere Fähigkeit in Tizi
der Erfassung neuer Motive, deren freie und ungeschmälerte Verwendung und
durch die Beobachtung feinster Stimmungen das landschaftliche Bild zur Selb?
ständigkeit erhob. Während wir von den beiden ersten keinen Federstrich
besitzen, wird das Wenige, das den Namen Tizian trägt, vielfach angezweifelt
oder seinem Schüler Domenico Campagnola zugewiesen. Ohne auf diese breite
Streitfrage eingehen zu können — einzelnes wird dennoch Tizian bleiben müssen
— genügt uns der Typus, um das Neuerrungene und die Werkstattpraxis zu
verfolgen.
Die Holzschnitte nach Tizianischen landschaftlichen Zeichnungen fanden ihre Vors
Anregung wohl durch Deutschland. Dürers Apokalypse^Landschaften waren in ::eichnungcn
Venedig wohlbekannt und gewiß mochten auf der regen Verkehrsstraße dahin Holz,
noch viele andere nordische Vorbilder gewandert sein.-' Nach Vasaris Zeugnis
habe Tizian viele Monate darauf verwendet, sich in landschaftlichen Dingen
zu üben, zu welchem Zwecke er treffliche deutsche Meister im Hause hatte
(alcuni fedeschi eccellenti pittori di paesi e verzure [Laubwerk]).' Wir stehen
vor der Neuheit, die landschaftliche Federzeichnung nicht bloß als Bildbehelf,
sondern als selbständiges Kunstprodukt aufgefaßt zu sehen. Waldland;
Schäften mit kleiner Staffage nach allen damaligen Regeln der Komposition
zusammengestellt, in sorgfältigen Parallelstrichlagen auf ganzen Bogen gezeichnet
und für die Reproduktion bestimmt. Auch sie setzen sich aus vorhergegangenen
Naturstudien zusammen, wie einzelne Reste erschließen lassen (Abb. 235).^ Teil;
motive von Baumstrünken, dichtes Laubwerk, über das schlanke Stämme und
Aste greifen, und um die vermodernden Wurzeln nach nordischen Vorbildern
ein junges Fflanzenleben. Um diese Zeit fällt die Zweiteilung landschaft*
lieber Zeichnungen in naturalistische Skizzen und bildmäßig dekorative Kom*
Positionen auf. Der Unterschied zwischen beiden ist noch groß und leider
sind die ersteren äußerst selten.
Die Geburtsstätte der dekorativen Landschaft war Rom. Hier gab es Dekorative
Architekturreste und Ruinen, die Stimmung einer großen untergegangenen Welt, Landschaft,
den Zauber einer gefühlserregenden Vergangenheit, eine Umgebung mit dem
harmonischen Linienfluß sanfter Gebirge, hier gab es einheimische und fremde
Künstler, die sich gegenseitig anregten. Lieferte der Süden auch die Motive,
die Kompositionsgesetze, den Wohllaut der Flächen und Linien, so brachten
die Nordländer eine unbefangene Entdeckerfreude mit, die naive Art des Er*
schauens und Zugreifens und die Erinnerungen an den heimatlichen Natur?
' t. Zimmermann, a. a. O. 87.
* J. Gramm, Die ideale Landschaft, S. 329.
' Crist. Robetta, G. Antonio da Brescia, Zoan Andrea, der Meister L B. mit dem Vogel
und andere xMonogrammistcn hatten Dürers landschaftliche Hintergründe ausgenützt (Lchrs.
Italien. Kopien nach deutschen Kupferstichen des 15. Jahrh. im Jahrb. d. pr. Ks. XII. 125).
* \'as. Mil. VII. 429.
'' News York, Metropolitan Museum. Vas. Soc. V. 9. Feder. Ausschnitt.
504
Landschaftszeichnung.
kuhus. Sie scheuten auch nicht den minderwertigen Ruf eines Landschafters.
Niederländer, Franzosen, Deutsche, Bolognesen und Neapohtaner schlössen sich
aneinander oder sahen sich das Errungene von der Seite ab. Nicht jeder trug
sich die Bauelemente nach seiner Qualität zusammen, nicht jeder stilisierte nach
seinem Schönheitskanon. Aus diesem internationalen Zusammenwirken erwuchs
das internationale Gepräge der Ideallandschaft, das sich bis zu Goethes Tod
Abb. 233. Tizian, Baumstudien.
behauptete.^ Die Ansätze der einzelnen Künstler sind meist in Dunkel gehüllt,
erst ihr Fertigsein tritt klar vor Augen.
Vorstufen. Als im letzten Viertel des 16. Jahrhunderts diese Bewegung einsetzte, waren
schon manche Vorarbeiten geleistet worden. Der landschaftliche Wandschmuck
hatte durch Künstler von Namen (Giovanni da Udine, Pierino del Vaga, Camillo
Mantovano) eine ernste Würdigung erfahren. Im Sinne illusionistischer Raum*,
erweiterung schuf man mit Hilfe perspektivischer Künste schon um 1530 in
Landhäusern (Dosso Dossi in der Villa Imperiale bei Pesaro) auf großen
' M. G. Zimmermann, Schinkels Reisen (Mitteil. d. kunsth. Instituts in Florenz II, S. 226).
Landschaftszeichnung. 505
Flächen landschaftliche Ausblicke ohne jede Menschen? und Tierstaffage und
vor der Mitte des 16. Jahrhunderts eroberte die dominierende Vedute durch
Polidoro da Caravaggio und Maturino sogar sakrale Innenräume (S. Silvestro
a Montecavallo).! Als Paul Brill nach 1574, Elsheimer um 1600, Claude Lorrain
1627, Niclas Poussin 1624 und Caspar Dughet 1633 in Rom ihre Tätigkeit
entfalteten, fanden sie vielfache Anknüpfungspunkte, um die dekorative Land*
Schaft nach ihrem Ceschmacke weiter auszubauen und neue Kompositionsweisen
einzuführen.^
Vor allen ist es Claude Lorrain, der uns in mehr als 500 erhaltenen Claude
Zeichnungen die landschaftlichen Bedarfstücke der Zeit erkennen läßt. Dunkle, Lorrain,
phantastische Baumsilhouetten, Felskulissen, Bogenbrücken, antike Baureste,
sanfte Hügelketten, Kastelle, sowie auch fertige Idealansichten füllen die Skizzen;
bucher, allüberall die , Ausbreitung über eine heitere Welt' und die Betonung
der Ferne. Die Feder gibt die Anlage, alles andere besorgt der Lavierungss
pinsel, das Momentane der Stimmung und Beleuchtung in Braun und Schwarz
oder durch grelle, aber geschickte Aussparungen in Weiß. Schwere Seiten*
kulissen vermitteln die Tiefenentwicklung. Der technische Fortschritt gegenüber
der venezianisch? bolognesischen Landschaftszeichnung ist ein ungeheurer und
durchaus malerisch (Abb. 234,' 216). Und wie alle Licht? und Schatten?
abstufungen des Terrains, so drängen verschwimmende Wolkenzüge den Blick
in die Ferne. Hinsichtlich des Aufbaues gelten dieselben Regeln wie im
Historienbilde, nur daß man das horizontale Gleichgewicht fühlbarer vorträgt.
Der Tritt in das Gelände wird sicherer. Man scheut nicht vor Konstruktions?
linien, um die Massen richtig zu verteilen (Abb. 107). Aber solch theoretische
Befangenheit blieb angesichts der gründlichen Studien für das Ganze schadlos.
Aus diesen sichernden Voraussetzungen arbeitete sich Niclas Poussin in Niclas
Rom nach 1648 zum Schöpfer und Vertreter der idealen und heroischen Land? Poussin.
Schaft empor, «in welcher ein Menschengeschlecht zu hausen schien von
wenigen Bedürfnissen und von großen Gesinnungen» (Goethe).* Seine von
einem Schönheitsdrange durchgeistigten Studien führen in das neue Natur?
erschauen des Künstlers, in die Erfassung eines bestimmten Ausschnittes, in
die Aufnahme zeichnerisch erreichbarer Lichteffekte leichter ein als die architek?
tonisch erdichteten und fertigen Bilder mit ihren heroischen oder idyllischen
Stimmungen. Poussins Schöpfungen veranlaßten jene lange Reihe von Nach?
ahmungen bis in das 18. Jahrhundert hinein, die mit dem Sammelbegriff:
klassizistisch bezeichnet werden.
Neben den Nachbarstädten Verona, Padua, Cremona, Ferrara stehen die Bologna.
Künstler von Bologna in einer gewissen Abhängigkeit von Venedig, wenn?
gleich sie durch ihre vielfache Beschäftigung in Rom sich auch dem Einfluß
der dekorativen Landschaft nicht zu entziehen vermochten. Annibale Carracci
und Paul Brill unterhielten freundschaftliche Beziehungen und des crstercn
landschaftliche Gemälde erweisen die römische Richtung. Und ebenso berichtet
' J.Gramm, op. cit.. S. 239ff. - Wocrmann, Kirchcnlandschaft. Rep. f. Kw. 1S90. S. M7H.
* E. Zimmermann, a. a. O.. S. 197.
* Inv. Nr. 11513. Pinsel in Braun und Tusche. 202 X 27 cm.
* W. Fricdländcr. Nicolas Poussin, iMünthen 1914, S. 93 H.
506
Landschaftszeichnung.
Salvatore
Rosa.
Allgemeines.
Passeri von dem ihm befreundeten F. Albani, daß er seine Bacchanalfeste auf
seinem Landaufenthake Medola und Querciola malte, weil er hier — ganz im
römischen Stil — schattige Gebüsche, liebliche Gefilde, kristallene Quellen,
freie Hügel, grüne blumenreiche Wiesen nebst dem Modell seiner schönen
Frau und Kinder allezeit vor Augen hatte. ^ Die ganze Bologneser Schule kam
nicht über das Schema geschmackvoller und , geistreicher Dekorationen' hinaus,
es sei denn, daß der Geist der Barocke sie ab und zu aus der stillfriedlichen
oder indifferenten Stimmung ins Heroische überleitete.
Dagegen bewahren ihre Zeichnungen (Naturstudien und Kompositionen),
vielfach für die Radierung bestimmt, einen ausgesprochenen Lokalcharakter,
flott und skizzenhaft in der Feder* und Pinselbehandlung, mit oft stark bes
tonten barocken Stimmungselementen. Man wanderte vor die Tore und suchte
immer neue Motive. Eine reiche Tätigkeit entfaltete Guercino (Abb. 224).
Malvasia führt von ihm dieci lihri di Disegni, parte a penna parte di lapis
rosso e nero con diversi paesini dissegnati con equitezza an.^ Der heutige noch
stattliche Bestand bestätigt diesen Bericht.
Aber trotz jener auf dem schönen Schein, auf der verbesserten Natur auf*
gebauten landschaftlichen Richtung gab es Gruppen, die das Naturgemäße,
sogar das Extreme, Verwildert* Trutzige und Gewaltsame aufsuchten und auch
in dem Orrido die Bellezza erkannten. Was einst Leonardo nur mit Worten
geschildert, Tizian zuerst mit Feder und Pinsel versucht hatte, wurde für
Salvatore Rosa die Hauptaufgabe seiner Studien. Der jugendliche Künstler
durchstreifte die Einöden der Abruzzen (Abb. 210) oder fuhr in der Barke
längs der unteritalienischen Küste, um derartige Motive zu sammeln. Daraus
setzte er kleine Kompositionen zusammen und verkaufte sie zu billigen Preisen.^
Und noch in den sechziger Jahren berichtet er seinem Freunde G. B. Ricciardi
begeistert über die Eindrücke der Reise von Loreto nach Rom, die außergewöhn*
liehe schreckhafte Einsamkeit, den Wechsel ebener und felsiger Gegenden und
den Wasserfall des Velino. «Das ist etwas, was auch das ungenügsamste Ge*
müt durch seine schauerliche Schönheit zu begeistern imstande ist.»^
Deutschland. Hinsichtlich der Komposition entwickelte sich die
Landschaft im Norden, von Lokalverschiedenheiten abgesehen, unter ähnlichen
Gesichtspunkten und Bedingungen wie in Italien. Auch hier gewann sie
erst allmählich im 15. Jahrhundert den frommen Darstellungen ein freieres
Verhältnis ab und wurde zur breiten schmückenden Umrahmung. Löste man
auch die Probleme der Anordnung nach gleichen Rezepten, so hatte sie dennoch
manches vor der italienischen Entwicklung voraus: eine durch das starke
Naturgefühl geschaffene Verinnerlichung, ein lebendigeres Bestreben, sie der
Handlung als ein Gleichberechtigtes an die Seite zu stellen und mit so viel
Naturdetail aus dem Tier* und Pflanzenleben auf den Beschauer zu wirken,
' Passeri, S. 336.
' Malvasia II. 385.
=> Baldinucci, Notizie VI (Florenz 1728, p. 553 ff.).
Malerei III/l, S. 193.
* Guhl II, 320. - Bottari I, 450.
Weltmann und Woermann, Gesch.
C
c
u
Landschaftszeichnung.
507
bis sie eines Tages den Sieg über das Figurale errungen hatte. Während in
Itahen die ganze Kunstrichtung ein ausschUeßhch der bibhsch* historischen
Darstellung zugewandtes Interesse bekundete und der landschaftlichen Natur
nur den allernotwendigsten Bedarf entnahm, läßt sich in Deutschland und
den Niederlanden ein inniges Verhältnis zur weiten Natur beobachten, wie
wenn dort die immer neu auftauchenden Aufgaben alle Talente absorbierten,
hier aber das gleichmäßige, ertötende Passionsmalen die freien Kunstkräfte zur
Selbstbetätigung der Natur in die
Arme geworfen hätte. Einer Na*
tur, die nach langen, kalten Win?
ternächten der Menschheit Früh?
lings? und Sommerwonnen brachte
und der das bange Herz wie
einer Erlösung zujubelte. Nirgends
treten uns die Gegensätze von
Wintersnot und Frühlingsfreude
so sinnfällig entgegen als bei Wal*
ter von der Vogelweide. Unbe*
einflußt durch Doktrinen, ging
man ihr freudig entgegen und
gab sie nach dem jeweiligen Schul*
Charakter unbefangen wieder.
Welche Stufe die deutsche
Landschaft um 1370 erklommen,
zeigt Abb. 235 nach der vielfach
besprochenen Miniatur aus der
Weltchronik des Rudolf von
Ems: überhoher Horizont, ein
schräggestelltes aufsteigendes Weg*
und Flußband, vieles noch über*
einander, aber auch Überschnei*
düngen und die Erkenntnis vom
verjüngten Maßstab in den Figu*
ren.^ Der reiche Inhalt ist nach
dekorativ* symmetrischen Gesichts*
punkten angeordnet. Das Tiefen*
gelände erscheint noch als hohe Wand, gobelinartig. Ein Typus, der sich oft
wiederholte und noch 100 Jahre später in Dürers Madonna mit den Tieren
vorübergehend auftauchte, zu einer Zeit, als derselbe Künstler schon die apoka*
lyptischen Landschaften gezeichnet und Konrad Witz 50 Jahre vorher seine
berühmte Genfersee*Landschaft gemalt hatte.
Auch technisch schlägt die Entwicklung der Landschaft in Deutschland einen
kürzeren Weg ein als in Italien. Hier ausschließlich im Dienste der Malerei, als
Abb. 235. Geburt Christi. Miniatur von 1370.
Überhoher
Horizont.
C>r.iphischc
FinHussc.
' München. Hofhund Staatsbibliothek. - Aus Hermann Brandt, Anfange der deutschen
Landschaftsmalerei im 14. und 1 5. Jahrhundert (Stud. z deutsch. Kunstgcsch. 1^4, Tat. II).
508 Landschaftszeichnung,
Bilddekor nach strengen Gesetzen der Bildeinheit und Tektonik eingeordnet,
die Motive mehr dem geistigen Formenschatz entnommen als in der Natur
aufgesucht. Dort in der Hand der Malergraphiker, heimatlichen Fluren ent*
lehnte Ausschnitte, mit dem Silberstift oder der Feder in bewußten Umrissen
rein herausgearbeitet, um in Stichen und Holzschnitten, abermals vereinfacht,
eine Vorherrschaft anzustreben. Das Figurale darf nicht unabhängig um der
schönen Verhältnisse willen seinen Platz einnehmen, sondern wie es die Land*
Schaft gestattet. Die Harmonie besteht in lichter Linienklarheit. Das Dunkle,
Massige wird gemieden. Keine schweren Baumkronen, nur hochragende Stämme
mit losem oder dürrem Geäst und kugeliges Gebüsch finden Anwert und im
Vordergrunde die Kleinformen der Pflanzenwelt. Selbst den Niederlanden
gegenüber läßt sie den zeichnerischen Charakter ausgesprochener und andauernder
erkennen. Schon durch das frühe Einsetzen der Ausschnittwirkung stellt sie
sich in Gegensatz zu dem dort geltenden traditionellen und absonderlichen
Aufbau phantastischer Gebirgsformen und bekundet ein anderes Schauen und
Empfinden, ein schlichteres Erfassen lokaler Natur. ^
Martin Bei Malerstechern wie dem Meister des Hausbuches oder Schon*
Schongauer. gauer sehen wir diese landschaftlichen Absichten weit deutficher im Linearen
als in Gemälden ausgesprochen. Während der letztere in seinen Bildern den
Hintergrund noch mit Gold verdeckte, betätigte er in Stichen seinen lebendigen
Natursinn. ^ FreiUch konnte sich die graphische Ungeübtheit der Naturfülle
und allen Beleuchtungsabstufungen gegenüber zunächst nur durch schematisches
Komponieren, abstrahierte, gesteigerte Formen (Baum und Fels) und durch ein
dichteres oder dünneres Strichsystem entsprechend der Luftperspektive aus*
drücken. Das Weiß des Papieres erhielt eine erhöht mitwirkende Funktion;
leere Flächen bezeichnen den lichten Himmel und sonnige Stellen ohne Schatten*
gegensätze. Eine friedliche Heiterkeit spricht aus diesen schlichten Blättern.
Dürer. In Dürer verkörpern sich beide Richtungen, das Graphische und Malerische.
Auf der Gesellenfahrt nach dem Westen Deutschlands scheinen noch die Feder*
Zeichnungen vorgeherrscht zu haben, die dann in den prachtvollen Holzschnitt*
folgen ihren Ausdruck fanden. Schon hier treibt es ihn der selbständigen
Landschaft zu. Ruckweise von der Apokalypse, der großen Passion bis zum
Marienleben werden neue Erkenntnisse und klarste Formengebung sichtbar.
Federn Einzelne Blätter sind gefüllt mit groß angelegten Naturausschnitten, mit bewußt
Studien, erschauten und zeichnerisch an Ort und Stelle klargemachten Federstudien. Die
traditionelle Annahme von zusammengetragenen Erinnerungsbildern reicht für
Dürer nicht mehr aus. Schon der Bodensee hatte ihm eine neue Welt er*
schlössen, die er voll aufnahm. Seine Entdeckungen und Erfindungen sind
zahllos. Das apokalyptische Blatt: Johannes vor der Erscheinung mit den Säulen*
fußen (B. 70) gibt uns einen Blick vom Seeufer aus über die glänzend weite,
von Schiffen belebte Wasserfläche. Weder das Schilf am Ufer, die ans Gestade
schlagenden Wellen, noch der dunkle Himmelstreif über dem Horizontspiegel
werden übersehen. Bis an den Bildrand aufsteigende Eichenbäume bringen
eine erkennbar gezeichnete Laubfülle und kräftigen Tiefenansatz. Raumweite,
' Gramm, S. 5. "^ Kämmerer, S. 73 f.
Landschaftszeichnung.
509
Raumhöhe in einer bewegten Natur
gegenüber zierhchem Detail bilden das
Neue (Abb. 236).i
Ein gleicher Naturalismus findet sich
auch in dem Passionsholzschnitt Chris
stus am ölberg (B. 6). Die Fülle zu*
fällig erhaschten organischen Lebens,
vom Graswerk und Farnkraut am Baum?
Strunk im Vordergrund angefangen bis
zu den überhängenden losen Wurzel*
fasern, vom Eichenstrauch und krönen*
reichen Baumwerk bis zum auslaufen*
den dürren Geäst, das in den wolki*
gen Himmel starrt, kann nur direkten
* In Abb. 236 wurde die Erscheinung mit
den Säulenfüßen abgedeckt, um die Wirkung
der Landschaft ersichtlicher zu machen. Der
Delphin ist eine epische Zugabe Dürers.
Weitere
Beispiele.
Abb. 236. Dürer, Apokalypse (B. 70).
Bodensee ■■ Landschaft.
510
Landschaftszeichnung.
Donaus
schule.
Naturstudien entstammen. Dagegen erscheint das Figurale etwas hineingezwängt.
Ähnliche Beispiele im Marienleben. Wenn es der Inhalt der Darstellung ermög^:
licht, wird die Landschaft innerhalb der Fläche vom Gegenstande abgetrennt
und selbständig behandelt. Die Apokalypse enthält derartige Sonderausschnitte
(B. 63, 72) und im Allerheiligenbilde wiederholt sich derselbe Vorgang farbig.
Landschafts* Seine Reisestudien während der Fahrten durch Tirol 1495 und 1506 be::
aquarelle. fassen sich anderseits mit malerischen Aufgaben. Im Beginne setzt er mit dem
Spitzpinsel ein (Innsbruck), bald aber geht er auf das breite Hinstreichen der
großen Massen los, auf ein farbiges Zusammenfassen im modernsten Sinn. Halten
wir uns seine vor und nach 1500 aquarellierten Naturstudien vor Augen, so stehen
wir einem Unfaßbaren gegenüber. Er überragt alles Bisherige durch die Kühn*
heit seines Blicks und das Siegreiche seiner Hand (Abb. 56). Es war nicht
mehr ein Bedarfsammeln von Veduten und Kleinformen, sondern ein Darstellen
um der weiten Landschaft willen. Eine technische Ausdrucksweise gewinnt
von der andern. Seine Stiche, die seit 1508 nur mehr farbige Wirkung und
Stimmung anstreben, partizipieren an der tonigen Vollräumlichkeit bis in die
Atmosphäre hinein (Melancholie) und die Gemälde wieder an der klaren Dis#
Position der Graphik.
Daß derartige Voraussetzungen in . kurzem zu einem selbständig abge*
schlossenen Ausdruck der Naturformen in Bild und Graphik führen mußten,
war nicht anders zu erwarten. Die Meister der Donauschule zogen die letzte
Konsequenz; 1510 malte Altdorfer die Landschaft mit dem St. Georg und
kaum zwei Dezennien nachher die frühest nachweisbare selbständige Donau*
landschaft, ohne jede Staffage (München). Seine gedruckten Blätter, und zwar
in der damals neuen, ausgesprochen zeichnerischen Radiertechnik, fallen um
dieselbe Zeit.^ Dürer war schon 1518 mit seiner Kanonenlandschaft voran*
gegangen. Altdorfers Ansichten aus der Donaugegend, mit kleinen mauer*
umgürteten Städtchen, Burgen oder auch Motiven von der Landstraße sind mit
einer einzigen Ausnahme (B. 66) auf die Platte übertragene Naturstudien.
Kompositionelle Zugaben sind die kleinen leichten Wölkchen, die etwas über*
höhten kantigen Berge und sonstige geschickt angebrachte Tiefenleiter, etwa ein
bemooster Fichtenstamm auf dunkler Rasenbank (Abb. 220).
Wolf Die vor der Natur entstandenen Zeichnungen mehren sich. Wolf Huber
Huber. hat uns viel von seinen Wanderungen in den österreichischen Fluß* und See*
tälern hinterlassen; klare, geschlossene Umrisse von einem eigenartigen Linien*
fluß. Die graphische Einheitlichkeit und Klarheit ging so weit, daß selbst das
Blattwerk und Gezweig ein dem Gesamtkontur angepaßtes Einheitsgepräge
erhielt. Schattengegensätze werden gemieden. Alles hell und bestimmt, wie
für den Holzschnitt berechnet (Abb. 222). Die Tiefenweite wird durch über*
große seitlich hereinragende Bäume, Schrägenwirkung, in seinen letzten Jahren
auch durch Linienwerte angebahnt. Die Klarheit der gewonnenen Formen unter*
Lautensack, liegt schon in den fünfziger Jahren unter den beiden Nürnbergern Lauten*
Hirschvogel, sack und Hirsch vogel den von den Niederlanden kommenden Einflüssen.
' B. 66-70, 72-74 und P. 109. Herausgegeben von M. J. Friedländer: A. Altdorfers
Landschaftsradierungen. (Graph. Gesellschaft 1906, IIL Mappe.)
Landschaftszeichnung.
511
512 Landschaftszeichnung.
An die Stelle der Natureinfachheit tritt unorganische Überfüllung mit über*
triebenen Formen, an Stelle der auf graphischer Grundlage erworbenen typischen
Helligkeit eine stillose Ausführung.
Elsheimer. Nach einer halbhundertjährigen Unterbrechung beginnt ein neues Erblühen
durch Adam Elsheimer. Das Anknüpfen an niederländische Formen ist
unverkennbar. Aus Antwerpen und Brüssel hatten sich kalvinistische Maler
rheinaufwärts geflüchtet und in verschiedenen deutschen Städten ihren Beruf
weiter betrieben. In Frankenthal in der bayrischen Pfalz saß eine ganze Kolonie
von Landschaftern, darunter auch der 1587 zugewanderte Gillis van Conincxloo.^
Märten van Valkenborgh hatte sich in Frankfurt ansässig gemacht.^ Elsheimer,
in dieser Stadt geboren und aufgewachsen, stand unter dessen Einfluß. Und
als er um 1600 in Rom seine Studien fortsetzte, begegnete er abermals der*
selben, wenn auch bereits italisierten Richtung bei P. Brill. Nichtsdestoweniger
fand er bald seine eigene Ausdrucksweise hinsichtlich Komposition und Einzel*
form, so daß er sogar den letzteren beeinflußte.^ Seine landschaftlichen Skizzen
/ (heute Frankfurt, Stadel) enthalten eine durchaus neue Auffassung. Die Motive
sind nicht immer italienisch zu nennen. Ob er Meeresufer, Hütten mit Baum*
Studien, öde Gegenden mit Galgen und Rad darstellte, alles erscheint gleich
flüchtigen Erinnerungen künstlerisch abstrahiert, in einer fieberhaften Feder*
technik oder als breitflüssige Pinselskizze in Tusche oder Braun niedergeschrieben
(Abb. 211, 237).* Die phantasievolle Umgestaltung seiner Natureindrücke hat
schon Sandrart erkannt: «Wenn Elsheimer nur einige schöne Bäume angesehen,
vor welchen er oft halbe, ja ganze Tage gesessen oder gelegen, er selbige
ihme so fest eingebildet, daß er sie ohne Zeichnung zu Haus ganz völHg,
natürlich und ähnlich können nachmahlen».''
Verfall. Abermals brach die landschaftliche Entwicklung jäh ab. Der fruchtbare
Samen, den Elsheimer in Rom für Deutschland ausgestreut hatte, sowie Claude
für Frankreich, verdarb in der Ungunst der Zeiten. Nur in den zahlreichen
radierten Folgen von Ansichten und Landschaften des Matthäus Merian,
Wenzel Hoflar, J. W. Baur, J. H. Roos fand die zeichnerische Tätigkeit ihren
besonderen Ausdruck. Was nach dem Dreißigjährigen Kriege folgte, war
konventionelles Zusammentragen stiHstischer Elemente aus allen möglichen
Schulen, etwas geregelt durch lokal*akademische Vorschriften. Ein Charakteristik
sches Beispiel bietet C. W. E. Dietricy, der bald in der Art Van Goyens, bald
in der Berchems oder Poelenburgs, selbst Rembrandts zu glänzen suchte.
Selbständiger verfuhren Zeichner wie die beiden Brand, E. Weirotter oder
F. Kobell. Bezeichnend für das werkstattmäßige Schafften erscheint das viel*
fache Auftreten ganzer Künstlergenerationen. Die Technik wechselte nach der
Mode oder nach den Vorbildern, die man gerade vor Augen hatte. Eine
' Ed. Plietzsch. Die Frankenthaler Maler, Leipzig 1910, S. 13 und S. 24-74. (Beiträge z.
Kunstgesch., N. F. XXXVI.)
* Anton Mayer, Das Leben und die Werke der Brüder Matthäus und Paul Brill, S. 71.
' W. Seibt, Elsheimers Leben und Wirken, S. 47 (Studien zur Kunst= u. Kulturgesch. IV).
* Inv. Nr. 5842, Feder. Die photographischen Aufnahmen verdanke ich der Güte des
Herrn Rudolf Schrey.
* T. A.. Bd. II. T. II. III. B. XVI.
Landschaftszeichnung. 513
Zeitlang herrschte die Rötellandschaft vor. Später trat die ausgetüpfelte, in
einer unfruchtbaren Pinselmanier erstarrte Sepiazeichnung an die Oberfläche
und — fast gleichzeitig — die mit dem Aufkommen verbesserter, harter
Graphitstifte sich in feinsten Umrissen auslebende Konturlandschaft, die noch
bis in die Mitte des vergangenen Jahrhunderts alle Zeichenschulen durch den
konventionellen «Baumschlag» unsicher machte.
JJlE NIEDERLANDE. Die Frage, ob in den Niederlanden die Minia* Einfluß der
turen das landschaftliche Tafelbild besonders förderten, oder umgekehrt, hat Miniaturen,
nach beiden Seiten hin mehrfach Vertretung gefunden. Auf ein Zweifaches
aber sei hier hingewiesen, daß in den Livres d'Heures die freiere Wahl der
Stoffe eine Schilderung des Volkslebens und damit auch der Jahreszeiten und
Monate (Kalenderbilder) mit sich brachte und daß sich die Naturbeobachtung
dadurch besonders entfalten konnte. Jedenfalls waren die Einflüsse und Ent*
lehnungen gegenseitig. Für die Gemälde setzte sich der zeichnerische Aufbau
— die Zeugnisse fehlen für die frühe Zeit gänzlich — gewiß auch aus kleinen
Einzelfederstudien von Felsen, Bäumen, Burgen, Häusergruppen und Bauern*
hütten zusammen. Einen Beweis hiefür könnten schon der übergroße Reichtum
an Detail, dessen unorganischer Zusammenbau und die Unruhe im Lineament
ergeben. Noch mehr scheint sich jene Annahme zu bestätigen, wenn wir aus
J. Patinirs landschaftlichen Zeichnungsresten und aus seinem Skizzenbuch bei I.Stufe.
P. Errera (Brüssel) als den frühesten Belegen Schlüsse nach rückwärts ziehen. J- i'atinir.
Eine Fülle von Strohhüttenmotiven, nach der Natur gesammelt, Phantasiestädte
mit Zentralbau, ersonnen oder aus anderen Kunstwerken zusammengestellt,
phantastische Felsen füllen die Kleinoktavseiten (Abb. 238).^ War es auch
nicht möglich, ein oder das andere Motiv in den wenigen Bildern des Meisters
wiederzufinden, so bleibt der Zusammenhang mit ihnen doch offenkundig. Die
zusammenstellende Einzeichnung in die Tafel war Aufgabe der komponierenden
Phantasie, die Ausstattung mit farbig ausgleichender Luftperspektive die des
Farbpinsels. Gerade bei den Niederländern erscheint in landschaftlichen Zeich*
nungen und Stichen (P. Brueghel d. A., Jac. de Gheyn) neben der Signatur
das invenit als besonderer Hinweis auf ein nach dekorativen Gesichtspunkten
angeordnetes Phantasiewerk. Die Zeichnungen Patinirs geben nur eine kurze
Stricheltechnik, ohne viel Gegensatz, die nur die notwendige Anlage festzulegen
hatte. Um etwas Tiefenwert zu gewinnen, werden die fernsten Bergkonturen,
da auch der Vordergrund zart wirkt, in lose Strichel aufgelöst, ein Ausweg,
der von den Nachfolgern vielfach angewendet wird.
Die Umwandlung der Landschaft von einem phantastischen Mikrokosmus P. Brueghel
zum einfachen abgeklärten Stimmungsbild hat sich in den Niederlanden unter ^- ^^•
P. Brueghel d. A. vollzogen, so wie in Venedig unter Tizian.-' Der Blick
schweift von der Höhe ins weite Tal und darüber hinweg auf ferne Gebirge;
die Massen sind geordnet und die Formationen erwecken bereits den Eindruck
der Natürlichkeit (Abb. 239).^ In allen von H. Cock als Stichfolgcn heraus«
' Aus dem Patinir^Skizzenbuch, Sammlung P. Krrcra, Brüssel. Feder, verkleinert.
» E. Heidrich, Altniederl. Malerei, Jena 1910. S. 61.
' Bastelacr, P. Brueghel, Cat. de la-uvrc dessine, Brüssel 1907. N« 25. 13 X 18 cm. Louvrc.
Meder, Die llandzeichnung. 33
514
Landschaftszeichnung.
2. Stufe.
gegebenen Blättern wie auch in den sehenen Landschaftszeichnungen Brueghels
läßt sich das noch mühsame Nachhinken graphischer Beschränktheit für jene
Zeit sofort erkennen, sobald man seine virtuos gemalten Landschaften mit
Jahreszeitenstimmungen und selbst dem bisher gerne gemiedenen Winterthema
(Wien) zum Vergleiche heranzieht. Die mageren, feingestrichelten Naturstudien
oder erdichteten Ausblicke in brauner Feder auf Skizzenbuchblättern, nie ein
Versuch mit breiteren Grifteln, kaum eine zarte Lavierung, schleppen noch die
alte Tradition seit Patinir weiter.^ Nichtsdestoweniger wurden Wolken« und
Sonneneffekte im Hochgebirge ausprobiert, Themen, die zwar Wolf Huber
30 Jahre früher linear versucht hatte, die aber hier das Geschlossen^Flächenhafte
bereits anstrebten.
Diese lineare Gruppe schließt mit Brueghel d. Ä. ab, es beginnt ein neuer
Typus, der sich in fortschrittlicher Weise des Pinsels und der Farben bedient.
Die Zeichnung lehnt sich viel enger an die Malerei an. Schon die Ausstattung
[
Abb. 238. Patinir, Bauernhütten. Skizzenbuch ^Ausschnitt.
der Gemälde mit drei verschiedenen Gründen von vorn nach rückwärts (braun:!
gelb, dunkelgrün, hellblau) durch Dirick Bouts war gegenüber dem italienischen
Prinzip, den Hintergrund durch eine Plattform abzutrennen, eine sichere Vor«
bereitung zur weiteren Vollendung, der nur mehr ein freieres Naturstudium
und die Vereinigung jener drei Abstufungen durch einen gemeinschaftlichen
Luftton fehlte. Inhaltlich tritt eine größere Abwechslung durch die Aufnahme
italienischer Motive ein. Nach Manders Zeugnis ist Matthijs Kock der erste,
der die neue italienische oder antike Weise (de nieuw Italiaensche oft Antijcksche
P. Brill, wijse) zur Geltung brachte.^ Mit Paul Brill und Gillis van Conincxloo
Conincxloo. setzt diese Richtung kräftig ein. Beide hatten in Rom neue Formen auf«
genommen. Aber während der erstere seine Landschaften kompositionell«deko«
rativ mit Fernblicken ausgestaltete, heimatliche Erinnerungen mit antiken Bau«
resten vereinigte und bis an sein Ende (-j- 1626) im Dienste römischer Auftrag«
geber stand, führte der letztere, wieder in seine Heimat zurückgekehrt, den
vordergrundbeherrschenden Baum mit büschelförmigem Laub an Stelle der
ausgetüpfelten Krone ein. Schon Mander nannte Conincxloo den Begründer
des Baumschlags. Die Raumtiefe wird damit eingeschränkt, dichtes Baum«
' Bastelaer p. 170 führt einschließlich der fraglichen nur 3 Blatt an.
* MandersFloerke I, 249.
Landschaftszeichnung.
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516 Landschaftszeichnung.
und Strauchwerk kuhssenartig deutHch nach vorne gedrängt und die Wald:=
landschaft gleich jener Tizians, doch nordisch behandeh, zur Wirkung gebracht.
Ausschnitte mit stihsierten Zweigen, deren Blätter fast zählbar sich von der
Luft abheben, mit verkrümmten, gedrehten Baumstämmen auf der einen und
kugeligem Laubwerk auf der anderen Seite. Im Gegensatz zur stillen Ferne
wogt der Vordergrund durcheinander. Wenig Vertikale, viele sich schneidende
Zweifarbig» Diagonalen. In den noch mit Bister ausgeführten Zeichnungen verleihen
keit. kräftige braune Lavierungen dem ersten Plane Festigkeit, während Gebirge,
Himmel und Wasser in blauer Färbung erscheinen. In Bildern schiebt sich
zwischen beiden Tönen das Grün ein. Es entsteht der zeichnerische Typus
der farbigen Gründe, der fortan viele Nachahmer findet: Jan Brueghel,
Vinckeboons, Lucas Gassei, Roland Savery (Abb. 240),^ Jodokus de Momper.
An diese Gruppe knüpft Mander an, wenn er in seinem Lehrgedicht die land*
schaftlichen Forderungen für die jungen Maler aufstellt. ^ Es sind nicht auf
eigenen Erfahrungen beruhende Erkenntnisse, sondern dem Zeittypus entlehnte
Beobachtungen, wobei ihm Conincxloo als der beste Landschafter gilt. Er ahnt
nicht den neuen Stil, fühh nicht die Zeichen des kommenden Realismus, sondern
weist als echter Romanist noch auf Tizian, Tintoretto und Muziano hin.
■ Rubens. Den Höhepunkt und Abschluß dieser vlämischen Landschaft bildet Rubens.
Nationale Motive, aber vom Geiste des italienischen Barock durchdrungen,
weiträumig und formenreich, oft leidenschaftlich bewegt in Baumwerk und
Staffage. Seine frühen Zeichnungen halten noch die Zweifarbigkeit ein (Berlin).
Einzelstudie wie kompositionelle Anlage stehen großzügig auf Folioflächen und
manifestieren das mächtige Heraustreten aus der Tradition kleiner Verhältnisse.^
3. Stufe. Im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts erscheint in Holland die ausgesprochen
persönliche Landschaft. Das Konventionelle hörte allmählich auf und damit
das schulmäßige Zusammenstellen erlernter oder entlehnter Motive. Es begann
ein Ausschwärmen in freier Natur nach Nord und Süd, oft über die Grenzen
des Landes, ein Suchen nach Neuem auf der Weide, in den Dünen, an der
See und im Gebirge, nach vereinfachten, aber einheitlich==fertigen Ausschnitten.
Die Künstler spezialisierten sich und fanden zu den lokalen Motiven auch
heimatliche Stimmungen. Die Verbindung des feuchten holländischen Luft*
tones mit den einzelnen Gründen in feinsten Abstufungen bildete die neueste
Errungenschaft, selbst in Zeichnungen (Abb. 241).* Es bedurfte nicht mehr
Malerische der schablonenhaften Dreifarbigkeit, man erziehe die malerische Erscheinung
Zeichnung, auch monochrom. Ebenso hörte der ,klare verfolgbare Strich' auf, die Formen
lockerten sich in ihren Umrissen und griffen von Schichte zu Schichte inein:;
ander. «Es kommt auch gar nicht darauf an, daß man das eine oder das
andere Schiff sieht und wie das Haus am Ufer beschaffen ist: das malerische
Auge ist auf die Wahrnehmung der Gesamterscheinung eingesteUt, in der das
einzelne Objekt als Gegenstand keine wesenthche Bedeutung mehr hat.»^ Das
' Albertina, lavierte Feder, Inv. Nr. 22132; 16-2X23 cm.
* Mander.Hoecker, Das Lehrgedicht, S. 197, K. VIII und S. 341 ff.
= Rooses, Rubens V, Nr. 1586-1592.
* Albertina, Inv. Nr. 8525, getuschte Steinkreide; 16-4 X 275 cm.
' Wölfflin, Grundbegriffe, S. 43.
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Landschaftszeichnung. 517
vorhandene Material dieser Gruppe ist ungeheuer groß, in allen hervorragenden
Sammlungen reich vertreten, wenn auch qualitativ sehr verschieden.
Das Architektonische heimatlicher Städte und Burgen, Kirchen, Hütten und Staffage.
Schenken spielte dabei seine Rolle. Baum* und Buschwerk erlebte eine beson*
dere Beachtung und naturalistische Auffassung. Das Knorrige und Mächtige der
Eiche wird sowohl im Stamm und Geäst, als auch in der ausladenden Krone
sorgfältig studiert. Die Staffage bleibt ein notwendiger Bestandteil und erhält
ein streng nationales Gepräge. Das Zwangsverhältnis zur Historie hat damit auf*
gehört. Städter, Bauern, Hirten, Fischer, Reiter und Soldaten werden szenisch
in Dorffesten oder bei Beschäftigungen der Jahreszeiten oder zu Idyllen ver*
arbeitet. Eben so leicht ergibt sich der Übergang zum Tierstück und es ist oft
schwer zu entscheiden, ob in der Landschaft das eine oder andere vorherrscht.
Dabei helfen die Figurenmaler den Landschaftern und umgekehrt. Andries Both,
Adriaen van de Velde, Lingelbach, Wouwerman staffieren die Werke anderer.
Die Atmosphäre entwickelt sich zu einem wirksamen Behelf, mächtige Wolken;
züge gliedern nicht nur oberhalb des niederen Horizontes die Bildlläche, ent*
sprechend den unteren Hauptkonturen, sondern geben auch tonige Stimmungs?
träger ab. Überdies steigert man durch außergewöhnliche Lichteffekte wie
Feuersbrünste oder Fackelfeuer die Gesamtwirkung. Mondscheinbeleuchtung,
Wasserspiegelungen und Winterstimmungen treten häufig auf
Schon das vorhergehende Jahrhundert hatte jene Vorbedingungen geschaffen, Naturstudie
um eine technische Änderung und damit zeichnerisch eine mehr naturalistische ""*^
Ausdrucksweise zu ermöglichen. Die gut studierte Zeichnung wurde mehr als ^.^^^^^^^^
je eine nicht zu übergehende Vorstufe des Bildes selbst. Nicht nur die vielen
im Freien zeichnenden Staffagemännchen, die uns in holländischen Bildern,
Radierungen und Zeichnungen begegnen, sondern auch die große Anzahl voll?
endeter, oft in Großfolio angelegter Naturstudien weisen darauf hin, welche
Bedeutung ihr im 17. Jahrhundert zugemessen wurde. ^ Wiederholt ist die
Frage berührt worden, ob die holländischen Landschafter auch in freier Natur
gemalt hätten.^ Weder literarisch noch tatsächlich gibt es hiefür Anhalts;
punkte. Skizzen, die die Vermutung erwecken könnten, vor der Natur gemalt
worden zu sein, oder Darstellungen mit im Freien malenden Landschaftern
konnte ich nicht ausfindig machen. Dagegen sind so manche Zeichnungen,
zu denen sich auch das Bild entdecken ließ, deutliche Zeugen des Werkstatt*
Vorganges (Abb. 217, 121). Am ersichdichsten sprechen wohl jene in der
ganzen holländischen Malerei einheitlich auftretenden typischen Gesamttönc
der Bilder selbst dagegen, die bei aller individuellen Verschiedenheit doch
immer nur eine Atelierstimmung verraten. Ein vergleichender Blick auf
unsere modernen, nur in Freilicht gemalten Landschaften läßt den technischen
Unterschied erkennen. Auch in anderen Ländern und weit herauf war dies der
Fall. Noch aus Ludwig Richters Lebenserinnerungen erfahren wir mancherlei
über die traditionelle Entstehungsweise in bescheidenen Stuben. Er selbst malte
in Rom den Watzmann nach feinen Bleistiftstudien aus seinem Reisc^Skizzen»
' Z. B. Watcrloo, Joris van der Hagen auf blauem Naturpapier.
* E. Michel, Jacob van Ruysdael, S. 64.
518
Landschaftszeichnung.
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Landschaftszeichnung. 519
buche. Wollte man schon von koloristischen Vorstudien sprechen, so kämen
höchstens farbig aquarellierte Zeichnungen in Betracht, so von Landschaftern
wie Everdingen, Molyn, Berchem, A. Cuyp, Herman Zachtleven.
Im allgemeinen besorgte die getuschte Steinkreide die Umsetzung der Technisches.
Naturformen hinsichtlich Anlage und Tonung. In der Erfassung von Luft? Steinkreide.
Perspektive oder Einzelformen wie Wasserflächen, Baumstrukturen war kein
Mittel geeigneter. Für die malerisch lockeren und doch die Massen rasch
hervorhebenden Zeichnungen konnte man sie nicht mehr entbehren. Ihr
grauschwarzer und sanfter Strich, der sich breit im Vordergrunde, fein im
Fonde auftragen ließ und ein flächiges Ineinanderarbeiten durch Schattieren
oder Wischen gestattete, ermöglichte schon in den Naturstudien die Angabe
aller Tonwerte. Kaum finden wir eine stärkere, bewußtere Ausnützung dieses
Materials für alle Fern« und Nahwirkung als abermals bei Rembrandt. Von
den mit feiner Spitze angedeuteten im dunstigen Horizonte liegenden Wind*
mühlen, Turmspitzen und Bäumchen arbeitet er sich nach vorne, die Kreide
immer flacher legend, bis zu dem im Vordergrund ersichtlichen Massengepräge
(Abb. 312). Ebenso fand man durch verschiedene Lavierungen der Kreide?
Zeichnung auf tonigen Papieren und durch das Aufsetzen eff^ektvoller Lichter,
besonders in Wald* oder Nachtlandschaften, hinreichend neue individuelle
Stimmungen. Men modelt het op wit of blaauw papier (Lairesse II, S. 155).
Reine Pinselzeichnungen in Braun oder Tusche, wie sie Claude übte, begegnen
uns bei in Italien schaffenden Landschaftern (Adriaen van de Velde,^ Bischop,
Dujardin, Berchem). Vereinzelt bei Rembrandt.
Frankreich. An den Akademien galt das Landschaftszeichnen nicht Dekorative
besonders viel. Die Hauptsache blieb die Figur, denn es wäre nur Sache der I-anaschatt.
Übung, mit Hilfe erworbener perspektivischer Kenntnisse und Belichtungs*
erfahrungen in der Natur Ruinen und Marinen zu zeichnen.-' Die durch Claude
und Poussin angebahnte dekorative Richtung fand noch im 17. und 18. Jahrs
hundert ihre Fortsetzung. Adrien Manglard und Joseph Vernet haben
uns in Bildern, Zeichnungen und Stichen eine Fülle der traditionellen Hafen-
landschaften und Küstenszenerien hinterlassen. Nur bei Watteau, Boucher und
Fragonard und deren Nachahmern erkennen wir ein nationales Aufleben.
Watteaus Gesellschaftsstücke geben uns hiefür den frühesten und stärksten Watteau.
Ausdruck. Die Dekorative besteht nun nicht mehr in einer gesetzmäßigen An«
einanderfügung römischer Versatzstücke, sondern in einer harmonischen Durch*
dringung der Natur mit dem Geiste der Darstellung. Das Ausschwärmen der
jungen Paare vollzieht sich in üppigen Parklandschaftcn, die süßen Liebeleien
in einer sinnhch gesteigerten Umgebung, die mit ihren lauschigen Ecken,
grünen Lagerstätten vor marmornen Liebesgöttern zum Tändeln und Genießen
von selbst einladen. Das Rauschen und Plätschern von Wasserfällen und
Brunnen mischt sich in die kleine Musik. Ob der Blick in die Ferne schweift
oder sich zu den mächtigen, überall abgerundeten Baumkronen erhebt, nirgends
eine aufregende Linie, eine Störung der Gesamtstimmung. Es sind Phantasie*
' Fairfax Murray, Tat. 152. römische Landschaft. ' Kncycl. mcth. II. 465.
520
Landschaftszeichnung.
gebilde, die auf der Leinwand ihre kompositioneile Entstehung und farbige
Durchbildung erfahren und mit keinerlei zeichnerischen Vorlagen Zusammen*
hang haben. Erinnerungen an Gesehenes, Erlebtes in der schönen Umgebung
französischer Schlösser mit ihren kunstvollen Anlagen, aber auch einzelnes aus
Tizianischen und Ruysdaelschen Bildern wirken sicher mit, allein die Führung
des Pinsels beherrscht ausschließlich der sinnlich* nationale Wohllaut des
Ganzen. Selbst der geringe Bestand von flüchtigen Skizzen mit ähnlichen
Darstellungen oder gar von ausgeführten Landschaftsstudien Watteaus, die uns
in Radierungen erhalten, beweist dies.^ Während die ersteren den Hinter*
grund kaum andeuten, enthalten die letzteren nur schlichte, fernstehende Motive.^
Abb. 242. F. Boucher, Hofinneres. Albertina.
Boucher. Weit mehr an Naturstudien, an gemalten und gestochenen Landschaften
überliefert uns Fran^ois Boucher, durchaus engbegrenzte stillebige Aus*
schnitte aus der ländlichen Umgebung von Paris, die sich der Mehrzahl nach
fast immer nach denselben Gesichtspunkten aufbauen und eine leicht zusammen*
faßbare Gruppe abgeben. Immer vorne eine grüne Plattform, dann ein kleines
Wasser, ein Bach, von krummen Weiden oder Gebüsch umwachsen, über
welchen ein Steg oder gemauerte Bogen zu einem vernachlässigten Bauern*
' Vgl. Knackfuß 5 Monographie von Rosenberg, Abb. 74 und 83. — Ferner die radierten
Folgen I und II der Figures de differents characteres, de Paysages et d'Etudes dessinees
d'apres nature par A. Watteau . . . gravees ä l'eauforte par des plus habiles Peintres et
Graveurs du temps.
* Z. B. Kanallandschaft mit abgetakeltem Segelboot, Tusche und Rötel (Chatsworth«
Publik.. Taf. 17).
Hilfszeichnungen. 521
Häuschen oder zu einer Mühle führen, und dahinter hochaufragende Bäume,
die dem Blick die Ferne verschließen.^ Durchaus verarmte, ungepflegte Objekte
mit viel Einzelheiten, die knapp vor dem Beschauer stehen. Als Staffage
waschende Frauen, fischende Knaben oder Bauernkinder. Seltener finden sich
Hofinterieurs, Gartenecken mit Gitterwerk von durchaus nationalem Gepräge
(Abb. 242)." Im direkten Gegensatz zu Claude und Foussin vermissen wir
jedes Streben ins Geräumig^Weite, Große und Erhabene. Neben dem ernüch*
ternden Einfluß der Holländer fühlen wir noch die Sehnsucht des Künstlers
heraus, seine endlosen, geschminkten Schäfereien, seine üppigen Parks, seine
nackten Mythologien einmal mit der schlichten Natur und bäuerlichen Ein*
fachheit zu vertauschen und sich in fleißigen Kreidezeichnungen auf blaufarbi*
gen Papieren auszusprechen.
Als der dritte national schaff^ende Zeichner erscheint Fragonard. So per? Fragonard.
sönlich seine Note, so sehr er ein Stück Natur phantasiemäßig zu steigern
verstand, so lehren seine landschaftlichen Studien, ob nun in Tivoli, auf hei*
matlichem Boden oder aus Freiem mit genreartigen Motiven entstanden, daß
sie seinen Bildern gleichfalls ferne lagen, die sich ihre Hintergründe unabhän*
gig und ganz im Geiste Bouchers und "VC^atteaus erdichteten.
Hilfszeichnungen.
1. Der Karton.
Cartone grande, Spolveri, Cartoncino — Cartoenen.
Jxartons sind Hilfszeichnungen in Kohle oder Kreide, oft mit weißer Allgemeines.
Höhung, nach Bedarf auch mit Wasser* oder Deckfarben koloriert, seltener in
Federtechnik. Sie wurden nach einem gut durchgearbeiteten Entwurf entweder
frei oder mit dem Netze in Größe und Format des zu malenden Bildes aus*
geführt, um schließlich auf die Mauer, Tafel oder Leinwand übertragen zu
werden. Obwohl im allgemeinen Werkstattbchelfe, konnten sie sich bei ein*
zelnen Künstlern zu Kunstwerken erheben. Auch sie erlebten eine zeitliche
Entwicklung, einen zeichnerischen Aufschwung bis zur Monumentalität, um
mit der ins Ungeheure steigenden Flächenbemalung in Kirchen und Palästen
zur Zeit der späten Barocke und des venezianischen Rokoko wieder der Gering*
Schätzung zu verfallen. Leonardo strebte eine Höhe an, wie sie vor ihm noch
nicht bestand. Seine und Michelangelos Kreidekartons wurden für Florenz zu
Ereignissen. Man stellte sie aus und die Künstler umdrängten sie. Als Leonardo
jenen zur hl. Anna selbdritt vollendet hatte, wurde er dem öffentlichen Besuche
freigegeben und man sah zwei Tage lang Männer und Frauen, Jünglinge und
Greise wie zu einem glänzenden Feste wallfahrten (Vas. Mil. IV, 38). Kaffacl
erkannte den Vorzug dieser großzügigen, breiten Ausdrucksweise für ein
scharfes Gestalten seiner Ideen und ließ seine Phantasie in solchen kraftvollen
Konzeptionen ausleben.
' Vgl. A. P. 903. * Albertina, Inv Nr. 12190; 242 X 35 cm; Kreide.
522
Hilfszeichnungen.
Nur die neugewonnene Sicherheit in der Wiedergabe aller menschlichen
Formen ermöglichte dieses Zeichnen im größten Maßstabe. Noch die Cartoni
des späten italienischen Barocks enthüllen, in der Nähe betrachtet, ein Wissen,
eine Gewandtheit und Technik, die alles Staunen erregen. Der Karton war
schon frühzeitig nicht allein Behelf zur Klarmachung der Formen und des Linear*
gerüstes,^ sondern zugleich der Weg, schon vor dem Schaffen auf der Tafel
allen geistigen Ausdruck herauszuholen (Abb. 243).^ Der Marienkopf Leonardos
enthält bereits das .Lächeln inneren Glücks und alle Anmut der Seele', wie
sie später in geänderter Form im Louvre^Bild erscheinen. Im Gegensatz zu
solchen vollendeten Werken standen freilich jene handwerksmäßig gehaltenen
Kartons für Teppichweberei, Mosaikarbeiten, Marmorintarsien oder für
Sgraffiti und Glasmalereien.^
Herkommen. Woher kam der Cartone grande? Ich meine, wohl nur von der kompli*
zierten Technik der Mosaikkunst und der Glasmalerei. Man kann sich die
Entstehung der Alexanderschlacht (Neapel) oder der musivischen Arbeiten in
den Chornischen und Seitenwänden der Basiliken christlichen Mittelalters nicht
ohne Vorzeichnung im großen Maßstabe vorstellen. Haben wir für jene Zeiten
auch keine Nachweise, so belehren uns Berichte aus späteren Jahrhunderten,
wie der des Theophilus über Glasmalerei, oder jener Vasaris über die Mosaik*
technik (Mil. I, 1%), daß naturgroße Vorlagen in Verwendung standen.
Hohkarton. Die früheste, bereits (S. 347, n. 3)* angeführte Quellennachricht über die
Technik der Glasmalerei haben wir aus Theophilus nach der Wende des
11. Jahrhunderts, welche uns die Beschreibung der Holzkartons überHefert.
Papier:: Diese Prozedur erfuhr eine Vereinfachung, indem man zusammengeklebte Papier*
karten, bogen auf Brettern fixierte und darauf mit Kohle die einfachen Kompositionen
zeichnete. Cennini kennt sowohl diesen Vorgang der Glasmaler als auch das
Spolverave der Tuchmaler und den Ausdruck spolverezzi statt , Cartone' in unse*
rem Sinne. ^ Es darf nicht wundern, wenn diese Hilfszeichnungen eines Tages
von den Malern für übergroße Wandfresken angewendet wurden und vielleicht
von jenen zuerst, die auch Entwürfe für Kirchenfenster zu liefern hatten und
mit dem Verfahren der Glasmaler vertraut waren.
Cennini. Zu Cenninis Zeiten hatte man sich sowohl in der Fresko* als auch Tafel*
maierei noch mit dem direkten Zeichnen beholfen (siehe Kompositionsskizze
S. 287). Nach vielen anderen Erklärungen, wie das Fresko weiter auszuführen
sei, schließt Cennini mit der Ermahnung: «Du aber richte dich nach dieser
Regel, da Giotto, il gran maestro, sich ihrer bediente» (Kap. 67). So war es
unter Agnolo Gaddi, von dem es Cennini gelernt hatte, aber auch weiterhin,
bis endlich die neue Erkenntnis der menschlichen Form und aller Dinge eine
genaue Übertragung forderte. In Ermanglung alter Kartonreste für jene erste
Zeit suchte ich durch Konstatierung von Griffellinien in alten Florentiner
Qui fanno i pittori tutte le fauche deWarte, del ritraire dal vivo ignudi e panni di naturale,
e tirano le prospeüive . . . (Vas. Mil. I, 175).
'■' Karton in der Royal Academy in London. Vas. Soc. VI, 2. Kreide, Ausschnitt.
■' Vas. Mil. I, 192 u. 199.
* Theophilus, Diversarum artium schedulae, lib. II, C. 17 (Quellenschr. VII, S. 119).
•' Cennini K. 171: Wie man Fenster arbeitet und K. 141: Von der Tuchbemalung.
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Abb. 243. Leonardo, Madonnenkopf aus dem Karton: hl. Anna sclbdritt. London
Hilfszeichnungen.
525
Abb. 244. Piero della Francesca. Freskoausschnitt
mit Pauscpunktcn.
von
und
Pausestaub.
Fresken deren Gebrauch zu erschheßen und dieser \X'eg führte auch in ein? GriffeU
zelnen Fällen zu einem positiven Resultat. Leider war eine weitgehende Fest? spuren
Stellung bei den meisten frühen Fresken ob der schlechten Beleuchtung und
der schweren Zugänglichkeit nicht durchführbar. Jedenfalls erscheinen sie in
der ersten Hälfte des Quattrocento immer häufiger. Auch die zweite, später
noch zu erörternde Praxis der Kartonübertragung auf die Kalkschichte mittels
Kohlenstaub ließ sich auf
alten Wandgemälden und da*
mit eine Kartonverwendung
nachweisen. Bei Piero della
Francescas Fresken der Le?
gende vom heil. Kreuz in
Arezzo (um 1454—1464) fin?
den sich längs und unter den
gemalten Konturen noch Spu*
ren alter Kohlenpunkte (Ab?
bild. 244).^ Dieselben haben
sich mit dem Kalk so fest
verbunden, daß sie Jahrhun?
derte überdauerten, wie die
photographischen Aufnahmen
erweisen.
Aus naheliegenden Grün?
den fand dieser bequeme
Behelf nach und nach auch
in der Tafelmalerei Ein?
gang und wurde nicht gerne
vermißt. Bei kleinen Bildern
genügte die abgeschlossene
Zeichnung in Feder oder
Kreide, die man als Pause
verwendete. Wiewohl auch
sie heute als , Karton' bezeich?
net wird, so hatte sie damals
nur die Geltung von Dise?
gno. Wir besitzen derartige
Blätter noch von A. PoUaiuolo, Bogenspannender Herkules (Berlin), von
Raffael, St. Georg (Louvre), Traum des Ritters (Abb. 101, London) oder die
Predellenzeichnung Maria Verkündigung (Abb. 245).' Pauselöchcr bekunden
die Verwendung. Erst bei großen Tafelbildern trat neben der Zeichnung der
separate Karton in Kohle und Kreide ein.
Freilich gab es noch mancherlei Kämpfe zwischen Altem und Neuem. Wie Vasari
Peruzzi erzählt, hatte derselbe, in Rom Arbeit suchend, vor semem künftigen
Disegno
als Kartun.
T.ifclkarton.
* Aus Ricci, Piero della Francescn, Taf 22, Kreuzeinbringung, Fresco in S. Francesco in
Arezzo; vgl. ferner Taf. 6, 12, 15.
* Aus Fischel I, Taf. 28. Louvre. lavierte Feder. 285 X 422 cm. Verlag Grotc. Hcrlin.
524
Hilfszeichnungen.
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Hilfszeichnungen. 525
Meister seine Fähigkeit in der Weise zu dokumentieren, daß er auf eine mit
Gips grundierte Tafel ohne Karton und Vorzeichnung eine Madonna malen mußte.
Ob sich dieses Histörchen gerade auf Peruzzi bezieht oder nicht, das eine fällt
doch ab, daß in jener Zeit^ die Methoden noch schwankten und einzelne
Meister mit Hochmut auf jene blickten, die sich in der Tafelmalerei des Behelfes
bedienten. «Wer Fresken arbeiten will, muß Cartoni machen, obgleich auch
viele sie für die Tafel anwenden», schreibt noch Vasari.'-
Die Offizien bewahren eine Holztafel mit präpariertem Grund und einer Pollaiuolos
fertigen Vorzeichnung Antonio Pollaiuolos (Abb. 3). Dieses interessante, mitten Caritas,
in der Arbeit stecken gebliebene Stück zeigt die Anlage einer Caritas in
Unterlebensgröße, mit Schattierungen und aufgesetzten weißen Lichtern. Das
Suchen und Verbessern der Konturen und das Vorhandensein von Pentimenten
bei dem Kinde, sowie der feste, zeichnerische Strich könnten fast auf eine
unmittelbare Vorzeichnung nach altem Rezepte schließen lassen, wenn man nicht
an einzelnen Stellen die ungelenken Pausierungslinien erkennen würde. Es
mußte also eine Vorzeichnung in Naturgröße, ein richtiger Karton, vorhanden
gewesen sein. Daß die aufgepauste Zeichnung außerdem an einzelnen Stellen
geändert und weitergeführt wurde, entsprach nur den Forderungen einer guten
Arbeit. Unter denselben Gesichtspunkten ist auch jene unvollendete hl. Bar*
bara Jan van Eycks in Antwerpen vom Jahre 1437 zu betrachten. Auch sie,
obwohl nach allen Regeln der feinmalenden Altniederländer angelegt, setzt
eine separate Vorzeichnung und gewiß auch eine Pausierung voraus. Derart
frühe Einblicke in, die Entstehungsweise sind freilich selten.
Aus den vielen Wiederholungen gleicher, nur mit anderen Heiligen ver* Mehrfache
sehener Madonnenbilder der Bellinischule müssen wir die handwerksmäßige Benutzung,
und mehrfache Ausnützung eines gemeinschaftlichen Urkartons erschließen.
Beispiele dieser Art sind die Catena* Madonnen in Berlin, Venedig (Akademie),
Modena und der Sammlung Bardini (Nr. 698). Auch in Verona, Perugia und
anderen Provinzstädten scheint eine ähnliche geschäftliche Praxis geherrscht zu
haben, indem selbst einzelne Figuren von einem Bilde zum andern wanderten.'
Dazu gehört auch die verkehrtseitige Verwendung in Fällen, wo es sich um
symmetrisch angeordnete Gruppen handelt, wie z. B. bei den gesimstragenden
Putten der Sixtina* Decke.
Aus der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts können wir keinen höheren Wert.
Lobspruch zitieren als Armeninos Worte: «In einem gutgezeichneten Karton schatiung.
sind die äußersten Schwierigkeiten aller Dinge überwunden; wer den Konturen
desselben folgt, geht auf der sichersten Straße, mit dem vollendetsten Vorbilde,
ja man kann sagen mit dem Bilde selbst, dem nur die Farben fehlen.»*
Daß formsichere Zeichner auch späterhin ohne Karton ihre Aufgaben zu Karton,
erledigen wußten, läßt sich aus mancherlei Überlieferungen erkennen. Nach vcn.cht.
Ridolfi arbeitete Tintoretto innerhalb weniger Tage den Konkurrenzauftrag für
San Rocco direkt auf der Leinwand, zum Erstaunen der Wettbewerber, die sich
• Peruzzi kam 1503 nach Rom.
2 Vas. Mil. I. 175. o u r c -,
=» Fische], Die Zeichnungen der Umbrer; Jahrb. d. pr. Kunsts., 38. B.. Bcihclt. S. 2.
* Armenino, p. 111.
526 Hilfszeichnungen.
mit ihren Kartons einfanden.^ Sogar in der Deckenmalerei werden Beispiele
direkter Bearbeitung erwähnt. Inwieweit dies richtig, müßten Untersuchungen
an Ort und Stelle erweisen. So soll der gewandte Guercino, welcher 1631 in
Bologna den Herren Sampieri ein Deckengemälde «Herkules und Antäus» zu
liefern hatte, ohneweiters auf den Plafond gezeichnet haben, allerdings schon
für jene Zeit ein Bravourstück: e mirabile averlo fatto senza cartone; tanto era
pratico neu' eccelenza del disegno} Auch Lodovico und der bereits erkrankte
Annibale Carracci sollen es nicht gerade mit besonderem Erfolg versucht
haben.^ Indes gewähren Nachlaßverzeichnisse einzelner Ateliers Einblick in
den reichen Bestand ehemals vorhandener Kartons.^
Das Im 18. Jahrhundert entbehren wir jeder Nachprüfung und das Forschen
18. Jahrs j^^^.}^ Plafond*Kartons bleibt erfolglos, so daß der Irrtum wachgerufen wurde,
hundert, j-^ Künstler jener Zeit hätten ohne diese Behelfe gearbeitet.^ Allein trotz der
erwähnten, in Italien exzeptionell denkbaren Übung bei Einzelfiguren und
trotz des Mangels an Kartonzeichnungen, wie z. B. für die großen, von Tie#
polo bemalten Flächen oder bei den österreichischen Barockkirchen darf man
nicht an einen Kartonverzicht denken. Gestattete die häufig angewandte
Alsecco* Technik auch ein leichteres und freieres Schaffen, da während der
Arbeit die ganze zu bemalende Fläche zur Verfügung stand, so ist ein zusammen*
hängendes, direktes Zeichnen überlebensgroßer Figuren auf einem ausgedehnten
Felde geradezu ausgeschlossen. Selbst die genaueste Übertragung der Netz*
linien von der Vorstudie in den Plafondmaßstab und die Einzeichnung des
Figuralen innerhalb dieser Hilfslinien wäre von solchen Schwierigkeiten begleitet
gewesen, daß das Ganze seinen organischen Zusammenhang hätte verlieren
müssen. Wer einmal dicht unter einer bemalten Deckenwölbung gestanden,
wird zugestehen, daß hier jede Übersicht aufhört, um eine Komposition nach
allen Seiten hin proportioniert auszugestalten. Außerdem konnten mir erfahrene
Restauratoren, denen die Ausbesserung von Kirchen* und Schloßfresken an*
vertraut war, die Versicherung geben, daß sie längs der Konturen tief ein*
schneidende Griffellinien beobachtet hatten. Es war jene Zeit, wo die Vor*
bereitung zu den Riesenbildern sich allerdings technisch vereinfachte und die
hiezu verwendeten Arbeitskartons sich mit den Kompositionskonturen begnügten.
In kleine Teile zerschnitten, um übertragen zu werden, zerrissen durch die
Pausierung, wurden sie als wertlose Fetzen weggeworfen.
Zurichtung Über die HERSTELLUNG von Freskokartons (cartone fare, disegnare,
<^^r seltener dipignere) erfahren wir bei Vasari und Armenino Ausführliches, indes
PapierHache. ^^^ £^j. einfache Fälle.*' Zunächst über die Zurichtung der Papierfläche. Man
klebte die Blätter in der Größe des zukünftigen Bildes mit Kleister oder Leim
zusammen, spannte sie an die Mauer, indem man sie rings herum zwei Finger
' Ridolfi, op. cit. II. 19. '' Malvasia IV, 368.
« Malvasia 111, 448, III, 443. - Bellori, Vita Annibale Carracci, p. 34.
* Schmarsow, Baroccio, S. 36: Eine Inhaltsangabe von Baroccis Atelier.
" H. Tietze, Programme und Entwürfe zu den großen österr. Barockfresken (Jahrb. d.
Ks. d. Kaiserhauses XXX, S. 19).
" Vas. Mil. I, 175. - Armenino, S. 111.
Hilfszeichnungen. 527
breit mit Kleister beschickte und durch Bespritzen mit Wasser von der Mitte
nach außen naß machte, um die etwa entstehenden Falten zu vertreiben. Das
Zusammenfügen der Einzelbogen nannte man fogli squadrametteve insieme el
cartone^ oder appiccare' oder nach Pietro da Cortona: incollare li cartoni.^
Große Kartons, für die man wie z. B. für Michelangelos Schlacht bei Cascina
gleich 14 quadroni Bologneser Realfolio verbrauchte,* d. s. ungefähr 15 m-,
wurden vom Cartolajo zusammengefügt und, weil als unförmliche Flächen leicht
einreißbar, mit Leinwand eingefaßt (orlave el cartone).-' Manche wurden gewiß
auch rückwärts durch Leinwand oder Papier verstärkt. Man könnte sich sonst
den Rechnungsbeleg vom 30. Juni 1504: libre 88 di farina stacciata biancha,
data a Lionardo da Vinci in due volte, et rinpastare el cartone kaum er*
klären.*^ Und wenn dieser Künstler für seinen Karton außerdem 28 Pfund
biacha alexandrina, 36 Pfund bianchetta soda und 2 Pfund Gips benötigte, so
muß man angesichts solcher Mengen wohl an eine ausgiebige Grundierung
denken.^
Nach Herstellung der Papierfläche erfolgte das Zeichnen, d. h. die Übers Das
tragung der kleinen Komposition ins große Format, bald mit Netz (graticola),'" Zeichnen,
bald ohne, je nach der Kartongröße, der persönlichen Gewandtheit und den
vorbereiteten Studien. Ein jeder Meister ging hier nach freiem Ermessen vor.
Es gab Künstler, die sich vorher jede Einzelfigur ihrer Komposition nach dem
Modelle in der richtigen Größe gezeichnet hatten und sie nun mit Kohle oder
Kreide (con una canna lunga che abbia in cima un carbone) ^ mit oder ohne
Bleiweißhöhung^" in das Kartonnetz eintrugen. Fra Bartolommeo liefert hiezu
Belege. Andere übertrugen die Hauptkonturen und zeichneten erst im Karton
das Detail modellmäßig fertig."
Eine große Rolle spielten bei Skurzfiguren die Wachs* und Tonmodelle, Freihändige
die überhaupt im 16. Jahrhundert gerade für das Ausfertigen des Kartons, und Kartons,
zwar gleich als Kompositionsgruppe, per vedere gli sbattimenti, herangezogen
wurden.'- Erste Meister arbeiten kleinere Kartons (Tafelkartons) an der Hand
einer Skizze freihändig auf der gespannten Bogenfläche ohneweiters fertig. Der
Karton des Sodoma in Oxford zeigt so viele Versuchslinicn und Korrekturen,
daß man nur an eine freie und ursprüngliche Zeichnung denken darf.' ' Derart
' Frey, Studien zu Michelangelo und zur Kunst seiner Zeit in: Jahrb. d. pr. Ks , Bei»
Heft zum 30. Bd.. S. 133, Nr. 194.
'•' Baldinucci, V'oc. 30, Artikel Cartoni.
^ Geisenheimer, Pietro da Cortona e gli affreschi nel Palazzo Pitti, Firenzc 1909, p. 14. —
Nach Baldinucci, Voc. Incollare = appiccare insieme le cose con la colla.
' Frey, ibid. Nr. 193. '' Frey, ibid. Nr. 165.
" Frey, ibid. Nr. 177. — Rimpastare - impastare di nuovo. Impaitare valc anche appiccare
insieme con pasta carta e simile (Vocab. della Crusca II, 445).
^ Gaye, Carteggio II, 88 f.
" Pachcco, p. 334 con la cuadriciila. Reinhold: Übergattern. Du Frcsnoy: sjraticuler.
■■• Vas. Mil. I. 175.
"" Armenino, S. 115. - Vas. Mil. VI, 146.
" «Darnach erfolgte erst die Kartonzeichnung auf ein darzu zusammcngcpaptcs Papier,
zu welchem wieder Modelle zu nehmen sind.» Sandrart. T. A. I. 64.
•' Vas. Mil. I. 176. - Pachcco, p. 334 H.
" Oxford Dr. I, 25, Kohle auf 6 Bogen.
528
Hilfszeichnungen.
prima geschaffene Kartons können wir bei all den großen Meistern voraus*
setzen, sobald sie es der Mühe wert erachteten, selbst Hand anzulegen. Bei
übergroßen Formaten war die Netzübertragung zumindest für die Konturen
allerdings ein Gebot der Notwendigkeit.
Kolorierte Das Cavtone dipignere bedeutete ein Kolorieren und bezog sich in der
Kartons. Regel auf Teppichvorlagen. In dem Rechenbuche des Lorenzo Lotto heißt es:
Due cavtoni grandi, disegnati et cominciati di colori a guazzo.^ Teppich*
kartons scheinen nach Vasaris Beschreibung des berühmten Adam und Eva*
Kartons Leonardos, der in Gold und Seide für den König von Portugal ge*
webt werden sollte, sich einer besonderen Exaktheit erfreut zu haben. «Leonardo
arbeitete hier mit dem Pinsel in Hell und Dunkel und höhte mit Bleiweiß
eine Wiese mit unzähligen Kräutern und einigen Tieren so fleißig und
natürhch . . .»^ Barocci setzte seine Bildkartons, zumindest die Köpfe, mit
Pastell in farbige Wirkung. Um den koloristischen Reiz zu vermehren, be*
diente er sich blauer Naturpapiere. ^
Beim Übertragen der Kartons auf die Mauer ging man stückweise vor,
d. h. man zerschnitt den Originalkarton oder den Ersatzkarton in kleinere hand*
same Teile und griffelte immer nur so viel auf die am Vorabende aufgetragene
Mörtelschichte, als die Tagesarbeit benötigte. Das Durchgriffeln geschah mittels
eines Elfenbeinstieles oder eines spitzigen, harten Holzes (calcare, calchare).^
Doch stand, wie bei Piero della Francesca, auch der Spolvero, Spolverizzo
in Gebrauch.
mit Staub; Der Spolvero,^ Staubbeutel oder Pausche^ diente wohl in erster Linie bei
beutel. Tafelbildern, deren feingeschhffene grundierte Oberfläche geschont werden
mußte. Zuerst wurden sämtliche Konturen mit einer dicken Nadel durchlocht
(Abb. 246),"^ dann gab man eine HandvoU Holzkohlenpulver oder gestoßener
schwarzer Kreide in ein dünnes Leinwandbeutelchen, das durch Aufschlagen
längs der durchstochenen Konturen auf dem weißen Gipsgrunde schwarze Punkt*
spuren erzeugte. E questo dicono spolverizzare.^ Die so hergerichteten Kartons
hießen kurzweg Spolveri.^ Ein Wasserfarbpinsel fixierte und markierte die
Übertragung
mit Griffel,
^ Libro dei conti di L. Lotto (In Gallerie italiane I, p. 123). Das kleine Ausmaß deutet
auf ein Tafelbild. — Franz I. wünschte, daß Leonardo seinen Anna selbdritt; Karton koloriere
(Vas. Mil. IV, 59).
2 Vas. Mil. IV, 23; Karton verschollen.
^ Schmarsow, Barocci V, S. 37. — Armenino 115, cartoni. che si fanno su le carte tinte.
* Baldinucci, Voc. 30: Cartoni. — «Beim Gebrauch schneidet man vom Karton ein
Stuck oder Figur ab, just so viel, als man selbigen Tag zu verrichten sich vorgenommen
und kopiert dasselbe auf die Mauer mittels eines Pfrims.» Sandrart, T. A. I, 64.
^ Baldinucci. ibid. '^ Reinhold, Zeichen^ und Mahlerschule, S. 319, § 901.
' Z. a. M., Berlin I, 14% Kohle, Verlag Grote, Berlin. - Ein weiblicher Profilkopf
Verrocchios, dessen Verwendung nicht nachweisbar, in Oxf. Draw. I, 1 und Berenson II,
S. 180, Nr. 2800.
" Cennini (K. 141) gebraucht für die genadelten Stoffpatronen den Ausdruck Spolverezzi.
— Armenino nennt den Vorgang spolverare. — Nicht alle Tafelbilder hatten durchlochte
Kartons. Ein Catena (Uff. 583) zeigt Griffelspuren.
'•' Im Inventario des C. F. Raspantino 1664 werden erwähnt: Spolvero di Santa Cecilia
con li due angioli; an anderer Stelle: Un mazzo di spolveri diversi (Vgl. Bertolotti, Artisti
Bologn., S. 171).
Hilfszeichnungen.
529
Abb. 246. Verrocchio. Kartonrest mit Nadellöchern. Berlin.
Umrisse und schließlich die Hauptschatten. Damit war alle Vorbereitung zur
weiteren Untermalung gegeben.
Mit der Einführung der Lein Wandbilder, die mit dem Anstreben gröl^ter
Formate eine dünnere Grundierung und dadurch eine schwanke Fläche erhielten,
wandte man wieder das sichere Verfahren des Durchgriftelns an, jedoch in der
Weise, daß man die Rückseite der Kartons mit Kohle? oder Kreidepulver ein?
schwärzte. Diese Prozedur erzeugte exakte Konturen und schonte den Karton.
Bellori erzählt von Barocci,' er habe bei seinen I.einwandbildern der sorg«
* Bellori, Vita Barocci, S. 118: e cAlcolindolo su iimptimitura delU teU, segnAva con
lo stilo i dintoini, acciocche mai si smarrisse il disegno.
Med er, Die liandzeichnung. 34
Durch»
priHcln auf
Leinwänden.
530
Hilfszeichnungen.
Kopisten;
griffelung.
Ersatzkarton.
Vertrags«
bestimmun=
gen.
Ausführung
nach
fremden
Kartons.
Gepflogen«
heiten.
fältigen Vorzeichnung halber nur mit dem Griffel übertragen. Alte Karton*
reste lassen bald die eine, bald die andere Methode erkennen.
Wenn sich auf alten Tafelbildern nicht unter, sondern auf der Farben*
schichte rohe und flüchtige Griffelspuren entdecken lassen, so rühren sie von
später erfolgten Durchpausierungen mit Hilfe geölter Papiere zum Zwecke einer
Kopie her. Spuren solcher Bilderschädigung finden sich auf einer Cimabue*
Madonna in Florenz (Akademie Nr. 102).
Da beim Übertragen auf feuchte Wände oder selbst auf Tafeln die Kartons
durch Griffel oder Staubbeutel arg beschädigt wurden, schuf man sich noch einen
Ersatzkarton, der bloß die Konturen enthielt, indem man beim Durchlochen
des Originals eine gleichgroße Papierfläche unterlegte, so daß auch diese die
Pauslöcher empfing (Armenino, p. 115). Die letztere diente zur Übertragung
und das Original blieb verschont. Auf das Dupfikat bezog sich in erster Linie
der bereits erwähnte Ausdruck Spolvero.
War Auftrag oder Gegenstand dem Meister wichtig und interessant genug
oder verlangte es der Kontrakt, so erfolgte die eigenhändige Ausarbeitung. In
der Regel legten schon die Auftraggeber Wert darauf, daß Komposition und
Karton eigenhändig seien. Colori et disegno e cartoni bilden in den Ver*
trägen eine ständige Formel.^ Pinturicchio hatte laut Vertrag vom 29. Mai 1502
«alle Zeichnungen [zur Libreria in Siena] auf den Kartons und an der Wand
mit eigener Hand herzustellen, alle Köpfe in fresco zu malen, in secco zu
übergehen und resdos durchzuführen».^ Sonst besorgten in großen Werkstätten
und bei umfangreichen Aufgaben Schüler die Fertigstellung. Hinsichtlich der
Übertragung auf die Wand wechseln die Bestimmungen. Vielfach überließ man
die Ausführung der von auswärts bezogenen Kartons, wie der Vertrag Giulio
Romanos mit den Bauvorstehern der Steccata in Parma erweist, einheimischen
Malern.^ Für Künstler von gutem Rufe galt es allerdings nicht für ehrenvoll,
nach fremden Kartons zu malen. Als Giro Ferri die Sala d'Apollo im Palazzo
Pitti nach Pietro da Cortonas Kartons ausschmückte, machten sich seine Neben*
buhler über ihn lustig.* Anderseits erachteten es ganz tüchtige Talente für ein
besonderes Glück, Kartonzeichnungen mit berühmten Namen zur Ausführung
zu erhalten. Pontormo malte ein Nolimetangere und Venus und Amor für
Auftraggeber, die sich die zugehörigen Kartons von Michelangelo erbeten
hatten.^ Der Brescianer Lattanzio Gambara erhielt von seinem Schwiegervater
Romanino sogar einige Kartons (Spolveri) als Mitgift (Ridolfi I, 260).
In der Regel zeichnete man diese wichtigen Behelfe an Ort und Stelle.
Correggio bedang sich in dem Kontrakt mit der Domverwaltung in Parma ein
Zimmer oder eine geschlossene Kapelle aus, um daselbst seine Zeichnungen
* Et per tutto questo lavore, suoe fatighe, colori, et disegno e cartoni, che andassino,
. . . Ducati 575 (R. Vischer. L. Signorelli, Vertrag vom 27. April 1500; S. 352).
'' G. Milanesi, Documenti senesi III, 9: tutti li disegni . . . in cartoni et in muro.
» Guhl I. 337, Nr. 112.
* Geisenheimer, P. da Cortona, p. 16, VIII.
* Vas. Mil. VI, 276 f. — Auch talentlose Schüler wie Ascanio dalla Ripa Transone (Con*
divi) hatten das Glück, nach einem Karton Michelangelos eine Tafel fertig zu «pinseln».
Vasari, Mil. VII, 273.
Hilfszeichnungen.
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Hilfszeichnungen.
Skulptur?
Karton.
Cartoncino.
Der
Norden.
anfertigen zu können.^ Wurden die Kartons in einer entfernten Stadt an*
gefertigt, so machte man sie durch Zerschneiden in kleine Stücke transport*
fähig (ridotti in picholo con il palmo Romano).'^ Der allezeit findige Leonardo
schuf sich zur Erleichterung des Zeichnens an seinem großen Karton für die
Sala del Consiglio einen komplizierten Apparat, der in den Rechnungen vom
Jahre 1503 und 1504 eine große Rolle spielt; er heißt da el ponfe al detto
cartone und hatte einen Weberbaum, Eisen* und Stahlbestandteile, viele Hanf*
seile und Stricke und eine Treppe.^ Das würde ungefähr mit der Beschreibung
Vasaris zusammenstimmen, der uns diesmal keine Fabel erzählt, daß sich Leo*
nardo zur Ausführung seines Kartons ein künstliches Gerüst habe anfertigen
lassen, welches sich hob, wenn man es zusammenzog, und niedriger wurde,
wenn man es breiter machte (Vas. Mil. IV, 42).
Einen gewiß nicht allgemein üblichen Fall von Anfertigung eines Kartons
als Vorarbeit und Vorstudium erzählt Vasari von Bandinelh, der sich, um
für König Franz von Frankreich eine Kopie des Laokoon herzustellen, zunächst
eine Nachbildung in Wachs und außerdem un cartone di biacca e cathone
della grandezza di quello di marmo anfertigte (Vas. Mil. VI, 146).
Erst in der Spätrenaissance und Barocke erscheint der kleine Karton, Cartoncino,
in selbständiger Form als Zwischenstufe der noch ungebundenen Kompo*
sitionszeichnung und des großen Kartons. Ob er das Lineament mit Feder
oder dem farbigen Spitzpinsel erhielt, immer bezweckte er in der Chiaroscuro*
Behandlung oder in der flüchtigen Kolorierung schon eine malerische Wirkung
und zwar mit Rücksicht auf die gegebene Bildform. Die Übertragung ins
Große erfolgte auf Grund des Maßstabes entweder auf den Hauptkarton oder,
bei beschränkter Größe, gleich auf die Leinwand. Die Uffizien bewahren einen
guten Beleg von Federigo Zuccaro vom Jahre 1565, der auf drei aneinander*
geklebten Bogen eine mit der Feder breit entworfene und mit dem Pinsel
farbig belebte Zeichnung einer Jagdgesellschaft enthält. Barocci fertigte sich
häufig derartige Vorkartons ad olio overo a guazzo di chiaro scuro an"* und
erst darnach schuf er den Cartone grande mit Kohle und Gips oder auch mit
Pastellen. 5 Im 17. Jahrhundert kommen die mit dünnen Ölfarben auf grün*
dierten Täfelchen oder kleinen Leinwanden skizzierten Cartoncini immer häufiger
in Brauch (Abb. 108a). Rubens hat uns so manche hinterlassen. Und daß
diese Gepflogenheit in alle Akademien überging und sich bis zum heutigen
Tage als Schulregel erhalten hat, war nur ein Zeichen ihrer Zweckmäßigkeit.
Im Norden erlebte der Karton keine besondere Entwicklung. Viel haben
wir,* von jenen für Glasmalerei abgesehen, nicht aufzuweisen. Außer den
handwerksmäßigen Fassadenmalereien gab es keine Aufträge für gute Fresco*
gemälde. Karel van Mander führt als Grund die Feuchtigkeit der Witterung
und den Mangel an richtigem Kalk an (Vers 11). Aber die Übung bestand
zumindest für Tafelbilder des 16. Jahrhunderts. «Unsere Vorfahren», schreibt
'■ Ricci, Correggio, übers, v. H. Jahn, S. 266.
^ Geisenheimer, P. de Cortona, S. 22 H: Cortona bittet um seine Kartons.
=» Frey, Studien zu Michelangelo, Nr. 166. 167, 169, 172, 181, 207, 227.
* Z. B. Utfiz. 19104,613, Heilige im Gemache kniend. ^ Bellori, S. 117.
Hilfszeichnungen. 533
derselbe Autor, «gebrauchten auch Kartons (cartoenen), die sie auf den glatt*
geschabten weißen Grund übertrugen, indem sie dieselben durchzuzeichnen
pflegten, nachdem sie die Rückseite eingeschwärzt hatten».^
Von Holbein d. J. haben wir den Rest eines Wandkartons überkommen Holbein.
(Chatsworth). Zwei überlebensgroße Figuren in lavierter Feder, Heinrich VII.
und VIII. Diese Riesenfederzeichnung trägt dasselbe Gepräge, dieselbe Feinheit
der Ornamentik in den Waffen und Stickereien an sich als irgendeiner seiner
Goldschmiedentwürfe. Haare, Borten, Edelsteine zeigen sogar Farbigkeit.-
Ebenso hat die Albertina 1908 einen Tafelkarton von der Hand des Jan
Gossaert Mabuse zu einer Adam und Eva; Darstellung, vielleicht den frühesten Mabusc.
der wenigen erhaltenen, erworben, eine Kreidezeichnung von strenger Aus;
führung in den Figuren, aber mit noch deudichen Spuren aufgepauster Kons
turen in dem Blattwerk und den Früchten, so daß man hiefür noch eine Vors
Zeichnung in derselben Größe vorauszusetzen hat (Abb. 247).^ Dürer gibt
keinerlei Hinweis.
Mander bespricht die mangelhafte Kartonverwendung bei seinen Lands* Nachrichten,
leuten etwas kritisch. «Sie fangen ohne viel Mühe sofort mit Pinsel und
Farbe und frischem Mut an. So kühn arbeiten die, die überreich im Erfinden
sind, und sie verbessern nur hie und da einen Fehler. Dies zieme wohl nur
einem Augustus in der Malerei!» Sobald er den Karton erwähnt, so führt
er ihn als ausschließlich italienisches Verfahren an (XII, v. 5—9). Wie unklar
dasselbe und sogar der Begriff bei den Deutschen zur Zeit Sandrarts geworden
waren, beweisen dessen konfuse Anweisungen in der Teutschen Akademie.^ Die
relativ offiziellste Verbreitung fand der Karton an den französischen, ganz im
italienischen Geiste geführten Akademien. Auf die Kartontechnik der R-okoko?
zeit, wie sie Kirchen* und Palastplafonds erheischten, wurde schon hingewiesen.
Wenn man sich hinsichtlich der ungeheuren Anzahl überkommener italieni* Ihr
scher Gemälde, selbst nur aus der Renaissancezeit, vor Augen hält, daß einst Schicksal,
zu Fresken und Tafeln Kartons vorhanden waren, so erstaunt man über den
verschwindend kleinen Bestand erhaltener Reste. Die oft enorme Größe einer
so dünnen Fläche, der schädigende Übertragungsvorgang, das meist nicht fixierte
Material, das Zerschneiden in Stücke waren aber Ursache genug, daß man sich
ihrer als eines Werkstattballastes entledigte. Frey (Fettere, p. 88 und LXXXI)
' Mander 5 Hoccker, Lehrgedicht, S. 269 ff.
* Der Karton war für das seinerzeit in dem Privy Chamber des Königs im Whitchall;
Palace befindliche Wandgemälde bestimmt und 1537 ausgeführt worden. Das gcnadcitc
Kartonfragment milk 2587-135 cm. Siehe Gani, Handicicbnungen II. llolbcins d. J..
XI, 1. 2. 3, 4, 5. - Woltmann, Holbein II, 129, 167.
' Inv. Nr. 20.585, 62'8 X 48 cm, Kreide, gewischt; als unbekannt erworben, von dem
Verfasser Mabuse zuerkannt.
* «Wer nach einer solchen Zeichnung (Kompositionszeichnung) auf die Mauren mahlen
will, der nimmt ein langes Kohr, stecket oben eine Kohle darein und fasset es in die
rechte Hand, in die Linke aber seinen Carton oder Papier, auf welchem der Abrii^
stehet: tritt also von fern und traget solchen mit dem Kohi-Rohr von Stuck zu Stuck
nach Proportion und Mal^ seines gutgedunkens in geziemender (Irolie auf die naszc
Mauer (!)« (T. A. I. 62).
534
Hilfszeichnungen.
gibt den Nachweis, daß Michelangelo anfangs 1518 in seinem Hause in Rom
Kartons verbrennen ließ. Andere wieder verschenkte er, so jenen zur Trunkenheit
Noahs an Bindo Altoviti (Vas. Mil. II, 271).
Nichtsdestoweniger waltete über mancher dieser wertvollen Hilfszeichnungen
oft ein gütiges Geschick. Schüler oder Freunde nahmen sich ihrer an.^ Die
großer Meister oder verehrter Lehrer wurden als kostbare Stücke eingeschätzt
und weitergegeben. Carlo Maratta besaß z. B. den Riesenkarton des Annibale
Carracci zum Bacchanale in der Galleria Farnese.^
Kartons Am häufigsten ereignete es sich, daß man aus beschädigten Kartons einzelne
Ausschnitte, gy^g Teile herausschnitt und als Erinnerung aufbewahrte, hübsche Köpfe oder
Hände, die dann Zeichnungen gleich geachtet wurden. In dem erhaltenen
Inventare des Cav. Francesco Raspantino vom 4. April 1664 finden wir unter
den Kartons des Domenichino und der Carracci bereits solche Ausschnitte
verzeichnet: Chartone di 2 teste, Chartone di un mezzo puttino, 5 Chartoni
teste, una testa della fortezza, fatta a S. Carlo . . . (Bertolotti, Artisti Bolognesi,
p. 170). Derartige Ausschnitte erkennt man leicht an der breiten Behandlung
sowie an den durchlochten oder gegriffelten Konturen, häufig mit durchrissenen
Stellen. Die zusammengefügten Bogen zeigen an den Kleberändern viele kleine
Fältchen, die auf das flüchtige, mit sehr nassen Klebstoffen erfolgte Aneinander*
fügen zurückzuführen sind. Manche tragen Ziffern, die noch auf die während
der Arbeit entstandene Zerteilung in kleinere numerierte Stücke hinweisen,
oder die Nummern entsprechen den horizontalen und vertikalen Quadrierungss
linien der Vorzeichnung. Manche der zerschnittenen Teile wurden noch vom
Künstler selbst auf der Rückseite für andere Studienzwecke ausgenützt. So z. B.
jener Rest von der Hand Ghirlandaios mit einem Frauenkopf für S. Maria
Novella.^ Fast alle größeren Sammlungen verwahren ein oder das andere Stück
in ihren Mappen und bieten der Forschung manche hübsche. Aufgabe, den
Zusammenhang der auseinandergeratenen Teile und dieser mit dem jeweiligen
Bilde herauszufinden.^
Merkmale.
Abcopiren, Patrone
2. Pausen (Bausen).
Calco, Calcare, lucidare, copiare via di luce
contretirer — Poncis.
Calque, calquer,
Um Zeichnungen, Gemälde oder Kupferstiche, aus welchem Grunde immer,
auf eine andere Fläche zu übertragen und dabei das Original soweit als möglich
zu schonen, erfand man frühzeitig Mittel und Wege. Es gab in der Kunst so
* Domenichinos Kartons wurden fast in Gänze noch 23 Jahre nach seinem Tode von
dem Cav. Francesco Raspantino unter Schloß und Riegel aufbewahrt. (Vgl. Inventario del
Cav. Fr. Raspantino von 1664 in: Bertolotti, Artisti Bolognesi, p. 168.)
' Bellori, Vita C. Maratta, Ausg. Pisa, 1821; heute in London.
' Kartonrest Ghirlandaios, Kopfstudie zur Geburt Mariens (S- Maria Novella) mit Pausen
löchern. Reproduction of drawings, Collection of the Duke of Devonshire, Taf. 22, 23.
* Beispiele: Perugino, Kopf zur Beweinung Christi, Oxford. Fischel, Z. d. Umbrer,
Nr. 42, Abb. 112. — Leonardos Kartonfragment zur Schlacht von Anghiari in: Colvin,
Oxford Dr., Bd. I, Taf. 22. — Meder, Zwei Kartonzeichnungen von Giulio Romano. Jahrb.
d. kunsth. S. d. Kh. XXV, S. 80, Taf. X, XI.
Hilfszeichnungen. 535
vielerlei Bedürfnisse, die eine Übertragung notwendig machten. Der Miniaturist,*
Zeichner und Maler, Goldschmied und Waffenschmied, besonders aber Kupfer*
Stecher, Holzschneider und Lithographen mußten sich der Pause bedienen.
Ein häufiger Fall war der, eine reinliche Zeichnung zu erzielen. So be* Für Rein»
nützten sorgfältige Silberstiftzeichner ihre Entwürfe in Kohle, Kreide oder zeichnun-
Feder zur Übertragung auf das mühsam grundierte Papier, um dann sicherer ^*^"'
an die Ausführung schreiten zu können.- Auf das Verfahren bei Feder*
Zeichnungen wurde bereits hingewiesen (S. 37, 295 n. 2). Besonders ergaben
die farbigen Grundierungen der Deutschen die Notwendigkeit, den Entwurf
aufzupausen. In der Ausführung steckengebliebene Zeichnungen führen deut*
lieh in diese Schulregel ein. Selbst Kohle* und Kreidezeichnungen zumal von
Porträts erfuhren diese Behandlung. Itahenische und deutsche Originale weisen
neben selbständigen Konturstrichen stellenweise tote Pauselinien auf (Abb. 205).
Die größte Gruppe von auf Pausen beruhenden Zeichnungen diente der Für Verviel«
Wiederholung oder Vervielfältigung eines Originales. Zweck und Ver* fältigung.
fahren wechseln je nach der Entwicklung eines Meisters oder der jeweiligen
technischen Disziplin. Wenn der junge Dürer sich die Hauptkonturen zweier
Mantegna* Stiche auf sein Papier pauste, um alles andere selbständig zu voll*
enden, so bedeutete dies für ihn nur eine rasche Sicherung fremder «antikischer»
Formen (Abb. 5, 6).^ Auch die Zeichnungen nach Pollaiuolo scheint er auf
diese Weise studiert zu haben. Und ebenso mochten viele Malerjünglinge bei
ihrem Kopieren nach Originalen, Stichen und Radierungen vorgegangen sein,
so daß das Auftreten auffallend genauer Kopien nicht befremden darf. Bei
den vielfachen Aufgaben, wie bei Gemälden, Madonnen* und Heiligenbildern,
bei Porträts, die auf Wunsch wiederholt werden sollten, bei Miniaturbildnissen
oder aber bei Glasrissen, Goldschmiedvorlagen, machte sich das Schablonen*
hafte und Werkstattmäßige besonders geltend. Am deutlichsten erhellt dies aus
den von Geschlecht zu Geschlecht, Werkstatt zu Werkstatt wandernden, immer
neu kopierten ur^d verbrauchten Glaszeichnungen schweizerischer Meister.
Weniger allgemein war das Pausen von Galeriestücken. Schwache Schüler Für
oder handwerksmäßig arbeitende Malerkopisten, die sich ganze Kompositionen KiluKopicn.
oder einzelne Figuren aus fremden Bildern zu eigen machen wollten, setzten sich,
zum Verdrusse der Inhaber, ohne Rücksicht auf die Originale in den Besitz von
Konturpausen. Vasari spricht von «unendlich viel» Malern, die nicht zeichnen
können, aber, wenn sie einem Gemälde gegenüberstehen, dessen Konturen durch*
pausen und dann mit einem ähnlichen Kolorite täuschen.' Die Anzahl gepauster
Zeichnungen in Sammlungen ist in der Regel weit größer, als die Kataloge zu*
gestehen. Namentlich die Wander* und Sammelbücher enthalten viel Derartiges.
Der gewöhnlichste Pausierungsvorgang war der mit durchscheinenden
Papieren (Patronen) oder mit ähnlichen Stoffen, was die Italiener calcare,
' Jaro Springer, Gegenseitige Kopien von Miniaturen (Zs. f. Bücherfreunde X. 426).
* Konstatierbare Pausierungen in Hans Baidungs Skizzenbuch, z. B. Tat. 12 der Rosenberg.
Ausgabe. — Diese reinliche und praktische Methode läßt sich heute noch bei grundierten
Burne 5 Jones j Zeichnungen beobachten.
^ Meder. Neue Beiträge zur Dürer^Forschung (Jahrb. d. Ks. d. Kh. 1912, S. 211).
* Guhl. Künstlerbriefe I. 427.
536
Hilfszeichnungen.
Geölte
Pergamente
und Papiere.
Glasplatten.
Gelatine.
Velo nero.
Andere
Behelfe.
Über.
tragungss
arten.
lucidare oder copiare via di luce nannten.^ Es handelte sich fast immer nur
um die Übertragung der Hauptkonturen (dintorni). Cennini führt bereits
mehrere Rezepte zur Anfertigung von Pauspapier (carta lucida, carta unta)
an. In ältester Zeit nahm man Ziegenpergament, machte es durch Schaben
dünner und tränkte es mit klarem Leinöl bis zur Durchsichtigkeit.^ Selbst*
verständlich kennt Cennini auch das eingefettete Papier, dem wir übrigens
schon früher begegnen. Der Maler Panselinus führt dasselbe in seinem Hand*
buch an, nur daß er statt Leinöl Sesam öl gebraucht, welches er einen Tag
im Schatten anziehen läßt. «Dann reibe gut mit Bimsstein, um das Öl weg*
zunehmen, damit die Farben, mit welchen du nachzeichnest, gut haften und
das Original nicht verölt werde.» ^ Das Nachzeichnen erfolgte mit Farbe und
kleinen Pinseln, das den Vorteil hatte, die Originale nicht zu beschädigen.
Leonardo zog Pergament vor, weil man es wieder reinigen könne. Von
demselben erfahren wir, daß auch Glasplatten verwendet wurden (§ 74).
Ein anderes Mittel war die schon frühzeitig bekannte Gelatine (carta
lucida di colla). Man goß aufgelösten Fischleim auf eine mit Leinöl gut be*
strichene Steintafel und ließ die sich nach allen Seiten hin dünn verteilende
Masse trocknen.* Dann wurde auch die obere Fläche mit Leinöl eingerieben
und die nun fertige Platte abgelöst. Jehan le Begue empfiehlt gewöhnlichen
Leim und zur Einfettung des Steines Hammelfett. Das Produkt nennt er Carta
lustra. ^
Baldinucci kennt außer diesen allgemein üblichen Mitteln noch für größere
Flächen das Velo nero. Ein mit schwarzem Flor bespannter Rahmen wurde
auf das Bild gelegt und die Umrisse mit Stängelgips kräftig gepaust. Diese
Gipskonturen wurden dann auf die zu bezeichnende Fläche durch Klopfen
und Schlagen übertragen (Voc, S. 85). Bei den Franzosen waren dünne, auf
Rähmchen gespannte Seide oder präparierte Schweinsblasen in Verwendung."
Zur Übertragung von Miniaturzeichnungen auf Elfenbein war Seidenpapier
(Strohpapier) sehr beliebt. Heute werden so viele derartige Erzeugnisse (Oleate)
auf den Markt gebracht, daß dem Zeichner die Wahl schwer wird.
Die Übertragung der Hilfspause (Patrone) auf Papier, Holz, Metall oder
Leinwand erfolgte entweder auf dem Wege des Durchgriffeins (calcare,
^ Baldinucci, Voc: Lucidare, p. 85. — Der deutsche Ausdruck Pause (Bause) wird
nach Grimms Wörterbuch von dem italienischen abbozzo und dem französischen bosse
und ebauche abgeleitet. Von bosse wäre eine Ableitung denkbar, da dieses Wort in der -
Bildhauertechnik unter anderem auch die Abgüsse nach der Natur bezeichnet, also ein
mechanisches Nachformen bedeutet.
" Cennini, Kap. 23 — 26. — Carte unte bei Baldinucci: Lucidare.
' Handbuch vom Berge Athos, S. 49. — Später verwendete man Mandel *, Nuß' oder
Mohnsamenöl im warmen Zustande und rieb den Überschul^ mit Kleie, dann mit warmem
Semmelbrot ab. Schließlich ließ man das so präparierte Papier noch 8 — 10 Tage zwischen
Makulaturbogen liegen (Günther, Pastellmalerey p. 30. — Böhm, Anleitung, 1776, S. 457).
* Cennini, Kap. 25. — Die Franzosen nannten sie papier gelatine oder papier glace
(ConstantiViguier, op. cit. 249).
•^ Merrifield I, 293.
® Traite de la Peinture, p. 228: en appliquant dessus du papier huile, du talc, une vessie
de cochon preparee, une toile de soye tendue sur un chassis. — Siehe auch Du Fresnoy,
L'art de Peintüre, unter Contretircr, V. Aufl., S. 324.
Hilfszeichnungen.
537
calquev) oder des Durchnadelns (spolverizzare)} Der erste Vorgang erforderte
ein gleichmäßiges Einreiben der Rückseite mit schwarzer oder weißer Kreide,
Kohle, Rötel oder Graphit, eine fixe, harte Unterlage und ein genaues Nach*
ziehen der Konturen mittels eines Griffels von Holz, Elfenbein oder Eisen
(stile d'avorio o di legno). Das entstandene Bild nannte man Calco (calque).-
Über das Spolverizzare wurde bereits gesprochen (S. 528). Ein drittes, besonders
in der Graphik beliebtes Verfahren, vorteilhaft wegen der Umkehrung der
Zeichnung, war das Abklatschen der Pause auf ein zweites Papier oder direkt Abklatsche
auf die geschwärzte Platte. Weniger kurz war das folgende bei Stechern
übliche Übertragen; man legte Strohpapier (Seidenpapier) auf die Vorzeichnung
und griffelte die Konturen ziemlich energisch nach. Diese Griffelvertiefungen
des Strohpapiers wurden mit Rötel* oder Graphitpulver eingerieben, das Blatt
umgekehrt, auf die präparierte Platte gelegt, befestigt und mit einem Falzbein
auf der Rückseite so lange überfahren, bis die eingeriebene Substanz auf der
Unterlage erschien.
Diese durch die Verwendung von Hilfs*
Zeichnungen (Patronen) noch eine gewisse
Wertschätzung der Originale bekundenden
Vorgänge waren leider nicht allgemein Brauch ;
man griff direkt nach Zeichnungen und Sti?
chen und probierte an ihnen rücksichtslos
bald die eine, bald die andere Methode
aus. Man beschmierte ihre Rückseiten und
Abb. 248. Pausierapparat.
genadche
Originale.
überfuhr mit scharfen Griffeln derart die Feder*, Kreide* oder Rötellinien, daß GcgriflFelte
das Papier stellenweise durchschnitten wurde. (Siehe Kap. Schädigung.) Wenn ""<J
sich Zeichnungen mit Griffelspuren, aber ohne Präparierung der Rückseite fin*
den, erklärt sich dies in der Weise, daß ein zweites, auf seiner Unterseite
mit schwarzem Pulver eingeriebenes Blatt zwischen das Original und die emp*
fangende Fläche gelegt wurde.' Verderblicher noch war das Durchnadeln und
das Verunreinigen mit dem Staubbeutel. Es gibt Zeichnungen, welche gleich*
zeitig von Griffel und Nadel mißhandelt wurden. Die Berliner Zeichnung,
Kopf eines Heiligen, ist solch ein Exempel (Abb. 329).
Eine prinzipielle und durchaus vorteilhafte Umgestaltung des Durchpausens
brachte die Einführung guter Graphitstifte am Ende des 18. Jahrhunderts mit Apparat,
sich und das Kopieren eines Originales auf dünne oder geölte Papiere, wenn
tunlich an der Fensterscheibe oder auf dem Pausierapparat. Der letztere
(Abb. 248) bestand aus einem auf vier Füßen ruhenden Pult, das oben eine
dicke Glasplatte G trug, auf welche man die zu pausenden Zeichnungen oder
'ausietJ
' Cennini (Kap. 141) empfiehlt beim Nadeln (forare) als Unterlage ein Stück Linnen
oder Lindenholz. — Die Franzosen nannten es poncer, die genadelten Zeichnungen Fonds
(Traite de la Peinture. p. 259).
* Baldinucci, Voc. p. 26: Fra Pittori si dice calco quell impressione, che vien fatta per
avere il rovescio d'un disegno di matita ponendogli sopra cada bianca.
^ Die Präparierung solcher Papiere erfolgte im 18. Jahrhundert und darüber hinaus
mit Kienruß und Speckschwarte. Das überflüssige Fett wurde mit Semmelkrumen entfernt.
Keinhüld, Zcichenschule, S. 421.
538 Hilfszeichnungen.
Stiche legte. Darauf kam ein Oleat. Der unter dem Pult angebrachte und
verstellbare Spiegel 5 gab die notwendige Beleuchtung.^
3. Umdrucke.
Quetschzeichnungen, Abklatsche, Abdrücke, Contredrucke, Accurate Copien — Stampe
sopra i disegni — Contre^epreuves.
A. Nach Zeichnungen.
Verfahren. Eine andere Art von Pausen, ihrer Entstehung nach aber weit verschieden
von dem landläufigen Begriff, waren die Abklatsche von Rötel*, Kreide*
und Bleistiftzeichnungen. Selbst Tuschfeder* und Farbstiftzeichnungen er*
gaben gewisse Resultate.- Man legte auf die Originale — nicht zu ihrem
Vorteil — ein feuchtes, dünnes Zeichenpapier und zog beide durch eine
starke Druckerpresse, so daß die Linien zwar schwächer, doch deutlich und
im Gegensinne auf dem Papier als Abdruck erschienen. Oder man legte
Zeichnung und Abklatschpapier auf eine harte Unterlage, Kupferplatte oder
Glastafel, darüber zum Schutze noch ein drittes Blatt und rieb mit einem
Falzbein Partie um Partie sorgfältig ab (siehe Teil IV, Kap. Schädigung).'^
Verwendung Die hauptsächlichste Verwendung fand der Umdruck bei Kupferstechern,
bei Gold» Radierern und im Kunstgewerbe. Eine handwerklich gewiß schon frühzeitige
schmieden, Benützung läßt sich bei Goldschmiedzeichnungen beobachten, wo in symme*
frischen Entwürfen von Pokalen, Schalen, Vasen oder Ornamenten die linke
Seite gezeichnet, die rechte aber auf kurzem Wege durch Abklatsch erzielt
wurde (Abb. 125).
bei Stechern, Die Kupferstecher erstreckten dieses Verfahren auf ihre nach jenen Gemälden
gezeichneten Kopien, nach denen ein Stich hergestellt werden sollte. Durch
Abklatsch hatten sie sofort eine Vorlage im Gegensinn, wie sie dieselbe für
die Platte brauchten, und benötigten nicht mehr die mittels eines Spiegels
mühsam hergestellte Gegenzeichnung. Daher kommt es, daß Zeichnungen*
abklatsche häufig Griffellinien als Beweis ihrer tatsächlichen weiteren Ver*
Wendung erkennen lassen. Mitunter aber machte man sich, um den Abklatsch
zu schonen, von demselben eine Pause und benützte erst diese für die Platte.
Handwerkliche Abklatsche sind nicht allzu häufig, weil Goldschmiede und
Kupferstecher ihre Zeichnung auch direkt auf das Kupfer oder auf das zu
gravierende Objekt abzudrucken verstanden, indem sie die Oberfläche zuvor
mit einer Grundierung oder einer dünnen weißen Wachsschichte überzogen.*
Nebenbei sei bemerkt, daß Stecher auch von ihren noch druckfeuchten Stichen
Abzüge auf ein zweites reines Papier machten. Der nun gegenseitige Ab*
' Nach A. Böhm, Anleitung, S. 456.
* Gautier. op. cit. p. 15. ^ Gautier, ibidem, S. 14.
* «Man befeuchtet das Papier auf der Rückseite, legt die bezeichnete Seite auf die
gefirniste Platte und zieht das Ganze durch die Kupferdruckpresse. Durch die Befeuchtung
des Papieres löst sich der Rothstein oder der englische Bleistift auf und geht durch den
Druck der Presse auf den Firniß hinüber. Der Rothstein zeigt sich in seiner natürlichen
Farbe, die Striche des Bleistiftes aber erscheinen auf dem geschwärzten Firniß, als wenn sie
mit Silber aufgetragen wären.» (Bartsch. Anleitung zur Kupferstichkunde. Wien 1821. I. 4.)
Hilfszeichnungen. 539
klatsch ergab für Korrekturen einen ausgezeichneten Behelf und erleichterte
dem Stecher die Vollendung.^
Die Radierer übernahmen den Brauch. Ein deutliches Beispiel dieses bei
graphischen Vorganges bietet eine Callot^Zeichnung im British Museum, ein Radierern.
Tänzer in schwarzer Kreide. Davon existiert ebendaselbst ein Abklatsch mit
den sichtbaren Griffellinien als Beweis der tatsächlichen Verwendung.- Wendel
Dietterlin machte von seinen Architekturzeichnungen (Akademie in Dresden)
Abdrücke, die er mit bläulich^schwarzer oder brauner Farbe fertigstellte, dann
durch Griffeln auf die Platten für sein radiertes Architekturbuch übertrug."'
Häufig wurden auf diese VC'eise auch kalligraphische Vorlagen gemacht, denn bei Schreib;
Schreiber, Kupferstecher und Goldschmiede benötigten gegenseitige Muster* vorlagen,
blätter, um das Verkehrtschreiben auf dem Metall zu erlernen.*
Von hervorragenden Künstlern hat sich eine stattliche Anzahl von Contres Abklatsch
epreuves erhalten, deren graphische Bestimmung zwar ersichtlich, aber nicht von Meister^
immer nachweisbar erscheint. So bewahrt die Albertina von der Hand Rubens' Zeichnungen
Studienköpfe in Kreide? Röteltechnik nach der Trajansäule mit gleichzeitigen
Umdrucken (Abb. 249). ' Zugehörige Stiche sind nicht vorhanden, doch jeden*
falls beabsichtigt gewesen. Ebendaselbst eine große Odyssee*Folge von Th. van
ThuldensZeichnungen nach Primaticcio und Nicolo dell' Abate (Fontainebleau),
Originale und Abklatsche.'' Besonders aus der zweiten Hälfte des 18. Jahr*
hunderts, in welcher die französische Buchillustration durch geschickte Zeichner
und Stecher aufblühte, rühren ganze Serien kleiner Blättchen, meist in Rötel
oder Kreide her, die mit großem Eifer gesammeh wurden und sogar in den
Auktionskatalogen jener Zeit trotz ,Contre*epreuves' als gute Nummern figu*
rierten.' Eine interessante Nachricht über eine weitere merkwürdige Verwen«
düng des Umdruckes verdanke ich Herrn Dr. Geisenheimer, der aus einem
Briefe des Diplomaten Jac. Salviati an den Kardinal Leopoldo de Medici
(2. September 1662) feststellte, daß man bei Verkäufen von Handzeichnungen bei Be=
statt der Originale die Contre*epreuves zur Ansicht sandte."^ Künstler beschenkten Stellungen,
sich gegenseitig mit Abdrücken ihrer Zeichnungen. J. Dan. Preisler erhielt in ^^^.^^j^^^^^
Rom von Bouchardon «Abzüge» von dessen Zeichnungen nach Antiken, eben*
so seines «Hand*Buches, dessen er sich bey seinen spaziergehens» bediente.'
' K. Kampmann, Über den Ursprung des Umdruckes (Österr.=ung. Buchdruckerzeitung
1894. Nr. 39). - Dictionnaire des Arts. Paris 1792, tom 1. p. 473. Article: Contrc = cprcuvc.
'' Siehe Abbildung in Burlington Mag 1912, May. CX. p. 74.
' G. Pauli, Die Originalzeichnungen Wendel Dietterlins zu seinem Architekturbuch
(Zs. f. b. K., N. F. 10 [1899], 1, S. 281).
* Keudörffer, Ein gute Ordnung. Nürnberg 153S.
* Albertina, Kreide.Rötel, Inv. Nr. 8329. Ktwas verkleinerter Ausschnitt.
« Inv. Nr. 8954-8967. 8984-8987. 8989-8995.
' Catalogue raisonne des Kabinettes Basan 1796, S. 14. Nr. 70. als Vorlagen für Stiche von
Caylus und Fessard nach Zeichnungen von Bouchardon. - Ferner S. 27. Nr. 157 und 15S.
« Invio a K .1. per il Procaccio di questä settimana le stampe che sono state im*
presse sopia i disegni che si c in tracda di comprarc pci l'. A. (Florenz. Staatsarchiv.
Cart. Mediceo. Filza 5521 a. c. 311.) , . u-
" Sturm. Originalaufzeichnungen zur Geschichte der Preislcrschen Kunstlcrfamilic (Archiv
f. zeichnende Künste v. Naumann IX, 384).
540 Hilfszeichnungen.
Wert; Im 18. Jahrhundert waren Sammler und Händler in Frankreich mit der
Schätzung. Herstellung und dem Zwecke der Abklatsche vollkommen vertraut. Besonders
jene nach Meistern wie Watteau, Cochin fils, Eisen, Bouchardon, Fragonard
wurden gerne gekauft und gut bezahlt. Vor allem waren jene Watteaus häufig
im Handel und wanderten, bald mehr, bald weniger hergerichtet, von
Sammlung zu Sammlung. Noch 1875 schreibt Edmond de Goncourt, der feine
Sammler: «Die echten Zeichnungen Watteaus ohne Überarbeitung sind heute
so rar, so selten zu finden, daß man sich schon, wenn man ein Freund des
Meisters ist, mit Contre#epreuves begnügen muß. Es ist dies nicht seine
Zeichnung, aber doch etwas von ihm. In einem Contre^epreuve ist nicht mehr
die Blume der Zeichnung vorhanden, aber, wenn man so sagen darf, ein wenig
von seiner Seele. Erinnern wir uns, daß man im 18. Jahrhundert in der
Auktion Mariette Contre*epreuves von Bouchardon mit 300, 500, 720 Livres
bezahlt hat.»^
Täuschung. Erst seit der Mitte des 19. Jahrhunderts vergißt man allgemein ihre Herkunft,
hält sie für verwaschene oder abgeriebene Zeichnungen und kauft und verkauft
sie sorglos als Originale bis auf den heutigen Tag. Man steht ihnen ratlos
gegenüber. Es darf daher nicht wundernehmen, wenn erfahrene, aber gewissen*
lose Händler die Gelegenheit, bessere Zeichnungen kurzerhand vermehren zu
Das können, weidlich ausnützten. Für gute Kenner war es allerdings nie schwer,
Erkennen, jjg Surrogate festzustellen. Die kraftlosen Striche, das gleichmäßige, monotone
Gepräge der Zeichnung, das Fehlen lockerer Substanz, Figuren mit verkehrter
Haltung, mit der linken Hand fechtend oder zeigend, oder das Schwert an
der Rechten tragend, mit verkehrten Schattierungen, wie von Linkshändern
gearbeitet, besonders im Baumschlag, in Wolken, bei fliegenden Vögeln, lassen
nicht lange im unklaren.
Von den echten Umdrucken sind jene scheinbaren zu unterscheiden, die
entstehen, wenn man die bezeichneten Rückseiten aufgezogener Zeichnungen
durch Ablösen frei macht. Mag diese Prozedur auch vorsichtig durchgeführt
werden, es geht doch immer ein Teil der Strichsubstanz infolge des Bindemittels
verloren, so daß sie monoton und wie abgeklatscht erscheinen können.
Neuere Versuche, welche mir Herr Prof. K. Kampmann in Wien freundlichst mit
Versuche. Rötel, Steinkreide und moderner Kreide auf der Druckerpresse mit trockenen
und gefeuchteten Blättern ausführte, ergaben durchaus befriedigende Resultate.
Am besten bewährten sich Rötel und moderne Kreide, welche durchaus kräftige
Abdrücke lieferten. Mineralkreide druckte sich weniger präzis ab. Daß unsere
weichen Graphitstifte hiezu ganz besonders geeignet sind, braucht wohl nicht
erst hervorgehoben zu werden.
B. Nach Gemälden.
Frühestes i> icht bloß von Handzeichnungen, auch von Ölbildern machte man sich
Verfahren. }^urzer Hand Abklatsche, wenngleich es sich nur um die Hauptkonturen und
etwas Innenzeichnung, um eine rohe Wiedergabe der Verhältnisse handelte.
Gleich das erste Kapitel in dem Handbuch vom Berge Athos berichtet von
' h. de Goncourt, Cat. Raisonnc de Tocuvre d'Antoine Watteau, Paris 1875, p. 346.
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Hilfszeichnungen. 541
der Erfindung, wie man Bilder abdrückt.^ Man bestrich sämtliche Konturen
des zu kopierenden Gemäldes, «ob auf geöltem Papier, auf einem Brett (Tafel),
oder auf der Mauer oder auf was immer gemalt», mit einer schwarzen, mit
Knoblauchsaft vermischten Farbe. Darauf legte man feuchte Papierbogen,
preßte sie gut an und hob sie dann sorgfältig mitsamt den Knoblauchkonturen ab.
Man war zu diesem Auswege insofern genötigt, als es sich einerseits in der
byzantinischen Kunst um eine schablonenhafte Wiederholung derselben Heiligen*
typen handelte, andererseits die damals gebräuchlichen Pauspapiere (Ölpapiere),
auf Tempera* oder Ölbilder gelegt, dem Auge nur ein undeutliches und un#
sicheres Bild gewährten. Dagegen waren die abgeklatschten Konturen, wenn
auch grob, dick und unterbrochen, dennoch strichgetreu und konnten vor dem
Originale ergänzt und erweitert werden.
Die Tradition verschwand wohl in keinem der Jahrhunderte. Aus dem Mil^bräuchc.
Volpatos Manuskript vom Ende des 17. Jahrhunderts ergibt sich eine scharfe
Anklage gegen die Barbaren, welche con lacca a olio die Bilderkonturen über«
fuhren und dann dieselben auf ein geöltes Papier aufpreßten. «.Besitzer von
wertvollen Bildern sollten ein Auge auf diesen \'organg haben und wenn sie
einen von diesen groben Burschen erwischen, demselben einen Fußtritt ver«
setzen und ihn dem Galgen überliefern.»- Als Ersatz schlägt er, nicht gerade
sehr glücklich, das Velo vor.^ Jene alte Manipulation läßt sich bei schwer«
fälligen Berufskopisten noch im vorigen Jahrhundert feststellen. Ein alter
Wiener Maler erzählte mir, daß er noch als Knabe für seinen Vater, einen
Heiligenbildermaler, die Figuren mit Terra di Siena (Ölfarbe) konturiert und
dann abgeklatscht habe, indem er mit einem feuchten Schwämme auf der Rück«
Seite auf« und niederwischte.
Ich erwähne dieses Verfahren aus dem Grunde, weil sich auf solche Weise Arten und
entstandene Zeichnungen, mit und ohne weitere Ausarbeitungen, in einzelnen Merkmale.
Sammlungen noch erhalten haben. Das Gros ist glücklicherweise zugrunde«
gegangen. Da selbst die Formen der wenigen Exemplare variabel erscheinen,
bald ausgeführt, bald skizzenhaft, bald mit ganzen Kompositionen, bald nur
mit Einzelfiguren oder Gruppen aus dem abgeklatschten Gemälde, bald geschickt
und rein in den Strichen, bald wieder klecksig und ölig, so wird ihr Vor«
kommen in der Handzeichnungenkunde nicht als ein auf gemeinsamer Ent«
stehungsweise beruhender Gruppentypus aufgefaf^t, sondern man bezeichnet
sie entweder als Pinselzeichnungen oder, wenn mit Rötel weitergeführt, als
Rötelzeichnungen und schätzt sie selbst als angebliche Vorstudien zu jenen
Bildern ein, denen sie ihr Dasein verdanken. Die irrtümliche Bewertung gibt
ihnen mitunter große Namen, wie Raftael, Watteau, Frans Hals.
Alle sind im Vergleich zum Gemälde gegenseitig; sie lassen stets Links«
händer und verkehrte Hahungen (Abb. 250) erkennen. Fast immer fehlt ein
Hintergrund, das Figurale schwebt in der Luft. Nadellöcher, Griffclspurcn,
Netzeinteilung deuten auf die weitere Verwendung. Die Farben >ind: bräun
' Handbuch vom Berge Athos, S. 49.
- Merrifield U, 735 (Volpato Manuskript: Modo da lener ncl dipingcr).
=• Ibid., p. 736.
542
Hilfszeichnungen.
Abklatsche
von Kom;
Positionen,
lichrot, lackrot, Terra di Siena, olivgrün, selbst blau. Die Linien und
Flächen erscheinen zerrissen und zerquetscht, nie zusammenhängend, partiens
weise ganz auslassend, an manchen Stellen durch das Abziehen punktartig
zusammengeflossen, an den Strichrändern mit bräunlichen Olgrenzen und mit
Ölflecken auf der Rückseite.
Ein Schulbeispiel einer
derartigen Abklatschzeich*
nung, die man neuester Zeit
sogar als Originalkarton Raf*
faels zur Lord Cowper*
Madonna publiziert hat, die
aber tatsächlich nach dem
Bilde, und zwar in blauer
Farbe, in den Schatten leicht
mit Kohle überarbeitet, an#
gefertigt wurde, befindet
sich in den Uffizien.^ Griffel*
linien sind deutlich sieht*
bar. Ebenso besitzt die AI*
bertina in einem Hirten*
stück, welches in flüchtigen
Konturen einen Abklatsch
in graugrün, vermutlich nach
einem Berchem* Bilde dar*
stellt (Abb. 250), ein typi*
sches Beispiel.^ Die etwas
zerrissenen Linien wurden
mit Aquarellfarben von der*
i ISi ' I f^-'-'^'^f^^*^' '^^^^"^ ^^""^ teilweise nach*
& il>l«»IÖ.W 1-^^ ■''^^■h-:!^^^^ gezogen, ergänzt und schließ*
f^L d| >»,v — "'"'*^^ ff lieh das Ganze etwas laviert,
Mintlft % \ ^* Die Abklatschkonturen un*
terscheiden sich deutlich von
den hinzugefügten Pinsel*
strichen in Aquarellfarbe;
während die ersteren eine grobkörnige, an der Oberfläche hängende Struktur
zeigen, sind die letzteren dünn und durchsichtig. Gleichzeitig besitzt das Blatt
Pauselöcher und Netzlinien zur Übertragung auf die neue Leinwand. Eine
ähnliche rasche Vorarbeit für eine Kopie liefert ein gemalter Abklatsch in der
Pariser Nationalbibliothek nach Gerard Dou: Der Zahnarzt.^ In Rotterdam
fand ich ein «Urteil des Paris» nach Van der Werff^, in der Albertina eine
Reitergruppe nach Van der Meulen (Terra di Siena), in der Sammlung der
Abb. 250.
Konturenabklatsch nach einem Gemälde Berchems (?).
' Abgebildet in I Disegni d. Uff. III, II. Fase, Taf. 7.
" Albertina, Inv. Nr. 7590, Ausschnitt. 39X31 cm.
•'' Der Kranke nach rechts, der Arzt sieht ihm in den Mund, dahinter eine Frau, alles
durch ein Fenster gesehen. Abklatsch in Terra di Siena.
Hilfszeichnungen. 543
Herren Randale Davies zwei Köpfe nach dem Rommelpotspieler des Frans
Hals.^ Auf eine weitere Aufzählung muß verzichtet werden.
Eine besondere Abteilung nehmen jene ein, die nur Einzelfiguren oder von EinzeU
Gruppen aus einem Bilde wiedergeben, wie z. B. einige Watteau^Stücke.- Sie Hguren.
zeichnen sich durch eine sorgfältige Strichführung und vorsichtige Behandlung
aus, so daß sie tatsächlich auf den ersten Blick Pinselzeichnungen gleichen.
Sie sind weder gegriffelt noch genadelt und lassen ihre Bestimmung zweifelhaft.
Ob sie als Vorlagen für kleine Bildchen gedacht oder zum Zwecke einer ander;
weitigen Reproduktion gemacht oder gar von einem geschickten und spekus
lativen Malersammler angefertigt wurden, läßt sich nicht ohneweiters entscheiden.
Eher noch als diese Blätter fallen jene Herman Sachtleven zugeschriebenen
und zeichnerisch ausgeführten Abklatsche in das Gebiet der reinen
Handzeichnung (Albertina). Die roten Konturen der Landschaft, leicht und
punktartig abgeklatscht, wurden mit Rötel weitergeführt und mit dem Tusch«
pinsel in Wirkung gesetzt, so daß sie fast den Eindruck einer freien Erfindung
erwecken. Auch hier sind keinerlei Übertragungsspuren und Nachweise der
zugehörigen Gemälde vorhanden.
^ Die Abklatschkonturen der beiden Köpfe auf rauhem bräunlichen Packpapier zeigen
flotte karminrote Striche mit klecksigem Charakter, welche von breiten gelben Ölstreifen,
die stark durchschlagen, eingefaßt sind.
- a) Halb liegendes Mädchen im Gegensinne zu einer Figur aus «l'amour paisible*
(Berlin) in der Sammlung Ricketts und Shannon (Vas. Soc. III, 33); b) Liebespaar von
rückwärts gesehen, im Gegensinne nach demselben Bilde (Brit. M., Vas. Soc. III, 34); c) Ein;
zelne Paare aus dem Bilde der «Einschiffung nach der Insel Cythera» (Louvre, Vas.
Soc. VII, 30). Wiewohl im Text der genannten Publikation die Technik richtig erklärt
wurde (rubbings), so erscheint es doch verwunderlich, diese Blätter noch als Watteau zu
bezeichnen.
Werkstattbehelfe.
Alle die hier in Betracht kommenden Apparate, Behelfe, Gerätschaften
wurden bereits in den einzelnen Kapiteln gestreift. Es erübrigt noch, sie in
ihrer historischen Entwicklung in kurzen Zügen zu behandeln. Alle dienten
dem leichteren Erfassen der Formen des menschlichen Körpers und der Natur.
Nach VeLO,^ Intersegazione, Lamma — Schleierapparat, Querschnitt.
Alberti. Nur der reinen Erfinderfreude ist es zugute zu hahen, wenn sich Alberti über
das Velo so lobend äußert. Wenn er aber sagt: «Ich werde nicht auf diejeni*
gen hören, welche meinen, es gezieme dem Maler wenig, sich solcher Dinge zu
bedienen», kann man schließen, daß schon seine Zeitgenossen ihm nicht all*
gemeine Anerkennung zoUten. Seine Erfindung war eine gewissermaßen ins
Praktische übersetzte Bildebene. Ein gazeartiger, gut durchsichtiger Stoff von
beliebiger Farbe, zwischen dem Zeichner und dem Objekte vertikal gespannt
— wie, sagt er nicht, doch jedenfalls an einem Rahmen — und mittels stärkerer
Vorteile, gezogener Fäden in Quadrate geteilt, bildete die Vorrichtung. Der Haupt*
vorteil bestand nach Alberti darin, dem zu zeichnenden Objekte immer dieselbe
Ansicht abzugewinnen, also absolut richtige Umrisse zu erhalten, ferner die
Erwerbung der perspektivischen Erkenntnis, daß mit jeder größeren Entfernung
des Auges vom Velo ein kleineres Bild entstehe (S. 100). Um den Standpunkt
zu fixieren, wurden im Beginne auf dem Schleier selbst einzelne Umrisse des
durchscheinenden Körpers markiert. Dann erfolgte mit Hilfe des Fadennetzes
das genaue Zeichnen der Figur auf der Tafel oder Wandfläche. Eine
Zwischenzeichnung wird merkwürdigerweise nicht erwähnt. Nach Leonardo,
der den Schleierrahmen ablehnt, scheint auch die Gepflogenheit geherrscht zu
haben, auf der transparenten Fläche direkt zu profilieren (§ 39).
In einer Zeit, wo das Erfassen menschlicher Formen am lebenden Modell
oder an der Antike eine große Rolle spielte und der reine Umriß als strenge
Regel galt, bot das Velo für Anfänger eine Art Unterstützung. Noch 1549
wird in dem Werke «Von der hochedlen Malerei und ihrer Kunstübung» des
venezianischen Chirurgen Michelangelo Biondo das Velo (fein gesponnene
und durchsichtig gewebte Wolle) mit einem Fadennetz von dickerer Wolle
unter der Bezeichnung Lamma gepriesen.^
» Über die Priorität der Erfindung vgl. Alberti, S. 237, Anm. 43 und Vas. Mil. II, 540
und n. 3. - Rivius 1. III, fol.° 4*. - Mander^Hoecker. S. 61, 105. Mit Unrecht erkennt
Hoecker in den Proportionsnetzen Ghibertis bereits die Anwendung eines Velo (a. a. O.
S. 410 n. 59). Die Bezeichnung Schleierapparat ist in der Literatur nicht üblich, ich finde
sie indessen weit passender als die nichtssagende Übersetzung des Wortes Velo. In ganz
anderer Bedeutung, und zwar im Sinne eines Kopierapparates findet der Ausdruck Velo
bei Volpato Erwähnung (Merrifield II, 737). Ebenso Baldinucci, Voc. p. 85, velo nero.
* In Q.uellenschr. f. Kunstgesch. V, S. 25 f.
Werkstattbehelfe.
545
Abb. 251. 4 Dürer. Der Netzzeichner.
Fadennetz, Netzrahmen, Rahmennetz, Malerrahmen - GratU
cola — Carreaux, chassis — Ruyten en netten of raemkens met draden
cruyswijs gespannen. Leonardo 'erkennt nicht mehr die Vorteile des von
Alberti eingeführten Velo an — wohl wegen der mangelhaften Durchsicht -
und gestattet es nur jenen, die auch «aus der Phantasie» Figuren zeichnen
können (§ 39). Dagegen empfiehlt er beim Aktzeichnen das einfache Faden*
netz (un quadro o'ver tellaio [Blend*
rahmen] con fila), um das Auge an
ein richtiges Erfassen der Figuren zu
gewöhnen, wobei er ausdrücklich ein
gleichfeines Liniennetz auf dem Pa?
pier vorschreibt. Der Rahmen sei
dreieinhalb Armlängen (Ellen) hoch
und drei breit und stehe lotrecht
vor dem Zeichner.*
Einen tatsächlichen Gebrauch beim
Aktzeichnen lehrt Dürers Holz*
schnitt in seiner «Unterweisung»
(Abb. 251). 2 Läßt schon diese Dar,-
Stellung auf die Verwendung bei
schwierigen Verkürzungen schließen, so will Armenino in dem Kapitel über die
Scorci der richtigen Proportion halber nur mehr diesen einen sicheren Behelf
kennen (p. 100). In gleichem Zusammenhang mit dem Aktzeichnen steht
Manders Erwähnung in seinem Lehrgedicht, der auch rautenförmige Netze und
Drahtgitter empfiehlt.^ Eine große Rolle spielte das Rahmennetz beim Port ras
tieren, um den Proportionen so nahe als möglich zu kommen; es wird von
' Willst du dich an ein richtiges und gutes Stehen der Figuren gewöhnen, so stelle
zwischen deinem Auge und dem Nackten einen Blendrahmen mit Fadennetz auf. Fbcn;
solche Quadrate ziehst du zart auf dein Papier. Darauf setzest du ein Kügelchen von
Wachs auf eine Stelle des Netzes, das dient dir als Zielkorn und du Lisscst es, wenn du
den Nackten anschaust, immer auf dessen Halsgrube treffen oder auf einen Halswirbel
seines Rückens (§ 97).
' Erst in der Ausgabe von 1538 enthalten, also aus Dürers Nachlaß stammend; B. 149.
' Mander=Hoecker, p. 60, v. 17.
Meder, Die Handzcichnunt;. 3S
Abb. 252. Der über eine Vorlage gelegte
Rahmen und die darnach gefertigte Zeichnung.
Nach
Leonardo.
Verwcn-
dungsarten.
546
Werkstattbehelfe.
Beim Land;
schaftern.
Nach
Leonardo.
Bosse im 17. Jahrhundert (Abb. 207), von Ch. Ant. Jombert und Reinhold
noch im folgenden empfohlen.^ Je nach dem Verhältnisse der beiden Netze
konnte man auch vergrößern oder verkleinern.
Eine noch häufigere Verwendung, zumal im Norden, fand der Netzrahmen
beim Landschaftszeichnen. ^ Nach Rodlers Holzschnitt wurde sogar das
Stubenfenster mit einem Fadennetz versehen und zu einer nicht gerade bequemen
Einrichtung umgestaltet (Abb. 212). Im 18. Jahrhundert hielten die Farben;=
händler Netzrahmen, Carreaux, auf Lager, die zum Landschaftszeichnen als be*
sonders geeignet angepriesen wurden.^ Über eine eigene Art der Ausnützung
berichtet die Encyclopedie methodique,
nach welcher man diese Rahmen, hier
Chassis de reduction genannt, beim
Kopieren von Zeichnungen und Stis
chen durch direktes Auflegen verwen*
det (Abb. 252).^
Das Rahmenzeichnen war noch im
vergangenen Jahrhundert allgemeine
Übung. In meiner Jugendzeit wurde
noch in der Mittelschule auf diese
Weise vom Fenster aus gelandschaftert
und für Stilleben findet es heute noch
in manchen Ateliers seinen Anwert.
Glastafel, Glasscheibe,
die Transparente, Vetri piani. —
Eine bequemere Vorrichtung für die
Porträtkunst, indes nur von relativem
Nutzen, war die Glasscheibe, Merk;:
würdigerweise empfiehlt sie Leonardo,
der sie für Figuren gemieden haben
will (§ 39), zum Zeichnen einer Ort;=
lichkeit oder Landschaft. Er rät zu
einer Scheibe von der Größe eines halben Bogen Realpapieres, die der Zeich*
ner etwa ^s Ellen vor sich aufzustellen habe; gleichzeitig sei sein Kopf durch
eine Vorrichtung derart in eine feste Stellung zu bringen, daß das Auge immer
ein« und denselben Standpunkt einnehme. Die Umrisse sollen auf der Glas«
fläche mit Rötel« oder irgendeiner Pinselfarbe ausgeführt werden, die sich
Abb. 253. Dürer. Glastafelapparat.
^ Jombert, op. cit. Taf. 71. — Reinhold, Zeichenschule, 1786, S. 87.
* «Dan bediene dich des Netzes mittelst guten reynen gezwirnten Fädemen» (Rod;
1er, Underweisung, H 2).
' ConstantsViguier, op. cit. p. 33.
* Encycl. meth., Beaux^A., T. II, p. 450 u. 466 und Taf. 2, Fig. 16, 17 im Recueil de
Planches. — Eine merkwürdige vergrößernde Übertragung einer Zeichnung mit Hilfe
des Fadennetzes und Fackelbeleuchtung auf gekrümmte Flächen (halbrunde Nischen) be*
schreibt E. T. A. Hoffmann, Bd. V, S. 127 der Reimerschen Ausgabe. Nach freundlicher
Mitteilung des Dr. A. Reichcl.
Werkstattbehelfe.
547
leicht wieder entfernen lassen. Sind die Konturen zur Zufriedenheit ausge#
fallen, kopiere man sie von dem Glas auf ein durchsichtiges Papier und von
da auf ein gutes Zeichenpapier (§ 90).
Bei Dürer finden wir 1514 eine genaue Darstellung wie nach Leonardos Anwendung.
Vorschreibung (Abb. 253).* Er, dessen formsichere Hand derartiger Unter*
Stützungen leicht entraten konnte, übernimmt diesen Behelf trotzdem in seine
Unterweisung und fügt einen illustrierenden Holzschnitt bei (Abb. 204) sos
wie die feine Bemerkung: «Solichs ist gut all denen, die jemand wollen ab*
conterfeten und die irer Sach nit gewiß sind.» Wegen gewisser Vorteile kam
der Apparat in keinem Jahrhundert außer Gebrauch und blieb an allen Akade*
mien in traditioneller Übung. Altere Künstler erzählten mir, daß sie noch auf
mit Gummi überstrichenen Glasplatten nach den An*
tiken die Konturen zeichneten. - In den Kupferstecher*
schulen hielt man sich beim Kopieren von Gemälden
gleichfalls an diesen Behelf. Der Apparat erfuhr
mannigfache Verbesserungen, Erweiterungen und Ver*
einfachungen, von welchen nur jene J. H. Meyniers
(Abb. 206) und Fried. Christ. Müllers (Abb. 253 a)
erwähnt seien. Der letztere stellte ihn auf ein Stativ,
versah ihn mit einer Ruhestange E für die Hand und
erfand sogar Methoden, durch Schwärzung der ge*
zeichneten Konturen dieselben auch vergrößert auf
eine Fläche zu projizieren.'^ Auch heute noch erachten
ihn manche Maler (Orlik, Hodler bei ganzhgurigen
Porträts) eines Versuches wert (siehe Kap. Bildnis*
Zeichnung, S. 467, ferner Schattenrißapparat, S. 470).
Die einfache Glasscheibe findet außerdem — und
meines Wissens nur in der Maltechnik — eine weitere,
nicht unvorteilhafte Verwendung, wenn in einer be*
reits untermalten vielfigurigen Bildkomposition eine
neue Figur eingeschoben oder eine vorhandene umgestaltet werden soll, ohne
daß man die bereits fortgeschrittene Arbeit antastet. Die Einschubfigur wird
mit Ölfarbe in der entsprechenden Gröfk auf die Glasscheibe monochrom
oder farbig skizziert und letztere auf die betreffende Stelle der Leinwand ge*
legt. Ihre Durchsichtigkeit ermöglicht es, daß man die darunterliegende Figu*
rengruppe mit der neu aufgesetzten Korrektur durch Hin* und llcrschic*
ben verbinden und auf ihre Zulässigkeit vergleichen kann.
oPlEGEL. Das Spiegelzeichnen und Spicgclmalen ist uralt. Die
Malerin Jaia (Laia) aus Kyzikos (geb. 638 v. Chr.), wie l'Iinius erzählt, pinxit . . .
Abb, 253 a. Glastafelapparat
nach Fr. Chr. Müller. 1776.
Korrcktur--
schcibc.
' Aus Brück, Dresdener Skizzenbuch. Taf. 135, Ausschnitt. I'cdcr. N'erlag j. Hcitz, Str.il<-
burg. — Dürer, Unterweisung, 1525. hol. A verso. IMnc N'erwendung dieses Appar.itcs im
Holzschnitt B. 148, der Kannezeichner, und Brück. Dresdener Skizzenbuch. Tal. 136.
- Maler Paul Joanowitsch teilte mir mit, daß er mit I.ithographcnkrcidc ganz gute
Konturen erzielt habe. Ich fand als gut verwendbar die heute im Handel vorkommende
sibirische Kohle. Absolut sicher zeichnen gespitzte Scifcnstängcl.
» (lebrauch der Transparente zum Zeichnen nach der Natur nebst einer Anleitung
zum Tortraitiercn. trankfurt und Leipzig 177t), S. 21, 35.
35»
Für
Selbst.
bildnisse.
548
Werkstattbehelfe.
Raum=
rweiterung.
koloristische
Zwecke.
Korrekturs
mittel.
C^eitere Ver«
Wendung.
suam quoque imaginem ad speculum.^ Es lag auf der Hand, daß, sobald es
Spiegel gab, der Künstler dieselben benützte, um sich selbst, das billigste, will*
fährigste und allezeit bereite Modell, zu studieren." Immer handelte es sich
hier um Planspiegel (specchio piano). Das Anbringen eines oder mehrerer
Spiegel im Bilde selbst, der Reiz des Reflexes, die Möglichkeit, einen Körper
gleichzeitig auch von der Rückseite gesehen darstellen zu können, fand in der
Malerei immer neue Aufgaben und Lösungen, deren Behandlung indes über das
zeichnerische Gebiet hinausgeht."* Wurde damit auch eine raumerweiternde
Absicht verbunden, so waren es doch meist die Koloristen, die sich solchen
Problemen unterzogen. Wenn Giorgione (Lomazzo, Idea 52) die Figur der
Malerei nackt vor einer Quelle dargestellt haben soll, deren Reflex eine Unter*
sieht ermöglichte, hinter ihr einen Spiegel und an die Seite einen
blanken Brustpanzer postierte, um auf diese Weise die Gestalt in
faccia, dal disotto in su, in schiena (vom Rücken) ed in profilo sehen
zu lassen, so lagen rein malerische Absichten zugrunde, des Frauen*
leibes Kolorit im Wasser, in einer Spiegelfläche und im schimmern;:
den Metall zu ergründen. Seinem Beispiele folgten Tintoretto, Tizian,
Savoldo u. a.
Früh fand man den Vorteil heraus, mit dem Spiegel Verzeich*
nungen zu erkennen. «Wahrhaftig wunderbar ist es, wie jeder Fehler
einer Malerei im Spiegel noch ärger entstellt erscheint» (Alberti,
S. 134). In ähnlicher Weise bei Filarete (S. 655). Leonardo sucht
es zu begründen und nennt den Spiegel den maestro de pittori (§§ 408
und 410). In allen Trattati und Malerbüchern, bis in das letzte
Jahrhundert herauf, findet sich immer der Hinweis auf das Ver*
gleichen von Modell und Zeichnung einerseits, Zeichnung und Spie*
gelbild anderseits.*
Außerdem nützte man die Spiegel noch auf verschiedene Weise
aus, so hinsichtlich der Beobachtung einer richtigen Plastik beim
Schwarz *Weißmalen (Alberti, S. 134). Oder bei der weiteren Durch*
führung der Hände beim Porträtmalen, wobei die eigenen als Mo*
delle aushelfen mußten.^ Oder bei Akten mit stärkster Verkür*
zung für Deckengemälde (siehe S. 423). In neuester Zeit dienen mehrere Spie*
gel, in bestimmten Winkeln gegeneinander gestellt, das dazwischen postierte
Modell gleichzeitig in mehreren Ansichten und Verkürzungen zu sehen. •' Un*
umgänglich notwendig erschien er den Kupferstechern, die sowohl nach Bildern
* Plinius, Hist. nat. XXXV, C. 40. - Overbeck, Die antiken Schriftquellen bei den Grie^
chen, Nr. 2380.
* Fra Bartolommeo fattosi in un specchio (Vas. Mil. I, 258, IV, 199).
^ H. Tomaseth, Spiegel und Spiegelbild in der Malerei (Photograph. Korresp. 1907).
* Peter Gregor von Toulouse: Potent et pictov ad speculum conferre et probare, detegit
enim errata facile (Syntaxeon Artis Mirab., Lib. XXXI, c. 5) um 1600. Oder Reinhold,
Zcichenschule, 1786, S. 350.
•^ Alessandro Tiarini erzählt von sich: E studiando la sera viste in uno specchio opposto
le mie mani, ch'erano assai pittoriche e buone, in iscorti bizzarri, disegnandole in carta azzura,
lumeggiate di biacca, le introducevo ne' ritratti (Malvasia IV, 185. Ebenso Malvasia II, 303).
* Seinig, Charlottenburg, Zeichnen als Sprache, Berlin 1914, Fig. 92.
Abb. 254.
Der
schwarze
Konvexs
Spiegel.
Werkstattbehelfe.
549
als auch nach der Natur gegenseitige Vorzeichnungen für ihre Arbeiten auf
der Platte benötigten.
Eine wesentlich verschiedene Wirkung als die Planspiegel hatten die Konvex* Konvex*
Spiegel. Zur Gegenseitigkeit kam noch die Verkleinerung, die dem Maler spiegel.
und Zeichner die naturgroßen Objekte reduzierte und eine leichtere zeichnerische
Zusammenfassung auf kleiner Fläche ermöglichte, was insbesondere beim Land*
Schaftszeichnen mancherlei Vorteil gewährte. Man nannte sie Maler* oder
Reisespiegel. Von Descamps erfahren wir, daß Gerard Dou sich einer Art
Ofenschirmes bediente, auf
welchem er in Kopfhöhe
einen gerahmten Konvex*
Spiegel befestigt hatte, der
außerdem noch mit einem
Netzrahmen (Fadennetz) ver*
sehen war, so daß er die
Konturen gleich auf die Lein*
wand übertragen konnte.^
Lairesse gibt von den ,roncf*
glazige Spiegel, convex of
verheeven' an, daß sie einen
Fuß im Durchmesser haben,
von Nürnberg kommen und
beim Naturzeichnen einen
guten Behelf abgeben (miJ*
del om volkomen na het
leven te tektnen; Groot Schil*
derboek II, 155). Siehe Land*
Schaftszeichnung, S. 477. Die
Konvexspiegel waren weni*
ger kostspielig und leichter
zugänglich als die Flachspie*
gel, daher im 16. und 17.
Jahrhundert vielfach im Ge*
brauche.^ Um 1760 aber
werden sie schon seltener.^
Sehr behebt war der schwarze Konvexspiegel ^verre no/r), welcher ein Schwarze
geschlossenes, verkleinertes Bild zeigt und in der Kupferstecherkunst, beim Konvex.
° Spiegel.
^^LJi^^^vttk- ^fdxadiJk
Abb. 255.
Camera obscura des schwäbischen Malers J. F. Beich.
> Descamps II, p. 218 f. Schon FioriUo (III. 152) hatte den Irrtum Descamps' (cef oh}et
se tra<ioU en petit dans ce verre concave [?]) richtiggestellt, dal^ es nicht Konkav., sondern
nur Konvexspiegel sein konnten. Ebenso müssen wir auf eine zweite Linkenntnis Descamps'
hinweisen, der beschreibt, der Wandschirm habe sich zwischen dem Maler und dem Ob=
jekte als eine Art Scheidewand (une sorte de cloison) befunden.
» W. Seiht. Helldunke!. Adam Elsheimers Leben und Wirken (in Studien zur Künste
und Culturgesch. IV. Frankfurt 1885). S. 51.
' Roger de Piles. Cours de Peinture. 1708. Deutsch, Leipzig bei Joh. G. Dyck. 1760. -
Fr. Chr. Müller, Gebrauch der Transparente, 1776, S. 164.
550
Werkstattbehelfe.
Erfindung
und Be;
Schreibung.
Französische
Apparate.
Landschaftszeichnen und in der Miniaturmalerei seine Verdienste hatte (Abb. 254).^
Indem er die Farben brach und sie alle zu einem einheitlichen Tone vereinigte,
erleichterte er das Absehen buntfarbiger Bilder oder sonnbeleuchteter Land*
Schäften außerordentlich. Abb. 213 zeigt die praktische Verwendung in freier
Natur. Einen Ersatz bieten heute noch in manchen Ateliers, wiewohl auch
noch schwarze Glasspiegel im Handel erhältlich sind, Glasscheiben, deren
Rückseiten mit schwarzer Farbe überstrichen oder mit schwarzem Papier über*
klebt wurden. Außer Konvexspiegeln fanden auch Konkavlinsen (Brillengläser
für Kurzsichtige, Verres concaves) bei Verkleinerungen Verwendung (Constant*
Viguier, S. 69).
Camera OBSCURA, Chambre obscure, Chambre optique. Die
Camera obscura, von Erasmus Reinhold in Wittenberg 1540 im Prinzip er*
funden, von Porta 1558 verbessert, 1679 von Rob.
Hooke als transportable Camera zum Nachzeichnen
optischer Bilder hergerichtet, kam bei Landschaftern
vereinzelt in Gebrauch.^ Ein Bildnis des bayri*
sehen Malers und Radierers Joachim Franz
Beich vom Jahre 1715, geschabt von J. J. Haid,
enthält neben anderen Zeichen* und Malrequisiten
auch die leider nur teilweise sichtbare Abbildung
einer Camera (Abb. 255). Die Inneneinrichtung
des damaligen Kastens entsprach wohl jener aus
späteren Zeiten; eine Linse, die das Bild umge*
kehrt in den diagonal gestellten Spiegel a warf,
der es wieder auf die Mattscheibe b nach oben
reflektierte (Abb. 256). Der Deckel ermöglichte
eine Abbiendung. Die Scheibe am Fußgestell diente
zum Auf* und Abwärtsdrehen.
Apparate aus der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts zeigt die Abb. 257,
welche links ein nach Art der Sänften tragbares und verschließbares Gehäuse
mit Tischchen D, Sitzgelegenheit E, Ventilation F, Linsen* und Spiegelkasten A
mit der Spiegelscheibe B darstellt; rechts einen einfachen, überspannten Rahmen*
apparat, der beim Gebrauch auf einen Tisch gestellt wurde. ^ Algarotti weiß
von den plus habiles peintres de vues seiner Zeit, die sich der Camera mit Erfolg
bedient haben, schließlich doch nur Espagnolet de Bologne zu nennen.* Im
allgemeinen wurde davor gewarnt und auf das Amateurhafte hingewiesen.
Abb. 256. Camera obscura,
Durchschnitt.
' Prof. L. Michalek stellte mir dieses aus dem Besitze des Wiener Malers G. F. Wald^
müller stammende, viereckige Exemplar freundlichst zur Verfügung. Größe 13X11 cm,
Dicke in der Mitte 5 mm, am Rande 3 mm. Die Färbung grenzt an Undurchsichtigkeit.
* Näheres über Einrichtung und Gebrauch: Brander, Beschreibung einer Camera obscura,
Augsburg 1769, 1775. - Giamb. della Porta, Magia naturalis, Neapel 1598.
^ L'Encyclopedie meth., Beaux^A., T. II, p. 465, abgeb. auf PI. 4, Fig. 1 u. 2.
* Comte Algarotti, Oeuvres II, p. 186: Les plus habiles peintres de Vues, que nous ayons
aujourd'hui, tirent un grand avantage de cette Chambre obscure et sans eile ils n'auraient pu
rendre les objets si fort au naturel. Gemeint ist: G. M. Crespi f 1747.
Werkstattbehelfe.
551
Modellmännchen, Wachs, oder Tonfigürchen, Wachs.
Modellen - Piccioli modelli di cera, di terra, figure, Modegli di
figure di terra - Modelos de barro - Poppetjes. In der Skulptur war
das Anfertigen eines kleinfigurigen Modelles (figurino), mehr oder weniger als
eine halbe Elle hoch, eine natürliche Sache, um attitudine e la proporzione zu
erproben (Vas. Mil. I, 152). Auch die Maler hatten mit plastischen Erfahrungen
zu rechnen. Alberti schon empfiehlt, vor dem Zeichnen sich zuerst im Modellieren
zu üben. «Wenn ich nicht irre, so ist die Skulptur bestimmter als die Malerei,
denn selten wird es jemand geben, der irgend einen Gegenstand richtig zu
malen verstünde, ohne jede einzelne Hervorragung an demselben zu kennen»
(S. 154). Wer mit dem Modellierholz nicht umgehen konnte, wandte sich an
Abb. 257. Französische Camera obscura in zwei Formen. 16. Jahrh.
befreundete Bildhauer. Bernardino Campi (1584) und Armenino (1587) geben
genauen Autschluß über die Herstellung.*
' Campi, Parere, S. 103: «Hernach mache er eine plastische Figur von Wachs, cinhalh
Elle lang oder mehr oder weniger, aufrecht, mit den Beinen etwas auseinanderstehend
und mit ausgebreiteten Armen, damit man sie auch leicht in Gips gielien könne; oder
noch andere von Wachs, so viele man eben zur Komposition (Istoria) brauche. So lange
sie weich sind, wird er sie für seine Stellungen zurichten können; und wenn sie zu hart
geworden, wird er sie durch warmes Wasser wieder gefügig machen. Nach Herstellung
der hinreichenden Anzahl wird er dieselben nach seiner Erfindung anordnen und auf
einem Brett mitteis warmer Eisenstifte befestigen.» Die ganze Vorrichtung wird von
Campi Modello genannt. Darauf wurde vor diese Cruppc der Nctzrahmcn mit Quadraten,
die eine Kopflänge der Figur im Ausmalt hatten, gestellt; dieselben Netzlinien befanden
sich auch auf dem Papier (carta graticolata, graticata). Vor dem Zeichnen zog man noch
auf das Brett ein Linienkreuz, das dem Beschauer einen Anhaltspunkt geben sollte. Wichtig
erschien die Möglichkeit einer niederen oder höheren Aufstellung des Modcllbrcttcs. je
nachdem die Komposition eine Untersicht, eine Daraufsicht oder eine ä la vista4)arstcllung
verlangte. Diese Vorrichtung demonstriere gleichzeitig Belichtung, das Schattenwerfen
sowie die perspektivische Verkürzung. — Ferner Armenino, Prccctti, S. 103.
Allgemeines.
552
Werkstattbehelfe.
Arten und Welch große Rolle diese Modelle in den Malerwerkstätten spielten, beweisen
^'er= nicht nur die vielen Literaturstellen bei allen Nationen, sondern auch zahl*
Wendung. reiche Belege in Bildern und Zeichnungen. Ihrem Zweck entsprechend gab
es zwei Arten: einfache, aufrechtstehende Männchen mit etwas auseinander*
stehenden Beinen (alquanto aperte) und abgestreckten Armen (braccia distese),
die in Gips gegossen oder auch aus Holz geschnitten wurden und der Pro*
portion allein dienten (Abb. 82). Dann solche, die schwierige Bewegungen
zu markieren hatten und aus Wachs oder Erde modelliert waren, um nach
Bedarf umgeformt zu werden. Im Laufe der Zeit kommen nur mehr die
letzteren bei kühnen Verkürzungen schwebender oder fliegender Gestalten und
bei den zugehörigen Draperien in Verwendung (Abb. 170—172). Eine dritte,
Abb. 258. Modellmännchen und CorreggiosEngel.
wichtige Rolle spielten sie bei Kompositionen stark bewegter Gruppen, wo
sie dem Künstler durch geschicktes und immer aufs neue geändertes Zusammen*
stellen allerlei Anregung und Erleichterungen in der Überschneidung bieten
sollten (Abb. 173. Vas. Mil. I, 176). Eine letzte Funktion erfüllten sie bei dem
Studium der Draperien (Sandrart T. A., Leben Poussins u. S. 64) und der Be*
leuchtung.
Verbreitung J- v. Schlosser vermutet, daß die Steifheit der Uccello*Pferdchen diesen
in Toskana. Brauch auch bei Tierstudien voraussetze.^ Leonardo soll nach Überlieferung
wenig von den Modelli gehalten, trotzdem sie zu Draperiestudien verwendet
haben.- Weitere Berichte sind jene über B. Garofalo, der während der Aus*
' J. V. Schlosser, Aus der Bildnerwerkstatt der Renaissance (Jahrb. d. kunsth. S. d. Kh.,
1913, S. 111), der zum ersten Male dieses Thema behandelte und die italienische Lite^
ratur zusammenstellte.
'' Vas. Mi!. IV, 20.
Werkstattbehelfe.
553
Führung seines «Kindermordes» in S. Francesco in Ferrara wohl wegen der
reichbewegten Handlung - und zwar als erster in der Lombardei - sich der
modeln di terra bediente (c. 1508); hier führt Vasari auch als Zweck die
bessere Licht* und Schattenführung an (per vedete meglio l'omhre ed i lumi).'
Ferner jene Nachricht über Andrea del Sarto. der 1517 von Sansovino ein
Bewegungsmodell für den Johannes in der Madonna delle Arpie erhalten haben
soll; oder jene über den Florentiner Bildhauer Niccolo Tribolo, der dem
schwerfälligen Bugiardini Figuren nach Zeichnungen Michelangelos mit kühnen
Stellungen anfertigte.^ Daß Michelangelo als Bildhauer aus diesem Behelf
Vorteil zog, ist — abgesehen von der Nachricht des Armenino über das jüngste
Gericht — schon dem Fresko selbst zu entnehmen.-^
In Oberitalien häufen sich die Belege. Für Correggios Anwendung um Oberitalien.
1526—1530 konnte der Beweis auf dem Wege des Experimentes erbracht
werden (Abb. 170, 258). Von Barocci erzählt Bellori, daß er in der Modell*
anfertigung so geschickt war, daß dieselben von der Hand des besten
iiiiirii'i(itiiWHi<'«n:i|ii«uTiinllllllllMliiiniliKiiiiiiimiiHr
Abb. 259. Deutsches Paviment^Modell von 1564.
Bildhauers zu stammen schienen; er machte sich gleich mehrere, um darnach
seinen Vorkarton (Cartoncino) in Ol oder Gouache in chiaroscuro anzulegen.'
Dasselbe berichtet man auch von Tizian'* und Tintoretto (siehe S. 417).'' Von
Italien ging der Brauch nach Spanien wie auch nach dem Norden. So der
Bericht Pachecos von dem Maler und Bildhauer Gaspar Becerra, Schüler
und Nachahmer Michelangelos."
Übereinstimmend mit der Vorschrift B. Campis, Gruppendarstellungen aul Deutschland,
einem Brett anzuordnen, finden wir, und zwar bereits 20 Jahre früher, in
Deutschland alte Abbildungen derartiger Kompositionsmodelle. So diene für
das Jahr 1564 ein Schema aus Lautensacks «Underweisung» mit einer Lucretia*
darstellung als Werkstattbeleg (Abb. 259).'* Das Brett trägt statt eines Kreuzes
* Vas. Mil. VI, 464; ferner I, 176. - Ebenso Lomaizo, Idca. p. 31.
' Vas. iMil. VI. 63. 208 u. 464.
' Armenino, S. HO.
* Bellori, Lc vite, Baroccio. S. 17.
* Lomazzo, Idea. S. 46: modelU di legno, di terra e di cers, nach welchen er die Stellungen
zeichnete.
" Ridolfi. Marav. II, 6. ' Pacheco. Arte de la Pintura. p. 335.
* H. Lautensack. Des Circkels und Kichtschevts kurze Linderweisung. Abb. 4^.
554
Werkstattbehelfe.
eine vollständige Pavimenteinteilung. Die vorderste Figur links ist genau drei
Quadrate groß. Ebenso gibt J. Sandrart die Beschreibung eines ,mit Pflaster?
stein ausgetheilten Brettes' bei Besprechung des Niclas Poussin, mit dem er
um 1630 in Rom verkehrte: «Als dann machte er zwey schlechte Scitz der
Ordinanzien (einfache Entwürfe der Komposition) auf Papier, stellte auf ein mit
Pflasterstein ausgetheiltes Brett die von Wachs darzu gemachte nackende Bildlein
in gebührender Action nach der ganzen Historie geartet; denen selben aber
legte er von nassem Papyr oder subtilem Taffet die Gewand nach seinem Ver*
langen um, mit durchgezogenen Fäden, daß sie gegen den Horizont in ge#
bührender Distanz stünden» (Teutsche Akademie).^ In demselben Werke (S. 64)
gibt Sandrart eine dem Campischen Rezept ähnliche Anweisung, frei nach Vasari.
Hofland. Nach Karel van Mander habe sich der Maler Cornelius Ketel (geb. 1548)
auch mit dem Bossieren in Wachs als Hilfsmittel für sein Zeichnen und Malen
beschäftigt, wie dies bei den Italienern gebräuchlich und för?
derlich gewesen (Mander^Floerke II, 195). Lairesse machte sich
statt des Brettes ein flaches Holzkistchen mit einem Blechdeckel
zurecht, der vielfach durchlöchert war, um die mit Drahtstiften
versehenen Poppet] es (Wachspuppen) nach Bedarf und richti*
ger Entfernung hineinstecken zu können. Damit sie einen kom#
pakten Boden fänden, ward das Kästchen mit Erde oder Kleie,
vermittelst Pökelbrühe angemacht, ausgefüllt. Er nennt diese
von ihm um 1668 erfundene Vorrichtung seine xM achin e.^
Auch sonst hingen, wie alte Atelierdarstellungen dartun, flie*
gende Gipsputten an Fäden herab, die bei Allegorien und reli*
giösen Darstellungen die Bewegungs* und Verkürzungsschwierig*
keiten erleichterten. So bei Frans van Mieris in dem Dresdner
Bilde, der Künstler eine Dame malend, oder in dem Uffizien*
bild, der Künstler und seine Famifle. Die Tradition erlosch nie.
In Wilhelm von Kügelgens Erinnerungen heißt es in dem
Kapitel «Der Künstlerverein»: «Wenn wir des Abends bei*
einander saßen, so hatte jeder irgend etwas vor. Mein Vater
modeUierte in der Regel kleine Wachsfiguren als Vorstudien
zu seinen Bildern.» ÄhnHches erzähh George Moore von Degas, der in sei*
nem Atelier aus rotem Wachs Tänzerinnen, einige in Gazeröckchen, stehen hatte. ^
Herkommen. M.ANICHINO, Manechino — Gliederpuppe, Gliedmann, Glieder*
mann — Leemann — Mannequin. Die mit der Beschaffung eines richtigen
und allezeit zur Verfügung stehenden Modells verbundenen Schwierigkeiten
veranlaßten die Künstler frühzeitig, sich Ersatz zu schaffen. Man wird in der
Annahme nicht irregehen, daß die schon seit altersher bekannten, mehr oder
weniger beweglichen Gelenkspuppen der Kinder oder der so beliebten Puppen*
spiele (Marionetten) den Ausgangspunkt für das von Bildhauerhand nach
' In ähnlicher Weise über Poussin auch Bellori (Le vite, p. 285).
'' Schilderboek II, 146.
' Den Hinweis auf die Stelle in Kunst und Künsfler XVI (1917), S. 75 verdanke ich
Herrn Rcgieiungsrat G. v. Kieszkowski.
Abb. 260.
Altgriechische
Tonglieders
puppe.
Werkstattbehelfe.
555
richtigen Verhältnissen angefertigte und vervollkommnete Manichino bildeten.
Schon die in Griechenland gefundenen aus Wachs oder Ton waren in Schultern
und Hüften gelenkig (i^bb. 260). ^
Nach akademischer Auffassung gilt das Manichino als Behelf bei Draperie*
Studien. Die Entwicklung aber lehrt, daß es zunächst dem Erfassen von Maß
und Proportion diente und im weiteren Verlauf der Posierung schwieriger
Körperhaltungen und Bewegungen.- In allen Fällen, wo ein Körpermodell nicht
zur Verfügung stand, wurde die Gliederpuppe zum willkommenen Werkstatt*
Proportion
und
Bewegung.
^.
^^
( ^ '<V
5^1.
Abb. 261. Fra Bartolommeo. Weibliche Gliederpuppe in drei Stellungen.
bestandteil. Literarisch erscheint sie zuerst bei Filarete im dritten Buche der
Zeichenkunst (1451 — 1464) als Figuretta di legname? Die früheste X'erwen*
düng konstatierte ich bei Bartolommeo zu einer sitzenden Aladonna in drei;
facher Posierung (Abb. 261). Ein Klostcrmaler tat sich mit der Darstellung des
* Aus Baumeister, Denkmäler des klass. Altertums II, Abb. 830. — G. Lafayc s. v. *pupa»
in DarembergsSaglio: Dictionnaire des antiquites Grecques et Latines, Paris, Hachcttc; weitere
Literaturangaben im selben VC'erke unter dem Strich.
* In gleicherweise überzeugt uns A. Weixigärtner, der über den Gebraucli des (ilicdcr-
mannes bei den Deutschen und dessen Übernahme aus Italien ausKihriich schreibt, dal^
sowohl bei Dürer, als auch bei andern in den ersten Dezennien des 16. Jahrhunderts nur
Proportionszwecke und Bewegungsmotive in Betracht kamen. A. Weixigärtner.
Dürer und die Gliederpuppe in: Beiträge zur Kunstgcsch.. Franz WickhoH gewidmet.
Wien 1903.
^ Filarete, op. cit. S. 654. — Baldinucci. \'oc. führt sie merkwürdigerweise nicht an.
Fra Barto«
lommco.
556
Werkstattbehelfe.
B. Carapi.
Alte
Exemplare.
weiblichen Körpers besonders schwer, so daß es nicht wundernehmen darf,
wenn wir darin eine direkt auf einen weiblichen Habitus zugerichtete Puppe
vor uns sehen. Daß hier keine Aktstudien vorliegen, wie bisher für diese
Zeichnung immer angenommen wurde, ^ davon überzeugen die ungelenken
Kopfneigungen, das Anlehnen statt Sitzen (z. B. links), die einer Perücke
gleichenden Haare, die trikotartige Beklei*
düng mit der notwendigsten Andeutung
weiblicher Formen. Ein Garzune kommt
nicht in Betracht und wie präzis und orga*
nisch Bartolommeos Naturstudien sonst aus*
sehen können, wissen wir aus seinen mann*
liehen Aktzeichnungen. Laut Inventar be*
saß er zwei Manichini, eines in Naturgröße,
ein zweites von Armlänge. ^ An dieses letz*
tere möchte man beim Anblick der Mün*
ebener Zeichnung denken. Daß es mit
seinen Puppen ein eigenes Bewandtnis haben
mußte, vielleicht gerade hinsichtlich ihrer
Vervollkommnung, beweist auch der über*
triebene Bericht Vasaris, Bartolommeo sei
der Erfinder des Manichino gewesen.^
Campi lobt die Manichini in Natur*
große, wenngleich auch die kleinen schon
gute Dienste leisten; dabei empfiehlt er,
daß deren Kopf einen Ring trage, um sie
mittelst einer Schnur an der Decke befesti*
gen zu können, wohl für den Fall, wenn
die stark bewegten Beine ein Stehen un*
möglich machten.^
A. Weixlgärtner verdanken wir auch die
Hinweise auf die frühest nachweisbaren
deutschen Exemplare in Madrid, Leipzig,
Berlin^ und Innsbruck (Abb. 262).*' Man
Abb. 262. Holzgliederpuppe
des 16. Jahrh. Innsbruck.
^ Aus Handzeichnungen alter Meister, Mün*
chen, Bl. 155. München, Pinakothek; Rötel, ver*
kleinert. —F. Knapp, Bartolommeo, S. 116, Abb. 54.
^ F. Knapp, Bartolommeo, S. 275 f.
' Vas. Mil. IV, 195. Fece fare un modello di
legno grande quanto il vivo, che si snodava nelle congenture e quello vestiva con panni
natural!. Ein in der Florentiner Akademie heute noch aufbewahrtes altes Manichino
wird einer Überlieferung zufolge als jenes des Bartolommeo bezeichnet. Ibid. 196, Note 1.
In ähnlicher Weise beschreibt Vasari den Gliedermann des Garofalo (Vas. Mil. VI, 464),
der ihn als erster in der Lombardei verwendet haben soll.
* Campi, Parere (Zaist, Notizie II, 104).
^ Über das Madrider und Berliner Exemplar Emile Michel, Deux mannequins en
bois du XVI« siecle (Gazette d. b. A. 1904, I, S. 135 ff.).
• Die obige Reproduktion verdanke ich der Güte des Herrn Hofrates Fr. v. Wieser in
Innsbruck Höhe der Figur 21 cm.
Werkstattbehelfe.
53/
hatte, wie es auch bei den Proportionsfiguren der Fall war (S. 225), mann--
liehe und weibliche im Gebrauch, die sich durch sorgfältige Modellierung und
Bewegungsfähigkeit auszeichneten. Dürer hatte hievon den reichsten Gebrauch
gemacht (Weixlgärtner a. a. O.). In der interessanten Darstellung einer hollän.
dischen Malerwerkstatt von A. Ostade (Dresden) finden wir unter den vielen
Utensilien auch eine kleine, auf einer Eisenstange drehbare Holzgliederpuppe
(Leemann) in der Haltung eines Laufenden (Abb. 263).'
Mit der Verbreitung der Naturmodelle beschränkte sich die Verwendung des Drapicrungs.
Manichino mehr auf das Drapieren faltenreicher Gewänder. In Privatschulen ::weckc.
und Akademien, für Figuren der Ruhe
und noch mehr heftiger Bewegungen ge^;
währte es die einzige Möglichkeit, einen
natürlichen Faltenzug herzustellen. Ein frü*
hes Beispiel einer an dem Manichino
kunstvoll gelegten Madonnendraperie fin*
det sich in der Albertina^Zeichnung eines
oberitalienischcn Meisters (A. P. 766).-
Ein zweites, auf 1491 datierbar, fand ich
in einer GhirlandaiosZeichnung (Mün*
chen) zu einer Manteldraperie der Jung*
frau in der LouvresHeimsuchung (Ab?
bild. 192). Der herausragende dünne
Arm sowie die über das Holzbein schlaff
hängenden Faltenzüge lassen, abgesehen
von den Abweichungen, erkennen, daß es
sich hier nicht um eine Kopie nach dem
Bilde, sondern um eine richtige Puppen?
draperie handelt. Im allgemeinen ist die
Literatur über das jeweilige Verfahren sehr
schweigsam. Wenn Lairesse vorschreibt:
zeichnet alles Nackte nach der Natur und
die Gewandung nach dem Leemann, so
will dies wenig sagen. ^
Ebenso gilt das Mannequin in den
französischen Akademien nur mehr als
Draperieträger, sowohl beim Stoffstudium
als bei Teildraperien für die Historie. Aus zwei Tafeln der Encyclopcdic
methodique erkennen wir die technische Vervollkommnung dieses Apparates.
Die höchst komplizierten, leicht drehbaren Bestandteile des eisernen oder
kupfernen Gestelles sind mit einer mit Kork oder Haaren ausgestopften Kor--
perhülle von Seide oder Gemsleder umkleidet, um die richtige Körperrundung
zu erreichen (Abb. 264).^
Abb. 263. Holländische Gliederpuppe
nach A. v. Ostadc.
Aka»
demische
Mannequins.
* Ebenso in seiner Radierung B. 32.
' Von Weixlgärtner festgestellt, a. a. O. S. 9. * Schilderboek I. 49.
* Encycl. meth.. Beaux Arts II. 470 und Recueil de planchcs. lol. 6 u. 7.
la Pcinture, S. 250.
— Traitc de
558
Werkstattbehelfe.
Skelett: und
Muskel.
mann.
Der muskelmann — Notomia, Anatomia — Figure ana*
tomique, Ecorche. Das anatomische Modell von Gips, Wachs oder Bronze
stand seit dem 16. Jahrhundert neben dem offi#
ziellen Skelettmann in jeder größeren Werkstatt,
die auf einen Schülerkreis reflektierte (Abb. 86).
Die alten Gewährsmänner führen die Anatomien
des Prospero Bresciano,^ des Francavilla^ und
namentlich die des Malers Cardi il Cigoli^ als
weit verbreitet auf.* In den französischen öffent*
liehen Akademien und Meisterschulen hatte man
deren von jedem Maß und jeder Farbe. Koloriertes
Wachs, Holz, Gips, selbst Glas und Porzellan (Du*
fourny de Villiers, 1779) mußten dazu herhalten.
Ebenso gab es solche mit zerlegbaren Muskeln,
wie sie in den anatomischen Lehrsälen üblich waren.^
Und so wie man den menschlichen Körper skelett*
mäßig und anatomisch zugänglich machte, so ge-
schah es auch mit jenem des Pferdes. In einer
Federzeichnung Rembrandts (Darmstadt) findet sich
ein derartiges Beispiel nach einem Skelettreiter,
wie sie damals in den Anatomiesälen z. B. in Lei*
den üblich waren (A. P. 598). Außer den Plastiken
dienten eine Unzahl von schwarzen oder farbigen
Abbildungen, gestochen und radiert, koloriert oder farbig gedruckt, von den
ältesten des Vesalius und Tortebat bis zu Gautier d'Agoty (f 1773).*^
Abb. 264. Französische Glieder*
puppe, 18. Jahrh.
1 Baglione, Vite 42. "" Baldinucci, Notizie VIII. 362. => Ibid. IX. 152.
* J. V. Schlosser. Aus d. ßildnerwerkstatt d. Renaissance (Jb. d. kh. S. d.Kh. 1913, p. 104).
^ Une helle figure anatomique en dve colovee, munie de muscles mobiles (Lettres de Cochin
ä Marigny c. 1766. siehe Locquin, op. cit. p. 83).
® Zur Literatur: Locquin. op. cit. p. 85.
DRITTER TEIL
KÖRPER* UND RAUMGESTALTUNG
IN DER ZEICHNUNG.
I. Körperplastik.
/\LLGEMEINES. Jede zeichnerische Funktion suchte zuerst Formgren* Umriß,
zen und dann Flächenbildung. Nach einer gewissen Entwicklung wirkten
beide zusammen, dem Körper Umriß und Rundung verleihend; indes gab es
wiederkehrende Perioden, wo die erstere sich selbst genügte, dann wieder
Übergänge, wo die zweite allein bestehen zu können glaubte. Die den Kontur
gestaltende Linie erscheint, ihrer Entwicklung entsprechend,
1. als unentwickelt, weil ohne Formverständnis, empfindungslos, hart, aber
unbefangen;
2. als vollendet, der klarsten Formvorstellung entsprungen, von Phantasie
und Empfindung geleitet und von geschulten Augen und Händen geführt;
3. entwickelt, aber leer, weil nur auf freiwilliger (gesuchter) oder unfrei*
williger Nachahmung beruhend. Übergänge von einer Ausdrucksweise zur
andern finden sich im Werdegang des Einzelnen sowie ganzer Perioden.
Die plastische Flächenbildung unterliegt einzig dem Gesetze der Licht* Rundung.
Wirkung, die bald schematisch einseitig, bald im Sinne malerischer Absichten
mit allerlei Gegensätzen, Helldunkeleffekten und Reflexen auftritt. Für die erste
Art reichte das einfache Verstärken der Schattenseite, das lineare Schattieren,
parallel oder übereinander gelegt, vollkommen aus; dagegen erforderte die
zweite die Mithilfe des flächig gestaltenden Pinsels. Nach diesen hier verein*
facht formulierten Gesichtspunkten vollzog sich das durch Jahrhunderte stets
neu erlebte Erschauen alles Körperlichen und das nie ermüdende Versuchen,
dasselbe immer wieder anders auszudrücken.
V on den bereits erwähnten paläologischen Zeichnungen abgesehen, betätigte Die Skulptur
sich noch zur Zeit einer schon entwickelten Kunst eine Art graphische Skulptur, ^'s Lehrerin,
ein lineares Formbilden in harter Fläche, auf Sand* oder Kalksteinplatten. Dm
die mit der notwendigsten Innengliederung versehenen Figuren weithin sichtbar
zu machen, vertiefte man alle Hauptkonturen derart, da(^ sie in der Tages*
beleuchtung von selbst Licht* und Schattenseiten ergaben. Verstärkt wurde die
Wirkung, als man die umrissene Fläche noch mit Erdfarben bemalte. Diese
rein bildhauerische Erfahrung wiederholte sich, indem man in nachahmender
Weise festkonturierte Figuren mit Farben auf der Wand, auf Tafeln oder
Pergament zeichnete und flächig anlegte. Bei etwas Innenzeichnung traten
diese formbildenden Silhouetten aus dem leeren Hintergründe und regten die
Phantasie des damaligen Beschauers vielleicht besser an als jene mit dem
Meißel gegrabenen Gestalten. Kam das Runde auch noch nicht zur Geltung,
so wirkte der farbig zusammengefaßte strenge Kontur unter Heranziehung
charakteristischer Behelfe, wie Profilstellung, typisches Anbringen beider Arme,
sowie des leeren, gegensätzlichen Hintergrundes bereits Raum andeutend.
Mcdcr, Die IlAndzcichnung. ^
562
Körperplastik.
Auch die nächste zeichnerische Stufe, die Andeutung des Runden selbst,
bedeutete in der Flächendarstellung nichts anderes als eine graphische Nach*
ahmung der weiteren Entwicklung der Tief? und Flachreliefs. So wie dieselben
zunächst durch ein rundendes Herausschaben der Steinfläche innerhalb der
Umrisse (Abb. 265)^ oder gar durch Beseitigung aller die Figur außerhalb
umschließenden Schichten zu einer Licht* und Schattenseiten enthaltenden,
also flachplastischen Erscheinung umgewandelt wurden, so ahmte man
diese äußeren Kennzeichen in der Malerei auf einfacherem Wege in der Weise
nach, daß man die Konturen mit derselben Farbe schattenseitig verstärkte und
später die Lichtseite durch einen
hellen Streifen andeutete. Und
wie man im Relief Handlungen
durch Aneinanderreihen agieren*
der Profilfiguren zur Darstellung
brachte, so stellte man mit dem
Pinsel auch an den Wänden der
Tempel und Grabkammern Sil*
houettenreihen auf mit gleicher
Andeutung flacher Körperwirkung
nach Art der Kalksteingebilde.
Man war in dem Bestreben, das
langwierige Bearbeiten großer
Steinflächen zu ersparen, erfinde*
risch geworden und ließ in
Innenräumen die handsamere Ma*
lerei immer mehr an die Stelle
der Skulptur treten.
Dieser ökonomische Gewinn
bedeutete gleichzeitig einen fun*
damentalen Fortschritt der Male*
rei selbst, und welche Vervoll*
kommnung das Skulpturrelief
auch immer erhielt, sie nahm notgedrungen an dessen Entwicklungsstufen
teil. Die Schichtenkompositionen in Zeichnung und Bild während des 14.
und 15. Jahrhunderts stehen noch unter derartigen Einflüssen und nicht
minder die auf die Sflhouette herausgearbeitete Einzelfigur. Selbst die Voll*
plastik in ihrer Vollendung blieb noch vielfach eine sichere Führerin ihrer
Schwesterkunst. Die Form sieht und erkennt nur der am besten, der sie von
allen Seiten mit hellen Augen erfassen muß. Kaum hätte die Flächenkunst
allein den überzeugenden, sinnlichen Eindruck, die Greifbarkeit des Dar*
gestellten errungen. Von diesem Gesichtspunkte aus eröffnen sich Einblicke
in das Dunkel, aus dem die Zeichnung in die Erscheinung trat, und ebenso
in ihre weiteren Bahnen, als sie den Körper als Körper darzustellen suchte.
Abb. 265. Bemaltes ägyptisches Tiefrelief.
' Aus Springer, Kunstgesch. I, Abb. 99. Bemalte Reliefskizze, Berlin: Amenophis IV.
und seine Gemahlin.
Körperplastik.
563
als sie vom Räume Besitz ergriff und Figur und Hintergrund in ein räumliches
Verhältnis zu bringen hatte.
In jener Zeit, in welcher die Entwicklung der Zeichnung für uns sichtbar
einsetzt, erscheinen Gruppen oder Einzelfiguren gleich denen in Illustrationen
heiliger oder profaner Bücher als dünne, kümmerliche Federrisse (Abb. 100).
Uralte Tradition und Praxis gingen Hand in Hand; Malbücher verzeichnen
allerlei Winke, das Wichtigste aber gab die Werkstatt. Das noch byzantinischen
■'^-■^' *.?<?^^''."^!
Abb. 266. Lorenzetti. Kompositionsskizze mit perspektivischen Versuchen.
Geist atmende Buch vom Berge Athos unterscheidet zwar Belichtung und
Schattierung, aber nur schemenhaft. Das Schattieren bestand in dem «\'cr«
schwächen» der Umrißlinie in der Farbe des Innentoncs, doch dunkler und
längs der Schattenseite.' Die hervortretenden Stellen wurden mit einer helleren
Grundfarbe belichtet. So wuchs Mittelton, Licht und Schatten aus einer Farbe
heraus, sachlich richtig, in der Wirkung Hach.
Giotto eröffnete den Kampf gegen die wesenlosen, handwcrksmäf^igen Ge«
stalten byzantinischer Tradition und suchte mit neuen Mitteln nach Körperlichkeit.
Seine Köpfe und langgezogenen Gewänder mußten eine gute zeichnerische Vor»
bereitung erfahren haben, und zwar auf dem Wege des Chiaroscuro. Onninis
Bericht über des Meisters Kunstweise unterscheidet ijli sciiri, mezzi e hi^mchetti:
«Du hast die Schatten mit Tintcnlavicrung zu machen, den Fapicrton als Mittel«
Werkstatt;:
praxis.
Giotto.
§ 22, 25. Vcrschwächen soviel wie Verlaufen lassen.
%♦
564
Körperplastik.
ton gelten zu lassen und die Lichter mit Bleiweiß herzustellen.»^ Die Trennung
der zahlreichen Gestalten voneinander als vom Räume erfolgte durch plastische
Verschiedenfarbigkeit. In der Raumperspektive erscheinen zwar die Figuren des
Hintergrundes bereits kleiner, aber noch in der Tonstärke der Vordergrund*
Staffage. Die Fluchtlinien sind noch nicht zusammengefaßt, sie streben diffus
auseinander und stören die Einheitlichkeit des Raumes (Abb. 266).^ Vergleiche
hier das Gemach und das Bett.
Renaissance. Erst die Renaissance baute langsam, aber sicher, teils der Antike, teils der
Natur folgend, neue Gesetze der Rilievobehandlung auf, die sich in Zeich*
nungen und Gemälden deut*
lieh erkennen und verfol*
gen lassen. Die gleichzeitige
Tätigkeit vieler Künstler als
Bildhauer, Maler und Gold*
schmiede griff fördernd ein
und schuf möglichst voll*
plastische Ausdrucksweisen
für Feder, Stift und Pinsel.
Gerade im kleinen auf einem
Stück Papier gab man sich
vor der Natur leicht Rechen*
Schaft über Körpergren*
zen, Flächenbewegung,
Licht* und Schattenver*
lauf, Trennung vom Hin*
tergrund. Namentlich zur
richtigen Erfassung der Licht*
und Schattengrenzen hatte
schon Alberti empfohlen,
die runden Körper in ein*
zelne Flächen zu zerlegen
(S. 108). Noch im Anfange
des 16. Jahrhunderts finden
sich solche Spuren, wie uns eine Zeichnung aus dem Budapester Architektur*
buche belehrt. Man gliederte hauptsächlich die Oberfläche des Menschen, ins*
besondere des Kopfes, in bildhauermäßig zugeschnittene Grundformen und
qualifizierte dann das Runde vom Standpunkte einer bestimmten Lichtquelle
(Abb. 267,'' 308, 309).
V
Abb. 267. Polygonale Flächenzerlegung.
■ Come tu de' dare (secondo) la ragione della luce, chiaroscuro alle tue figure, dotandole
di ragione di rilievo. Kap. 9. - Ibidem, Kap. 29. Diese Stelle ist bei Ilg mehrfach unrichtig
übersetzt.
■^ A. P. 510. Albertina, Feder, Ausschnitt, verkleinert.
' Ausschnitt aus dem Budapester Architekturbuch, Fol. 46 verso. Der Kopf rechts ist
dem Stiche Mantegnas: Bacchanal bei der Kufe, und zwar dem Mann mit dem Füllhorn
(B. 19) entlehnt. Da das ganze Buch nur Kopien enthält, so wird auch hiefür noch
eine gute Originalzeichnung von Mantegna selbst anzunehmen sein.
Körperplastik. 565
Zeichentechnisch eingehender verbreitet sich Leonardo im 5. Teile seines Leonardo.
Trattatos De ombra e lume durch 277 Paragraphen über alle großen und
kleinen Fragen. Wiewohl er noch von dem Cartetintezeichnen ausging,' bedeutete
dessen Anwendung für ihn und seine Zeitgenossen doch ein anderes, weil es
modernen Errungenschaften des Sehens und organischen Darstellens zu dienen
hatte. Es war nicht mehr ein schematisches Schattieren, sondern ein strenges
Beobachten, man trat vor die Natur und versuchte das Stoffliche zu über*
winden. Verrocchios und seiner Schüler Kopf^ Hände* und Aktstudien auf
grundierten Papieren stehen alle im Zeichen des erwachten Naturalismus, des
genießenden Formerschauens. Wir fühlen heute noch die Freude nach, mit der
der Quattrocentist nach peinlich durchstudierter Schattengebung seine Lichter
aufsetzte. Erst mit der Biacca sprang vor seinen Augen die Rundung aus der
Fläche. In der Durchbildung der Plastik (rilevato in huona forma) lag der
Wert und die Vollkommenheit einer Teilstudie.
Schon im folgenden Jahrhundert änderten sich abermals die Anschauungen. Barocke.
Waren vorher, wie man nicht besonders glücklich zu sagen pHegt, aus Seh*
werten Tastwerte gebildet worden, welche für die in Flächenschichten
schaffende Renaissance ausreichten, so stand in der weiteren plastischen Ent«
Wicklung noch als letzte Aufgabe die Auffindung und Ausnützung aller Tiefen*
werte bevor, die innige Verbindung von Figur und Raum. Waren für die
Erfassung der organisch dargestellten Körperform Proportion und Anatomie
eine Hauptforderung, so übernahmen hier die Raum* und Lichtperspektive
die Führung. Die Renaissance kannte den Raum nur im Sinne von Raum*
Schönheit, in der dekorativen Übereinstimmung aller Teile (Figur und Archi*
tektur) innerhalb der Fläche, tatsächliche Raumgestaltung suchte erst die
Barocke. Die Darstellungen vieler Quattrocentokünstler glichen nur einer wie
in einem Glaskasten wohl überlegten Aufstellung schön drapierter Figuren vor
separat aufgeführten Kulissen und jene der Barocke, wenn man den groben
Vergleich zu Ende führen darf, dem Zustand einer durcheinandergeworfenen
und geschobenen Figurenmasse. Es war unter allen Umständen ein mächtiger
Ruck, der in die Komposition fuhr. Übergangserscheinungen hatten sich schon
lange gezeigt; man löste die streng proportional gegliederte Rückwand, durch*
brach deren Vertikal* und Horizontalgefüge, suchte innerhalb der Gehäuse
durch Scheinerweiterung der V^'ände und Decken, durch Ausschnitte, Aus*
blicke, Theaterarchitekturen, Plafondhimmel nach einer Raumweitc, so wie sie
in den Landhäusern bereits die Prospektmaler erkünstelt hatten. Und als man
eines Tages auch die Rückwand diagonal bildeinwärts schob, verschwand auch
die symmetrisch* statuarische Aufstellung des Figuralen von selbst und es trat
ein Anordnen von vorn nach rückwärts an deren Stelle. Der Drang in die Tiefe
erstarkte durch die gegenseitige Bindung lebendig agierender Cicstaltcn. In der
Überschneidung des fernen Kleineren durch das nahe (irol>c suchte man wirk;
same Tiefenstufen. Schon die massigen Umrahmungen stellten sich auf dieses
' Für das plastische Zeichnen (le cose de rilicvo) sollen sich die Maler die ^anrc Papier»
Hache mit einem Mittelton (Ji mezzänä oscuriYj) färben. Dann sollen sie die dunkleren
.Schatten geben (l'ombrc piu oscuic) und :ulet;t die I lauptlichtcr (i lumi pruKipali) aut
kleine Stellen (§ 219).
566
Körperplastik.
Prinzip ein (Stuckrahmen, Muschelwerk, mächtige Profile). Die Lichtführung
folgte dem Zuge des Figuralen gleichfalls schräg bildeinwärts.^
Landschaft. Eine selbständige Richtung, d. h. ohne figurale Mitwirkung, nahm die
Eroberung der Räumlichkeit in der Landschaft. Schritt für Schritt bahnte sich
das Studium in freier Natur den Weg in die Weite und Ferne, wenn auch
nach gleichen Gesetzen, wie sie die Bildkomposition eingeführt hatte, so doch
unter der Vorherrschaft der Zaubermittel einer immer mehr und mehr er*
starkenden Lichtführung.
Es ist ein genußreiches Überschauen, wie durch Jahrhunderte das so viel*
gestaltige und problemreiche Thema der Körper? und Raumgestaltung allseitig
rüstig in Angriff genommen wurde, wie sich der harte, am Hintergrunde
klebende Formkontur lockerte, Leben und Bewegung erhielt, wie sich das
Figurale des Raumes bemächtigte und eines Tages in wirbelnder Kraft sieg*
reich in die Wolken schwang.
A. Schattierung.
Primitive LJi^ graphische Urform ist die Umrißzeichnung. Sie erscheint in den
Vorstufen, frühesten Versuchen, in den Entwicklungsjahren christlicher Kunst, im weiteren
Umriß. Verlaufe bei bestimmten Meistern, um in der Klassizisten* und Nazarenerzeit
nochmals vorübergehend aufzukommen. Eine andauernde Rolle spielt sie in
der Skulptur, in den dekorativen Zweigen der Kunst und in der Architektur
(aW architettura massimamente).^ Selbst in ihrer ursprünglichsten, rein abstrakten
Form, d. h. ohne jede Beziehung zum Hintergrunde, konnte sie eine flüchtige
Innengliederung erfahren, um die Form aufzuklären und zu beleben.
ir>r,^r> Wie die aus dem Dämmerlicht paläolithischer Zeiten auftauchende Tier*
gliederung. Zeichnung belehrt, handelte es sich dem Naturzeichner um die notwendige
Angabe der Merkmale (Abb. 1). Bedeuteten dieselben auch nur Kennzeichen
und Formzeichen, so bewirkten sie doch gleichzeitig körperliche Vorstellungen.
Gerade Tierdarstellungen erfreuten sich der schärfsten Charakteristik, während
menschliche Gestalten in Skulptur und Zeichnung noch vergewaltigt oder
unverstanden erschienen.
Auf die heute mehr denn je aufgerollte Frage, ob jene frühen, auf Nach*
ahmung der Natur beruhenden Darstellungen Kunstäußerungen bedeuten oder
nicht, kann hier nicht eingegangen werden.^
Übers Einen weiteren plastischen Fortschritt erlebte die Konturzeichnung in der
schneidung. Innengliederung durch das Überschneiden einzelner Teile, wodurch ein
Vorn und Rückwärts angedeutet wurde. In der Mammut*Ritzzeichnung (Abb. 1)
überdeckt zwar der Rüssel bereits den Körper und das rückwärtige Stoßhorn,
dagegen durchschneidet sich das vordere mit dem Rüssel gegenseitig. Die
Darstellung unterlag" den technischen Schwierigkeiten. In der Nachbildung
eines Vogels auf einer Schnabelkanne (Mykene) wird der überschneidende
Flügel außerdem durch simple, das Gefieder bezeichnende Schattierungslinien
' Wölfflin, Kunstgesch. Grundbegriffe. S. 80 f.
'' Vas. Mil. I. 170.
* W. Worringer, Abstraktion und Einfühlung, 3. Aufl. 1911.
Körperplastik.
567
verstärkt (Abb. 268).' In menschlichen Profilfiguren kreuzt der vorgestreckte
Arm den Oberkörper; der zweite, infolge seiner dreidimensionalen Lage für
jene Zeit das unangenehmste Plus, wurde, wenn zur Darstellung notwendig, in
eine unnatürliche Enfacestellung gedrängt (Abb. 265). «Tiefenrelationen mußten
nach Möglichkeit in Ebenenrelationen umgewandelt werden» (Worringer).
Eine weit stärkere körperliche Wirkung erzeugte die Ausfüllung der Kon*
turen durch einen gleichmäf^ig farbigen Ton. Die Figur, weithin sichte
bar, tritt massig aus der leeren Fläche hervor, ein erster Versuch, das Körper?
liehe als verstärkte Silhouette darzustellen und das Fächenhaft? Dunkle von
dem lichteren Hintergrund abzuheben. Je größer der Gegensatz in bezug auf
Tonwert, desto stärker der plastische Eindruck. Auf Vasen der Stein? und
Bronzezeit, in Zeichnungen wilder Völker
erkennt man dieses immer aufs neue farbig
variierte Prinzip, mit und ohne Innenzeichs
nung. In Ornamenten, Intarsien, Silhouetten?
Spielereien verblieb diese primitive Regung
körperhafter Erscheinung noch bis zum heuti?
gen Tage.
LJie natürlichste Auslösung plastischen
Empfindens erfolgte erst durch die längs der _^^*^***<^
rechten oder linken Konturhälfte hinzugefügt SE ^
ten Schatten (Körperschatten), als einfachste
und sichtbarste Betonung des Greifbaren, des
Rilievo.'^ Bedeutete dieser Vorgang die erste
Stufe, so bildete die Einbeziehung auch aller
einzelnen inneren Flächenneigungen und deren
Klarlegung durch dunkle Abgrenzung nach
der Schattenseite hin eine Weiterführung. Die
Verstärkung der rechtsseitigen Konturen durch Verdoppelung oder Ver?
vielfachung derselben (Abb. 296) können wir einerseits bis in die ägypti?
sehen Malereien zurück, anderseits bis zur Renaissancekunst herauf verfolgen.
Raftaels Silberstiftzeichnungen, z. B. der umbrischen Periode, halten sich noch
an diese Vorschrift (Fischel, Taf. 18, 19). Die letzte Stufe, die harmonische \'er?
bindung der Haupt? und Nebenschatten unter dem Gesichtspunkte einer ein?
Abb. 268. Matlbcmalte Schnabel»
kanne aus Mykene.
' Aus ßu-schor, Gricch. Vasenmalerei Abb. 4, S. 16.
" Die technischen Ausdrücke wechseln mit der Zeit je nach der Hrkenntnis und den
Manieren. Dotare il rilievo e bianchetti, dare chiaroscuro (Ccnnini. Kap. 9),
aombrare oder dare ombra d'acquerelle d'inchiostro (Genn.. K. 29 u. 32). — Ritrare di
rilevo (Leonardo, §219). Ombrare (\'as. Mil. VI, 137). - Bei Baldinucci heißt plastische
Zeichnung auch: modello e quello disegno, che rappresenta la fiiiura di rilievo e detto
modello (p. 51). — Dürer nennt das Plastische erhaben, das Schattieren: Schattigen,
schättingen (Lange und Fuhse. S. 327). - Bei W. Rivius (Vitr. Tcutsch, fol. X'') be»
gegnet man dem Ausdrucke schatirn, bei Sandrart schraf Heren (T. A. 11. 87). —
In der Anweisung zur Mahler=Kunst 1745: Auszeichnen und Ausschatten (S. 221). —
K. V. Mander bezeichnet die Modellierung: Met hoo^hen en diepen zijn dingen
uytbeeldende (Mander^Floerke II, 377).
Ausfüllung
der
Konturen.
Körper»
Schattierung.
568
Körperplastik.
Renaissance.
heitlichen Lichtquelle, erfüllte sich erst durch ein jahrhundertlanges Studium
ganzer Künstlergenerationen.
Pinsel» Einen technischen Fortschritt bedeutete es, als die nun verdichtete Schatten?
Schattierung, seite noch mit verdünnter Tinte in leicht verstärkender Weise laviert wurde,
um den Verlauf des Runden, unter steter Wahrung des laut sprechenden
Konturs, anzudeuten. Und so wurden die Schattenflächen immer breiter und
kräftiger, besonders als man mit gestutzten und halbtrockenen Pinseln arbeitete
(Cennini, K. 10). Der Pinsel stellte überhaupt für Bild und Zeichnung das
geeignetste Werkzeug jeder Körperschattierung, weil er die Flächen weich und
Vertikaliss reinlich zusammenzufassen vermochte. Abgesehen von der Handhaltung, be*
i""s. quem von oben nach unten zu fahren, um ein gleichmäßiges Abfließen der
Farbe zu erzielen, duldete auch der gotische Vertikalismus in den vielen Stand:=
figuren, in den sich wiederholenden geradlinigen Gewandfalten und feinsäuligen
Architekturen kaum eine andere Richtung. Fördernd wirkte dieses Prinzip
nicht, denn die Hauptbedingung jeder Schattengebung, daß sie allen Flächen
folge, war dadurch nicht erfüllbar. Der Stil gestattete nur schematisch gedun*
kelte und erhellte Konturseiten und dazwischen die Mitteltöne (i mezzi) als
Folge des Lasciare de campo proprio (Genn., K. 29).
Mit der beginnenden Renaissance hörte die Vertikalbehandlung auf und an
ihre Stelle trat die freihändige, rein der inneren Vorstellung folgende Lavierung
(Abb. 148, 150). Der Bewegungsruck, der in die steifen Figuren gedrungen
war, ermöglichte neue Flächenrichtungen. Aber trotzdem umfloß noch der
kontinuierliche Kontur jede Gelenks? und Muskeläußerung und bildete in
seinem feinfühligen Schwung für jeden einzelnen Künstler einen Glanzpunkt.
Im Übergang gab es noch vielfach Konflikte. Weil in den kleinen Einzel*
figuren, Nacktkörpern und Bewegungsstudien der herausgearbeitete Umriß oft
die Schattierung überwog, die noch a modo di un fumo vor sich ging, tadelte
Alberti das gleichmäßige und starke Umfahren der Formen: «Zu kräftige
Konturen bedeuten nicht ein Aufhören der Fläche, sondern nur einen Riß
(fessura) in derselben» (S. 100). Die formalen Erkenntnisse der Verrocchio?
Gruppe gaben die Umrißklarheit zwar nicht auf, ordneten sie aber der inneren,
jedem Faltenzug folgenden Schattengebung so unter, daß das Auge sie durch
die Hingabe an die plastische Vollkommenheit des Ganzen gerne übersah
(Abb. 194).
Technische Neuerungen waren in Florenz vorübergehend schon bei Angelico,
Benozzo und später in Oberitalien allgemein vorausgegangen, indem sich die
Geschlossenheit vertikaler Schatten lockerte und verdünnte. Dieses sichtbare
Nebeneinandersetzen kurzer Strichel sollte nur der breiter gewordenen Fresko?
technik entsprechen (Abb. 21, 52). Allein die Anwendung eines bloß für
große Flächen berechneten Prinzips hatte im kleinen Maßstabe, besonders
auf lichter Folie, nur halbe Wirkung, eine zerrissene, schüttere Modellierung.
Dieses namentlich in Venedig übliche Körpergestalten stand dem allzeit im
bildhauerischen Sinne schaffenden Florentiner Brauch direkt entgegen, besonders
auf dem Gebiete der Draperie, wo man spezielle Aufgaben anstrebte. Gerade
hier machte man die feinen Beobachtungen, daß die Körperschatten der kleinsten
Fläche folgen, daß sie nicht über und unter ihr, sondern in ihr liegen und
Florenz und
Venedig.
Körperplastik.
569
Reflexlichter enthalten, kurz das wunderbare Spiel mit immer neuen Motiven
innerhalb einer Farbe entfalten. Und so wie man in Florenz nicht nur in
der Malerei, sondern auch in der Zeichnung die lebendigste Greifbaikeit an*
strebte und erreichte, so verfiel im Venezianischen zu jener Zeit die zeichnerische
Körperplastik einer ungewohnten Flachheit.
Setzt man Leonardos Draperiezeichnung um 1475, so erscheint es für die
gärenden Probleme des Quattrocento bezeichnend, daß zu dieser Zeit auch
bereits die letzte Stufe plasti?
'/Yr-
scher Ausgestaltung, die im*
pressionistische Flecken?
Wirkung anhub. Es waren
die ersten Regungen einer
neuen Sehnsucht sowie des
erwachenden Kolorismus, der
die scheinbar abgeschlossen
nen plastischen Doktrinen
aufstörte. Der feinfühlige
Leonardo, der eifrigste Form*
Sucher, wehrte sich um die
Errungenschaften seiner Zeit,
warnte vor Überschätzung
der Farbe, die nur dem Ehre
bringe, der sie verfertige, den
Maler aber gleich Schönred*
nern verführe, nichtssagende
Worte zu gebrauchen. Noch
energischer spricht er sich
im folgenden aus: Wisse
aber, du Maler, der du
unter der Firma eines Praks
tikus einen von der Nähe
gesehenen Kopf mit einer
harten und rohen Strich*
führung (con trateggiamenti
aspri et crudi) darstellst,
daß du dich irrst (§ 128).
Allein die Forderungen
eines großen Kunstabschnit*
tes waren erfüllt. In auf*
steigender Linie hatte sich durch zwei Stilperioden die feinpinsclnde Schattierung
an allen Körpern erprobt und erweitert, Gesetze und Erkenntnisse waren All*
gemeingut geworden, der Zeichner konnte im Bewußtsein seiner Sicherheit
stellenweise des Konturs entraten und tat es gerne. Die in (Gliedern und
Gewandung unruhig gewordenen Körperformen erheischten ein neues rasches
kompositionelles Zusammenfassen, das sich in der Schattierung aussprach. Die
erstehenden Skurzi vernichteten den wohlklingenden Kontur, schufen t"Iber::
'Tr^\ n fm
MM
Abb. 269. Dirk \'cllert. Drahtkontur mit punktierten
Schattengrcnicn.
Flecken:
Schattierung.
Barocke.
570
Körperplastik.
schneidungen, Unterbrechungen, die sich auf die Fläche erstreckten und eine
andere Schattierungsweise erforderten. An die Stelle der vollendeten und bis
zum Übermaß ausgeführten Form trat das Skizzenhafte, das zu allen Über*
gangszeiten auftaucht und in dem Suchen nach dem Neuen, in der ängsthchen
Vermeidung des Alten, in der Unsicherheit den Problemen gegenüber seine
Ursachen hat. Und so führte das letzte Verfahren, die in wirkungsvollen
Schattenflecken schaffende Lavierung, die dem plastischen Talente zu raschen
Effekten verhalf, zur malerischen Erscheinung, die zur bewegten Körperform
die Bewegung des Lichtes in hellen und dunklen Flecken gesellte. Körper;;
1 h2
k.^
k^p
2 -i- 3 1 -/- 3 1-1-2 + 3
Abb. 270. Schattierungsschemen eines Zylinders.
näkcl]ea
schatten und Körperflächen gingen durch die flüchtige Behandlung wieder
vielfach auseinander, darüber, darunter oder gar daneben.
Der Norden. Die kontinentale Klosterkunst mochte wohl Trägerin aller subtilen Pinsel*
Schattierung nach dem Norden gewesen sein, denn wir finden sie zur gotischen
Zeit in den Niederlanden wie in Deutschland, und namentlich auf dem Gebiete
der Glasvisierung, bereits auf eine technische Höhe gebracht.^ Wir müssen
auch annehmen, daß alle die verloren gegangenen Bildzeichnungen des 15. Jahr:=
hunderts in Bayern und am Rhein mit Tusche in der Sfumato^Manier ausgeführt
waren, wie es die wenigen Reste, z. B. des alten Holbein, auf weißen oder
grundierten Papieren deutlich bezeugen."^
Glasrisse. Und als die hohe Kunst des 16. Jahrhunderts mit ihren breitzeichnenden
Mitteln sie abermals in die Glasmalerei zurückdrängte, erfuhr sie hier noch
überreichliche, wenn auch oft nur handwerksmäßige Betätigung. Aber nicht
' Siehe A. F., 665, 1254.
' Siehe A. P.. 290, 479. 568, 673, 687, 1163, 1180.
Körperplastik.
571
immer herrschte der bedachte Vorgang, wie ihn eine unvollendete Zeichnung
Dirick Vellerts erkennen läßt, daß die Konturen vorgepaust und sogar die
Schattengrenzen vorpunktiert wurden (Abb. 269). ' Allein trotzdem ergeben
diese deutschen, niederlän^
dischen und auch franzö?
sischen Zeichnungen mit
ihren feinen Verlaufern und
Drahtkonturen einen kla^
ren Typus.2 Zwischen 1506
und 1508 vollzog sich auch
in Deutschland der Um:;
Schwung zur neuen Schat*
tierungsweise im Sinne auf*
gelöster Flächen. Dürer er*
lebte an sich die Bewe*
gung, nur weniger opposi*
tionell wie Leonardo, und
ging mit seinem Papstmantel*
aquarell (L. M. 494) der
neuen Zeit frisch voran.
Weit anders waren die
Wege für Feder und Stifte.
Ihr Element, die Linie, konnte
nur zur Fläche umgebildet
werden, wenn sie sich die
Erfahrungen des Spitzpin*
sels zunutze machte. An*
derseits lag in ihrer Be*
schränkung der Keim zu
einem geordneten Nach*
fühlen jeder Flächenrichtung,
weil weder ein klecksendes
Zusammenfließen noch ein
wirres Durcheinander eine
Schattenimpression hervor*
zurufen vermochten. Mit
dem unermüdlichen Natur*
Studium, mit der konstanten Federübung kam die Erkenntnis, wie sich an der
gangbarsten Grundform, dem Zylinder,'' die verschiedenen Strichrichtungen
Abb. 271. RaHacI. Rückenakt.
' Ausschnitt aus dem Glasriß Maria Geburt, Weimar. (Aus der Prcstelpuhlikation II, 27,
Verlag Voigtländer und Tetzner, Frankfurt a. M.) — G. Glück, Dirick N'cllcrt, Jahrb. d. Ks.
d. Kh. XXlll, Taf. 111.
'' Beispiele bei Holbein d. J., Hans Leu, Urs Graf, I.orch (I.ouvre) n51, Ftiennc de
Laune u. a.
' Über das Zylinderschattieren durch Zerlegung in vier Flächen: Lomazzo, Traft p. 238.
Linien-
schattierung.
572
Körperplastik.
Das zu gesetzmäßigen Lagen entwickeln sollten. Hier hatten sich vom Beginne an
Zylinder» tJig mehrfach Vertikalen (Verstärkung des Schattenkonturs) als vorbildlich
prinzip. erwiesen (Abb. 270, Fig. 1), dann aber handsamer die Diagonalen, ein Zu*
geständnis an die bequemste Bewegung
des Handgelenkes (Abb. 270, Fig. 2), und
schließlich die Horizontalen, organisch
zwar begründet (senkrecht auf die Achse),
zeichentechnisch aber ungeläufig (Abb. 270,
Fig. 3). Weil jedoch das Wesen aller Schat*
tierung darin bestand, die Schattenfläche
möglichst vollkommen mit der Körper*
fläche zu verschmelzen, versuchte man
durch Verbindungen die Rundungen zu
erreichen. Und so basieren alle mit der
Feder oder dem Griffel (Kohle, Kreide,
Rötel) ausgeführten Schattierungsmetho*
den auf diesen Prinzipien (Abb. 270, Fig. 1
und 2, 2 und 3, 1 und 3, 1 und 2 und 3),
Ob die gerade Linie den Körper ab*
schattierte, oder die geschwungene, den
Zylinder umfassende sich mit einem Zug
um die Fläche legte, oder sich wie bei den
Deutschen in Häkchen und Netze auflöste
(Abb. 270, Fig. Häkchen), die Absicht,
den Schatten durchsichtig zu gestalten,
blieb die gleiche; sie hatte sich nur dem
jeweiligen nationalen und individuellen
Formgefühl anzupassen. Auch technische
Gründe, wie die gebundene Stichelführung
in der Goldschmiedekunst und Graphik,
wirkten mit ein. In der Durchsichtig*
keit der Systeme beruhte die innige Ver*
bindung von Körper* und Schattierungs*
flächen.
Vergleich. ^ ^ '' ^ ^"' ._^, ,;,„^ Einen dankenswerten Vergleich vom
Gesichtspunkte plastischer Ausführung
bietet z. B. die Zusammenstellung dreier
Zeichnungen ein und desselben Themas
aus ungefähr derselben Zeit, ein Rücken*
akt von Leonardo, Michelangelo und Raffael (Abb. 12, 153, 271).^ Was Leo*
nardo durch rein diagonale, aber in sorgfältigster Weise zusammengestimmte
Linien mit feinem Ansatz und Auslauf zu erreichen versuchte und auch erreicht
hat, die Erfüllung höchster Formenillusion, das arbeitete Michelangelo durch
mühevolle Kreuzlagen heraus und fand bei Raff^acl nur durch wenige, locker
Abb. 272. Unbekannter Florentiner
um 1410. Diagonalschattierung.
' Albertina, Feder. Ausschnitt. A. P. 472. 203x26 cm.
Körperplastik.
573
rungstypen :
vertikale.
abstehende Parallelstriche eine impressionistische Andeutung. Sic glichen schon
den von Leonardo gemiedenen Trafeggiamenti aspri.
Eine klare und zeitlich aufeinanderfolgende Entwicklung hier geben zu wollen, Schattier
würde nur ein kümmerlicher
Versuch bleiben, der außer*
dem noch an dem Mangel
genügender Verbindungsglied
der für die Frühzeit litte.
Aber immerhin lassen sich
von jenen Schattierungsprin?
zipien aus Zeichnungengrup^
pen zusammenfassen, die bald
zeitliche, bald schulmäßige
Typen aufweisen, oft auch
nur ein Zurückgreifen auf
eine frühere Form bedeuten.
So führen die wenigen Tre*
centozeichnungen bis um 1410
herauf entsprechend der Pins
selführung ein vertikales
Strichgepräge (Abb. 189).
Eine breitere Gruppe cha«
rakterisiert sich durch die
handsame Diagonalschats
tierung, deren Ausbildung
zum nicht geringen Teil auf
der Silberstifttechnik und in
einer gewissen Zeit auch auf
graphischen Einflüssen be*
ruhte (Abb. 272.).' Gerade
die sorgfältig grundierten
Blätter erheischten eine sorg*
fähige Führung der Striche
und in Toskana dürfen wir
die schrittweise auftretende
Vervollkommnung bis zur
delikaten Feinheit einer Leo*
nardos Zeichnung konstatie*
ren, die jeder Flächenbewe*
gung folgte und für alle Zeit
den höchsten Grad subtiler
Formenempfindung bedeutet. Bei Mantcgna und dessen Schülern bildete sich
eine klare, ku rzstrichelige Diagonalschattierung aus, die uns durch den
> Albertina, Feder. Ausschnitt. A. P. 1253; Siren. Jahrb. d. pr. Ks. 19^X., .S. 220. Flor.
Trecento.Z. (Pictro di Doraenico) und Sircn. Arte. Anno VII als Maestro del bamhino vispo.
- Ferner Uff. 11/2 Lorenzo Monaco zugeschr.. kniende Heilige, und UH. 19/4 Anonym.
diagonale.
Abb. 273. Stefano della Hella. Männlicher Akt
ohne Kontur.
574
Körperplastik.
Linienstich.
Kreuzlagcn.
i5"T?r,
Mangel jeden Überganges vom Licht zum Schatten jene ganze Gruppe leicht
kenntlich macht (Abb. 5, 110) und die auch für die Stecherkunst jener Zeit bis
ca. 1500 eine charakteristische Eigentümlichkeit bleibt.^ Die schiefe Strichlage
von rechts nach links wurde auch für alle Folgezeit die vorherrschende, bequemste,
die sich über alle Schulen verbreitete und bald geschwungen, bald mit der
immer allgemeineren Anwendung von Kreuzlagen differenziert erscheint, im
Kupferstich (Linienstich) die höchste Vervollkommnung erfährt und von hier
aus immer wieder auf die
Zeichenschüler vorbildlich zu*
rückwirkt. Es war kein gerin*
ges Unternehmen, die Form*
gestaltung auf dem Wege einer
übersichtlichen, glänzenden Li*
nienführung in immer neuen
Abarten anzustreben und noch
dazu auf sprödem Metall, das
keine Kompromisse kannte.
Man suchte nicht bloß nach
Gesichtspunkten von fiell und
Dunkel zu schattieren, son*
dem auch stoffliche Unter*
schiede auszudrücken.'^ Welche
Höhepunkte hierin die fran*
zösischen Linienstecher durch
Kombinationen aller Art er*
reicht haben, zeigt die Wert*
Schätzung, die heute jenen
Künstlern bei aller Verschie*
denheit der Kunstanschauun*
gen noch gezollt wird.
Schon in der zweiten
Llälfte des 15. Jahrhunderts
sind die Kreuzlagen (Ge*
genschraffierung) ^ in Italien,
zunächst bei flüchtigen Zeichnungen, der Weg, die notwendige Schattierungs*
tiefe zu erreichen; was zwei Lagen nicht erzielten, das bewirkten vier. Ab*
geschlossene Gruppen des italienischen Quattrocento und Cinquecento bilden
Peruginos Schule, Bartolommeo, Michelangelo in seiner Jugendzeit,''
Abb. 274. G. M. Chiodarolo. Systemlose Schattierung.
* Lippmann, Der Kupferstich, 3. Aufl., S. 62.
' Vasari rühmt bereits in Dürers Stich: Ritter, Tod und Teufel den Glanz der Waffen
und des Felles eines schwarzen Pferdes, was in der Zeichnung schwer zu machen
sei (Vas. Mil. V, 408).
' So genannt bei Reinhold. "
* Frey, Michelangelos Handzeichnungen, zu T. 25: Dies läßt sich an einer ganzen Reihe
von Zeichnungen aus der Zeit von 1501 — 1504/5 verfolgen, die nach dem lebenden
männlichen Modell gemacht sind.
Körperplastik.
575
Bandinelli, Passerotti und deren Nachahmer, bei welchen die Tendenz
der senkrechten Kreuzlage auftritt (Abb. 12); im Norden Giulio Campi und
Tizian in seiner ersten Periode. Bei der großen Masse dagegen erleidet der
Neigungswinkel die verschiedensten Grade. — Interessant erscheinen einzelne
Fälle, wo man mit der
Feder allein dem maleri?
sehen Schauen einer neuen
Zeit, dem Konturverzicht
und der Auflösung der For*
menzeichnung beizukommen
suchte, eine Aufgabe, die
Baccio Bandinelli in seinen
Federakten andeutete, Ste;
fanodella Bella mit Erfolg
löste (Abb. 273).^ Das Mo.
dell steht im zerstreuten
Tageslicht. Die linearen Kör*
pergrenzen werden an den
Lichtseiten ganz aufgegeben,
an den Schattenseiten nur
durch die Kreuzlagen vors
getäuscht. Wurde in Kreuzs
lagen weder Flächenrichtung
noch ein Schattierungssystem
beobachtet, so konnte sehr
leicht ein chaotisches Mo*
dellieren entstehen, eine
willkürliche Behandlung, die
sich selten und hauptsäch?
lieh in Oberitalien konsta*
tieren läßt, wie z. B. bei dem
Bolognesen G. M. Chio*
darolo (Abb. 274).-
Wie ein Zurückgreifen
auf die vertikale Feder? und
Pinselführung früherer Jahr?
hunderte ercheint die im
17. Jahrhundert bei einer
Gruppe von Graphikern auf?
tauchende Vertikalschatticrung, der auch vereinzelt Maler in ihren Zeich?
nungen folgen. Als Vorläufer dieser Technik könnte man schon Hans Spccckacrt
Abb. 275. Nicdcrrhcinischer Meister ca. 1450-70.
Härchcnschatticrung.
Stefano
della Bella.
J. t:allot.
» Albertina Inv Nr. 964. A. V. 1382. Feder. Andere Beispiele bei G. B. Intcrnari (A).
^ Aus dem Fntwurfe: Die h. Cäcilia vor dem Prokonsul, zu dem \X'and^;cm.iIdc in
S. Jacopo maggiore in Bologna. iMorelli III. 55. Note 1. - UfHiien; A. 1'. 591. leder.
Ausschnitt.
576
Körperplastik.
Der
Norden.
Gold=
Schmied;
technik.
Tüpfel;
manicr.
(f 1577) nennen.^ Der Hauptrepräsentant ist Jacques Callot (1592 — 1635).
Seine überhöhten Figuren erscheinen durch das Linierte dieser Schattierungs*
weise noch länger (Abb. 17).
/. i ■ i^// & Während sich in Italien
das plastische Zeichnen in*
folge der reichen Tradition
und allseitig regen Betätig;
gung der Künstler rasch zu
klaren Gesetzen emporarbei*
tete, tastete in Deutsch«
land die Hand lange su*
chend, bis sie sich auf dem
Umwege der Stichtechnik
zu geregelten Methoden und
durch italienischen Einfluß
zu besserer Formenkennt*
nis durcharbeitete. Schwer
lastete die linear dekorative
Tradition, das Vorherrschen
des Körperlosen einer karo*
lingischen Kunstperiode auf
den erwachenden Problemen
des 15. Jahrhunderts. Es
gehörte mit zur Feder« und
Stichelschulung der Gold*
schmiede, gleich verschie«
dene Strichmethoden, alte
und neue, nebeneinander
einzulernen. Auf einer sol»
chen Werkzeichnung, Ma«
donna und St. Paulus in
einer Landschaft sitzend, um
1450—1470, wird die feine
schräge Kreuzlage in den
Gewändern, die Punktierung
im Gesichte (Madonna), da«
neben die feinste Härchen«
oder Häkchentechnik (Ab«
bild. 275) verwendet.^ Diese
später bei Graphikern gebräuchliche Tüpfelmanier (Punktmanier, Stippein)
ging auch in die Federzeichnung über, ein mühsamer Vorgang, der in Deutsch«
land und den Niederlanden in graphischen Übungen oder Glasrissen auftauchte.
...--.iLu'X:: . '
Abb. 276. Meister E. S. Häkchenschattierung.
' Z. B. Davids Triumph, Fürst Liechtenstein, Wien. A. P. 1233.
- Budapest. Feder, Ausschnitt. A. P. 580.
Körperplastik.
5//
I läkchcn.
Erst die Ausübung der hohen Kunst mit der besseren Formkenntnis führte zur EinfluB
Vervollkommnung. Was dem Meister der Spielkarten noch versagt war (z. B. die ^'^^ Graphik,
korrekte Kreuzlage), das bahnte der Meister E. S. an und führte Schongauer
konsequent durch. Insbesondere bedingte das direkte Zeichnen auf dem Holz*
stock strenge Selbstzucht und einfache Liniensysteme. Die in Basel aufbewahrten,
ungeschnittenen Stücke des Meisters der Bergmannschen Offizin machen durch
ihre schlichte Korrektheit den Abstand von einer freigeschaffenen Figuren*
Zeichnung jener Zeit recht ersichtlich. Noch stärker wirkte die Grabstichel*
führung auf die Federzeichnung. Dürer brachte die Vollendung. H. S. Behams
Ceres* Zeichnung (A.) von 1549 weist bereits eine mit seltener Routine den
Körperformen folgende Linienklarheit fast ohne Kreuzlage auf, wie sie sonst
nur auf der Platte üblich war.^
Eine speziell nordische Schattierungsweise
war die zeichnerisch im 15. Jahrhundert, im
Goldschmiedhandwerke gewiß weit früher
geübte Anwendung der Häkchen. Sie ent*
sprach der Flächcnfüllung mit kreisrunden
oder halbkreisförmigen Punzen. In der Zeich*
nung umspinnen sie alle Schattenpartien mit
leichten Halbtönen (Abb. 276).- Aus den
kunsthandwerklichen Übergängen entwickelten
sich Prinzip und Methode, um eine neue Art
Rundung zu erzielen. Für tiefe Stellen folg*
ten auch Kreuzlagen. Im 16. Jahrhundert
beschränkten sich die Häkchen auf den Aus*
lauf der Röhrenfalten oder auf die Verstär*
kung der Parallelstriche (Abb. 277).^ Dage*
gen dauerte ihre Funktion in der Höhungs*
technik bei Clairobscurzeichnungen noch
an, als sie in den Schatten schon aufgegeben
war.
Das in Italien gemiedene,^ bei den Deutschen und Niederländern des
16. Jahrhunderts, und zwar vor allem bei Glaszeichnern wie T, Stimmer angc*
wandte Horizontalschattieren hatte nur eine kurze Dauer. Die wenigen
so behandelten Zeichnungen versuchen zwar, der neuen Anschauung von licht*
erfüllten Flächen und gelockerten Umrissen gerecht zu werden, verfallen aber
leicht einer Schablone (Abb. 278).^ Konsequenter angewandt erscheint diese
Manier in Höhungen und bei in Weiß gehaltenen Hintergründen (Abb. 282).
Die durch Claude Mellan in die Stichtechnik eingeführte kühne Linien*
führung ohne jede Kreuzung findet vereinzelt zwar auch in die Handzeichnung
Eingang, erhebt sich aber nicht über den Eindruck graphischer Künstelei.
Abb. 277. Dürer, Ausschnitt.
Häkchen und Parallelstrichc.
Horizontale
Schattierung.
Claude
Mellan.
' A. P. 28. - Frankfurt, Slädel. Feder, Ausschnitt. A. F. 817.
' Ausschnitt aus dem Arm der Eva. jetzt Albertina. L. 164.
* Vereinzelte Beispiele bei Ci. H. Internnri, Albertina.
•' Aus Ganz. Ilandz. Schweiz. Meister, Tat. 14, Ausschnitt. Feder. Donaueschingen, fürstl.
lürstenbergisches Kupfcjstichkabinctt.
Mcdcr, Die lUndzcichnung.
■57
578
Körperplastik.
Schummern
oder
Granieren.
Wie in der Entwicklung des einzelnen Zeichners, ereignet es sich in Zeiten
des Überganges und Verfalles, daß die harmonische Empfindung für einheit*
liehe, d. i. nach einem Prinzip durchgeführte Modellierung nicht zur Geltung
kommt. Derartige stillose Schattierungen treten bereits bei Virgil Solis 1562 auf.
Auch bei Beurteilung von Kopien sei auf den Widerspruch zwischen äußerer
Formvollendung und einer schwankenden, systemlosen Schattierung hingewiesen.
Dieser Kontrast in angeblich echten Zeichnungen erweckt im vorhinein Ver*
dacht. Linien könne man
pausen, nie aber einen
Schatten (Leonardo, § 413).
Granieren und
WISCHEN. Nach dem
Zeichnungsbestand zu schlie*
ßen, beobachten wir zuerst
bei den alten Niederlän*
dern in Silberstiftzeichnun*
gen jene Schattierungsma*
nier, welche man damals
mit Granieren (granire),
später mit Schummern be*
zeichnete, jene feine Strich::
führung in so dichten La*
gen, daß alle Linien zu
einer feingekörnten Fläche
verschwimmen, eine Sfu*
matowirkung erreichen. So
manche alte Blätter, meist
mit unsicheren, aber stets
großen Namen, wie Van
Eyck, Memling, Roger van
der Weyden, zeigen dieses
Gepräge.^ Von der großen
Masse der Künstler auf*
gegeben, wurde das Schummern merkwürdigerweise von Michelangelo mit Kreide
ausgeübt, und zwar in Blättern, die er auf Bestellung ausführte (Abb. 175).^ Lag
für einen Formkenner wie Buonarroti eine besondere Absicht vor, auf diese
Weise den feinsten Licht* und Schattenbewegungen zu folgen, so ward die*
selbe bei seinen Nachahmern nur Manier (S. del Piombo, M. Venusti, Dan.
Abb. 278.
T. Stimmer, Tierstudien mit Horizontalschattierung.
' Das belehrendste Beispiel dieser Technik: Der Goldschmied von Memling, auch
Dürer zugeschrieben, Albertina (A. P. 108). Ferner niederländischer Meister, Frauenkopf.
Stockholm, A. P. 960. — Aus dem 17. Jahrh. Moses Terborch, Holländischer Offizier, in
Kreide, Frankfurt a. M., A. P. 900.
^ Vasari erwähnt diese Technik auch in der Vita d. Bandinelli: e segatele le punte. con=
duce i disegni con molta finezza (Mil. VI, 136). — Derartige Michelangelo?Zeichnungen siehe
bei Frey Nr. 6, 8, 18. 19, 34, 57-59, 75, 287, 288.
Körpcrplastik. 579
da Volterra, Pellegrino Tibaldi). In Oberitalien wurde diese mühevolle Arbeit
verachtet.'
In Deutschland gebrauchte man neben granieren- auch röselen," um 17S6
rieseln oder körnen;^ in Frankreich egrener.'' (Abb. 49.)
Eine wesentliche Förderung erfuhr die Plastik auf dem Wege des Wischens Wischen,
bei Kohle, Kreide und Rötel mit dem Finger (sfumare con le dita), mit
Baumwolle oder dem Lavierpinsel, um verschwimmende Übergänge rasch
zu erreichen und der Flächenbewegung zu folgen (Abb. 247). Es resultierte
aus dem zufälligen Verschmieren unhxierter Zeichnungen. Aus der Not ward
eine Tugend, eine Art trockenen Lavierens.
Das früheste Kohlezeichnen mochte die ersten Erfahrungen, aber reifere \'cr»
plastische Erkenntnis erst eine Methode ergeben haben. Alle tüchtigen Kohle; schicdcncr
und Kreidezeichner konnten dieser Effekte kaum mehr entbehren. Selbst Dürer, ^'Cf^rauch.
der die Reinheit der Linie vor allem hochhielt, wollte sie nicht ganz vermeiden
(Kopf eines leidenden Mannes, L. 250). Wir konstatieren die Wischtechnik
in der linearen, aber noch mehr in der malerischen Zeichnung, wo sie ihre
eigentliche Betätigung fand. Im 16. Jahrhundert erfährt das Kreuzlagenzeichnen
in Rom diese Behandlung, als Ersatz des mühseligen Granicrens. Auf die
ersten gekreuzten Rötelstriche folgt das verbindende Verstreichen mittels kleiner
Pinsel, dann abermals eine Kreuzlage und ein Wischen, bis die Schattentiefc
erreicht war (Armenino, S. 63). Außer dem Pinsel gab es noch WolU und
Leinenläppchen (pezzette di lana o di Uno) oder bereits auch zerfasertes Papier
(con carta amaccata, come si e veduto in alcuni pochi ax'vezzi a disegnarc) und
Baumwolle (Bambace, ibid. 65, 115). Ebenso Mander im Lehrgedicht (p. 65,
V. 20). Siehe: Wischer, S. 185. Offizielle Vorschrift wurde das ^X'ischen erst an
den Akademien für das Aktzeichnen. Dabei war Rötel wegen seiner geringen
plastischen Wirkung untersagt, Kreide geboten.'' Eine direkte Forderung wurde
es in der Farbstift* und Pastelltechnik.'
Über das im letzten Viertel des 18. und anfangs des 19. Jahrhunderts auf*
kommende Zeichnen mit dem Wischer, Maniere ä l'estompe oder faire de
' Der Unterschied zwischen römischer und venezianischer Zeichenweise oHenbart sich
in der von Ridoifo erzähhen Anekdote, wie junge holländische Maler von Rom nach
\'enedig kamen und Tintoretto ihre graniertcn Köpfe (teste lirAnite). in Kötcl ausgeführt
con estrema diligenza. zeigten. Kr fragte, wie lange sie dazu gebraucht. o-\0 bis 15 läge»
«Wahrhaftig», sagte Tintoretto, «in kürzerer Zeit wäre es kaum mögUch.v l'nd er tauchte
einen Pinsel in schwarze Farbe und machte in kurzen Strichen eine Figur, versah sie mit
Lichtern in Bleiweiß und wendete sich zu ihnen: «Wir armen N'eneziancr können nur auf
diese Weise zeichnen.» Über diese l'ertigkeit erstaunten die Holländer und wurden der
verlorenen Zeit gewahr (Marav. II, S. 56).
- Auf einer Budapester Zeichnung des Anton Kern (1710-1747, A. P. 1245). heißt es: das
war seine Art zu zeichnen, welche man granieren nennet.
' Anweisung zur >\ahler;Kunst. 1745, S. 224.
' Zeichen» und Mahlerschule v. Rcinhold, S. 85.
* Encycl. mcthod. Beaux A. I, 1.
•■' Kncyd. meth., Beaux A. II. 553.
' Hoogstraeten, Inleiding. S. 31: Ciy moet de waerheit in uw werk brcngcn. al zoud
gy alles met vinger en duim ovcrhoop haelcn. cn hier toc zijn de Kryons van vccI
soorten van koleurcn zeer dienstlich.
580 Körperplastik.
la saiisse, siehe auch: Graphitmalerei, S. 147.^ Diskreter und häufiger ver*
wendete man um dieselbe Zeit diese Technik in Miniaturporträts auf dick
gestrichenen Kartons. Alle Schatten wurden in Schwarz gewischt, Wangen,
Haarbänder und sonstiger Schmuck farbig gehalten, der Kontur nur an den
notwendigsten Stellen betont.-
B. Belichtung (Höhung).
Allgemeines. Entwicklungsgemäß geht die Schattierung der Höhung
voraus. Schatten haften sichtbarer an dem Körper als die Lichter. Letztere
bilden erst eine zweite Stufe der Formerkenntnis und Formgestaltung. Auch
zeichentechnisch lag es nahe, mit den dunkelfarbigen Darstellungsmitteln, welche
die Umrisse besorgten, gleich die Schattenseiten herauszuheben. Daher vers
suchte man lange, ohne Belichtung auszukommen und selbst in ausgeführten
Zeichnungen darauf Verzicht zu leisten. Der Ton der Unterlage (il lasciare
il campo) übernahm die Funktion der Lichtseite, die aus der Gegensätzlichkeit
der Schattenseite ihren plastischen Wert empfing. Die Körperlichkeit aller Druck*
graphik beruht auf diesem Prinzip. Ein bewußtes Hervorheben der Glanzstellen
erstand erst im Aussparen, dem Offenlassen des weißen Untergrundes, oder in
dem Aufsetzen von Deckweiß oder weißer Kreide.^ Jede Höhung vollzieht
sich stilgerecht, d. h. sie ordnet sich zeichentechnisch der Schattierungsweise
unter. Metallstift* und Federzeichnung kennen nur die feinen, diskreten Pinsel*
striche in Bleiweiß, sowie die breiten Kohle* oder Kreiderisse nur die gleich*
wertigen groben Gipsglanzlichter neben sich dulden. Das zeitliche plastische
Erschauen der Körper fand auch formal seinen einheitlichen Ausdruck.
Lichte Die große Masse der Handzeichnungen trägt, entsprechend einer rechts*
Führung, sgitigen Schattierung, eine linksseitige Beleuchtung. Cennini sprach diese
Beobachtung als Regel aus: Siehe zu, daß dir die Sonne von links her das
Licht werfe (K. 8). Wenn sich manche Zeichnungen mit rechtsseitiger Beleuch*
tung finden lassen, dann sprachen bestimmte Ursachen bei ihrer Entstehung mit.
So die Linkshändigkeit z. B. bei Leonardo^ oder Holbein d. J.;-'^ die Rücksicht*
' Heute bedient man sich mit Erfolg der weichen schwarzen Gummistücke.
* Traite p. 18: L'autre maniere s'apelle estomper, ce qui se fait avec la poudre de
sanguine ou de pierre noire, qu'on applique avec un petit rouleau de papier, et
quand on a ainsi frotte, on donne par ci par lä quelques touches fortes dans les ombres
avec le crayon meme.
' In Italien nannte man das Auf höhen biancheggiare con biacca (Cennini, K. 32), dare
i lumi (Leonardo, § 758), lumeggiare (ßaldinucci, Voc. 85). Vasari spricht von den drei
Stufen: dintornare, ombrare und finire, wo finire gewiß nur das letzte der Zeichnung, die
Belichtung bedeuten kann (Vas. Mil. VI, 137). - In Deutschland: aufgehöht (Dürer,
Lange u. Fuhse, S. 123 u. 124) oder auch erhöhen (Vitruv Teutsch, fol« X"). - In Holland:
de dagen op te hoogen (Hoogstraeten, Inl., S. 31). - In Frankreich: rehausser de blanc. —
Pacheco gebraucht: realcar (reahar), realces de blanco (p. 335).
* Auf welche Morelli deutlichst hingewiesen (Gal. Borghese 1890, 226).
^ MandersFloerke I, 189. - Jouvenet, ein Linksmaler, zeichnet mit der Rechten. D'Argen=
ville. Abrege IV, 210. - Ilollanda erwähnt als Linkshänder Fabius Pictor, Holbein und
Mignard, aber nicht Leonardo. S. 163, Note 199.
Körperplastik.
581
nähme aut den lokalen Lichtcinfall bei lintwürfen für Treskodarstellungcn oder
solchen für Innenarchitekturen und Grabmäler;' ferner Vorzeichnungen für
graphische Arbeiten (Abb. 130, 188^'), für Gobelins (Abb. 124), schließlich
Umdrucke. Mit den besseren Einrichtungen der Akademien und endlich auch
der Ateliers lernte man die Vorteile des hohen Lichteinfalles kennen (Abb. 87,
Abb. 279. Deutscher Zeichner, 15. Jahrh., PianetenHgur. Budapest.
318).^ Künstliche Beleuchtungseffekte, wie Correggios heilige Nacht, benötigten
zeichnerische Studien mit von unten strahlenden Lichtern.
' \'orschriften hicfür bei Loma::o, Tratt. p. 23St. — Fairfa-v .^Ulrrav, (Joll. oJDrawings.
Taf. 81 : Rcnaissance^Grabmal.
* Dürer beobachtet dies ersichtlich auf demselben Blatte, indem er die nicht zum
Stich gehörige Felspartie mit linksseitiger Belichtung versieht. — hbcnso bei Wolf Hubcrs
und Niclas Manuels hntwürtcn.
■'' W'atclet. Dictionnairc I, 607, Artikel Dessins: V.s soll die OHnung, durch welche das
I.icht hereindringt, so weit geschlossen oder geregelt sein, dal^ es oberhalb des Modells falle.
582
Körperplastik.
Das
Aufsetzen.
Aussparen. Vom historischen Standpunkte aus erscheint das Aussparen der Lichter vor
dem Aufsetzen derselben, d. h. vor der Verbreitung der grundierten Blätter.
Cennini kennt es nur noch bei Halblichtern (K. 29); denn auch für ihn ist die
Bleivveißhöhung das Selbstverständliche, da er fast immer nur die carte tinfe im
Sinne hat. Aber Zeichnungen auf weißen Pergamenten und Papieren führten
von selbst zu diesem nicht gerade einfachen Verfahren.^ Vasari nennt es eine
schwere, aber meisterhafte Sache und findet in der bekannten Mantegnastudie:
Judith (Offizien) ein Musterbeispiel.^ Am meisten befleißigten sich die Illu*
minatoren,^ die mit Wasserfarben arbeitenden Federzeichner oder Illustratoren
deutscher Handschriften des 15. und 16. Jahrhunderts auf ihren bunt lavierten
Tafeln dieser Technik. Mißlungene Aussparungen werden mit Bleiweiß ver*
bessert und verstärkt (Abb. 279).* Dürer weiß sie gleichfalls geschickt zu
handhaben (Gewappneter Reiter 1498, Nürnberger Kostüme 1500, Christus und
die beiden Schacher 1505) und so mancher seiner Schüler (Abb. 123).
Zur Zeit der dritten Stufe der Pinseltechnik er*
scheint das sorgsame, streifenartige Aussparen bereits
aufgegeben. Erst das moderne Aquarell führte es
wieder mit Glanz durch.
Das Höhen mit Bleiweiß wird zu Cenninis
Zeit als die bequemere Methode auf grundierten
Papieren oder Pergamenten allgemein vorgezogen.
Das Verfahren der aufgesetzten Lichter resultierte
aus der schon in der ägyptischen Wandmalerei ge*
übten Verdünnung und Abschwächung des Grund*
tones nach der Lichtseite hin. Im Buche vom Berge
Athos finden sich weit aus dem Byzantinischen
stammende traditionelle Anweisungen (§ 25), die in die Technik der goti?
sehen Freskomalerei übernommen wurden. Die Handzeichnung brauchte das
Verfahren nur im kleinen auf den Carte tinte nachzuahmen.
Schüchterne Man ging im Beginne wie in der Schattierung außerordentlich zart vor. In
Anfänge. Italien müssen wenige feine, vertikale Parallellinien längs der Lichtkonturen
genügen. In den Niederlanden und ebenso in Deutschland beschränkt man
sich bei grundierten Zeichnungen nach Art der Miniaturhöhung auf eine
einfache, die Faltenhöhe markierende Linie mit kurzen senkrechten, schrägen,
geraden oder gebogenen Stricheln. Bisweilen wird auch auf diese weiße Führung
' Das Auskratzen der Lichter mit dem Federmesser, ein abgekürztes Verfahren des
vorsichtigen Aussparens, spieh in der Miniaturmalerei nur eine vorübergehende Rolle.
Die alten soliden Techniken schieden es von selbst aus. Beispiele wie jene des alten
Holbein (Berlin, Nr. 2571), wo Lichter in die Grundierungsschichte eingekratzt erscheinen,
sind mit einer gewissen Vorsicht aufzufassen. Dagegen üben die Miniaturporträtisten und
Zeichner des 18. Jahrhunderts diese Technik mit großer Vorliebe aus (Chodowiecki), ebenso
die Aquarellisten des folgenden.
* Vas. Mil. I, 175; III, 402.
^ Les Enlumineurs modernes n'usent d'aulcun Blanc, au Heu duquel ils espargnent le
papier ou velin sur les jours (Mayerne Ms., E. Berger Beitr. IV, 152, Nr. 54).
* Aus Planetenbuch, Taf. 7, Bibliothek d. ung. Akademie d. Wissenschaften, Budapest,
40/ 28 cm, Aquarell. Die Einsicht in dasselbe verdanke ich Herrn Dr. S. Möller.
Abb. 280.
Belichtungsschemen.
Körperplastik.
5S3
Abb. 281. Grünewald, St. Antonius. Harmonische Vereinigung von Licht und Schatten.
584
Körperplastik.
\'er=
schiedene
Systeme.
In der
Landschaft.
Verzicht geleistet (Abb. 280). Der nasse Auftrag erfolgte je nach persönlicher
Geschicklichkeit oder Größe der Zeichnung mit weicher Kielfeder oder
spitzem Pinsel.
Von diesem zierlichen Vorgang abgesehen, folgten die Lichter sonst den
Strichrichtungen der Schattenlinien und beobachteten bald eine vertikale,
bald diagonale, bald horizontale Lage, so daß zu den dunklen Partien
ein Gegenspiel in Hell entstand. Oder sie verbanden sich mit einer fortge*
schrittenen Stufe der Schat*
tierung. So ordneten sich die
wie mit einem weißen Netz
einspinnenden Häkchen*
Systeme der oberdeutschen
Schule den breiten Tusch*
pinselstrichen der Schatten*
Seite unter, beherrschten
aber dennoch den Blick des
Beschauers (Dürer). Eine
harmonische Vereinigung,
wie sie aus dem Kreise
Verrocchios hervorgeht,
wo einem Sfumatoschatten
ein Sfumatolicht entsprach
und beide nur einem Haupt*
zwecke zu dienen hatten,
der möglichst erreichbaren
Formenillusion (Abb. 194),
drang in dem sich immer
graphisch ausdrückenden
Deutschland des 16. Jahr*
hunderts nicht schulmäßig
durch. Nur Grünewald,
das ausgesprochenste male*
rische Talent, kam jenen
Bestrebungen nahe. Seine
Zeichnungen unterscheiden
sich von jenen Dürers, Baidungs, Holbeins, Manuels schon rein formplastisch
genommen. Man halte nur Grünewald Abb. 281 ^ gegen eine Dürer* Draperie
(L. M. 512. 513).
Die Vorliebe für Pinselhöhung in Deutschland übernimmt sogar bei land*
schaftlichen Darstellungen die plastische Steigerung (Abb. 282).^ Die Lichter
verbreiten sich zu horizontal gestrichenen Flächen, bald dick, bald leicht und
durchsichtig aufgetragen, um den Abendhimmel in grellen Gegensatz zu den
silhouettierenden Bergen zu setzen, oder sie umschließen mit leichten Kreiseln
Abb. 282. Dürer. Höhung in der Landschaft.
' A. P. 965, Vorderseite. Schmidt T. 47. Sammig. Ehlers, Göttingen. Kreide. 29x204 cm.
'^ L. M. 480, Albertina, Grüne Passion. Ausschnitt.
Körperplastik.
585
mächtige Haufenwolken.' Der Reiz dieser Wcißhöhungcn in Dürerschen
Zeichnungen wirkt durch die vielfähigen, immer neuen Ausdrucksformen oft
überraschend. In der Altdorfer^Schule übernimmt der Belichtungspinsel noch
selbständigere zeichnerische Funktionen und erzeugt durch die sich wirbelnd
bewegende Pinselspitze eigenartige Effekte auf grünen, braunen oder roten
Tönen; eine frühe Art aufs
gelöster, impressionistisch er*
scheinender Formen, die sich
mit der typischen Klarheit
eines Chiaroscuro bereits in
Widerspruch setzt.
Im Gegensatz zur linea«
ren Höhung steht die in
Florenz schon in der ersten
Hälfte des Quattrocento, so*
gar in Silberstiftzeichnungen
auf grundierten Papieren
geübte breite und grobe
Fleckenhöhung in Tem#
peraweiß (mit starkem Glanz
und gelblichem Ton). Noch
mehr steigert sich dies in
der zweiten Hälfte. -
In dem Maße, als die
Ausdrucksfähigkeit der kräf?
tigen und breiten Zeichen*
mittel zur Geltung kommt,
erscheinen auch die Höhun*
gen immer lebendiger be*
handelt und zur Zeit der
Barocke sich oft derart über
die Figuren verbreitend, dal^
sie grell herausfallen. Nicht
alle hatten den Geschmack
und die Geschicklichkeit Ba*
roccis, der auch in seinen
großzügigen Entwürfen trotz aller furios hingewischten Lichter dem Gesamteins
druck geringen Abbruch tat. Der Wandel und Wechsel geht von Meister zu
Meister. Glänzende Technik steht neben grober Manier, keckes Klecksen
(Abb. 55) neben mühsamer Spielerei. Man schafft aus dem Beleuchteten ein
Leuchtendes, mildert oder steigert die (Gegensätze zwischen Hell und DunkcL
VC'ir finden nicht mehr den schcmalisch erhellten Körper an und für sich, sons
dern eine von künstlichem (Glanz getroffene Erscheinung im Räume. Die Bc«
Abb. 283. Jac. V'ignali. Weißpinsclicichnung.
Flecken»
hühung.
Cbcr--
tricbenc
Lichter.
' In nachahmender Weise bei W'cchtlin, musizierendes Paar, l.anna, Prag. A. P. D^.
* Apostelfi^ur. Masaccio lugeschricben. l'H. 73. — Honifaiio \'enc:iano, l'HF. —
586 ■ Körperplastik.
lichtung überwältigt in der Wirkung vielfach die Schattierung und der Weiß*
pinsel geht zeichnerisch über seine plastische Aufgabe hinaus. Alberti rügte
für seine Zeit das Übermaß von Weiß: «Ich wünschte, die Maler müßten das
Weiß teurer als die kostbarsten Steine kaufen» (S. 136). Wie würde er Zeichs
ner wie Luca Giordano, Bart. Biscaino, Biagio Pupini, Gius. Passeri, Carlo
Gignani, Jac. Vignali (Abb. 283)^ beurteilt haben, deren Figuren wie ange*
schneit erscheinen. Manche komponierten nicht mehr von der Schatten?, son*
eiern von der Lichtseite aus. Zur Zeit des völlig geänderten Sehens dringen
die breitflächigen Lichter auch nach dem Norden (Van Dyck, G. van Hont?
hörst). Aber nicht alle wußten, worauf es ankam, und so entwickelte sich
bei vielen eine völlig unorganische und aufdringliche Manier.
Nasses IeCHNISCHES. Das beste und sicherste Deckmittel, gleichzeitig durch
Verhnhren. seine Leuchtkraft alle anderen weißen Farben übertreffend, bildete das Blei?
weiß (Biacca, Cerusa)/^ Über das biancheggiare con biacca berichtet
Bleiweiß; Cennini (K. 32): «Nimm gemahlen Bleiweiß (biacca wacinata con acqua) mit
huhung. Wasser und vermenge es mit Eidotter (vossume d'uovo) und trage es nach Art
der Tintenwasserfarbe verwaschen auf; aber dies ist schwieriger und erfordert
größere Übung.» Neben der alten Vorschrift, mit Ei==Tempera zu arbeiten,
einem Brauche, der sich noch im 15. Jahrhundert bei einzelnen Zeichnungen
nachweisen läßt,^ steht die häufigere Verwendung von Gummi als Bindemittel
(con gomma avabica, Cennini, K. 31). Vasari kennt nur mehr das letztere
(biacca sfemperata con la gomma) ^ und dies erhält sich auch bei allen Nationen
der folgenden Jahrhunderte. Bei den Deutschen erscheint die Schreibung Plei?
weiß (Cenisa),-' Blanc de plomb bei den Franzosen des 17. Jahrhunderts.*'
Verdorbene Bleiweißlichter erscheinen oft verdorben und schwarzbraun, so daß die
Lichter. Illusion der Plastik völlig vernichtet wird.'' Der Bleigehalt hat sich unter
Einfluß von Schwefelwasserstoff verfärbt."^ Indes ist diese Erscheinung bei
alten Meistern ziemlich selten und läßt sich meist bei jenen von unberufener
Hand aufgesetzten Lichtern beobachten.''
Gold; Das Höhen mit Gold (lumeggiare in oro), der Miniaturtechnik entlehnt,
höhung. findet nur in miniaturartig ausgeführten Aquarellen auf Pergament statt (Dürer,
' Albertina, Inv. Nr. 873. Im Originale sind noch die Entwurfslinien in Kreide sichtbar.
Ausschnitt. Dunkel graugrüne Grundierung. 17"8X24'5 cm.
^ Bracha seu Blacba; alitev vocatur cerusa, album plumbum et aliler glaucus (Jehan le
Begue 1431, Merrifield II, 20).
" Derartige Lichter erscheinen heute hart, gelblich, dabei glänzend, emailartig. Z. B. Francia
(London), BcUini^Schule, zwei Heilige, Albertina, A. P. 653.
■* Vas. Mil. intr. I, 175. — Baldinucci empfiehlt Biacca, Color bianchissimo, für ÖU und
Temperamalerei, jedoch nicht für Fresko, weil es leicht schwarz wird. — Bei Lomazzo,
Tratt. p. 192: // bianchetto over biaca.
■' G. Agricola, De ortu et causis subterr. — Interpretatio germanica vocum rei metallicae.
Basileae 1558.
*■' Mayerne Ms. bei E. Berger IV, 118, Nr. 16. Er unterscheidet das reine Bleiweiß
(Blanc de plomb) und Cerusa, das zur Hälfte Kreide enthält.
■ So BartülommeosZeichnungen.
" F. Linke, Die Malerfarben und Bindemittel. 2. Aufl., S. 34.
Fischcl, Raphaels Handzeichnungen I, T. 18 — 19.
Körperplastik. 587
segnender Christusknabe L. M. 450, Blaurake L. M. 526; Holbein d. J., Königin
von Saba, Ganz XI, 7); später erscheint sie nur als spielerische Nachahmung.'
Das Prunken mit Goldfarbe in der Malerei, wie es in der byzantinischen Schule
ganz allgemein, dann in der Bemalung von Kronen, Waffen. Nimben usw.
noch bei Botticelli, J. Bellini, Mantegna in Reliefdarstellungen auftrat, hatte im
16. Jahrhundert aufgehört. Lodovico Dolce spricht sich 1557 in seinem Dialog
entschieden ablehnend aus: der Maler darf das Gold nachahmen, aber nicht,
wie es die Miniaturmaler tun, wirklich in seine Bilder hineinsetzen.- Tat*
sächlich lassen sich nur mehr bei Malern, die sich mit Miniaturen befaßten,
wie J. Ligozzi (f 1632) und dessen Nachahmern Goldhöhungen feststellen. In
Deutschland bei Nie. Manuel (Basel), Jos. Heinz 1625, Frans Francken II.
(f 1642), Paulus Kolb.-' Späte Versuche erscheinen bei den Miniaturporträ*
tisten des 18. und 19. Jahrhunderts für Goldschmuck und die Glanzlichter
blonder Haare oder bei kunstgewerblichen Reliefdarstellungen, um, wie z. B.
in Goldschmiedevorlagen,* den Glanz der Bronze nachzuahmen.
Als Ersatz für Gold nahm man schon frühzeitig ein lichtes Gelb (Ocker Mehrfarbige
und Weiß), das auf dunkel grundierten Papieren eine warme Stimmung ergab. I-i^-hter.
Beispiele aus der Kölnischen Schule des 15. Jahrhunderts, oder später bei
Niclas Deutsch, Jost Amman 1572 (Sigmaringen), Cietti (franz. Schule,
auf blauem Grunde) geben Zeugnis von der traditionellen \'erwendung. ' Auch
mit Gold und Gelb nebeneinander wurde gehöht (Unbekannter Meister, be«
tende Maria, Darmstadt Nr. 15),'' oder mit Gold, Gelb und Weiß (Unbe*
kannter um 1470),' oder Weif^, Gelb und Lichtrot für Fleischparticn auf
grün grundierten Papieren,"* oder Weiß neben Gelb auf grünem Grund,"'
oder noch andere Zusammenstellungen bei Mair von Landshut (Louvre).
Die Verbreitung von Kohle, Kreide und Rötel hatte die Anwendung der Trockenes
trockenen Höhung (mit weißen Kreiden) zur Folge, wenngleich auch jene \ erfahren,
auf nassem Wege noch gerne von manchem wegen ihrer Haltbarkeit herüber«
genommen wurde (z. B. J. B. Oudry), denn das Fixieren derartiger Blätter
hatte seine Schwierigkeit. Die trockene Höhung erfolgte mit Schneiderkreide
(gesso dci Scirtori), mit gewöhnlicher Schreibkreide, mit (iipsstängelchen
' Baldinucci, Voc, p. 61 : Fogli.
- Quellenschriften für Kunstgcsch.il., S. 52; und Ccnnini, K. %, da:u die Nute auf
S. 167.
' Ncudörffer, Nachrichten, S. 72.
* Traitc, p. 262: On rehausse d'or hrs qu'aprds ayoiv pcinl quclque chose J'unc sciilc
Couleur en forme de bas=relief, on applique de Vor par hachmes sur les endroits Ics plus
eclairez, on dit un bas=telicf rehausse d'or. — Siehe: Dessins du Cabinct Peircssc (Biblio»
theque national) par J. Guibcrt, Taf. III, N'lll. X. W'Il.
'■> Wohl zu unterscheiden von diesen gelben Lichtern sind iene ursprünglich weilten,
mit der Zeit gelb gewordenen Hiweil^4 lohungen.
" Haare mit gelblichweilier Ilöhung, in Gold der Nimbus, die Kleiderhöhungen sowie
alle gotische Umrahmung.
' Albertina, I'iet.i (A. P. 511) auf grünem Grunde.
* Albertina. Oberrheinisch oder .Süddeutsch um 1500. Madonna. — hrlangcn. Deutscher
Meister von 1482 (I. D. 10).
" Hans Haidung, junger Mann, Basel, l'. 16. 41 von 11 A. Schmidt .Manuel genannt.
588
Körperplastik.
oder in späterer Zeit mit Pastellen (siehe Kap. Weiße Kreiden).^ Auf alten,
hart mitgenommenen Zeichnungen sieht man nur mehr Spuren der abgepulverten
Substanz. Auch bei trockener Höhung kommen vereinzelt zweierlei Lichter
vor, ein Fleischton im Gesicht (Pastell), gewöhnliche Kreide in den Draperien
(J. Siberechts, Kopenhagen Nr. 32).
Graphits Eine aufifallend vereinzelte und merkwürdige Art der Höhung erzielte
höhung. j Thopas mit dicht aufgestrichenem glänzenden Graphit, der aus den schwarz
angelegten Gewändern an ausgesparten Stellen hervorleuchtet und die Falten*
höhen markiert (siehe S. 145).
So nebensächlich Schattierung und Höhung — rein technisch genommen —
bei der Betrachtung einer kunsthistorisch fixierten Handzeichnung erscheinen
mögen, so wichtig wird ihre Analyse, wenn man unbekannten Blättern gegen*
übersteht und deren Einreihung nach Jahrhundert und Schule durchzuführen
hat. Der Charakter einer Zeichnung hängt nicht allein von ihrem linearen
Umriß, sondern auch, mitunter in entscheidender Weise, von ihrer Modellierung
ab. Letztere bedarf eines gründlichen Studiums. Alle Kopisten haben ihre
Schwächen in der Schattierung.
Begriffs. ChIAROSCURO:=VERFAHREN. Zum Schlüsse sei noch des wieder*
deutungen. holt erwähnten Ausdruckes Chiaroscuro in kurz zusammenfassender Weise ge*
dacht. Da derselbe hinsichtlich jeder plastischen Gestaltung bald in der Malerei,
bald in der Zeichnung, bald im Holzschnitt auftaucht, treten auch begriffliche
Differenzierungen ein, sich gegenseitig verwirrend und trübend. Lexika und
Nachschlagebücher geben mancherlei Erklärungen, je nachdem sie von dem
einen oder anderen Gesichtspunkte ausgehen. Zum Überflusse vermischte sich
noch ganz unberechtigt die deutsche, ihre selbständige Bedeutung tragende
Übersetzung «Helldunkel» im Sinne Correggesker oder Rembrandtscher Be#
leuchtung mit dem Begriffe Clairobscur,
Herkommen. Frühzeitig erkannte man das Wesen des Chiaroscuro in der Einfarbigkeit,
innerhalb welcher sich alle plastische Körpergestaltung auszusprechen hatte.
Daher brachte man es begrifflich mit jenen antiken monochromen Darstellungen
zusammen, die Plinius L. 35, c. 36 als Monochromata ex alba beschreibt.^
Pittura d'un color solo, al quäle si da rilievo con cbiari e con iscuri del color
medesimo (Baldinucci, Voc. 33). Ursprung und Verbreitung ist in der mono*
chromen Freskotechnik zu suchen, wo man das ausgesparte Wandweiß gleich
Wand= als vorteilhafte Höhung benützte. Paolo Uccello, Mantegna, Fra Bartolommeo,
maierei. Andrea del Sarto, Polidoro haben mancherlei Beispiele hinterlassen, ursprünglich
in grüner Erde, später in Ocker oder Braun. Auch die öluntermalungen,^
Sgrafittos und Tüchleinmalereien müssen hieher gerechnet werden.
' Armenino, S. 115. — Enluminc de plätre, der gewöhnliche Ausdruck zur Zeit der
Farbstiftzeichnungen auf farbigen Papieren.
^ Historia naturalis, Pariser Ausgabe von 1779, tom. VI, p. 138.
" Vas. Mil. IV, 194: E Fra Bartolommeo lo [San Giorgio] fece a olio di chiaro e scuro:
che si dilettö assai tutte le cose sue far cosi prima nell'opere a iiso di cartone, innanzi che
le colorisse, o d'inchiosfro o ombrate di aspalto.
Körperplastik.
589
In zweiter Linie wurde der Ausdruck auch auf monochrome PinseU
Zeichnungen, und zwar zunächst auf jene mit ausgesparten Lichtern ange--
wandt. Vasari spricht von der Mantegna^Judith (Offizien, A. P. 318) als
fatto d'un chiaroscuro und hebt hervor, daß diese Art feinster Lavierung ohne
jede Benützung von Bleiweiß für seine Zeit schon nicht mehr üblich war."
Mantegnas Schüler wie z. B.
Bernardino Parentino ahmten
ihren Meister getreulich nach
(Venedig, Museo Correr,
Kampf um die Standarte,
A. P. 812).
Weil indes die bequemere
und geläufigere Schattierungs?
weise, jene auf grundierten
Papieren mit Tuschschatten
und aufgesetzten Lichtern,
die Herrschaft erlangte, so
wurde auch hiefür dieser Ter;
minus übernommen. Arme?
nino führt sie in ausführ*
lieber Beschreibung als die
dritte Art zu zeichnen an
{quäle da noi si chiama di
chiaro e scuro, S. 61). Sie
unterscheide sich nur durch
die Lichter; daher färbe man
das Papier mit irgendeiner
Farbe, aber nicht mehr mit
Deckfarbe (il quäle non abhia
corpo). Damit hernach die
Zeichnungen in ihrer Model*
lierung vollendet erscheinen,
nehme man für die Lichter
etwas Bleiweiß und Gummi
und belichte die höchsten
Stellen mittels eines feinen Eichhörnchenpinsels. Er fügt gleich Vasari noch
hinzu, dieses sei zu seiner Zeit in Rom sehr in Brauch gewesen, zumal bei
jenen, welche Marmor* oder Bronzewerke von den Fassaden abzeichneten. -
So verbreitet die Technik bei den Deutschen, so wenig ist der Ausdruck
bekannt. Dürer nennt sie «mit Schwarz und Weiß aul graues Papier»
Abb. 284. A. Blocmart, Versuchung.
* Vas. Mil. III. 402: fatto dun chiaroscuro non piü iisato, ai-cndo egli lascuto il foglio
bianco, che serve per il lume della biacca.
■^ Wenn Carlo Dati auch beliebige Kreide- und RötcUtudien auf blauem Naturpapicr
(sopra carta azzurra) mit entsprechender weißer IlöhunR Mon och rom.i t i nennt, so ist
diese begriHliche Übertragung; wohl :u weitgehend, i'her findet diese Heieichnung .lul
Kartons ihre Berechtigung (Baldinucci, \'oc., p. 33).
Lavierte
f landzeichs
nungen.
Clairobscur»
Zeichnun;
gen.
Armcnino.
Technische
Bezeichnun»
gen.
590
Körpcrplastik.
Clairobscurs
Holz.
schnitte.
oder «auf grauen Papier aufgehöht» (L. und F. S. 123, 124). Andere
gebrauchen die Bezeichnung: in gefälschten Farben oder in Steinfarbe
(Weltmann, Holbein II, 45). In Deutschland wird im Gegensatz zu Arme?
nino immer Deckfarbe zur Grundierung verwendet. Die Franzosen haben
die Bezeichnungen dairohscur, ^ camaieu, en grisaille (für graue), cirage (für gelb*
liehe Töne).
Seit Ugo da Carpi (1516) ging
die Bezeichnung Chiaroscuro auch auf
Holzschnitte mit zwei oder drei
Schattenplatten über.- Man folgte dem
Bestreben, jene nach dem Zweischalen*
System, also mit klar abgesetzten Mittel*
und Schattentönen lavierten Zeichnun*
gen in möglichst gleicher Wirkung zu
reproduzieren. Die Deutschen waren
ihm vorausgegangen und hatten schon
ihre auf grundierten Papieren fein aus*
geführten Helldunkelzeichnungen mit
zwei Stöcken wiederzugeben verstanden
(Lukas Kranach, H. Burgkmair, H. B.
Grien, J. Wechtlin, A. Altdorfer u. a.)'*
In beiden Fällen handelte es sich
darum, auch in die reproduzierende
Graphik farbige Plastik zu bringen.
Während die Deutschen noch linear
verblieben, setzte Ugo da Carpi bereits
mit breiten grellen Flächen ein und
Andrea Andriani folgte nur mehr den
Beleuchtungseffekten seiner Zeit.
Ein und dieselbe Technik vermochte
sich demnach den Forderungen zweier
Jahrhunderte leicht anzubequemen und
durch Anwendung verschiedener Druck*
färben sogar den Farbenholzschnitt zu
erreichen. Trotzdem müssen Clair*
Abb. 285. Griechische Vasenfigur. obscurholzschnitte und farbige
Holzschnitte begrifflich getrennt wer*
den, wenngleich der Übergang von einem in den andern leicht bewerk*
stelligt werden konnte.
^ On appelle aussi un Dessein de clairobscur, celui qui est lave d'une seule Couleur;
ou bien c'esf un Dessein lave sur du papier bistre, ou de demi4einte, dont les Jours sont
rehaussez de Blanc. Tvaite, p. 226.
"■ Carpi bezeichnet sein Verfahren 1516: modo nuovo di stampare chiaro et scuro,
cosa nuova et mai piu non fatta. Thicme, Künstlerlex. 6, 48. — Kristellcr, Kupferstich und
Holzschnitt, S. 300.
^ M. J. Friedländer, Der Holzschnitt, S. 214.
Körperplastik.
591
Abb. 286. Dieselbe \'asenH.i;ur
nuf weißen Grund Restcllt.
Trenn unj;
und
Bindung.
Auch für Holzschnitte finden sich einzelne zeichnerische \'orlagen. zunächst in Vorlagen
der deutschen (Baidung), dann in der italienischen Schule (Paolo Farinati, Parme--
giano, A. Schiavone), im Norden von A. Bloemart (Abb. 284).' Sie erscheinen
auf bald bräunlich, bald grün oder violett grundiertem Papier mit grellen Lichtern
oder auch mit ausgesparter weißer Folie. - Schließlich sind auch jene direkt
auf der Kupferplatte ausgeführten und
Monotypien genannten \Vciß*schwarz^
Zeichnungen hieherzurechnen, da sie
dem Begriffe Chiaro e scuro vollauf
entsprechen (B. Castiglionc B. 1—5).
C. Das Losgehen
vom Hintergrund.
jCur vollen Körperlichkeit gehörte
außer der durch Licht und Schatten
bewirkten Rundung noch die Bezie;
hung zu Standfläche (Basis) und Hinter*
grund und zwar hinsichtlich Tren*
nung und Bindung. Der heute als
einfachste Form körperhafter Wirkung
geltende Schlagschatten, das Schatten*
werfen auf die nächstliegende Umgc*
bung, war eine späte Erkenntnis. Es
traten erst verschiedene Vorstufen ein,
die in der Fläche klebenden Umrisse
nach Möglichkeit herauszuheben (spic=
cave da piano).
Uas dunkle Abdecken des Hin*
tergrundes, die Kontrastfolie, bil*
dete den ersten Vorgang, den Form*
kontur eindringlich herauszuheben.
Schon die Seite 561 angedeuteten plasti*
sehen Regungen, das flachfarbige Aus*
füllen der Körperkonturen, enthielten
lostrennende Momente. Aber während auf jenem Weg die dunkle Einzelerschei*
nung gewissermaßen der lichten Fläche entfloh, den Zusammenschluf^ von Figur
und Hintergrund unmöglich machte, erzielte der umgekehrte Fall, das Ab»
decken des Hintergrundes durch einen gleichmäßigen dunklen Ton die früheste
Raumrelation zwischen beiden. Die W'eißsilhouetten mit dem X'orteil der Innen*
Zeichnung erfuhren durch den Gegensatz gleichzeitig räumliche Trennung und
Wirkung der
Kontrast»
folie.
Albertina, Inv. Nr. 8130. Clairobscur in grüner Lavierung. 13^- 8'5 cm.
592
Körperplastik.
VieU
seitige Vers
Wendung.
In Zeichi
nungen.
räumlichen Halt. Sie gleichen den lichten Marmorfiguren in den dunkelbeschatte*
ten Giebelfeldern (Abb. 285).^ Und so wird auch ohne jede Schattengebung
durch den kontrastierenden Hintergrund allein die Körperlichkeit in ihrer
Gliederung hervorgehoben. Die Lineargrenzen werden zu Raumgrenzen und
vermitteln ein lichtes Nahes und fernes Dunkles. Haltung und Bewegung
sowie der figürliche Gesamtcharakter verdeutlichen sich vor dem Beschauer,
versinken aber sofort wieder ins Körperlose, sobald die Gegensätzlichkeit auf*
hört (Abb. 286). Die griechische Vasenmalerei erkannte nicht nur den form*
gestaltenden Wert dieses Prinzips, sondern auch dessen dekorativen Reiz, ohne
es auch nur im geringsten nach der plastischen Seite hin weiterführen oder
überschreiten zu wollen.
Gleichermaßen wurde dasselbe in
der ganzen weiteren Kunstentwicklung,
je nach den technischen Ausdruckswei*
sen, ausgenützt und abgewandelt. Der
Goldgrund in Mosaik* und Tafelbil*
dern, die dunklen Felder in alten Fres*
ken, die einfarbigen roten und blauen
Folien in alten Kirchenfenstern, die
dunkle Grundierung der Initialen in
den Codices oder die Zusammenstellung
von dunklen und hellen Marmor* und
Holzintarsien, die blauen oder schwär*
zen Hintergründe früher Porträtdarstel*
lungen, sie alle beruhten auf der glei*
chen Absicht, das Figürliche herauszu*
heben.
In Zeichnungen, welche genann*
ten oder ähnlichen Zwecken zu dienen
hatten, wiederholte man das Verfahren
selbst dann noch, als längst alle pla*
stischen Ausdrucksweisen ausgebildet
waren. Schon die frühen feinlavierten,
zum großen Teil ins Profil gestellten Kopfstudien erhalten einen dunklen Hinter*
grund, wie z. B. jene Vorstudien Paolo Uccellos (Abb. 199), oder jene zur
Reiterfigur des Sir John Hawkwood in der Kathedrale zu Florenz auf rotem
Grund^ oder A. Pollaiuolos Entwürfe für monochrome Fresken (Abb. 10).
Die Wertschätzung eines reinen, feinbewegten Körperkonturs läuft noch lange
nebenher. Leonardo ist nicht mehr dieser Anschauung. Auf die Frage, was
wichtiger in der Malerei sei, Umrisse oder Schatten, entscheidet er sich, ent*
sprechend seiner Zeit, für die Plastizität (§ 413). Ihm waren alle Finessen
dreidimensionaler Erkenntnisse bei aller Bewegungsmöglichkeit des menschlichen
Abb. 287. Dürer, Bildnis
mit Kontrastfolie.
' Von einer Amphora des Euxitheos in London. Aus E. Buschor, Griech. Vasenmalerei,
S. 160. Abb. 104.
" In Disegni d. Galleria d. Uffizl, Ser. I, fasc. III, Taf. I-III. Die Figur im grünlichen
Ton (grüne Erde), der Hintergrund dunkelrot abgedeckt.
Körperplastik.
5^3
Abb. 288. Figurenfries mit abschattiertem Hintergrund.
Körpers gegenwärtig und graphisch erreichbar. Aber für großstihge Wand^
bemalungen mit Distanzwirkung, wie die erwähnten gemalten Standbilder, oder
auch für rein dekorative, ornamentale Zwecke, wie Reliefdarstellungen, blieb
die Konturzeichnung im campo nero immer noch willkommen.
So erfahren auch in Deutschland religiöse und profane Darstellungen diese
plastische Loslösung. Dürer weiß seine Vorstudien zu Adam und Eva, um
das bewegte Lineament hervorzuheben, nur durch einen gegensätzlichen Hinters
grund wirksam zu gestalten (Abb. 130, 157). H. Kulmbach stellt seinen farbig
lavierten Schmerzensmann ins Schwarze (Erlangen). Ebenso werden Entwürfe
für Bildhauer im Interesse klarster Konturwirkung angelegt (Ilans Burgkmairs
Zeichnung zu dem Standbilde Kaiser Maximilians in Augsburg).'
Eine bedeutende Rolle spielte diese die Lebendigkeit fördernde Praxis
besonders in Porträtzeichnungen. Es handelte sich nunmehr nicht um
Profile allein, auch jede andere Stellung. mit durchgeführter Modellierung L\i\d
diese Behandlung. Italiener, Deutsche und Niederländer steigerten die Schärfe
der Umrisse durch direktes Bemalen des fiintergrundes. In der Mehrzahl der
Fälle geschah es durch Abschattieren mit Kreide oder Kohle; mitunter auch,
gleich dem Vorgange in Gemälden, mit schwarzer oder blauer Deckfarbe. - Bei
deutschen Meistern erscheinen die Abdeckungen erst seit dem zweiten De;
zennium des 16. Jahrhunderts allgemein, wenngleich Dürer schon 1505 beginnt
(L. 5); die Porträts der niederländischen Reise halten den Brauch noch fest
(Abb. 287).' Andererseits läßt Burgkmair noch 1518 die Folie weiß (\'as. Soc.
IV, 28, 29). Besonders empfahl sich der dunkle Hintergrund bei Farbstift;
bildnissen zur wirksamen Zusammenfassung der Buntfarbigkeit (Barthel Beham,
A. P. 488, 489). Lucas van Leyden, dessen Porträts der zwanziger Jahre sich
an jene Dürers anlehnen, zeigen einen teils in Kreuzlagen abschattierten, teils
mit bräunlicher Farbe angelegten Hintergrund.
Kompositionen, besonders jene nach antiken Reliefs frei gearbeiteten mvtho^
logischen Darstellungen werden durch eine schiefe Strichlage über die Hinter^
' Heute AVien, Hofbibliothek. Aukt. K.it. Bocrncr CXXI\'. I.cipiJK 1^14. Taf. 14.
- Z. B. bei Costa (zugeschrieben). L'H. 1701. blau; ferner liiippo .\\a::uoli (:ugcschric«
ben). London, blau; Holbeind. J.. Porträt einer jungen Frau, Clan: XI, 10. blau.— Es kam
auch vor. daß diese dekorativplastischc Zugabc erst später durch fremde Hand in grober
Weise, ohne Rücksicht auf Kontur. Zahlen und Signatur erfolgte. Selbst Silber\tih:cich»
nungen auf weilkr CIrundierung wurden diesjr Bemalung unterzogen; ( hantiUy. Kopf
eines alten Mannes, Hintergrund später rot übergangen.
» Berlin. Kohle. L. 53. 366 X 258 cm.
MeJer. Die I IjndrcichnunR. 38
Deutschland.
Bildnissen.
In Kclicfdar»
Stellungen.
594
Körperplastik.
Aufhellen
des Hinters
grundes.
Abschattie;
rung der
Lichtseite.
grundfläche zur erhobenen Wirkung gebracht (J. Bellinis Skizzenbuch, Man*
tegnas Stiche, Francia). Ebenso behandelte man die Entwürfe für Reliefs,
Plaketten und Medaillen, Intarsien, Goldschmiedvorlagen, Niellen. Ferner er?
scheinen auch alte gezeichnete Architektur* und Musterbücher mit ihrer reichen
Fülle von Architekturteilen, Reliefs, Vasen, Waffen, Ornamenten in dieser
Ausführung (Abb. 288, 289).' Eine eigene Plastik und Wirkung erhielten
deutsche Clairobscurzeichnungen, wenn sie auf eine dunkle Folie gesetzt wurden.^
JL/as Loslösen der Schattenseiten vom Hintergrund (Rilevare). In
dem Maße, als die Figuren ihre volle und kräftige Modellierung erhielten,
wurde die plastische Trennung von dem dunkel grundierten oder abschattierten
Hintergrunde zum Teile wieder auf*
gehoben, insofern der Eigenschatten
in die dunkle Folie überging. Diese
Störung, die sich selbst in bunt*
farbigen Tafelbildern geltend machte,
erheischte eine Abhilfe, die ver*
schwimmende Grenze zwischen Kör*'
per und Hintergrundfläche deutlich
sichtbar zu machen.
Wenn wir in der Zeichnung
das traditionellste schulmäßige Ge*
biet erkennen wollen, finden sich
hiefür noch manche Hinweise nach
rückwärts gegeben. In der Früh*
renaissance beobachtet man in flei*
ßigen, auf die Modellierung be*
dachten Studien auf farbiger Grün*
dierung an der Schattenseite meh*
rere weiße Striche, die eine stärkere
Trennung bewirken als der an dieser Stelle erwartete Schlagschatten (Abb. 290).^
Und ebenso setzte man an die Lichtseite eine flüchtige, dunkle Abschattierung.
Am frühesten erscheint dieser gegensätzliche Weg, das die Plastik verbessernde
Zeichnen in Florenz. Francesco Pesellino führt die schattenseitige Aufhellung
an seinen Figuren der ganzen Länge nach durch.*
Häufiger und weit länger andauernd erhält sich der Fall der Abschattie*
rung längs der Lichtseite. Das Prinzip gilt selbst für Feder*, Kreide* und
Röteltechnik und erscheint vorherrschend auf weißen Papieren, um die Lichter
wirksam zu machen (Abb. 141, 142, 173). Leonardo faßte die Regel in dem
Paragraph Del dividere e spiccare le figuve dalli loro campi klipp und klar zu*
sammen: «Ist deine Figur dunkel, stelle sie auf einen hellen Grund; ist sie
hell, dann auf einen dunklen Grund. Ist sie hell und dunkel zugleich, so
* Aus dem Budapester Architekturbuch, Fol. 36, Ausschnitte.
* Hans Leu, Tod und das Mädchen. Albertina, A. P. 247.
^ Albertina. Inv. Nr. 4898, A. P. 51, Silberstift, Ausschnitt. - I:cole des Marches. Louvre 129.
* Frankfurt, Stadel, hl. Mönch, A. P. 1279; Uff., Heiligenstudie, A. P. 262.
^^gS^
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»
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R^^^F^
Abb. 289. Rosette in Schwarz .-weiß
und Weiß «schwarz.
Körperplastik.
595
stellst du die dunkle Seite vor hellen, die helle vor dunklen Grund.»' Eine
buchstäbliche Erfüllung der Vorschrift bietet eine Bonsignori* Zeichnung der
Albertina (Abb. 291)."^ Wir haben hier das Prinzip der Doppelkontrast*
folie in klarster Form. Die Regel wird allüberall prompt befolgt, oft auf
Kosten einer guten räumlichen Lösung. Schon die Bonsignori* Zeichnung weist
eine gewaltsame Teilung des Hintergrundes in Weißschwarz auf. Noch mi
18. Jahrhundert hat der Brauch volle Giltigkeit (Abb. 141).
Keflexlichter. •' Neben diese nur ad hoc angebrachten Trennungslichter
und Trennungsfolien traten bald die motivierenden Glänze und Reflexe
(reflessi). In die tiefste Schatten*
partie eines Körpers, doch scharf
an dessen Abgrenzung legte man
ReHexstreifen, wie von einer un«
sichtbaren hellen W^and herrüh*
rend, die bald die Hauptfunktion
der Loslösung übernahmen. Schon
Fra Angelico setzte in den Rand
der beschatteten Haare aufhellende
Linien, um den Hintergrund ab*
zustoßen und die Schattenmassen
vollauf in Wirkung zu setzen.*
«Und wenn hier kein Reflex Ab*
hilte schafft, so wird das Werk
anmutlos ausfallen und von Wei*
tem wird nichts zum Vorschein
kommen als die Lichtseite» (Leo*
nardo, § 497).
Den einfachsten und häufig*
sten Fall ergab jener längs der
Vv'angen, Arme oder Beine lau*
fcnde Glanzstreifen, der den I laupt*
schatten brach und doch die Run*
düng vervollkommnete. Oder auch in Draperien, so daß sich die einzelnen
Faltenzüge aus der Schattenpartie plastisch heraushoben (Abb. 194, 291). Weil
aber zu Leonardos Zeiten die Rcflexmodellierung vielfach übertrieben aus*
^yf
y
Abb. 290. KaH. de! C;arbi>. 1 l.indstudic.
' ä^! 423 und ähnlich im § 418: ^Da man bckanntcrmal^cn alle Körper von Schatten und
Licht umgeben sieht, so will ich, daß du Maler es so einrichtest, daß die beleuchtete
Seite des Körpers an etwas Dunkles angrenze und so die Schattenseite des
Körpers an etwas Helles. Diese Methode wird das Hervortreten (rilcvare) deiner
Figuren sehr unterstützen.» — Ferner Baldinucci, \'oc. : Campo.
'^ Albertina. Nr. 17612, A. P. 359. Kreide, 41 285 cm. Kine ähnliche Lösung zeigt eine
zweite KopFstudie Bonsignoris, Berlin (Z. a. M. Berlin, Tat. 66). — Ferner ein venezianischer
Meister, Städcl, A. P. 593. — Venezianischer L'nbckannter, auf blickender KopL Fürst
Liechtenstein, Wien, A. P. 935.
^ Leonardo, De rcMessi, i||;| 158-172.
ReHcxlichter
motiviert
und
unmotiviert.
Angelico, W'indsor, Berenson Flor. Draw. 1, Tai. 111.
38*
5%
Körperplastik.
Der Norden.
Schüchterne
Ansätze.
genützt, von anderen dagegen für überflüssig und lächerlich gehalten wurde,
da sie wahrscheinlich mit dem Folienprinzip auskamen, so stellte er den
Grundsatz auf, daß sowohl die Anwendung als auch die Vermeidung ihre
Berechtigung habe, sobald die Ursachen ersichtlich gemacht werden (§ 159).
Wie rasch und gründlich sich Malerregeln vom Süden nach dem Norden,
oft auch umgekehrt, verbreiteten, erweisen die wohlverstandenen Reflexstreifen bei
Jan van Eyck in dem Adam des Genter Altars 1432, bei Konrad Witz in den
Rüstungen der beiden Ritter Sabothai und Benaja (Basel). Zeichnerische Bei*
spiele bietet eine Paulus:^
figur aus dem 15. Jahrhundert
(Abb. 275) oder Dürer in
dem venezianischen Rücken*
akt von 1506, dessen strenge
Durchführung dunkler und
heller Gegensätze nach zwei
Seiten hin in Deutschland
kaum vorher bei Akten so
ostentativ betont worden war
(Abb. 157). Eine Wieder*
holung 1508 in der Lucretia
(Albertina).
Die Reflexe blieben auch
für später bequeme, aber gc*
fährliche Aushilfen, deren sich
ein Künstler jederzeit gerne
bediente, wenn er gehäufte
Schattenmassen gliedern oder
lösen sollte. Daher der leichte
Mißbrauch in vielen Gemäl*
den, das Flittrige und Zer*
fahrene in den Flächen und
der Mangel an einer einheit*
liehen Gesamtplastik.
Abb. 291. Fr. Bonsignori, Porträt mit geteiltem
Hintergrund.
ochlagschatten, von
Leonardo im Gegensatz zum
Körperschatten (Ombra primitiva) Ombra derivativa genannt.^ Diese Raum*
relation ergab sich aus der ganzen oder teilweisen Schattensilhouette eines Kör*
pers als Folge seiner Stofflichkeit, welche die Verbindung mit der Standfläche
oder der aufsteigenden Wand herzustellen und gleichzeitig die Richtung der
Lichtquelle anzugeben hatte. Eine allgemeine Erkenntnis, die sich trotzdem in
der Kunst nur mühsam durchsetzte. Man scheute in steter Beobachtung einer
harmonischen Gesamtwirkung vor den schwarzen Streifen zurück, die sich
dem Gehenden oder Stehenden an die Sohlen heften oder gar schräg an den
' Leonardo, §§ 552, 553", 561-563, 569-570, 574. 576-578 ff.
Körperplastik.
597
Wänden hinlauten sollten. Gotische Darstellungen wie Giottos Fresken be*
lehren, sind fast alle schattenlos und in Zeichnungen schweben die Figuren
wie Abstraktionen in der Luft. Auch Säulenarchitekturen entbehren der Körper*
lichkeit. Noch in der Frührenaissance vermeidet man eine stärkere Betonung
und begnügt sich mit An*
deutungen. Bei stehenden
Figuren müssen schwarze,
kurze, von den Füßen aus*
gehende Pinselstriche genü*
gen (Abb. 60, 76) und in
Federzeichnungen ersetzt man
dieselben durch Winkelzei*
chen oder Parallelstriche.
Eher führten die klein*
fenstrigen nordischen Werk*
statträume, in welchen die ein*
fallenden Lichtbündel grelle
Gegensätze erzeugten, und
die sonstige scharfe Beob*
achtung aller Einzelerschei*
nungen seitens der Künstler
zur rücksichtslosen Anwen*
düng kräftiger Schlagschatten.
Der Meister von Flemalle
machte in seiner St. Barbara
von 1438 (Madrid) kühn da*
von Gebrauch und setzte in
den Schlagschatten sogar noch
den Kernschatten hinein.
Konrad Witz stattete seine
Gestalten, ähnlich jenen \'än
Fycks, auch ohne besonders
starke Beleuchtung mit mäch*
tigen Wandsilhouetten aus.
Seine Kompositionen rech*
ncn bereits in ihrer Anord-
nung mit den oft fast auf*
dringlichen bräimlichen oder
schwärzlichen Schattenmassen und erreichen dadurch eine erstaunliche plastische
Kraft. (Ein Priester des Alten Bundes, Basel.) So diskret Dürer in gemalten
und gezeichneten Porträts verfuhr, wo ein Kopfschatten die Rückwand nur leicht
unterbricht, so erreichte er in dem Stiche llicronymus mi Ciehäusc (B. bO) unter
voller Auswertung des Sonnenlichtes als erster graphisch einen I löhepunkt, der
alle bisherigen Stufen künstlerisch erschauter Plastik in den Hintergrund stellte.
In Italien beherrschte noch nach 1500 vielfach die Harmonie in Hell und
Dunkel die l'lächen. Der Schatten wirkte nur fakultativ. (.1. h. wenn malerische
Abb. 291 .1. l'lisabctha Sirani. SchlagschattcncHcktc.
Nordischer
Brauch.
59S Körperplastik.
liehe
Wirkungen.
Harmo= oder selbst inhaltliche Notwendigkeiten es erheischten. Gerne nützte man ihn
nische und im kleinen aus, um eine plastische Bindung zu erzielen, beim Aufruhen einer
gegensät::^ Hand, beim Aufsetzen eines Fußes oder Anlehnen eines Körpers. Der Schatten
deckte das Objekt und bewirkte Anschluß. Das Licht kam von links oben. Als
Raffael die hl. Cäcilia schuf (1516), hatte sich die Anschauung schon geändert.
Mit Correggio setzte die freie, vielgestaltige Wirkung der Schlagschatten ein,
die namentlich in der venezianischen und bolognesischen Schule eine reiche
dekorative Ausgestaltung erfuhr.^ Sie förderte die Verbindung der einzelnen
Kompositionsglieder, der Figuren, führte gleich den Lichtern raumeinwärts und
schuf eine rhythmische Bewegung, ohne daß für die Beschauer gerade immer
eine überzeugende raumsachliche Begründung erkennbar erscheint. Bei ein*
zelnen Meistern wird diese die ganze Bildfläche erobernde Fleckenwirkung, die
selbst mitten durch die Gesichter Schattenränder führt, zu einer Art Spielerei
und tritt sogar in Zeichnungen auf (Abb. 291a).- Völlig anders im Norden.
Auch im Hundertguldenblatt wiederholt sich die flehende Hand eines Brest*
haften als dunkle Silhouette auf der Lichtgestalt Christi, aber ausschließlich
vom Standpunkte einheidicher Lichtführung.
Das Aufgeben der einfachen frontalen Kompositionsgesetze, die Auflösung
der Zentraldarstellung in Einzelmotive von Bewegung und Erregtheit, das Auf*
treten genreartiger Szenen aus den Schenken und von der Straße und das
Überhandnehmen koloristischer Probleme ermöglichten auch die Beachtung
direkten Sonnenlichtes, die immer häufiger geübte Einführung tief* oder schräg*
gehaltener künsdicher Lichtquellen oder überirdischer Beleuchtungseffekte mit
schweren, mehr oder weniger motivierten Schlagschatten. Durch deren raffinierte
Anwendung erzielte man eine völlig geänderte Wirkung von Erscheinung, Leben
und Bewegung und eine gegensatzreiche Raumgestahung. Man ließ die langen
und mächtigen Schatten nicht nur wie Gespenster über Boden und Wände
dahingleiten, um möglichst viel räumfiche Kontakte herzustellen (Abb. 314),
sondern freute sich auch an den grellen Gegensätzen und sonnigen Effekten
am Körper selbst (G. B.Tiepolo). Am motiviertesten und wirksamsten erschien
zu dieser Zeit die Schlagschattenwirkung in Landschaften mit Architekturen,
Ruinen, Felsen und vollen Baumkronen.
' A. Riegl, Die Entstehung der Barockkunst, S. 47 und 169.
'' Skizze für das Bild der Certosa in Bologna, Taufe Christi (nach H. Voss). Albere
tina, Inv. Nr. 2506, Bisterpinsel, Ausschnitt.
II. Raumplastik.
Allgemeines. Alle Bildplastlk beruht auf Raum* und Licht* Diebeiden
Perspektive. Während crstere in gesetzmäßig bestimmter Anordnung der Perspek=
Einzelteile innerhalb der Bildfläche besteht, adäquat den wirklichen Punkten, tiven.
Richtungslinien und Flächen der Objekte, wie sie dem Auge des Zeichners
von einem Punkte aus erscheinen, gibt letztere, entsprechend der jeweiligen
Entfernung vom Beschauer, Grad und Stärke jeweiliger Licht* und Schatten*
Wirkungen derselben Objekte, um Körper*, Raum* und Ortsverhältnisse im
gegenseitigen Zusammenhange täuschend greifbar zu gestalten. «Das sind
nämlich die beiden Perspektiven (le diie prespettive) als: Abnahme der Größe
und der Deutlichkeit der in weiten Abständen gesehenen Dinge und zweitens
Abnahme der Farbe, und welche Farbe bei Gleichheit der Abstände zuerst
abnimmt und welche sich am längsten erhält» (Leonardo, § 132).
Von den primitiven Anfängen perspektivischer Behelfe wie Übereinander* Raum,
stellen (statt hintereinander), Hintereinanderstellen mit sichtbaren Überschnei* rerspektive.
düngen bis zur sukzessiven Verkleinerung, Einfijhrung von Leitlinien von vorne
nach rückwärts, zunächst bei Figuren an Gewandfalten, flalsringen, dann bei
Gebäuden an Ebenen (Seitenwänden, Mauern, Gesimsen, Fußboden, Decken,
Möbelstücken) — bis zur vollen kubischen Wirkung liegen Jahrtausende.
Während von der einen Seite die künstlerische Beobachtung rein praktisch \'cr.-
in eine bessere Raumerfassung eindrang, versuchte die spekulative Gelehrsam* schiedene
keit auf dem Wege der Optik und Geometrie die Geheimnisse der Gesetz* '■'S^-
mäßigkeit zu ergründen. Die Resultate beider stießen nicht ohneweiters zu*
sammen, sie gingen aneinander vorüber wie Wanderer, die sich nicht kennen.
Und selbst zur Zeit, als der Maler die Regeln der geometrischen Perspektive
kennen gelernt hatte, verfuhr er noch gerne nach künstlerischem Bedarf, indem
er die Gebundenheit stillvergnügt hintansetzte. Bramantino noch führte drei
Wege des Raumzeichnens an: als ersten jenen des Augepunktes (di punto), als
zweiten das freie genaue Nachzeichnen der Natur (imitando il naturale) — von
dieker Art treffe man mehr Maler als von der andern — und schlielMich den
Behelf des Fadennetzes (con la graticola)^ Der Wohllaut der Fiächenvcrhältnisse,
besonders in frontalsymmetrischen Ansichten, erschien den Künstlern oft will*
kommener als die genaue, aber hart formende Konstruktion. Heute noch
vermittelt der Architekturmaler geschickt zwischen Regel. Augenmaß, Instinkt
und Geschmack und korrigiert, selbst wenn er nach Photographien arbeitet, das
optisch zwar richtig erzielte, künstlerisch aber unbrauchbare Bild der Camera.
' I.omazio, Tr.itt.. p. 27'>.
600
Raumplastik.
Abb. 292. Römische Wandbemalung aus Bosco reale.
Raumplastik. 601
Geometrische Perspektive und malerische Aügenperspektive bedeuten in der
Kunst soviel wie Theorie und Praxis.^
Wie weit die griechische Kunst hier vorgearbeitet, lehren uns die von Antike
Euklid (um 300 v. Chr.) ausgesprochenen optischen Grundsätze von den l'erspektive.
steigenden und fallenden Ebenen, von den sich zuneigenden Seitenflächen, in
Wirklichkeit aber die heutigen Bestände pompejanischer Reste der letzten
Jahrhunderte vor Christus. Beispiele wie die perspektivisch-landschaftlichen
Malereien aus einer Villa bei Boscoreale (heute NewA'ork) gewähren neben
linear#optischen Kunstgriffen schon geschickte Beleuchtungsgegensätze zwischen
Sonnen* und Schattenseite, zwischen Vorder* und Hintergrund (Abb. 292).-'
Mächtige Sockel und Säulen als Tiefenwirker vermitteln Durchblicke auf sich
verjüngende Laubengänge, auffallende Größenunterschiede zwischen vorn und
rückwärts zeugen von perspektivischen Erfahrungen, wenn auch nur im Sinne
reiner Werkstattpraxis. Es gab nur eine Erinnerungs* oder Gefühlsperspektive;
parallele, konvergierende, selbst divergierende Fluchtlinien, mißverstandene Kons
struktionen erweisen ein nach Effekten suchendes Tasten im Dunklen.'
Nach solchen, wenn auch noch bescheidenen, für den Wanddekor jedoch .^\athcmati'ich«
völlig ausreichenden Leistungen folgte ein tiefer Absturz in die Jahrhunderte optische
des Verfalles. Kaum künden Katakomben, romanische Wandbemalungen, primi?
tive Pergamentillustrationen, daf.^ jemals eine Raumkunst existiert habe. Kummer*
liehe werkstattmäf^ige Traditionen und lateinische Traktate (Euklid, Ptolomäus,
später Alhazen, Vitellio, Peckham) waren die Fäden, die ins neue Land herüber*
N'orstufen.
* Die in neuester Zeit vielfach in Angriff genommenen Spezialuntersuchungen auf
diesem Gebiete gewähren für einzelne Kunstperioden oder Meisler zwar mancherlei intern
essante Erkenntnisse, aber auch die Hinsicht, welch mannigfaltige und instinktive oder
gar willkürliche Wege der Werdegang der Raumkunst zu wandein vermochte und wie viele
technische Probleme z. B. für die Barockzeit noch der Bearbeitung harren. — Zur Literatur
über das weite Thema: R. Müller, Über die Anfänge und über das Wesen der malerischen
Perspektive. Rektoratsrede, 21. Oktober 1913, Darmstadt. — Hügel. Geschichtl. fintwick^
lung der Perspektive in der klassischen Malerei, Würzburg 1S81. — H. Brockhaus, Aus«
gäbe von P. Gauricus, De sculptura, Leipzig 1886. — V. Nielsen, F. Brunellesco og Grund;
laeggelsen af Theorien, Kjobenhavn 1896.— G. J. Kern, Line perspektivische Krciskonstrukr
tion bei Botticelli (Jahrb. d. preuß. Kunstsamml. XIX, 1898). — J. Volkmann, Die Bild»
architekturen, vornehmlich in der ital. Kunst Dissert. Berlin 1900. — M. Krmcrs. Die
Architekturen Raffaels in seinen Fresken, Tafelbildern und Teppichen. Strai^burg 1909
(Studien zur Kunstgeschichte des Auslandes 64). — G. J. Kern, Die Anfänge d. zentral»
perspektivischen Konstruktion in der ital. Malerei des 14. Jahrh. (.^\ittcil. des kunsthist.
Institutes in Florenz 1913, II, S. 39). — Paul Zucker. Raumdarstcllung und Bildarchitek»
turen im Florentiner Quattrocento, Leipzig 1913. — G.}. Kern, Die Grundzüge d. linear«
perspektivischen Darstellung in der Kunst der Ciebrüder van Fyck und ihrer Schule.
Leipzig 1904. — A. Grisebach, Architekturen auf niederländischen und französischen
Gemälden des 15. Jahrhunderts (Monatshefte f. Kunstwissenschaft 1912). — Dochlcmann.
Die Entwicklung der Perspektive in der niederländischen Kunst. Repertorium f K. XXXI\'.
Heft 5 u. 6. — Viktor Wallcrstein, Die Kaumbehandlung in der oberdeutschen und
niederländischen Tafelmalerei der ersten Hälfte d. 15. Jahrhunderts in «Stud. z. d. Kunst«
gesch. 118». — Karl Rapkc, Die Perspektive und Architektur auf den Dürcrschcn Hand.
Zeichnungen, Holzschnitten, Kupferstichen und (iemäldcn. Stud. z. d. Kunstgcsch.. Nr. 39.
— Erwin Panofsky. Dürers Kunsttheorie. Berlin 1915.
* Aus: Fresques de Boscoreale. Catalogue de Paris 1903, TaLV'III. farbig; rechte Hallte.
' R. Müller, op. cit.
602
Raumplastik.
Florenz
und
r.idua.
führten und den auftretenden Pfadsuchern als Wegweiser dienten. Wenn
Cennini empfiehlt, in Freskoarchitekturen die oberen Gesimse abfallen, die
Sockel steigen zu lassen, so sind dies nur leise Erinnerungen an die Euklid*
Formel (K. 87) oder alte Meisterregeln gleich jener von der gewiß uralten Aus*
nützung des Spiegelbildes, das die Formverkürzung deutlicher zu zeigen vermag
als jede Wirklichkeit, und auf die noch Filarete hinwies (S. 618).
Da erstanden in Florenz durch den Mathematiker und Astrologen Paolo
deir Abbaco um die Mitte des Trecento, sowie gegen Ende desselben im
Norden Italiens durch die an der Universität in Padua gepflegten perspek*
tivisch* optischen Studien neue Kultstätten für diese Wissenschaft. Im Jahre
1399 waren die Quaestiones perspectivae des Biaggio da Parma geschrieben
worden. Aber auch diese Bestrebungen galten nur blassen Theorien. Erst in
die ersten zwei Dezennien des folgenden Jahrhunderts fallen die erfolgreichen
Brunelleschi. praktischen Versuche Filippo Brunelleschis in Florenz. Haben wir auch
keinerlei erörternde Aufzeichnungen von ihm erhalten, so erfahren wir doch
aus dem Berichte seines Biographen Manetti, der jene Forschungen in die
Jugendzeit des Meisters verlegt, daß in der vom Künstler als Lehrmodell ver*
fertigten Tafelzeichnung des Baptisteriums bereits der Augepunkt (ein linsen*
großes Loch in der Tafel für den von der Rückseite durchsehenden Beschauer)
und die richtige Distanz, welche ein der Zeichnung gegenübergestellter Spiegel
markierte, zur Geltung gebracht wurden.^
Die ersten Nach den theoretischen Darstellungen Albertis (1435) und Filaretes
Lehrbücher. (1451—1464) verfaßten Piero della Francesca" das erste Lehrbuch der
malerischen Perspektive für Toscana und Vincenzo Foppa für Oberitalien,
Letzterem folgten Zenale und Bramantino.^ Ein Hauptvermittler war der
Minorit Luca Paciuolo, mehr durch seine Unterrichtstätigkeit in Perugia,
Mailand (1496 — 1499), Florenz, Bologna, Rom und Venedig als durch sein
Werk.^ Leonardo selbst befaßte sich, wiewohl er die Prospettiva das Steuerruder
und Leitseil der Malerei nannte, wenig mit dem Konstruktiven. Dagegen finden
wir über die Lichtperspektive wichtige und neue Beobachtungen in dem Trattato.
Einfluß Die allergrößte Bedeutung für die praktische Ausbildung der neuen Raum*
der Reliefs kunst hatte die Vielseitigkeit der Renaissancekünstler, ihre architektonische,
bildhauerische und malerische Betätigung, der wachgewordene Blick für jedes
plastische Erfassen und die nun von allen Seiten erfolgende Inangriffnahme
neuer und immer schwieriger gestellter Aufgaben. Insbesondere lag es nahe,
daß die im Vorteile befindliche Skulptur, wo man in Reliefs den Modellierton
schichtenweise übereinanderlegen mußte, die reichsten Erfahrungen machte.
Die beiden Elemente: Hintergrundschicht und Figurenschicht erfuhren
hier eine materielle, proportionale Trennung und ebenso eine räumliche Ver*
und
Intarsien.
* Cornel. von Fabriczy, F. Brunelleschi, Stuttgart 1892, S. 46. - Vas. Mil. II, 332 und
329 Fußnoten 4 und f. Antonio di Tuccio Manetti (ehemals il Anonimo), gedruckt von
Moreni 1812. — I.e Vite di F. Brunelleschi scrittc da G. Vasari e da Anonimo Autore,
hsg. V. Carl Frey. Berlin 1887.
''■ Petrus Pictor Burgensis, de Prospectiva pingendi nach dem Kodex zu Parma. Deutsch
von C. Winterberg, Straßburg 1899.
^' l.omnzzo, Trattato, p. 275. * Divina proporzione, Vcnezia 1509.
Raumplastik. 603
Bindung durch Einschub rückwärts führender Mittelglieder. In den Reliefs
Ghibertis (zweite Bronzetüre) und Donatellos mit ihrer stupenden Anwendung
perspektivischer Gesetze, finden sich bereits alle wirksamen Mittel vertreten,
zumal in architektonischen Teilen, die zuerst parallel zur Bildfläche, dann senk=^
recht und schräg zu ihr sich binden und nach rückwärts leiten, aber stets im
engsten Anschluß an die figurale Darstellung.' Gleiche Förderer waren die
Intarsiatoren, die den Titel Maestri di prospettiva führten.- In der Malerei
erscheint als erster Masaccio, der in dem Dreifaltigkeitsfresko in S. Maria
Novella (Florenz) die theoretischen Regeln ins Praktische umgesetzt hatte.
Was sich für Innenräume, Höfe und Plätze auf dem Wege der Konstruktion
gesetzmäßig erzielen ließ, das setzte abermals ein neues perspektivisches Erproben
voraus, sobald man die Handlung über hemmende Mauern hinaus in friedliche
Landschaften führte. Das bewachsene Gelände mit gefurchten Parzellen, Fluß?
laufen, deren Schlängelband bis zu verschwimmenden Bergen leitete, sich ver?
jungende Weiler und Flecken, bildeinwärts führende Baumbestände, Wanderer,
Reiter und Wagen mußten sich den neuen Anschauungen unterordnen.
Und so wie die Raumperspektive entwickelte sich auch die Lichtperspek^ Licht»
tive aus kindlichen Anfängen und blieb noch auf primitiven Stufen, als jene Perspektive,
sich theoretisch und praktisch bereits mit Erfolg emporgearbeitet hatte. Die
Gotik kannte nur zwei dicht hintereinander liegende frontale Raumschichten
mit kümmerlicher einseitiger Beleuchtung. Die Gestalten Giottos drängen sich
auf Plätzen, die von kleinen und schlecht konstruierten Architekturen oder von
Felskegeln abgeschlossen werden und nur durch eine bescheidene Lichte und
Schattengebung eine Raumgliederung erhalten. Die gesetzmäl^ig sich ab;
schwächende Wirkung des Lichtes, das Ersterben der Farben in der Tiefe
kannte man nicht. Cenninis Rezept gleicht mehr einem Aufdämmern und
reicht gerade für die kleinste Werkstatt hin (K. 85).
Selbst grelle, von oben einfallende Lichtbündel, die das Lokalkolorit stark
umstimmen müßten, oder Himmels« und Gewittererscheinungen beeinflufken
die Gesamtbeleuchtung nicht im mindesten. Der Gewittersturm mit Blitz«
schlagen um die Arche Noahs in Uccellos Fresko oder noch das Donnerwetter
Pinturicchios (1506 — 1508) bei der Ankunft des Kardinals Capranica (Siena)
alterierten nicht die Alltäglichkeit des Tones; sie blieben epische Elemente, ohne
sich zu einem lichtkünstlcrischen Faktor im Bilde zu erheben. Aber immerhin
hatte die Malerei vor der Zeichnung vieles voraus. Letztere schien in der
Linie allein lange keinerlei Möglichkeit zu besitzen, räumliche Lichtwirkungen
zu erzielen. Erst die freie Anwendung der Pinseltechnik, die Ausbildung der
Graphik überwanden die Hemmnisse und leiteten zur neuen, Körper und
Raum umfassenden Licht« und Schattenführung hin, die sich in lebendiger
(jegcnsätzlichkeit von vorn nach rückwärts auslebte.
' Spezialuntersuchungen wie jene von S. Fcchheimer 1904. Schottmüllcr 1904, W. I'astor
1892 und von Paul Zucker: RaumdArsteliunK und Architckturwiedcrgabc bei Donatcllo
(Monatshefte i. Kw. 19n. S. 360) geben deutliche Hinblicke in d.is schöpferische Xoll«
bringen dieses Künstlers.
■^ Fabriczy. op. cit., S. 50. - Vas. Mil. II. 46>>: Ciiulio da Majano. - H. Scmper. Dona'
tcllo. Wien 1S7S. S. ISI (in Quellenschriften IX).
604
Raumplastik.
Perspek;
tivische
Übungen
und
Künsteleien.
A. Raumkonstruktion.
Die plötzlich in Florenz erstandene Raumfreude weiß sich nicht besser
auszudrücken als in den von Vasari überlieferten und Paolo Uccello zuge*
schriebenen Worten: Oh che dolce cosa e questa prospettiva! Und wenn
derselbe Künstler sich per*
spektivische Probleme stellte,
wie ein Polyeder von 72 Flä#
chen mit Diamantenspitzen,
so war dies nur der Aus*
fluß jener Begeisterung.^ In
neuester Zeit fand G. J. Kern
derartige dem grüblerischen
Sinn des Meisters entspruns
gene Konstruktionszeichnung
gen in den Uffizien.'^ Eben*
so hervorragend sollen nach
Vasari die perspektivischen
Kunststücke von Piero della
Francesca gewesen sein, wie
z. B. eine Vase, die derge*
stalt in Quadraten und Seiten
aufgezeichnet war, so daß
man von vorn und rückwärts
und von den Seiten den
Grund und die Öffnung sah,
// che e cevto cosa stupenda.^
Für uns bleiben solche Aus*
rufe angesichts der Verluste
nur Worte. Was mag in
Kisten und Kasten vermo*
dert, was verbrannt worden
sein, wenn man sich des
perspektivischen Eifers der
Abb. 293. Pisanello, Pavimentkonstruktion.
Meister wie Uccello, Piero della Francesca, Melozzo da Forli, Man*
tegna erinnert. Aber gerade das Konstruiert*Lineare, das wenig Bildmäßige
solcher Studien war mit Ursache ihrer Vernichtung. Ab und zu entdeckt man
auf Skizzenbuchresten perspektivische Versuche der verschiedensten Art, Würfel,
polygone Brunnen, Köpfe, Körperteile, nicht zu reden von Innenarchitekturen,
' Vas. Mil. II, 217.
= G. J. Kern, Der Mazzocchio des Paolo Uccello (Jahrb. d. pr. Ks. XXXVI, S. 13). -
Das Konstruieren komplizierter geometrischer Körper galt auch noch im 16. Jahrhundert
als eine besondere Spezialität perspektivischer Vollkommenheit. Siehe Hans Lenker, Per«
spectiva 1571: Titelblatt, ferner Fol. XXIII b, XXVIII.
- Vas. Mil. li, 490, 491.
Raumplastik.
605
den bei den Deutschen «Gehäus» genannten kubischen Räumen, oder von
gewölbten Hallen und Kirchen. So findet man in Jacopo Bellinis Skizzen?
büchern vielerlei symmetrische Interieurs, Gassenprospekte, Höfe, Stiegenräumc,
Hallen kompliziertester Art, in denen sich die Konstruktionslinien überall auf;
drängen. Man merkt das Vergnügliche, das für den Künstler im Erfinden und
Konstruieren immer neuer Raumprobleme lag. Dies geht so weit, daß sich
die kleinfigurigen heiligen Begebenheiten in den weitläufigen Architekturen
ganz verlieren und es der Mühe bedarf, sie richtig zu deuten (Abb. 295).
In dieser Art müssen wir uns auch Piero della Francescas Studien vorstellen.
Das in Italien ständig betonte Symmetriegesetz bedingte vom Anbeginn ZcntraU-
eine zentralperspektivische Anlage der Kompositionen, frontal und über? perspcktivis
sichtlich gemalte Architekturen als direkte Fortsetzung der Kapellenwändc, ^^ ^ ^ ^^^'
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Abb. 294. Pavimcntkonstruktion mit Distanznachweis. Nach eigener Zeichnung.
Gewölbe und gequaderten BodenHächen und selbst der Altarumrahmung.
Die Kapellenachse ward zur Bildachse, das Heilige zum Mittelpunkt, zu
welchem alle architektonischen Flächen und Tiefenlinicn hinlciten sollten.
In den Fresken mit nebeneinandergestellten, inhaltlich zwar zusammen? Freiheit
gehörigen, aber sonst verschiedenen Darstellungen fiel diese räumliche hinheit in Fresken.
von selbst weg, nur in benachbarten Feldern machte sich ein gewisses Streben
nach symmetrisch^perspektivischem Aufbau bemerkbar. Hier bildeten Architekt
turen mit Deckenbalken und Konsoln, Tür- und Fcnsteröfinungcn. Säulen*
Stellungen gleichartige, einander zugekehrte Hälften, die nur durch ihre
Symmetrie eine Mitte anzeigten (Symmetrie* Perspektive).' l'nd obgleich
' (;. I. Kern nennt dies .Tel 1 u ngskonst r uk t ion" (Anfange der rentralperspektivischen
Konstruktion in der ital. Malerei des 14. Jahrh., S. 42).
606
Raumplastik.
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Abb. 295. Jac. Bellini. Perspektivische Architektur* Konstruktion.
Raumplastik.
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Abb. 2%. Bcnozzo Guzzoli, IIciIigcn<SzciK-. Asymmetrische Perspektive.
60S
Raumplastik.
Mangelnde
Raumein^
heit.
Das
Paviment.
Konstruk;
tion.
Malistab.
jede Darstellung den Schein eines selbständigen Raumes zu erzielen suchte,
tummelten sich die Gestalten dennoch aus dem einen in den anderen wie auf
einer geteilten Bühne (Abb. 100, 266).
Aber trotz aller Betonung der Symmetrie brauchte es selbst in Tafelbildern
Zeit und Mühe, bis eine zentrale Bild? und Raumeinheit entstand und sich
alles um einen Punkt sammelte. Paviment und Decke, die linke und rechte
Seitenwand strebten anfangs ihrem eigenen Fluchtpunkt zu, nicht zu reden von
den einzelnen Architekturbestandteilen dieser vier Flächen. Man kann für das
Trecento und weit herein in das Quattrocento von vier und mehr Augepunkten
sprechen und es war schon ein Fortschritt, wenn die von Decke und Fuß*
boden in die vertikale Mittellinie oder jene der Seitenflächen in eine Hori*
zontale fielen. Aus künstlerischem Instinkt stellte man daher nicht immer alle
vier Innenflächen in gleicher Entfaltung dar, sondern trat von Fall zu Fall
eine entsprechende Auswahl.
Im Tafelbilde mit — und selbst ohne — Innenraum bildete die quadratische
Basis, der schachbrettartige Fußboden (Qiiadrangolo, Pavimento, Piano)
das Grundelement des perspektivischen Aufbaues.^ Bereits zu den zentral
gestellten Architekturen gotischer Zeit führten, wenn auch nicht konstruiert, die
perspektivisch wirksamen quadratischen Steinfliesen in Hell und Dunkel empor
(Lorenzetti, Simeon im Tempel 1342, Florenz, Akademie). Früh wurde Sorge
getragen, daß in zentralen DarsteUungen ihr Fluchtpunkt in die Bildachse, auf
das Heilige falle. Weil die Quadrierung noch keine Maßeinheit für Gesamt*
aufbau und Figuren enthielt, gab es steten Konflikt zwischen Mensch und Raum
hinsichdich der Größenverhältnisse. Horizont und Distanz existierten noch nicht.
Erst in der im ersten Drittel des Quattrocento klar erkannten Konstruktion,
anfangs nur symmetrisch, später auch asymmetrisch, wirkt das Paviment für
jede Art Gehäuse bestimmend; es gibt die Ansatzpunkte für Säulen, Pfeiler,
Wände, Decke an, aber auch die Größe aller im Räume verteilten Figuren
und Dinge. Alles fand darin seine Maßeinheit und das Auge das Raum*
einheitliche.
Als Maßstab galt die vorderste, also größte Figur, die gleichzeitig die
Höhe des Horizontes und Fluchtpunktes angab. Ein Drittel derselben (bei
Tafelbildern eine Armlänge, braccia) bildete die Maßeinheit für die Teüung
der Grundfläche in Quadrate, die wieder in ihrer Verjüngung die Größe jeder
Einzelfigur bestimmten; die Füße der kleinsten rückwärts befindlichen hatten
an die Knie der nächststehenden zu stoßen.^ Pisanellos Konstruktionsschema,
das mit diesen Vorschriften genau übereinstimmt, wie wenn es dafür gezeich*
net worden wäre, darf wohl als der älteste zeichnerische Beleg gelten (Ab*
bild. 293, ' 294).
' Vas. Mil. II, 210: diminiiire del piano di sotto, dove posano.i piedi delle ßgure.
* Alberti, S. 78 u. 84. - Außer den Fluchtlinien und Transversalen bemerkt man in streng
durchgezeichneten Kompositionen noch häufig die Spuren des Augenpunktes; so in ita*
lienischen Zeichnungen gewöhnlich als ein Stichloch (Abb. 301), in welchem die zum Lu
nieren der Tiefenlinien befestigte Nadel stand. Nordische Zeichnungen zeigen bestimmte
Marken, so bei Dürer ein Auge (Brück, Taf. 126, 136), bei Dirik Vellert ein © (Abb. 269).
•^ Aus: Dessins de Pisanello, Louvrc, T. 16.
Abb. 297. P. V'eronesc. EntwurJ zur Glori.i Ji N'cnciia im Dogenpalast.
S.immlung Agnew.
Raumplastik. 60S)
Während sich mit der gegebenen Höhe des Zentralpunktes das Ziehen der Parallel.
Tiefenlinien (Orthogonalen) von selbst ergab, hatte das richtige Linieren der horizontale
Parallelhorizontalen (Transversale, Abb. 294, 1-1', 2-2') in ihren sich ver*
jungenden Abständen seine Schwierigkeit und die hiezu notwendige Konstruk*
tionsregel fand zunächst durch den simplen Handwerksbrauch Ersatz, jeden
folgenden Zwischenraum um ein Drittel des vorhergehenden zu verkleinern.'
Alberti machte auf das Fehlerhafte dieses Verfahrens aufmerksam und gab zum nach
ersten Male eine zwar richtige, aber unklar ausgedrückte Konstruktion, die Alberti,
vielfach mißverstanden wurde. Er rechnete diese für seine Zeit (1435) völlig
neue Erkenntnis (per la novitä della materia) in das Gebiet der Komposition
und schätzte sie als eine nicht leicht zu verstehende Sache ein (S. 84). cAX'ie
schwierig sie ist, sieht man an den [unvollkommenen] Werken alter Bildhauer
und Maler. Vielleicht weil sie dunkel war, blieb sie ihnen verborgen und
unbekannt. Zumindest wirst du kaum ein altes Bild sehen, das [in dieser
Hinsicht] richtig komponiert wäre.»
Deutlicher und fortschrittlicher beschreibt Filarete die Konstruktion des nach
«Piano» in den Jahren 1451 — 1464 und insbesondere die Herstellung der ^^•«^^ctc•
Parallelhorizontalen mit Hilfe des Distanzpunktes.- «Du mußt über*
legen, in welchem Abstände du dein Werk betrachtet wissen willst, und du
wirst den Standpunkt weder zu nah noch zu weit wählen.» Eine approxima*
tive Angabe findet nicht statt. Darnach nun erfolge die konstruktive U m;
legung der Distanz vom Auge zum Augepunkt (in Abb. 294, A D) nach Distanz^
links oder rechts und die Errichtung einer Senkrechten von dem neu ge? punkt.
wonnenen Distanzpunkt aus auf die verlängerte Grundlinie, abermals drei
Figurendrittel hoch. Der Punkt D werde nun mit allen Maßteilen der Bilds
basis verbunden; «wo das Lineal oder der Faden den senkrechten Bildrand
schneidet, dort setze einen Punkt. Wenn du so diese Punkte gefunden (Abb. 294,
1, 2, 3, 4, 5), trage sie mit dem Zirkel auf die andere Seite und verbinde
sie beiderseits durch Querlinien». Abbildung 294 zeigt zunächst eine rein
konstruktive Nachprüfung der Pisanello^Zeichnung an der Hand dieser Filarete*
Regel,'* so daß kein Zweifel erübrigt, dieselbe habe schon lange vor 1450 in
der Praxis bestanden, dann auch die für uns maßgebende Erkenntnis, daß die
damalige Auffassung von Distanz und deren perspektivische Auswertung von
der später gefundenen kürzeren Methode mittels der Q^uadratdiagonalen eine
völlig verschiedene war. Während die erstere immer einen ferneren Distanz;
punkt fingierte, setzt die letztere den richtigen kürzeren voraus, der in Abb. 294
ungefähr hinter den Kopf des Mannes in der Linie A D zu liegen käme, also
kaum ein Drittel dieser Entfernung betrüge. Die alte Konstruktion hatte den
Vorteil, eine höher aufsteigende BodenHäche zu erzielen, die das aufgestellte
Figurale durch die entstehenden Größenunterschiede leichter voneinander trennen
und deutlicher erkennen ließ."'
' Alberti, S. 80. - R. Müller, op. cit., S. 23. - Filarete. op. cit.. S. 602 f.
2 Das Nachkonstruieren war hier ein interessantes Kückkonstruiercn. ein .Nufsuchcn
des Distanzpunktes auf Grund der gegebenen Schnittpunkte I,. IIj usw., wie sie in
Abb. 293 erscheinen; alles stimmte zwanglos.
* Über Distanzpunkt^Konstruktion vgl. Tanofsky, op. cit. S. 35.
.Medcr, Die Handzeichnung. ■'
610
Raumplastik.
Seit dieser Zeit erscheinen die von der vordersten Horizontalen (Basis)
aufsteigenden Parallelogramme, auch le Bvaccia quadrate del pavimento
nella dipintura (Alberti S. 83), bei den Deutschen Vierung, Ellenfelder
des Estrichs, Pflaster oder Steyn genannt,^ nicht nur in allen perspeks
tivischen Lehrbüchern dargestellt und beschrieben, sondern auch in halbfertigen
Kompositionszeichnungen noch als sichtbarer Grundriß der auf der Vierung aufs
zubauenden Handlung. Geht man derlei Entwürfen strenge nach, stößt man
Abweichung auf allerlei Freiheiten und handwerkliche Vorgänge, die von der geometrischen
gen. Vorschrift stark abweichen. Schon das Bunte der Motive, das Komplizierte
der Architekturanlagen führte zu Variationen. Die Bellini*Entwürfe (Abb. 295)^
stellen die Regel z. B. in der Weise um, daß die vordersten Figuren tief
unter dem Horizont, ja sogar unter der Fußebene stehen, also um die Hälfte
zu klein sind, dagegen die auf der zweiten erhöhten (richtigen) Plattform be*
findlichen regelrecht, d. h. nach Maß des Pavimentes und des Fluchtpunktes
angeordnet erscheinen (die vierte Figur von links).
Namentlich gibt man die Maßeinheit und Horizonthöhe der vordersten
Figur schon deshalb gerne auf, um den aufsteigenden Hintergrund reich und
übersichtlich bevölkern zu können, ohne daß eine zu harte Größendifferenz
im Figuralen erscheint. In Peruginos Schlüsselübergabe sehen wir ein derartiges
instruktives Beispiel. Der Augepunkt liegt hier um halbe Manneslänge höher,
so daß das Paviment weiter aufsteigen und sich episch füllen darf. Ebenso in
Raffaels Sposalizio. Es sind dies kompositionelle Bedürfnisse und Freiheiten,
die sich nicht mit der heute oft interpretierten Annahme zweier Horizonte
allein erklären lassen. Das Traditionell^Szenische der Plattform, das Biblisch«
Heilige war zu bedeutend, als daß es sich der Raumregel auf Kosten der
Klarheit untergeordnet hätte. Anderseits lag in dem epischen Übereinander
noch ein gutes Stück alter Tradition und in dem Dekorativen des Hintergrund
des so viel Anreiz, daß sich naive Kunstgemüter demselben kaum zu entziehen
vermochten, abgesehen davon, daß manche nur über die notwendigsten kons
struktiven Kenntnisse zu verfügen hatten.
Decken^ Kam das Paviment infolge einer figuralen Überfüllung nicht zur Geltung,
Perspektive, so mußte neben den Seitenwänden auch die Decke die Rolle vereinigter
Tiefenleiter übernehmen.'' Die Deutschen nannten letztere in diesem Falle die
,Bünen' (Abb. 303). Gegen die Mitte des 16. Jahrhunderts erschöpfte sich der
Pavimentbrauch, das Barocco ging großzügiger vor. Als ein verspäteter Nach*
zügler erscheint z. B. noch Eustache Le Sueur (-{- 1655), der uns mehrere Boden«
und Raumkonstruktionen mit eingezeichneten Figuren hinterlassen hat.^
Asymmc- l^3s asymmetrische Betonen der Raumauffassung erscheint zunächst in
irische Kon= Fresken, in architektonisch und inhaltlich zusammengehörigen Darstellungen,
struktion. a|-,er auch in Einzelbildern; bei Tafelbildern in Seitenteilen, Flügeln und Seiten«
predellen immer im Hinblick auf ein Mittelstück. Pietro Lorenzetti konstruiert
' Kivius, Newe Pcrspection 1547, Fol. IV (verso).
•^ Aus C. Ricci, Bcllini I, Taf. 30.
' Z. B. in Carpaccios Entwurf «Traum der hl. Ursula», Uff.; Ludwig und Molmenti,
Vitt. Carpaccio, Abb. S. 138.
* Br. 829, 855 und besonders 860: Öffnung eines Grabmales.
Raumplastik.
611
39»
612
Raumplastik.
Deutsche
Estrich;
rezepte.
P. de Hooch.
seine drei Tafeln der Geburt Mariae (Siena, Domopera) aus einem gemeinsamen
Augenpunkt, freilich nur nach handwerklicher Erfahrung.' In einem Entwürfe
Gozzolis wird gleichfalls auf den im Mittelbilde befindlichen Augepunkt Rück::
sieht genommen (Abb. 296,^ ebenso Abb. 123). Derartige Einzelzeichnungen
der Frühzeit mit einem außerhalb liegenden Augepunkt weisen regelmäßig auf
ein Mittelstück hin. In Tafeln ohne Seitenteile erscheint die Asymmetrie erst
schüchtern in der zweiten Hälfte des Quattrocento, um sich im folgenden Jahr*
hundert mehr und mehr einzubürgern und schließlich als herrschende Norm
in der Barockkunst durchzusetzen.
Recht schablonenmäßig gehen — mit Ausnahme Dürers, Glockendons und
Rivius' — die deutschen Unterweisungen vor, die, ohne in das eigentliche Wesen
konstruktiver Perspektive
einzugehen, ihre verschie?
denen Estrichrezepte der
Reihe nach aufführen. Es
fehlte das Bedürfnis nach
reichhaltigen Architekturen;
aber trotzdem erschien ihnen
das Paviment als eine notwens
dige Voraussetzung für das
Figurale. Erhard Schöns
,Underweissung' von 1538
bietet auf Fol. C 2— D gleich
sieben Darstellungen auf
dem , Pflaster' oder «in der
Vierung stehender oder lieü
gender Possen» (Abb. 306).
Das Verjüngen nannte man
abstelen oder verlieren
(Dürer, Rodler). Die im
14. und teilweise auch im
15. Jahrhundert im Süden wie im Norden zu eng geratenen Gehäuse finden
durch Rivius eine scharfe Verurteilung. Schon sehr post festum ereifert er sich
in dem ,EygentUchen Bericht Künstlichs malens' (Fol. VIII): «Es ist auch nit
wenig spötlich, die Possen in die Geheuß oder Gemach zu verschließen und
einzusperren wie in einen Kasten, das in nit möglich wer, sich darin auffzu*
richten, sonder nit wol krum sitzendt oder zusammen gewunden sich darin
behelffen möchten.»
Eine weidliche Ausnützung des Pavimentes beobachtet man bei dem Raum*
künstler Pieter de Hooch, bei P. Janssens und Horemans d. A. Der erstere
konstruiert seinen Fliesenboden sehr genau hinsichtlich des Innenraumes, d. h.
der Seitenwände und des Mobiliars, während er sich für die Decke nach freiem
Ermessen auch einen zweiten Augepunkt gestattet. Der Pavimentaugenpunkt ist
Abb. 299. Leonardo, Anbetung. Uffizien.
' Guthmann, op. cit., S. 77. — Woltmann, Gesch. d. Mal. I, 454,
2 Aus: Vas. Soc. III, Taf. 3. Dresden. Feder; 165 X 104 cm.
Raumplastik.
613
nicht ausschlaggebend für das Größenmaß der Figuren; selbst sitzend oder von
der Ferne kommend, überragen sie denselben oder auch umgekehrt. Für den
Künstler enthalten die Rauten nicht mehr die Aufgabe, Standplätze anzuweisen,
sondern nur mächtige Tiefenwirker zu bilden, die, weit vor den Figuren be*
ginnend, den Blick durch offene Türen in andere Räume und schließlich bis
auf die Gasse führen. Ob nun der Horizont höher gewählt, um durch das steile
Aufsteigen des Fußbodens eine Raumweite zu gewinnen, oder ob ein tiefer
gestellter Augenpunkt (der seltene Fall) das Interieur enger, intimer gestaltet, die
glänzende Licht* und Luftbehandlung gleicht alle Differenzen zwischen Figuralem
und Konstruktivem aus. Das Gesetzgebende ist die klare Kunstabsicht.
NT
to'
'«3'
J^'r->»^
Abb. 300. D. Ghirlandaio. Zacharias und der Engel.
Zur Erweiterung des Raumes durchbrach man zuerst die Rückwand des
Gehäuses, dann die Seitenwände, schließlich auch die Decke, indem zunächst
bei Plafondbemalungen in Nachahmung antiker Bauwerke eine runde Schein*
Öffnung in perspektivischer Auffassung dargestellt wurde (Mclozzo, Mantegna),
die mit der Gesamtarchitektur des Gemäldes eine kunstreiche Verbindung erhielt.'
Konform der Erweiterung des Mittelschiffes in kirchlichen Barockarchitekturen
entwickelte sich die scheinbare Erhöhung der Gewölbe durch Malerei. Neben
wirklichen Kuppeln schuf man in Fortsetzung der Wandarchitektur Scheins
kuppeln mit immer reicherem Detail von Säulen, verkröpften Gesimsen, Krag*
steinen mit Kandelabern, Cialcricn und Bogenstellungen, über die man in W'oU
' Auch Dürer versucht sich in diesem Thema in einer Federzeichnung, wo ein Maurer
durch eine runtlc DcckenöHnung Mörtelkübel emporsieht (A., L. M. S3'5", Textabb).
Kaum;
erweiterung.
614
Raumplastik.
Übergangs;
Beispiele.
kengefilde hinaussah. Besonders ließen die Perspektivkünstler in Profanbauten
ihrer Phantasie die Zügel schießen. Sie scheuten sich nicht, hoch über dem
Beschauer hängende Gärten mit Zypressen, Monumenten und Springbrunnen
aufzurichten. Man nannte diese raffiniert perspektivisch ausgeklügelten Studien
, optische Desseins' und die Anfertiger optische Mahler^ oder Prospekt*
Zeichner. Hiezu genügte nicht mehr die einfache Praktik; gründliche Erlernung
der Architektur und Perspektive wurde zum Haupterfordernis.
Daneben liefen die Frontaldarstellungen in Deckenbildern noch lange un*
gehindert weiter. In Michelangelos Sixtinadecke stehen vollendete Sottoinsu*
Abb. 301. P. Veronese, Das Gastmahl bei Simon. Perspektivische Anlage.
Durchbhcke dicht neben Frontalansichten. Wie ein Kompromiß erscheinen
jene Plafondgemälde, die, nach Art hochpostierter Wandbilder aufgefaßt, nach
oben hin eine starke Verjüngung sowie eine bescheidene Untersicht erfahren,
Veroneses Gloria di Venezia in der Sala del maggior consiglio im Dogen*
palast bietet ein solches Beispiel. Die noch vorhandene Zeichnung, vielleicht
die einzige dieser Art aus jener Zeit, gewährt Einbhck in die perspektivische
Konstruktion derartiger Darstellungen (Abb. 297).^ Nach einer vorausgegan*
genen allgemeinen Kompositionsanlage erfolgte auf einem zweiten Blatt diese
' J. J. Schübler, Perspectiva, Nürnberg 1719, S. 64.
* Aus: Riproductions of drawings by the old masters in the CoUection of the Earl of
Pembroke and Montgomery at Wilton House. By S. A. Strong, London 1900, fol",
Tat. I, 3; 1917 verkauft an Agnew um 11.050 Pfund. Mit Übertragungsnetz.
Raumplastik.
615
streng durchgeführte Architekturzeichnung mit allen Huchtlinicn mit Lineal
und Feder, in welche das Figurale neuerdings flott mit dem Pinsel in echt
barocker Belichtung eingesetzt wurde. Der Augenpunkt liegt fast in dreifacher
Höhe des Bildes und fordert daher ein starkes Zurücktreten des Beschauers.
Wenn man in Gemälden, Stichen und Zeichnungen den perspektivischen Freies Kon«
Problemen nachzugehen versucht, so ergibt sich, wie erwähnt, im allgemeinen
keine konsequent strenge Einhaltung der Regeln. Schon N'asari rechnete dem
renommierten Perspektivzeichner Uccello in der Darstellung des berauschten
Noah einen Fehler nach: der Boden, auf dem die Figuren stehen, verkürze
struieren.
Abb. 302. Perspektivgerüst zu Jörg Breu's Lucretia.
sich nach den Linien der Lattenlaube, das Weinfaß aber entziehe sich den
Fluchtlinien.' Das Nachkontrollieren bringt viele Überraschungen, man muß
vom Glück reden, wenn alles klappt. Aber sowohl vom Standpunkte einer
naiven, als auch wohlüberlegten Kompositionskunst ist dies begreiflich; nur
wird für gewisse Fälle die Entscheidung schwer, ob Unkenntnis, Flüchtigkeit
oder Absicht maßgebend war. Nicht einmal die Lehrbücher wie z. B. jenes
von Rodler sind theoretisch konsequent. Das Zusammenfügen des Figuralen mit
Architektur und Hintergrund bedingte manche Willkür und gerade der Linien*
harmonie und Massenverteilung zuliebe mußte mancher perspektivische Zwang
weichen. Theorie und Praxis gingen nicht immer Hand in Hand.-
' Vas. Mil. n. 210.
-' Panofsky, op. cit., S. 25.
616
Raumplastik.
Ver.
schiedene
Wege.
Beispiele :
Leonardo,
Schon in der Konstruktion der Steinfliesen herrschte der deutlichen Darauf*
sieht halber eine große Freiheit. Die hiezu gehörigen Distanzen wechselten
oft von Feld zu Feld.^ Und selbst bei genauer Durchführung einer einheit*
liehen Anlage entsprach die Wahl des Distanzpunktes mehr der Harmonie des
Gesamtbildes als dem wirklichen Standpunkte des Beschauers. Um den land*
schaftlichen Hintergrund sichtbar zu machen, nahm man mehrere Augenpunkte
übereinander, also mehrere Horizonte an (Abb. 299). Um einen Innenraum
nicht zu enge zu gestalten,
löste man die zentrale Kon*
vergenz der Seitenwände
auf und führte jede einzeln
ihrem eigenen Verschwin*
dungspunkt zu (Abb. 303).
Und in dem Maße, als
sich die Schwierigkeiten in
dem heftigen Ansturm auf
jedwede Art komplizierter
Wand* und Gewölbekon*
struktionen mit dekorativen
Durchblicken steigerten,
mehrten solche Aufgaben
die Umgehung eines pe*
dantischen Aufbaues. Ins*
besondere nötigte das Auf*
geben der symmetrischen
Zentralprojektion zu aller*
lei Freiheiten. Belehrender
und uns mitten in die Si*
tuation versetzend sind die
Perspektivanlagen selbst,
wie sie sich in Entwürfen
ab und zu erhalten haben.
Sie geben von Fall zu Fall
neue Gesichtspunkte je
nach Meister und Zeit.
So bildet Leonardos
Schlußredaktion zu dem
Hintergrunde seiner Florentiner Anbetung (Uffizien), jene bekannte Federzeich*
nung aus den Jahren 1479—1481, ein instruktives Dokument für eine spezielle
Hintergrundkonstruktion (Abb. 298).^ Mögen auch noch mancherlei
Skizzen vorausgegangen sein — so eine mehr die Gesamtdarstellung betonende
im Louvre (Abb. 111) — kaum dürfte aber eine andere besser in die Raum*
gestaltung einführen. Die Hauptachse geht nicht durch die Mitte des Blattes
1 5 3 '» 5 6 7 8
Abb. 303. Rodler, GehäusesSchema mit zwei Augepunkten.
' Kern, Grundzüge d. Persp. bei Van Eyck, op. cit., S. 14.
"" Aus: Müller.Walde Abb. 75. Uffizien, Feder. - Berenson II, Taf. 103.
nardo, p. 211 ft.
Thiis, Leos
Raumplastik.
617
und trägt den Augenpunkt in der Kopf höhe des mittleren Reiters. iMit Sorg*
falt sind alle Fluchtlinien und die zahllosen Horizontalen gezogen, um die
weit nach rückwärts führenden Steinplatten anzuzeigen. Wiewohl schon hier
der von der Anbetungsgruppe ganz unabhängig gewählte Horizont erstaunlich
hoch angenommen erscheint, so wirkt er im Bilde, wo die Zeichnung nur zum
Hintergrunde diente, fast wie aus halber X'ogelschau ; ein Prinzip, das immer
galt, wenn es sich um eine reichbelebte Schilderung des Hintergrundes han*
delte (Abb. 299). Allein in der Vereinigung mit dem Figuralen trat der Zwie?
spalt ein und damit die Verletzung des einheitlichen Raumproblems. Landschaft
und Figurengruppe erhalten zweierlei Achsen, Augenpunkte und Horizonte.
Diese zweifache und getrennte Behandlung des Szenischen und des Hinter*
grundes, das Zusammenbauen verschieden entstandener Teile (Reliefschichten)
hatte Leonardos Komposition nicht gerade gefördert. Die sich um das Kind
-»■
i\f i-.
i
Abb. 304. Perspektivisches Modell, 15. Jahrh. Florentiner Zeichnung.
drängenden Könige und Hirten lösen sich als selbständige Masse vom Hinter*
gründe los. Vielleicht fühlte es der damals dreißigjährige Künstler selbst, als er
das Gemälde unvollendet stehen ließ.
Ein zweites, wesentlich verschiedenes Beispiel, weil streng zentral, bietet eine Cihirbndaio,
Ghirlandaio?Zeichnung, die einige Jahre später entstand und einen mit dem
Eisengriffel vorgerissenen, die Komposition aufbauenden perspektivischen Auf*
riß enthält (in Abb. 300 wenig sichtbar).' Trotz der mit dem Lineal gezogenen
Fluchtlinien, die zur Apsis führen, ist ihr Zusammentreffen in einem Augenpunkt
in der Hauptachse ausgeschlossen. Es herrscht Irciheit und Flüchtigkeit, nur
ungefähre Raumanlage. Die Gassenarchitektur links führt, rein der Empfindung
folgend, abermals zu einem neuen Fluchtpunkt. Um die vielen Zuschauer
unterzubringen, ohne sie gegenseitig zu verdecken, wurden die vordersten auf
weiter abwärts führende Stufen, also bereits unter die Fußebene gestellt und
so jeder Konstruktion überhaupt entzogen.
' Albertin.v A. P.-^lö; Fresko in S. Maria Novclla. Floren:, enlhüllf H90.
618
Raumplastik.
Raftael.
Asymmes
trische Kons
struktion.
Pedantischer als die genialen Florentiner verhält sich Peruginos Schule.* Noch
zwischen 1502 und 1504 zeichnet Raffael für das Predellenstück zur vatika?
nischen .Krönung' eine Verkündigung nach streng zentralperspektivischer An#
Ordnung (Abb. 245). Bildachse und Horizont als Ausgangspunkt der ganzen
Konstruktion sind noch deutlich sichtbar. In deren Kreuzungspunkt liegt der
Fluchtpunkt, genau nach alter Vorschrift in der Augenhöhe des stehend ge*
dachten Engels. Sämtliche Säulenbasen, Kapitelle und der mit Platten belegte
Boden werden optisch strenge in einem Punkte gesammelt. Aber bei all der
starren Einheitlichkeit geht z. B. auch hier die Perspektive der durch den
rechten Bogen gesehenen Wasserburg ihren eigenen Weg.
Als Beispiel einer rein
asymmetrischen Konstruk^;
tion aus der zweiten Hälfte
des Cinquecento diene eine
Veronese* Zeichnung: Mag*
dalena zu Füßen des Hei*
landes (Abb. 301). ^ Der
noch sichtbare Augenpunkt
(auf der Brust des unter der
Mitte des Bogens sitzenden
Mannes) sammelt alle Archi*
tekturlinien unmittelbar vor
dem Haupte Christi. Seine
Lage ist beabsichtigt. Der
Horizont bezeichnet genau
die Halbierungslinie der Bild*
fläche, ist also unterhalb
des Kopfes der vordersten
Figur gelegen, die nicht mehr
den Maßstab für alles Übrige
abgibt. Hier gelten bereits
andere Gesichtspunkte. In
der vielfigurigen, reich bewegten Handlung bedarf es eines Sammelpunktes,
der auf die Hauptgruppe, den Beschuldiger, Christus und die Sünderin hin*
weist. Alle Fluchtlinien, alle Flächen mit ihren Lichtern und Schatten gehen
darauf los. Die Raumeinheit fördert hier das Gedankliche.
Zeigen sich derartige, bald der reinen Empfindung, bald einem kompositio*
nellen Zwange, bald der Zeit folgende Gepflogenheiten schon in der Zeichnung,
wie vielmehr in Gemälden, wo sich während der Arbeit allerlei Verschiebungen
als notwendig herausstellten und die selbst ursprünglich scharf gezeichnete
Anlage durch die Bemalung nach und nach verschwand, so daß abermals der
künstlerische Instinkt an die Stelle zu treten hatte.
Abb. 305.
Nachkonstruktion eines Glasrisses
von D. Vellert.
* Ein einfaches Beispiel bietet die PeruginosZeichnung bei Hesehine (London), An^
betung des Jesukindes, mit überhöhtem Horizont, gegriffelten Paviment;Horizontalen und
vier Fluchtlinien, um die vier Säulen korrekt errichten zu können (Fischel, Zeichnun«
gen der Umbrer, Taf. 10). * Budapest, A. F. 556. Lavierte Feder.
Raumplastik.
619
Auch im Norden gingen die theoretischen Anregungen von Tniversitäts. Die
gelehrten aus. Die Perspectiva communis des Johannes Peckham wurde als Niederlande.
Bestandteil der Optik vorgetragen. Wie weit die künstlerische Anwendung
zur Zeit der Brüder van Eyck fortgeschritten war, lassen uns die eingehenden
Untersuchungen Kerns erkennen. . Nach diesen nahm die Eycksche Linear.
Perspektive eine Mittelstellung zwischen jener M. Broederlams und der Masaccios
ein. Die Konstruktionsweise Brunelleschis war ihnen noch nicht bekannt. Die
Anwendung mehrerer Fluchtpunkte und Horizonte galt als Regel. Das Gesetz
vom einheitlichen Augenpunkt kam unter Jan van Eyck und P. Christus erst all.
mählich um 1436-1453 zur Geltung. Die Lehre vom Distanzpunktc fehlte noch
gänzlich. Der Mafktab der Figuren überschritt jenen des Raumes (Verkündigung
im Genter Altar).'
In Deutschland behalf ^^ ] Deutschland,
man sich bis zu dem Erschein
nen von Dürers Unterweis
sung und selbst darüber hin.
aus mit der sich immer klarer
entwickelnden Werkstattradi,
tion («allein aus einem tag.
liehen Brauch gelehrt»). Auch
er war so vorgegangen und
hatte trotzdem, wie Beispiele
vor 1506 erweisen (Marien,
leben B. 83, 88), allen An.
Sprüchen zu genügen verstan.
den. Selbst seine weitere theo,
retische Ausbildung in Bolo.
gna vermochte nicht seine
Raumkonstruktionen weiter
zu vervollkommnen.- Eine
von Jörg Brcu d. A. her.
rührende Lucretia. Komposition führt uns mit ihren noch sichtbaren Hilfslinien
in den «täglichen Brauch» ein (Abb. 102 und Abb. 302). Querformat 4:6.
Der Horizont H H geht durch die Mitte der Fläche, der asymmetrische Augen*
punkt A über der Hauptszene und genau im ersten Fünftel des Horizontes
von rechts; von ihm aus gehen nach allen vier Eckpunkten die Orthogonalen
als Gehäuselinien. Der Estrich nimmt ein \'iertel der Höhe ein und die
Parallclhorizontalen entwickeln sich nach dem Zweidrittel. Rezept.
In der Annahme mehrerer Augenpunkte herrschte noch lange eine Art Zwei Augen»
künstlerischer Freiheit. In bestimmten Fällen werden sie sogar vorgeschrieben. punkte.
So empfiehlt Rodler bei eventuell zu starker Verjüngung des Paviments und
Abb. 306. Hriiard Schön. Kstriclikonstruktion
mit kubischen Figuren.
' G. J. Kern, op. cit. S. 17-24.
* Karl Kapke, Die Perspektive' und Architektur auf den Dürerschen I landzcichnungen,
Holzschnitten, Kupferstichen und Gemälden (Studien :. d. Kunstgcsch. Nr. 39). — Panofsky,
op. cit., S. 24.
620
Raumplastik.
Vier Augen=
punkte.
Einzel*
Objekte.
der «Büne» (Decke) zwei Augenpunkte in ein und demselben Horizont,
jedoch ein Drittel der Bildbreite voneinander entfernt (Abb. 303).^ Der Ab*
stand AA' wurde in unserem Falle in die entsprechenden Teile des Estrichs
oder der Decke geteilt (hier in 9) und diese Teilpunkte miteinander verbunden,
so daß sich breitere, den Raum erweiternde Felder ergaben. Daß diese Praktik
auf alter Tradition beruhte, steht außer Zweifel.
In einem der Scheibenrisse Dirk Vellerts von 1532 (A), der auch sonst in
seinen ausgeführten Zeichnungen Horizont und Augenpunkt gewissenhaft stehen
läßt, finden sich gleichfalls
für die Seitenorthogonalen
zwei Fluchtpunkte, deren
Strahlen sich aber über*
schneiden, ein Fall, der
im Gegensatz zum vorher*
gehenden den Raum ver*
flacht und die Tiefenwir*
kung aufhebt (Abb. 305).
Barockmeister gestatteten
sich in Flafonddarstellungen
gewöhnlich vier Augen*
punkte, den einzelnen Seiten
des Viereckes entsprechend,
um eine zu jähe Verjüngung
zu vermeiden und die ins
Zentrum fallenden Figuren
nicht unmöglich zu machen.
Selbst rein konstruktiv ent*
standene Theaterprospekte
bewahren sich die größte
Freiheit. Ein sorgfältiges und
umfassendes Zusammentra*
gen solcher perspektivischer
Anlagen in Zeichnungen
müßte noch mancherlei inter*
essante handwerkliche Ge*
Sichtspunkte ergeben, die
sich zur rein geometrischen Konstruktion in grellen Gegensatz stellen.
Nicht minder sorgsam als die Gehäuse mit ihren architektonischen Bestand*
teilen wie Gewölben oder Decken, Säulen, Pfeilern, Treppen und Inneneinrich*
tung, oder Gassendurchblicke mit Fassaden, Türmen, Baikonen wurden Einzel*
objekte nach perspektivischen Gesichtspunkten studiert. Freiliegende Säulen,
die nach rückwärts führen, Gesimsreste, antike Sockel, sechs* oder achteckige
Abb. 307. Mantegna. Die figurale Behandlung
bei tiefem Horizont.
' Aus Rodler, Underweisung ; Holzschnitt, Fol. F II, verso. Fluchtlinien in Weiß erst
hinzugezeichnet. — Einfacher läßt sich der Fall deuten, wenn man für die beiden Seiten?
wände je einen Augepunkt annimmt AA'.
Raumplastik. 621
Brunnen, Monumentunterbauten, Möbel, Vasen bildeten für den Komponisten
nicht nur einen stets willkommenen, raumbildenden Dekor, sondern auch ge*
eignete Übungsobjekte, die Regeln an dem Einfachen auszuproben.' Lenker
und Rodler sprechen von Gebäu und Corpora, von dem Gehäuse und
Inngehörde.'''
Auf Einzelblättern und in Skizzenbüchern werden solche Raumelemente
durchstudiert und gesammelt. J. Bellinis Libri enthalten vielerlei derartige
Einzelbeispiele in linearer Durchführung als Bedarfstücke für Kompositionen.
Frühzeitig hatte man sich für die lernende Jugend perspektivische Modelle I.ehrmodclU-.
mit Wachsfiguren, Lehrtypen angefertigt, an welchen man die Hauptregeln der
Verjüngung leichter zu beobachten vermochte. Ein solches Tons oder Wachs*
modell überliefert uns eine Florentiner Zeichnung aus der zweiten Hälfte des
Quattrocento, eine Art Brunneneinfassung in polygoner Form (Zwölfeck) mit
viereckiger Platte und zwei Stufen, auf welchen ringsum allerlei Figürchen
antike oder konventionelle Bewegungsmotive markieren (Abb. 304).^ Das Thema
erscheint hier schon als ein kompliziertes, als sich verschiedene Höhen der
Bodenflächen mit Figuren in verschiedenen Entfernungen vom Zeichner aus
vereinigen. Die Mittellinie geht durch das Standbein der vordersten Figur,
die zugleich den Augenpunkt, ungefähr in der Gesichtshöhe, enthält. Eine
Nachprüfung der Zeichnung ergab zwar den Beweis eines konstruierenden
Aufbaues, aber flüchtig und frei, so daß es nicht unwahrscheinlich, dal^ hier
nur die Schulwiederholung eines besseren Originales vorliegt. Die Deutschen
stellten sich allerlei Objekte zu einem perspektivischen Problem zusammen, um
den Fall recht kritisch zu gestalten, daran zunächst die eigenen Kenntnisse zu
erproben, damit aber auch anderen zu dienen. So zwei Zeichnungen von Peter
Flötner in Dessau (Friedländer, Taf. 14, 15).
Gerne benützten italienische und nordische Künstler kleinere kubische Körper Ansätze für
wie Stufen, Truhen, Tischecken, quadratische Steine, Säulenbasen, um sie im 1 'cfcnlcitcr.
Vordergrunde, den Orthogonalen streng untergeordnet, rechts oder links als
Ansatzgelegenheiten für Tiefenlinien aufzustellen. In Dürers Marienleben sind
zahllose Beispiele zu finden. Ob dieselben wie in Abb. 505 und 125 vcr«
schwindend klein oder wie später bei Vermeer mit Absicht überaus groß
gewählt wurden, um dem Hintergrunde gegenüber gegensätzlich zu wirken,
bedeutete dasselbe.^ Auf die endlosen Variationen von Tiefen erzeugenden
Mitteln und Behelfen in der Landschaft ist bereits hingewiesen worden.
Die Freude an perspektivischen Kenntnissen übertrug sich in gleicher Weise Perspektive
auf den menschlichen Körper. Auch er sollte, ob in Darauf- oder l'ntersicht, '^^'^ mensch
den Fluchtlinien des Gesamtraumes entsprechen. Entstanden auch Cbcrschnci- *"
I 1 ij L Körpers,
düngen und Verkürzungen unangenehmster Art, das konstruierende Bestreben
hielt lange Zeit hartnäckig an. Paolo l'ccellos \'ersuche galten als kühnes
Sondertum. Die konstruierten Mif^gestaltcn gingen wider den gwten Geschmack
und die in Schlachtdarstellungen bildeinwärts hingestreckten Krieger oder toten
Pferde konnten keinen Beifall finden. Selbst die Skurzi Mantegnas haben
• Petrus Pictor Bur>,'- op. cit. p. CVII-CXIII. '' Kodier, l 'nderwcisunp. H 6.
' Stockholm, N.itionnlKJlcrie, A. P. 1089. Pinsel auf grüner Cirundierunj;.
* Dirk Vcllert, Anbetung der Könige, Albertina. A. P. 312.
622
Raumplastik.
Liegende
Skurzi.
Deutsche
Konstruks
tionen.
Untersichtsä
figuren.
etwas Gezwungenes, Klotziges an sich (Beweinung in der Brera). Der zuerst
auf die Fußsohlen gelenkte Blick gleitet mühsam über die unförmliche Masse.
Das Mißlingen lag einerseits in dem zu großen Vertrauen in die gewonnenen
perspektivischen Erfahrungen, die hiezu gar nicht ausreichten, und anderseits
in dem unvollkommenen Naturstudium. Hierher gehören auch die von rück*
wärts gesehenen Pferdeskurzi, Reiterfiguren, deren Aufstellung, weil von guter
Tiefenwirkung, sich kaum ein Künstler entgehen ließ. Von Pisanello angefangen
bis weit herauf in das Cinquecento wiederholen sich diese gesuchten Verkürz
Zungen, die in keiner Kreuzigungsdarstellung fehlten.
Finden sich auch für derlei gekünstelte
Posen, die man mit Hilfe des Velo und der
Entwicklung des Aktzeichnens bald besser
und leichter darzustellen erlernte, keine italie::
nischen zeichnerischen Belege, so darf man sie
auf Grund deutscher Beispiele erschließen.
Erhard Schön liefert in seiner Unterweisung
von 1538 in Figur 11 einen perspektivischen
Skurz auf dem Paviment, und zwar in kubi*
scher Darstellung (Abb. 306).^ Die Estrich*
felder erleichterten die Verjüngung. Noch 1564
werden in Lehrbüchern wie z. B. bei H. Lau*
tensack derartige , Bossen in der Vierung'
als Abschluß des Lehrgebäudes, als doktrinäre
Vorschrift für Proportion und Perspektive de*
monstriert. Wahre Monstra bilden die in Ge*
mälden, Zeichnungen und Stichen zur Ver*
Wendung gelangten Liegekörper, wie sie uns
bei H. Baidung, Hans Leu,'^ L. Kranach u. a.
begegnen.
Besseren Erfolg gewährten die Untersichts*
figuren. Schon die inhaltliche Forderung ge*
wisser Darstellungen bedingte eine Sottoinsu*
Auffassung. Verdoppelt wurden die Anstren*
gungen nach der Erkenntnis, daß Figuren,
von unten gesehen, also aus einem tiefer gelegenen Augenpunkt konstruiert,
die Raumerweiterung nach obenhin vortäuschen und insbesondere die aufschwe*
benden Gestalten das Hemmende zu durchbrechen scheinen. Half man sich anfangs
auch mit fliegenden Profilgestalten, so wagten Künstler wie Melozzo, Mantegna
schon perspektivische Formen. Häufig begegnen die hochpostierten Freskodar*
Stellungen (Uccellos und Castagnos Reitermonumente im Florentiner Dome) mit
untersichtigen Sockeln und Gesimsen. In Mantegnas Gefangennahme des hl. Jako*
bus (Abb. 307) verschwinden nicht bloß die Füße hinter der Basis, sondern es
' «Die eylft vigur zeygt an von sechs possen auff eim pflaster, hindersich, vorder
werdlich und ligend nach der vierung; und wie sich das pflaster abstilt, so stelenn sich
die possen auch ab.» Fol. Cii verso.
' H. Leu, B.'weinung Christi, Lanna, A. P. 1221.
Abb. 308.
Dürer. Kopf mit Flächenzerlegung.
Raumplastik.
623
werden auch Köpfe, Rumpf und Beine der rechts und hnks in der Richtung
der Orthogonalen als markante Tiefenwirker aufgestellten Figuren dem Flucht^
punkte streng unterworfen. Stirne, Augen, Mund erscheinen dadurch herb
gestaltet. Selbst die diagonal gestellten Krieger haben ihre Fluchtlinien. Daß
diese Übertragung architektonischen Gepräges auf den weichen LinienHuß
menschlicher Körper ihre Grenzen hatte, empfand Mantegna nur zu gut. da
er es selten so deutlich zum Ausdrucke brachte. Aber die Wirkung auf das
längs der Leitlinien auf* und abgleitende Auge war eine unverkennbar räum*
bildende. Weniger konstruierend bemühten sich vereinzelte deutsche Maler,
Abb. 309. Ilolbcin d. J. Perspektivische \'crsuchc im Fifiuralen.
das Möglichste zu leisten. In einer l'haeton-Komposition von Georg Fencz
(Fürst Liechtenstein, Wien, A. P. 1247) tritt eine ganze Musterkollektion kühnster
Untersichtsfiguren auf.
Das kubische oder, besser gesagt, das polyedrische Schauen und Zerlegen
des menschlichen Körpers, zumal des Kopfes, war zwar in erster Linie eine
bildhauerische Tat, wurde aber bald theoretisch und praktisch in der Malerei
gelehrt, «da den mit ihrer Kunst noch nicht vertrauten Malern die Begrenzungs*
linien der Flächen unbekannt, zweifelhaft und unsicher sind, so da(^ sie z. B. in
den Cjesichtern der Menschen nicht die Cirenze zwischen Stirne und Schläfen
zu unterscheiden wissen» (Alberti, S. 102). l'nd weiter: «.Wir sehen es an
Körpern mit ebenen Mächen, in gleicher Weise aber auch an sphärischen
und konkaven Flächen, die gleichsam in viele fast quadratische Mächen
geteilt sind, entsprechend den verschiedenen beleuchteten und beschatteten
Stellen. Man mag also jeden beleuchteten Teil, wie er sich von dem beschatteten
Polyedrische
AuHassung.
624 Raumplastik.
Beispiele, absondert, als eine Fläche für sich betrachten» (S. 104). — Die Unterordnung
dieser Flächen unter perspektivische Auffassung und Konstruktion war nur
eine weitere Folge. Uccellos rein perspektivisch gelöste Zerlegungen ringför?
miger Körper in polygonale Teilchen gingen mit solchen Lehren Hand in Hand.^
Mehr noch die in Skizzenbüchern auftauchenden polyedrischen Kopf* und Kör?
performen, die durch ihren vereinfachten kubischen Zuschnitt dem Lernenden
die Anwendung perspektivischer Formeln, richtige Führung von Drehungen
und Beugungen erleichtern, anderseits
' 'S «- '"^^^ Lichter, Halb* und Vollschatten deutlich
) V^j» erkennen lassen sollten (Abb. 267). Von
italienischen Werkstätten wanderte die
Praxis in nordische, wenn auch vielfach
getrübt oder vergröbert (Abb. 306 und
308).^ In gleichem Sinn sind ähnliche,
doch äußerst seltene Zeichnungen wie
z. B. jenes Blatt von Holbein d. J. auf*
zufassen, wo eine in kubische Formen
zerlegte Hand oder ein Oberkörper unter
das Gesetz der Fluchtlinien gestellt wer*
den (Abb. 309).^ Die Anzahl derartiger
Übungsblätter muß eine ungeheuer große
gewesen sein. Sinnlos und gekünstelt
erschienen Versuche, wie z. B. Rodlers,
skurzierte Köpfe flächenmäßig aus dem
Paviment heraus zu konstruieren (Ant*
litzer aus dem ablengeten pflaster, G III
verso). Die theoretische Eitelkeit schoß
häufig über das Ziel. Noch im vergan*
genen Jahrhundert demonstrierten, wie
man mir erzählte, doktrinäre Akademie*
Professoren nach ähnlichen Prinzipien.
Abb. 310. Lor. Costa. Das Abschattieren T^- ü i t^i • j r^-
Raumwert i t- r JL'ie Regel vom Kleiner* und Dunner*
, ,. . als lietengewinnung. in
der unie werden aller Körper bei zunehmender
Entfernung ging in letzter Folge auf die gezeichnete Linie über. Es war
dies für die Zeichnung eine elementare aber späte Erkenntnis, eine Hauptstufe
ihrer Entwicklung, insbesondere eine Vorbedingung richtigen Landschafts*
Zeichnens. Erst als man den Raumwert der Linien in ihrer richtigen perspek*
tivischen Abstufung von vorne nach rückwärts einzuschätzen verstand und ihre
• G. J. Kern, Der Mazzocchio des Paolo Uccello (Jahrb. d. pr. Ks. XXXVI, 13).
* Aus Brück, Dürers Skizzenbuch, Taf. 125. Ausschnitt. Verlag J. Heitz, Straßburg. -
Eine gutgemeinte Verkürzung, aus Würfeln herauskonstruiert, von Altdorfer; Staedel,
Inv. Nr. 6922.
' Aus Ganz, XII, 5. Basel, Feder. Verlag J. Bard, Berlin. — Ein ähnliches Beispiel bei
Van Dyck, Skizze zu einem stehenden Heiligen, Leipzig, Privatbesitz. Siehe Archiv
f. KunstResch.. Taf. 139.
Raumplastik.
625
in der
CJraphik,
Verjüngung auch unter dem Gesichtspunkte der Lichtperspektive betrachtete,
d. h. nicht bloß die Dicke oder Dünne, sondern auch den Helligkeitswert, war
die volle Ausnützung der Linienplastik beim Naturzeichnen denkbar. Leonardos
Landschaft von 1473 (Abb. 228) nimmt noch wenig Rücksicht darauf, so daß
2. B. das Schloß links autzusteigen statt im Mittelgrund zu liegen scheint.
Die reichgegliederte Gebirgsszenerie in Dürers Madonna mit den vielen Tieren
drängt infolge der fast gleichen Linienstärke nach vorne statt nach rückwärts.
Ebenso Wolf Hubers Landschaft «Traunkirchen» (Abb. 222). Wie flach auch
gut studierte, aber in Verkennung der perspektivischen Linienwerte gleichmäßig
gezeichnete Köpfe wirken können, zeigt Dürers jugendlicher Christuskopf
(Abb. 332) aus dem Jahre 1506, gegenüber dem in voller künstlerischer Reife
ausgeführten bärtigen Alten der niederländischen Reise von 1521 (Abb. 94').
Am ersichtlichsten begegs
net uns diese Erscheinung
in Holzschnitten des 15. Jahr;
hunderts, wofür allerdings
nicht bloß die technische
Herstellung, sondern auch
der ornamentale Charakter
der Buchillustration mitbe^
stimmend war. Dagegen weist
der deutsche Kupferstich
schon früh deutlich erkenn*
bare Luftperspektive durch
breitere oder dünnere Be*
handlung der Einzellinie oder
durch Licht* und Schatten*
gegensätze auf (Schongauer,
Große Kreuzigung, B. 21).'
Man experimentierte in der Zeichnung zur Erreichung dieses Zieles aui die
mannigfachste Weise. Eiguren zweiter oder dritter Raumschicht, aber gleich* Zeichnung,
stark gezeichnet, wurden durch eine leichte Parallclschattierung ihres HcUigkeits*
grades beraubt und dadurch zurückzudrängen gesucht (Abb. 310- und 279).
Oder Dürer zeichnet (1511) in einem Kalvarienberg*Entwurte X'order* und
Mittelgrund in Tusche, den Hintergrund aber mit dünnem Bister, um eine räum*
liehe Trennung zu erzielen (L. M. 523). Noch Van der Meulen gibt den ersten
Plan mit einem Reitcrgetümmel in Kreide, die Landschaft in Rötel. Derlei
Beispiele sind zahlreich und gehen weit herauf, ohne indes den einfacheren
Vorgang der linearen Stärke abstufung zu ersetzen. Wenn dieselbe in
späteren Jahrhunderten nicht immer hinreichend gewürdigt wurde, dann lag der
Grund in dem mangelhaften Erschauen und in der l'ntahigkcit, den Griffel
geschickt zu handhaben.
Abb. 311. Kaum; und Lichtwcrtc der Linie.
in
icr
' Vasari hebt an Lucas van Lcyden lobend hervor, daß er in seinen Stichen die ent«
fernten Linien verfeinert (Vas. MiL V, 410. — Mander>Floerke I, 111).
» Uff. 178/286. Feder. Ausschnitt.
McJcr, Die llanJicichnutif;. 40
626
Raumplastik.
Abstrab Nur die genaue Einsicht in die Verjüngung der bildeinwärts fliehenden Band*
tionen. streifen konnte zu solchen Abstraktionen führen. Die hochhorizontige Land*
Schaft mit ihrer Fernsicht über Wege, Pfade, Bach* und Flußläufe, mit nach rück?
wärts sich ziehenden Stadtmauern, Serpentinen, die zu Kastelltoren empor*
klommen, mochte viel Förderung und Anregung geboten haben. Ebenso mußte die
ständige Verwendung des Paviments im 14. und 15. Jahrhundert mit seinen
sich verjüngenden Marmorstreifen in dem Künstler das klare Bild massiger,
wenn auch konstruierter Tiefenlinien wachrufen, die eines Tages in Zeichnungen
zu einer abstrahierten Umgestaltung führen konnten (Abb. 311 links). Weit
wirksamer aber als die geradaus geführte war die Zickzacklinie, die, Bewegung
(diagonal) und Ruhe (horizontal) vereinend, der Ferne zueilte (Abb. 311 rechts).
M^aaaaamfc
Abb. 312. Rembrandt. Lineare Stärkeabstufung.
Rembrandt. Ein Meister in der intellektuellen und manuellen Beherrschung dieser der
Linie innewohnenden Fern* und Nahwirkungen war Rembrandt. Seine
Kreidelandschaften, kostbare Skizzenbuchreste, gewähren alle Nuancen räum*
lieber Tiefen, je nachdem die Kreide sachte mit der andeutenden Spitze oder,
flach und schräg auf das Papier gelegt, in voUer Breite arbeitete. Der in
Abb. 312 rechts direkt nach rückwärts führende Dammweg enthält in seiner
sich verjüngenden Begrenzungslinie alle Abstufungen, beinahe von zehn zu
zehn Schritten.^ Auch in diesem Falle war die Malerei vorausgegangen und
allmählich erst zog die Zeichnung ihre Vorteile daraus.
B. Lichtplastik im Räume.
Allgemeines. Die so viele Kunstaufgaben tätig fördernde Zeichnung verhielt sich der
Lichtperspektive gegenüber bis gegen das erste Viertel des 16. Jahrhunderts
' Albertina, Inv. Nr. 17560. Kreide, lOS X 18 cm.
Raumplastik. 627
sehr indifterent und zurückhaltend. Innenräume mit figuralcn Kompositionen
wurden bis dahin gleich Einzelstudien schichtweise mit schematisch einfacher
Schattierung abgefertigt und erst im Gemälde, mitunter im Karton, mit har*
monisch durchgearbeiteten, symmetrisch betonten Beleuchtungsabstufungen aus«
gestattet. Das Ringen um die Linearperspektive allein hatte die Gemüter
vollauf erfüllt und die konstruierte Raumwirkung den seines Erfolges bewußten
Kunstverstand befriedigt; anderseits ermöglichte das lineare Gestalten noch kein
besonderes Relief. Eher trat in der Landschaft das Bestreben ein, ohne
perspektivische Anlage die Schichten lichtmäßig abzusetzen, schon weil die
stofflichen Unterschiede und die großen Entfernungen dazu herausforderten.
Jede plastisch wahrnehmbare Raumklarheit erheischt eine gewisse Licht«
stärke. Dämmerung schwächt ab und verflacht. Dagegen erzeugt eine partielle
Beleuchtung trotz der übrigen in Dunkelheit gehüllten Stellen eine lebendige
und gleichzeitig malerische Tiefenwirkung. Und je motivierter und geschickter
die bildeinwärts führenden Objektlichter gewählt und verteilt erscheinen, desto
vollkommener wird ihre raumbildende Wirkung sein. Die Schatten, wiewohl
zeichnerisch positiv, bleiben unter allen Umständen untergeordnet und über«
nehmen nur die Funktion der Gegensätze und Tiefe; aber eben die Gegensätze
schufen das Hintereinander. Allzugroße gleichmäßige Helligkeit wirkt flach,
allzugroße Dunkelheit, wie z. B. in schwarz gewordenen Bildern, stumpf und
sinnlos.
Von den Lichtquellen in Bildern.
LJic verschiedenen Lichtquellen, in historischer Abfolge im Räume auf«
tretend, wurden in vorsichtiger Weise angefaßt, schüchtern nachgeahmt und
ihrer Qualität nach theoretisch voneinander geschieden.' Leonardo erkannte Leonardo,
drei Schattensorten, weil es nach ihm dreierlei Lichtquellen gab: das freie
Einzellicht {lume particolare der Sonne, des Mondes oder einer Flamme), das
Licht im Innenräume, wie es durch Tür und Fenster eindringt, und das allseitige
Tageslicht ohne Sonne (lume universale, § 569). Im § 663 nennt er noch das
reflektierte Licht (lume reßessoj und das durch transparente Körper scheinende.
Aber so eingehend er sich mit Licht* und Schattenfragen befaßte, so laufen die
meisten Paragraphe mehr auf physikalisch«optische Beobachtungen und Berech»
nungen hinaus und nur ab und zu entfallen einige Brosamen für den Maler
(§ 694). Die Theoretiker des Cinquecento schufen sich wcitcrs ihre oft recht
komplizierten Einteilungen, die hier ob ihrer gegenseitigen Abweichungen nicht
in Betracht gezogen werden können. Lomazzo stellte sogar zweierlei Systeme auf.*
Von allem Anfange hatte und behielt das nüchterne zerstreute Tages; I. Das
licht, das Lume naturale, die Vorherrschaft, wie es durch Tür und Fenster in ^crstrcuic
alle Räume eindringt und alle Körper und Flächen mit Helligkeit und DunkeN '"^Scslu t.
heit überspinnt. Bis zu Leonardo herauf, der es in steter scharfer Sacherfassung
lume universale oder immobile nannte, genügte es durch seine bescheidenen
' Armcnino 11, c. I. De' varj lumi, p. S9. - I.omaizo, Tratt. 1\', c. I-X.\l; Idca. c. 14.
22, 29. - Borghini 11, p. 144. - Birch^IIirschfcld, op. cit., S. 4S. - Scidlil:. I.con.irdo I.
S. 345-359.
' Loma::o. Tratt, p. 217: Divisionc dcl lume und in idca. p. 89 f.
40*
628 Raumplastik.
Gegensätze für alle profanen und religiösen Darstellungen. Das Bühnenmäßige,
Reliefartige der Wandmalereien und Tafeln erheischte eine geklärte Licht* und
Schattenseite, mehr nicht. Wurden Abstufungen von vorn nach rückwärts
angestrebt, so geschah es an der Hand des Lineargerüstes perspektivischer
Konstruktion. Sonst waren Helligkeit, Übersichtlichkeit der Körper und des
Raumes, Gleichgewicht in den Tonwerten Bedingung. Noch 1590 betonte
Lomazzo die drei Forderungen, Composizione, Proporzione armoniosa und die
Prospettiva, denen sich die Lichtverteilung anzupassen habe (Idea, p. 89).
Letztere sei stets soave und doke, aber nicht ßero (grell) oder gar crudo
(grob; ibid., p. 130). Cenninis simple Ahnung von der Luft Perspektive
(Kap. 85) war längst erfüllt geworden. Leonardo hatte scharf und bestimmt das
Gesetz derselben betont: «Die vordersten Partien seien mit deuthchen und
bestimmten Umrissen von ihrem Hintergrund abgegrenzt, die entfernteren
wohl zwar gut ausgeführt, jedoch mit verblasenen Umrissen (di termini piü
fumosi), d. h. mit unbestimmteren oder weniger kenntlichen; und bei den noch
weiter entfernten beobachtest du auch fernerhin das Gesagte, d. h. du machst
die Umrisse noch undeutlicher» (§ 128).
Abweichun^^ Als die alten Gesetze und Gepflogenheiten der harmonischen Raumklärung
gen. da und dort durchbrochen wurden und der Drang nach Neuem sich innerhalb
des Kolorismus geltend machte, geriet man bald ins Gegenteil und beleuchtete
Figur und Raum nach eigenem Geschmack. Die Freude an Gegensätzen er?
wachte und, um die hellen Stellen gegenüber den Dunkelheiten zu steigern,
griff man zu bräunlichen Grundierungen (Tintoretto). Gleichzeitig übertrug
man die Dämmerstimmung iichtarmer Kammern in die Gemälde. Eine der
wenigen Nachrichten, die uns Bellori über Caravaggio überUefert, führt etwas
ni den technischen Brauch ein: «Dieser Künstler ging in der Art und Weise
seines Schaffens so weit, daß er niemals (d. h. in seiner zweiten Periode) eine
seiner Figuren im Freilicht darstellte, sondern er fand sich eine Manier, die*
selben in der dämmrig braunen Luft einer rings geschlossenen Kammer zu
untermalen, wobei er ein Licht anwandte, das lotrecht auf den Hauptteil
des Körpers fiel und den übrigen im Schatten ließ, um durch den Gegen*
satz von Licht und Dunkel Kraft zu erzielen» (p. 121). Caravaggio fand
viele Nachahmer, die bald mit grellen Effekten, bald mit Helldunkel oder
nächtlichen Szenen zu wirken suchten, fast ohne Rücksicht auf den Raum.
2. Das Im Gegensatze zu derartigen Problemen stand die Vollicht* und Sonnen*
Sonnenlicht, lichtplastik, wie sie seit der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts in der
Carracci*Schule sich zeichnerisch an Volksfiguren und Volksszenen betätigte und
nach der Wende des Säkulums immer mehr in Landschaften konstatieren läßt,
besonders bei den in Italien schaffenden Nordländern (Claude, Poussin, Callot
oder Breenbergh, Jan Both, Berghem, Dujardin u. a.). Die vornehme Tradition
der Historienmalerei lehnte sie im allgemeinen ab und überließ sie dem mehrere
Stufen tiefer stehenden Genre oder der Landschaft. Und hier durfte man er*
proben und sich austoben, man lernte die blendenden Lichtflecke mit von Reflexen
aufgehellten Schatten verbinden und beide durch Töne abstimmen. Nichts*
destoweniger gab es Künstler wie G. B. Tiepolo und seine Schule, welche die
hellstrahlende Sonne in ihrer bestechenden Plastik mit Vorliebe anwandten und
Raumplastik. 629
selbst in Wandbildern prunkvoller Gemächer, die eine derartige Beleuchtung
durchaus nicht bedingten. Durch die Anlage mächtiger Architekturen mit großen,
grell besonnten Flächen hinter vorne aufgestellten dunklen Seitenkulissen, wie
auch durch breite Schlagschatten des Figuralen vermittelten sie die Illusion.
Als unvermeidlich erchien das Freilicht in der Landschaft, wo es zu einem In der
allbereiten Behelf wurde, das stoffliche Vielerlei zu Gunsten des Hintereinander landschaft.
zu trennen. Das im Mittelgrunde springende und wechselnde Lichtspiel erhielt
noch durch das Markieren schräger, scharf abgedunkelter Hügelchen im vordersten
Terrain, die in Größe und Ton beliebig gesteigert werden konnten, seine lebendige
Fernwirkung (Abb. 219). In umgekehrter Weise setzte man, wie bei Flachland
oder Wasserlandschaften, den Vordergrund ins Helle und beschattete den Mittel*
grund, um hinter ihm den Lichtstufengang noch mehrmals zu wiederholen, bis
die letzte zarte Schicht den Horizont streifte, zu dem sich vom Himmel her in
ähnlichen Tonungen Wolkenzüge senkten (Abb. 234). In der Zeichnung ward
das Weiß des Papieres zu einem Hauptfaktor bei der Aufstellung solcher Kon*
traste. Das Zusammenstoßen der Formgrenzen erfolgte möglichst zerrissen und
unbestimmt.
Ebenso wertete man die malerischen Erscheinungen von Sonnen* und Mond- FflFekte.
beleuchtung,' Wolken* und Gewitterstimmung, das Liime Celeste aus, eine
reiche Quelle für jede Art künstlerischer Steigerung und Stimmung, wenngleich
auch hier das Inhaltliche zunächst den Wegweiser abgab.
Die Führung des alltäglichen Lichtes (lume commune del giorno) erfolgte Die verschic;
zur Renaissancezeit und noch darüber hinaus schräg von oben herab, aus der "^nen Licht«
linken oder rechten Ecke, möglichst parallel zur Rückwand, also Hach und " ^ ^''
reliefmäßig, aber nie lotrecht. Man erkennt dies an den kleinen, kurzen
Schlagschatten, die zunächst mit der Bildbasis laufen und erst allmählich die
Richtung bildeinwärts einzuschlagen wagen. Bald wird Rücksicht auf den Ein*
fall der Lichtquelle, auf die Fensteröffnungen genommen, damit Wand* und
Tafelbilder sich derselben so unterordnen, wie wenn es wirkliche Reliefs wären. -
Namentlich hatten Deckenbilder eine besondere, oft selbst den gewöhnlichen
Normen widersprechende Führung zu erfahren, zumal wenn das Licht von unten
kam (Annibale Carracci, Farnesina).' Auch hier ging man ganz im Sinne
von Skulpturen vor. Freier waren die Anschauungen über Fassadenmalereien,
bei denen nur die perpendikulare Beleuchtung verboten war.' Gegen letztere
eiferten alle Theoretiker des Barocks (Armenino, p.91, Lomazzo, p. 239). Bellori
verübelte es Caravaggio sehr, daf^ er grelle Strahlen ,i piomho auf die Körper
fallen lasse (p. 121). Tintoretto hatte es schon längst gewagt (Anbetung der
Hirten, Scuola di S. Rocco).
Mit der Drehung der Gesamtflgurenschicht gegen den Hintergrund vcr*
schieben sich alle Licht* und Schattenrichtungen in die Tiefe, aber allzeit das
Figurale, oft im Zickzack, verbindend und den Raum mit einschlielk-nd. Ein
' Der mondscheinartige Glanz des Kngels als künstlerischer I.ichtcHekt in der Vcr»
kündigung an die Hirten wird von Guthmann (op. cit. 126) zum ersten Male bei I.orcnzo
Monaco beobachtet. - Siren, I.orenzo Monaco. .S. 128.
- Lomazzo. Tratt. C. XXL p. 21S.
=• Ibid.. p. 239. - Ibid.
630 Raumplastik.
neues, zur Tiefe zwingendes Motiv tritt ein, die Hauptfigur nicht mehr vorne,
sondern in den Mittelgrund zu postieren, um das Hauptlicht dahin zu leiten.
Die symmetrische Übersichtlichkeit verschwindet und für das Wesentliche der
hl. Begebenheit werden vielfach springende Sonnenlichter zum Wegweiser.^ Es
entsteht ein kunstvolles Lichtspiel, man verdeckt das Nebensächliche und hebt
das Wichtige hervor. Die Lichtquelle kommt nicht mehr ausschließlich von
oben, sondern von vorne, seitlich (Tintoretto) oder gar von unten mit
neuen plastischen Formwerten, vielen Reflexen, Kleinlichtern und Schlagschatten,
die gleichfalls eine Raumillusion anbahnen helfen. Die traditionelle Einheit
erlitt vielfach eine starke Erschütterung.
Aber es war ein Unterschied, ob sich dies in grellen, malerischen Gegen*
Sätzen vollzog, oder ob auf künstlichem Wege eine alle Formen sanft mit Hell
und Dunkel umfließende Modellierung angestrebt wurde. Während im ersten
Falle starke Lichtbündel ungebändigt nur das Körperliche trafen und schwere
Schatten und Silhouetten hervorriefen, hatte in dem zweiten das künstlich auf?
gefangene, zerstreute und reflektierte Licht Raum und Detail in mfldernder Weise
zu verklären (Helldunkel). Tintoretto strebte beide Richtungen an und erreichte
durch sein ausprobendes Vorgehen manches schwere Ziel. Die einheitUch moti*
vierte Führung aller Raumbelichtung fand freilich erst im Norden statt.
Das über* Der Einführung wie der Anwendung nach bildeten die Lichterscheinungen
irdische biblischer Wunder, das Lume divino, in der Malerei ein Lieblingsthema, das
Licht. besonders den Raumkünstlern zugute kam. Schon vor 1400 hatte man über?
irdische Lichteffekte versucht und Raum und Handlung mit himmlischem Glanz
ausgestattet (Taddeo Gaddi in seiner Joachim*Darstellung, Sta. Croce).^ Es gab
viele Nachfolger, weil allbegehrte Stoffe wie Maria Verkündigung, Christi
Geburt, Himmelfahrt und andere Geschehnisse immer neue Veranlassung dazu
boten. Aber diese anfangs rein inhaltlich dekorativen Lichtelemente erschienen
nicht sofort auch raumbildend. Welch weiter Weg von den feinen goldenen
Linien in Quattrocento ^Verkündigungen, die in nüchterner Tageshelle auf Maria
niedergleiten, bis zu dem Lichtstrome im 17. Jahrhundert, der von oben grell
in die Kammer bricht und alles im schimmernden Widerschein erglänzen läßt!
Welche reiche Beobachtung und Imagination, theoretische und praktische
Studien waren vonnöten, bevor man sich an Probleme wagen konnte, wie sie
z. B. Correggios hl. Nacht oder gar seine Domkuppelbemalung in Parma er?
heischten! Nicht immer handelte es sich um nächtliche Wirkungen. Lomazzo
führt viele Beispiele von himmlischen Erscheinungen an, die im Tageslichte
darzustellen waren. Der Künstler hatte dann, wollte er nicht in das Renaissance?
rezept verfallen, vieles hinzuzufügen, die Tonung, zumal des Vordergrundes,
tiefer zu stimmen, den Schatten von Architekturen oder Laubwerk auszunützen,
Reflexe wirken zu lassen, um die Lichtstufen zu erreichen. Ein Schulbeispiel
bietet das Markus ?Wunder Tintorettos. Um wie vieles überragte nicht dessen
Raumlösung an motivierter EinheitHchkeit Raffaels Verklärung Christi, wo das
Untere und Obere unter eine selbständige Lichtführung gestellt werden mußten.
• WölffJin, Kunstgesch. Grundbegriffe, S. 80 und 208.
'' Guthmann, op. cit., S. 89.
Raumplastik. ' 631
Zu einer besonderen Beleuchtung führten die bei nächtlichem Dämmerlicht 4. Das
oder selbst bei Tag vorgeschriebenen religiösen Darstellungen, wo das Kerzen?, künstliche
Laternen* und Fackellicht, das Lume artifiziale, zunächst als episodische Bei* '-"^^^
gäbe, später als eine Art Zentrallicht die Raumaufklärung zu besorgen hatte.'
Und wenn auch die orthodox^schulmäßige Bildhelligkeit noch lange entgegen*
wirkte, die einmal entdeckten Themen und noch mehr der Reiz jener an allen
Ecken und Enden spielenden warmen Reflexe obsiegten in einzelnen Schulen
des Südens und Nordens über das lume commune. Weiter ging man bei Profan*
darstellungen in dunklen, von einer Kerze kümmerlich erhellten Binnen*
räumen, wo man undurchdringliche Schlagschatten den engen Raum erfüllen
und ihn nur von einzelnen Lichtflecken gliedern und vertiefen lief^, um, wie
Armenino sagt, der Welt die wunderbare Wirkung dieser Beleuchtung sowie
die hervorragenden Künste ihrer Geister erkennen zu geben, was aber schwer
richtig zu erfassen, so daß nur wenige Gefälliges und Gelungenes aufweisen
können (p. 86).
Ich möchte noch eine fünfte Möglichkeit erwähnen, die rein künstlerische 5.
Beleuchtung, die sich der Maler mit und ohne Rücksicht auf eine Motivierung, Kombinierte
rein aus malerischen Gründen erlaubte, um seinem harmonisch *plastischen Lichter.
Empfinden zu genügen. Dazu gehörte die Vereinigung mehrerer farbig ver*
schiedener Lichtquellen in einer Darstellung, inhaltlich zwar oft gegeben, künst*
lerisch aber erst freudig erfaßt und ausgebeutet. Vielgerühmte Beispiele wie
jenes Raffaels in der Stanza d'Eliodoro um 1512 — 1514 oder Parmegianinos
Beschneidung (Vas. Mil. V, 223) ermunterten zur Nachahmung. Die Befreiung
Petri in der genannten Stanza enthält bereits nebeneinander drei verschiedene
Lichtquellen: die den Raum mit Helligkeit erfüllende Engelsgestalt, ferner den
die schlafenden Krieger und die nächtliche Landschaft mit kaltem Schimmer
überspielenden Glanz der Mondsichel und schließlich noch die brennende
Fackel mit ihrem rötlichen Schein auf den Rüstungen, so daf^ dies neben der
koloristischen Meisterschaft ein Studium der Natur und eine Beherrschung des
Raumes ergibt, die uns, bei dem Mangel nachweisbarer Vor* und Zwischen*
stufen, heute wie Rätsel erscheinen.
Die Anwendung in Zeichnungen.
In ähnlich ersichtlicher Weise, nur zeitlich später erfolgend, treten diese Fl.ichc
Bewegungen in Zeichnungen vor Augen. Zunächst, konform der farbigen Beleuchtung.
Bildklarheit, eine flächige Helligkeit (lume immobile) mit einfachen, ticfenwärts
geschichteten Schattenstufen innerhalb des Cichäuses sowie im Freien. Selbst
zur Darstellung gehörige Licht* und Nachteffekte, die in (Jemälden nicht gerne
der Kunst und der frommen Beschauer halber übersehen wurden, laufen rein
schematisch ab. Jacopo Bellini zeichnete seine nächtlichen Passionszcncn in
Tagesbeleuchtung und stellte Fackel* und Laternenträger vor der Halle wie
Symbole auf (Ricci, Skizzenbuch 1, 10). Würden wir Skizzenbücher von
Gentile da Fabriano besitzen, so enthielten sie wohl mancherlei Hinweise auf
seine Predellenbilder mit ihrer reichen Tiefenwirkung, kaum aber zeichnerische
' Armenino. p. 86. - Lomazzo. Traft.: Del tcrzo lume primario. p. 220.
Clairobscur.
652
Raumplastik.
Vorstufen seiner vorauseilenden Lichtprobleme, wie sie in der «Geburt Christi»
(Florenz) angeschlagen wurden, wo von dem Kinde ein überirdisches, sich an
den scharfen Kanten der Höhle brechendes Licht ausgeht.^ Es ist bezeichnend,
wie trotz der vielen feinen Beleuchtungsregeln in Leonardos Trattato und der
angewandten reichen Erfahrung in seinen Gemälden sich in seinen Zeichnungen
keinerlei Resonanz erkennen läßt. Selbst in direkten Naturstudien, wo ihn
außergewöhnliche atmosphärische Erscheinungen reizten, herrscht die übliche
Papierhelligkeit (Abb. 229).
Eher benützten deutsche und niederländische Clairobscurzeichner die dunkle
Folie- der Grundierung, um den nächtlichen Darstellungen der Passion eine
Abb. 313. Jac. Bassano. Verkündigung an die Hirten.
gewisse Stimmung zu verleihen. Das Deckweiß spielte dann eine wichtige
Rolle, dies war aber alles. Der Raum selbst partizipierte nirgends an dem
Glanz des Mondes, der Wachtfeuer und Windhchter, und wenn es so zu sein
schien, dann gab es keinerlei einheitliche Lichtdirektion, sondern ein willkür*
Graphischer liches Flimmern, selbst an Schattenseiten.- Wie rasch aber der Aufstieg erfolgte,
Aufstieg. beweist Dürers Graphik. Während in der Apokalypse noch alle himmlischen
Lichter, Sternen? und Kometenhagel, Feuerschlünde aus der Erde nur als linear*
helle Darstellungen gegeben werden können, weder Raum klärend noch den
Schrecken der Ereignisse verkündend, steht in der Melancholie der Komet
' Guthmann, op. cit., S. 139.
^ Altdorfer versuchte sich zeichnerisch in dieser Weise. Siehe A. P. 382, Anbetung der
Hirten 1514 (Fürst Liechtenstein) oder ein Unbekannter Niederländer um 1520: Christus
am ölberg, Albertina, Inv. Nr. 246 (bei A. Schmidt, Gemälde und Zeichnungen von
iM. (Grunewald, als Grünewald = Schule, Textband II, Taf. 4 abgebildet).
Raumplastik.
635
leuchtend, aber schwer und bang auf düsterem Hintergründe und vermittelt
eine weite Raumferne. Im Hieronymus übernimmt das einfallende und reflek*
tierte Sonnenlicht sogar einzig und allein die wunderbare Lösung der intimen
Kammer.^ Die Vorstudien zu beiden Blättern aus dem Jahre 1514 wären für
uns vom größten Interesse und kaum dürfte man irre gehen, wenn man hicfür
die Pinseltechnik annimmt.
Im 16. Jahrhundert setzte auch im Süden der Pinsel ein, wenn es galt.
Geschlossenheit der Komposition oder Räumlichkeit zu geben, denn dieser
Ausdrucksweise gegenüber erscheinen alle andern Zeichcnmittel dünn, kraftlos,
Pinsel-
ind Kreide;
technik.
Abb. 314. Hart. Mantredi, Spieicrgruppe. Beleuchtungsstudic.
unmalerisch und unfähig, breit zusammenzufassen. Nur in Holland erreichte die
Kreidetechnik durch Wischen und Lavieren eine besondere Auswertung für Tiefe
und Stimmung landschaftlicher Motive, eine Tonigkeit des lokalen Himmels,
so daß man hier tatsächlich mit einem neuen Typus zu rechnen hat (Abb. 241).
Qiiellenmäf^ig und zeichnerisch ist es nicht zu erweisen, auf welchem Wege
Zentrallichter (lumi Jivini und jrtifiziali) wie bei Gentile da Pabrianos
heiliger Nacht, oder bei der des Geertgen tot Sint Jans,-' oder gar bei jener
Correggios (1530) mit ihrem von dem Santo Bambino ausgehenden himmj
lischen Glänze zustande kamen.' Daß hier vor allem schärfste Beobachtung
' «Der lichterfülltc Binnenraum ist hier zum erstenmal ein Problem der zeichnenden
Kunst geworden, merkwürdigerweise nur der Schwar2»VC'ci(^»Kunst. Ks wäre Dürer nicht
eingefallen, dergleichen :u malen-» (W'ölfflin).
- Abb. 97 bei V.. Ileidrich, Alfniedtrl. Malerei. Berlin, Sammlung \'. Kaufmann.
^ «Alle Autoren lassen es an näheren Angaben und Anleitungen zur Darstellung solcher
Lichtefickte fehlen v (Hirch-ilirschJeld. op. cit.. S. S^).
Heobachtun»
gen.
634 Raumplastik.
das Beste geleistet haben mag, wird man immer geltend machen müssen. Aber
ebenso, daß nach und nach experimentelle Studien an allerlei Behelfen
vorausgegangen waren. Es lag nahe, die Licht? und Schattengeheimnisse
zunächst beim allnächtlich flackernden Kerzenlicht, Herdfeuer und an der
Laterne eifrig zu studieren. Und gewiß verfolgte des Künstlers Auge nicht
bloß den malerischen, warmfarbigen Lichtglanz längs der Oberflächen, den
Verlauf der Schlagschatten, sondern auch die Gesamtwirkung und Kontraste
in der Beschlossenheit eines Raumes. Die abendlichen Zeichenkurse gaben
zu solchen Studien reichlich Gelegenheit. Der Agostino Veneziano? Stich
(Abb. 78) enthält zeichnerische Erkenntnisse lichtplastischer Wirkungen durch
ein Kerzenlicht in den Gesichtern, auf dem Tische, an Decke und Wänden.
Und es sieht nicht wie ein Zufall aus, wenn Correggios Nacht und jener
Stich nur um ein Jahr auseinanderfallen. Leonardo weiß bereits von einer
geschickten Ausnützung der Kerzenbeleuchtung zu berichten, durch welche auch
die im Dunkel liegenden Schattenseiten aufgehellt werden: «Befindet sich eine
Figur vor einseitigem Licht (Kerze) in einem großen dunklen Raum, so
erhält sie keine Reflexe und man sieht von ihr nur die beleuchtete Seite.
Daher stelle vor solches Licht einen Blendrahmen mit durchscheinendem
Papier; und ein zweites Licht, vor dem kein Papier steht, leuchte dir auf die
Zeichnung» (§ 92, 102).
Experi* Daß um die Mitte des 16. Jahrhunderts tatsächlich experimentelle Vor*
mentelle richtungen als traditionell gegolten haben, berichtet Vasari: «Viele Meister
Studien, j^^^-j^gj^ gj^-j^^ bevor sie ihre Komposition in den Karton zeichnen, auf einem
Brett ein Modell mit Tonfiguren, um zu sehen, wie die von einem Licht her*
rührenden Schatten hinter den Figuren sich bilden» (Mil. I, 176).^ Mehr er*
fahren wir über die Beleuchtungsversuche Tintorettos, der seine Wachsfigürchen
in Holz* oder Kartonkästen kompositionsmäßig aufstellte und durch Seiten*
löcher beleuchtete, so daß künstliche Licht* und Schattenwirkungen den kleinen
Raum erfüllten.^ Für religiöse Themen, in welchen es sich um übernatürliche
Lichteffekte, um von oben fallende Beleuchtungen handelte, war ein solches
Erproben besonders geeignet. Und gewiß war Tintoretto nicht der erste. Sein
etwas älterer Zeitgenosse Jacopo Bassano (1510 — 1592) hat uns Zeichnungen
hinterlassen, die derartige Resultate ersichdich machen (Abb. 313).^ Das Be*
streben, himmlischen Glanz um den schwebenden Engel und irdischen Wider*
schein zeichnerisch herauszuholen, konnte sich zwar nur auf ein Markieren
beschränken, nichtsdestoweniger umspielen die ausgesparten Lichter geschickt
Hirten und Schafe. Der Raum selbst enthält infolge der noch frontalen Auf*
reihung alles Figürhchen wenig Tiefe; aber auch das würde auf Beobachtungen
nach einer Kastenkomposition hinweisen.
' Auch Pacheco übernimmt die Stelle (Lib. III, p. 334).
* Esercitavasi ancora nel far piccioU modelli di cera, e di creta, vestendoli di cenci, ricer=
candone accuratamente con le pieghe de' panni le parti delle membra, quali divisava ancora
entro picciole case, e prospettive composte di asse, di cartoni, accommodandovi
lumicini per le fenestre, recandovi in tale guisa i lumi e le ombre (Ridolfi, Maraviglie II,
p. 6). — Siehe ferner den ausführlichen Bericht Sandrarts, T. A. I, S. 64.
" Wien, Fürst Liechtenstein, A. P. 1331. Pinselzeichnung. 20-4x3r4cm.
Raumplastik.
635
Abb. 315. \'an Dyck, PHngstwundcr mit imA>;innrcr Beleuchtung;.
Im Beginne des nächsten Jahrhunderts treten zu der sich immer steigernden Kon:cnfri%chc
Vorhebe für niederbrechende Lichtgarben mit Reflexen und Glänzen in bibli; Beleuchtung,
sehen Bildern jene lebensgrolk^n Genredarstellungen (^aravaggios mit einer
aus der Mitte der Figurengruppe kommenden künstlichen Beleuchtung. Ilaben
wir von dem Meister auch keine Studien erhalten, so gibt wenigstens eine
636
Raumplastik.
Schülerzeichnung, eine Spielergruppe von Bart. Manfredi (1580 — c. 1617),
einen Einblick in derartige Vorarbeiten (Abb. 314).^ Auch hier der Einfluß
abendlicher Zeichenkurse. Silhouettenartige Figuren werden vor hellbeleuchtete
Gruppen gestellt und schwere Schlagschatten steigen an den Wänden auf oder
fallen zu Boden. Während die ersteren durch ihre Gegensätze Vorder* und
Hintergrund scharf auseinanderhalten, wirken die letzteren vorne am Boden wie
Tiefenleiter, ihre Schattenränder streben dem Lichte wie Fluchtlinien zu. Beherr*
sehend ist das Konzentrische der Beleuchtung, ohne daß man die Lichtquelle
selbst bemerkt. Das Gesetz von stufenweiser Abschwächung der Töne hat hier
weniger Geltung, an seine Stelle tritt die Kraft der Gegensätze, die gleichzeitig
durch ihre Fleckenwirkung die Bildfläche symmetrisch regulieren.
Lumi divini. Von nun ab erweist sich die Zeichnung, und zwar mehr im Norden als im
Süden, immer deutlicher als Problemsucherin eigenartigster Effekte, selbst auf
dem Wege der Imagination. Während z. B. Gerard Honthorsts Nachtstücke,
stets in Anlehnung an Caravaggio, auf vorausgegangenen derben, lavierten
Federskizzen bei Kerzenlicht basieren, enthält Van Dycks Darstellung des
Pfingstwunders (Albertina) bereits neue Werte einer impressionistischen Technik
als lume divino (Abb. 315).^ Die aus Wolken schießenden Strahlenbündel sind
Phantasiegebilde. Das Ganze gleicht einer wolkenbruchartigen Erscheinung,
entsprungen der Wucht impulsiver Vorstellungen. Der Unterschied zwischen
diesen beiden auf verschiedene Weise entstandenen Raumbildungen ist deutlich
erkennbar. Während die innerlich gestaltende Phantasie Figuren und Raum mit
Reflexen von vorne nach rückwärts abstufend ausstattet, ergeben die dem
einheitlichen Lichtherd entstammenden Studien schwere und konsequente Schatten,
die sich an den Wandungen enger Gehäuse stoßen.
Rembrandts Alle überbietet Rembrandt. Mit scharfem Blick und sicherer Hand folgt
Art. er allen natürlichen und künstlichen Lichtquellen und deren Effekten, wie sich
solche im Sonnenlicht, in halbdunkler Kammer, unter der halbgeöffneten Tür
(Abb. 316), bei Dämmerung und kümmerhchem Laternenschein abspielen. Er
scheut nicht Gegensätze, sucht aber auch die feinsten Reflexe, Mitteltöne, ge*
brochene Lichter und aufgehellte Schatten und weiß alles stets motiviert und
harmonisch zu vereinigen. In dem großen Reproduktionswerke seiner Hand*
Zeichnungen finden sich in immer neuen Variationen Themen des Alten und
Neuen Testamentes vom Standpunkt brillanter Lichtwirkungen behandelt, aber
auch Atelierstimmungen (Abb. 317) und Naturvorgänge. Mit warmen gold*
braunen Bistertönen und dunklen Nebenakzenten in Tusche erzeugte er malerische
Impressionen. Damit stieg die Zeichnung, wenngleich nur Licht* und Raum*
Problemen dienend, innerhalb ihrer Aufgabe zum Kunstwerk empor, zu einem
Höhepunkt lichttechnischer Versuche.
Nachfolger. Was auf diesem Gebiete im 17. Jahrhundert nach Rembrandt noch geleistet
wurde, war variierende Nachahmung oder Manier. Selbst die im folgenden
entstandenen Zeichnungen Aless. Magnascos mit mehreren großen Lichtquellen,
oder die durch Fragonard neuerdings in Rembrandtschem Geiste glücklich
■ Albertina, Inv. Nr. 2773; Pinselzeichnung. 20x30-5.
'' Albertina. Inv. Nr. 7574, Vorstudie zum Berliner Bild, Nr. 794, 34X26 cm.
Rauniplastik.
637
Abb. 316. Kcmbrandt, l'ntcr der Tun;. 1 IcIldunkcIStudic.
nuancierten, lichträumigcn Pinsclstudicn blieben zeichnerisch weit hinter jenem
Vorbilde, weil sie nicht von der exakten Naturbeobachtung ausgingen. Nur
zu häufig traten an die Stelle der malerische Wirkungen erprobenden Zeichnung
die schon längst im Brauch stehenden C^artoncini, die in ihrer technischen
und koloristischen Bequemlichkeit auch das l'arbigc des Raumes zu geben
suchten.
638
Raumplastik.
Lume
riHesso,
Helldunkel.
Im besonderen Anschluß an Rembrandt sei auch des Helldunkels im
Räume Erwähnung getan, das lange vor ihm beobachtet, in Zeichnungen aber
erst durch ihn eine volle Berücksichtigung erfuhr. Es sind dies jene males
rischen BeleuchtungsefFekte, die, durch eine starke aber reflektierte Licht*
quelle hervorgerufen, alle Schatten im Binnenraume in Gänze oder teilweise
Abb. 317. Rembrandt, Weibliches Modell im Reflexlicht.
aufhellen und mildern und die Körper wie mit Lichtduft umflossen erschein
nen lassen — endlos vielgestahige Geheimnisse des indirekten Lichtes [(lume
riflesso). Als Schulbeispiel des Vorganges diene die bekannte Radierung Rem*
brandts: Jan Six am Fenster lesend (B. 285). Das auf die Buchseite fallende
Licht der Fensteröffnung wird auf das Gesicht des Lesers reflektiert und
hellt dessen Schatten auf. Ohne dasselbe müßte letzteres dunkler, unklar erschein
Raumplastik.
6Y)
nen. Ebenso empfängt das umgeschlagene Buch von der Diele aus einen XK'idcr.
schein.'
Schon die S. 595 behandelten Reflexe hatten das Prinzip im kleinen und in
einseitiger Wirkung an Körpern allein erkennen lassen: Authellung der Schatten^
Seiten zum Zwecke der Rundung und Loslösung (Abb. 157). Leonardos Rezept
von dem abgeblendeten Kerzenlicht weist bereits auf das schulmäßig geübte
Helldunkelzeichncn hin. Als forschender Beobachter suchte derselbe das VC'escn
der Riflessi überall auf: Große Anmut von Schatten und Lichtern legt sich auf
die Gesichter derer, die unter den Türen dunkler Behausungen sitzen. Das
Gesicht erhält hier auf seiner Lichtseite fast unmerkliche Schatten und auf der
Schattenseite unmerkliche Lichter (§ 93). Auf rein linearem Wege hatte Dürer,
Abb. 31S. M. F. Qiudnl,?;i)cr Aktsaal.
wie erwähnt, in dem Stich Hieronymus im Gehäuse bereits eine vollendete
Beherrschung des I lelldunkels erreicht. Der Vorgang erfährt von Werkstatt
zu Werkstatt die eigenartigsten Variationen, je nach den Türs und lenstcr*
Öffnungen, nach dem Stoffe, der das Licht empfängt und verteilt, nach der
Stärke desselben, nach der Entfernung des vom reflektierten Licht getroffenen
Körpers wird der Effekt fühlbar. Alle möglichen Atelier; und I'reilicht;
erfahrungen wirkten zusammen, anders unter südlicher Sonne, anders im Norden.
Das allen Lichtregungen und Lichterscheinungen nachspürende Auge Rem*
brandts ließ sich kaum eine derartige Wirkung entgehen und sein schnell^
schaffender Bisterpinsel arbeitete dieselbe flugs heraus, (ianz unabhängig von
der Beobachtung Leonardos über Rcflexlichtcr an Leuten, die unter Türen
sitzen, entsteht seine Zeichnung (Abb. 316).* Das thematisch N'crwandte ist
' Rembrandt wiederholt dieses Kxpcrimcnt noch einmal in dem radierten Porträt des
Abraham Francen (B. 273).
* IlandzcichniMificn Kcmbrandts 1903. III. 19 (N'erla^; Iliersemann. I.cipzif;). Sammlung'
Leon Bunnat. Feder und Finscl, verkleinert.
Übergänge.
Kembrandt.
640 Raumplastik.
sofort ersichtlich. Direktes Licht und allerlei Helldunkel gestalten die nur
flüchtig umrissene Figurengruppe innerhalb des Vorhauses zu einem interessanten
Raumproblem, zu einer plastischen Verteilung dunkler und heller Massen, ohne
— selbst noch in der Reproduktion — auf der einen Seite stumpf, auf der
anderen grell zu wirken. Das dämmerige Vorhaus und die sonnige Straße
verbinden sich zu einer Licht* und Raumeinheit.
Behelfe. Zur Herstellung eines zerstreuten, aber ruhig wirkenden Lichtes in Mals
und Zeichenstuben kam man auf verschiedene Mittel. Die Lage an der Nord*
Seite ward bald als die beste erkannt. Das Fenster ohne Fensterstäbe sei mit
Leinwand bezogen und gegen seine Ränder hin mit einer aus Schwarz ge#
fertigten Abtönung ins Dunkle versehen, damit das Licht gegen den Fenster*
rand allmähhch abnehme (Leonardo, § 431). Seine weiteren Erfahrungen, daß
nur eine möglichst große Lichtöffnung in Betracht komme, daß deren unterer
Teil verhängt werde, um den Widerschein gegenüberliegender Gebäude auf*
zuhalten, wurden Gemeingut. Rembrandt hat uns eine Illustration der bei
holländischen Malern im Gebrauch stehenden Vorrichtung überliefert. Eine
Oxfordzeichnung (Abb. 317),^ wohl aus den Jahren recht kümmerhchen Behelfens
in ärmlichen Quartieren, zeigt ein kleines Fenster, dessen untere Hälfte ge*
schlössen erscheint. Dagegen reflektiert ein am oberen Fensterrahmen befestigter
und hereingespannter weißer Vorhang das Licht in der sonst lichtarmen Kammer
nach allen Seiten. Das Modell erhält dadurch nicht nur von vorne, sondern
auch von rückwärts Helligkeit.
Eine ähnliche Wirkung hatten auch die in Akademien angebrachten Be*
leuchtungskörper mit breiten, flachen Reflektoren für die abendlichen Zeichen*
Übungen (Abb. 318,^ 87).
Zeichentechnisch genommen waren solche Aufgaben stets dem Pinsel als
höchstes Ziel des Lavierens zugewiesen. Das frühere einfache Abschattieren
der Körper und deren klare, scharfe Loslösung vom Hintergrunde erhielt durch
eine Art Medium eine lichteinheitliche Zusammenfassung. Wenige nur ver*
standen diese Kunst, weil man sie vielfach als alleinige Aufgabe der Ölmalerei
erachtete.'^
* Aus: Oxf. Draw. III, 28. Feder und Pinsel. - Den gleichen Vorgang beobachtet man
in den zwei Bildern A. v. Ostades: Der Maler in der Werkstatt (Dresden und Amsterdam).
2 Albertina, Inv. Nr. 4768. Sepiazeichnung. - Siehe auch das Gemälde Quadals
(1736-1808), Aktsaal der Wiener Akademie in der Akademie Wien, geschabt von Joh.
Jacobe (Abb. in J. Leisching, Schabkunst).
'Alexandre Lenoir, La vraie science des artistes, tom. I, §111, p. 41 (Paris 1823): Le
Clair=obscur appartient exclusivement ä la peinture. Jl consiste dans l'art de disMbuer,
dans un tableau ou sur une surface plane, la lumiere et lombre de maniere ä passer msen=
siblement de Vune ä lautre, ou de les fondre ensemble par des demi=tons.
VIERTER TEIL.
VOM SAMMELN.
4 1
Mcdcr, Die Handicichnunt;.
Die Sammler.
Der vielgestaltige Handel und Wandel von Handzeichnungen, das früh* Allgemeines,
zeitig erwachte und sich bei Künstlern und Liebhabern stetig steigernde Interesse
für diesen Kunstzweig fanden bis heute in den wenigen Handbüchern über
Sammelwesen kaum eine Beachtung, es sei denn, daß in den kurzen histori*
sehen Einleitungen gelegentlicher Kabinettspublikationen, in alten und neueren
Auktionskatalogen oder in den Reproduktionsausgaben einzelner Meister an*
regende Notizen eingestreut erscheinen.* Mehr über Sammler als über Sammel*
wesen findet sich in den französischen Werken über die Amateurs und
Conoisseurs, wie in Lebruns Almanach historique et raisonne des architcctes
peintres, Paris 1777, in der Revue universelle des Arts, Bd. 6 und 15, oder in
Le Cabinet de l'amateur et de l'antiquaire, Revue, Paris 1842 — 1846, oder in
Ch. Blanc, Tresor de la curiosite, T. I, 1857, p. XXVI-XXVIII, oder bei
E. Bonnaffe in seinem Dictionnaire des Amateurs fran(;ais 1884, der auch
sonst mancherlei über die alten Kollektionen publiziert hat. Indes stehen die
Zeichnungen meist im Hintergrund, besonders im 17. Jahrhundert. L^nd den«
noch würde es eine dankbare Aufgabe bilden, ihre aufsteigende ideelle und
materielle Bewertung von Land zu Land durch die Jahrhunderte zu verfolgen. -
Leider müssen wir uns nur mit einzelnen Streiflichtern begnügen. Machen
sich die sonst allgemein angezogenen Sammelmotive auch auf diesem Gebiete
geltend, wie Freude an schönem Besitz, Belehrung, Förderung ästhetischer
Gefühle oder selbst jene niederer Abstufungen, so walten — im (Gegensatz
zu vielen anderen begehrenswerten Kunstobjekten — doch vielfach höhere
Gesichtspunkte vor, derer teilweise bei der Würdigung der Handzeichnung
(S. 16) gedacht wurde. Gegenüber den vielen Meistern, die daraus für sich und
ihre Schüler Nutz und Gewinn, Anregung und Erholung zu schöpfen wul^tcn,
stand auf der Liebhaberseite die grof^e Anzahl vornehmer Naturen, die sich auf
diesem erlesenen Pfade der hohen Kunst zu nähern suchten, mit Scheu und
Ehrfurcht vor dem künstlerischen Schaffen die flüchtigen und vollendeten
So in der Kinlcitung zu O. Fischcls KaphachZcichnungcn. .Xhtcil. I, S. 7—10 über die
K.iHachSammler. oder bei J. C. Robinson. A critical Account of ihe Drawmgs by Michel
Angelo and KnH.icllo, London 1870.
' Zur weiteren Literatur: \'iele Linzelnotiicn hei N'asari, .^\alvasia. Kottari: Lcttcrc
pittoriche; Ticozzi: Nuova Kaccolta; Bcrnardo de Domcnici: V'itc. — Murr: Journal.!. 17,
1789. p. 3. - Clement de Ris. Lcs Amateurs dautrefois. Paris 1877. - R. Weigcl gibt in seiner
verdienstlichen Arbeit: Die Werke der Maler in ihren I Lindzeichnungen. Leipzig 1S6^.
S. 2 — 25 eine Abhandlung zur (ieschichte der 1 landzcichnungssammlungen. ~ l"r. Reiset.
Notice des Dessins au musee imperial du l.ouvre. Paris IS66. — L. Fagan. (lollcklors' .Marks.
London 1883. — Adolf Donath. Psychologie des Kunstsammeins. Berlin 1917.
41*
644 Die Sammler.
Zeugen der Werkstatt opferwillig zusammentrugen und vor Vernichtung be*
wahrten. Reveley will wissen, daß am Anfang des 19. Jahrhunderts Zeiche
nungen von Mantegna, Michelangelo, Giulio, Polidoro, Bandinelli, Battista
Franco, Parmegiano, Vasari, P. Testa und Calnbiasi von kompetenten Kennern
den Gemälden dieser Meister vorgezogen wurden. Die historische Entwicklung
vieler größerer Kabinette führt uns eine Reihe von gesellschaftlich oder geistig
hochragenden Persönlichkeiten vor, die ihren aus nah und fern stammen*
den, kostbaren Schätzen all ihre Mußestunden widmeten und uns durch diesen
intimen Kultus ihr Andenken in einem noch helleren Lichte erscheinen lassen
(Herzog Albert von Sachsen *Teschen).
Künstler; In erster Linie waren es wohl dankbare Schüler, die Zeichnungen ihrer
Sammler. Lehrer oder anderer berühmter Meister aus Verehrung, nicht minder aber des
geistigen Gewinnes und steter Anregung halber an sich brachten. Grimmer, ein
Schüler Grünewalds, «hat, was er von ihme können zusammentragen, fleissig
aufgehoben. Absonderlich hat er nach seines Lehrmeisters Tod von desselben
Wittib allerhand herrliche Handrisse, meistens in schwarzer Kreid und theils
fast LebenssGrösse gezeichnet, bekommen, welche alle nach dieses Grimmers Ab*
leben obgedachter Philipp Uffenbach (Grimmers Schüler) als ein nachsinnlicher
berühmter Mann an sich gebracht».^ Dabei wechselten die Gesichtspunkte von
einem zum andern. In der Regel sammelte man während der Wanderschaft
für die eigene zukünftige Werkstatt Mustergiltiges, um daran zu lernen oder
lernen zu lassen. Kamen hier nur Unterrichtszwecke in Betracht, so trat bei
anderen, wie z. B. bei Vasari, bereits ein historisch*kritisches Prinzip zu Tage,
jedem einzelnen Künstler gerecht zu werden und ein Entwicklungsbild der
Zeichnung zu geben, selbst wenn manche Blätter von seinem Standpunkte aus
«mehr plump als gut» erscheinen mochten.^ Bei der Mehrzahl galten glänz*
volle Namen, die einen Schmuck des Atelierbestandes bilden sollten. Guido
Reni kaufte in Rom einen berühmten Band mit 100 Raffael*Zeichnungen.^
Maratta hatte nach Malvasia eine reiche Sammlung von Domenichino*Blättern
{mßnitä di disegni, che ho vedufo in Roma, III, 483; IV, 337). Vielfach erhielten
sie die Weihe der Freundschaft und des Gedenkens. Man verehrte einander
gute Studien, ein Brauch, der sich durch alle Jahrhunderte bis auf den heutigen
Tag erhalten hat. Raffael sandte 1508 Francia ein Presepe und ersuchte dafür um
die Historie der Judith als Gegengabe.* Michelangelo schenkte seinem Schüler
Antonio Mini den Leda*Karton und viele andere Zeichnungen.^ Geistliche
Maler wie Fra Bartolommeo hinterließen ihre Schätze dem Kloster und den
Nutzgenuß den Schülern. Etwas Gewöhnliches war es, wenn Lehrer dem
abziehenden Gehilfen ein Erinnerungsblatt überreichten oder in dessen Büchlein
zeichneten, oder wenn Künstler untereinander geschäftsmäßig tauschten.
' Sandrart, T. A. I, 236.
* Vas. Mil. I, 258. — Über die Sammlung Vasaris: Springer, Kunstgesch. III, 124. — Alph.
Wyatt: Le libro dei disegni du Vasari, Gaz. des Beaux Arts IV, 1859, p. 329-351.
' Se si trovavano il libro famoso de' cento disegni di mano tutti di Rafaelle, che comprö
Guido in Roma (Malvasia IV, 58).
* Guhl, Künstlerbriefe I, 123.
'• Vas. Mil. VI, 620; VII, 201. 276-277.
Die Sammler. 645
Ob nun der Grundstock durch Schenkung, Vererbung (Franc. Mehi, De Viti,
Giul. Romano, die Gehilfen Van Dycks') oder Kauf erworben, er bildete Ver*
anlassung zu der weiteren Vermehrung. Seit dem 16. Jahrhundert gehörten Zeich?
nungensammlungen direkt zur Ausstattung eines renommierten Ateliers oder, wie
man es damals gerne bezeichnete, eines Studio.- Das Dilettarsi di disegni
di valenfi maestri war ein Zeichen von Wohlstand und Intelligenz. Dabei
überschritt der Eifer wohlsituierter Künstler weit den Schulbedarf, so daß ihre
Einrichtungen denen vornehmster Sammler glichen. Die Beschreibung Malvasias
(II, 238) von dem Studio des Tiburzio Passerotti, das mit jenem des
Camillo Bolognini konkurierte, gibt einen lebendigen Einblick in die reichen
Sammlungen, die er schon von seinem Vater empfangen und ins ungeheure
vermehrt hatte. «Er besaß von den seltensten Zeichnungen der Hervorragends
sten, von denen allein er vom Kardinal Giustiniani für sechstausend Lire er«
worben hatte; ferner alle berühmten Stiche, eine Menge römische Reliefs, eine
endlose Anzahl antiker Modelle, zahlreiche seltene Bücher jeder Art, getrock?
nete und konservierte Monstra, Tiere, Früchte, Kameen, Edelsteine, versteinerte
Dinge, Götzenbilder und sonstige Merkwürdigkeiten. Es gab keinen Gesandten
in Bologna, keine durchreisende vornehme Persönlichkeit, keinen Fremden, der
nicht jene beiden berühmten Stätten gesehen und bewundert hätte.» (Siehe auch
oben S. 217 die Schilderung der Carracci^Werkstatt.)
Rubens' fürstliches Haus, gefüllt mit Kunstschätzen, war berühmt. Sir Peter Im Norden.
Lelys Kunstkabinet wurde 1682 für 26.000 Pfund Sterling verkauft. Außer«
dem hatte er nicht weniger denn 5000 Handzeichnungen. Rembrandts
Sammeleifer war so groß, da{^ sein Vermögen schlief^ich darunter zusammen*
brach. Was hatte dieser Meister, wenn wir sein Inventar durchsuchen, an
fremden Handzeichnungen! Einen Band der gröfken Meister aller Jahrhundertc,
einen Band Miniaturen, einen grofk-n Band mit Brouwer;Zcichnungen, einen
mit Ansichten und Monumenten von Rom, ein kleines Büchlein mit Feder*
skizzen von Pieter Lastmann, ein zweites mit Rötelzeichnungen, ein Büchlein
mit Ansichten von Tirol von Roland Savery usw."' Von dem Marinemaler Jan
van de Cappelle (f 1680) wissen wir laut Inventar, da(^ er mehrere Tausendc
von Zeichnungen, davon 500 Rembrandt, nach Gegenständen geordnet, besaß.*
Eine besondere Art des Sammeins bildete das Stehlen von Zeichnungen, I)ich<it.ililc.
das sich schon frühzeitig in Italien einer gewissen Beliebtheit erfreute und als
ein eigentümliches Dokument künstlerischer Wertschätzung angeführt werden
darL Die Viten melden manche Beispiele. Vasari führt Parmcgianino als ein
Opfer einer Beraubung durch Antonio da Trento an, >\ander den >\arten van
Heemskerck.^ Auch im Norden tauchen Entwendungen auf wie z. B. das \'ers
' Die Witwe des Künstlers lieklajjte sich in einem Hittschrcihcn .in die Krone. dalN die
Bilder und andere dem Maler >;elu)ri>^e hHekten von Personen ererbt wurden, die kein
Recht dazu hatten (L. Cust. A Description of the Sketchbook by S. Anthony Van Dyck,
London 1902. p. 2).
■ Die Franzosen sagten iim U'>2^ ,mcn estiiJe' (HonnaHe. op. tit . p. 24>).
=■ Hofstcde, Urkunden uher Kemhrandt, S IS^JI», \r 2h'S. 2M. 270.
* Ibidem. -S. 412.
* Vas Mil. V. 227. - Mander.Flocrke 1. 345.
646 Die Sammler.
schwinden des Van Dyckschen Skizzenbuches aus der Chatsworther BibHothek/
oder einer Sammking Raffaelscher Blätter aus dem Besitze des Malers Wicar
aus Lille durch den Händler Antonio Fedi, von denen ein Teil an Ottley ver*
kauft wurde.- Besonders gefährlich waren im 18. Jahrhundert die sogenannten
«Dessinateurs», verunglückte Künstler, die an größeren Kabinetten Beschäftigung
in der Ausstattung und Restaurierung fanden und gelegentlich mitgehen ließen,
was unbemerkt auf die Seite gelegt werden konnte.^
Liebhaber; Fürstliche und bürgerliche Kunstfreunde (Dilettanti, amatori) kamen als
Sammlungen. Sammler erst in zweiter Linie in Betracht, und zwar zunächst jene, welche zu
bedeutenden Meistern in freundschaftlicher Beziehung standen, ihnen Gönner*
dienste leisteten oder sich selbst mit Zeichnen befaßten.'' Lorenzo Medicis
Vereinigung vieler Zeichnungen und Kartons von Masaccio, Uccello, Fra
Giovanni, Filippo und anderen einheimischen und fremden Meistern, die eine
Schulungsstätte für alle Florentiner Künstler und gleichzeitig den Grundstock
der Uffizien bildeten, darf als eine frühe und vielfach nachgeahmte Betätigung
auf diesem Gebiete gelten. In Modena pflegten die Herzoge Alfonso III.
und Alfonso IV. die vom Kardinal Alessandro d'Este (1569—1624) ererbte
Sammlung (Fagan, p. 4) und in Mantua die Gonzaga den Nachlaß Giulio
Romanos, darunter auch Raffael*Originale.
Geistliche Geistliche Würdenträger vom Kardinal herab bis zum einfachen Frate legten
Sammler, sich Klebebände an. Eine der bedeutendsten fürstlichen Sammlungen war jene
des Kardinals Leopoldo de' Medici (f 1675), der die Schätze Vasaris und
Vincenzo Borghinis übernommen hatte. Sein fachkundiger Berater war Filippo
^ Erst 1830 in der Auktion des S. J. Reynolds wieder zum Vorschein und in den alten
Besitz gekommen (L. Cust, op. cit. p. 3).
- O. Fischel, Raphaels Zeichnungen, Text zu I, S. 10.
^ So verschwand durch den Architekten und Dessinateur, gleichzeitig auch .Inspecteur
de la Galerie des dessins originaux' des Herzogs Albert von Sachsen sTeschen, Francois
Le Febre eine große Anzahl Dürer^Zeichnungen aus der Albertina, von denen einige
20 später nach Bremen gelangten. Joseph Grünling war zunächst Käufer und Vertreiber.
Laut Auktionskatalog (Wien) besaß Grünling 1823 nur 7 Stück Dürer^Blätter. Erst 1827
verzeichnete Heller in dessen Sammlung 55 Nummern. Es hatte also innerhalb von vier
Jahren ein Zuwachs von 48 Stück stattgefunden. Aus welcher Quelle Grünling geschöpft
hat, erfahren wir aus einem Schreiben dieses geschickten Händlers an Harzen in Bremen
vom 16. Mai 1827, das mir Direktor Gustav Pauli in einer Abschrift freundlichst zukommen
ließ: «Ich kann Ihnen verlässlich versichern, daß die Waare ganz schön und vollkommen
acht sey; ich verstehe mich doch auf diesen Artikel, wie Sie wohl wissen. Dencken Sie,
daß der Einkauf von mir unter sehr günstigen Umständen gemacht worden und wenn
Ihnen eine saldierte Rechnung des ehemaligen Herzog Albertschen Galleriedirektor Le Febre
angewiesen ist, so können Sie durch selbe ersehen, daß ca. 40 Stück dieser Sammlung um
460 fl. baar und billig bezahlt worden, es mögen fast alle von dem verstorbenen Herzoge
beseitigte und an Le Febre gekommene Blätter seyn, da der Herzog so viel erhielt
und wohl bey sich wiederholten Zeichnungsgenre nicht alles damals behalten und auf=
nehmen wollte.» Am 22. August 1827 schreibt er weiters an Harzen, es seien jetzt 77 Stück
Originalzeichnungen von A. Dürer, er sende sie mit den saldierten Anschaffungsnoten von
Le Febre. Zur vollständigen Beleuchtung des Falles dienen die beiden Daten: der Tod
des Herzogs 1822 und längstens 1826 das Scheiden Le Febres aus der Sammlung; erst 1827
folgte die Ernennung Franz Rechbergers zum Direktor und die Neuordnung der Albertina.
* So Lomazzo (Tratt., p. 20) von König Franz von Frankreich, der sich mit dem Zeichnen
amüsierte und fleißig darin übte.
Die Sammler. 64^
Baldinucci (1624-1696).' ¥ra Ignatio Dante, matematico di Sua Santitä,
hatte ein libro di disegni, cK egli fä di nwno di fufti vanlentuomini deliarter
Und was man in Florenz und Rom tat, das geschah auch in den übrigen
Städten (Kardinal Borromeo, Padre Resta in Mailand, Abb. 319).
Wie Marcantonio Michiel 1550 für Venedig verschiedene Hinweise auf Samm* Carracci.
lungen gab, so für jene im Hause Gabriele Vendramin,' führte Malvasia (III, 467) '^eichnun.-
für die zweite Hälfte des 17. Jahrhunderts eine anerkennenswerte Aufzählung *^^"-
von italienischen Zeichnungensammlern an, wenngleich an dieser Stelle nur
von Carracci^Blättern die Rede ist. «Gedenke ich jener endlosen Zahl ihrer
Zeichnungen, die durch meine Hände gingen, außer jener großen Menge,
die bei dem Kardinal Leopold von Toscana, bei den Hoheiten von Modena,
bei den Herren Bonfigliuoli in Bologna, den Herren Negri, Pasinelli, Valerio
Pelazzi sich befanden, und meiner 300 Stück, ohngeachtet der ungeheuren Zahl,
die auswärts gingen nach Frankreich und England, so ist man fast betroffen.
An 600 Entwürfe für die Galerie Farnese allein befanden sich im Besitze des
L'Angeloni in Rom.» Aus derselben Qiielle erfahren wir für Reni^Zeichnungcn
die Liebhabernamen Marchese Cospi, Sirani, Giovanni Paolo. ^ Zu leidenschaft*
liehen Sammlern gehörten die Kunstschriftsteller, vor allen X'asari, Baldinucci
(Florenz), Bellori (Rom), Malvasia (Bologna).
Weniger ein Sammeln als vielmehr ein Ricordo war es zu nennen, wenn Kopien
Reisende in Rom zur Erinnerung an die Antiken und die berühmten Kunst; **''' Kicordi.
Stätten (Sixtina und Stanzen) zeichnerische Kopien mit in die Heimat nahmen.
Gabriele Vendramin (Venedig) hatte ein Qiiartbändchen mit Silberstiftzeichnungen
nach römischen Altertümern erworben.^ Nach Bellori rühmte sich Luca Giordano,
daß er die Loggien und Stanzen 12 mal, die Konstantinschlacht 20 mal ge«
zeichnet habe. Wenn wir aber auf derselben Seite erfahren, daß sein X'ater
aus dem Handel mit derartigen Kopien (col far mercatanzia de' medcsimi)
keinen geringen Nutzen zog, solange des Sohnes Arbeiten (spezialmcnte de'
disegni) von Fremden gekauft wurden, so ergibt dies für Erzeuger und Ab;
nehmer erst das richtige Bild. Es handelte sich erstercn nicht mehr um den
Begriff Kunstübung und letzteren nicht um Originalzeichnungen.'
Im Norden sammelten Herrscher wie Kaiser Rudolf IL, Ludwig XI\'., Der Norden.
Karl I. und Georg III. von England, Gustav III. von Schweden und Katharina
von Rußland. Der Adel und schließlich die Bürgerkreise schlössen sich an
(Thomas Earl of Arundel). In Nürnberg, Augsburg, Innsbruck, Frankfurt.'
Dresden, Erlangen, Dessau, selbst nordwärts in Stettin entstanden Sammlungen
aller Art und zu dem wesentlichen Bestände einer Kunstkammer ( Kunstkämcrlin,
Rüsts und Kunstkammer), die jedweden echten und wertlosen Raritätenkram
enthalten konnte, oder auch zu einer größeren Bibliothek gehörte der Klebe*
' Walter Bombe, L'ifizicn^XeicIinungen {(Cicerone \il, Hl). - Notizie de Pr.ifcssori dcl
Disegno I, p. 2, Torino 1768.
« Malvasia II. 245.
^ Anonimo Morelliano. Ausgabe Th. Frimmel, Qucllenschr. t. kuiistgcsch. N. F. I, S 109;
englische Ausgabe von (J. C. W'illiamson p. 125.
* Malvasia IV, 80. * Frimmel, Anonimo Morelliano, op. cit. S. 109.
" Bellori. I.e Vitc 306ft. ' Sandrart. T. A. 1, l'Sb.
64S Die Sammler.
band mit .Federriß', das ,Buch voller Fisierungen von allerhant meistern'
(Visierungsbücher). ^ Man liebte den Ausdruck: der Dissigno oder auch
Dissigni und Fisierungen.^'
Begehrte Außer Dürer, dessen Studien man gerne verlangte, aber wegen ihrer Seltenheit
Meister, nicht erhalten konnte, schätzte man Goltzius, Ag. Sadeler, Rottenhammer,
Kager, Hopf er etc. Als bevorzugt galten miniaturartige Ausführungen, direkte
Miniaturen (H. Hofmann, D. Fröschel), ausgefülirte Studien oder Kupferstich*
Zeichnungen.^ «Schön und sauber» spielte eine große Rolle. Risse mit Penti?
menten (doppeltem Hauptstrich) waren verpönt und Angebote mit solchen
Untugenden wurden zurückgewiesen.* Außerdem legte man Stammbücher
(Albums) an und ließ sich von Künstlern kleine Eintragungen allegorischen,
historischen oder genreartigen Inhalts machen.^ Dazwischen prunkten kleine
Porträte der Familie, der Verwandtschaft und Freundschaft mit Versen und
Gedenksprüchen; die Kunst selbst kam oft schlecht weg.
Materielle 1^ ^^^ Momente, als der materielle Wert der Zeichnungen erkannt ward,
Ausnützung. schenkte man denselben schon bei Inventaraufnahmen eine gewisse Aufmerk*
samkeit. Wohl die früheste Einschätzung, die uns begegnet, ist jene der
Zeichnungen Fra Bartolommeos nach dessen Tode durch Lorenzo di Credi
1517, der 839 Blatt und 12 Skizzenbücher mit 30 Fiorini bewertete.*' Dadurch
erwachte auch bald das allgemeine Bestreben, sie materiell auszunützen. Zunächst
von Seite der Erben und Verwandten. Einer der Söhne Raffaellino del Garbos
versandte Blätter seines verstorbenen Vaters um niedrige Preise an alle Kunst*
liebhaber.^ Nach Armenino verkaufte 1556 eine Tochter Perino del Vagas
den väterlichen Nachlaß um 55 Goldskudi an einen Mantuaner Händler, der
wieder an die Fugger in Antwerpen lieferte.^ Auf Luca Giordanos Vater wurde
schon hingewiesen. Allmählich befaßten sich auch die Künstler selbst mit dem
vorteilhaften Verkaufe. Giro Ferri soll aus Zeichnungen mehr Gewinn als aus
seinen Bildern gezogen haben. '-^ Parmegianino mußte während der feindlichen
Invasion in Rom 1527 seine Sicherheit mit der Ablieferung von disegni
' Phil. Hainhofer, op. cit. S. 275, wo eine deutsche Kunstkammer (um 1610 — 1619)
beschrieben wird: «An den Wänden stehen eingefaßte Kästen, darinnen fürnehme schön
gebundene verehrte vnd kunstbücher. Item Mathematische instrumenta globisphaerae vnd
numismata antiqua, aufgerollte Schriften, mappae, landtaffeln, dissegni, vnd dergleichen
auffgehoben werden; wol auch schöne künstliche urwerck, musikalische instrumenta.»
— J. V. Schlosser, Künste und Wunderkammern der Spätrenaissance, Leipzig 1908.
•■' Hainhofer, S. 107.
' Hainhofer, S. 60: «Vom Goltio glaub Ich sey nit viel Federriß zu bekommen, dan er
alt und im Gesicht und Hand so zart Ding nit mehr vermag; Egidius Sadler aber zu Prag
soll guet mit reissen sein; von desselben Hand kündte Fröschel E. F. G. was bekommen.»
* «Dem Kilian hab Ich den doppelten haubtstrich (Pentiment) an der Venere
verwisen; sagt, er hab sein müessen, weil ihme die Axel ein wenig zulang gerathen. Mit
diesem hab Ich mich mit dem andern Federriß, welcher schön und sauber, auch in ebenso
eingefaßt, vmb 12 duc. verglichen.» (Hainhofer, S. 104.)
' Hainhofer, S. 59.
*"' Das Inventar mitgeteilt bei F. Knapp, Fra Bartolommeo, S. 275.
' Vas. Mil. IV. 235.
" Armenino. p. 72. ^ Pascoli, Vite I,'176.
Die Sammler. 649
d'acquerello e di penna erkaufen, die ihm als eine Art Kontribution abge*
nommen wurden.^ Auch im Norden Hnden sich ähnliche Verwertungen. Wir
wissen, daß Dürer in den Niederlanden mit Zeichnungen lohnte. Isaak Bullart
(1599—1672), ein Kunstfreund und Nachbar A. Brouwers, erzählt, daß dieser,
wenn der Wirt nicht mehr borgen wollte, noch in der Schenke rasch eine
Zeichnung anfertigte und sie an einen seiner Gönner schickte, um sie in Geld
umzusetzen. -
Derartige gelegentliche Verkäufe oder Verwertungen kommen indes gegen; Künstler
über dem regelrechten fiandel seitens einzelner spekulativer Künstler kaum in ^^^ Händler.
Betracht, die im Süden wie im Norden den eigentlichen Sensalen eine starke
Konkurrenz boten. Maler und Kupferstecher galten selbstverständlich als bessere
Experten, sie hatten buon gusto e intendimento und nützten das Vertrauen
mehr oder weniger redlich aus. Man pflegte , ihres raths' im Zeichnungen«
und Bilderhandel. Dafür erhielten sie meist ein oder mehrere Blätter zur
Vermehrung ihrer eigenen Kollektion. Benedetto Luti dankt auf diese VC'eise
dem Maler Agostino Ratti.' Im Norden bildeten sie wie in Italien in den
einzelnen Städten die einzigen Sachverständigen, die bei Privatkäufen oder zur
Zeit der Messen nach allen Seiten hin zu vermitteln hatten.' Deutschland
wurde meist von Venedig aus mit Kunstware versorgt, wo z. B. um 1600 die
Sadeler einen regen Kunsthandel trieben und selbst zu den grofkn Märkten
nach Augsburg, Nürnberg, Frankfurt gezogen kamen. xMan stellte in den Wirts*
häusern Bilder, Skulpturen und Zeichnungen zur Schau, lud zur Besichtigung
ein, trank und handelte (Hainhofer, S. 106). In den "Werkstätten und Bilders
laden hatte man gleichfalls geheim und offenkundig immer einiges auf Lager.
Herzog Wilhelm V. von Bayern (-{- 1626) kehrte bei Rottenhammer ein, ,so offt
er hero komet vnd ist froh, wann er nur Fisierungen von Ihm haben mag'.-*
Rottenhammer und Kager waren besonders betriebsam. Sandrart erzählt von
sich, daf^ er selbst zwei Bücher mit Handrissen von Kaftacl, Ciiulio Romano,
Polidor, Tizian, Veronese u. a. m. um 3500 Ciulden an den Residenten Spiring
im 's Gravenhaag verkauft habe.'' Und so blieb es bis ins 19. Jahrhundert.
Der Stecher Georg ^X'ille besorgte von Paris aus für viele deutsche Fürsten
Studien französischer Meister.
Daneben gab es allüberall Kunsthändler, Vermittler, Sensale und selbst gute Fhcrhard
Sammler, die im Tausch und Verkauf Anregung, X'ergnügen und gelegentlichen Iihuh
Gewinn erhofften. Fin echter Typus dieser letzten Art war der bekannte
Pariser Bankier Eberhard Jabach aus Köln, der mit Geschmack und reichen
Kenntnissen auch geschäftliche Routine zu verbinden wul^te. Fr erwarb das
Meiste aus Italien, oft gleich en bloc. In dem eigenhändig geschriebenen Ver-
zeichnis seiner Kunstschätze finden sich nicht weniger als 2631 aufgespannte
• Vas. Mil. \'. 225.
- Acadcmic des Sciences et des Arts. hs«. 1682 von seinem Sohne Ißn.i; Hiillart. II. 457.
^ Hottari, Lcttere VI. p. 165.
♦ Il.iinhofer, S. 104 und IH: So hah Ich Ihme .hkIi noch etliche Kctiischte j;uelc \\r
znichnussen von allen maistern so mir K of li c n he i inc r ( Koitenliammer) sclhs IutjuI^
geklaubt, per f. 12 abijchandlet.
'' Ibid . S. \. •'■ T, .\. 1. N'orrcdc rum i. Buch. S. 5cv
650
Die Sammler.
Zeichnungen, 1516 nicht aufgespannte und 1395 Figuren und Köpfe angeführt.^
Im Jahre 1671 gingen diese Blätter in den Besitz des französischen Königs
Wechselnde über. Im allgemeinen gelten nationale Gesichtspunkte. In Italien kaufte man
Geschmacks= italienische, in Holland holländische Werke; Frankreich, England und Deutsch*
richtungen. j^fjj verhielten sich mehr international. Dabei wurden gewisse, heute sehr
degradierte Namen gleich den großen eingeschätzt. Der eine Sammler geht
auf die Vielseitigkeit der Schulen und Meister los, der andere auf die mög*
lichste Vollständigkeit eines einzigen. Gerade diese Art Geschmacksverschieden?
heit gereichte manchem Halb* oder Viertelkünstler zu einem posthumen Ruhme.
Handzeichnungen der Bildhauer und Architekten sowie jene aus dem Kunst*
gewerbe finden, abgesehen, daß sie sich nur in geringer Anzahl vererbt haben,
vorübergehend Beachtung. Vasari, selbst ein eingebildeter Zeichner, hatte von
Bildhauerzeichnungen keine gute Meinung, perche non hanno molta pratica nelle
linee e ne'dintorni, onde non possono disegnare in cavta.'^ Bisweilen traten in der
Sammlertradition Unterbrechungen ein und das Interesse ging plötzlich auf
andere und nicht gerade ideelle Werte über, so daß die Mappen durch Gene*
rationen hindurch ihrem Schicksal überlassen blieben. Wiewohl der Louvre
seit ca. 1670 nur Maler als Konservatoren hatte, so konnte F. Reiset um 1860
noch unberührte Pakete aus Jabachs Zeiten entdecken.^
Materielle Die materielle Wertschätzung von Zeichnungen wechselte von Jahrhundert
Bewertung, zu Jahrhundert. Gute Namen — natürlich im Sinne der Zeit — hatten ihre guten
Preise. Ein belehrendes Beispiel für das Jahr 1671 bieten die Einschätzungen
E. Jabachs, der uns folgende summarische Aufstellung hinterlassen hat:
2631 dessins d'ordonnances colles ä 100 livres,^
1516 ,, non colles ä 25 livres und
1395 ,, figures et testes ä 5 livres.
Dabei sollen sich in der ersten Abteilung angeblich 640 Blatt Raffael und
Schule befunden haben, 448 aus der venezianischen und lombardischen Schule,
517 Florentiner, 653 Carracci*Schule und zeitgenössische, 309 Deutsche und
Niederländer. Für sämtliche 5542 Blatt erhielt er 177.205 livres angeboten, so
daß ein Stück auf ca. 40 M. zu stehen kam.^ Bei dem 100 Jahre später er*
folgenden Verkaufe der P. J. Mariette*Sammlung an den Louvre wurden für
1300 Stück ä 40 Frcs., in Summa 52.000 Frcs. gezahh.^ Beide Verkäufer hatten
noch zu billigen Preisen erworben. Ähnlich stand es in Holland. William II.
von Devonshire (1665—1729) kaufte eine aus ca. 500 Blatt bestehende Sammlung
von dem Rotterdamer N. A. Flinck um 12.000 fl.' Als Beispiel aus neuerer Zeit
^ Les Amateurs de Dessins franqais du XVII" siecle, Introduction des II. Bandes: Invens
taire general des Dessins du Musee du Louvre et du Musee de Versailles. Paris 1908. —
F. Reiset, Notice des Dessins au Musee du Louvre. Paris 1866, p. VIII.
^ Vas. Mil. I, 169.
' F. Reiset, ibid., p. XXIX ff.
* Zur Zeit Ludwigs XIV. galten 100 livres = 126 M.
•' Inventar Jabachs als Manuskript in der Bibliotheque nationale (siehe Reiset, op. cit.,
p. VIII -XIII). - Ch. Blanc, Le Tresor de la curiosite, p. XLIXff. - Nach Fagan, S. 122 soll
er 221.883 L. erhalten haben.
" Nach Fagan, p. 79. ' Fagan, p. 26 und 35.
Die Sammler. 651
diene die billige Übernahme der über 1000 Stück zählenden Sammlung Filippo
Baldinuccis, die an die Strozzi übergegangen war und 1806 durch Denons Ver*
mittlung um 12.000 Frcs. an den Louvre abgegeben wurde (Reiset, p. XLIIl).
Die einzelnen Meister fanden immer nur eine zeitliche, nicht objektive Ein. Einschätzung
Schätzung. Landschaften von A. v. Everdingen und Berchem konnten im 18. Jahr= J'-'r Meister,
hundert Rembrandt^Blätter um das Zehn, bis Fünfzehnfache übersteigen. Ihm
wurden 1776 sogar Van der Kabel oder Van der Does vorgezogen. Noch 1774
erhielt man zwei Rembrandt.Skizzen um 415 fl.' Während selbst 1844 Zeich,
nungen dieses Meisters sich in der Auktion De Claussin zwischen 30 und
100 Frcs. bewegten und nur 1 Blatt auf 700 ging, vermochte Adriaen de \'elde
Preise von 1365 bis 2665 Frcs. zu erreichen.- Der Wert stieg mit dem (kad
der Ausführung, die Dessins arretes, termines waren gleichzeitig die Dessins
cnpitaux}
Gegenüber den Gelegenheitsverkäufen stand die Speculation en gros, Spekulation
das Aufkaufen eines künstlerischen Nachlasses oder einer schon bestehenden und
Sammlung und das Parzellieren derselben an richtiger Stelle und zur richtigen ■■^"'^t'^^n*;"
Stunde. Ein geschäftlicher Brauch, der sich namentlich seit der zweiten Hälfte
des 17. Jahrhunderts immer mehr und mehr steigerte und bis zu den heutigen
Kunsthändlereinrichtungen entwickelte. Den Höhepunkt allen Sammeleifers
weist das 18. Jahrhundert auf. Eine enorme Anzahl von Liebhabern, Messieurs
les Curieux und Künstlern einerseits, Händlern und Vermittlern anderseits
entwickelten in Paris als Mittelpunkt ihre geschäftige Tätigkeit. Die Anzahl der
Kunstkabinette hatte sich hier vervierfacht. Es ist dies jene Zeit, wo D'Argen«
ville in seiner Einleitung über die Kenntnis der Handzeichnungen 1762 die
begeisterten Worte schreiben konnte: «Les dessins des grands maitres etant tont
esprit, forment une curiosite des plus piquantes; ils sont la meilleure instruction
pour un amafeur. C'est une source feconde, oü il peut puiser toutes les lumieres,
qui lui sont necessaires; il conversera pour ainsi dire. il s'instruira avec ces hommes
celebres: en examinant un recueil de leurs desseins, il se Jamiliarisera avec eux.»*
Von derselben Zeit gibt Frederic Reiset folgende Schilderung: «Um die >\itte
des Jahrhunderts scheint sich das von den Amateurs und dem Publikum gc*
äufkrte Interesse an Handzeichnungensammlungen in einer empfindlichen Weise
gesteigert zu haben. Man war bis dahin nicht besonders geneigt, dieser Art
von Curiosite eine besondere Wichtigkeit beizulegen, und hatte 1741 das wunder«
bare Kabinett Crozat um wahrlich übertrieben geringe Preise verkaufen lassen.
Mariette und einige Sammler, ebenso erfahren wie er, zogen daraus den \'or*
teil, auf billige Weise Zeichnungen zu erwerben, die ihr Kabinett berühmt
machten und ihnen eines Tages das Zwanzigfache einbringen sollten. Schon
die öffentlichen N'erstcigerungen zogen in ihrer Aufeinanderfolge die Auf«
merksamkeit auf sich. Man nahm den Brauch an, sie durch wohlredigierte
Kataloge anzukündigen. Indem das Publikum bemerkte, daß die Kunstobjekte
' Auktion J.in Lucas van der Dusscn, Amsterdam 1774. Kat. S. 135, Nr. 119.
- Lc Cabinct de lAmateur. Paris, 111 (1S44). p. 415.
=• \'r1. Ilcincken, Idee «cncral dune (ollcction complete dHstampcs. 1771. S. 520.
* D'Argcnvillc. Abrc);c. 2. Aufl., p. X.XW'llI; er bcsal^ selbst eine hervorragende Samm«
lung. - Vgl. Dresdner, Kunstkritik 1. S. 316, Note 52.
652
Die Sammler.
Entstehen
kleiner
ihren Wert behielten, ja daß sich die Preise mit der Zeit erhöhten, vermochte
es nicht mehr, das Monopol dieser verlockenden Erwerbungen nur einigen
großen Herren oder leidenschaftlichen Sammlern zu überlassen. Die Auktionen
Coypel, des Herzogs von Tallard, Potier, de Julienne, Boucher, Huquier,
Lempereur . . . enthielten sowohl schöne Zeichnungen als Bilder: die Liebhaber
wuchsen aus der Erde und die Preise waren schon recht verschieden von jenen
der Vente Crozat.»^
Um die Jahrhundertwende waren durch die politischen Umwälzungen, Plün*
derungen der Schlösser, Aufhebung der Klöster starke Bewegungen in den alten
Sammlungen, ßgständen eingetreten. Das Auflösen kostbarer Bibliotheken mit mancherlei
Klebebänden erzeugte ein reges Sammeln von Seite der Bürgerkreise, und in
dem Maße, als sich die erwünschten Versteigerungen von Jahr zu Jahr mehrten,
erstanden in allen Hauptstädten zahlreiche kleine Kollektionen.^ Aber diese
neugegründeten Kabinette, wie man sie nunmehr bezeichnete, überlebten ihre
Gründer nicht lange und kurz nach deren Tod erschien der in französischer
Sprache geschriebene Auktionskatalog. Dem alten Standpunkt hinsichtlich der
Vorliebe für ausgeführte Blätter war man treu geblieben, ein Prinzip, das den
Besitzern wenig Vorteile brachte. Man vergriff sich dabei nicht bloß durch
Erwerbung von reinlich gezeichneten Kopien, sondern ermutigte auch die Ver?
falscher, sich dem Zeitgeschmacke anzupassen. Der hauptsächlichste Handel
vollzog sich in Paris, London und Amsterdam. Besonders die letztgenannte
Stadt hatte sich neben Paris zu einem Hauptpunkt für Ein? und Verkauf,
erhoben, was die folgende freilich unvollständige Aufzählung der wesentlichen
Auktionen von 1760 — 1800 dartun mag. Auktion Hughier 1761, Baart 1762,
Walraeven 1765, Yver 1766, Van der Dussen 1774, de Bourg 1776, Croese 1779,
Nepveu 1784, Maarseveen 1793, Van Amstel 1800.-'' Später folgten Venedig,
Frankfurt, Leipzig, Wien.
Als die französischen Heere Europa heimsuchten, zog mit dem Generalstab
auch ein , Bergungskomitee' aus, an dessen Spitze Chevalier Wicar und der
Musealdirektor und ZeichnungsHebhaber D. Denon standen. Nos armees d'Italie
et d' Allemagne ramenent de leurs conquetes des foiles, des dessins. Les com=
missaires allies de 1815 decimaient helas! ce glorieux butin de nos victoires et
enlevaient le meillem (Musee du Louvre, Gillot etc., Paris 1882)."* Leider ist
uns von der Rückgabe von Handzeichnungen nichts bekannt geworden, da
dieselben zum großen Teile in die Mappen der Experten wanderten.''
Es war auch jene Zeit, wo die jungen Adeligen Englands, Frankreichs und
auch Deutschlands bei ihrer großen offiziellen Tour durch Europa es als Ehren*
Sache betrachteten, neben Bildern, Skulpturen, Münzen und Medaillen auch Zeich*
Berges
kommissäre.
Lehrbehelfe.
' Reiset, op. cii, p. XXXIV.
- Siehe Hinleitung über die Entstehung der Sammlung Dcrschau (Katalog Derschau,
Nürnberg 1825, p. IV).
' Nach Donath, Psychologie des Kunstsammclns, S. 65, erschienen die ersten Auktions;
kataloge im (y;sten Viertel des 17. Jahrhunderts in Holland.
* Eagan, p. 70.
■' Als 1S26 — 1827 die Sammlungen Denons versteigert wurden, brachten sie 250.000 Eres.
ein (Eagan, p. 29J. — Robinson, A critical account, op. cit., p. XV.
Die Sammler. ^53
nungen zu erwerben, die nach der Reise in den heimatlichen Schlössern zur
Aufstellung gelangten und den Grundstock zu mancher heute bereits öffentlich
gewordenen Sammlung abgaben. Hatte schon die Medici^KoUektion in Florenz
der allgemeinen Belehrung gedient und versuchte man in Frankreich durch Ver*
Wendung von Akademieprofessoren als Konservatoren (Lebrun, Mignard, Antoinc
und Charles Coypel u. a.) die zeichnerischen Schätze des Louvre für l'nterrichts*
zwecke auszunützen und durch Ausstellungen im Apollosaale zu popularisieren
(die erste am 15. August 1797),' so fallen die Gründungen öffentlicher Institute
in den übrigen Ländern doch erst ins 19. Jahrhundert.- Die X'eranlassung dazu
boten in der Regel die Akademien, welchen die fürstlichen Sammlungen als
Lehrbehelf überlassen wurden. Heute noch erfreuen sich manche dieser Anstalten
einer statdichen Anzahl von Meisterblättern (Wien, Düsseldorf, Venedig).
Auch in dieser Periode betätigten die Künstler einen lebhaften Fifer. Zu Kngland.
den italienischen und französischen traten die englischen, |. Richardson sen.,
Th. Hudson, S. J. Reynolds, B. West, W. Young. R. Cosway u. a." Manche
wie Young und Baillie bildeten sich zu betriebsamen Händlern aus. Als ein
derartiger Typus darf der Radierer William Baillie (f 1792) gelten. Fr hatte »
Bilder, Stiche und Zeichnungen auf Lager; äußerst geschickt, versuchte er sich
in allen Techniken, frischte alte Platten auf (Rembrandt), um neue Abdrücke
zu liefern, faksimilierte Handzeichnungen aller Schulen und schuf eigene nach
Manier alter Meister. Er brachte es über sich, die Hundertgulden^Platte Rem?
brandts in vier Stücke zu zerschneiden und so vermeintliche Abdrucksraritäten
auf den Markt zu werfen.
Der Charakter des heutigen Marktes scheint sich nicht gerade zu seinem Her heutige
Vorteile entwickelt zu haben. Echte, wahre Kunstempfindung hat vielfach dem Markt.
Kunstverstand weichen müssen, man will selbst Fachmann sein oder läßt sich
gut beraten, um Werte auf Hausse anzulegen, man verbindet mit Snobismc
eine Art von feinfühligem Börsensinn, der dicke Dollar konkurriert mit Shilling
und Mark. Nur auf diese Weise lassen sich die exorbitanten Preise der letzten
Jahre erklären. Eine zweite Ursache dieser Steigerungen wird neuestens in dem
Bestreben seitens der Kunsthändler geltend gemacht, zwischen den schon seit
lange bestehenden hohen Werten hervorragender Stich« und Radierungsqualitäten
und den nicht auf gleicher Höhe befindlichen und doch weit selteneren Zeich«
nungen einen besseren, mitunter auch tatsächlich berechtigten Ausgleich zu
schaffen. Weniger motiviert erscheinen die während der Kriegsjahre bezahlten
Unsummen, durch die man, von wilder Kauflust erfaßt, ganze Sammlungen
an sich zu raffen bemüht war, um die rasch erworbenen Banknoten in reelle
Ware umzusetzen.
Neben den vereinzelten Fällen, wertvolle Blätter oder gezeichnete Porträts KIcbcbandc.
zu rahmen,' handelte es sich» wie die Medici «Kollektion, N'asaris, Kcmbrandts
' Reiset, op. cit., p. XI..
- Z. H. Berlin 1S30; Wien, Alhcrtin.i, 1.S47.
•'' Robinson, op. cit., p. XIII.
* Een Bacchus getcekent met de pen van J.Conincx in ecn ebbe hjst (Kbcnhül:rahmcn>
Quellenstudien z. hell. Kunstgesch. \', 1^2.
654 Die Sammler.
und andere Sammlungen beweisen, fast immer um die Aufstellung in Klebe*
bänden, Kunstbüchern (Libri di disegni. Dessins en volumes, Kunstboeken),
Klein? und Großfoliobänden, in welchen die Originale nicht immer gerade liebe*
voll versorgt sein mochten. Umrahmte auch Vasari, wie noch manche aus seinem
Besitz stammende Blätter beweisen, seine Lieblinge mit linearem und figuralem
Dekor, so war dies eine vereinzelte Sorgfalt und Wertschätzung. Die große
Masse erfuhr nur ein gro*
bes Ein* und Nebeneinan*
derkleben. Das Einfügen
• nannte man in Italien accof
modare in un lihvo (Malva*
sia II, 245). Die wenigen
noch erhaltenen Beispiele
alter Aufstellungen aus dem
17. oder 18. Jahrhundert
machen auf den modernen
Konservator einen erschrek*
kenden Eindruck. Nicht ein*
mal die Künstler hatten
hierin viel Erfahrung, ge*
i^^' ' '^'^"" ^r' ^ schweige denn die damah*
gen «Kunstkammerer» und
Bibliothekare.
Abbildung 319 führt uns
^^& : den fleißigen Sammler Pater
&v.^
jW
Resta (f 1696) vor einem
seiner großen Klebebände
>^,yr«/y^;<^>/*öi«s^/"/. , nach einer Zeichnung seines
. , ,' ' Zeitgenossen und Geistes*
^^//. -• V;.' ' " ""■' v.^ verwandten Carlo Maratta
j^ ' ..yiö i. -^.jj — i^:j^_ :.: -^ .-■ :- ' . yor.^ In Bildern, die Ga*
Abb. 319. Carlo Maratta. Der Sammler Pater Seb. Resta. lerie* Interieurs darstellen,
sieht man neben Kupfer*
stichbänden auch aufgeschlagene Klebebände auf Tischen ausgelegt. In Zierschrift
Anordnung, geschriebene, langatmige Titel füllten meist das ganze erste Blatt.^ — Von weni*
gen historisch geschulten Sammlern abgesehen wie Vasari, der seine Originale
* Die Unterschrift lautet: «Ritratto dell M<= Reverend. Padre Sebastian© Resta della
Congregatione del Oratorio die San Felippo Neri in Roma, che mostra all Sig. Carlo Maratta
il presente libro con le accutissime sue eruditioni. L' ultimo di Marzo * 16895.» Den
größten Teil seiner Sammlung hat Monsignore Marchetti in Arezzo erworben, dessen Neffe
sie an Lord Sommers verkauft zu haben scheint (Seidlitz, Leonardo II, 29). Abb. aus Publ.
der ChatsworthsSammlung Taf. 70. RöteL
'^ So lautet z. B. die Titelinschrift des Johann Weychard Valvasor^Sammelbandes vom
Jahre 1685 in Agram folgendermaßen: Vnderschidliche Geistliche und Weltliche Riß vnd
Zeichnungen von Vnderschidlichen Mahlern vnd Künstlern gueten vnd schlechten ge*
zeichnet vnd gerissen . . . welche mit Sonderbahrem Fleiß zusan\ben gebracht durch Johann
Wevchard Valvasor.
Die Sammler. 655
in fünf Bänden chronologisch untergebracht/ oder Filippo Baldinucci, der die
bedeutende Sammlung des Kardinals Leopoldo de' Medici unter diesem und
Cosimo III. mit vielem Fleiße in mehr als hundert großen Bänden an^
geordnet und eingereiht hatte" — die ersten Versuche einer wissenschaftlichen
Aufstellung — , galten in der Regel rein äußerliche Prinzipien, das Gruppieren
nach Inhalt wie: Altes Testament, Neues Testament, Geschichte usw. oder nach
Köpfen, Händen, Füßen, Draperien, Kompositionen und Entwürfen, Land;
Schäften, Pflanzen und Blumen. Die Zeichenmittel wie Feder, Kreide, Rötel
führten zu Unterabteilungen. Ploos van Amstel hatte seine landschaftlichen
Blätter in kolorierte und unkolorierte ohne jede Rücksicht auf Nation und
Meister eingeteilt.^ Rembrandt besaß Studien von Lastmann, in solche mit
Rötel und mit der Feder gesondert. Ansichten von Städten und Schlössern
und Porträts bildeten sehr beliebte Gruppen.
Eine eigene und nicht gerade lobenswerte Aufstellung bildete das Tapezieren
ganzer Wände mit Handzeichnungen oder Stichen. Das Kabinett des Fran(;ois
Filhol (um 1658) war «tapisse de plus de sept ä huit cens dessains de la main
des peintres de l'antiquite et ae ceux de nostre temps en griffonnemens, ä la pierre
noire, ä la sanguine, laveure, croquez ou hachez, grisaille. camaieux et peinture».^
Erst im 17. Jahrhundert scheint sich die Einzelaufstellung auf losen Kartons Karton;
durchgesetzt zu haben. Vornehme Sammler wie Jabach ließen die nach persön? Aufstellung,
licher Anschauung hervorragenden Blätter aufmontieren und schmückten sie mit
linearen Umrahmungen, von den Franzosen Dessins d'ordonnances colles et dores
genannt.^ Minderes kam in Umschläge.'' Trotzdem enthielt das «Mindere» oft
auch Originale, die, weil nur flüchtige Skizzen, gewissermaßen ausgeschieden
wurden. In der von Jabach zurückgesetzten Abteilung (le rcbiit de toute sa
Collection) befanden sich z. B. die Skizze Raffaels zur Maddalena Doni, Zeich?
nungen von Michelangelo und anderes Wertvolle." Die Kartonaufstcllung er*
hielt ein besonderes Gepräge und trug der persönlichen Eitelkeit und dem
Wunsche insoweit Rechnung, daß eine bestimmte Egalisierung aller Blätter
gleichzeitig der Nachwelt den Besitzer anzeigen sollte. Besonders geschmack*
voll ging P. J. Mariette vor: // les ßxait hii= meine sur les feuilles de carton
bleu encadrees dun ßlet d'or e d'une tinte rappellant la couleur dominante. I.e
nom de l'artiste etait inscrit dans un cartouche dessine avec goüt.*^ Einen der
wenigen Belege bietet eine Frankfurter Zeichnung von Fra Bartolommeo (451)
mit der Schildchenaufschrift: Fuit olim Ci. X'asari, nunc P. J. Mariette. Aber
auch bei der Kartonausstattung verfuhr man oft gegen alle Kegeln der Konser»
vierung, indem die aus den Bänden gewaltsam entfernten Blätter rücksichtslos
beschnitten, gewaschen, retouchiert oder gar völlig überzeichnet wurden; noch
' \■.l^ y\i\. I. 25}>. n. 2.
- Baldinucci I. p. 4. - Reiset, op. cit . p. Xl.lil.
^ Catalogus der teckcningen etc.. von (^ornclis l'Ioos van Amstel. .\mstcrdam ISOO.
* BonnaHe, p. lOS. '• Reiset, op. cit.. p. XiV.
■■' Ploos van Amstel hcsal^ aul^er seinen '•^ Kunsthocken ^ zahlreiche «»Omslagcn». die er
mit Buchstaben heicichnet hatte.
' Reiset, op. cit , p. XXl.
" Fagan. p. 34. — L. Clement de Ris. I.cs Amateurs d'autrciois. I'aris 1S77. p. ^-KV
656 Die Sammler.
grausamer verfuhr man mit Skizzenbüchern. Und was der Liebhaber nicht
vollbrachte, das leistete sich der Händler, um beschädigte Stücke wieder auf
den Glanz herzurichten.
Konstatier Die Zusammengehörigkeit der heute in alle Welt zerstreuten Blätter einer
rung der alten Sammlung ist nur in den allerseltensten Fällen für die eine oder andere
Zusammen^ Q^uppe konstatierbar. Alte Inventare wie z. B. ienes der Antaldi?Sammlung,
gchöriekeit •
in Oxford als Manuskript aufbewahrt, gehören wohl zu den größten Selten*
heiten.^ Ebenso geben gewisse äußere Kennzeichen, falls noch sichtbar, wie
z. B. Vasaris Umrahmungen oder die Lettern R. V. für eine Gruppe Raffael*
Zeichnungen^ oder daraufgesetzte ausgeschriebene Künstlernamen von gemein*
schaftlicher Handschrift noch einen Hinweis auf ihre Herkunft. Schwieriger ist
Sammler; es, aus Preisziffern und Nummern einen Zusammenhang herauszufinden. Erst die
marken, handschriftlichen oder eingedruckten oder trocken eingestempelten Marken, die
nach Fagan um 1600 beginnen, gestatten einen absolut sicheren Schluß auf die
Zusammengehörigkeit, weit bestimmter als alte Auktionskataloge mit ihren oft
nur summarisch angegebenen Bezeichnungen wie: «4 Stück Köpfe, 5 Land*
Schäften etc.» Alte Sammlermarken schützen vor dem Verdacht einer modernen
Fälschung, aber nicht vor einer alten Kopie. Nur in wenigen Fällen gelingt
es, Zeichnungen hinsichtlich des Besitzwechsels durch Jahrhunderte hindurch
bis auf ihren Urheber zurückzuverfolgen, wie z. B. die Dürer*Zeichnungen der
Albertina oder einige Raffaels, z. B. die Studie zur Disputa in dem Stadel*
sehen Institut (Nr. 379).=^
Reproduk; Gutsituierte Künstler und Sammler besaßen den Ehrgeiz, eine Auswahl ihrer
tionen. Originale durch Stecher und Radierer reproduzieren zu lassen. Man begann
damit schon im 16. Jahrhundert, denn das Stechen nach Zeichnungen berühmter
Meister hatte für die Graphiker immer einen besonderen Anreiz. Handelte es
sich zunächst auch nicht um Faksimiles, da auf der Platte eigene Zutaten, Hinter*
gründe oder Vereinfachungen angebracht wurden, so bildeten dieselben doch
eine Vorstufe für die eigentlichen Reproduktionen. Marcanton stach nach Zeich*
nungen Francias, Raffaels und nach Michelangelos Karton die Gruppe der
Kletterer. Seine Freiheit in der Behandlung der Vorlage steht im Gegensatz
zu dem Begriffe Originalwirkung und doch entwickelte sich auf diesem Umweg
die weitere Form möglichst strichgetreuer Nachahmung. Simon Guillain arbeitete
um 1646 in Rom nach An. Carracci*Originalen.'* Besonders zahlreich erschienen
derartige Publikationen im 18. Jahrhundert, so in Paris die zweite Folge der
Jabach*Zeichnungen von 1754,^ Cabinet du Roy (Louvre) 1763, Mariette 1775,
Basan (s. a.), A. Neyman 1776; in Venedig von A. M. Zanetti 1749, 1785
und 1786; in Amsterdam von Ploos van Amstel 1765; in Dresden Graf
' Abgedruckt in: J. C. Robinson, A critical account ot the Drawings by M. Angelo
and Raffaello. p. 343.
'^ Fische], Raphaels Zeichnungen, Einleitung, S. 1.
' Raffael, De Viti, Crozat, Mariette, Lagoy, Dimsdale, Lawrence, König Wilhelm II., Städcl.
* Diverse figure al numero di 80 disegnate di peima da Ann. Carracci, intagliate in rame
e cavate dagli originali da Simone Guilino, Roma 1646, kl. Fol.
■'' Die erste war zu Lebzeiten Jabachs durch Ch. Macc radiert worden: Recueil de
283 estampes grav. ä l'eauforte.
Die Sammler. 657
Brühl 1752; in Nürnberg von Praun 1776; in VC'ien Adam Bartsch 1782;
in London Claudes Liber veritatis 1777. Im folgenden Jahrhundert steigert
sich die Anzahl der Ausgaben, zumal sich die öffentlichen Sammlungen daran
beteiligen. An Stelle der Stiche und Radierungen tritt nun die Lithographie.
Eine Vollständigkeit der Aufzählung konnte mit Rücksicht auf das überreiche
Material hier nicht angestrebt werden und ich verweise in erster Linie auf die
fleißige Zusammenstellung in dem bereits zitierten Werke Rudolf W'eigels. So
unzureichend diese einzelnen Folgen gegenüber der präzisen photomechanischen
Reproduktion uns heute auch erscheinen mögen, so bieten sie uns doch zwei
Vorteile: den Einblick in alte Bestände und einen Ersatz für verloren gegangene
Originale.
Mcdcr, Die llandzcichnuni;.
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Nach Zeiche JxOPIEN. Nach dem im Kapitel .Zeichnerische Vorstufen' behandehen
nungen. Entwicklungsgang eines Künstlers darf es nicht Wunder nehmen, wenn sich
heute in guten alten Sammlungen wie auch in kleineren PrivatkoUektionen eine
recht beträchtliche Anzahl von Zeichnungen zu dem Kopienmateriale bekennen
muß, einem Material, das leider von Jahr zu Jahr immer bedenklicher anschwillt.
So manche «Perle» vornehmen Besitzes, durch Jahrhunderte geschätzt, gut gefaßt
und gesichert, entpuppte sich eines Tages dem kritischen Auge als Nachzeich*
nung. Das heutige exakte Studium, ein reicher photographischer Vergleichs*
apparat sowie weitgehende Forschungen auf dem Gebiete der Gemäldekunde
reißen manche erste Namen in den Staub und bereiten der betreffenden Museal*
leitung — bei aller Liebe zur Wahrheit — mitunter recht wehmütige Stunden.
Und gerade die alten nordischen Sammlungen haben an diesen traurigen Er*
fahrungen viel voraus. Die Gesichtspunkte ihrer Gründer waren oft einseitige,
die Fachkenntnis eine geringe, geriebene Vermittler meist die Berater der über*
eifrigen Liebhaber. Man ging auf Berühmtheiten aus und bevorzugte fleißig
ausgeführte Zeichnungen, von der irreführenden Meinung befangen, daß alle
Großen auch Freunde eines peinlichen Pinsels oder eines minutiös zeichnenden
Stiftes gewesen seien und daß gerade hierin ihre Meisterschaft liege. Daher
kommt es, daß eine so berühmte Sammlung wie die Albertina in ihrem alten
Inventar an 126 Raffael* Zeichnungen anführt, in Wirklichkeit aber kaum
20 Originale aufzuweisen vermag. Bei solchen Opferungen auf dem Altare
der Kritik darf man es als ein Glück bezeichnen, wenn aus Meisterzeichnungen
Schülerwerke werden und wenn sich von dem Typus eines großen Schulhauptes,
der sich im Laufe der Zeit durch Vermischung seiner Arbeiten mit jenen seiner
Jünger und Nachahmer getrübt — allmählich die verschiedenen Einzelkräfte
wieder ablösen. Es vergeht kein Jahr, daß nicht von dem Gesamtwerk Rem*
brandts Blätter abgestrichen und einem Schüler oder gar einem Kopisten zu*
geteilt werden. Auch ein Künstler wie Altdorfer, immerhin ein Schulhaupt,
mußte in den letzten Dezennien Zeichnungen an wiedererstandene Schüler wie
Wolf Huber, Meister I. Z. u. a. abgeben.
Original Es soll daher bei jedem Spezialstudium eines Meisters, bei der strengen
oder Kopie. Fixierung seiner Werke, wozu heute mehr als je das Handzeichnungenmaterial
herangezogen wird, stets die kritische Frage vorangestellt werden, ob Originale,
Kopien oder Nachahmungen vorliegen. Gerade in dem ausgedehnten, un*
übersichtlichen und daher so wenig durchgearbeiteten Gebiete der Zeichnungen
drängt sich diese Notwendigkeit auf. Die Masse offenkundiger Kopien erzeugt
Kopie, Pasticcio und Fälschung. 659
berechtigtes Mißtrauen und just über Blätter erster Meister die schwankendsten
Urteile. Selbst die mit größter Gewissenhaftigkeit und unter Heranziehung aller
Behelfe gearbeiteten Kollektivausgaben und Kataloge von Dürer, Rembrandt,
Raffael mußten sich berechtigte Abstriche gefallen oder manches Fragezeichen
anhängen lassen.
Sammler und Kustoden stehen vielen Fällen ratlos gegenüber. Man weicht
der Angelegenheit oft in der Weise aus, daß man zweifelhafte Blätter in die
Abteilung der minderwertigen stellt und so kurzerhand mühevolle Erörterungen
erspart, unter welchen Voraussetzungen und in welcher Absicht diese miß*
liebigen Kopien entstanden sein könnten. Weit schwieriger und verantwortungss
voller erscheint die Aufgabe, wenn Ansichtsendungen mit wünschenswerten
Ergänzungen, guten Namen und günstigen Preisen zu rascher Entscheidung
drängen und eine sichere Prüfung erheischen. Hier Verhaltungsmaßregeln geben
zu woljen, wo nur durch jahrelanges Studium und Beobachten erworbene Er#
fahrungen maßgebend sein können, wäre ein eitles Bemühen. N'icle der hier
in Betracht kommenden unscheinbaren Einzelheiten liegen ebenso wie die
realen Erkennungszeichen in jedem Falle anders und entziehen sich der Ver*
allgemeinerung.
Indes soll eine Originalzeichnung alle inneren und äußeren Merkmale aub .^\crkmalc.
weisen, die ein unmittelbares ErHnden, ein bewußtes Gestalten innerhalb ihres
Zeitstiles und Schulkreises kennzeichnen: Persönlichkeit des Ausdruckes, Ur«
sprünglichkeit der Form und Bewegung, organischen Aufbau, wie es die rasch
und energisch schaffende Phantasie erheischt, Freiheit der Strichführung, ohne
jede Rücksicht auf Entwurf und Pentiment.
Sie darf nicht enthalten: einen zeitfremden Ausdruck, besonders in den
Gesichtern, pedantisches Bestreben, das Wesentliche und Unwesentliche gleich*
mäßig auszuführen, mißverstandene Partien, iHachheit der Gesamtführung durch
die gleiche Behandlung von Vorder* und Hintergrund, Unsicherheit oder gar
Ängstlichkeit in der Linie, harte, durch wiederholtes Ansetzen verdickte Kon*
turen, auffallend falsche Verhältnisse mit der dem Kopisten eigenen Neigung,
den Maßstab während der Arbeit zu vergrößern, Cberflul^ an Schatticrungs*
strichen, Linien*Konfusion an komplizierten Stellen, Vorzeichnungsspuren selbst
für nebensächliche, im Originale rein zufällig entstandene Schnörkel.' \'er*
gleiche Abb. 320 und Abb. 321.- Gerade das genaue Beobachten von Linien
mit starken Biegungen ist belehrend. Das wiederholte mühsame Ansetzen der
Feder an solchen Stellen, das verbessernde Abrunden der entstandenen Ecken
verraten sicher den Kopisten (Abb. 322).'' Es gibt Beispiele, wo man dem
' Um 1762 sagte m.in ungefähr so: Un dessein peine. fait loutJtment. incoirecl, sjns
esprit et sans touche est sürement ime copie- . . . I.es premicres pensecs, les esqiiisscs fjUcs
d'un trait de pliimc ou de crayon, par la franchise de la main pciiwnt etre rvsardecs commc
oriiiinales. D'Argcnville: Abrege I, p. lA'III ff.
- Aus Oxf. Dr. 11, Tat. 11 und 12. Die Konturen der Kopie entstanden durch Pausen.
Taf. 11 aus Coli. Antaldi. Jose of Amsterdam. Lawrence. - Robinson. c:at. p. 169. Nr. 47;
p. 518, Nr. 7. - Fischcl, Kaphaels Zeichn.. Kritik. S. 31. Nr. 61.
^ Aus einer alten Kcmlir.indtKopie auf Schclknkappenpapier: Parabel vom ungebetenen
Ilochzcitsgast, Albertina. Inv. Nr. 8801. Ausschnitt. Naturgrol^c.
42*
660
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Original zuliebe, vielleicht auch aus weniger harmlosen Gründen, sogar Penti=
mente genau nachzeichnete (Abb. 321 Kopf des Johannes),
Abb. 320. Raffael, Studie zur Madonna mit dem Stieglitz. Oxford.
P>kcnnungS5
Hilfen.
Wer je nach Originalen gezeichnet hat, wird in der Erkenntnis dieser Dinge
manchen Vorteil voraushaben und Differenzen herausfühlen, die sich weder
dozieren noch beschreiben lassen; er wird auch aus der allgemein geltenden
Übung, Original und Kopie in photographischen Nachbildungen nebeneinander
zu halten, grölkren Nutzen ziehen, weil der Unterschied nirgends so deutlich
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
661
zum Ausdrucke kommt als auf dem Wege der Reproduktion. Das Flache
Flaue tritt hier auffallend hervor. Glücklicherweise ist uns fiir einreine Meister
ein gesichertes Vergleichsmaterial erhalten geblieben, um an demselben das
V:-j^
Abb. 321. Kopie von Abb. 520. Oxford.
Auge 2u üben und sich in zweifelhaften Fällen zu orientieren. Schwieriger
sind Zeichnungen zu prüfen, wenn dasselbe mangelt. Außer den bereits an«
geführten Kennzeichen müssen dann auch rein äußerliche Anhaltspunkte wie
Papier, Wassermarken, ( irundierungsvcrfahren, /cichenmittcl befragt werden,
ob sie zeitlich konkordant sind.
662
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Mehrfache
Kopien.
Stecher;
kopien.
Nicht uninteressant für das vergleichende Studium sind Fälle, wo gleich
mehrere Zeichnungen um die Echtheit streiten. Dieselben in guten Abbildungen
nebeneinander zu stellen und Partie um Partie zu überprüfen, gewährt dem Auge
eine gute Schulung. Der seinerzeit wohlgemeinte Brauch, die relativ beste als
Original hinzustellen, wird heute nur vorsichtig aufgenommen. Beispiele wie
die vier Judith^^Blätter nach Francia oder die drei Exemplare des Löwen nach
Rembrandt^ beweisen, daß das Original auch verloren gegangen sein kann.
Oft ergeben sich scheinbare Rätsel, so z. B. wenn die Kopie dem Original
gegenüber im Gegensinne erscheint. Erst der zur ersteren gefundene Kupfer*
stich erklärt die Frage. Gerade die Graphiker sind es, die eine Flut von Kopien
nach Zeichnungen und Stichen
in die Welt gesetzt haben.
Die Abstufungen von einer
glücklich nachempfundenen
Kopie bis zur kindischen
Nachahmung sind endlos und
darin liegt das Unleidliche
im Umgang mit dieser Ma*
terie. So leicht mühsam her*
vorgebrachte Kopien auszu*
schalten sind, so kompli*
ziert werden Fälle geschickter,
scheinbar improvisierter Fe*
derzeichnungen. Das seinerzeit
hochgeschätzte Callot*Skizzen;
\\ m. • '/ ■ ' ' / //^ /' buch der Albertina wurde
MJu I /// ' ' / // 1^ ^^^* ^^ Jahre nach der von
yP ■/ ''■'■ ' ^ / i^/// 1^^?"^ Thausing publizierten Aus*
• '^ ^^ / / //,'Y// J-Z>A. ^--p^ gäbe von O. Levertin als ein
Kopienwerk des Stefano della
Bella nach Callots Radierun*
gen und anderen Vorlagen
festgestellt.^ Eine besonders klippenreiche Partie lieferten jene Zeiten, in denen
man sich mit der Reproduktion von Originalen beschäftigte. Nicht immer
behalf man sich mit der Durchgriffelung und direkten Übertragung der Vorlage
auf die Platte, sondern mühte sich ab, vorher den Duktus mit Anschwellung,
Auslauf und allen Zufälligkeiten auf dem Papiere einzuüben, um der Schwierig*
keiten leichter Herr zu werden. So technisch richtig dieser Weg war, so ge*
fährlich wurden die Produkte. Man braucht nur die Nachahmungen Bartolozzis,
der über 100 Guercino*Zeichnungen reproduzierte, zu betrachten, um das Ver*
fängliche solcher Resultate zu begreifen (Abb. 135).
", /,
Kopistenstriche aus einer alten
RembrandtsKopie.
' Liegender Löwe in der Albertina, Teyler Museum und Auktion Boerner 27. Juni
1899. Kat. Nr. 462. Vgl. Hofstcde de Groot, Nr. 1465-1467. Nach ihm das Original ver*
schollen.
''■ Thausing, Livre d'Esquisscs de Jacques Callot, Paris 1880 und Oskar Levertin, Stock*
holm, Callots Skizzenbuch in der Aibcrtina (Zs. f. b. K., N. F. 1904, 15. I, 177).
Kopie, Pasticcio und Fälschung. 663
Eine andere, ihrem Zwecke nach wesenthch verschiedene Kopierung von Ersat:»
Originalen war jene von Seite der Besitzer berühmter Blätter veranlaßte Kopien.
Wiederholung. In der Voraussicht, dalS sie sich gelegentlich davon trennen
sollten, ließen sie von besonders geschätzten Studien Kopien anfertigen. Anders
können wir z. B. die aus der Sammlung De Viti stammenden RaffaeL-Kopien
nicht erklären, die gleich auf die Rückseiten der noch behaltenen Origmale
gezeichnet wurden.' Desgleichen erfahren wir aus einem Brief E. Jabachs vom
10. März 1671, daß er sich 64 Kopien nach Raffael und Giulio habe machen
lassen (que j'avais fait faire avec soin pour m'en servir im jout au defaut des
originaux),- bevor er, finanziell gezwungen, die Sammlung an Ludwig XIV'.
abgab. Ebenso wurden einige Partien des Chatsworther Van Dyck^Skizzen«
buches angeblich von dem Sammler fiugh Howard kopiert^ (derzeit im Print*
room), pour s'en servir? Heute läßt man die Lieblingsstücke photographieren.
Leider gerieten solche Veranlassungen in Vergessenheit und schon nach einer
Generation tauchten die Kopien da und dort als Originale auf.
Von den freien Kopien sind die Pause; Kopien zu unterscheiden, die von Pausekopien,
jungen Gehilfen, Kupferstechern und ebenso von Fälschern herrühren. Bietet
sich die Gelegenheit, eine nach der Kopie angefertigte Oleat^Schablone auf das
Original zu legen, so wird sich die auffallende Deckung aller Formen sofort
erweisen. Häufig begegnen uns solche nach Rembrandt, so «Esau verkauft
Jakob das Recht der Erstgeburt», Original im Museum Fodor, Amsterdam
(Rembrandt Handz., III. Folge, 87), Kopie im Brit. Mus. (I. Folge, 106); oder
Job wird von seiner Frau verspottet (Orig. in Stockholm, Kopie Alhertina).
Wichtig für die Forschung ist die Feststellung und wissenschaftliche Aus* Nach
nützung zeichnerischer Kopien nach Gemälden. Halten sich die Kopisten im Gemälden,
allgemeinen auch möglichst genau an ihre X'orbilder, so muß hier doch bemerkt
werden, daß sich bei jedem freien Nachzeichnen, namentlich im verschiedenen
Maßstab, von selbst Differenzen ergeben, die durch Ungeschick, Flüchtigkeit,
Licht* und Raumverhältnisse, Zeitgeschmack noch gesteigert werden. Neben
diesen unbeabsichtigten Abweichungen treten auch Änderungen, willkürliche
Auslassungen auf, die sich der Kopist schon im Hinblick auf eine geplante
Verwendung gestattete. Gerade diese Flüchtigkeiten und Abweichungen, bc*
sonders bei Einzelfiguren oder Körperteilen, machten es oft schwer, den Glauben
an ein Original aufzugeben, wobei noch alte Notizen, alte Bezeichnungen als
scheinbare Signaturen verführerisch mitsprachen.'' Hier ist die sorgfaltigste
Prüfung vonnöten. VC'er den Weg von allem Anfange gründlich betreten will,
halte sich die Frage vor Augen: gibt es beglaubigte Originalzeichnungcn dieses
Meisters? Die Heranziehung derselben wird eine rasche Entscheidung bringen.
' Fischel, Raphacis Zeichnungen Taf. 15. Feder, als Rückseite einer echten Silbcrslilt»
Zeichnung Tat. 16, Lille.
* Abgedruckt in Frederic Reiset. Noticc. p. XI 11 und XI \'; v^l l'assavent 11. 5-H 5.
' A Description of the Sketch^book by Lionel Cust, London 1902. p. 3.
* So konnte z. B. in das Zeichnungcn-Corpus A. Dürers unter L. 354 eine unbeholfene
Silberstiftkopie als aKntwurf zum Heller^Altar* geraten, trotz aller Bedenken, die in dem
zugehörigen Texte bereits angedeutet sind.
664
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Erkennungs=
wege.
Fehlt das Vergleichsmaterial, kann der Weg zur Erkenntnis langwierig werden.
Die Gesichtspunkte sind auch hier mancherlei Art. Der Kopist, der eine fertige
Komposition vor sich sieht, zeichnet stets anders, als wenn er Selbständiges
entwerfen würde, und man vermag aus der nachtastenden Linienführung mit
häufigem An* und Aussetzen, aus einer überflüssigen Ausführung besonders im
Kontur, aus falsch verstandenen Stellen, aus dem Mangel an Pentimenten nicht
unschwer eine Nachzeichnung zu erkennen. Meist interessiert den Kopisten
nicht das ganze Gemälde, er wählt nur einzelne Figuren, Köpfe^ und Be?
wegungsmotive in auffallend unsachlicher
« |; ^ „^:. * Zusammenstellung. Eine häufige Erschein
I * >* ' nung ist das Fehlen landschaftlichen oder
architektonischen fiintergrundes und der
Basis. Die herausgehobene Figurengruppe
erscheint oft wie silhouettiert auf der
Papierfläche. Ein kurzer Ansatz zu
einer nur im Gemälde vorhandenen
Nebenfigur erweist die Entlehnung. Ab?
bildung 323 zeigt an der linken Schulter
des Bischofs den anstoßenden Kontur
des hl. Georg aus dem Bilde Abb. 324.^
Ein Stück Architektur, welches eine Figur
scharf abschneidet,^ eine charakteristische,
nur durch eine bestimmte Komposition
motivierte Bewegung oder sonstige Detail*
hinweise auf ein vollendetes Kunstwerk
bilden weitere verräterische Kennzeichen.
Berühmte alte Beispiele sind die söge*
nannten Leonardo *Köpfe in Straßburg und
Weimar, welche nach dem Abendmahl
kopiert wurden. Einzelne Bemerkungen
der Kopisten über selbsterkannte Fehler
wie: piü longo (Uff. 1326) oder piü corte,
Notizen über Farbenangaben, meist nur
durch Anfangsbuchstaben und Pfeile an*
gezeigt, oder, wie schon erwähnt, über Ort und Aufstellung der Vorlage^
geben gleichfalls deutliche Anhaltspunkte. Auch zeichentechnische Kennzeichen
\
t4 4
#
Ä^'.M
Abb. 323. Anonyme Kopie, St. Ludwig,
nach dem PesellinojBild.
'■ Z. B. Drei Köpfe aus einer Anbetung Jesu, welche schon durch die gemeinschaft«
liehe Richtung ihres Blickes, durch ihr in der Luft hängendes Dasein ihren Ursprung
verraten; als Original des Dirck Bouts abgebildet in der StädeUPublikation V, 6.
^ Diese typische Kopie galt noch vor einigen Jahren als Original, allerdings wegen
ihres schlechten Zustandes in Frage gestellt (Mackowsky, Zs. f. b. K., N. F. X, S. 81).
Pinselzeichnung im Louvre, Bild in London, Captain Holford.
^ Z. B. die RaffaeUKopie: Die Wasserträgerin aus d. Borgobrand, in der 1893 erschiene?
ncn Ausg. «Handz. alter Italiener i. d. Uffizien», v. Bayersdorfer (Taf. 14) als Orig. publiziert.
* Auf einer Louvre^Zeichnung des Louis Jacques Dumareau nach Fr. Trevisani lesen
wir: Pinxit in aede Monatium S. Silvestri, Romae Franciscus Trevisani (Vgl. Invcnt. gcncral
de Dessins du Musce du Louvre V, p. 83, Nr. 1953 und 3954).
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
665
sind zu beachten. Am schwierigsten gestaltet sich das Erkennen bei Kopien
aus dem 17. und 18. Jahrhundert, also jener Epoche, wo die Sucht, alles -u
itahsieren, auch die Zeichnung ergriffen hatte und Vlämen, Holländer und
Franzosen in Florenz und
Rom den Rötel und die
Kreide so frei handhabten
wie die einheimischen Kunst*
1er. Nur hervorragende oder
zeichnerisch individuelle Mei*
ster mit der eigensten Hand*
Schrift ihrer Persönlichkeit
ermöglichen es, eine richtige
Diagnose zu stellen. Rubens',
Van Dycks, L. Bramers Stu*
dien aus Italien lassen sich
leicht zusammenfinden. In
der Mehrzahl der Fälle aber
müssen wir uns mit der
Feststellung von Nationalität
und Schule begnügen.
Der Wert der Kopien
für Forscher und Sammler
kann so relativ und wech*
selnd sein, daß sich nur
von Fall zu Fall eine exakte
Beurteilung ermöglicht. Eine
wertvolle Gruppe bilden
jene, die uns für verloren*
gegangene Zeichnungen und
Gemälde einen komposi*
tionellen Ersatz bieten.
Die heutige Forschung greift
bei dem Studium eines Mei*
sters gerne in das Kopien*
material, um Rekonstruktio*
nen zu schaffen.' Hat man
doch Werke hervorragender
Meister nicht bloß der Übung halber kopiert, sondern auch, um entfernt wohnen»
den Käufern eine Vorstellung des Originales zu geben. -
' So geben uns eine Rubenszeichnunt; (I.ouvrc) von dem Kcitcrkampf Leonardos, oder
Rubenskopic (A.) nach Tizians Schlacht bei Cadore (A. P. 994). oder eine anonyme
Zeichnung in München nach Tiepolos Hild in .San Salvatore in N'cncdiK: St. Aiif;uNtiniis
noch eine Vorstellung dieser Werke. K. Sack. Ticpolo S. 69 und Abb. 141. — O. Fischcl
hat in seiner reichen Zusammenstellung: «Zeichnungen der l'mhrcr» tief in das Kopien,
material gegriffen, um l\'ruginos Werk zu erweitern.
* Hainhüfer sendet wegen Ankaufs eines Dürcrbildes eine Zeichnungskopie an seinen
Herrn: hicmit ein ahril^ von ainer tafel die Albrccht Dierer soll gemacht haben (S. n?).
Abb. 324. Fr. Pescilino. Madonna mit vier Heiligen.
Biidausschnitt.
Bewertung.
666 Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Kopien können direkt zu historischen Dokumenten werden, wenn sie gleich*
zeitig alte Notizen über Autor, Aufstellungsort oder sonstige Bemerkungen
enthalten. Bei ins Schwanken geratenen Benennungen alter Kunstwerke ,ver?
helfen die vom Kopisten notierten Bemerkungen mitunter zu einer gewissen
Klarheit.^ Im Laufe der Zeit auseinandergerissene und verschleppte Teile von
vielteiligen Altarwerken finden durch vor dem noch unversehrten Original
entstandene zeichnerische Kopierungen wieder ihre Zusammengehörigkeit.^ Für
den Kopisten selbst, falls sein Name aus der Zeichnung bestimmbar ist, er?
wachsen allerlei biographische Aufklärungen über seine Wanderschaft,^ über
Einflüsse, die er empfangen, und welche Werkstätten er besuchte. In Ver#
bindung mit anderen Quellen verdichten sich derartige Skizzenbuchfragmente
zu bestimmten Forschungsresultaten. Leider entbehrt der größte Teil der auf*
gelösten Reisebücher durch Verstümmelung und Beschneidung der einzelnen
Blätter vieler wertvoller Notizen, so daß — besonders in nordischen Sammlungen
— die Mehrzahl als unausgenütztes Material in den Mappen liegen bleibt.
Schwankende Von der unschuldigen Kopie, die eines Tages mit oder ohne Absicht zur
Formen. Fälschung werden konnte, bis zu der in weniger harmloser Weise ausgeführten
Nachahmung ist kein weiter Weg. Offene Flüchtigkeit der Kopisten kann
nur zu leicht mit der auf Täuschung gerichteten Freiheit der Fälscher ver*
wechselt werden. Einerseits geben sich Sammler, die nichts von Fälschungen
wissen wollen, gerne noch mit Kopien zufrieden, anderseits wittern temperament*
volle Experten in jeder Kopie Schlimmes und scheuen vor keiner noch so un*
begründeten Verurteilung zurück. Mangel an Erfahrung, namentlich gewisse
zeitliche Vorfälle können zu solch wechselnden Auffassungen führen. Sobald
irgendein Aufsehen erregender Betrug den Markt aufschreckt, erwachen Miß*
trauen und Kritik gegen das zeichnerische Material, um nach kurzer Zeit aber*
mals der Leichtgläubigkeit und Eitelkeit, diesen unwandelbaren Sammler*
eigenschaften, Platz zu machen.
Verfälschung. So wenig eine harmlos entstandene Kopie eine Fälschung bedeuten kann,
so gerät sie doch in das gefährliche Gebiet der letzteren, wenn sie geschickte
Zutaten und Bearbeitungen erfahren hat, um eine Täuschung hervorzurufen
(Verfälschte Kopien). So wenn auf Raffael*Kopien das der Urbiner Familie
* In dem Skizzenbuch Van Dycks Taf. VIII heißt es bei einem kreuztragenden Christus:
Giorgion; eine Bestätigung, daß jenes in San Rocco zu Venedig befindliche Bild, über
dessen Namensgebung zwar Vasari zwischen Tizian, Palma und Giorgione schwankte,
noch im ersten Viertel des 17. Jahrhunderts Giorgione zugeschrieben war, was auch der
heutigen wissenschaftlichen Kritik am nächsten kommt.
' O. Fischel konnte aus einer unbekannten Windsor^Zeichnung mit zwei Draperien
seine sonstigen Gründe für die Zusammengehörigkeit der Florentiner Krönung Maria von
Fra Filippo mit der Berliner Predella erhärten (Amtl. Berichte a. d. kgl. Kunsts. Berlin,
XXXIII, 172). — Eine anonyme Kopie nach Sartos Vallombrosa^Tafelbild (A.), von dem
heute nur mehr drei, teilweise sinnlos zusammengefügte Fragmente sich in der Florentiner
Akademie befinden, gibt uns eine Vorstellung der ursprünglichen Zusammensetzung nebst
Orts* und Zeitangabe (Wickhoff, Ital. Handz. der Albertina II, Sc. rom. 181. - Abbildung
der Gemäldcfragmente und der Zeichnung in Guinness, A. del Sarto, S. 46).
* Auf einer Joseph Heintz^Zeichnung: «nach Polidor Joseph Heintz Rom 1585», auf
einer zweiten: «Joseph Ileintz Rom 87 noch raphl in Camer del papa» (Albertina).
Kopie, Pasticcio und Fälschung. 667
Antaldi zugeschriebene, gut khngende Sammlerzeichen R. \'. unten in eine
Ecke gesetzt wird.^ Oder, der gewöhnHchste Fall, wenn Signaturen angebracht
werden. Daß Kopien schon im 17. Jahrhundert als Originale in größere Samm::
lungen gelangten, erzählt Malvasia von den Zeichnungen des Reni^Schülers
Sebastiano Brunetti, der eine so schöne Art zu zeichnen hatte, daß er mit
seinen Kopien nach alten Meistern, die von Händlern erworben wurden, oft
sehr Erfahrene täuschte und damit ausgezeichnete Studiensammlungen «ver*
pestete».- Die Fortsetzer von Neudörfters Nachrichten (1660) sagten von Hans
Hoffmann, daß er Dürer so fleißig nachkopiert habe, daß viele seiner Arbeiten
für Dürerische Originalien verhandelt wurden.
Auch im 18. Jahrhundert lagen die \'erhältnisse hiefür noch recht einfach
und günstig, so daß die verfälschenden Malerhändler den emsigen Sammlern
gegenüber leichtes Spiel hatten. Bei der Durchsicht mancher in jener Zeit
zusammengestellten Erwerbungen fühlt man sich stets versucht zu fragen, ob
die Unkenntnis der Käufer oder die Ungeniertheit der Lieferanten eine größere
war, die den Originalen einen entsprechenden Prozentsatz von Kopien und
Verfälschungen beizumischen verstanden.
Nachahmungen (PASTICCIO). Außer Kopien werden mit und Pasticcio.
ohne Absicht vornehmlich Nachahmungen, Pasticcio^Zeichnungen als
Meisterzeichnungen ausgegeben. Sie haben das Gefährliche an sich, daß sie
neben der Manier eines hervorragenden Künstlers eine gewisse Freiheit
der Erfindung an sich tragen. «Kann man auch nicht den Geist großer Männer
nachbildend erreichen, so gelingt es manchmal, ihre Hand nachzuahmen, die
Manier ihres Pinsels, die Anwendung der Farbe und das Hinsetzen der Striche»
(Wateletj.'' Gerade im 18. Jahrhundert galt es als rühmliche Geschicklichkeit,
sich das äußere Gepräge alter Meister anzueignen. Man prunkte damit, auch
ein anderer sein zu können. Man prunkte in seinen eigenen Produkten mit
der Anwendung von Effekten beliebter Gemälde und Zeichnungen. Es war ein
selbstgefälliger Historizismus, sich in alten Formen aussprechen zu können.
Galt auch das Zeichnen in fremder Manier als traditionelle t'bung und
hatten alle Schulhäupter ihre harmlosen Nachtreter, so war es doch ein Unter*
schied, ob sich das Nachempfinden und Nachahmen in derselben Zeit und
unter dem lebendigen Einflüsse einzelner Meister vollzog, oder ob man sich
in retrospektiver Weise und besonderer Absicht alte X'orbildcr heraufholte.
Der erstere Fall ist natürlich, der zweite gesucht und erregt Verdacht. Die
Grenze zwischen freier Nachahmung und Fälschung ist papierdünn. Kaum daß
derartige unsignierte Blätter in fremde Hände kamen, wurden sie bei Unwissen*
den zu Originalen oder bei Spekulanten zu erwünschten \'erkaufsartikeln.
Die Meister, deren Zeichnungen sich besonderer geschäftlicher Beachtung Nach.
erfreuten, waren ungefähr dieselben, deren Ciemälde für Cialerien des 18. Jahr» .ihmunKcn
in Italien.
' Robinson. A critical account. p. 342. - Fische!. KAph.icls Z. (Rcpr). Text z. Abt. I. S. 7».
- Malvasia III, 561.
=» Derselbe spricht in seinem Dictionn. des Arts (111. p. 1) zwar nur von den Pistuhes
in Bezug auf die Gemälde, doch char.iktcrisicrt er die I'asticcio.Malcr in kurser und scharfer
Weise: Comme sin^es ils etoienl pleins JaJressv. commc hommcs ih netoienl que midtocres.
668
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
im Norden.
hunderts gesucht wurden. Und darin hegt für den Forscher Grund genug zur
Vorsicht. Von den Itahenern waren es Raffael, Guercino, Guido Reni,
deren graphischen Stil man sich anzueignen suchte. Der Maler und Radierer
Giuseppe Cades (1750—1799) besaß für seine Zeit eine solche Fertigkeit im
Nachahmen der Manier alter Meister, die er sich durch eifriges Kopieren in
Rom und Florenz erworben hatte, daß seine Bilder und Handzeichnungen viele
Kunstfreunde zu täuschen vermochten. Besonders führten seine Raffael^Zeich*
nungen selbst bei Museal*
direktoren zu ergötzlichen
Irreführungen. ^ Palmieri,
später Professor in Parma,
machte 1775 dem Stecher
J. G. Wille, der eintauschte,
kaufte und verkaufte und
viele Paris passierende Ari#
stokraten versorgte, über Be*
Stellung Zeichnungen dans
le gout du Guerchin für ein
Louis, ^
Von den Deutschen kam
Dürer in Betracht, von den
Holländern Rembrandt,
Ostade, Dusart, Ber?
chem und Van Goyen,
von den Franzosen Wa 1 1 e a u
und Boucher. Insbeson*
dere die Rembrandt#Ma#
nier wurde von vielen
Künstlern geschätzt. Schon
zu seinen Lebzeiten kopier?
ten manche Schüler nicht
bloß seine eigenen Zeich?
nungen, sondern schufen
auch selbständige Kompo?
sitionen in dessen Eigenart,
die durch Jahrhunderte hin?
durch — viele bis zur Stunde — unter seinem Namen gingen; bloß deshalb,
weil sie eine fertige zeichnerische Handschrift, alte bis auf die Rückseite durch?
gedrungene Tinte und alte Wasserzeichen, Amsterdamer Wappen oder Narren?
kappe, aufwiesen. Im 18. Jahrhundert kam Rembrandt besonders stark in
Mode, indem man seine Gemälde und Radierungen nicht nur lejdenschaft?
lieh sammelte, sondern auch hinsichtHch der Technik und Beleuchtungsprobleme
Abb. 325. C. W. E. Dietricy. Ruhe auf der Flucht,
in Rembrandt «Manier.
> Ticozzi. Dizionario dei pittori, Milano 1818, I, 79. So verkaufte er eine seiner Raffael=:
Zeichnungen um 500 Zechinen.
'' J. G. Wille, Mcmoires et Journal publ. p. G. Duplessis, Paris 1857, 11. 1. 10.
Kopie, Pasticcio und Fälschung. 669
nachahmte. Dies förderte nicht zum geringsten Teile die zeichnerischen Pa#
sticcios. Man nannte solche Versuche «geistreiche Croquis in Rembrandts
Manier», durchwegs Arbeiten ohne jedwedes geschäftliche Interesse, da selbst
die Originale nur bescheidene Preise fanden.
Frankreich und Deutschland stellten auf diesem Gebiete nennenswerte Nach* 18. Jahr,
ahmer. Als einer der vielseitigsten sei C.W. Dietricy (f 1774) hervorgehoben, hundert,
der in Dresden gleich dem Italiener Cades und dem Franzosen Bergeret mit
großer Geschicklichkeit in der Manier verschiedener Künstler zeichnete und
Blätter schuf, welche seinerzeit täuschten, heute aber kaum mehr verblüften.
Er ahmte Rembrandt, Ostade, Van Goyen, selbst Watteau nach und hatte die
Ehrlichkeit, manches zu signieren. Die Albertina besitzt eine reiche Auswahl
seiner Pasticcios (Abb. 325).^ Für uns sind sie, auch unsigniert, leicht zu er*
kennen, da sie sich schon durch ihre modernen Zeichenmittel verraten. Seine
RembrandtsZeichnungen sind mit einer braunen Farbe, die an der Oberfläche
sitzt, und nicht mit Bister ausgeführt und seine geistlosen Figuren gleichen nur
dem Äußeren nach Rembrandt*Typen. Ebenso kopierte der Leipziger Akademie*
direktor Ad. Fr. Oeser (1717—1799) zuerst in faksimilierender Weise Rembrandt*
Zeichnungen, um dann auch eigene Erfindungen zum Besten zu geben. Beide
taten auf dem Gebiete der Zeichnung nur, was andere wie z. B. Johann Georg
Trautmann (1713 — 1769) in Frankfurt a. M. in der Malerei anstrebten. Der*
selbe ahmte Rembrandt, J. M. Molenaer, Brouwer, Ostade, Craesbeck, P. Quast,
A. V. d. Venne, G. Dou, E. v. d. Poel nach, Produkte, die auch unter diesem
Namen verkauft wurden.^
Von den Franzosen sind Norblin, Denon und Bergeret fast ausschließlich
Rembrandtisten; W. Baillie in London radierte gleichfalls in der Manier
dieses Meisters. Desfriches war ein schwacher Nachahmer von Ruisdacl
und H. Zachtleven (um 1770). Von den Holländern sei der Landschafter,
Zeichner und Stecher Paul Constantyn La Fargue (f 1782) genannt, dessen
Nachahmungen A. Guyps bescheidene Kenner zur Täuschung führten.
Mehr noch als das Bestreben, im Geiste eines bestimmten Künstlers zu Kcpro^
schaffen, boten die schon oben erwähnten, in der zweiten Hälfte des 18. Jahr* Auktionen,
hunderts in Italien, Paris, Deutschland, London lebhaft betriebenen Ausgaben
faksimilierter Handzeichnungen Veranlassung, sich in das Wesen und in
die Technik alter Meister einzuleben.^ So mancher vom großen Stab nach*
ahmender Stecher wurde übermütig und streute seine eigenen Produkte in die
Mappen der Liebhaber und Händler. Viele von ihnen waren selbst Sammler
und zutunliche Vermittler bei großen Herren. Es erscheint daher nicht un*
wichtig, die Mehrzahl dieser Zeichnungsstecher in der Fußnote anzuKihrcn.
ohne indes die ganze Gruppe zu Fälschern stempeln zu wollen.'
' Albertina, Inv. Nr. 396'5. Pinsel.
* Joh. G. Trautmann und seine Zeitgenossen von Kud. Ban^cl 1914 (Stud. :. d. Kunst-
gesch.. Heft 173).
' Zur Literatur: Gh. Blanc. Tresor de la curiosite. T. 1, ISST. r XWIII. K W cigcl.
Die Werke der Maler in ihren Handz . Leipzig \Sb5. S. 3.
« Italien: Bossi. (iius. Ganalc. G. B. Gipriani. Faldoni. G. G. Gcrli. Ign Ihiglord.
Mantelli. Mulinari. Santi Pacini. Kosaspina. Scacciati. Scotto. Silvester. Zompini Pari«:
670
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Dessina=
teurs.
Allgemeines. TÄLSCHUNGEN. Der Übergang vom Pasticcio zur Fälschung hing,
wie schon bemerkt, nur von Zufall und Gelegenheit ab. Daher kommt es,
daß das richtige Fälschertum in Zeichnungen gleichfalls erst Ende des 18. Jahr?
hunderts, also in einer Zeit begann, wo das Pasticcio blühte, wo gelegentlich
der lebhaft angestrebten kupferstecherischen Reproduktionen, im Vertrautwerden
mit den alten Manieren die selbständige Nachahmungslust erwachte, aber auch
der Geschäftssinn, die eigenen Produkte gelegentlich und gut zu verwerten. Ein
charakteristisches Bild für jene Zeit liefert Passavant, wenn er von dem Maler
Pierre Nolasque Bergeret (1780 — 1863) erzählt: «On sait, que M. Bergeret
avait une prodigieuse adresse pour faire des dessins de maitres, que les mar=
chands ont vendus souvent comme des origineaux». Dabei, heißt es weiter, war
Bergeret auf dieses Talent stolzer als auf seine gemalten Historien und hatte
ein eigenes Vergnügen, in Amateursammlungen seine Kopien oder Erfindungen
unter illustren Namen wiederzufinden und zu erkennen.^ Leider setzte er
nicht hinzu, welche Meister in Betracht kamen.
Seit jener Zeit lauten die Nachrichten immer bestimmter und die Beobach*
tungen seitens der Kustoden verdichten sich zu einer allgemeineren, deutlicheren
Erkenntnis. Sujets der verdächtigsten Art waren die sogenannten Dessinateurs
großer Kabinette, welche in dem beständigen Umgange mit Zeichnungen durch
Restaurierungsarbeiten, Aufmachungen bald das Nachahmungsgeschäft los hatten.
Da sie aber auch, wie z. B. von Le Febvre bekannt, selbst sammelten und Handel
trieben, so wird man dem einen oder andern kaum unrecht tun, wenn man ihn
der Fälschung zichtigt. Ja selbst einzelne Musealvorstände, bis in die zweite
Hälfte des vorigen Jahrhunderts durchaus Maler, betrieben das Handwerk und
lieferten ihre Produkte nach auswärts. Daß man bei diesem System, wo Böcke
die Gärtner waren, und bei der damals fast gänzlich ausgeschlossenen Kontrolle
auch gute Originale aus der anvertrauten Sammlung durch gefälschte Stücke
ersetzt haben mochte, darf gleichfalls nicht ausgeschlossen werden.
Ein ehemaliger Maler^Kustode eines holländischen Kafcinettes machte noch
um 1880 auf Geheiß eines in Paris lebenden Holländers, namens Franken,
ungen. j^^^-j^ holländischen Zeichnungen Kopien auf Schellenkappenpapier, die dann
von Paris aus nach allen Seiten hin vertrieben wurden. (Nach freundlicher
Mitteilung meines verstorbenen Freundes W. E. Moes in Amsterdam.) ^ Wahr?
scheinlich war ein Teil jener Zeichnungen, welche anfangs der neunziger Jahre
durch einen Wiener Agenten über München nach Wien gelangten, wo ich sie
kennen lernte und studieren konnte, solcher Herkunft. Sie zeichneten sich
alle durch einen gemeinsamen Aufputz, durch ein und dieselbe grelle Kolorie?
rung aus. Ob es nun ein Berchem, ein Vlieger, ein Goyen, ein Allaert van
Everdingen sein sollte, sie zeigten auf den ersten Blick eine von derselben
Hollän;
dische Fäl;
Basan, L. Bonnet, Cte. Caylus, Demarteau, J. Ch. Fran^ois, Garreau, Lempereur, Jean Pesne,
B. Picart. Deutschland: A. F. Oeser, Bartsch, LangenhöfiFel, M. Österreich, J.Th. Prestel.
Holland: Ploos van Amstel, M. Pool. London: W. Baillie, Bartolozzi, Mary Cosway,
Earlom, C. M. Metz, Rogers, W. Tomkins.
' Passavant, Vie de Raphael, Paris 1860, vol. I, p. 69. — Bergerets Sammlung wurde 1846
in Paris verkauft. Fagan, Collcctors' Marks, London 1883, Nr. 22.
"^ Der mir wohlbekannte Name wurde aus Rücksicht verschwiegen.
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
671
Hand herrührende Farbenstimmung. Diesen auf ahen holländischen Papieren
(Lilienwappen mit W. R. oder Schellenkappe) gezeichneten Fälschungen waren
einige echte, aber gleichfalls neu kolorierte Bisterzeichnungen beigemischt. Ab
und zu konnte man später auf Auktionen und selbst in kleineren Kabinetten
diesen Machwerken begegnen.
Einträglicher als alte Holländer — von Rembrandt abgesehen - waren die Französische
Nachahmungen der Franzosen des 18. Jahrhunderts: Watteau, Boucher und Fälschungen.
Fragonard. Ein junger bei*
gischer Künstler rühmte
sich offen vor Paul Eudel
seiner erfolgreichen Fäl*
schungen von Boucher?,
Lancrets und Pater^Zeich?
nungen. Fände er bei
Trödlern nicht Geschäfts*
bücher aus dem IS. Jahr*
hundert mit noch unbc*
schriebenen und unliniert
ten Blättern, so kaufe er
modernes, grobkörniges
Papier, räuchere es, ver*
senge wohl auch die Rän*
der, um sie abzubröckeln
und erfinde dann Zeichnung
gen mit Rötel oder schwär*
zer und weißer Kreide im
Geschmacke jener Zeit.
Der Händler füge dann
Anfangsbuchstaben oder
Namensabkürzungen hin*
zu und bringe die Zeich*
nung auf weißem Karton
mit Goldrand unter Glas
und Rahmen. Nach drei
Tagen seien sie in der
r
L
Abb. 326. Neuere Kembrandt« Fälschung. Albcrlina.
Regel verkauft.' Heute noch tauchen in Auktionen, ob von dieser oder von einer
anderen Firma herrührend, Boucher*Zeichnungen, meist Mädchenakte in Rötel
auf gefärbter Oberfläche (Rückseite weiß) oder auch .lux trois criiyons auf alten
grauen Papieren auf- Verzeichnungen in den \'erhältnissen, harte, wiederholt
überfahrene Konturen, grelle, der Patina entbehrende Lichter erwecken in dem
aufmerksamen Beobachter bald Mißtrauen. Pflegt man auch derlei >\ittcilungen
als Anekdoten oder gar als «Eudeliana» zu bezeichnen,^ weil sich die FäKcher
keine Zuschauer einluden, so ist es leider keine Anekdote, daß ihre Werke da
' Paul Hudci, Fälschcrkiinstc, I-cipzig 1909. neu hsg. von Arthur Kosslcr. p. 122.
* Ein cicrartJKcs Beispiel fand ich in der Auktion Müller 1913. Kaf. Nr. 273 auf T«f. ^^
^ Guenther Koch, Kunstwerke und Huchcr am Markte. FlMingen 1915. S. 69.
672
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Neuere
Fälschung.
Fälschung
von
Holz*
schnitten.
Schrift.
Fälschung.
Ihre
Herstellung.
und dort an die Oberfläche gelangen und daß sich das Fälschen alter Zeich*
nungen heute noch als einträgliches Geschäft fortsetzt, trotz aller Kennerschaft,
Kunstkritik und Vorsicht, wie auf allen anderen Gebieten der Kunst und des Kunst*
gewerbes. Paris hat die Gloire, hierin allen anderen Städten vorauszugehen.
Als Beispiel einer Rembrandt#Fälschung aus dem letzten Dezennium des
vergangenen Jahrhunderts diene Abb. 326. Sie trägt aller Wahrscheinlichkeit
nach Wiener Marke und sieht im allgemeinen nicht übel aus. Aber der Pinsel
soll die ruppigen Striche der alten Kielfeder ersetzen, eine braune Aquarellfarbe
den Bister. Die Papieroberfläche ist erst hinterher durch dünne Lavierung
hergerichtet, so daß innerhalb der Figuren noch der lichte Grund erscheint.
Die Ecken sind oben absichtlich angesetzt. Die Reproduktion läßt das Gefälschte
noch deutlicher erscheinen als das Original.
Einen neuen Zweig bilden jene auf dem Wege der Handzeichnung her*
gestellten Fälschungen alter Holzschnitte, möglichst aus dem 15. Jahrhundert.
Man will in der Literatur un#
beschriebene Blätter auf den
Markt bringen, Reiberdrucke,
und greift zu diesem umstand*
liehen, vielleicht aber doch loh*
nenden Mittel. Die gleichmäßig
breite Strichführung in Tusche
wird dem Holzschnitte noch
dadurch ähnlicher gemacht, daß
man das fertige Blatt unter ein
angefeuchtetes Seiden* oder
Löschpapier legt, beide durch
die Presse zieht und das letz*
tere wieder vorsichtig abhebt.
Auf diese Weise wird der Zeichnung viel Tuschsubstanz entrissen, das Relief
verwischt, der Strich locker und zerrissen gemacht, der Tuschglanz behoben,
kurz eine druckähnliche Wirkung erzeugt.^ Um Raritäten zu schaffen, benützt
man Pergamente. Hinzugesetzte unleserliche Worte im Duktus des 15. oder
16. Jahrhunderts sollen die Täuschung verstärken.
Bemerkenswert ist der Fleiß und die Ausdauer, die auch sonst auf alte Schrift*
Charaktere verwendet werden. Um den farbigen und stofflichen Eindruck ver*
blichener Tinte hervorzurufen, werden die Buchstaben zuerst mit Gummigutt
geschrieben, darauf in die Mitte der Schäfte mit dunkelbrauner Farbe einzelne
markierende Striche gesetzt, um den ausgelaufenen gelben Rand und die Haupt*
Substanz nachzuahmen (Abb. 327).^
Vvurden über die Herstellung von Fälschungen auch bereits mehrfache
Hinweise gegeben, so mögen hier doch noch weitere Beobachtungen eine zu*
' Als Beispiel vgl. J. Meder, Der Schreibersche Reiberdruck St. Bernhard (Nr. 1275)
eine Pausezeichnung (Mitteil. d. Gesellsch. f. vervielf. Kunst 1909, Nr. 3, S. 45).
^ Aus einer Pariser Miniaturfälschung. Die Endsilbe des letzten Wortes wurde mit
Hilfe des Mikroskopes vergrößert und faksimiliert.
Abb. 327. Gefälschte alte Schriftzüge.
Originalgröße und vergrößertes Detail.
w-
5 i ^
^ * ^
w
Abb. 328. Fälschung im Sinne einer Mans K;)ldiing »Zeichnung. Albertina.
Kopie, Pasticcio und Fälschung. 673
1er
sammenhängende Behandlung erfahren. Ihre Anlage verdanken sie entweder d(
Pausierung oder der freien Nachzeichnung oder auch einem photo.-mechanischen
Verfahren. Die Faktur des Meisters und der Schein des Alters bilden die
Hauptaufgaben. Der Fälscher beginnt mit dem Kopieren, um sich in Strich
und Manier einer bestimmten Vorlage einzuführen, zunächst ohne Rücksicht
auf Technik und Patina. Die leichte Zugänglichkeit der Originale in den zahl^
reichen öffentlichen Sammlungen und die überall erhäldichen Reproduktionen
erleichtern heute diese Vorübungen. Dann werden halbzerstörte, von alten
Büchern oder Zeichnungen abgelöste Papiere und lieber solche mit Inschrift^
resten zur Fabrikation herangezogen, um im vorhinein eine Patina zu gewinnen.
Jene mit Wasserzeichen schätzt man höher, wenn auch ohne Rücksicht auf eine
lokale oder chronologische Bezugnahme.
Jeder Fälscher ist Spezialist, denn er pflegt nur eine geringe Anzahl von Crundic
Meistern. Die schwierigste Gruppe von Fälschungen bilden für ihn jene von rungs^cich»
Grundierungszeichnungen mit aufgesetzten Lichtern. Ihre Patina, die auch in """Sen-
den Höhungen sitzt, der Staub der Zeit, der über der alten und bereits ver*
änderten Grundierungsfarbe liegt, läßt sich nicht erreichen. Nachahmungen
dieser Art tragen, völlig abgesehen von dem Geist und Charakter der Formen,
stets etwas Kümmerliches an sich.
Häufiger, als man annimmt, treten strichgetreue oder freihändige Feder* Feder»
fälschungen auf. Bedenken erweckt hier stets die ad hoc vorbereitete, die Zeichnungen.
Wirkung verblaßter Töne vortäuschende Farbtinte. Abbildung 328 bietet ein
derartiges Beispiel einer sogenannten BaldungsZeichnung.* Figur und Signatur
sind auf gutem alten Papier mit dem Wasserzeichen 9 (am ähnlichsten Briquet
Nr. 1310) in einer dünnen, flauen Wasserfarbe gezeichnet. Die Oberfläche
des Papieres wurde mit einem bräunlichen Ton zuvor präpariert, während die
Rückseite rein weiß blieb. Auch der Klecks von gleicher Farbe soll zur Echt«
heit beitragen. Die Parallelschattierung weist modernes Gepräge auf. Entwurfs;
linien fehlen. Eine besonders starke Ungeschicklichkeit verrät sich in dem
überlangen, zu dünn geratenen Krummstab ohne Sudarium, der nur an die
Finger angelehnt erscheint. Die eigentliche Greifstelle mit den Knoten befindet
sich über Kopfhöhe. Eine große Anzahl von Federnachahmungen bieten figurale
und kompositionelle Raffael* und RembrandtT'älschungen.
Der Unterschied zwischen verblaßter alter Tinte und verwässerter neuer Tinten,
ist für ein geübtes Auge deutlich erkennbar. Während die erstere selbst nach
Jahrhunderten noch alle Gegensätze zwischen weicher und harter Führung,
zwischen Auf und Ab, zwischen Zug und Druck aufweist, mangelt der künstlich*
blassen jede Tiefe und Kraft. Sie hat etwas Dünnes. Durchsichtiges, (ilcich*
mäßiges und bleibt — dies ist besonders zu beachten — an der Oberfläche
sitzen, während die erstere das Papier bis auf die Rückseite durchdrmgt und
sogar stellenweise zerstört. Daher kolorierte man solche Zeichnungen gerne,
wenn es sonst ihr Charakter gestattete, oder man verklebte die Rückseite.
' Albertina, Inv. Nr. 3218; von Thausing erworben als H. Baidung. Feder, vcr.
klcinert.
Medcr. Die Handzeichnung. '-^
674
Kopie, Pasticcio und Fälschung.
PinseU Wohl aus dem Ende des vergangenen Jahrhunderts stammen vereinzelte, heute
fälschuns;en. noch als hochbezahlte Originale laufende Pariser Fälschungen nach Rembrandts
kecken Pinsclstudien. Sie lehnen sich stark an bestimmte Originale an,
variieren leicht Form und Duktus, zeigen eine gegensatzarme, braune Farbe,
die sich von der Transparenz eines Rembrandtschen Bisters scharf unterscheidet.
Kreide Gelingen dem Fälscher auch Kreide* und Rötelzeichnungen leichter, so fällen
und Rötel, die ersteren mangels aher Steinkreide dennoch durch die kräftige Schwärze der
modernen Erzeugnisse auf. Ebenso lassen die noch reinen Rötelstriche gegenüber
dem aus früheren Jahrhunderten stammenden und vom Staub getrübten Linea*
Fixieren, ment die moderne Arbeit erkennen. In gleicher Weise macht das Fixieren
beider Materiale gewisse Schwierigkeiten. Gerade die neueren Mittel, aber
auch ältere wie Milch und Leimwasser, bedingen eine Veränderung in der
Oberfläche, die nichts weniger als ah erscheinen läßt. Die frische Härte der:^
selben fühh man leicht mit dem Finger heraus. Das Abgelegene, das erst mit
der Zeit eingetretene Erschlaffen — man denke nur an die seidenweichen
Papiere aus dem 16. Jahrhundert — weiß man bis heute noch nicht zu erzielen,
weshalb die Fälscher durch volles Verkleben der Rückseite die Untersuchung
zu erschweren trachten.^
Umdrucke. Weil Kreide und Rötel die besten Abklatsche lieferten, so ergab sich
damit auch vielfache Gelegenheit, Echtes mit Falschem zu mischen, besonders
wenn man sie überarbeitete, mit Signaturen versah und zeitgemäß montierte.
Ungehörigkeiten durch Abklatsche begegnen schon frühzeitig. So wurden Rötel::
Zeichnungen des Frans Floris, die er in Italien nach Michelangelo angefertigt,
heimlich von zijn gesellen oft Discipelen afgedruckt, die dann von einer Hand
in die andere gerieten.^ Im 18. Jahrhundert übte man in Paris diese Kniffe
reichlich aus. Die in jener Zeit von dort bezogene und sonst ausgezeichnete
Boucher#Sammlung der Albertina enthäh manches derartige Stück. Mehr auf dem
Wege des Irrtums als des Betruges, da die Kenntnis von ihrer Entstehungs*
weise eine beschränkte geblieben war, gelangten ahe Konturabklatsche nach
Gemälden in die Hände von Sammlern, die an deren Echtheit namentlich dann
festhiehen, wenn eine weitere Ausführung das Mechanische des Abdruckes ver*
deckte (siehe Umdrucke S. 538-543 und Abb. 250).
Patina. Ein besonders schwieriges Problem für den Fälscher bildet das bereits mehr::
fach gestreifte Anstreben einer künstlichen Patina. Das Anräuchern von
Zeichnungen war schon, wie uns Condivi Kap. VI erzählt, zu Michelangelos
Zeiten bekannt. Der letztere habe als Knabe eine Kopie nach einer älteren
Zeichnung durch Anräuchern so täuschend alt zu machen verstanden, daß es
nicht einmal sein Meister merkte. Das Affumicare der Papiere war nach
Malvasia auch späterhin in Brauch. Als Kardinal d'Este dem Maler Dionys
Calvaert seine hervorragende Zeichnungensammlung zeigte, wufke dieser nicht
nur die alten Meister zu nennen, sondern konnte auch von einem Akte Michel::
' Zu beachten ist, daß auch gute alte Originale beim Anfühlen eine ähnliche Eigen*
Schaft aufweisen können, wenn sie mit Leim voll aufgeklebt waren und später abgelöst
wurden, so daß durch die Nässung der Oberfläche der aufgelöste Leim in das Papier
drang und dasselbe härtete.
'^ Mander will manche derselben gesehen haben (Floerke I, 303).
Kopie, Pasticcio und Fälschung. 675
angelos zum Jüngsten Gericht und bei zwei Figuren aus der Schule von Athen
mit verschämtem Stolze aussagen, daß sie von seiner Hand herrühren, daß er
sie mit einigen Änderungen kopiert habe (in qualche luogo mutati). wie es
ihm von seinem Besteller, einem gewissen Pomponio, aufgetragen worden war.
Dieser habe dann das Papier geräuchert, hie und da verbraucht gemacht und die
Zeichnungen so dem Kardinal verkauft.' Das Anräuchern bräunt, gibt aber
ungleiche Stellen und Flecke. Man überrieb daher die Oberfläche mit Staub*
läppen noch gründlich nach aller Seiten. Aber gerade diese gewaltsam vcr*
riebene und monoton erscheinende Oberfläche wird zum Verräter, besonders
wenn das Patinieren erst nachhinein erfolgte.
Hie und da beobachtet man das nasse Verfahren, das Grundieren der
Oberfläche mittels eines in dünne braune Farbflüssigkeit getauchten Schwammes,
wie man es z. B. an Rembrandt^Landschaften und Watteau^Nachahmungen er;
kennen kann. Die Rückseite bleibt in diesem Falle meist rein weiß, zumindest
anderstonig. Brandflecke, Wurmlöcher, Risse vervollkommnen die Ausstattung.-
Verklebte man die Rückseiten nicht, so erfuhren auch diese mitunter eine Die
gewisse Behandlung. Man rieb Kohle, Kreide? oder Rötelpulver auf, wie wenn Rückseite,
die Zeichnung der Reproduktion gedient hätte, oder man zeichnete Details darauf
oder bekritzelte sie mit Namensresten und allerlei Schreibproben. Ein Wiener
Antiquar brachte mir 1912 eine Moreau le jeune genannte Zeichnung, die nach
einem Fragonard?Stiche mit Varianten in der Fragonard^Technik angefertigt war
und auf der Rückseite aufgeriebenen Rötel zeigte — ohne die geringsten Griffel*
spuren. Gerne beschmierte man sie auch mit braunen Tönen in sehr unglcich-
mäf^iger Fleckenwirkung. Eine wichtige Rolle spielte zum Schlüsse die Auf*
machung: das Aufleimen auf graue oder blaue Kartons, Ausstatten mit l'm*
fassungslinien und Goldleisten.
Seit der Pflege lithographischer Reproduktionen im 19. lahrhundert gelangten Steine und
matte Umdrucke von Steinzeichnungen vereinzelt in den Handel, die den l-'»-ntdrui.kc.
Schein von Originalen erwecken sollten. Allein trotz ihres altertümelnden Auf*
tretens, ob man Vorder* und Rückseite verstaubte oder nur einzelne Ausschnitte
lieferte, kennzeichnet sich die Täuschung durch den lahmen Lithographenstrich
und das moderne Papier. Ab und zu tauchen auch direkte lithographische
Einzeldrucke (nicht Umdrucke), großen Reproduktionsserien nach alten Meistern
entstammend, nach vorausgegangener Zurichtung als Originalzeichnungcn auf.
So kursierten im Handel Pilizotti^Lithographien als Albrecht Dürer. Selbst
Lichtdrucke nach Federzeichnungen wurden geschäftsmäßig ausgestattet und
unter Glas unerfahrenen Sammlern als wertvolle Blätter angeboten.
Unter dem Gesichtspunkt der Verfälschung sind jene echten Schüler* \cr
Zeichnungen zu betrachten, die durch Hinzufügung von Monogrammen zu '•»•'»•'nungcn.
Meisterwerken gestempelt werden sollten. Eine große Anzahl Blätter aus dem
Umkreis Dürers und selbst von Schweizer Künstlern erhielten das Dürerzeichen.
• Malvasia II, 252.
- Galcricdircktor Pulszki in Budapest ici«te mir anfanps der ncuniigcr Fahre eine An:ahl
von ihm in Italien erworbener so^jcn.inntcr alter Il.ind::cichnunj;i.n. welche jn den K.in.
dcrn und in der Mitte künstliche Brandmale zeigten, recht plumpe Fälschungen, für welche
er viel Geld ausgegeben hatte.
676 Kopie, Pasticcio und Fälschung.
Umgekehrt erscheinen Fälle, daß echte Signaturen getilgt werden, um die wahren
Urhebernamen zu verbergen und bessere Qualitäten zu erzielen. So wurde auf
einer Ph. Konincks==Zeichnung (Albertina) das Monogramm P=ko oberflächhch
getilgt, damit sie ob ihres stilverwandten Gepräges als Rembrandt gelte. Eine
andere Art der Verfälschung erfuhren z. B. echte Ostade ^Federzeichnungen, die
durch neue Kolorierung in Aquarelle umgewandelt wurden, um sie marktfähiger
zu machen. Die Farben fallen, weil ohne Patina, aus dem Gesamtton heraus
und zeigen gegenüber guten Originalen eine gewisse Derbheit.
Wichtigkeit Schließlich sei an dieser Stelle nochmals jedem jungen Kunststudierenden
praktischer empfohlen, sich die notwendige Fertigkeit im Zeichnen und Malen zu erwerben,
Kenntnisse, ^umal jenen, die sich einer musealen Laufbahn zu widmen beabsichtigen. Ebenso
wäre hier der Wunsch auszusprechen, daß an kunsthistorischen Seminaren der
Unterrichtsplan durch praktische und technische Übungen in großen Sammlungen
und zwar in jeder Disziplin erweitert werden möchte. Strenge Analysen und
archivalische Forschungen bedeuten für die Kennerschaft viel, leider nicht alles.
So manche fleißige, im Rahmen exakter Kunstwissenschaft gehaltene Abhandlung
fiel eines Tages in sich zusammen, da sie sich mangels praktischer Kenntnisse
auf einer Fälschung aufgebaut hatte, und manches neuerworbene Museal* oder
Galeriestück ward hinterher zum Gegenstand des Verdrusses, weil nicht eine
erprobte Expertise vorausgegangen war. Und selbst der heute allgemein als
richtig erkannte und beobachtete Weg, Museen nur von kunsthistorisch ge*
schulten Beamten verwalten zu lassen, beweist es tagtäglich, wie schwer sich
junge Kustoden ohne die notwendige praktische Hantierung emporarbeiten,
besonders dann, wenn durch irgendeinen Zufall die Tradition der Museal*
erfahrungen unterbrochen wurde.
Verluste und Schädigungen.
Uer immense Verlust an guten, alten Handzeichnungen, der uns heute Verluste,
angesichts der hohen historischen Wertschätzung besonders fühlbar erscheint
und dem Spezialforscher bei jeder Einzeluntersuchung immer aufs neue zur
trostlosen Tatsache werden kann, hatte seine vielen und traurigen Ursachen.
Zunächst in den Werkstätten selbst. Vollzieht sich doch der unerfreuliche \'or*
gang der Schädigung und Vernichtung auch in modernen Ateliers vor unsern
Augen. Welche Schicksale Studien und Entwürfe durch die Sorglosigkeit ihrer
Schöpfer erfuhren, wie sie unsigniert auf Tisch und Kasten, an der Wand und
auf der Diele, zerrissen und zernagelt, verstaubt, verwischt und verschmiert Mißachtung,
wurden, berichten uns schon die Alten. Malvasia erzählt, daß die Carracci
ihre Zeichnungen sehr gering achteten. Unvollendet lagen ganze Stöße in der
Werkstatt, Agostino reinigte damit Kupferplatten und Pfannen, um sie schließ*
lieh in den Ofen zu werfen.' Bartolommeo und Lorenzo di Credi überlieferten
über Savonarolas Geheiß ihre Nacktstudien jenem berüchtigten Scheiterhaufen
auf dem Florentiner Marktplatze. Und als nach des ersteren Tode sein zeich«
nerischer Nachlaß in die Hände der Klosterschwester Plautilla Nelii fiel und
nach deren Ableben noch weiter im Katharinakloster in I'lorenz (heute Acca;
demia) verblieb, benützten die Nonnen die Zeichnungen zum Eeuermachen,
bis ihnen ein Sachverständiger das Handwerk legte." Nur seinem immensen
Fleiße und seiner Fruchtbarkeit verdanken wir die noch immer stattliche Anzahl
erhaltener Blätter. Pietro Testa verbrannte seine Studien freiwillig vor seinem
Tode,-' wie J. B. Santerre (f 1717) eine große Anzahl seiner Mädchenakte (re<
cueil de desseins de femmes nues de la derniere beaute).*
Wie viele große und allerorts tätige Meister haben wir kaum durch ein
gesichertes Blatt vertreten ! Was haben wir von Giotto und seiner Schule, von
Fra Angelico, von Benozzo Gozzoli, von Melozzo da Forli, von Mantegna
überkommen?^ Wo sind jene Uccellos, die er nach Vasari kofferweise hinter«
lassen haben soll? Hatte die Zeichnung ihrem Zwecke gedient, scheint sie
' Malvasia I. 467.
' Vas. Mil. IV. 195. Note 2. - The Lawrence Gallery. 7. i:.\hibition. p. 12.
' Passer!, Leben der Maler. S. 217.
* Fiorillo. Ck-sch. d. z. Künste 111. 273. - DArgcnvillc. Abrege. IV. p. 261.
•■* <vWenn man bedenkt, welche Massen von Zeichnungen .Mantegna für die Vorbereitung
seiner groiWn Freskenzyklen, für den Triumph und die Tafelbilder, für die Arbeiten so
vieler anderer von den (^lonzaga beschaftigfen Künstler angefertigt haben muß. so wird
man sich doch wundern, d.il^ so wenige von seiner ll.uid .uil uns gekommen sind»
Kristeller. Mantegna. S. 426.
678
Verluste und Schädigungen.
meist wertlos geworden zu sein. Hob sie ein Schüler, ein Freund und Verehrer
auf, war sie in einem Skizzenbuch geborgen, hatte der Meister das Glück,
damit Geld zu verdienen, oder war er selbst von sorgsamer Art, seine Arbeiten
auch in der Skizze zu schätzen — das bestimmte ihr Los. Viele Maler hatten
die Gewohnheit, ihre Studien jahrelang in ihrem Atelier an den Wänden
hängen zu lassen, ohne jeden Glasschutz, so daß sich der Staub dicht darauf
ablagerte. Barocci z. B. brachte viele seiner auf schmale Holzrähmchen ge?
spannten Zeichnungen zur Aufstellung; so fand sie noch Kardinal Camerlengo
Albani, der den späteren Besitzer Viviani im Jahre 1729 besuchte.^ Am frühesten
verdarben die Großformate und Kartons, weil man für sie keinen Raum hatte.
Nach dem Tode des Meisters ließ man sie zugrunde gehen, kaum daß noch
die Köpfe herausgeschnitten wurden.
Mißgeschick So früh auch das Sammeln begann, dem Verderben war doch nur in den
in Samm» seltensten Fällen ein Ziel gesetzt. Die Mißgunst der Zeiten, Revolutionen,
lungen. Krieg und Brand räumten mit den sorgfältigst gehegten Beständen auf, so daß
es beinahe verwunderlich erscheint, daß wir überhaupt etwas überkommen
haben. Selbst die Landstraße konnte in jenen unsicheren Zeiten Kunstwerken
während des Transportes Gefahr bringen. Herzog August d. J. von Braun*
schweig (1635 — 1666) sandte an den Großen Kurfürsten unter Beilage einer
Dürer*Zeichnung ein Postskript: «Oben hats ein kleines löchlein, obs von alter,
oder wegen des eröfnens von etlichen Strassenraubern zwischen Augsburg und
Nürnberg also zugerichtet, kan ich nicht wissen, es schadet aber so eben nicht:
dan es in der lufft.»-' Das meiste an Vernichtung bereits bestehender Samm#
lungen leisteten die Schloßt und Hausbrände. Andre Charles Boulle, der
berühmte Möbelkünstler Ludwigs XIV., verlor 1720 durch eine Feuersbrunst
außer anderen Schätzen im admirahle recueil de dessins des plus fameux maitves
de toutes ecoles, estime 60.000 livres."^
Schädigung >X^as der Zeiten Umsturz uns gelassen, unterlag noch den schädigenden
Einflüssen der Natur und der schlechten Behandlung mancher, die sich auf
die Schätzer hinausspielten. Grelles Licht, Feuchtigkeit und Schimmelpilze ver#
änderten die Farben der alten Grundierungen, verwässerten die Feder? • und
Pinselstriche und erzeugten allerlei Flecke (Stockflecke, Wasserflecke mit schar-
fen Konturen). Scharfe, viel Eisenvitriol enthaltende Tinten setzten Rost ab,
der im Laufe der Zeit das Papier durchfraß (Beispiele bei Raffael, Passerotti,
Guercino, Cambiasi, Rembrandt). Dem Einfluße der Zeit und des Sonnen*
durch lichtes ist auch das Vergilben der Papiere zuzuschreiben. Diese Umfärbung
Vergilben konnte sich durch Aufnahme von Staub bis zum tiefen Braun steigern. Merk*
und würdige Veränderungen machten lichte Grundierungen und Naturpapiere durch.
Verblassen, ^gj^-j^g ^^^^^ ursprünglichen Ton vollständig verloren. Die grün grundierten
Papiere (terra verde) nahmen einen schmutzigen, lederartigen Ton an, rosas und
blaue Farben verblaßten bis auf einen leichten Schimmer; ebenso lila und
' Fcderigo Baroccis Zeichnungen, Eine kritische Studie von Aug. Schmarsow (Abhand;
lungen d. phiL.hist. Kl. d. kgl. sächs. Gesellsch. d. Wissensch. XXVIII, Nr. III, S. 4).
■^ K. Friedländer, Eine Dürerschc Handzeichnung, Jahrb. d. pr. Ks. 12, S. 116.
' E. BonnaHe, op. cit., p. 38.
Verluste und Schädigungen. 679
karmin. Weiß wurde bräunlich oder gelblich, eltenbeinartig. Das Blau der
Venezianer Papiere konnte sich durch die gelbe Patina in ein schmutziges
Grün verwandeln, ohne daß sich in der älteren Zeichnungsentwicklung ein
grünes Naturpapier konstatieren läßt.
Eine besondere Schädigung ergab die Aufbewahrung ganzer Sammlungen Feuchtigkeit,
in feuchten Schloßräumen. Am meisten litten dann die dicken Grundierungs;
schichten; ihres Lcimgehaltes beraubt, lösten sie sich entweder völlig auf und
pulverten nach dem Auftrocknen teilweise ab. Ein klägliches Beispiel dieser
Art bietet Dürers Zeichnung nach seiner Erau (L. 291). Auch auf weißen
Papieren erzeugte Nässe große landkartenähnliche Elecke mit scharfen, braunen
Grenzlinien.
Eine stark bräunliche Färbung erhielten Zeichnungen auf weißen Papieren. Kleister
wenn sie nach altem Brauch voll oder nur kreuzweise mit Leim oder Kleie? ""*•' I.cim,
kleister bestrichen und in Bände eingefügt wurden.' Die Klebcstoffe färbten
sich im Laufe der Zeit dunkelbraun und drangen bis an die Oberfläche durch,
meist fleckig und so stark, daß die braunen Eederzüge fast verschwanden.
Im vorigen Jahrhundert kam es in vielen Kabinetten in Mode, Hand- schlechte
Zeichnungen dauernd auszustellen, und zwar in einer Weise, die jedem guten Autstcllung,
Geschmacke und jeder vernünftigen Konservierung Hohn sprach. Zu großen
lableaux vereinigt, briefmarkenartig unter Glas und Rahmen zusammengeklebt
oder mit Nägeln fixiert, liefi man derartige Schaustücke jahrzehntelang Licht
und Sonne ausgesetzt, bis manche alle farbige Wirkung verloren hatten, ver*
bleichten und verdarben. -
Am meisten aber verschuldete die Menschenhand. Sorglos faltete man Folio? Bruchf.iltcn.
und Quartblätter mehrfach zusammen, so daß nicht bloß Bruchfalten, sondern
auch Bruchrisse entstanden und das Ganze in einzelne Teile zerfiel, die schlieft«
lieh zerstreut wurden, selbst verloren gingen. So fehlt von Dürers Entwurf
zum Martyrium der Zehntausend (Albertina, L. M. 504) die obere Hälfte.'
Viele Eolio^Zeichnungen Holbeins litten durch Zusammenfalten und Einbiegen
der Ecken.' In alten, wenig geleimten Papieren des 15. und 16. Jahrhunderts
entstanden leicht Knitterfalten, längs welcher sich die Stoff massc der Zeich?
nung abrieb und ablöste; ein charakteristisches Beispiel gibt Montagnas Studie
eines männlichen Kopfes in Kreide.^
Eine weitere Schädigung der Originale bedeutete das von unverständiger ("her.
Hand vorgenommene Nachfahren, Verbessern oder Neuzeichnen der verriebenen ''■'''' '"*^"'
Stellen.'"' Derartige ungeschickte Ausbesserungen zeigen sich bei Silberstift*
Zeichnungen, für welche man in Ermangelung des alten Zeichenrequisites ein«
' «Collcr cn plcin-» nannte man diesen im IS. J.ihrh. allgemein geübten Brauch.
» Vgl. BonnaHe. p. lOS: Das Kabinett Fr. Filhol. - Max Lehrs. Zur Geschichte des
Dresdner Kupferstichkabinetts (in Mitteilungen aus d. sächsischen Kunsts. Ilf. V-.),
^ Zu einer Zeichnung des jüngeren Breu. deren rechte ll.illfe sich in der Alhcrtina
befindet, konnte ich die zugehörige linke im Besitze des Dr. Ci. Jurie in Wien konstatieren.
* Ganz. Molbein IX/4. IX 5.
* Abgebildet im Archiv für Kunstgesch , I.fg. II. Taf. 27.
" Fin bezeichnendes Beispiel bietet der Fides^KopI (Kartonrest) von W Tollainolo
(Uff. 1952). der. .ibgeseheii von den I'auselochern. noch durch Aulnj.ilcn roter Wangen.
Lippen und Ohren und durch einen gelblichen Hintergrund entstellt wurde.
680
Verluste und Schädigungen.
Fertige
zeichnen,
fach den schwärzHchen Graphit anwandte (Goldschmiedbildnis, Albertina,
A. P. 108). Häufiger verstärkte man verblaßte Stellen mit der Feder, zumindest
in den Hauptkonturen. Das Überzeichnen spielt eine große Rolle, zumal
bei verriebenen Blättern (Kohle, Kreide, Rötel). Man tat gerne etwas zur Ver#
schönerung und putzte alte Originale z. B. mit Rötel oder Kreide auf, selbst
wenn keine Veranlassung vorhanden war. Der berühmte Frauenkopf von
Verrocchio (London, Malcolm 338) wurde mit schwarzer Kreide derart über:=
zeichnet, daß man nur an einzelnen Stellen die Originalstriche entdecken
kann.^ Merkwürdige Eingriffe durch Restaurierungen verzeichnet Waagen in
dem Kapitel über die Sammlung des Erzherzogs Carl (Albertina): «Leider ist
einer großen Zahl von diesen Hand«
Zeichnungen dadurch, daß der Her*
zog Albert von Sachsen *Teschen, wel*
eher in höheren Jahren bei Abnahme
der Sehkraft das Einzelne in den
Zeichnungen nicht gut unterscheiden
konnte, dieselben besonders in den
Schattenstrichen durch seinen Inspek«
tor Fran^ois Le Fevre bald mit der
Feder, bald mit Kreide verstärken ließ,
was öfter in sehr grober Weise ge*
schah, ein unersetzlicher Schaden zu*
gefügt worden.»^ Edmond de Gon*
court setzte unter Nr. 630 seines Kata*
loges die Bemerkung, daß die meisten
im Besitze des englischen Händlers
William Mayor (f 1874) gewesenen
Watteau «Zeichnungen sowie auch jene,
welche durch die Hand von Baroil*
het gingen, malheureusement ravives et
retouches seien. ^
Eine besondere Art völlig über«
zeichneter Originale bilden mit dem
Bleigriffel entworfene, aber im Entwürfe stecken gebHebene alte Skizzen, die von
wohlmeinenden oder berechnenden Besitzern mit der Feder ausgearbeitet wur«
den, so daß man das Ursprüngliche schwer zu erkennen vermag. Vom heuti«
gen Sammlerstandpunkt aus können wir derartige Gewalttaten kaum mehr be«
greifen. Sehr beliebt war das Verbessern von Handzeichnungen in den
Höhungen, die abgerieben oder durch ihren Bleigehalt schwarz geworden
waren. Hier setzte man nicht bloß neue Lichter auf die blindgewordenen
Abb. 329. Niccolö da Foligno (?), St. Fran*
ciscus, von fremder Hand überzeichnet.
' Vgl. Berenson, Flor. Draw. I, Taf. XXV.
' Vornehmste Kunstdenkmäler in Wien, Wien 1867, II, S. 128. - Glücklicherweise ist
der Schaden nicht in dem Maße vorhanden als Waagen angibt, denn Le Febvres Tätigkeit
erstreckte sich mehr auf matte Drucke.
=• E. de Goncourt, Catal. raisonnc de l'oeuvrc d'Antoine Watteau, Paris 1875, p. 292,
Nr. 630.
Verluste und Schädigungen.
681
Stellen, sondern vermehrte sie durch neue und beraubte so die Zeichnung aller
Harmonie.'
Häufig finden sich sogenannte Verschönerungen, um einen abgeriebenen Bemalunp
Hintergrund wieder farbig und gleichmäßig herzurichten, oder um, wie z. B. bei d" Hinter.
Porträts, die Büste mehr herauszuheben. Man legte die Folie farbig oder grundcs.
schwarz an ohne Berücksichtigung der alten Konturen, besonders der Haupt*
und Barthaare; Signaturen und Jahreszahlen wurden dabei schonungslos zu*
gedeckt- Eine heute stark angezweifelte Zeichnung Michelangelos (Madonna
in Windsor, Frey 34) erhielt gar einen goldenen Hintergrund (heute wieder
teilweise entfernt). Wichtig erscheint es hier, alte Kontrastfolien von später
daraufgesetzten zu unterscheiden.
Abb. 350. Pier di Cosimo. Drei Fragmente, zusammenhangslos aneinandergefügt.
Um alte Federzeichnungen im Handel gangbarer zu machen, kolorierte man Ncu>
dieselben mit mehr oder weniger Geschicklichkeit. Fine W'olt Huber^I.andschatt koloricrung,
des Weimarer Goethe^Museums bildet ein typisches Beispiel eines leicht erkennt*
liehen Falles. Schwieriger zu beurteilen sind die vielen von Adriaen und Isaak
van Ostade herrührenden Federzeichnungen, Bauerngestalten oder gar ganze
Kompositionen, die von malerisch aufgelegten Sammlern in der Weise alter,
echter Kolorierungen farbig ausgestattet und so auf den Markt gebracht wurden.
Der Mangel an Patina, die Frische der Farben geben Anhaltspunkte.
Eine glücklicherweise selten auftretende Schädigung bildet das gewalttätige Im-
Umarbeiten durch fremde Künstlerhand, um Studien für anderweitige Zwecke gcstaltung.
' Dürer, Porträt eines jungen Mannes. Dresden (I.. 200). zeigt Kreidclichfcr von fremder
Hand. - Ferner L. 269.
- Bei einer SchäufeIeiM«7eichnung (lictlitcnsfcin. A. 1'. 124) k.im durch sorgf.iltigcs
Abwaschen eines dicken bl.iucn (iriindes aul<er den Harctticdern auch die Jahreszahl 1^16
zum Vorschein.
682
Verluste und Schädigungen.
herzurichten. Daß dies Künstler mit ihren eigenen Entwürfen taten, ist be#
kannt. Einen Beleg, daß auch ältere Meister fremde Erfindungen für ihren
Gebrauch umgestalteten, liefert eine Berliner Zeichnung mit dem Kopf des
toten hl. Franziskus, mit geschlossenen Augen und offenem Munde. Mittels
Kohle wurde dieser Kopf durch Hinzufügung einer Dornenkrone, herabfallen?
der Locken und Blutstropfen zu einem Christus am Kreuz umgewandelt
(Abb. 329).^ Von diesem Überzeichnen im Sinne anderweitiger Verwendung
ist das korrigierende Verbessern durch Meisterhand wohl zu scheiden, wie
wir es S. 320 besprochen haben (Abb. 115).
Nicht immer wurden Kohle?, Kreide? oder Rötelzeichnungen fixiert und so
ihrem Verderben im vorhinein entrissen.^ Während die beiden letzteren sich bis
zur Unkenntlichkeit verwischen konnten, staubten die ersteren fast vöUig ab.^
durch Die letzte Bestimmung einer Kompositionszeichnung war das Übertragen
Nadeln, ^^f eine größere Fläche (Mauer, Tafel, Leinwand oder Kupferplatte). Die damit
verbundene Durchlochung mit der Nadel wurde zu einem besonderen Verderben
(Abb. 246). Waren die Stiche zu dicht beisammen, so riß das Papier durch.
Das darauf gestupfte Kohlenpulver und der später angesetzte Staub verunreinigten
alle perforierten Linien, so daß nur die vorsichtigste Reinigung dem Original
wieder zu einem gewissen Ansehen zu verhelfen vermag. Solche Handzeich?
nungen haben außerdem dadurch gelitten, daß sich die Lochkonturen mit den
gezeichneten nicht immer genau decken, sondern Zickzack laufen. Photogra?
phische Reproduktionen lassen diesen Übelstand unangenehm hervortreten.
Griffeln, Ebenso zerstörend und schädigend wirkten Holz?, Elfenbein? oder Eisen?
griffel, deren Spuren sich nur schwer glatt pressen lassen und die bisweilen
sogar das Papier durchschnitten. Kupferstecher und Lithographen, denen Ori?
ginale zur Reproduktion anvertraut wurden, bedienten sich gerne dieses gewalt?
Samen Pausierverfahrens und wurden so zu Verderbern ausgezeichneter Blätter.
Häufig weisen solch durchgegrififelte Studien auf der Rückseite noch das ein?
geriebene Rötel? oder Kreidepulver auf. Um eine Zeichnung gleich verkehrt
auf die Kupferplatte zu übertragen und so einen originalseitigen Druck zu er?
halten, wurde in besonders schonungsloser Weise von der Rückseite aus gegriffelt
und zur besseren Ersichtlichmachung der Konturen auf der Kehrseite das Original
sogar mit Ol begossen.* «Hat man das Original, welches man radieren will,
in seiner Gewalt, so zieht man es durch Öl» (Reinhold 1786, S. 420).
Netzlinien, Vermied man Nadel und Griffel, so überzog man die ganze Komposition
mit horizontalen und vertikalen Linien. Dieses die Figuren hart durchschneidende
Netz beeinträchtigt die Qualität außerordentlich. Geschah es mit dem Eisen?
griffel, war es noch der geringere Nachteil. Gewöhnlich wurde Rötel oder
' Berlin, Inv. Nr. 5129; Pinsel. Z. a. M. II, 72a. Verlag Grote, Berlin. - Von Fischel
Niccolö da Foligno zugeschrieben (Zeichnungen der Umbrer, S. 83, Nr. 3 und 4).
■•^ La friabilite de cette ocre rouge (Rötel) a cause la perte de la plupart des dessins du
dernier siede. Const. Viguier, op. cit., p. 254.
' Ein belehrendes Beispiel bietet Dürer, L. 288.
* So du aber deinen Abriß oder Vorhaben mit Oel begiessen oder Oel träncken müssest,
wie es dann offt gcschiehet, daß, wenn es recht ist (d. h. nicht von der Zeichnungsseite aus
übertragen) und dahero also geetzt oder gestochen wird, dasselbige in dem Druck links
fällt. Abraham Bosses Anweisung zur Radier^ u. Ktz^Kunst. Deutsche Ausgabe, 1719, S. 21.
Verluste und Schädigungen.
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684 Verluste und Schädigungen.
Kreide, ja selbst Tinte benützt, so daß die Wirkung der Zeichnung nahezu
vernichtet war. Kunsthändler und Sammler ließen bisweilen mit feinem Schab?
messer die störenden Linien auskratzen, wodurch die Härte zwar behoben, das
aufgeriebene, nun stärker Staub ansammelnde Papier aber neuerdings dunkle
Spuren erzeugte.
durch Prinzipiell muß das Abklatschen verurteilt werden, weil es eine Zeich*
Abklatschen, nung ihres stofflichen Reizes beraubte und sie bisweilen in eine ausdruckslose
Schablone verwandeln konnte. Während Tusche noch einigermaßen ihre Sub#
stanz behielt, wurden Kreide, Rötel und Graphit flach, dünn und körperlos
(siehe «Abklatsche»).
Beschneiden Ein Hauptfeind der Handzeichnung war die Schere. Nicht nur, daß man
und Aus:= tlie eingerissenen oder vom Kleister gelb gewordenen Ränder aber* und aber?
' mals beseitigte, bis alle Kompositionsverhältnisse gestört, Signaturen oder andere
Notizen entfernt, ja selbst ganze Partien der Zeichnung vernichtet waren, schnitt
man oft einzelne Figuren silhouettenmäßig heraus, um sie in wohlgemeinter
Weise auf ein dazu hergerichtetes Papier neu aufzukleben und mit einem neuen
Hintergrund zu versehen.^ Brustbilder ""' und Profilköpfe erlebten vorzugsweise
diese Prozedur (Abb. 199).
falsches Aus Einzelfiguren oder Köpfen, Händen," Miniaturornamenten und Initialen
Zusammen^ machte man große dekorative Tableaux und füllte die Zwischenräume mit ein?
fügen, gezeichneten Umrahmungen (Vasari).'^ Diese noch als harmlose Spielerei gel?
tenden Zusammenstellungen wurden direkt sinnlos, wenn man verschiedene
ausgeschnittene Einzelgestalten zu einer Art Handlung vereinigte. So erfuhren
zwei Fra Bartolommeo?Figuren (Albertina), der Engel der Vision des hl. Bern?
hard und die hl. Katharina von Siena zu dem Bilde in Lucca das merkwürdige
Schicksal, zu einer Verkündigung zusammengefügt zu werden.^ Ein ähnliches
Kuriosum bilden drei Zeichnungenreste des Pier di Cosimo, ein Hirt aus einer
Anbetung, eine ruhende Ariadne und ein nackter Jüngling im British Museum
(Abb. 330).«
Zer; Gerne zerschnitt man große Blätter mit mehreren Studien in Teile, um bei
schneiden der Aufstellung Platz zu sparen oder — und dies ist der häufigere Fall — aus
aus dewinn; Gewinnsucht. Die prachtvollen Foliozeichnungen Dürers für das Rosenkranz?
bild und den Helleraltar, die gewöhnlich einen Kopf und eine Hand, oder zwei
Köpfe enthielten, wurden gefühllos geteilt (Abb. 331, 332, 19)'; oft ging es
' Hugo van d. Goes, Johannes Ev. (A. P. 657). - Andrea Previtali, Moses (Uff., A. F. 677).
— Meister von Flemalle, Vas. Soc. IL, 21, eine ausgeschnittene Fergamentzeichnung.
'■' Dürer, Der betende Stifter. Albertina (L. M. 493).
^ Raffaellino del Garbo (A.); Silberstiftzeichn. aus 3 Teilen zusammengeklebt. A. F. 51.
* 6 LeonardoiKarikaturköpfe, 1 Lorenzo di Credi und 1 Florentiner (weiblicher Kopf),
alles mit Vasari^Umrahmungen versehen, bilden ein derartiges Tableau (Albertina).
^ A.F.453 U.61, nach den wieder getrennten Blättern reproduziert. BeiBraun noch vereinigt.
' Aus Vasari Soc. I, 5. Brit. Mus., Lavierte Feder. — Blätter mit zusammengeklebten
Teilen selbst zweier verschiedener Meister mit verschiedener Technik, verschiedenen Fas
picren und Wasserzeichen finden sich in Erlangen (IL D. 13).
' Dürer, L. M. 496 + 499, Albertina, ferner 506 + 507 (Abb. 19), 509 + 510. - Eine gleiche
Zusammengehörigkeit konstatierte Fischel bei zwei RaffaeUZeichnungen in Oxford: Fischel,
Raphacls Zeichnungen I, 18 + 19.
Verluste und Schädigungen.
685
;~^
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'A,
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mitten durch die Signatur (L. M. 501). Kam durch diese Trennung der Schnitt*
rand zu nahe an eine der Studien, so setzte man kühn einen Streifen an.'
Ebenso entdeckte M. Lehrs an zwei Grünewald^Zeichnungen (Göttingen und
Dresden), daß sie einst
durch einen scharfen Schnitt
getrennt wurden und stellte
sie wenigstens in der Re*
Produktion wieder zusam*
men.- Dies war das ge*
wohnliche Los der Skizzen?
Bücher, man schuf aus
einem Bande zahllose Blatt«
chen, die in alle Welt wir*
belten und jeden Zusammen*
hang verloren. Von Rem*
brandt und A. v. Ostade ''
existieren zahllose Beispiele.
Daß dabei ein gewisser
Perzentsatz für immer ver*
schwand, darf nicht Wunder
nehmen. Selbstverständlich
kamen bei solchen Ver*
kleinerungen und Auftei*
lungen die gleichfalls be*
zeichneten Rückseiten sehr
zu schaden (Abb. 333).-«
Auch Eingriffe scheinbar
ganz harmloser Natur, wie
das Aufdrucken von Samm*
lermarken, das Aufschrei*
ben von Namen, Notizen,
Rezepten, Briefentwürfen,
Gedichten, behelligen, von
liebloser Hand ausgeführt,
das Gesamtbild. Es berührt
uns direkt heiter, wenn wir
in der Pariser Nationalbiblio;
thek auf einem weiblichen
Kopf den Stempel der Sammlung Bibl. n.it. Est. und zwar am Halse gleich
einem Anhänger angebracht sehen; oder wenn auf einer Paul Hrill* Landschaft
die runde Marke der l'ffizien derart in der Luft aufgedruckt ist. daß die
<r^
tJh.'Hß^imV* M ^ »"^ -"i-
Abb. 333. Dürer, FraucnflKur. Nichtbeachtung der
Rückseite.
' Dürer. L. M. 506. Apostclkopf. , , ^, , ■ c .i«
» Max Lchrs. Vier neue GrüncwaldicichnunRcn; Miltcil. aus d. sachs. Kunsts. Jkk I. 5> -»V
< Rückseite von Dürers AlbertinazeichnunR: Vene:i.incrin (L M. 4S9): siehe Meder.
Neue Beiträge zur Dürerforschung im Jahrb. d. kh. S. d. Ka.serh. 1912. B. 30. S. 197. Taf. 21.
.s.ininilcri
marken.
686 Verluste und Schädigungen.
unten in der Landschaft stehenden Figürchen mit der erhobenen Hand wie
auf einen Ballon hinzuweisen scheinen.^ Bisweilen werden Trockenstempel
mitten in die Signatur eingedrückt.
Eine eigene Art Beschädigung bildet die prüde Vernichtung von Schamteilen
durch Tintenkleckse, durch Herauskratzen oder durch ein Verschmieren mit
naßem Finger,
schlechte Zum Schlüsse möge noch auf das Verderben durch laienhafte oder selbst
Restaurier berufsmäßige Restaurierung hingewiesen werden. Mangel an historischem
rung. Verständnis oder technischer Erfahrung haben in allen Kabinetten, wie schon
hervorgehoben wurde, gerade häufig an wertvollen Stücken ihre leider unver*
wischbaren Spuren hinterlassen. Und nicht immer vollzogen sich die Her?
Stellungen unter fachmännischer Aufsicht. Der im vergangenen Jahrhundert
aufkommende wohlgemeinte Konservierungsdrang bei Direktoren, Liebhabern
und Händlern äußerte sich in einer etwas ungestümen Weise, indem die von
altersher aufkaschierten Originale wahllos mit und ohne Grund abgelöst — in
vielen Fällen abgeschunden wurden. Man braucht viele dieser armen Blätter
nur an der Oberfläche anzusehen, um die ungeschickten und gewalttätigen
Prozeduren beobachten zu können. Verkrümmt, weil noch von anhaftenden
Leimresten partienweise verzogen, mit verwässertem, flachen oder abgescheuerten
Konturen geben sie Zeugenschaft von ihren überstandenen Leiden. Übles be*
richten erst die Rückseiten, die durch das Abziehen ganze Schichten verloren
haben, die wieder verstärkt und unterklebt werden mußten. Auktionsblätter,
die den Käufern zuliebe rückenfrei gemacht wurden, geben Musterbeispiele,
wie man nicht verfahren darf.
I Disegni degli Uff. I, 4. Serie, 6.
über das Signieren.
Uie meisten Handzeichnungen tragen Namen aufgeschrieben, die in frühe; Allgemeines,
ren Zeiten ohne weiters als echte Signaturen aufgefafk wurden, sich heute
aber eine kritische Beurteilung gefallen lassen müssen. Die Konstaticrung, ob
nachträgliche Bezeichnung (von fremder Hand) oder echte Signatur, setzt eine
strenge Nachprüfung voraus. Im allgemeinen läßt sich der Grundsatz aufstellen,
daß die italienischen Maler nur ausnahmsweise, die deutschen fast immer
signierten, von den Holländern, Vlämen und Franzosen viele sich regelmäßig
unterzeichneten, andere gar nicht darauf reflektierten. Nationale Eigenschaften,
wie Großzügigkeit, geniales leichtes Schäften und infolgedessen massenhafte
Produktion waren Ursache, auf eine Unterzeichnung Verzicht zu leisten, wie
auf der anderen Seite peinliche Gewissenhaftigkeit, jugendliches oder ängstliches
Schaffen, jedes Blättchen sorgfältig zu signieren. Die Grofkn — nur Dürer
macht hier eine Ausnahme — kannten keine Signatur. Wir können uns nicht
vorstellen, daf^ Michelangelo oder Rafifael, Leonardo, Rcmbrandt, Rubens oder
Watteau je ihre Unterschrift unter eine Zeichnung setzten, es sei denn auf
Widmungsblättern.' Was galt ihnen eine Studie? Dagegen hielten die Gold;
schmiede, Glasmaler, Graphiker, Lehrknaben und Dilettanten sehr darauf, ihre
Namen der Nachwelt zu überliefern. Doch wäre es unbillig, hier nur die
liebe Eitelkeit gelten lassen zu wollen. Bei den Deutschen war das Signieren Deutsche,
schon in den zunftmäßigen Schulvorschriften begründet, in dem Gebaren, den
«Meister» zu betonen oder auch in der starken Betätigung in der Graphik,
wo die Signatur, das Monogramm, eine Art Schutzmarke beim N'erkaufc ab*
geben sollte. Und selbst diejenigen Zeichnungen, welche von andern graphisch
oder kunstgewerblich verwendet wurden, hatten eine Signatur zu tragen.
Trotz dieser allgemeinen Grundsätze finden wir vereinzelt italienische it.ilicnis».hc
MeistersSignaturen. Der erste Fall, leider nur an wenig Beispielen nachweis» Signaturen,
bar, bezieht sich auf bestellte Kompositionen, die der Künstler als N'orlagc ein»
zureichen hatte. Ein erklärender Text und die Unterschrift samt Jahr und Tag
begleiteten diese Probezeichnungen. Ich nenne hier Fra Filippos Zeichnung
und Brief an Giovanni de Medici vom 22. Juli 1457- oder Francesco Monte*
mezzanos Altartafel*Entwurf vom 26. Mai 15S4 in Darmstadt. ^ Ebenso eine
kartonähnliche Zeichnung mit einer Jagdgesellschaft von Federigo Zuccheri.*
Von vielen ähnlichen Blättern, die sich oft durch den beigefügten Rahmen*
' .So z.U. bei Kcmbrandt. Holsttdc N S%. 1063. 1240 u.a.m.; auch hmlcil p XIIH
= Berenson. Tat. 33. Moren:. =" A. V. 599.
♦ Uffiiien, Nr. 11074: Fedcricus Zuccarus fa. A. S. MDI.XV. fctas suc XXV.
6SS Über das Signieren.
entwurf kennzeichnen, ist wahrscheinlich der Text abgeschnitten. Einen zweiten
Fall des Signierens kann man sich nur durch die uns sattsam überlieferte
Künstlereitelkeit erklären: Baccio Bandinelli, der von sich sagte, daß mit
ihm einst die Zeichenkunst aussterben werde, setzte auf viele seiner Studien*
blätter noch rechtzeitig seinen vollen Namen. ^ Außerdem fanden sich noch
Unterzeichnungen von Giorgio Vasari, Elisabetha Sirani, Cigoli,^ Giov.
Contarini, Domenico Tiepolo oder bei Meistern, welche graphische
Arbeiten lieferten, wie Dom. Campagnola, Pietro Testa u. a. In gleicher
Weise bewahren Porträts oder Selbstbildnisse Signaturen und Lebensdaten. So
zwei Blätter des Carlo Dolci von 1658 und 1674,^ oder des Piazzetta: lo
Giov. Batta Piaazzetta (sie!) disegnai di prop: mano in että d'anni 52 adi 20 Dec
1755."
Kopisten;, Der Seltenheit echter Signaturen stehen die endlosen Beispiele von Zeich*
nungen mit vollen, aber meist von Kopistenhand hinzugefügten Namen gegen*
über. Es geschah nur zu häufig, daß junge in Kirchen und Palästen sich nach
Gemälden übende Künstler zum Schlüsse zu ihrer eigenen Erinnerung den
Meisternamen des Vorbildes hinzusetzten. Diese schönen und stolzen Namens*
Züge haben in den letzten 30 Jahren durch die Kritik fast alle Bedeutung
Sammler* verloren. Aber auch viele gute und echte Meisterstudien erhielten volle Be*
Zeichnungen in alter Schrift, als gewissenhafte Zutat eines Sammlers, der
den Autor entweder noch kannte oder die Autorschaft durch Überlieferung
noch festzustellen wußte oder glaubte.^ Italisierte Namen deuten auf italienische
Sammler oder lassen die Zeichnung in Italien entstanden denken: Posino
für Poussin; französisierte Namen auf französische Besitzer. Häufig standen
diese guten Traditionen auf der Rückseite vermerkt und wurden später bei
Aufmachungen nach vorne übertragen. Daher zeigt die rückwärtige Schrift
äheren Charakter. Beschneidungen machten gleichfalls Versetzungen nötig,
und die sich mit neuen Sammlernotizen oft zu einem chaotischen Ganzen ver*
einigten. Solche Übertragungen kennzeichnen sich durch gewisse Details,
z. B. Pietro da Cortona 28 May 1666, ein Datum, das nur der Künstler
selbst seinerzeit vermerkt haben konnte und das beim Beschneiden der
Zeichnung berücksichtigt worden war. Selbstverständlich unterliefen dabei
allerlei Schreibfehler, zumal bei Jahrzahlen, deren alte Ziffernformen verlesen
wurden, und ebenso bei Namen. Wenn eine Pontormo*Zeichnung (Berlin)
auf der Rückseite «Correggio» zeigt, so war dies nur eine irrtümhche Verbesse*
rung für den weniger bekannten Namen Carrucci. Das sind aber die sei*
tenen und nicht unerwünschten Ausnahmen.
Händlers Die große Mehrzahl weist Taufen von Seite der besonders im 18. Jahrhun*
bezeichnun- Jert tätigen «Connaisseurs», oder noch schlimmer, der Händler auf, die stets
^^"" eine Vorliebe für große Namen bekunden, vorzüghch bei Zeichnungsgruppen,
bei welchen eine allgemeine äußerliche Stilverwandtschaft zwischen Meister*
' A. P. 40. " Offizien 6299. 866.
=• Uffizien 1172 u. 1178.
* Albertina, Inv. Nr. 1771.
^ Disses hatt Mathis von Ossenburg (Aschaffenburg) des Churfürst Mentz Moler ge»
macht (Oxford Dr. III. Taf. 3, Grünewald).
über das Signieren.
6S9
V (^
und Schülerwerken bestand. > Bei den Cfeutschen gibt es für die Richtigstellung
dieser veralteten Irrtümer insofern eine Erleichterung, als Maler und Graphiker
für Bild und Zeichnung ein Monogramm hatten und, wenn auch nicht alles,
so doch vieles signierten, so daß sich der Weg vom Bestimmten zum Un;
bestimmten schneller finden läßt. Trotzdem bestehen noch viele Blätter, welche
dieser Hinweise entbehren, sei es, daß dieselben mit der Schere achdos entfernt,
sei es, daß leichte Federentwürfe — wie bei Dürer — eines Meisterzeichens
nicht würdig erachtet wurden. Das rücksichtslose Abschneiden oder Durch- Das
schneiden von Signaturen war etwas Gewöhnliches. Oft entdeckt man einen Beseitigen.
gerade noch sichtbaren Rest; aber nicht immer vermag die Phantasie denselben
zu entziffern. Feinde der Signaturen waren die N'erschönerer, die durch ein
buntes Färben der Hintergründe alles verdeckten, verwischte Silberstift; oder
Kreidebezeichnungen mit Tinte überfuhren oder umkorrigierten, und selbst
Passepartoutmacher, die es mangels richtiger Kontrolle just darauf anlegten, gute
Monogramme zu verstecken. Noch schlimmer steht es um die absichtliche
Entfernung echter, vielleicht auch nicht verstandener Signaturen durch Aus«
radieren, um die Zeichnung unter einem besseren
Namen gangbarer zu machen (Rembrandt für Philips
Koninck).
Ende des 15. Jahrhunderts und im 16. fast durch? Mono,
gehends begegnen uns die Monogramm^Signaturen, C^ gramme.
die Meisterzeichen, mehr oder wenig verschlungene oder
verbundene Initialen des Vor* und Zunamens. Seltener
kommt ein dritter oder vierter Buchstabe hinzu, wie
wir es bei Schweizer Zeichnern beobachten können.
Manche versehen das Monogramm mit gewissen sym*
bolischen' Attributen; so verwendet Erhard Schön ein Winkelzeichen, Niklas
Manuel und Urs Graf einen Dolch. Mitunter treten die Abzeichen eines ,\ttributc.
zweiten Berufes hinzu, so bei Urs Graf die Boraxbüchse (Zeichen der Gold*
schmiede, Abb. 334),- oder bei Peter Flötner zwei gekreuzte Mcil^cl. Andere
illustrieren ihren Namen, wie Schäufelein durch eine kleine Schaufel, H.H.Grün
durch ein Baumblatt, Peter Vischer d. A. durch einen Angelhaken mit zwei
Fischen, Daniel Fröschl durch einen Laubfrosch. Paolo Farinati durch eine
Schnecke, Bartolommeo Passerotti durch einen Sperling,'* Paul Brill durch eine
Brille.' Zu den Monogrammen treten ausnahmsweise Erweiterungen in Form
von WerkstattsDevisen; so bei Niklas Manuel Deutsch: Nieman kann alss
wussen, oder nur die Anfangsbuchstaben NKAW.
Das Monogramm steht innerhalb der Zeichnungsfläche oft auf einer Leiste,
auf einem Gegenstand oder hängt als Täfelchcn an einem Baumast. Ausnahms«
Abb. 334.
Signatur des Urs Graf
mit Boraxbüchse.
' lüne große Anzahl der verschiedensten deutschen .^\eister:cichnungen des 16. Jahr«
hunderts und selbst des vorhergehenden wurden mit dem Durer^. Monogramm verschen.
wie Blatter der Kembrandt-Schule mit »Rembrandt».
' Aus Vas. Soc. IV, 32, Mannl. Porträt. London, Gustav Mayer.
' Passerculum tanquam sui nominis svmbolitm (.Malvasia IL 24S).
* Auf einer Paul BrilLZeichnung in Rotterdam tragt ein nackter Mann in der Hand
eine Brille, ebenso befindet sich auf je einem Buch eine Brille.
Meder, Die llandicichnung.
. 690 Über das Signieren.
weise läßt es sich auch auf der Rückseite des Blattes finden (M. Bocksperg
1616, Albertina). Daß es auf graphischen Vorlagen verkehrt gezeichnet er*
scheint, bedarf keiner besonderen Erklärung.^ Indes übersehen die meisten
Graphiker diese Voraussicht.
Signaturen- In der Regel begnügt sich ein Künstler mit einem Monogramm für seine
Wechsel, ganze Schaffenszeit, ab und zu treten kleine Differenzierungen ein, wie z. B.
vor und während der Meisterschaft (Dürer). Wenige nehmen zwei oder drei
Monogramme an, die ohne besonderen Grund wechseln (Daniel Lindtmayer,
Niclas Manuel, Urs Graf,^ Tobias Stimmer, Christoph Murer). Selbst echt
und voll unterzeichnete Namen erscheinen in verschiedenen Schreibweisen.
Ein klassisches Beispiel bietet Paul Brill, der in Rom folgende Signaturen
anwendet: Brillo, Paolo Brilli 1602, Paulus Bril 1605, Paulo Bril
1606, Pauvels Bril 1607, Paol Bril, Pavel Brillo 1615, Bauvels
Brilo, Pavolo Brill.'* Joseph Heinz signiert Heintz und Heinz, Hainrich
Schönfeld und Schönfeldt, Stuttgart 1627 (Dessau II, 56, 60). Der Fran?
zose Le Paon schreibt Le paon und L. paön; J. B. Oudry gebraucht auch
Oudri. Derlei Namensveränderungen vollziehen sich gerne in der Fremde,
besonders in Italien; Carel van Mander unterzeichnet ein Widmungsblatt:
Carlo da Mandra fe. per suo Amicho il Snr Theodoro gallo 1597.^ Neben
der heimatlichen Bezeichnung liebt man auch den latinisierten Namen oder
den französisierten wie J. G. Will neben der Normalschreibung Wille. Mitunter
wechseln auch die Namen auf Zeichnungen, Radierungen und Gemälden eines
Meisters: A. v. Borssom (Zeichnung, Gemälde), Boresom (Radierungen).
Doppelte Bes Merkwürdig berühren uns Fälle, wo gleich zwei echte Signaturen (Mono*
Zeichnung, gramme oder Namen) auf einer Zeichnung stehen. Urs Graf spielt mit seinen
Zeichen und bringt sie da und dort in ornamentaler Ausnützung an.^ Auch
Niklas Manuel kennt doppelte Signatur (Basel U. 10, 20); der Nürnberger
Jobst Spörl schreibt neben sein verschlungenes Monogramm: Jobst Spörl von
Nurenberg an 1639 Ady den 31. Augusty.*^ Alte Architekten und Steinmetz*
meister setzen auf ihre Risse neben der vollen Bezeichnung auch das ent*
sprechende Steinmetzzeichen : «Daß han ich hanns beblinger ab gemacht wie
eß do statt in dem iar 1501.»^ Derlei Doppelbezeichnungen verdanken aber
ihren Ursprung weit häufiger der Verdeutlichmachung, indem eine gewissen*
hafte Hand die Lesung daneben schrieb; so z. B. neben das Monogramm des
Hans Traut die Notiz: «Dz hatt Hans Trawt Zw Nornmerchkg gemacht»,^
oder: «Vom Stimer» neben das echte, alte Zeichen Stimmers (Basel). Oder
wenn wir auf einem Louvre*Blatte neben dem echten Monogramm Melchior
Lorchs die Rückseite mit der Notiz versehen finden: «Melcher lorck eigener
' Michel Kirmer, A P. 1276.
* Über die Varianten bei Urs Graf: Emil Major, Urs Graf (Studien z. d. Kunstgesch.
77, Note 38).
' Anton Mayer, Matthias und Paul Brill, Leipzig 1910, S. 77.
* Albertina, Inv. Nr. 8010: Predigt des Johannes.
* Ganz, Schweizer Handz. III, 49.
'■ A. P. 1347.
' Architekten. Handz. alter Meister, herausg. von Hermann Egger. Wien 1910, I, Taf. 6.
' Erlangen II, A. 25, St. Sebastian.
über das Signieren. ^91
imme.
hanth gemacht denn 4 September 1551. lorens Stoer».> Echte Monograi
welche kaum sichtbar, weil verrieben oder versteckt angebracht, werden von
Sammlerhand an einer in die Augen fallenden Stelle wiederholt, so daß Zeich,
nungen zweimal, selbst dreimal bezeichnet erscheinen.^' Es gibt auch, wenn*
gleich selten, Blätter mit zwei, und zwar verschiedenen Künstlern angehörigen
Monogrammen. Der gewöhnliche Fall, zugleich die Erklärung der Erscheinung,
ist jener, wenn ein Kopist das Monogramm seiner X'orlage zur strengen Wahrung
des Urheberrechtes in die Nähe des eigenen setzt, wie wir auf Dürer--. Altdorfer.
und Baldung^Kopien beobachten können.
Nach der Mitte des 16. Jahrhunderts erweiterte und vergrößerte man die Frwdtcrte
Firma; das nicht jedermann verständliche Monogramm genügte nicht mehr und Sipnaturcn.
das handwerksmäßige Kopieren machte die Meister mißtrauisch. Der volle
Name wird noch verstärkt durch invenit oder invenit et fecit, inventor oder
pictor (P.). Die Spanier zeichnen: inbentado y dibujado (Juan Pedro Arnal. A.).
Seltener erscheinen figuravit oder calamo faciehat bei graphischen Vorzeich*
nungen. Das beliebteste Wort bleibt delineavit, in seiner Abkürzung dci, das
mit ad vivum verbunden wird, für welches die Holländer nae het leevcn
geteekenf, in Italien lebende Nordländer vivo setzten.-' Die lateinischen Be*
Zeichnungen invenit oder ad vivum verlieren bei Schlechtunterrichteten ihre Wort;
bedeutung und werden irrtümlicherweise auch bei Landschaften angewendet.'
Die Franzosen gebrauchen die Wendung: Dessine par (J. B. Masse). Eine häufige
Erweiterung der Signatur bedeutet, zumal in der Fremde, der Hinweis auf die
Heimat: Petrus Du Monstier Parisiensis faciehat Roinae 1655 (Paris. Nationais
bibliothek). Im eitlen Gefühle eines neugebackenen Republikaners unterzeichnet
Wille jun.. dessen Vater noch als Deutscher neben ihm lebte: P. A. Wille Fils
ce quintidi 25 Prairial l'an V'"^ de la Kepublique une e indivisible (Brun.
Schweizerisches Künstler^Lexikon II, 313).
Ausführliche Bezeichnungen lassen sich in den seit dem Ende des 16. Jahr; In Stamm
hunderts immer häufiger erscheinenden Stammbüchern konstatieren, die sich büchcrn.
wandernde Gesellen anlegten und von Meistern und Kollegen ausfüllen ließen.
Auch Adel und Bürgertum huldigten dieser Mode. Aus solchen Blättern, die
heute meist vereinzelt in Klebebänden oder bereits den Sammlungsbe^itänden
eingereiht auftreten, lassen sich für den einen oder anderen Meister allerlei
Daten gewinnen. «Dieses hab ich zuo guetter gedechtnüs gemacht in Stuttgartt
den 1. Januarij A°. 1625 Wentzeslaus Hollar von Prachen» (Dessau II. 58).
Oder: «Herren Johann vlrich Hürdter künstlicher Bildthawcr zu cim freundtlich
Andencken presentirt dises Joachim von Sandrart Zu Nurmberg den 13. 8': 1683»
(A.). Dazu kam häufig die Formel: geschehen, geschechen. gschchen. itDiscs
mach ich Johann Hainrich Schönfeld mallergesell, geschechen in Stugart I627v
(Dessau II, 59).
In das Gebiet der indirekten oder erweiterten Signaturen gehören jene, meist Fipene und
in späteren Lebensjahren auf Jugendwerke gesetzten, tagebuchartigen Notizen, Jrcmdc
Notizen.
' Louvre. Nr. 1S72S.
* Dürer, Grüne Passion, L. M. 4S'5. — Hans B. Cirun - Skizztnlnuh. Taf. 14.
•' Joseph Hcintz, liegender weiblicher Akt, Sammlung Wurzbatli. Wien.
* A. de llaen äd viv. Jci 1744, I hat lern.
44»
692
Über das Signieren.
die mit der Bestätigung der Autorschaft gleichzeitig Lebensdaten verbinden.
So jene bekannten drei Zeilen auf Dürers Jugendbildnis, oder jene Notiz:
Josephus Heintz 1582 seiner Lehr im 4. Jahr (Basel U 4, 60). Ähnlich auf
einer Zeichnung des jungen Renesse (Rotterdam).^ Nicht als Signaturen, doch
für die Autorschaft oft von einer gewissen Bedeutung sind Schreibproben,
begonnene Konzepte von Briefen, Bittschriften, Gedichten aufzufassen, wie sie
uns in Skizzenbüchern oder auf einzelnen Blättern begegnen. So auf einer
Architekturzeichnung des Baldassare Peruzzi (Uff. 485): 21. octoh. 1531 lo
Baldassarre. putjo avchitectore & pictore fo piena &- indubitata fede come gia pai
sonö . . .^ Michelangelos und Raffaels dichterische Konzepte und deren Aus?
nutzung für die Autorschaft der Zeichnung sind allbekannte Beispiele.
Atteste.
Abb. 335. N. Berchem, Tierstudie mit später zugeschriebener Signatur.
Zu Stellvertretern von Bezeichnungen werden auch bestätigende Notizen
von Verwandten und Schülern des Künstlers, wie z. B. jene des Vaters von
Ger. Dou: dit heeft myn Gerrit nae het Leven geteyckent den 24 A Pril
anno 1626 in zwollr' oder auf einer Rembrandt*Zeichnung der Vers von
Philips Koninck:
Dees tekeningh vertoont de buiten amstelkant
Soo braaf getekent door beer Rembrants eijgen hant.^
Oder auf einer A. Bloemart? Zeichnung: van myn frer Abraham vand=voort
(Stuttgart). Bisweilen notiert der Beschenkte den Namen des Zeichners: «Disses
' De eerste tijckening getoont by Rem Brami (sie) in jaer 1649 den 1 Oktob. het waert
voor de tweede mael dat ik by Rembvandt geweest bin. Darauffolgend die Signatur.
* Oder auf einer Zeichnung Renis mehrmals untereinander: lo guido Reni . . . (Uff. 1587).
' Amsterdam.
* Hofstede, Handz. Rembrandts Nr. 1062, Blick auf die Wälle von Amsterdam (Heseltine).
über das Signieren.
695
schencktt Mier Johan Wellinger alls Ich pey Im arbaittet Zu Lübeck aö 1594»;
so auf einer von 1572 datierten Zeichnung (v. Wurzbach. Wien). Oder auf einer
Basler Zeichnung (U 16, 28): «Von Jergen Schweiger Handt gemacht und
mir geschenkt word. 21. Junius von simon sun derßen (?) vnd onoftrion W^er*
lin an 1565».
Im Handel wurden unsignierte Zeichnungen eines und desselben Meisters
von fremder Hand gleichmäßig mit dem Monogramme versehen, wenn zufällig
eine echte Bezeichnung zur Verfügung stand. Der Fall ereignete sich häufig bei
Skizzenbüchern, die größeren Vorteiles halber aufgelöst wurden. Man zer*
schnitt selbst einzelne Blätter noch in Teile und versah jedes Stückchen mit
dem Meisterzeichen. Bei Dürer, dessen Studien schon frühzeitig Gegenstand
Abb. 336. Abklatsch von Abb. 335, vor der Sign.itur.
des größten Interesses waren, betrieb man dieses Signicrungssystem in ganz
unglaublicher Weise. Wenn wir das große Korpus seiner publizierten Blatter
durchsehen, staunen wir über die Fülle der Monogramme, und wir müßten
ihn einer lächerlichen Eitelkeit zeihen, wollte man sie alle als eigenhändig an;
erkennen. In einzelnen Fällen läßt sich dieses Nachsignieren deutlich beob«
achten. Die im vorhergehenden Kapitel bereits besprochenen gewaltsamen
Trennungen der prachtvollen Dürerstudien zu dem Kosenkranzbild und zum
Helleraltar verführten einzelne Besitzer dazu, auch den abgetrennten Teil mit
einer Signatur zu verschen. Der Fvakopl der Albertina (L. >\. 501) zeigt
neben der von fremder I land ergänzten Signatur noch am Rande rechts den
Rest des alten originalen A. Andere Dürer^Zeichnungen dieser Serien wie
L. M. 497, 500 tragen gleichfalls solch grobe Ergänzungen. Ebenso forderten
die vorhandenen echten jahrzahlen zur Hinzufügung eines Monogrammcs
direkt auf. z. B. Dürer, L. M. 540. 541. 543.
Signierungen
von fremder
Hand.
694 Über das Signieren.
Ein belehrendes Beispiel, wie man erst später eine die Handschrift des
Meisters nachahmende Signatur aufsetzte, bietet eine Berchem*Studie der Albertina,
zu der sich zufälligerweise ein Abklatsch noch vor dieser Bezeichnung er#
halten hat. Die Zeichnung erfuhr außerdem noch störende Überarbeitungen
in der Schattierung und Zutaten (Abb. 335 Original und Abb. 336 Abklatsch).^
Werkstatt; Seit dem 18. Jahrhundert begegnet dem Sammler der nachweisbare, gewiß
Signaturen, aber schon früher als selbstverständlich aufgefaßte und geübte Brauch, daß
Meister gute Schülerzeichnungen unter ihrem Namen in den Handel brachten.
So der alte Zingg in Dresden, der von Ludwig Richters Vater große Sepia*
Zeichnungen erfinden und bis auf das letzte Tüpfel ausführen ließ, um sie dann
mit seinem Namen versehen zur Ausstellung zu bringen. ''^ Ähnliches ist uns
auch von dem Vater Jakob Alt bekannt, der Aquarelle seiner Söhne Rudolf
und Franz unter seiner Chiffre im besten Glauben verkaufte.
^ Albertina. Inv. Nr. 9819 und 9820. Rötel, das Original etwas beschnitten; Abklatsch
17-8 X 28-6 cm.
^ Ludwig Richter, Lebenserinnerungen, S. 2.
Einiges über Wasserzeichen.
Literatur und Abbildungsmaterial dieser Bestimmungsbehclfe sind heute Für
schon so beträchtlich angewachsen, daß es den Rahmen dieser Arbeit fast zu ""*J Rcgcn.
überschreiten scheint, hierüber noch weitere Worte zu machen.' Aber trotzdem
wurde bei allen derartigen allgemeinen oder speziellen Abhandlungen eines
übersehen, ihren Wert oder ihre Wertlosigkeit für Zeichnungen auf das
richtige Maß zurückzuführen. Die große Gruppe von Schrift; und Kunst*
gelehrten teilt sich heute noch in zwei entgegengesetzte Anschauungen ver*
tretende Lager. Während die einen blind darauf schwören und aus der Gleich*
heit oder Ähnlichkeit der Marken zu willkommenen Schlüssen zu gelangen
trachten, machen die Gegner geltend, daß man noch wenig Nutzen aus dem
Studium derselben habe ziehen können. Wer die heutige Literatur und Re«
Produktionen der Wasserzeichen (Filigranes) kennt und benützt hat, wird
letzteren beistimmen, aber zugleich gestehen müssen, daß diese geringe Nutz*
Wertung nur in der leider noch mangelhaften Durcharbeitung des ungeheuren
Materiales liege. Alle zur Verfügung stehenden Werke geben für alte Hand*
Zeichnungen nur deshalb unzureichende Behelfe ab, weil sie die Wassermarken
zum größten Teil Archiven aller Herrenländer, nicht aber Zcichnungensamm*
lungen entnommen haben; und die wenigen Zusammenstellungen aus Zeich*
nungen wie z. B. von Robinson für A\ichelangelo und Raffael bedeuten zu*
nächst nur schüchterne Versuche.- Es kann nichts irreführender sein, als aus
Briefen und Aktenstücken, die über ganz Europa hin und her wanderten, eine
ergiebige Fundgrube machen zu wollen. Wurde damit auch die Zeit bestimmt,
das Lokale konnte in der Regel nicht zur Geltung kommen. Was können wir
daraus erschließen, wenn z. B. bei Briquet die Feststellung hervorgehoben wird,
daß das Wasserzeichen Bogen mit Pfeil (Nr. 779 — 805) sich in fast allen
Archiven Italiens, ferner in Paris, Toulouse, Utrecht, Middelburg. Frankfurt,
Augsburg und Innsbruck beobachten ließ. Woher stammen aber diese Ur*
künden und das Papier?-'
Eine weitere Irreführung bedeuten die vielfach schlechten Abbildungen, BcgriflFs.
welche durch Mißverständnisse und unklare X'orstellungen von den Marken crkUrung.
selbst zustande kamen. Das Wasserzeichen, ein Firmazeichen des Erzeugers,
besteht seinem VC'esen nach aus dem Abdruck einer Drahtfigur, die zwischen
den Quer* oder Formdrähten oder an denselben befestigt wurde. D.\ sich
' Litcraturangabcn bei C. M. Briquet: l.cs Filigranes, Paris 1907, I. p. VIII-X.
* Robinson, A criticjl account. p. 361 H.
=> Briquet I. 54.
696
Einiges über Wasserzeichen.
Varianten
eines
^v'asser;
Zeichens.
Organisches
Zeichnen.
^.-iVX
durch den häufigen Gebrauch diese Drahtgestelle verbogen haben oder Teile
verloren gingen, entstanden selbstverständlich vielgestaltige Mißbildungen ein
und derselben Type, die indes einen Fachmann der Wasserzeichen nicht irre*
führen soUten. Briquet führt z. B. für Bogen mit Pfeil (779 — 805) ganze Reihen
auf, die doch nur eine Marke bedeuten.
Viel wichtiger wird es erscheinen, soll ein entsprechender Nutzen aus ihrer
Erkenntnis gewonnen werden, jede dieser Geschäftsmarken in allen ihren
BesitzersVariationen, die tatsächlich wesentliche Unterschiede und damit
auch zeitliche Verschiebungen aufweisen, chronologisch verfolgen zu können.
Bei Beschreibungen von Stichen und Zeichnungen heißt es z. B.: Ochsen*
kopfpapier. Welche Differenzierungen aber bietet allein dieses Zeichen? Es
gibt einen kleinen, einen mittleren, einen großen Ochsenkopf. Der große trägt
entweder ein Kreuz oder eine Blume, eine Blume mit 3 oder 7 Blättern, mit
einfachem oder doppeltem Stiel. Und erst das kombinierte Wasserzeichen des
Ochsenkopfes, mit Kreuz und Schlange, oder mit T und Schlange, oder mit
Krone und Blume und letztere wieder mit 5 oder
7 Blättern! Von den feineren Nuancierungen nicht zu
reden, wie mit Nasenlöchern oder ohne, mit ange*
bogenen oder angelöteten Ohren, mit Zunge oder
Hauchstrahlen. Dabei sind jene Varianten, die sich
durch verschiedene Größen oder durch verbogene For*
men ergeben können, nicht in Betracht gezogen. Diese
kurze Aufzählung so vieler Arten ein und desselben
Zeichens setzt natürlich ebenso zahlreiche zeitliche Zu*
Weisungen voraus, welche erst nach und nach festzu*
legen wären und ohne die eine wissenschaftliche Ver*
Wertung kaum gedacht werden kann. Und ebenso
variabel wie der Ochsenkopf erscheint noch manch
anderes Zeichen, z. B. Hand mit Blume, von dem
Briquet über 100 Formen anführt, oder die Wein*
traube (Br. 12991-13218.).
Wer daher bei dem Studium der Zeichnungen auf Wassermarken einen
besonderen Wert zu legen gedenkt, muß sich, da ihn die Hilfsbücher derzeit
noch im Stich lassen, seinen Vorrat nach Handzeichnungen mit möghchst
genauer lokaler und zeitlicher Angabe selbst anlegen. Ob er sich dieselben
auf photographischem Weg, durch Pausen oder durch freies Nachzeichnen
verschafft, immer halte er sich das Prinzip der Drahtfigur vor Augen, alle
Linien so viel wie möglich in einem Zug zu machen; denn der Standpunkt
der Haltbarkeit vermied nach Tunlichkeit angelötete Teile. (Abb. 337: BM
richtig in einem Zuge, A links falsch, rechts richtig, B links richtig, rechts
falsch gezeichnet). ' Nicht immer waren, wie bemerkt, bei Briquet oder gar
Abb. 337. Richtig und
falsch nachgezeichnete
Wasserzeichen.
' An dieser Stelle möchte ich noch einige Winke über das Aufsuchen und Kopieren
der Wasserzeichen geben. Sind die Blätter rückenfrei, ist die Feststellung leicht. Sind sie
aufgezogen, hält man sie mit beiden Händen horizontal dicht unter die Augen und gegen
das Fenster so lange, bis man zuerst die Hauptdrähte entdeckt hat. Nun sucht man
jeden einzelnen Zwischenraum sorgsam nach einer Spur ab. Hat man deren gefunden,
Einiges über Wasserzeichen.
697
bei Hausmann die Abbildungen von diesem Gesichtspunkte geleitet. Der Hnt=
fernung der vertikalen und horizontalen Wasserlinien eine ganz besondere
Wichtigkeit beilegen zu wollen, halte ich für zwecklos. Die Modelle wurden
doch nur handwerksmäßig angefertigt, es kam nicht auf ein Millimeter an.'
Notwendig erscheint auch die Beachtung der N'ebenmarken (Buchstaben
oder Monogramme der Fabrikanten), die sich in der Mitte der zweiten Hälfte
des Bogens links oder rechts von der Hauptmarke zeigen. Selten nur findet
man noch beide beisammen, meist sind sie durch das Zerteilen der Zeichs
nungen voneinander getrennt, so daß sie als selbständige Zeichen in den Re*
Produktionen angeführt werden. Ein intaktes Beispiel bietet Dürers Bacchanale
(Albertina, L. M. 454) mit der kleinen Wage im Kreise als Hauptmarke und
der Nebenmarke A. Oder eine Giulio Campi^Zeichnung (Florenz) mit der
Wassermarke einer Hand und des Buchstaben B; oder der einköpHge Adler
mit Krone und das Besitzerzeichen (Abb. 358) auf einer Van Dyck*Zeichnung.-
Finden wir z. B. dieses Besitzerzeichen A allein, so darf man schließen, daß
hiezu noch eine zweite Zeichnung mit der Hauptmarke der Wage im Kreise
gehört habe. Trägt die eine Hälfte etwa ein Datum, so kann dies
auch für die andere Hinweise ergeben. Derlei Zusammengehörigkei;
ten zwischen Marke und Monogramm oder selbst vollen Namen sind
noch wenig festgestellt, weil wir in den Zeichnungen fast immer
nur Bogenfragmente erhalten haben. Die dadurch entstandenen lücken^
haften Beschreibungen vererbten sich leider von einem zum andern.
Wird z. B. als Marke einer Zeichnung angegeben: «leerer Kreis»
(Durchm. = 4 cm), so entstammt dieser Papierteil in Wirklichkeit
einem italienischen Bogen, dessen vollständiges Wasserzeichen Ab^
bildung 339 zeigt.'
In Zeichnungen venezianischer Schule aus der Zeit des Guardi
lassen sich sogar Papiere mit drei Wasserzeichen: Blume, gekreuzte Schlüs«
sei und Anker konstatieren. Ein solches Beisammenlindcn gehört allerdings
zu den seltenen Dingen.
Derartige echte Doppelwasserzeichen sind von jenen Fällen zu trennen, wo
sich der Maler in einer Stunde raschen Bedarfes sein Zeichenpapier aus mehreren
Stücken zusammenklebte, von denen jedes sein eigenes Zeichen trug. So besitzt
die Universitätssammlung in Erlangen eine Zeichnung (I gr. f. 16), welche aus
einem Papier mit dem Mohrenkopf und einem zweiten mit dem Ochsenkopf
4o
S
Abb. >3S.
Neben«
marke.
dreht man das Blatt nach rechts und links und iimijckclirt, bis die Formen deutlicher
werden und sich :u einem mehr oder wenij^er vollständigen Zeichen vereinen. I.ine «c«
wisse Vertrautheit mit den einzelnen Figuren mul^ allerdings vorausgesetzt werden, hin.
fach ist das Kopieren, wenn die Blätter lose sind oder nur an einzelnen Punkten
haften. Nach einem selbst gefundenen und wohl erprobten N'erLihren schiebt man ein
stark lichtempfindliches Kopierpapier unter die Marke der Ha*.h auf den lisch gelegten
Zeichnung und setzt beide dem hellsten Tageslicht (nicht der Sonne) aus. Schon nach
kurzer Zeit erscheint ein positives Bild sämtlicher Wasserlinien, das nur mehr zu fixieren ist
' Krünitz. Fncyklop.. Bd. 106, S. ftS").
* Ein Beispiel bei Briquet Nr. SIS und S19. l'teil und Bogen und NamenschiHre
' In Gänze einer Radierung des Domenico Bonaveri nach Corrcggio entnommen aus
der Zeit um 1640.
Neben;
marken.
Zusammen»
gefügte
Papiere.
698 Einiges über Wasserzeichen.
der siebenblättrigen Blume zusammengesetzt ist. Und wieder verschieden zu be:=
urteilen sind die von Sammlern willkürlich vereinigten Teile verschiedener
Zeichnungen, in der Wohlmeinung, daß sie zusammengehören. Die soeben
genannte Zeichnungensammlung bewahrt einen rheinischen Flügelaltarentwurf,
an welchen oben als Abschluß ein siebenteiliger Fries von anderer Hand an#
geklebt wurde. Beide Teile haben provinziell verschiedene Wassermarken,
Lilien mit aufgesetzter niedriger Krone und ein Krüglein mit Kreuz.
Was sich auch der fleißige Sammler an Material zusammenstellen mag, für
die frühen Blätter wird es nur ein dürftiges bleiben und bleiben müssen. Wie
viele der Handzeichnungen sind aufgeklebt, wie viele tragen überhaupt keine
Marke oder nur einen undeutlichen Rest! In diesem Falle sind eventuell
Kupferstiche aus des Meisters Umgebung zur Ergänzung heranzuziehen.
Beschränkte Zum Schluß sei noch der Ausnützungswert der Wassermarken bei Zeichnungs*
Ausnützung. bestimmungen auf sein bescheidenes Maß zurückgeführt. Selbst in jener Zeit,
in welcher die soeben besprochenen Übelstände einst behoben und ein aus*
schließlich graphischem Material entnommenes
i Vergleichswerk zur Verfügung stehen wird, kann
der Gewinn nur ein geringer sein. Die Papier*
Verbreitung innerhalb der einzelnen Länder, aber
auch längs der großen Handelsstraßen zu verfol*
gen, wird dem Forscher kaum gelingen und da*
mit fallen auch die wiederholt versuchten Schlüsse,
rätselhafte Zeichnungen durch Wassermarken zu
lokalisieren, gewöhnlich in sich selbst zusammen.
. , „o T^ 1- T. . Robinson will für Michelangelo aus dessen Stu*
Abb. 339. Folio.Bogen mit ,. , _. , ii o i- i
verteilten Wassermarken. ^^^n und Korrespondenzen bloß aus englischem
Besitz 69 verschiedene Marken verzeichnen, wozu
bemerkt werden mag, daß Zeichen* und Briefpapier für den Künstler nicht das*
selbe bedeuteten. Der Ochsenkopf mit Stange und Blume gilt als deutsches
Wasserzeichen. Das in Berlin befindliche Skizzenbuch des Bambaja mit
29 Blatt, also in Oberitalien entstanden, weist gleichfalls diese Marke auf (Bri*
quet 14950). Später mochte der allgemeine Vertrieb noch lebhafter gewesen
sein. Der Maler Benedetto Luti sandte 1722 von Rom aus seinem ehemaligen
Schüler Agostino Ratti ein Kistchen Tnit holländischem Papier (carta d'Olanda,
assai propria, come sapete, per disegnare).^ Und gewiß gab es solches auch
. schon im vorhergehenden Jahrhundert in Rom, wo der Zustrom holländischer
Maler noch stärker war.
Zeitliche Weit sicherer als die lokalen Bestimmungen sind die zeitlichen, da die
Bestimmung, publizierten Zusammenstellungen bereits ein mehr abgeklärtes Resultat enthalten.
Originale sowie Kopien nach Bildern und Zeichnungen finden, falls auf deren
Datierung Wert gelegt wird, dadurch eine zeitliche Begrenzung. Blätter mit
Wassermarken, deren Aufkommen nachweisbar erst nach dem Tode des in
Betracht kommenden Künstlers fallen, werden sich schon aus diesem äußeren
Grunde erledigen lassen. Vorteil gewährt das Wasserzeichen bei nach allen
o
O
o
o
PANZANO
O
O ' o
o
' Rottari. I etterc VI, 170.
Einiges über W^asserzeichen. 699
Richtungen zerstreuten Skizzenbuchblättern, um ihre Zusammengehörigkeit
leichter zu dokumentieren, besonders wenn nebenbei kopierte Exemplare oder
auch nur Einzelblätter kritisch zu behandeln sind; eine Aufgabe, der man heute
ein besonderes Interesse entgegenbringt. Ein treffliches Beispiel hiefür liefert
H. Egger für ein M. v. Heemskerck fälschlich zugeschriebenes Skizzenbuchblatt
mit dem Baselstab. ^
' Egger und Hülsen, Die röm. Skiizenbücher von M. v. Heemskerck II, Textband
S. VII. — Paul Heitz, Les filigranes avcc la Crosse de Bäle, Strasbourg 1904.
Vom Restaurieren und Aufmachen.
Allgemeines. Vviewohl aus eigener Erfahrung überzeugt, daß man das Restaurieren alter
Zeichnungen nicht aus Aufsätzen erlernen könne, halte ich es nicht für über*
flüssig, Selbstgeübtes und von anderen Wohlerprobtes mitzuteilen; teils um den
Sammler, auch wenn er diese Tätigkeit nicht ausführt, über die wesentlichen
Manipulationen zu unterrichten, teils um jene praktischen, aus technischen
Erkenntnissen gewonnenen Konsequenzen zu ziehen, die der Konservierung
wertvoller Originale zugute kommen. Es gibt wenig Gelegenheit, hierüber
Richtiges zu erfahren, als berufsmäßige Restauratoren damit sehr geheimnissen,
und die wenigen, sich meist auf Stiche beziehenden Schriftchen so viel wie
nichts enthalten.^
Risiko. Als eine wichtige Frage erscheint es, ob man ein wertvolles Original, sei
es in welchem Zustande immer, überhaupt anrühren solle. Das Unheil,
welches selbst geschickte, aber historisch ungeschulte Restauratorenhände
anrichten können, ist in allen Sammlungen konstatierbar. Und da es selbst heute
noch trotz aller Restaurierschulen schwer fällt, zeichentechnische Erfahrungen
zu finden, so wird ein gewisses Risiko nie ausgeschlossen bleiben und Museal*
direktoren sowie Privatsammler müssen sich darüber klar sein, was auf dem
Spiele steht und welche Verunstaltungen eintreten können. Schon diese Er*
wägungen allein, geleitet von der Liebe zum Gegenstande und von dem Miß*
trauen gegen wichtigtuende Verbesserer, werden manches Unheil zu verhüten
imstande sein.
Übers Tadellose und unversehrte alte Zeichnungen gehören zu den größten Selten*
flüssiges heiten. Weit mehr als die Hälfte weisen Unbilden verschiedenster Art auf.
Über; zufällige und absichtliche, wie es der Lauf der Zeiten mit sich brachte. Bald
vernachlässigt und dem Verderben preisgegeben, bald von mehr oder weniger
berufener Hand wieder verbessert und verschönert, geben uns manche kaum
eine Idee ihres ursprünglichen Zustandes. Denn nicht immer galt die Ver*
schönerung dem Papiere allein, das geputzt und geglättet werden sollte, sondern
auch der Zeichnung selbst. Wer aber die barbarische Behandlung berühmter
Galeriebilder durch verschönerungssüchtige und eitle Restauratoren kennen ge*
lernt, wird auch hier jenes Vorgehen kaum mehr auffällig finden. Leider können
wir solche häufig auftretende Überarbeitungen meist nicht mehr beseitigen. Zu*
' Lucanus, Anleitung zur Restauration alter Gemälde, Leipzig 1828, enthält einiges
über Reinigen und Bleichen der Kupferstiche und Holzschnitte, S. 55 — 62. — Ebenso
finden sich Andeutungen in Ludwig Kainzbauer: Die Art, Behandlung und Wieder«
herstellung der öh, Tempera; und Freskogemälde sowie der Aquarelle, Pastelle, Miniaturen,
I Lindzeichnungen und Bilddruckc. Wien, Hartleben 1913.
Vom Restaurieren und Autmachen. 701
taten in Kreide, Rötel oder Graphit müssen bleiben. Am ehesten lassen sich die
groben Kolorierungen von Ostade.- oder Dusart^Zeichnungen entfernen, indem
man die Farben, wenn es die Tinte gestattet, mit nassem Pinsel und Saugpapier
vorsichtig entfernt. Eine Erinnerung daran wird freilich übrig bleiben.
Farbige Grundierungen, mit der Zeit verblaßt, besonders rosa und blau,
wurden mit zarten Aquarelltönen übergangen. Solche Auffrischungen sind
leicht zu erkennen, weil man nur den Hintergrund anlegte und die Figuren
aussparte; Verbesserungen bleiben ausgeschlossen.
Von all den gewaltsamen Prozeduren, die alte Handzeichnungen, und manche Ablösen,
wiederholt, ertragen mußten — oder heute noch zu gewärtigen haben — war
das Ablösen vom Untersatzkarton die häufigste. In den durch Jahr*
hunderte allgemein beliebten Klebebänden hatte man die Zeichnungen ohne
Zwischenlage direkt auf dem Folioblatt in der Weise befestigt, daß man das
Original mittels Leim oder Kleiekleister entweder an 6 oder 8 Punkten längs
der Ränder oder längs der Diagonalen, oder auch vollauf bestrich. Es war die
liebloseste Art, die man sich denken kann; die Oberfläche wurde krummelig.
die nicht befestigten Ränder bekamen Risse und der im Laufe der Zeit braun
gewordene Kleister oder Leim erzeugte gelbe Flecke.
Die Frage, ob eine Zeichnung abzulösen sei, läßt sich nicht gemeinhin Hinweise,
beantworten. Ohneweiters darf man die Freimachung für jene empfehlen, die
nur an einzelnen Stellen festgelegt sind. Blätter dagegen, die ihrer ganzen
Fläche nach aufgeleimt erscheinen, sind vorher sorgfältig zu begutachten. L'ns
grundierte Zeichnungen auf weißen Papieren müssen auf ihre Stoffqualität
und ihr Zeichenmaterial hin untersucht werden. W'eichwollige Papiere und
Bister, Sepia, Aquarellfarben sind behutsam anzufassen. Gute alte Tinten und
Kreiden vertragen ohneweiters ein nasses X'erfahren, Rötel läuft leicht Gefahr,
abzufärben. Bestimmend für ein Ablösen können erscheinen: in einzelne Teile
zerrissene und schlecht zusammengefügte Blätter, aufdringlich unterklebte Flicken
oder störende braune Flecke oder — ein 1 lauptgrund — Zeichnungen auf der
Rückseite. Letztere lassen sich meist schon durch ein geübtes, scharfes Ab*
suchen der Oberfläche stellenweise erkennen oder aus dem Gcsamtcharakter
der Zeichnung vermuten (skizzenbuchartige Entwürfe verschiedensten Inhalts).
Grundierte Blätter soll man ungeschoren lassen, ob sie sich noch tadellos
oder bereits beschädigt und verrieben erweisen. Die Gefahr, daß dicke
Grundierungen während der Manipulation brüchig werden oder dünne leicht
Feuchtigkeit aufnehmen, die sich zu deutlich umgrenzten Stellen auswächst,
ist schwer zu vermeiden.
Auktionen ersten Ranges bringen heute wohl die meisten Zeichnungen bereits \'or. und
rückenfrei auf den iMarkt, um dem Käufer volle Einsicht in den Blattkorper N.»>;htcilc.
zu gewähren. Nichtsdestoweniger gibt es noch genug Ware, die dieser Prozedur
harrt, von dem ungezählten Zeichnungsmaterial in alten Sammlungen abgesehen,
das sich infolge der damit verbundenen unabsehbaren Mühen und Cicfahrcn
noch manches Jahr wird gedulden müssen. Modern geleitete Institute, wie
Berlin oder London, haben das Ablösen bereits durchgeführt und der X'ortcil
dieser Art Aufstellung ist einleuchtend. So manche verklebte Zeichnung der
702 Vom Restaurieren und Aufmachen.
Rückseite,^ manche interessante Notiz kam wieder zum Vorschein, Wasser*
zeichen wurden offenbar, der vielfach durchschlagende und die Zeichnung ge#
fährdende Leim oder gelbbraun gewordene Kleiekleister konnten entfernt, Wasser?
flecke, Quetschfalten, Blasen, schlecht zusammengefügte Risse beseitigt werden.
Aber wie viel verdeckte Schäden wurden anderseits durch das Ablösen ans
Licht gebracht, von den entstandenen Verletzungen während des Vorganges
nicht zu reden, wie dünne Stellen, Risse, die wieder verbessert werden mußten,
Verfärbungen, Beraubung der Patina. Wie manche geheime, den Besitzern
verborgen bleibende Korrektur schlich sich ein.
Das vorsichtige Ablösen, wie es heute allgemein geübt wird, kennt mancherlei
Methoden, die man ihrem Wesen nach als ein trockenes, feuchtes und nasses
Verfahren auffassen kann.
Das trockene A. Das trockene Verfahren gilt für Originale, die ob ihrer Technik,
Verfahren, wie bei grundierten Papieren, Bisterfeder, Aquarellen, ein Anfeuchten nicht
gestatten. Sie werden zunächst aus dem Karton oder dem Band heraus?
geschnitten, mit der Bildseite auf eine nicht zu weiche Unterlage gelegt (Reiß?
brett mit weißem Saugpapier oder mehreren Schichten Seidenpapier) und in
der Mitte gut beschwert, um ein Verschieben zu vermeiden. Darauf erfolgt
das mühsame Abziehen des Kartons von Schichte zu Schichte, wobei die linke
Hand das Original möglichst fest hält. Ob man nun bei alten oder neueren
Untersätzen die Papierschichten mit Zuhilfenahme des Spaltmessers in Gänze
oder in Partien abzieht, oder mit angefeuchtetem Zeigefinger durch stetes Hin?
und Herreiben allmählich verdünnt, hängt ganz von dem Wert des Originales
und der Beschaffenheit der Kartonmasse ab.
Das feuchte B. Das feuchte Verfahren bei auf dicken oder dünnen Kartons voll
Verfahren, aufgeklebten Zeichnungen, deren Oberfläche keine Nässe verträgt. Man brei?
tet auf ein Reißbrett mehrere Lagen weißer Saugpapiere oder feines Linnen,
jedes gut angefeuchtet und wohlgeglättet; darauf legt man die Rückseite der
Zeichnung, so daß diese mit der feuchten Unterlage gleichmäßig in Berührung
komme, um überall gleich stark anzusaugen. Zur Unterstützung dieses Prozesses
deckt man die Zeichnung mit einer reinen, allseitig überragenden Glastafel zu
und stellt auf die vier Ecken beschwerende Gegenstände. Von diesem Momente
an bedarf sie der strengsten Überwachung. Die ungleichmäßige Dichte der
Kartons erzeugt auch eine ungleichmäßige auf dem Gesetze der Haarröhrchen?
erscheinung beruhende Aufnahme von Feuchtigkeit, die bei nicht genügender
Vorsicht sehr rasch bis an die Oberfläche steigen und Flecke erzeugen kann.
Die Glasscheibe ermöglicht das Erkennen aller eintretenden Veränderungen.
Man wird außerdem in kurzen Zeitabschnitten die Rückseite des Originales
überprüfen und sich überzeugen, wie weit der Prozeß gediehen und ob die
Feuchtigkeit bis zur Leimschichte gedrungen. Gerade die letztere bedarf einer
allseitigen Erweichung und eines gleichmäßigen Aufquellens, um den Karton
leicht und in Gänze abziehen zu können.
' So konnte ich der Albertina durch eigenhändiges Ablösen eine Grünewalds, eine
Rubens«, eine Tintoretto^ und eine Dürer^Zeichnung (Abb. 333) wiedergewinnen.
Vom Restaurieren und Autmachen.
r03
Zu diesem Zwecke legt man die Zeichnung mit der Bildseite auf em
trockenes, reines Seidenpapier, hebt ein Eck des Kartons auf und zieht ihn
langsam und vorsichtig, ohne die Zeichnung selbst zu bewegen, herunter. Nie
umgekehrt! So leicht und sicher dies in der Regel vor sich geht, so mühsam
ist das nun erfolgende Abschaben des aufgeweichten Leimes, da derselbe
während der Arbeit zu trocknen beginnt und ein neues kurzes Auflegen auf
die feuchten Saugpapiere nötig macht. Die Beseitigung des Leimes muß gründ-
lich besorgt werden, da er sonst das Glattpressen erschwert.
C. Das nasse Verfahren für Kreide*, Kohle?, Rötel* und Gra*
phitzeichnungen auf nicht grundierten Papieren und selbst bei mit alter und
bereits braun gewordener Galläpfeltinte gezeichneten Entwürfen anwendbar.
Die richtige Unterscheidung zwischen Tinte und löslichem Bister erscheint hier
besonders geboten. Alte Tusche verträgt zwar ein Befeuchten,
gibt aber, zusehr erweicht, bei ungeschickter Hantierung leicht
Farbe ab (Gegendruck). Ich empfehle hier reichliche Experi^
mente an wertlosen Konvolutzeichnungen, die in diesem Falle
gute Dienste leisten. Bevor Federzeichnungen dem Wasser anver*
traut werden, ist es vom X'^orteil, deren Oberfläche vorsichtig zu
putzen, und zwar in der Weise, daß Semmelschmolle über der
Zeichnung in kleine Brösel zerrieben wird, die dann mit der
flachen Hand leicht hin* und herbewegt werden. Der Vorgang
ist so lange zu erneuern, als die Kügelchen sich noch dunkel
färben. Vor dem Putzen mit einem ganzen Stück weichen
Brotes ist wegen der leicht entstehenden Striemen zu warnen.
Rasche Erweichung und Entfernung des Leimes bewirkt sehr
warmes (nicht kochendes) Wasser; je wärmer, desto kürzer das
Bad, das in der Regel nur nach Minuten andauern soll, es sei
denn, daß das angewandte Zeichenmaterial ein Risiko ausschliefet.
Unter Umständen ist bei hartnäckigen VC'asserflecken ein wieder*
hoher heißer Nachguß (nie auf die Zeichnung) vonnöten. Das infolge des alten
Leimes oder Kleisters braun gewordene Badwasser braucht nicht gewechselt
zu werden. Da alte Blätter durch das Bad sowohl an Patina als auch an Leim*
gehalt verlieren, so finden sie in der neu entstandenen Mischung wieder teil*
weisen Ersatz. Ein Restaurator könnte sich kein besseres und echteres Färbe*
mittel wünschen.
Eine besondere Beachtung erheischen jene alten Untersatzkartons, die eine
grundierte Schichte von oft lebhaften Farben tragen, die sich in der Wanne
leicht lösen und dann auch die Zeichnung färben. Selbst wenn man das
grundierte Papier zuvor von der Rückseite abgerissen, haften immer noch
Farbenreste an der Zeichnung, die gründlich abzuschaben sind. Ebenso vor*
sichtig müssen Randlinien, mit welchen die Liebhaberhand die Zeichnungen um»
zog, behandelt werden, da sie, falls von lösbarer Tinte, das Origmal verderben.
Nach dem Abschwemmen der Untersatzbogen und dem Ablösen der Vcr.
Stärkungspapiere längs der Ränder, das man teils in der Wanne, teils auf einem
gut saugenden Papier oder Linnen vollzieht, erfolgt die gründliche Entfernung
Abb. >-k\
Sch.ibmcsscr.
Das
Abziehen.
Das nasse
N'crfafiren.
Farbige
l 'ntcrsafi'
kartons.
704
Vom Restaurieren und Aufmachen.
aller überflüssigen Feuchtigkeit und die Beseitigung aller Kleisters und
Leimschichten mit dem Schabmesser (Abb. 340). Bei eventuellem Eintrocknen
wird mit einem nassen Schwämmchen nachgeholfen.
Abtrocknen. Bezüglich der Abtrocknung sei gleich hier die Mahnung angebracht, die*
selbe mit Fließpapier oder weichem Linnen so behutsam als möglich zu be#
sorgen, nie einzelne Stellen zu übersehen, da sich beim natürlichen Auftrocknen
der im Wasser befindliche Kalk sowie der alte Staub und Schmutz auf den
Strichen ablagert und dieselben grau und schimmelicht erscheinen lassen. Das
Linnen oder Saugpapier muß sorgsam auf die Oberfläche gelegt werden, die
leicht darübergleitenden Finger müssen mehr ein Tupfen als ein Wischen
markieren. Bisweilen befinden sich zwi*
sehen der Zeichnung und dem Verstär*
kungspapier (Karton) alte Flicken zur Ver*
klebung von Rissen, gewöhnlich grob und
dick, so daß sie auf der Vorderseite durch*
gepreßt erscheinen. Diese sind gleichfalls
zu entfernen und ebenso der dazwischen
befindliche Klebestoff.
Pressen. Ist die Zeichnung so weit gereinigt,
daß ein Seidenpapier auf der Rückseite
nur mehr wenig haftet, darf sie, noch
im halbfeuchten Zustande, der Presse über*
geben werden. Waren Risse vorhanden,
so werden dieselben entweder mit entspre*
chend zugerichtetem Restaurierungspapier
(möglichst alt, dünn und fest) gleich aus*
gebessert oder wenigstens provisorisch mit
Papierspangen zusammengehalten, da die
Presse sie sonst klaffend auseinandertreibt.
Das erste Pressen einer noch feuchten
Zeichnung zwischen reinen und von
Quetschfalten freien Seidenpapieren darf
nur eine halbe Minute währen, um die etwa anklebenden Stellen noch recht*
zeitig frei machen und neue Saugblätter einschieben zu können, so lange,
bis sie nirgends mehr haften.
Ich hatte vielfach Gelegenheit, diesen oben angeführten Vorgängen zuzusehen
und wurde nicht froh dabei. Da es sich hier stets um das persönliche Ver*
hältnis des Manipulierenden zu einem Kunstwerk handelt, um genaue Kennt*
nisse der alten Techniken, um eine gewissenhafte, geschickte und geduldige
Hand, um eine stetige Kontrolle seitens der Besitzer, so ist leicht einzusehen,
daß sich nicht immer alle diese Vorbedingungen vereinigt finden, um das
richtige Resultat zu erzielen. Der Gesamtcharakter mancher derartiger abge*
löster Blätter wurde nicht besser. Nunmehr haltlos, mit noch vorhandenen
mehr oder weniger sichtbaren, aber immer zusammendörrenden alten Leim*
stellen behaftet, erhalten dieselben kurze Zeit nach der Pressung schon ein
recht unangenehmes Relief. Das Papier erhielt die Freiheit, sich zu winden
_^
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Abb. 341. Passepartout mit Türchen.
Vom Restaurieren und Aufmachen.
'05
und zu drehen, besonders wenn es vertieft in einen Passepartout zu hegen
kam.
Diesem Übelstand hilft das geschickte Einspannen des noch im völlig Montierung.
flachen Zustande befindlichen Blattes in einem mit Angelbändern versehenen
Papperahmen teilweise ab (Abb. 341). Die Gefahr des Durchstoßens ver*
hütet eine auf der weniger wichtigen Seite angebrachte Gelatine oder Cellon.'
Eine andere Form bildet der Klapp^Passepartout, ein Ausschnittkarton,
der durch einen Leinwandstreifen mit einem zweiten gleich großen Untersatz^
karton verbunden ist. Die Zeichnung selbst wird mit Scharnicrbändchcn (Papier,
Seide) an dem unteren befestigt und durch den oberen an vier Seiten nieder*
gehalten (Abb. 342). Zeichnungen, die
keinerlei Skizzen oder Notizen auf der
Rückseite aufweisen, werden am besten
nach Art der Kupferstiche mittels dünner,
weicher Papierblättchen an 4 oder 8 Stellen
oder auch mit Streifen an allen 4 Seiten
auf dem Untersatzkarton mit Kleister (nie
mit Leim oder Gummi) befestigt. Die
Wasserzeichen oder Notizen müssen vor?
her kopiert und in den Katalog einge*
tragen werden.
Krgäniun»
gen.
Abb. 542. Klapp- l'a>scp.utouf.
Oinsichtlich der Ergänzung von
Fehlstellen kann nicht genug zur Vor*
sieht gemahnt werden. Es ist ein Unter*
schied, ob Wurmlöcher oder handbreite
Stellen zu ergänzen sind. Während die
ersteren sich leicht ausfüllen lassen, ohne
das Ansehen des Originales in irgend
einer Weise zu mindern, wirken gröfk^re
an* oder eingesetzte alte Papierstellen unter
Umständen äußerst störend, besonders
wenn Restauratoren auch zeichnerisch eingreifen und hinsichtlich der Papier«
tonung, Konturzeichnung und Schattierung ein Überflüssiges tun zu müssen
glauben. Heute ist man vorsichtiger als vor 100 Jahren, wo man an N'crbcsse*
rungen das Willkürlichste leistete, und begnügt sich mit der Ergänzung des
Formates.
Ohne auf das Einsetzen großer Papierstücke hier eingehen zu können, das Wurm,
von Restauratoren heute meisterhaft und bis zur Täuschung ausgeführt wird, lochcr.
will ich nur auf ein äulkrst bequemes und sicheres Verfahren, Wurmlöcher
zu füllen, hinweisen, das ich mir seinerzeit selbst zurecht legte und das — wie
ich glaube — noch nicht bekannt ist. Man versorge sich aus einer Papierfabrik
Papiermasse (Teig, Zeug) und bewahre sie in emem Fläschchcn immer unter
' Die Gelatine, möglichst fehlerfreie Platten, darf nur oben an :wci oder drei Stellen
mit gummiertem Papier aufgehangen werden, damit sie sich nach allen Seiten hin frei
ausdehnen könne und nicht wellig werde.
Med er, Oie lijnJzeichnung. 4S
706 Vom Restaurieren und Aufmachen.
Wasser und gut verschlossen auf. So oft kleine Löcher bis zu 1 cm zu schließen
sind, legt man die Zeichnung, mit der Rückseite nach oben, auf mehrere Lagen
weißen Saugpapieres, reinigt die mit der Zeit braun gewordenen Lochrän*
der mit dem Schabmesser, hebt mit demselben aus dem Fläschchen ungefähr so*
viel Papierbrei heraus, als zum Verstopfen notwendig erscheint, und legt das
Klümpchen in die Lücke. Sobald das Wasser von unten her aufgesogen, drückt
man mit dem Messer die Masse sorgfältig in das Loch und glättet sie nach
allen Seiten hin aus, bis sie ringsum gut haftet. Der Vorgang gleicht einem
Verkitten. Bei größeren Löchern empfiehlt es sich, den Lochrand zuvor mit
etwas Kleister zu betupfen. Nach einer Sicherung zwischen Seidenpapieren
erfolgt das Glattpressen und Trocknen. Da die Masse stets rein weiß, so
stechen die Füllungen nach der Fertigstellung von der alten Zeichnungspatina
meist ab. Eine leichte Färbung derselben mit einer entsprechenden dünnen
Aquarellfarbe behebt die Tondififerenz.
Risse. Alte Risse am Rande oder in der Mitte des Blattes tragen gewöhnlich
schon mit gelbgewordenem Kleister oder mit Leim unterklebte Papiere. Beide
Substanzen erzeugten eine Verfärbung der Oberfläche. Ablösen dieser Flicken
oder Untersatzpapiere ist unter allen Umständen zu empfehlen. Läßt sich dies
nicht ermöglichen, müssen sie wenigstens durch sorgfältiges Abschaben ver*
dünnt und ihre scharfen Ränder abgeschrägt werden. Ein feuchtes Pressen
vermindert die Schäden einigermaßen. Bisweilen erscheinen alte Risse schlecht
aneinandergefügt, so daß die Zeichnungslinien nicht aneinanderpassen und so
einzelne Partien verunstalten. Auch hier empfiehlt sich das Befreien dieser
Stellen von den Untersatzstreifen und ein neuerliches Zusammenfügen im
feuchten Zustande mit gleichzeitiger Unterlage eines dünnen Papieres. Dies
letztere geschieht in der Weise, daß man von einem alten bereits vergilbten
Seidenpapier ein Stück abreißt und dasselbe nach sorgfältiger Bestreichung
des Rißes mit Kleister (\/o cm breit) auflegt und preßt. Erst im trockenen
Zustand wird das überflüssige Papier ringsum möglichst schräg abgerissen, die
Ränder und Fasern mit dem Messer abgeschabt und schließlich unter einem
Stück Papier auf harter Unterlage poliert.
Zusammen: Auf diese Weise werden auch einzelne lose Teile, durch vieles Zusammen?
setzen von falten gebrochene und dann abgerissene Viertel, Hälften oder Eckstücke im
Fragmenten, feuchten Zustand in Ordnung gebracht. Da sie oft schlecht zusammengefügt
und daher verzogen sind, müssen sie vorerst in Gänze abgelöst werden. Dabei
vermeide man, die Fragmente einzeln trocknen zu lassen oder gar zu pressen.
Nur in feuchtem, aber gut abgetrocknetem Zustande können dieselben ge?
streckt oder mit einem Polierhämmerchen längs der Ränder so geklopft werden,
daß jede einzelne Linie mit ihrer Ergänzung zusammenpaßt. Erst bis das
Ganze nach allen Seiten stimmt, Kontur mit Kontur, Fläche mit Fläche, wer?
den die einzelnen Stücke zusammengestellt und rasch fixiert, indem man an
den wichtigsten Stellen schmale Papierstreifen provisorisch unterklebt, die gro?
ßen Rißlinien aber noch offen läßt. Hat man die Sicherheit, daß alles soweit
haftet und keine Verschiebungen mehr eintreten, darf die Pressung erfolgen.
Ein wiederholtes Nachsehen ist anzuraten. Erst nach mehreren Tagen und bei
vollständig eingetretener Trocknung und Glättung darf man daran gehen, die
Vom Restaurieren und Aufmachen. 707
noch offen stehenden Rißränder nach der oben angegebenen Weise mit dünnem
Papier zu unterlegen.
Vielfache Beschädigungen aller Art hat das Papier selbst erfahren: Be* Beseitigung
schmutzung durch Staub, Feuchtigkeit, Stockflecke, Pilze und Schimmel. Färb* von Flecken,
und Olkleckse, Zerstörung der Papierfaser durch Eisenrost, Würmer und
Fäulnis. Die häufigste Erscheinung bilden die Kleister* oder Lcimflecke,
die der Aufmachungsleim im Laufe der Jahrhunderte in den Papierfasern ver*
ursachte. Verträgt die Zeichnung warme Bäder, kommt man rasch ans Ziel.
Mehr als diese leisten Stockflecke (Pilze) einen hartnäckigen Widerstand. Stockflecke.
Auch hier führt Ausdauer zu einem Erfolg, falls ein fortgesetzter Waschungs*
prozeß der betreffenden Partien mit einem Pinsel und warmem Wasser gestattet
ist. Das Bestrahlen der gefeuchteten Stelle durch Tageslicht mildert gleichfalls
die Härten.^ Manche verschwinden durch fleißiges Betupfen mit Wasserstoff*
superoxyd; zu beachten ist, daß sich diese bleichende Flüssigkeit nicht über
die Grenze des Fleckes erstrecke. Leicht an der Oberfläche sitzende Flecke
lassen sich oft durch Auskratzen oder Abschaben beseitigen oder verringern,
wobei das Schabmesser in der Richtung der Wasserlinien zu fuhren ist.
Wasserflecke entstehen dadurch, daß das Papier an einzelnen Stellen, in VCisscr»
der Mitte durch Tropfen oder vom Rande herein durch Ansaugen, naß ge* flecke,
worden, diese Feuchtigkeit den in der Oberfläche sitzenden alten Staub löst
und mit scharfer, landkartenähnlicher Grenze weiterschiebt, bis sie schließlich
steht und vertrocknet. In nicht zu veralteten Fällen genügt ein warmes Nässen
mit dem Schwämme von der Rückseite oder, wenn es gestattet, ein Schwemmen
in der Wanne ; die Schmutzränder verziehen sich in kürzester Zeit. An Wasser*
flecken in Grundierungsschichten dürfen keine Versuche gemacht werden.
Eisen flecke entstanden durch den zufällig in die Papiermasse geratenen Rostflecke.
Eisenstaub, der im Laufe der Jahrhunderte unter dem Einfluß von Feuchtigkeit
oxydierte und in der Oberfläche kleine rostbraune Punkte erzeugte. Ein Heraus*
stechen und Papierersatz, falls die Stelle es ermöglicht, bildet die einzige Art
der Entfernung. In der Regel verursachen sie wegen ihrer Kleinheit keine
besondere Störung.
Fliegenflecke werden, falls die Zeichnung schwemmbar, unmittelbar nach Fliegen»
dem Bade, nachdem die Flüssigkeit sorgfältig abgesaugt und die Oberfläche Hecke,
etwas widerstandsfähiger geworden, mittels einer Nadel mit Ilolzgriff oder
einem spitzigen Federmesser herausgehoben. Aber auch im trockenen Zustande
können sie mit einer Nadel zunächst kreuzweise durchrissen und dann abgc*
sprengt werden. Bei alten wenig geleimten Papieren (1 5. Jahrhundert) haben
sie sich bisweilen so eingefressen, daß sie nach allen N'erbcsscrungsvcrsuchcn
immer noch braune Spuren hinterlassen.
' Alte Rezepte empfehlen aui^er dem Sonnenlichte oxydierte Salzsäure mit nachfolgen»
der guter Auswässerung oder als stärkeres Mittel aufgelöstes Kleesa!:. oder 3 T. Weinstein»
säure und 1 T. Schwefelsäure und sorgfältigstes Auswaschen. Heute wird das allgemein
verbreitete l:au de Javcllc in mehr oder weniger verdünntem Zustande mit nachfolgender
Ncutralisicrung angewandt.
45*
708
Vom Restaurieren und Aufmachen.
Ölfarben. Ölfarbenkleckse, oft Millimeter dick, können, wenn sie an leeren Stellen
stehen, herausgestochen und die dadurch entstandenen Lücken durch geeignetes
Ersatzpapier ausgefüllt werden. Empfehlenswerter erscheint ein einfaches Ver?
dünnen mit dem Schabmesser.
Leinöl. Ölflecke,' meist von Leinöl herrührend, lassen sich selbst trotz ihrer hun?
dertjährigen Zähigkeit noch mit Chloroform und Eau de Javelle erschüttern
und abschwächen. Eine große Schwierigkeit bedeutet hier die strenge Ein«
haltung der Fleckgrenze während der Behandlung, da sofort weiß gebleichte
Ränder entstehen.^
Scharfe, schädigende Eingriffe bedeuten die besprochenen Übertragungs«
Prozeduren (Siehe S. 682). Lassen sich derartige, durch störende und tiefgehende
Griffellinien. Griffellinien verletzte Zeichnungen anfeuchten, damit die Papierfasern auf*
quellen, so gelingt es, die vertieften Linien durch ein Glätten mit dem Falzbein
von der Rückseite abzuflachen und teilweise verschwinden zu machen. Bei
alten weichen Papieren ist der Erfolg weit größer als bei jüngeren und stärker
Quadries geleimten. An die Entfernung von Quadrierungslinien in Kreide oder
rung. Rötel oder gar in Feder denkt heute wohl kein vernünftiger Restaurator mehr.
Der Schaden überragt die mühevollen Verbesserungsversuche. Mögen diese
alten Belege einer Verwendung das Figurale auch entstellen, sie gehören zum
Charakter einer Werkzeichnung.
^ Cennini empfahl für frische Ölflecke geschabten Gips und Kohlenpulver (K. 121).
ANHANG.
Abkürzungen und Verzeichnis
der häufig verwendeten Literaturen und TaFelwerke.
A. = Albertina.
Alberti, L. B., Della pictum libri trc. Geschrieben um 1455. Hier verwendet Ausg.
Janitschek (Quellenschr. f. Kunstgesch. XI. Wien, 1877).
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Anonymus Morelli, siehe >\ichielc.
Anweisung zu der Mahler^Kunst und zur Reiß; und Zeichen-- wie auch llluminir:Kunst.
Neue verb. Aufl. Leipzig, 1745.
A. P. (Albertina^Publikation) — Handzeichnungen alter Meister aus der Albertina und
anderen Sammlungen. Hsg. von J. Medcr und J. Schönbrunner. NN'ien, 1!>%— 1908.
12 Bde.
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druck, Pisa. 1823.
Baldinucci, Filippo, Notizie de Professor! del Disegno. Florenz, 1681 — 1728. 6 Bde. Hier
zitiert Ausg. Turin, 1768.
— Vocabolario Toscano dell'Arte del Disegno. Firenze, 1681.
BellinisSkizzenbuch == C. Ricci, Jacopo Bellini e i suoi libri di disegni. Firenze, 1909.
Bellori, Giov. Pictro, Le Vite de Pittori, Scultori cd Architctti modcrni. Roma, 1672. Hier
zitiert 2. Aufl. Rom, 1728.
Berenson, B. = The Drawings of the florentine Painters. London, 1903. 2 Bde mit ISO
Lichtdrucken.
Berger, Frnst, Beiträge zur Fntwicklungsgeschichte der .N\altechnik. München, 1893—1909,
F"olge 1—5.
Bertolotti, A., Artisti Bolognesi, Ferraresi. Bologna, 1885.
Birch=IIirschfeld, Karl, Die Lehre von der Malerei im Cinquecento. Rom, 1912.
Borghini, Raflaello, Riposo in cui della Pittura e dell.i Scultura si favella. Fiorenza. 1586.
Hier zitiert Ausg. v. 1730.
Bottari, M. Giov., Raccolta di lettere sulla Pittura, Scultura et Architettura. Koma. 1768.
Hier benützt Aufl. v. 1822.
Campi, Bernardino, Parere sopra la pittura. Geschrieben 1584, erschienen in C Zaists
Notizie istoriche. Cremona. 1774.
Cennini = Cennino Ccnnini, Trattato della Pittura. Cbers. v. Ilg (Quellenschr. f. Kunst«
gesch. I. Wien. 1871).
Code.x Fscurialensis. Fin Skizzenbuch aus der Werkst.itt Ghirlandaios. Hsg. v. N. Fggcr.
Wien. 1906.
Condivi. Ascanio, Vita di Michelangelo. Rom, 1553. L'bers. v. K. Valdck (Quellenschr. f.
Kunstgesch. VI. Wien, 1874).
ConstantA'iguicr und Langlois.Longueville. Nouveau .Manuel de Miniature. Hier zitiert
Ausgabe Paris, 1839; deutsch Quedlinburg und Leipzig. 1S4I.
D'Argcnville, siehe Dezallier.
Dezallier.-d'Argenville, Anth. Abrege de la vie des plus lamcux Pcintrcs. l'aris. 1745-52.
2 Bde. und I Suppl Hier zitiert 2. vcrm, Aufl. Paris, 1762. 4 Hdc.
Disegni, I. della K. Galleria degli UHizi in Firenze. Firenze. I9I2-.
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L. M. (Lippmann-Meder) = V. Band der Zeichnungen von A. Dürer. Berlin. 1905.
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Lomazzo. G. Paolo. Trattato dell'Arte della Pittura. Scoltura et Architcttura. Hier zitiert
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London. 1849. 2 vis.
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Namen:: und Sachregister.
Aar de, roodc (Rötel) 127
Abbaco, Paolo dcH' 221 n. 4, 602
Abbozzarc un discgno 285
Abbreviaturen 19, 291
Abdrücke (Abzüge) siehe auch L' m*
tl r u c k
Abendkurse (Akademien) 216
Abgüsse 263, nach Antiken und der
Natur 265
Abklatsch siehe Umdruck
A b r i s z, Bildniszeichnung 458, Kopie 665
n. 2
Abschattieren der Lichtseite 594
Abstelen = sich verjüngen
A b s t r a k t i o n s s Verlauf 21
Academiciens 235
A c a d e m i e (Akt) 236, 379, 392, 402
— de France, Rom 237, 245
— royale, Paris 235, 236
— de Beaux Arts 238
Accademia (dilde) 209
— del Discgno, Rom 2}.^
— d' Pittori. Rom 235
— del naturale (Akt) 379
Accademici del discgno 214
— desiderosi, studiosi, utili e honorati 233
A c q u a r e 1 1 o (Lavierung) 51, 252
A c t i t u d c (holl.) Attitüde
A d e 1 s t a n d. Lrhcbung in den 247
Affe (Pantograph) ISO
A f f u m i c a r e f)74
A g u a z z o Deckfarbenmalcrei
A i g u i 1 1 e d'argent 79, 99
A k a d e m i c. N'erfassung 2}}. private 214,
öffentliche 2}X Interricht 234. 239. Hin.
fluß 248. Sammlungen 653. Anfeindung
2X\ 237
— Bandincllis 215. deutsche 238, Haag 2M).
Mediceische 214, Nürnberg 239, Idinc
249, Wien 238. London 239 n. I, An!«
werpen 3<'0
A k a d f m i s in u s u. Opposition 237, .V>3
Akte in Miniaturen 379, gotische 381.
der Renaissance 408. der Barocke 4W.
idealisierte 383, individuelle 385, in Ruhe
u. Bewegung 403, 407. männliche 381.
weibl. 394. 401, für Plafonds 411. 420
Aktring 41'>, .schlinge 419. 424, =scil
419, 421, ^vorlagen 254. 403. »vorschrif.
ten 388. 396
A k t z e i c h n e n. Entwicklung 379. mit»
tclalterlichc Anschauung .V<0. Akadc«
mien 236. 239. 392. am Abend .«o.
Bailestuben 389. römische Manier MH),
nach Lchrknaben u. Clehilfen 305. 388.
nach Kindern 402. Leichen 228, 3«;0, (Je.
dächtnisakt 425, Doppelakt -ViO
Alaunbad 52, 173, 193, »paste 190
A 1 b a n i. Fr. 403. 506
Albert von Sachsen=Teschcn 646
Albert i, L. B. über \'elo 544, .Spiegel
548, Modellieren 551, CJeometric 219.
Sehpyramidc 221. Malkinhcit f)08. Pavi«
inent 90«>, Anatomie 227, De re aedifi«
catoria 231, Idee 312. Komposition 2*W.
Ciruppen 289, Kntwerfen 288. Natur»
zeichnen 280, Akte .^1, 408. Nackt.
zeichnen 289. 313, Ausdruck 4<)5. 42*>.
Konturen 5<>8, Rilievo 2()4. Flächenzcr«
legung 5M. 623, Draperien 44<). Tier«
Studien 453, Kopieren 25''
— Pier Iranc. 235. 2(>5
— Romano 227, 2.^}
A I b u in mit Zeichnungen 648
\ I e h e r i u s über MetalUtiftc 8!
A I d e g r e v e r. IL. Stichvorlagen Vil
Alhazen f»OI
A 1 li c V o Lehrknuhe. tichilfc
.\ 1 1 o g a z i u n e 328
Alttl orfer, A.. ("lairobscur 48. Weiß-
pinsel 1<)2. Landschaft 473, 4S7. 5H».
Lichtwirkung 6J2 n. 2
A 1 t m e i s t e r der ( Jildc 2<W
.\ m a t e u r s f>43
716
Namen* und Sachregister.
A m a t i t o = Rötel
A m b c r g c r, Ch. 367
A m c r b a c h, Sammlung 273
A m s t e 1, Ploos van 655
A m y 1 a c e t a t, Fixage 193
A n a t o m i a (Notomia) := Muskclmann
Anatomie, Kcnntnise 226, Unterricht
228, 237, 255, Studien an Leichnamen
228, 229, Behelfe und Lehrbücher 229
Andampfen, Fixieren 192
Andriani, A. 158, 356, 590
A n g e 1 i c o, Fra, Primazeichnen 295, Ver>
trag 241, ReflexHchter 595
Anilinstifte 136 n. 1
A n o n i m o Morelliano ^ Michiel, Marc?
antonio
Anonymus Bernensis 87, 169
Anröteln d. Papieres 47, 112
Antiken, Kultus 265, Zeichnen 252, 263,
269, 272, Sammlungen 267, 273, 274,
Vorbilder 381, Aktzeichnen 270, 403,
Studium 268, 273, Einfluß 268, künst»
lerische und wissenschaftliche Ums
Wertung 270, 275
A n 1 1 i t z e r aus d. ablengeten pflaster 624
Aombrare di acquarelle (Lavieren) 52
Appiccare (Kartons kleben) 527
Architektur, Kenntnisse 230, Lern«
gelegenheit 231, Akademien 231, Hin^
tergrund 230, dekorative 343
Architekturbuch, Budapest 200,
226, 227, 232, 268, 564
Architekturlehrbücher 226, 231,
^maße 226, ^Zeichnungen 183, 343, fran*
zösische 344
Architetti militari 230
Ardenti (Akademiker) 214
A r g e n V i 1 1 e, A. siehe D e z a 1 1 i c r
Aristoteles 408
A r m e n i n o, Rötel 120, Zweischalen«
System 54, Unterrichtsstufen 252, 254,
Antiken 268, 271, Naturstudium 277,
Kopieren 259, Reinpausen 38, 295, Kars
ton 525, 530, Modellmännchen 417, Ge^
Wandung 444, Netzrahmen 545, Lichte
bchandlung 631
A r t e f i c i di discgno 26
A r t i del Discgno 26
Assistcnti (Gehilfen) 234
Asymmetrie, Zeichnung 301, Land»
Schaft 483, Raumauffassung 610, Raums
konstruktion 612, 618
Attitüde 403 n. 5
Attitudinc 406, 425, 430
A 1 1 o, Azzione 403 n. 5
Auffreißen, mit der federen 285
Aufhöhen = höhen
Augenpunkt 599, 602, 608 n. 2, 610,
612, 615, 619, tiefe Lage 622, Asymme=
trie 619, Bezeichnung 608 n. 2, 618, 620,
in Landschaften 482, 483
Augenpunkte, zwei 619, 620, vier 608,
620, mehrere 308, 616, Deckcnbilder
307, 620
Auktionen 651, 652
Au lavis (Lavierung) 51
A u r i f e X 246
Ausdruck, künstlerischer 16, seelischer
24, 405, Kopfstudien 427
Ausdrucksfähigkeit, formale 16
Ausdrucksweisen, zeichentechnis
sehe 4, 567 n. 2, 580 n. 3
Ausführungszeichnung siehe
Kompositionszeichnung
Ausgrabungen 266
Auskratzen der Lichter 89, 582 n. 1
Aussparen (Lichter) 156, 550, 582, 634
Ausstellungen 248, 653
Aux deux crayons 113, 132, 178, sur
papier bleu 177
Aux trois crayons 113, 117, 132, 139,
178, 356
B a c i c c i o siehe Gaulli, G. B.
Badcmädehen, Modelle 389, 394, 397
Baillie, WiUiam 653
B a k h u y s e n, Ludolf, Pinsel 160, Land«
Schaft 492
B a 1 d i n u c c i. F., Konservator 655
Baldovinctti, A. 454, 496
B a 1 d u n g, H., Silberstift 95, Skizzenbuch
82, 199, 201, Rötel 127, Scheibenrisse
352, Clairobscur 49, 590, weibl. Akte
398, Skurz 622
B a m b y k e (Fabriksname) 172 n. 3
Bandinelli, Baccio 36, 214, 260, 575
B a r n a, Tierzeichner 452
B a r o c c i, F., Kohle 106, KreidcsRötel 133,
Pastell 137, Kopfstudien 432, Kartons
528, Cartoncino 532, Naturpapiere 178,
Modellmännchen 553
Bartolommeo, Fra, Kreide 112, Rötel
124, Kreuzlagcn 575, Blciwcißhöhung
174, Akte 384, Gipsmodelle 376, Wachs»
modeile 402, Manichino 555, Kartons
527, hintcrlassene Zeichnungen 644, 677
Bartolozzi, F. 139, 359, 662
Namen; und Sachregister.
717
B a s s a n o, Jac, Pinsel 156, Pastell 137,
geöltes Papier 180, Tierstudien 455, Bcs
lichtung 634
Baumschlag 513, 514
B a u s e n siehe Pausen
B e e 1 1 j e s, Naakte, na't levcn 379
Befreiung der Künstler 250
Bega, C, bekleidete Modelle 426
B e g u e, Jehan le siehe L e B e g u e
Beham, B., Pastell 137
— H. S., Akte 398, Schattierung 577
Behelfe, graphische 183. literarische 208,
Wcrkstattbehelfc 544, für Akte 389, 418
Bclcuchtungskasten 634
Belichtung 580, Häkchen 582, verti»
kale 54, 582, horizontale 584, linksseitige
580, konzentrische 635, nasses X'erfahj
rcn 586, Bleiweiß 93, 117, 582, Gold 100,
586, farbige 587, trockene 117, 587
Bella, Stefano dclla 44, 575
Bellini, Gent. 151, 460
— Giov. 92
— Jac., Skizzenbuch, Pergamentgrundie-
rung 92, 170, Xeubenützung 98, Blei=
griffel 75, Pinsel 151, Landschaft 405.
496, Architekturen 232, Raumkonstruk =
tion 605, Abweichungen 610, pcrspekt.
Raumelemente 621, künstl. Licht 631, An»
tikcn 268, Tienstudicn 454, Tüchlein 181
Bellori, G. P., L. Giordano 112, Rcni
261, M. d. Caravaggio 282, Barocci 415,
532, 553
Bent Vögel, Tauffeste 243
Bergeret. P. X. 670
B e r n i n i, L. 366
Berufsgraphiker 353, 356
B c r u f s m o d e 1 1 e, männliche 388, weib;
liehe 396. 398
B e s t e 1 1 z c i c h n u n g 34, 326, 327, 328,
334, 361
Bewegungsarten (Akte) 4(J8, antike
Motive 270, 404, zusammengesetzte 4()S
B e w c g u n g s r e a 1 i s m u s 408
B c w e g u n g s s k i z z e 289, Akte 414, 415
Bewertung, materielle, von Zeichnung
gen 644, 650, 653
B i a c c a (Biacha) siehe Blei w e i IS
B i a c c a Alexandrina 527
B i a g g i o da Parma, Quaestiones per«
spcctivac 221 n. 4. M>2
B i a n c h e g g i a r e 580 n. 3. 586
B i b i e n a CJ a 1 1 i, Familie 2M). 344
B i c c i di Lorenzo 48
Biegen. Das (Dürer) 412 n. 2
B i f f o (violett) 90 n. 4
B i 1 d h a u c r V e r t r ä g e 361 n. 3
Bildhauerzeichnungen 361. Go»
tik 362, Renaissance 363, Barocke 366,
Akademien 368, Klassizisten 3<)8, für
\'ollplastik 363
Bildniszeichnung 458. 593, 597,
Selbstzweck 278. 459. Tauschobjekt 45«'.
Enface und Profil 459, Dreiviertel 4<)<J,
Formate 462. für Gruppen 466, Cinquc«
cento 462. für Medaillen 371, für Gra=
phik 466, Heldenpose, Prunkbild 4<)3.
465, auf Pergament 171, 459, Tonpapier
89. in Kohle 105. 462. Kreide 111.
Kreidc^Rötel 132. Pastell 137. 462, Cira^-
phit 145, Behelfe 467. 545
B i 1 d u n g s d i s z i p 1 i n e n 218
B i 1 d w e b e r e i e n 337
Bildzeichnungen 150. Merkmale ^^^,
Bestelle rnotizen 333, Schicksal 334
Biliverti, G. 131
Bimsstein 80, 86. 99, 191
Bindemittel Grundierung 88, 89.
Höhung 93
B i s m u t. Wismut 75. 141
Bister (Bistre) 66 f., Eigenschaften (>8,
Farbe 68, Lavierung (>8, neben Tusche
43. blaue Papiere 17(). X'ersuche 67. Zu^
bereitung 67 u. n. 0
B i s t e r t i n t e n 66
Biacha, Bracha Biacca
Black.lcad«Pencil 143. 144
B 1 a n c de plomb Bleiweiß
Blei. Bleifeder 141. 143
— Spanisches 138, 141, 145
B 1 e i ß r i f f e 1 (stilus plumb.) 72. .\nferti«
gung 85, Exemplare 78, neben Silberstift
94, Entwerfen 74, 76. Glasmalerei 74
B I e i p r o b e 79 u. n. 3
B I e i s c h n u r siehe Lot
Bleistift 140. Bleistiftmacher 14.V siehe
auch Graphit
Bleiweiß (Biacca), CJrundierung 48. W).
1()5, H<.hung 93. 117. 527, 582. 5.So. zu
Pastellen 119. 135. Korrekturen 325
Blcizinngriffel. Herstellung 74. H5.
Dürer 95
B I e n d r a h m e n 544. o34
BlcyErtz CIruphit
Bleystefft (Bleikriffel) 77
— (CJraphit) 140 n. 3
BIcywciß. Engli.sch c;r«phit
— .Rohr 143, .Staub 144. «.Stcfft 143
718
Namen? und Sachregister.
Blindlinien 76, 81 n. 2, 105, 183
B 1 i n d s t r i c h mit Kohle 103
B 1 o e m a r t, Abr. 591
Blutstein (Rötel) 120
B o c c k, Boeckiens = Skizzenbuch
Bol, F. 133
B o 1 o g n i n i, Camillo 645
Boltraffio, G. A. 133, 136
B o n f i g 1 i, B., Glasrisse 348
Bonsignori, Fr. 111, 460, 595
B o o t s e n, bossieren = skizzieren
Borghini, R., über Graphit 141
B o s c o 1 i, A., Plafondentwurf 324
Bosco reale, Fresken von, 601
Bosse, A., Rötel 129, Netzrahmen 546
Bossen in der Vierung 622
Botticelli 48, 496
Bouehardon, Edm., Rötel 129, Skulp»
tur 368, Medaillen 371, Aktvorlagen
393, Abklatsche 539
Boucher, Fr., Rötel 129, Pastell 139,
Akte 401, Landsch. 520, Fälschung 671
Boulle, A. Charles 678
B o u 1 1 o g n e, L. de 371
Bouts, Dirick 514
Bozzare = skizzieren
B o z z e die cera 402
B r a c c i a quadrate del pavimento 610
B r a m a n t i n o, B., Pinselzeichnung 152,
Perspektive 599
B r a m e r, Leonard 201
Braunstein 130
B r a u n s t i f t (Rötelart) 130, (Braunkohle
bei Dürer) 106 (Pastell) 139
Breu, Jörg d. A., Scheibenrisse 352, Rötel
127, Perspektivgerüst 615, asymmetri^
sehe Anlage 619, Kostüm 441, Kompo«
sition 286, 307
Briefmalen siehe Illuminieren
Brill, Paul 505, 514, 690
Bronzestatuetten 268
Bronzestifte 81
Brotkrume, Radiermittel 190
Brouwer, A., Pinsel 158, Zeichnungen
645, 649
Bruchfalten 679
Brudermeistcr der Gilde 209
Bruderschaft, holländ., in Rom 243
B r u e g h e 1, P. d. A. 473, 480, 513
Brunellcschi, F. 269, 602, 619
Brünett i, Scb. 667
Brunire (Vergoldung glätten) 213
Brustolon, Jac. 367
Büchermalerei 150, 286
Büchlein siehe Skizzen buch
Buchsbaumtäf eichen 164, 165
B ü n e n = Zimmerdecke
Buntstifte = Farbstifte und Pastelle
Burgkmair, H. 258 n. 3, 367, 593
Buskool (Kohle) 101, in Lynoly 107
B u s t i, Ag., Skizzenbuch 201
Cabinetmalcr 250
C a d e s, Giuseppe 668
Caesalpino, A., Graphit 141, 143
Caesarius von Heisterbach 80, 86
C a 1 a m u s, Canna 60
Calco, Calcare 254, 528, 535, 536, 537
C a 1 i g i n e, CaHgo (Bister) 66
C a 1 1 o t, Jacques, Feder 43, Steinkreide
115, Pinsel 156, Vertikalschattierung
576, Graph. Vorlagen 354, Abklatsch
539, Skizzenbuch 201, 202, 662
C a 1 q u e, calquer 537
Calvaert, D., Schule 216, Vorlagen 257,
Abgüsse 273, Anatomie 228
C a m a i e u X 655
C a m b i a s i, Luca 39, 60, 319
Camera obscura 477, 550, lucida 477
Camerlengo (Säckelwart) 209
C a m p i, B., Parere über ModelH 551, Ma=
nichino 556, Unterrichtsstufen 252 n. 2
— Giulio 322
C a m p i r c (untermalen) 241
C a m p o nero 593
C a n n e 1 1 a di ottone —- Stifthalter
Cannuccia (Kohlrohr) 102, 185
C a n o v a, Antonio 368
C a p o = Kopflänge
C a p p e 1 1 e, Jan van de 645
Capricci 285
Capueines (Bleistifte) 144
Caravaggio, Michelangelo da. Natura
Zeichner 282, Bchchtung 628, 629, 635
— Polidoro da, Fassadenfresken 234, 259,
261, 449, Landschaft 505
Carboni da disegnare 101, bianchi 118
C a r n e t de voyage = Skizzenbuch
Carpaccio, V., Feder 40, Rötel 125,
Pinsel 151, Venezianer Papier 176, Ver?
tikalschatticrung 54, Kompositions*
skizze 288
C a r p i, Ugo da 356, 590
Carracci, Die, Feder 40, Ölkohle 108,
Akademie 217, Aktbetrieb 388, Akte
411, Anatomie 228, Zeichnungen 647
Namens und Sachregister.
719
C a r r a c c i, Agost., Ritratini carichi 434,
Zeichnungen 677
— Annibalc, I.icgcakt 421, über Tcilstu^
dien 425, Straßentypen 426, 62^, Land=
Schaft 505, Kartonverzicht 526, I)ecken=
bilder 629, gegen Entlehnungen 291
— Lod., Modelle 394, Titulatur 246, Kar.
tonverzicht 526
Carraccisten, Die, Rötel 126, Ölkohle
108, Pastell 137, Naturpapicre 178, ge»
ölte Papiere 180, Antikenzeichnen 272,
Sonncnlichtplastik 62(S
Carreaux (Xetzrahmen) 546
('a frier a, Rosalba 134 n. 1
Carta pecora, pecorina 169, 170, gratis
colata, graticata 551, bambacina, bam«
bycina 169, 172 und n. 3, 173
— tinta 47, 89, 91, 93, 175 n. 5, 252, azzurra,
azzurrina 126, 172. 175, 176, ccrulea 175,
turchina 113, 175, grigiastra 177
— lucida, lustra, unta 536, amaccata 579
Cartella 193
C a r t o e n e n (Kartons) 533
C a r t o n c i n o 180, 532, 553, 637
C a r t o n e fare, disegnare 526, grande 522,
per arazzi 336, 337, siehe auch Karton
C a s t i g 1 i o n e, B., Pinsel 158, seine Techs
nik 158 n. 1, Olskizzen 455
C a V a 1 1 i, Gian Marco 370
Caylus, Graf A. C. Ph. 235. 237
Cellini 269, 339, über Plastik 361, 368,
über Michelangelo 318
C' e n n i n i über Federzeichnen 34, Lavic«
ren 52. Inchiostro 63, Silberstift 80, Bleis
griffel 74, Cjrundicrung 87, 88, Re/epte
90, 91, 92, Kohle 102, Steinkreide 111,
Schneiderkreide 118, Rötel 120, Knt*
werfen 93, weibl. Akte 394, Landschaft
494, Täfelchen 164. Pergament 169, Pas
pier 173, Pauspapier 536, Pinsel 184,
Zeicheninappe 193, Lchrknaben 213,
Lehrzeit 240, Ciipsmodelle 263, Kopie«
ren 254, 259, ('hiaroscuro 563, Höhen
586, Perspektive 602, Anatomie 226,
Skizzieren 287, Tafelmalerei 213, I'resko
522, Glaskartons 522, üurchl«)chen 348,
536, Stoffpatronen 528 n, 8
Cerusa (Bkiweiß mit Kreiilc) 580 ii. (>
Cesare da Sesto, Rotel 125
Chalk, italian (Steinkreide) 110, white
117, red 119
C' h a m b r e obscure, optiquc 530
Ch a r b o n de I'usain 102
Charcoal 101
Chassis de reduetion 546
C hiaroscuro siehe Clairobscur
Cima da Conegliano, Pinseltechnik 151,
X'ertrag 346
Ci nab ro (Rötel) ll'>
Ci rcon s c r i p t i o n e (l'mriß) 281
Clairobscur, Begriffserklärung 367
n. 2, 588, Cennini 5o3, Zeichnungen 48,
589. 594, Belichtung 032; für Relief,
arbeiten 372, Glasrissc 48, 351, 332,
Holzschnitte 50, 35(), 590, \'orlagen 138
Clou et. Fr.. Rötel 128, Pastell l.^K, Por»
trat u. Glasscheibe 4^)7
Cochin fils 235, 372
Coek. H.. Stichfolgen 513
Codex K.scurialensis 200. 2?>2. 2.50. 2(kS
— \'allardi siehe P i s a n e 1 I o
— von Montpellier 87, 165
C o 1 1 o c a z i () n e (Lomazzo) M^2
C o 1 o r i b u s siccis (Pa.stell) l.VS
Compagnia del Cazuola 2\}i. Paioh) 243
— siehe auch Gilde
C o m p a s de Proportion 189
— mathematique 189
C o m p a s s o 187
Componimenti 285
C o m p o r r e le inventioni 285, 286
Compositiva discreta 302
C o m p o s i z i o n e 2N5. multiplice signifi«
cante, necessaria, semplice siunific. M)2
Co n a. Jacobus 81
Concetto (Concepto) 233, 284, 288
Condivi, A. 120, 318
Congregatione sccreta 233
Conincxloo, Cj. v., Landschaft 314
Conoisscurs (Conaisscurs) iAi, ^»88
Conscrittione (l'mriß) 2K1
Consiglieri (Beiräte) 2(W, 2.M
Consocii (Ciehilfen) 241
ContcsBlcistifte 14o
C o n t e r f e 1 1 c n, contcrfeyen 438
Contrafare 234 .
C o n t r e d r u c k c 3.W
C o n t r e « c p r e u v c s siehe l ' m<
il r u c k c
C o n t r e t i r e r (pausen) 3.M
Co n v e r s u z i o n i seraii 21')
C o p i a r e via di lucc 3.V>
C o p i e n. Aceurate (l mdruckc) 538
Coroyons (Crayons) 1.^5
C'orreggi«». RomreiNC 2(»H n. 4. Rotel
123. Wrtrag 32M. SM), Kartons 3.W. hc
720
Namen* und Sachregister.
wegte Akte 411, Modcllmännchcn 416,
553, Schlagschatten 598, Lichtperspek«
tive 630, 633, Helldunkel 588, 630, 633
C o r t o n a, Pietro da, Perspektive 230,
Klebekorrektur 323
C r a b e t h, Brüder, Glaszeichner 349, 350
Craie blanche 117
C r a y o n d'argent 79, de Mine de plomb
144, 146 n. 2, noir 116, rouge 119, siehe
auch Graphit
Crayonmanier 258
Crayonnieren 132
C r a y o n z e i c h n e n an Akademien 236
Credi, L. di, Silberstift 94, Pinsel 151,
Draperie 151, Rahmenentwurf 346, als
Experte 648, Autodafe 677
Credieren, cretare (grundieren) 87 n. 1
Greta 87, 117, rubea 120
Cretare, grundieren 86
G r i j t swart 109
Groquis rapide 284
G r o z a t, J. A., Kabinett 651
G.u a d r i c u 1 a 527 n. 8
Guyp, A., Graphit 145, Landschaft 483
D a 1 i w e, Jacques 196, 496
Darstellungen, fortlaufende 307
D a t i, Garlo, Monochromati 589 n. 2
De aguada (Lavierung) 51
Dcbuxo dcl desnudo (Akt) 379
Dcchant (Gildendekan) 209
Deckenbilder siehe Plafond
Deckfarbenmalerci 150, 181, 339,
532, 553
D e n o n, D. Vivant 652
Desfriches (Papier) 89
Desiderosi (Akademiker) 214
Designationes 285
Dessinatcur 646, 670, «dekorateur 336
D c s s i n e r d'apres la bosse 263
Dessins ä la plumc 33, estompes 117,
arretcs, termines, capitaux 651, d'or?
donnances coUes 650, 655, optische 614
D c z a 11 i c r * d'A r g e n vi 1 1 e, Ant. 1,
119, 147, 651, 659 n. 1
Diagonale, Komposition 300, 304,
Landschaft 304, 482, 485, 516
Diagonalkomposition im Raum
309, 488
D i b u s c i a r e 285
Diderot gegen die Antike 275
D i e t r i c y, G. W. E. 50, 512, 669
Diettcrlin, Wendelin 539
Dilettanti (amatori) 646
Diptycha (Zeichentäfelchen) 166 n. 2
D i s c e n s, discipulus, Discepolo 212
Disegnare in abbozzo 285, l'ignudo 379
Disegno estcrno, interno 27, fertige
Komposition 253, 347, Karton 523, a
stampa 6
Distanzpunkt 602, 609 n. 4, 619
D i V i d e r e e spiccare le figure 594
D i V i n a r e 1 1 i pittorici 20
D o e c k e n van olyverwe für Feder 45 n. 5
D o e s e 1 e n (wischen) 138
Dolage (Radierbehclf) 191
D o 1 c e, Lodovico 219, 587
Domenichino siehe Garraccisten
D o n a t e 1 1 o, Glasrissc 348, Reliefs 603
Donauschule, Landschaft 510
Doppelstifthalter 187
D o r e, G., Maniere ä l'estompe 147
D o t a r e il rihevo e bianchetti 567 n. 2
Drahtkontur 34, 568
Draperie siehe Gewandstudien
D r e V e t, Stecherfamilie 177, 359, 361
D u c c i o (Kindermord) 403
D u m o n s t i e r, D., Kunstkreide 1 17
Durchlochen, Kartons 528, Pausen 537
Dürer, Metallstifte 95, Bleigriffel 77, 95,
Feder 41, Kohle 105, 462, Kreide 113,
Pinsel 49, 150, 152, 571, Täfelchen 168,
Pergament 171, Venez. Papier 176,
Tüchlcin 182, Tinten, farbige 71, Grun:=
dierung, grün 49, 93, doppelte 93, Glairs
obscur 49, 372, Häkchen 154, Schlag»
schatten 597, KontrastfoHe 593, Linien*
wert 625, Pausen 535, Lichtwirkung
632, Reflexe 596, Helldunkel 639, Flä*
chenzerlegung 622, 624, Unterweisung
223, Geometrie 220, Proportion 224, 229,
412, 434, Perspektive 223, 228, 619, Ko*
picrcn 256, Glastafel 467, 597, Netz*
rahmen 422, 545, Manichino 557, Kom>
Position in Akten 319, kubische 319,
Rosenkranzbild 154, 158, 243, 247, Hei*
leraltar 49, 152, Niederiande 199, 250,
Konversationsbild 377, Akte 391, 398,
411, Liegeskurz 422, Kopfstudien 49,
152, 278, 402, 432, Handstudien 436, Por*
träts 459, 469, Draperic 158, Landschaf*
tcn 473, 488, 503, 508, 510, Tierstudien
455, Skizzenbuch, nicderländ. 199, 250,
Dresdener 201, Rahmenentwürfo 347,
Stichentwürfe 353, Goldschmiedrisse
339, 341, Plaketten 367, 372
D u s a r t, G, Porträt 465
Namen* und Sachregister.
'21
Dyck, A. van, Pinsel 15S. Feder. 44. öh
kohle KW, Hiklnisstudien 464. Ikono«
graphic 356, 467, Bclichtungsstudien 636
Ecorchcs (Muskelmänner) 558
H c e k h o u t, G. v. d. 466
Egrcncr = granieren
Eierschalen (Grundierung) S?
Eiklar (Höhung) 93, Eiweiß für Tem=
rera 181
Einfluß, literarischer 248, 313. 4'>8
Einheit der Darstellung 286, 307. 313.
608, der Helichtung 630
Einkauf in die Gilde 247
E i n t e i 1 u n g s s c h e m e n, Komposition
300, Landschaft 304, 484
Eisen, Charles 145, 172
Eisenoxyd (Tintenrost) 63. 707
EisTcmpera 586
Eklektiker (Bologna) 272, 240, 388
E 1 e V c s proteges 235, 237. simples 235
Ellen fei der des Estrichs 610
E 1 s h e i m e r. A., Pinsel 156. Anrötcln IW.
Landschaft 474. 505. 512
E n c r c de Ghine 65
E n 1 u m i n e de plätre 588
Entlehnungen. Komposition 253, 291,
297, Antike 403, Bewegungsmotive 404.
(icwandung 441. Kdrpertcile 464
l'nt werfen als 4. Zeichcnnstufe 252, ^
284 ff., mit Kohle 102. 287. Mleigriflel !
74. 76, Rötel 126, Ciraphit 141, Pusehc
66, auf Leinwand 57, kubisches 319
Entwertung der Fläche 488
E n t w ü r f e von I listorien 286 ff., 335.
Dürer, 35X 377, Keni 241. für Plafonds
.309, 323, 343, 347, von Kartons 103, 527.
von anderen ^b!y, von .Skulpturen 361,
Medaillen 370, 372, CJlasrissen 59, 347.
350. Tcppichvorlagcn 336, 522. Ciold^
schmiedvorlagen 257. 339, 372. Rahmcn-
werk 344, für Graphik 59, }}5, 3^:',,
Kunstgewerbe 339
Enzyklopädisten 2}X 2.V), 237
E p i s o d e n d a r s t c 1 1 u n g 286, M)7
Erdfarben (Cjrundicrung) SS
Erhöhen höhen
E r i n n e r u n g s 1 a n il s c h a f t >U\
E r i n n e r u n ji s p c r s p e k t i v c ';0 1
Ersatzkarton 530
Erziehung, künstlcri>chc 207
Esempio 9X 251. 25f.. 2.S8. 281
Essigsäure (Hleiprobe) 79
E s t o m p c (W ischer) 185
McJcr. I>ic lljnjzcichnun^.
E Stümper siehe Manicrc cstompce
' E s t r i c h f e I d e r 610. 022. deutsche 612,
siehe auch P a v i m e n t
E s t u d e (Ateliir) 645
E t u tl e de la bosse 235
E u d e 1, Paul 071
Euklid. Optik und Geometrie 601
E X p r e s s i o n (Ausdruck.sstudic) 433
E y c k, van, Brüder. Akte 3SW. HiKlnissc
460. Karton 525, Keflexstrcifcn 5'>6.
Raumkonstruklion 619
Fabriano. c;ent. da 460, 631. 633
I* a c c i a als Körpermaß 224
I- a d e n n e t z siehe .\ e t / r a li m c n
Faire de la saussc 147. 579
Fälschungen 670 f., Herstellung f)72
F a n c i u 1 1 o siehe L e h r k n a b e
1 a r b e n, Bezeichnungen 2'^>X 334. (X>4.
Cirundicrungtn '0. steingrau (("lair^
obscur) 50, gefälschte 590. halbe 59
Fa r b i g = b i I d m ä ßi g 12
Farbigkeit der Linie 121
F a r b s t i c h v o r 1 a g e n 139
Farbstifte (.Steffte) 136—139
F a s s a d c n m a 1 e r e i 247 n. 3. }2^>. 344.
Lichtführung 62*'
F a y e n c e m a 1 e r 34 1
Fechters tellung 4^^4
Federharz (Radiergummi) 191
F e d e r k u n s t s t ü c k e .38. 44. .3^)1
Federn. Cians(Kiel):, Rabcn^. .\uerhahn%
.Schwanenfcdcr ()1. o2, aus Rohr (Hl
Hollund<rstäbchen (>1
F e d e r r i ß siehe Federzeichnung
Federzeichnung. Bedeutung }X ujs
X'orstufe 252. Italien. Cüotto ' 34.
Deutschland 41, Holland 44, Frankreich
43. Verfall 41. 49. einfache .33. auf Ouch.
ti^cr Cirundierung 46, solider (»rundic»
rung 47. Naturpapier .SO. la\icrt 51. far«
big 57. Glairobscur 48. Renibrandftech«
nik 56, auf grund. Leinwand 4.5. .\b
klatsche 4.3, für Komposition 2'>2, .Stc»
eher 3.53, .158, Bildhauer MtX Mt5. Land«
Schaft 58. .50.3, C;iasrissc .50. .350. .\\c.
daillen .371. Kunstgewerbe 341
F c i g e n h o I z (Tafelchen) I(»5
F c i g e n m i I e h. Pastelle 1.35, Fixau't i"J
Fe r r i. ("iro (AH
Fettkohle siehe Ölkohle
1 e t t k r e i d e UK» n. I
Figur, vorderste, als .Nfalk'inhcit <»I0
F 1 g u r a serpcntinafu 41 1
46
722
Namens und Sachregister.
!•" i g u r c unatomique 538
F i g u r c, Fiiiurini (Modcllmännchcn) 551
— istoriate 286
Figuretta di legnamc 555
F i g u r i n c n (Landschaft) 492
F i 1 a r c t c, A. A., Traktat 222, 232, über
Gewandung 441, Manichino 555, Pcr^
spcktivc 602, Pavimcntkonstruktion 609
F i 1 o con piombo (Senkblei) 189
F i 1 s d'Acadcmicicns 235
F i n i r e = höhen
F i s c h 1 c i m, Papierleimung 52 n. 2, 173,
Pastelle 135, Fixieren 192, 193, Paus*
papier 536
Fisierungen (Visierungen) 648
Fixagc (Fixiermittel) 191—193, Kohle
104, 192, Kreide 191, Rötel 192, Pastelle
136, 192, Fälschungen 674
Fixiertopf 192
Fl ä e h e n a n a 1 y s e, kompositioncil 303,
der Körper, polyedrisch 564, 623
Flächenbildung, plastische 561
F 1 ä c h e n g 1 i e d c r u n g, Komposition
226, 299
Fläch cnsilhoucttc 17, 561
Fletner, P. 341, 621
Flies enboden = Estrich
Fluchtlinien, Anlage 609, 617, am
menschl. Körper 623, 624, Ansätze 621
Fluehtpunkt = Augenpunkt
Flugmotive 420, 425
F o g 1 i tinti 47
F o g 1 i o reale 173
Foppa, Vincenzo 123 n. 4, 222, 602
Form und Farbe 27
F o r m c n V o r r a t (Kopien) 257
Fragonard, H., Pinsel 160, Rötel 129,
Landschaft 521, Belichtung 636
Franeesca, Piero della. De prospcctiva
222, 602, 604. 621, Fresken 523, Akte 385,
Tierstudium 454, Rötel 123
F r a t a 1 e a, Fraglia, Fraya 209
Freilichtmalen 517
Fresken, Cennini 522, monochrome 588,
* Vorzeichnungen 294, 331, 563, 617, Ko*
pieren 259, Picro dclla Franeesca 523,
Ueccllo 603, Pinturiechio 603, Michel*
angelo 302, siehe auch Kartons
F u 1 i g i n c (Fuligo) 47, 66
Furnierholz (Zeichenfläche) 181
I-urstendienst 246, 247, 248, 250,
336
Fu sai n TKohle) 102
F u s e u s und l""umus 64
F u ß b o d (' n, schachbrettartig = Pavimcnt
F u ß s t u d i e n 375, 437
Fyt, Jan 304
G a 1 1 u s s ä u r e 63
G a 1 p i n = \' e r f a h r c n 147
Garbo, Raffaellino del 48, 595
G a r s o n e, Garzone, Garzunc siehe
Lehrknabe
Gastal diones (Gildenrichter) 209
G a u 1 1 i, G. B., il Baeiecio 309
G a u r i c u s, Pomponius 224
G a u t i e r de N i s m e s, H., über Tinte
63 n. 4, Tusche 65 n. 2, Kohle 102, Gra.
phit 142 f., Pastell 134, 138, Bleiwciß 325
n. 2, Wischer 185, Umdrucke 538
Gedächtnisakt 425, *drapcrie 445,
Landschaft 501, ^Perspektive 601, =zeich;
nen 276
Gefühlsperspektive 601
Gegenseh raffen (Kreuzlage) 574
Gehäuse 605, 621, Schema 619
Gehilfen, Betätigung 241, 256, Entloh*
nung 241, Wanderung 240, 242, Kon*
flikte 241, Verwilderung 244, als Modelle
305, 316, 382, 388
Gelatine 536
Gemütsaus druck siehe Ausdruck
Genre 331, 426, 449, 513, 517
Geometrie 219, 237, 599
Geschichtsunterricht 237
Geschribzüg 62
Gesellen siehe Cj e h i 1 f e n
Gesellenrisse 341
Gesiehtslänge 225
G e s n e r, K., Graphit 140
Gesso da Sarti (Sartori) 118, 119, 587
Gestefft, Mit aim silbernen 81
G c s t o o posamcnto 403 n. 5, 406
Gewänder, Nasse 443
Gewand Studien, mittelalterliche 439,
nach ausgelegten 441, 446, nach gcleim*
ten Stoffen 443, 444, Manteldraperic 443,
CJedächtnis* 445, für Fhegcndc 446, De*
tail 448, Vorschriften 446 f., Entlehnung
441, Behelfe 443, Stoffbetonung 450
Gewandung, Funktionen 438, ideale
442, 449, flatternde 446, historische und
zeitgemäße 441, 449, Skulptureinfluß 441
Gewerbebefugnis 246
G h e d a e n met de Pen en gewasschen 51
G h i b e r ti, L., Glasrisse 348, Reliefs 603,
Lehrknaben 212, Lhiterrieht 218, Un*
Namen; und Sachregister.
723
Nvcttcrschiklcrunt« 498. Antiken 2hC). CJ
Sammlung 2(ü
G h i r 1 a n d a i o, D.. .Strichtechnik 7, G
Kreide 111, Eisen^riffel 183, Glasris.sc G
348, Entwürfe 2%. Kartons 334. Mani-
chino 337, Perspektive. IVeiheiten 617
Skizzenbuch 232. 23f)
Gilden. ^Ordnung, ^meistcr siehe Zunft
G i o r d a n o, Luca 261, 647
G i o r g i o n e. Feder 40, Landschaft 303.
Spiegel .348
G i o 1 1 o, Teilstudien 373, Gewandung 440,
Tierstudien 43.^. Landschaft 4*>0, Kor;
pcrplastik .363
Gips, Grundierung 87, 163, Höhungsmittel
118, mit Gummi angerieben 11^, Stifte
182, 587, Modelle 263. Abdrücke 274
G 1 a c s 5 schrijvcn (Glasmalen) 347
Glasmalerei, kirchliche 347. profane
331. Zweiteilung 331, \'erfall 332
Glasplatten (Pausiermittel) 336
Ci 1 a s r i s s e 347, mit Hleigriffd 74, Rohr>
feder 332, Tuschfeder .30. Lavierung 34,
370, Pinsel 134, WeiIJschwarztechnik 30,
162, Holzs und Papierkarton 348, Techs
nisches 330 f.. Pausen 535, Vorlagen 331
Glasscheibe für Skurz 422. PortrUts
467, 54(), Landschaft 476, Korrektur .i47
Glastafclapparat .347
G 1 a s V i s i e r u n g .siehe C i 1 a s r i s s e
Gleichgewicht, Komposition 2'>0,
Landschaft 47M
Ci 1 i e d e r m a n n siehe M a n i c h i n i)
C; I i e d e r p u p p e, griechische .333
C; 1 i e d m a ß e n m o d e II e 22^), 263
CJ o b e 1 i n w e b e r e i. franz. ^^7
G.oes, Hugo van der 242
(J o c t h c, Sepia 70. Einteilung d. Wissen-
schaften 231
(; o 1 d h () h u n g siehe H e I i c h t u n u
C i o 1 d s c h m i e d V o r I a g e II
372.
.139. Abklatsche }4\. ?.^S
C; o 1 d s t i f t e 81. N3
G o I t z i u s, Hendrik, lederkunstlcr 43.
.¥)!, .Silberstitt '>7. Ölkohle 108. Pastell
138. Pergament 171, Z« iehnungen 648
Ci ü n c o u r t, E. de, über .Abklatsche 340
G o s s a e r t, .lan. siehe M a b u s c
Gouache Deekfarbenmalerei
Goyen, .). v., Skizzenbuehreste 20l. I .md
Schaft 316, Lichtwirkung 6.33
Gozzoli. M., N'ertrag 241. .Uo n. 4. Tier
bilder -134. .Xsvmmetrie ')I2
c;
c;
c;
c;
G
c;
G
G
G
G
G
c;
G
G
G
t;
c,
c;
c;
(;
r a f, Lrs, Scheibenrisse 3.32. Holzschnitt.
vorlagen .^3<), Signaturen ^»86. r><'0
raff. A.. Silberstift KM»
rafio piomhino 141. 142. eramini>
(Kupferstift) 74. 163. rosso (Kotel) 120
bianco 118
ran des Heu res (l)ue de Herrv) 472
r a n il s Prix 233
r a n i e r e n 112. 378, .37*> n. 2
ran studio nel disegno 240
r a p h i k siehe Holzschnitt, k u p
f e r s t i e h. K a il i e r u n g
r a p h i t m a I e r e i 147
raphitpulver (Wischen) 147
raphitstifte 76. 140. Benennungen
142, Literatur 140, Fabrikation 14.3, Pro.
venienz 142, zum Zeichnen 144, 143,
Schreiben 140, neben Naturkreide 143,
X'erwechslung mit Kreiile 10*' n. 4. Hot
hung .388
raphitzc iehnungen, moilerne 1 46
raticola (fbirtragungsnetz) 327
raticuler (Cbergattern) .327 n. -S
ra t toi r (.Schaber) W
r c g o r i u s. Petrus siehe Petrus
reuze. .1. H. 1.30, 1.39. 4.13
riffel, antike SO, bleyene 163, silbaren
(Silberstift) U)8. von Elfenbein 1S.3.
Eisen 16<), IS.I 682
riffcispuren 76, .3.36, bei CJraphik
353, 358, Kartons 528. 32<>, Fresken b22.
Tafelbildern .3.30
r i m m e r. l lans «»44
risaille, (,'lair«>bseur .3'XI. 6.3.3, CJIas«
maierei 331. .3.32. auf Leinwand 4.3, .Stich«
vorlagf-n .3.39
r u n d i e r u n g, solide 47. iloppdle i'>.
S9. 93. weilJe 92, 93, beider.seitige 97,
202, (;iätten 88. flüchtige 4(». trockene
73. 112. Farben 'X), Rezepte *H)
rundpapicr (Grundierunß) 86
r ü n e r d e » G r u n d i e r u n g 91
rünewald. >\.. Kohle 10.3. ,\kte 412.
H.mdstudien 4M). Draperie und malen«
sehe Hehanillung .384. Zeichnungen (»44,
688 n. 3
r ü n I i n g, Jos., .Summier "t<>
r u p p e n p o r t r a t 4()«>
u h b i i), An«, du. CJIusrili .M9
u e r e i n o. G. Fr.. F.der 41. (Mknhic U»*.
kopfstutlien 432. Landschaft MH). 5iih,
karfon\er/icht 52ft
724
Namens und Sachregister,
G u m m i arabicum, Bindemittel 586, Bister
08. Urundicrung 8S. Fixagc 104, 136, 191,
Gips und Weißkreide 119. Pastelle 135,
Papierleimung 173
Gummi clasticum 191, 580
G u t a e h t e n, Bestellzeichnungen 327, 328
H a e 1 e n (wischen) 579 n. 7
H u i n h o f c r, Phil. 81 n. 6, 95, 648 n. 1, 3,
4, 649 n. 4, 665 n. 2
Hake h e n siehe S c h a 1 1 i c r u n g, B e*
1 i c h t u n g
Halbtonpapier s. Naturpapicr
Hämatit (Rotel) 120
Handbuch vom Berge Athos über
Pausepergament 536, Umdrucke 541,
Kohle 101, Pinsel 184, Zirkel 188, Schatz
ticrung 563
H a n d s c h u h 1 e i m (Grundierung) 89
Handstudien 375, 434, akademische
435, 437, kubischsperspcktivische 624
Handwerk und Kunst 6
Handwerkerzeichnungen 341
Handzeiehnungen siehe Z e i c h=
n u n g e n
Hänge Vorrichtungen, Akte 419
Härchentechnik s. Schattierung
Harmonie, Komposition 290, 298, Lands
Schaft 489
Hecmskcrck, M., Skizzenbuch 201, 267,
268, 273
Heinz (Heintz), Jos., Antike 273, Rötel
131, in Venedig 243
Heldenpose 464
Helldunkel (Beleuchtung) 588, 630, 638,
Akte 391, 400, Behelfe 640
Helldunkeldrucke (Clairobscur) 59
Hilfszeichnungen 52 1
Hintergrund, Porträte 460, 593, dunkle
Abdeckung 363, .591, Doppelkontrast=
folie 594, fremde Zutat 593 n. 2, Lands
Schaft 485, 502, Tiefenleiter 488, Schicht
tcn 602, Raumplastik 610, Konstruktion
616, Fehlen desselben 664
Hirschhornpulver, Grundierung 79
H i r s c h V o g cl, A., Landschaft 473, 510
Historienbild, Forderungen 289, 298
H o f f m a n n, H., Dürerkopist 154 n. 2
— E. T. A. 546 n. 4
H ö h u n g siehe Belichtung
H (. 1 b e i n, H. d. Ä., Rötel 127, Pastell 137,
Skizzenbücher 88, 198
— d. .1., Feder 41, Rohrfeder 60, Kreide
114, Rötel 127, Pastell 137, Akte 412,
Karton 533, Porträte 467, Glasscheibe
467, Glasrisse 348, 349, 352, GokU
sehmiedrissc 339, 341, 343, Reliefent<
würfe 372, Perspektive 624
Holland a, Franc, de 26, 36
Hollundermarkstängel 147
H o 1 z a r t e n für Holzkohle 102
Holzkarton 522
Holzschnitte, farbige 590, Entwürfe
353, 355, nicht ausgeführte 335, gefälscht
672, Einfluß auf Schattierung 577
Holzstäbchen, zerklopfte 7
Holzstöcke, verbeinte (grundierte) 88
n. 3, 181, bezeichnete 355
Holztäfelchen, Ubungszeichnen 9.3,
164, 181
H o n t h o r s t, Gerard 636
H o o c h, Pieter de 612
H o o g c n, Hooghen cn diepen 567 n. 2
H o o g s t r a e t e n, S. v., über Rohrfeder
60, farbige Tinten 71, Bister 66, Grün«
dierung 112, Bleigriffel 78, Rötel 127,
Kreide 114, Ölkohle 107, Fixieren 191,
Pastelle 138, Pergament 171, Abdecken
325, Weißschwarz 163, Wischen 579 n. 7
Horizont 480, 619, Höhe 610, überhöht
475, 507
H o r n b ü c h s e 62
Houbrakcn, A., über Ölskizzieren 464,
Rembrandt 218, 400, Haager Akademie
239
H o u d o n, J. A., Skelettmann 245
H u b e r, Wolf, Kohle 106, Rötel 127, Land»
Schaft 471, 487, 510, 681, Linienwert 625
Humanisten (Rohrfeder) 60
I d e a 1 und Nachahmung 283
Idealbildnis 4.30, 463, =draperic 442
Idee und Beschauer 312
— und Komposition 312
Ikonologie, kirchliche 286
Illuminieren 51 und n. 8, 52, Behelfe
51, 52 n. 1 ■
Illustrationszcichnen 355, Rötel
127, Zeichner, franz. 356
Impannare (Leinwandspannen) 213
I m p e r a t o, F., über Grafio bianeo 1 18,
Piombino 141, Rötel 120, Pastelle 1.35
Incamminati 214
Inchiostro, Tinte 62, Tusche, Drucker*
färbe 63, della China 65 .
Incollare (Beleimen) 213, 527
Indigo, Lavierupg .58, Landschaft 516,
Papierfärbung 175
Namen; und Sachregister.
25
Ini< ossäre (Gipsj?rund) 213
I n g r e s, J. A. D., Graphit 146
Initialen, Grundicrung 87
I n k t, Oostindischc 64
Inncnglicderung 566
Intarsiatoren 603
Intersegazione (Velo) 544
Inventare 285, 286, invenzioni 285
Isabcy, J. B., Graphit 146
I s t i 1 di piombo (stilc) 72
I s t o r i a 285, 289, 298, Lomazzo 302, isto»
riarc 285, siehe auch Komposition
Italien wander er 242. 243
J a b a c h, Eberhard 649. 650
Japanpapier 180
Jode, P. de, Glasriß 350
J o d o c u s van Gent 242
J o r d a e n s, J., Pinsel 158
J u n c k f r a \v s p e r g a m e n t 109
Kaffeeabsud, Fixagc 193
K a m i n r u ß (Tinte) 64
K a m m e r m a 1 e r 248, 250
Karikaturen 434
K a r in i n 1 a V i e r u n g 59, Grundicrung 92
Kartenzeichnungen, astronom. .51
Kartons 521, Herkommen 522, Verträge
530, Herstellung 526, Holz, Papier 522,
freihändige 527. fremdhändige 530, kolo;
rierte 528, Kohle 103, 527, Fixagc 192,
kopierte 260, t'bertragung 528, mehr=
fache Benützung 525, Schicksal 533; Kir^
chenfcnstcr 34S. 522, Fresken 522, BiU
der 523, 529, Wandteppiche 336, 337.
522, Kartonaufstellung 655
K a r t () n k ö p f e, nachgepaust 262
Kartonreste 534
Karton verzieht 525. 52h
K a t z e n h e i m c r. (i lasriß 349
Kautschuk l'^l
K e r n s c h a 1 1 e n 597
Kerzenlicht 634, 639, .ruß (Tint.) 04
K e t h a m, Joh., I'asciculus mcdicinae 22^^
K i e n s c h w a r z, Tusche 64. Bister (^^ n. 2
K i 1 i a n. Niklas. Farbstift U»o
Kinder m o tl c 1 I e aus Wachs 402
Kindtst^onitgcns 2o5
K i r c h c n f e n s t e r, Vorlagen 347, Kar.
tons .V48, 522, siehe auch Ci 1 a s r i s s t
K I a s s i z i s t c n. l mrisse M)H, 566
K Ic li c b ä n ti c ()47. <)53
K I c i II li r I > II z c n 2()5
K n o b 1 a u c h s a f t (l nuiruckc) .^41
K n o c h e n p u I v c r. Bereitung N7. Auf.
tragen 88. Grundierung 75. 87 f., 90. 163
K o c k. Matth., Landschaft 514
K o h : i ; n o o r 146
Kohle (Holzkohle). Erzeugung 101 f..
linde 76, 105. Merkmale 115, geölte lOf»,
sibirische 547, Fixagc 192, Karton 103,
527, Pulver 47, 529. Rohr 102, 1S5
Kohlebildnisse 105. 462
K o h 1 e e n t w u r f (Silberstift) ^3, 252.
287, für andere Zcichenmittel I(l2 f.
Kohle und Kreide 115
Kolorieren 681
Kombinieren 253. 2*'l
Kompagnien der CJehilfen 243
Kompilation 2''7
Komposition. CJesetzc Aibertis 2*>H,
Aufbau 298. Flächengliederung 2*'«> ff..
Idee 312. Einheit 298. Entlehnungen 297.
zentrale 300. 308. asymmetrische 301.
aktmäßige 314, kubische 31'', dekorative
313, literarische Hünflüsse, Programme
313. Raumbehandlung 299, 305. Pavi.
mentprinzip 305, raumdiagunal .K)*', Pia«
fonds 302, Sottoinsu .W7, Lichtverteilung
299, 309, 634, Landschaft 304. 483. Kor«
rckturen 296. 320. Analysen .M)2. Hilfen
291. 300
K o m p o s i t i o n s s k i z z c 284. ihr
Wesen 286. Historien 286. Clotik 287.
Renaissance 289, Barocke 2<>1. Narian«
ten 291, Akademi.sche t.'bung 292. Tech.
nisches 292, Genre 293
K o m p o s i t i o n s z e i c h n u n g 2*>3. l "n«
terrichtsstufe 253, ihre Notwendigkeit
3.^). N'crträgc 326. Arten .Uh. Merkmale
333. Gotik, Renaissance 2^>5, Reinpuuscn
2''3. Barocke .301. malerische 2*H}. fremd»
häniligc .^2w. 33()
K o n i P c k. Philips o7<). (t*)2
Konkordanz. Figur u. I lorizont 30<i.
I igur u. Raum ()<KS
K o n k u r r e n z z e i c h n u n k .'_'«. .»2*>
K o n s e r V a t o r e n (»33
Konstruieren, geometrisches 220
K <> n s t r u k t i (> n s I i n i e n. prop<»rtioi
naie ISH. 1«^3. 220, 22A, 2.34. MH. in Hil.
dem 102. .^04. Landschaft AH3. 3«».3. per.
.spcktivische .^».3. .M\7. r»«»«. (.14. (»I<i. (»17.
6l«>, ()24
K o n t ru s t f ol ic 3^1, tsctciltc
Kontur. I!ntwickluni;s><tufcn 2M. .i<».\
.Sfij, 5<t(>, kontinuierlich ( Drahtkuntur)
726
Namen* und Sachregister.
34, 41. naturalistisch, locker 34, ruck;
weise 40, verstärkt 562, Verblasen 028
Konturlandschaft 473, 513
K o n t u r V e r z i c h t 575
Konvexspiegel 549, schwarze 549
Konzipieren, virtuoses 39
Kool, gheolyde 106, 108, en crijt 105
Kopfformen, polyedrische 624, Kopfs
längen 224, 226, ^preiszeichnen 237, 433,
sschabloncn 469, ^Schemen 254, ^typen
427
K o p f s t u d i e n in Graphit 145, Krcidc=
Rotel 132, Pastell 137, gotische 427, an=
tikcr Einfluß 429, Quattrocento 429, Ent.
lehnen 430, französische 433
Kopien, freie u. pausierte 658 f., Merk=
male 659, 664, mehrfache 256, 662, 665,
Rieordi 647, Ersatzkopien 663, ver=
fälschte 666, Bewertung 275
Kopieren, Vorschriften u. Vorteile 254,
259, Einschränkung 258, Bedürfnisse 260,
nach Stichen u. Holzschnitten 17, 44
n. 3, 257, 354, Zeichnungen 17, 235, 254,
658, Skizzenbücher 256, Kartons 262,
Anatomien 255, nach Gemälden 259,
663, nach Antiken 275, Skulpturen 272
K o p i s t e n s t r i c h e 662
Körnen (granieren) 579
Körperformen, polyedrische 624, ku=
bische 319
Körperkonstruktion siehe K o n-
struktionslinien
Körperplastik, x^nfängc 561, Re»
naissanee 564, naturalistische 565, Ba^
rocke 565, siehe auch Schattierung,
Belichtung u. Schlagschatten
K ö r p c r p r o p o r t i o n, antike Vorbilder
224, in der Architektur 227
Körperrundung = Körperplastik
Körperschatten siehe S c h a 1 1 i e?
rung u. Schlagschatten
Korrigieren der Kompositionen 320,
durch Abdecken 324, Ausschneiden 320,
Überkleben 322, von Holzstöcken 320,
Probedrucken 325, Spiegel 548, Scheibe
547
K r a n a c h, Hans, Skizzenbuch 83, 199
— Lukas, Silberstift 95, Rötel 127, Färb.
Stift 106, 137, Skurz 622, Tierstudien
455, Altarentwurf 346 n. 10
Kreide, braune siehe B r a u n s t i f t
— grüne ((irüne Erde) 91
— Pariser siehe Kunstkreide
Kreide, rote — Rötel
— schwarze siehe Steinkreide und
Kunstkreide
— weiße, Arten 117 f., für Pastelle 119, 135
Kreidefedern = Kreidehalter
Kreidegrund, Pergament 861, TäfeU
eben 165, Bleigriffel 75
K r e i d e h ö h u n g 117, 587
Kreide = Röteltechnik 130, vier Stus
fen 131 — 133, mit Lavierung 133, stoffs
liehe Betonung 131
Kreidezeichnungen, Stufengang
252, Kombinationen 113, siehe auch
Stein; u. Kunstkreide
Kreuzlagen siehe Schattierung
Krijt, zwart 109, wit 117, root 127
K r y o n s (Crayons) 138
K ü g e 1 g e n, W. v., über Sepia 70, Vor«
lagen 259, Gipszeichnen 273, Modell^
männchen 554
Kulissen (Landschaft) 487
K u 1 m b a c h, H., Kontrastfolie 593
Kunstboeken, Kunstbücher 654
Kunstkammer 250, 647
Kunstkreidc (Pastellschwarz) 109, 116,
139, mit Steinkreide 114, 115
KünstlersSammler 644
Kupferstich, Einfluß auf Schattierung
577, Linienwerte 625, Korrekturen 325,
Abklatsche 538, Vorlagen 17, 44 n. 3,
252, 254, 257, 274, 341
Kupferstichvor Zeichnungen
163, 353, 354, 359, für andere 355, Merk.
male und Gegenseitigkeit 353, 358,
Wertschätzung 360, Abklatsche 538
Kupfer stifte 81, 85, 165, 182
Laborantes (Gehilfen) 241
Lachen u. Weinen 427
Lackmussaft 175 n. 3
L a g c r b ü c h 1 c i n. Linzer 98
Lagneau, N., Pastelle 117, 139
L a i r e s s e, G. de, über Entlehnen 297,
464, Porträts 465, Planspiegel 291, 415,
423, 432, 477, Konvexspiegel 549, Modell,
männchen 554, Manichino 557
Laken oft draperinghe 437
L a m m a (Velo) 544
Lana, Franc. 39, 142, 144
Landschaft 471, in Miniaturen 513,
Funktionen 477, 489, als Kunstwerk 278,
aus dem Gedächtnis 501, literarischer
Einfluß 498, selbständige 473, 478,
lineare 473, 513, malerische 474, 516,
Namens und Sachregister.
727
epische 474, persönliche 310, dekorative
474, 503, 31«), ideale 473. 304. heroische
303, realistische 473, nächtliche 492,
manierierte 476, Baugesetze 477 f., Sym=
metrie u. Asymmetrie 481, 4S3, Aus=
schnitte 473, Raumbreite u. Höhe 480.
Kaumtiefe 483, Tiefenansat/ u. =leitcr
483, 487, 621, 629, Tiefendrehung 488,
629, Mittelstückc 481, Seitenkulissen 487.
.Stimmungselemente 490, 629, Schemen
304, 483, 303
L a n d s c h a f t s z e i c h n u n g, italieni;
sehe 493. deutsche 306, 312, vlämische
313, holländische 316, französische 5VK
m. Griffel u. Pinsel 471, Form u. Farbe
471, Behelfe 476, radierte 310, 312,
Feder 38, 303, Kreide 319, Tonpapicr
89, Rötel 128. 313. Pinsel 319, zNvei=
farbige 58, 316
Landsmannschaften 243
Lapis (Steinkreidc) 112. (Rötel) 120,
amatito (Rötel) 90, 120 n. 3. bianco 118,
nero 109, niger fabrilis 111, piombino
142, rü.sso (Rötel) 120, 121 n. 2. 232
L a p i z negro (Steinkreide) 109, roxo
(Rötel) 119
L a s c i a r e il campo 380
L a s t m a n n, P., Bister u. Rötel 68
L a s t r a di pietra 63
L a u t e n s a e k, H., Landschaft 473, 310.
Paviment 333, 622
L a V a g n a — Schiefertafel
L a V a t e r, Silhouetten 470
L a V e ä la sepia 70, au bistre 67
L a V c u r e (Lavierung) 655
Lavieren mit Bister 68, Sepia 71. Tus
sehe 58, 63, Rötel 126. Kreide 6.3. 110.
mit Farben 57 — 59, 114
L a V i e r u n g e n, Arten 51, .36.^. .5()7. pla--
stische ^2. malerische 55, .369, pcuntic»
rende 54, Rembrandt 53. Zweischalen;
svstcm 54, vertikale 54. 130. .^(i8. von
Feilerzeichnungen 232. Kreide 114.
Kreide=Rotel 1.^3
L e a d p e n e e 1 72
Le B e g u c. .lehan, über Tinte dI, Bister
66, Steinkreide Hin. 2. Rotel 120, .\laun=
paste 190 n. 6
Le B run. Charles 2.U 2.V3
Lederfleisch (Radiermittel) l"l
L e e m a n n (Maniehino) .557
L e e r e n a p e n. leerjongers 212 ii. 4
Le Fe b vre (Fevre. Febrc). Fr.. (yUy. f)HO
L e h r b e r e e h t i g u n g 246
Lehrknaben, Lehrzeit 20^>. 211. Ar=
beiten 213. Klend 213
Lehrmittel in Privatakademien 217
L e h r V e r t r ä g e 212
Leimfarben auf Leinwand IM
L e i m u n g. Cirundierung 88, Papier 173
Leinöl, Ölkohle 107, Pau.spapier 179. 5Mi.
Täfelehen 165. Fixage 192
Leinwand (Tüchlein) für Tempera 181
Leitlinien, perspektivische 599
L e 1 y, Sir Peter. Sammlung (>45
L e \ a i n, L.. Ölkohle 1(»9
L e n b a c h : T e c h n i k 138
Lcneker. Hans. Kisengriffel IvV Reif^»
brett 194. Perspektive 621
Leonardo, libro di pittura 2(KS, über:
Zeiehenstufen 214, 251, Naturstudium
282, Anatomie 22^, 227. 4<J7, Körper-
plastik 365. 569, Kontrastfolic 594. Akt=
zeichnen 386, 389, 39{), 4(K), 425, Be--
wegung 4(»8, 414, Gemütsbewegung 430.
Komposition 312. Hintergrumlkonstruk:
tion 611. f>16. Draperie 44.\ 447. LamL
Schaft 472. 482. 490. Raum= u. Lieht =
Perspektive 599, 628. Liehtarten 627.
Linienwerte 625. Sfumato 584. Reflexe
595. 6.^4. O.W. \'elo 544. CWastafel 124.
Xetzrahmen .345, Proportionszirkel 188,
Skizzenbücher 19S. Zeichnungen: An«
tike 271, Bewegungs.sehemen 415. Rük»
kenakt 22x 387. Draperien 151, 182. 447.
Landschaft 497. 498, 301. .\lpenland;
.schaft -iW, Tierstudien 454. Kartun 24.
521. .522. .328. .\nbetung (Iff.) 315. oll.
Reiterdenkmal 122. .i').l .\hentlmahl 123.
261. 429, 431. .Selbstbildnis 27S. Kari.
katuren 434; Silberstift 94. 97. Feiler Mt,
Rötel 122 L, .S(M(. Pinsel 151. l'arallcL
Schattierung Mk .Mittelton SH. Tuchlcin
182. Karton/eiehnen 527. Apparat 3.^2
Lec.ni. ( ).. Porträt 4<>7. Krcidc-Rotcl 132
L e S u e u r. liust.. Paviment OH)
Le u. Hans, .Schcihenrissc .V52. Skurz 622
1. e y d e n. Lucas van. Kreide 114. Kreiile.
Rotel 131. Kontrastfolic 593, pir^pckti'
vischc Linie 625
Libretti von Wuchs, von Pcrgaiuint
W)(), für .Silberstift 198
I. i b r i di disegni l'M, 0.54
L I e li t. naturliches o27. direktes <»2S. 02«.
reflektiert'Zerstreutes o27, (i3.», O.Vi. uHi.
72S
Namens und Sachregister.
überirdisches 630. ki.instliches 631, 634,
kombiniertes 631
Lichtbündel 603, 630, 635, 636
Lichter, ausgekratzte 89, 582 n. 1, aus^
gesparte 156, 580, 582, aufgesetzte 580,
582, Flecken 585, übertriebene 585, ver^
dorbcne 586, siehe auch Belichtung
L i c h t f ü h r u n g 629—631
Lichtperspektive 309, 565, Leo--
nardo 599. 603, 626, Landschaft 488, ex»
perimentelle 634, der Linie 625
Lichtplastik 626
L i e b h a b e r s a m m 1 u n g e n 646
L i g o z z i, J., Goldhühung 587
Lineamen ti, Bildhauer 364
Linear 11, 34, 41, 44, 385, 473, 513, 561,
568, 624 f.
Linie, kontinuierliche 34, 41, blinde 81
n. 2, siehe auch Kontur
Linienstich 574
L i n i e n w e r t 625 f.
Linkshänder 580 u. n. 5
Linsen, konkave 550
L i o t a r d, J. E., 134 n. 1
L i p p i, Filippino, Feder 36, Pinsel 151
— Fra Fihppo 346, 666 n. 2
Lithographenkreide 547
L i V r e s ä dessiner 274
Li vre d'Heurcs 472, 513
Lodi (Gutachten) 327
L ö h n e e, Fixage 193
L o m a z z o, G. P., über Rötel 124, Pastell
136, Disegno 27, Skizzieren 293, Kom:=
Position 301, Theorien 219, Proportion
224, Anatomie 229, Porträt 464, Dras
perle 443, 448, Landschaft 473, Licht«
quellen 627, Lichtverteilung 628
Lombard, Lamb. 273
L o r e n z e 1 1 i, A., Skizzen 287, 294, Schatz
tierung 563, Perspektive 608, 610
L o r i o t's Geheimnis 192
L o r r a i n, Claude (Claude Gellee) Lavie«
rung 56, Pinsel 156, Naturpapier 177,
Landschaft 481, 505, 519, Schema 304
Losgehen vom Hintergrund 591, Kon«
trastfolic 591, Doppelkontrastfolie 595,
durch Lichter u. Schatten 594, Reflex«
lichter 595, Schlagschatten 596
L o t, Lotschnur (Senkblei) 189, Aktzeich«
nen 389, 415, Netzrahmen 469
L u c i d a r e 536
L u f t p e r s p e k t i V e siehe L i c h t p e r«
s p e k t i %' e
Luini, B., Kreide«Rütel 133, Rötel 125,
Pastelle 136
L u m e principale 88, 565 n. 1, 580, parti«
colare 627, universale 627, reflesso 627,
638, naturale 627, immobile 627, 631,
soave, dülce, fiero, crudo 628, Celeste
629, commune del giorno 629, 631, di«
vino 630, 633, 636, artifiziale 631, 633
Lumeggiarc 580 n. 3
Luogotenente 234
M, ii b u s e, Jan, Silberstift 84, Kreide«Röte]
131, Akt 390, Karton 533
— Jehanin, Glasriß 350, Reliefentwürfe 50,
372
M a c c h i a (Skizze) 284
Macchiar disegno d'acqucrello 52
Macs, N., Rötel 128, Pinsel 160
Maestro 245, die prospettiva 603
M a h 1 e r, optische 614
M a i r von Landshut, N. A. 50
Malerbaumcister 232
M a 1 e r d i c h t e r 248
Maler entwürfe f. Bildhauer 367
Malergraphiker 353
Malerisch und Zeichnerisch 12, 134
Malcrordnungen 209 n. 1, 246, «rah«
men (Netzrahmen) 545, «spiegel 549
Malvasia, C, über Rohrfeder 60, Skiz«
zenbüchcr 198, Akte 415, Modelle 388,
Privatakademien 214, 231; Carracci 20,
137, 217, 246, 260, 425, 434, Reni 137, 241,
244, Guercino 194, 506, 525, Calvaert
216, 257, Tiarini 548 n. 5
Mander, K. v., über Feder 45, 59, 'Gra«
phit 141, Ölkohle 108, Gewandung 442,
Landschaft 516, Kartons 339, 532, 533,
Netzrahmen 545, Modellmännchcn 554,
Lcichenzcichncn 229, Romreisen 244,
Zunfthärten 211, 247
M a n c c h i n o siehe M a n i c h i n o
M a n f r e d i, Bart. 636
M a n g 1 a r d, A., Landschaft 519
M a n i c h i n o, Skurz 424, Draperien 444,
557, Proportion u. Bewegung 555, alte
Exemplare 556
Manier, klecksige 55, römische u. vene«
zianische 579, Schnörkelstil 39, Land«
Schaft 476
Manie ra antica 270, 271, 297, 388, 449,
bella 131, 271, 282
M a n i e r e estompee (Kunstkreidc) 1 17,
(Rötel) 129, (Graphit) 147, 579
M a n n e ci u i n 449, 557
Namen; und Sachregister.
•29
M a n o z z i, Giov., Rcnibrandt=Tcchnik 56.
Rötel 131
M a n t c g n a, A., Xacktkomponicrcn 316,
Liegeskurz 422, 621. Jakobus=rresken
429, 622, DiagonahSchattierung 57.1 1'
LT-
spektive 622, \'erluste 677
Manuel, X.. Täfelchen 167, Pastell 137
M a r a 1 1 a, C, 221. 644. 6.54 n. 1, Corrcggio»
Bildnis 187
Marcanton Raimondi 636
M a r e e s, Hans v. 16
Marie tte, P. J. 1, .Sammlung 650, 655
M a s a c c i o, Akt 384. Perspektive 603
M a s s a r i u s (.Säckelwart) 209
Maßeinheit, Figur u. Raum 2W. 305,
608, 610, 619, perspektivische 608
Maßfiguren 224. 226, 381
Maßnetz 224
Maßstab bei Bildkopien 260. \'erände=
rung 23, 110
Materialisation 22
Material Stil 22, 341. 343
M a t h e s i u s, J., über Federn 6l, ()2. CJras
phit 140, Täfelchen 73. 165 n. 5. P.r=
gament 169, Papier 173. 176 n. 3
Matita nera 112 n. 1. nigra 141. rossa
121 n. 3. rossa c nera 113. 130
M a t i t a t o i o (Stifthalter) 1 19, 1H.5, 187
.^l a t u r i n o. Landschaft 505
M a y c r n. Ms., über Bleigriffel 73, 75,
Messingstift 81, Silberstift 97, TäfeW
chcn 165, 168, Bleiweiß 586. Au.ssparen
der Lichter 582 n. 3
Mazzocchio 222, 624
Mcdaillcnzeichnung 369. 37 1 . 4()7
M e d a i 1 1 i s t e n 235
M e d i c i ; CI a r t e n u. Statuenhof 260, 269
M e d i c i, Lorenzo, Sammlung 646, 653
— Le«)p()ldo. .Sammlung 640. 055
Meister B. B., Kohle 105
M e i s t e r Bertram 242
M e i s t e r der Bergmannsehen Offizin 577
Meister E. S. 577
M e i s t c r - K o r r e k t u r e n .>2(t. :reehte
246, =risse 341, =schulcn 214, ^stücke 246,
=titulatur, -tum 245, ^Vereinigung 210
.^l e i s t e r von Flemallt- .5*'7
M e 1 1 a n, O., Linienführung 577
Melozzo da Forli, Schwebefigurcn 420
M e m 1 i n g, H.. Akte 390
.Nlengs. R.. über Natur u. Ideal 2H.i. I'al
tenstudium 449, Cjeometrie 221
.Nie rian. y\.. Kreide 114
Messingfedern Ol, =grifflein 81. lo7
n. 2. =kluppen 187, -stifte 81. 84, 85, 98
Metall Stift 81, =zeiehnungen 72
M e 1 1 e r e di bolo (grundieren) 213, duro
(vergolden) 213
-Nl ichelangelo, Feder Mi, Kreide 112,
Rötel 124, Kreuzlagcn 574, granieren 578,
Antike 271. Akte 387. 409. Schwcbc=
figuren 420. die Badenden 409. 521. 527.
Si.\tina=Decke M)2, .lungstes Gericht 2ol.
387, Kartons 644. Handstudien 43.5.
Skulpturzcichnung MA, Lehr\ertrag 212
M i c h i e 1. Marcanton 6. 7o. 451 n. 3.
267, 047
Midolla. Mic de pain (Brotkrume) PX)
Milehf lor (\'elo) 469
Mindcrhout, FL v.. .\achtland^ch. 4«»2
Mine d'argent 79. de plomb 7N. ]4X 144,
de plomb d"Angleterre 140
M i n e r a 1 k o h 1 e Steinkreide
M i n i a t u r b i 1 d n i s s e in Bleigriffel 78.
Silberstift 95. 97, 99. Pinsel 150. .Scha»
blonen 4()9
.Nl i n i a t u r e n auf Pergament 171
M i n i a t u r t c c h n i k 87. 9.^ 1.50
Mit drey Stiften zeichnen 132
Mit Ferblin duschen 5''
Mit trockenen Farben» 1.^8
Mittelgrund (Land.schaft) 485 L. 4S8
M o d e 1 1 b ü c h 1 e i n. Wiener 19(t
Modelle. Beruf .^88. männliche 237. \S\.
M)4, weibliche .W4. offi/ielle 237. 392. bc^
kleidete .'82. 425. tote 390. hochpostiert
42.\ skurzierte 422
Modelle (CÜps «)der Ton), perspektivi;
sehe 621, Rilievozeichnen 2o3
.Modellen (Akte) 379
.N\ o d e 1 I i di terra 551. 553. ili pieght 443
— naturali .\kte
.M o il e I I k a s t e n Mn>. 5.54
M o il e ! I m a n n c li e n aus Ton und
Wachs 2.M, 265, Proportion 225, 552.
Kompiisition 2*M. Bewegung 4l0, .552,
Draperien 44.^, 5.52, (iruppen 417. 5.52.
Kinder 402
.Nlndellt). Ski/ze 2««. \«)rlagc .V«2 n. I.
plastische Zeichnung .5<i7 n. 2. Brett mit
.Nlodellmännchen 551
.Model Ist ab .W5. .»9. 41«', .stehen 214.
.M»5. 382, 388. .VW. ./eichncn 379
.Nl o d e 1 o pei|uen«) .^31. de barro .551
M o il o antieo 441. naturale 22^t
Mola. Pier Franc. Rotel 131
730
Namen* und Sachregister.
iM o 1 1 b a ü 1 a c s (Graphit) 141
Molke, Pastelle 135
M o 11 i c a dcl pane (Brotkrume) 190
M o m e n t der Handlung 286
Monaco, Lorenzo 150 n. 1, 629 n. 1
M o n d i n o, Anatomie 229
M o n o e h r o m a t a 588
M o n o t y p i e n 591
M o n t a g n a, B., Pinsel 152
M o r e 1 1 a 90
Morone, F., Rötel 125
Mostre 249
M o t i eomposti, actionali, lochali 408
M o V i m e n t o del eorpo 404 n. 1, d'animo
406
M u n k a c s y, M., Skurzbchelfe 425
M u s k e 1 m a n n 225, 227, 229, 237, 558
Musterbüehlein 194 — 196, aus Holz,
Pergament 167, Wien 167, 196, Berlin
196, Rom, Bergamo, Venedig 197
Nachahmung (Pasticcio) 666, 667 t.
Naektkompositionen 314, Man;
tegna 314, Leonardo 315, Raffael 316,
Dürer 319
N a e r het leeven 276, 691
N a n t e u i 1, R. 145, 172
Naturale, il 252, vivo 276
Naturkreide, braune 116
— schwarze == Steinkreide
Naturpapiere 50, halbtonige 174,
blaue 114, 134, 175, graue 177, reh;
farbige, bräunliche 178, rosafarbige 179
N a t u r s t u d i c n, Übung 277, Bedarfs
stücke 277, persönlicher Ausdruck 278,
Zeichcnteehnisches 279
Naturzeichnen 252, 276, 283
Nazarcncr, Graphit 146, Umriß 566
N e t s c h e r, K., Pinsel 160
Netze, Hängematten (Skurz) 425
Netzlinien 76, 184, 305, 421, 682, in
Umdrucken 538, 541, graphischen Vor=
lagen 353, 358, Akten 379, Kartons 527
N e t z r a h m e n, Verwendungsarten 545,
Akte 389, 422, 545, Porträte 469, 545,
Landschaft 476, 546, Perspektive 599
Neutraltintc 51, Zubereitung 71 n. 1
N i e 11 e n 339
N o t (j m i a - Anatomia
N u fi e z, P., Krcide^Rötcl 133
N y t s, Gillis, Graphit 145
O b j e k 1 1 i c h t e r 627
f) c k e r (Tonen) 47
() <: r c rouge - Rötel
O f c n= oder Kihnruß —- Bister
Officiali 234
O 1 e a t e siehe Pauspapier
Oliekri j t 106 n. 1, 110
Ölkohle 105 ff, -176
Ölskizzicrcn 180, 292, 309, 331, 455
O m b r a derivativa (Sehlagschatten), pri--
mitiva (Körperschatten) 596
Optik 221, 599, 601
Ordinantic (Skizze) 284
O r d i n e 302
O r 1 a r e el cartonc 527
O r 1 e y, Bernt van, Karton 337
Orthogonale^^ Fluchtlinien
Ortsbewegungen 408
O s s e p i a e siehe S e p i a s c h a 1 e
O s t a d e, A. v, lavierte Feder 60, Volks«
figuren 427, Manichino 557
O u w a t e r. Albert van, Akte 390
Oxydation der Mctallstifte 86, 94
Pa e h c e o. Fr, über Bleigriffcl 74, LJnter;
richtsstufen 253, Skizzieren 286, Öls
Skizzen 331, Entlehnen 291, Anatomie
230, Modellmännchen 553
Paciuoli, Luca 221, 224, 602
Paggi, G. B. 211, 249
Pagonazzo (pfauenfarbig) 90 n. 4
P a i r of Compasses (Zirkel) 188
Palma, Giovine, Pinsel 156, Modellmänn«
chen 417, Nacktkomponicren 318
Pannegiarc 443
P a n n i siehe G e w a n d u n g
P a n s e 1 i n u s siehe Handbuch vom
Berge Athos
Pantograph = Storchschnabel
Papier, bleu 175, bistre 178, gclatine 536,
glace 536, gris 179, huile 179, pele,
plätrc 89, 100, preparc 86, teinte 178;
ä la Desfriches 89, ä tablettes 165 n. 6,
de couleur de chair 179, de demi4cinte
174, de la Chine, de soie 180; Vers
breitung 172, alte Maße 174, Sorten 174,
Leimung 173, weiße 172 f, verbeinte 77,
88, grundierte 86 f, 114, venezianische
113, 172, 175, 176, farbige (Naturpas
piere) 74, geölte 179, präparierte (gunis
mierte) 179, japanische, chinesische 180
Papieren, blaeuwe 17, 177, gegrondc 86
P a p i e r k II r t <) n Karton
Paradigmata 274
Parallel ho ri zontalc 609, 619
P a r a 1 1 e I s c II a t t i e r u n g 36, 151
P a r c h c m c n t 135 n. 2
N'amen; und Sachregister.
P a r c r c (Gutachten) 327
P a r m c g i a n (), Fr. 648
Passepartout 704, 703
P a s s e r i, G. B., Bruderschaften 243, Rem
241 n. 1, Tassi 248 n. 3, Albani 403, 506
Passcrlinien 184. 358
P a s s c r o 1 1 i, Bart. 45. Kreuzlatjcn 575
— Tiburzio 645
Pastelle, Anfertigun<< 135, Farben 136.
Fixagc 136, 192, Naturpapiere 134, 176.
weiße 119. wischen 134. Zeichnung 134.
Porträts 462. Malerei 134 n. 1
Pastclli fatti di Ciesso 119, 135
Pa stc 11 o, ä pastello 136
Pastell krei den 133
Pastellstifte (steffle) 113
Pastell technik 12. 134
P a s t i c c i o 667 f.
Pa Stils 133
Patina, künstliehe 674
P a t i n i r, .1., Landschaft 473, 513, Skizzen^
buch 513
Patronen ^^5
Pausche (Staubbeutel) 528
Pausclinien auf Grundierung 4*'. 4()7,
in Fresken 523. Tafeln 525
P a u s e 1 () c h e r 358. 52X 528
Pausen 534, Übertragungsarten 5.V». mit
Kohle. Kreide 537. Rötel 129. 537, Gra=
phit 142, 144, 537, für Feder 295, Silber.
Stift 535, Bildnisse 467, Gemälde 535, \
Graphik .155, .535, auf Grundierung 89 i
P a u s i e r a p ]■) a I a t 537
P a u s p a p i e r, 1 lerstelluiig 17'', 536,
Arten 5.36
P a V i m e n t, Konstruktion 220, 222, 305.
60.5, 608. Augenpunkt 612. Figuren oi''.
Köpfe 624
P e a u roulee siehe \V i s c h e r
P e c k h a m, J., Perspeetiva communis 001
P e i n t r e s du roi 2.^.^
P e n c /, (i., Krcide=Rötel LH l ntersichtss
figuren 623
P e n e I I i mozzi siehe Pinsel
Pen handelingh. =teekening }.^, werke 45
P e n n a Ol
P e n s i o n n a i r c s 245
P e n t i m e n t e 320. .324. r>4S. m)
P e r g a m e n. pergameyn loS, 171 n. (>
Pergament. Behandlung Ho, lo'», Rau
hung 75, Sorten lo". Tafclchen 73 u.
n. 7. I05, Zeichnungen 145. I7<(
P e r p e n d i c u I u m 02
i e r s p t e t i V a communis, artificialis 221
Perspektive. Lntwicklung 221. 002.
Lehrbücher 222. ()02, Pisancllo (m, Jac.
Bellini 610. Akademien 237. Spezialisten
222, 309. 014. Symmctrie-Persptktive
605. Tafelbikier 610. Fresken ()28.
menschliche Körper 611. Einzelobjekte
620. Landschaften 486, .^weichungen
610. siehe auch R a u m p e r s p e k t i v e
u. L i c h t p e r s p e k t i V c
Pcrugino. P.. .Silberstift 94, Kreu/Iagen
574. Akte 383. Raumkonstruktion 618.
Paviment 610. (Jlasrisse 34H, Kopien 255
P c r u z z i. B.. Skizzenbuch 2()8. Chorent-
wurf .343
P c t r u .s. Christus. Silberstift 89
— Grcgorius. Pastellrezept 135 n. .3, Spie;
gel 548 n. 4
— Pictor Burgensis siehe F r a n c e s c a.
Picro della
Pezzuole (Tüchleinfarben) 57 n. 2
Pfeifen ton. geprei.^tcr II*'
Pflaster Kstriehfelder
P i a n o " Paviment
Piazzetta. Pinsel I.So. Kunstkreide ll7.
Pastell 1.37, Naturpapier 17'>
P i e g h e 437, 44o
Picro iH Cosimo. Rotel 123
Pierre noire iritalie (Steinkreide) 10«',
115. 144, trempee dans Ihuilc 1(K> n. 1.
P i c r I e rouge. de Sanguine \2s
P i e t e r s e n. A.. Silberstitt N5
Pietra nera - Steinkreide
— rossa detta Api.sso Rotel
— todescha Steinkreiile
P i j p a e r d e. geilroogile II*'. I.3<S
P i n o. P.. Ilandstudium 437
Pinsel .i4. 1.50. .Sorten 184. Ih5
P i n s e I s c h a t t i e r u n g .V».S. vtrtik.dc
l.iO. 5()K, lockere 151. .5(>.S. lavierende
51. 563. 5()7, in der Barocke .5o«'. in
Flecken 54. .5o*'. Cilasrissc 370
P i n s e I z e i c h n u n g 14K. vcneziani.<»che
151. 508
P i n t u r i c e h i o. B.. \'ertrag 3.30. Fresken
in Siena ^»03. Lanilsehait .501
P i o m b i n o (BleigriHel) 72 ff.. 74 n. 5
— (Ciraphit) 141. 142
P i s a n e I I o. \'.. Feder 40, .Ski/zenbueh
40, MM. 2«M. 2N0. 28«. .170. llubertushiKI
480. Akte .V'4. Ticrstudiin 2H0. 4SX 622.
Pavimentkonstruktion (litH
P i s a n o. Nictolo 2'»«. 42*'
732
Namen? und Sachregister.
P i 1 1 u r a in prattica c in thcoiica 219
P 1 a f o n d, Entwürfe 309, 343, Komposi?
tion 302, 307, Skizzen 347, Programme
313, Perspektive 344, 610, 613, 620, Akte
411. Liehtführung 629, Maler 230
Plaketten 274, Zeichnungen 372
P 1 a n c k c t e n, hültzern weysscn =
Schreibtäfelchcn
P 1 a n c t e n b u c h, Budapest 582
Planieren, Leimen d. Papicrcs 52 n. 2
Plastik, Zeichnung 15, Korper 561,
Raum 599
P 1 e y s t c r tronien (Gipsköpfe) 265
Plinius, Bleigriffel 73, Kohle 101, Spie=
gel 547, Monochromata 588
P 1 o m b (Stile de plomb) 72
P 1 o m o sutil 74 n. 3
P 1 u m b u m album (Blciweiß) 586 n. 2,
hispanieum (Graphit) 142
Pointe d'argcnt 79
P o 1 i d o r o siehe Caravaggio
P o 1 i e r m i 1 1 c 1 86, 88, 89, 90
P o 1 1 a i u o 1 o, Ant., Drahtkontur 34,
Tafclzeichnung 9, Kartons 523, Caritas
9, 525, Denkmalcntwurf 363, Vorlagen
336, abgedeckter Hintergrund 34, 592
P o 1 1 a i u o 1 o, Piero 104
P o 1 1 a i u o 1 o 5 Schule, Täfelchen 165, Gc^
hilfenmodelle 382
P o n e i s 537 n. 1
Ponte, Jacopo da, siehe B a s s a n o
Pontius, Paul 359
Pontormo, Jac. da, Rötel 125, Karton
530, Teppichkartons 337
Poppetjes (Modellmännchen) 554
Portail, A., Kreide.Rötel 133
Portescrayon 119, 187
Porträtminiatur 469, «stiche 371
Porträtzeichnung siehe Bildnis;
Zeichnung
Posamento 403, 406
Posieren, freies 405, raffiniertes 418
Possen, Stellen der 403
P o s t u e r e n, stacndc 403
P o 1 1 o t, Potloot, Potloykcns (Bleigriffcl
oder CJraphit) 78, 142
P o 1 1 c r, P. 105, 332, 456
Poudrc, picrrc noire, sanguine 580 n. 2
P (j u s s i n, Xiclas, Lavierung 57, 156,
Land.sehaft 505, kubisches Komponieren
319, Modellmännchen 554
Pozzo, Andrea dal 230, 2.32, 245
Prämien 235
Präraff aelitcn 100, 163
P r c d i s, Ambrogio de 371 n. 1
Preissler, J. D. 239, 476
P r i m a t i c c i o, Fr. 178, 417»
Primazeichnen auf Grundierung 49
Principe (Akademievorstand) 233
Principes de dessin 274
Privatakademien 214, 239
Prix de Perspective 237
Produktion (Zeichnungen) 30
Profcssioni dcl Disegno 26
P r o f i 1 a r e 254
Programme für Kompositionen 248,
313, 326
Proportie boeck 229 n. 8
Proportion, Körper 224, 314, 381, 387,
391, Kinder 403, 412, Komposition 226,
Architektur 226
Proportione naturale, perspektivische,
suelta 225
P r o p o r t i o n s 1 e h r c 223, - ?figur 225,
^Schemen 254, =zirkel 188
Prospcktmaler 222, 230, 565, ;zeich=
ner 614
P r o s p c r o, Perspektive 222
Prospettiva siehe Perspektive
Ptolomaeus, Optik 601
Pumicare (pumice) 86, 191
Punktmanier 576
P u n t o, Punto centrico = Augenpunkt
Punzen 577
P u 1 1 o pittore siehe L e h r k n a b e
QuadaL M. F. 639
Quadrangolo 608
Quadratdiagonale (Paviment) 609
Q u a d r i (Federkunststücke) 45
Quadrier ung siehe N e t z 1 i n i c n
Quadro (Netzrahmen) 545
Quast, P., Graphit 145
Querschnitt (Velo) 544
Quetsch Zeichnungen^ Umdrucke
Rädere i gessi (polieren) 213
Radicrbehelfe 190—191, 320
Radierung, Entwürfe 354, Altdorfer 510
R a f f a e 1, Silberstift 94, 567, Bleigriffel 75,
Kreide 111, Rötel 124, Weißgrundierung
92, Parallclschattierung 36, 572, Skizzen;
bücher 68, 203, Bewegungsskizzen 414,
Akte 396, Nacktkomponieren 316, An;
tike 271, Kopf; und Handstudien 4.30,
435, Zeichnungen 644, 656, Kartons 339,
521, 523, 618, Landschaft .502, Perspck;
tive 610, 618, Lichteffekte 631, S. Cäci;
Xamcn; und Sachregister.
733
illS
lia 589. Transfiguration 31S. 631.
Baumeister 232
R a h m e n e n tw ü r f e 344
R a h m c n n e t z siehe N e t z r a h in c n
R a s p a n t i n o. Cav. Fr.. 137 n. 1, 528, 534
Riitsclzeiehnungen (Carraeei) 20
R a u c h f a n g p e c h 67
R au eh schw ä r t z (Tusehe) 65, 163
Raumhehandlung 299, 599 ff.
Raumerweiterung, perspektivisehc
620, 622, malerisehe 613
Raumgestaltung (Komposition) 305.
565, 599
Raumkonstruktion siehe Raum;
Perspektive
R a u m p c r sp c k t i V e, antike 601, Litc^
ratur 601 n. 1, 602. Einfluß der Reliefs
602, Innenräume 605, zentrale 605. Asym^
mctrie 618, Raumeinheit 608, Paviments
Prinzip 608, Abwciehungen und Korrekt
turen 599, 610, 615
Raumproblem, Landsehaft 495
R a u m s e h i e h t e n, Landschaft 485
R a u m w e r t der Linie 624
R e a 1 c a r, realces de blanco s. H ö h u n g
R e c h e n t ä f e 1 c h e n 81. 99. 168
Reduktionszirkel 188
Reflektoren 640
Rcf lex lieh ter 595, 631, 639
R e h a u s s e r de blanc — Höhen
Rcinhold, Ch. L., Fixicrmittd 193
R e i s c s p i e g e 1 549
Reiset, Fr., über Zeichnungen 651
R e i ß b 1 c y = Graphit
Reissen, reißen (skizzieren) 285
Reißkohle, Reißkol 103, 107. schwärzt
(Pastelle) 136, 138
R e i ß s c h \v a r t z (Tusehe) 64, 66
R e i l.^j und Z e i c h e n k u n s t 285
Reis Wasser (Fixage) 192
Rektor, Gilde. Akademie 2W. 233
Relief, ägyptisches 561
R e 1 i e f e n t w ü r f c 372, ^schichten 617
Rem b ran dt, Feder 44, Rohrfeder f)0.
Silberstift 97, 199. Kreide 519, Rotel 128.
13.3, Pinsel 160, Hister 68, Pergament
171, Skizzenbücher 199; Komposition,
Korrekturen .320, 32.=i. Akte 391. 398,
Anatomie 22*^K physiognomische .Studien
2.5, Kopfstudien 278, 432. Antike 274.
Tierstudium 45(>, Xaturzeiehnen 283.
Manier 668, Heleuchtung 311. 6.V». Hell«
dunkel 391. 4(1(1. IkV>. 640. l.inienwert 626;
Zeichnungen: 11, 25, 61, 15'>, 2S0. 325.
400. 626. 637. 638. Preise 651, K<.pien
257. Fälschungen 672; Radierungen 354.
.5*'8, 638; als Lehrer 217. .Sammler (y45;
^Schüler 399. =Teehnik 44. 56
Reni. Guido, ()lkohle ION. Pastell 106. 137.
bei Carracci 241. Sehulc 244. Aurora
303. Kopfstudien 432. Sammler 644
Reproduktionen (Zeichnungen) 258.
656. 669
R e s t a. Pater Seb. 647, ()54
Restaurieren ()8(». 7tKJ f.
Reveley. H. 1
Richter, L.. Graphit 14(>. Landschaft 516
Richtscheit^ Lineal
Ricordi brevi (Skizzen) 414. (Kopien)
647
R i d ü I f i. C. über Stjuarcione 267. Tinto.
retto 21, 229, 417. 57'' n. 1
R i e m e n s c h n e i d e r. T. MtH
Rieseln (granieren) 579
R i f 1 c s s i -: Reflexlichter
Rilevare Losgehen vom Hintergrund
— di Gesso. auf Tafeln 213
R i 1 i e V o = Z e i c h n e n 251. 252. 263. 5«>7
R i m p a s t a r e. rinpastare el cart«)ne 527
R i ß mit linden Kolen tuon 285
Ritrarre i di.segni. Ic pitture 254. 259.
dal naturale 27(). di o in riliev«i 26,3.
264, 567 n. 2, li nudi 379, in iscorcio 421
R i t z z e i c h n u n g e n 6
R i V i u s, N'itruv. Tusehe W), HIcigriffel 77.
Crrundierung 88, l'roportion 226. Cic-
häu.se 612
Rodler. Hieron.. K»)hle 105. CJehause-
Schema, zwei Augenpunkte 6P'. i\r:
.speklive. Finzelobjektc 621. skurziertc
Köpfe 624. Landschaft 475. 477 n. I.
Netzrahmen 54()
K o h r f e d e r 60, 3:12
Roman o. Giulio. Feder 37. Reinpuusen
38. 295 n. 2. SteccataAertrag 24'>. 3M).
5.30. Sammler 267, M5
R o m p r e i s e 245
R o m reisen 232. 237. 240, 262
Rosa. Sulv.. Landschaft 5<R». Sutyre 24<«.
Ausstellungen 249
K o s a s p i n a. I". 2l6
R <t sc I e n granieren
R o s e n w a K s c r 97 n. 5
Roste n. \"ergilben tl. Tinte 6.3
Kötcl 119. Literatur. Figenschnften IJO.
Arten, l'undurte 121. Iiitwicklung N*>.
734
Namens und Sachregister.
122, mit Kreide 130, laviert 126, /um
Tonen 47, Lavieren 3<), Pausen 129, Ents
würfe 126, Stichzeichnuntien 129, Land;
Schaft 128, 513
Rötelstein (Rotelstein, Rothstein, Rots
telstein) 126 n. 1
Rotstift (Rötel) 120
R o 1 1 e n h a m m e r, J., Venez. Papier 176,
Venedig 243, Zeichnungen 648, Sammler
und Vermittler 649
Rouleau de papier — Wischer
Rousseau, J. J., üher Kopieren 258
Rubens, P. P., Kreide 114, 117, Rötel
128, Kreiderötel 131, Pinsel 158, Öh
kohle 108, Akte 390, Skurz 424, Land.
Schaft 516, Tierstudien 456, Tapeten«
vorlagen 339, Cartoncini 532, Zeichens
schule 254, Abklatsche 539, Sammler
267, 645
R ü c k e n a k t e, männl. 225, 386, 387, 572,
weibl. 398
Rückenfiguren 427
Rückkonstruktion (Akte) 318
Rudolf von Ems, Weltchronik 507
Rußkreide (Kunstkreidc) 116
Rußtinten 64
R u y t c n en netten of raemkens 545
S a b a t e 1 1 i, L., improvisatore 39
S adele r, Die 243, 648
Saftlevcn, H., 150, 543
S a i n t j A u b i n, G. de 236
S a 11 o w ; c o a 1 s (Wcidenkohle) 144
Salzsäure zur Tintenprobe 63 n. 6,
Bleiprobe 79
Sammler 217, 643, Künstler 267, 644, 653,
geistliche 646, weltliche 644, 646
Sammlermarken 656, 685
Samtpapier (Bleigriffel) 79
S a n d r a k (Grundierung) 75, 169
Sandrar t, Joach. v., über Naturpapier
179, Stufengang 253, Kopieren 44 n. 3,
262, Lehrlinge 217, Kartons 528 n. 4, 533,
Modcllmännchen 554, Draperie 445,
vcnez. Zeichnungen 156; Akademie
Nürnberg 239, Vermittler 649
Sanguine (Rötel) 128, 144
Sarto, A. del, Rötel 124, Madonna del
Sacco 289
Säulcnordnungen 231
S a v c r y, R., Zweifarbenlandschaft 516
Savonarola 380, 383, 677
Sbozzare (Entwerfen) 241
Schädigung 334, 537, 677
S c h a t t e n r i ß siehe Silhouette
Schattierung in Linien 571, am Zy
linder 572, Härchentechnik 576, Häks
eben 43, 154, 576, 577, Kreuzlagen 36,
574, 577, systemlose 575, horizontale
572, 577, vertikale 43, 54, 150, 568, 573,
575, diagonale 573, von rechts 580,
links 354, in Flächen siehe Pinsel«
Schattierung
Schattigen, schättingen = schattieren
Schau feiein, H., Kohle 105, 681 n. 2
Scheibenzeiehnungen siehe
G 1 a s r i s s e
Scheidewasser, Färben d. Rötels 121
Scheinarchitekturen 308, 344
Schellack, Grundierung 180, Fixagc 192
Scheren Zirkel 188
Schiefertafel 168 n. 4, 182, 371
Schilf, zerkautes 7
Schilfrohr (Feder) 60, (Kohlrohr) 102
Schizzare, schizzo 284, 285
Schlag papier 176 n. 3
Schlagschatten 596, 598, 629, 636
Schlcierapparat 544
S c h m u t*z e r, Jakob, Braunstein 130
Schneiderkreide 118, 587
Sehnörkelstil 39
Schön, E., kubisches Komponieren 319,
622, Estrich 612, Pavimentskurz 622
Sehongauer, M. 508, 625
Schornstecnroet (Bister) 66
Schraffieren 567 n. 2
Schreibbüchlein, Amsterdam 85,
Wien 98, 99, Linz 98
S c h r e i h k r e i d e (weiße) 118, 587
S c h r e i b r o h r 61
Schreibtäfelchen mit Wachsbezug
164, 166, weiße 73, hölzerne 167, 168,
siehe auch Zeich entäfelchen
Schreib zeuge 62
Sehrijfpen (Rohrfeder) 60
S e h r o t b 1 ä 1 1 e r 50
Schummern 578
Schwamm, Tonen 46, Leimen 52 n. 2
S c h w a n c n s t ä d t e r Fund 98
Schwarz, Hans, Medaillen 371
Schwarzlot 50, 35 1
Schwebefiguren 420, «skurz 423
S c o r c i, seorti siehe Skurz
Scuola (Gilde) 209
Seehundshaut 143
S c g h e r s, Hercules 5
Segni (Skizze) 284
Xamen; und Sachregister.
735
S c h p y r a m i ci c 22 1
Seide, Seidenpapicr (l'auscn) 536
Seifenstift, Glaszeichnen 468, 347
S c n k b 1 c i, Senkel siehe L o t s c h n u r
Sepia 3 n. 2, Eigenschaften 6<>, Zuhcrci>
tunji 70 n. 1, \'ersuchc 69, Lavicrunti
70. 134, mit Bister 70, Zeichner 70 n. 6
Sc p i a k n och en (Schale) 1()4. l''l
S e r a p a c u m 87
Serlio, S.. Architekturbücher 222. 231
S e s a m ö 1 (Pauspapier) 336
Sesto (Zirkel) 187. grande 188
Sesto, C;esarc da, Rotel 130
S e y d c 1 m a n n, .lac. Cr. W
S f u m a r e 32, eon la dita 379
Sfumato 131, 448 n. 3. 384
S .U r a f i t t o m a 1 e r e i 388
Signaturen 201. 334, 31.3, 687— (»93
Signorelli, L., Pinsel 131, Kreide 112,
R()tel 124, Kreide'-Rötel 132. Rücken^
akte 386, 387, bewegter .\kt 40M, .\kt
am Seil 420
Silbergrif f lein 81. 167
S i 1 b e r s t a h 1 81 n. 6
Silber Stift 79, Anfertigung 83. CJrun^
dicrung 47, Exemplare 82. \'ersuche 83.
()\ydati(m 86, neben Hleigriffcl 94,
neben Kreide 96, im Storchschnabel 99.
Skizzenbücher 96, 197
S 11 b e r s t i f t z c i c h n u n g c n 81 , ita»
licnische 9.3. niedcrliind. 9.3. deutsche 94,
bei N'endramin 647. .Akte 389
Silhouette 469. .361
S i I V e r p o i n t 79
Sindonc (Tüehlein) 181
S i n g c = Pantograph
Sirani. EHsab.. Pastell 1.^7. .398
S k e 1 e 1 1 m a n n 223, 243
Skizze s. K o m p o s i t i o n s s k i z / e
Skizzen in Ölfarben 180
S k i z z e n b u c h b 1 ä t t e r 202
S k i z z e n b ü c h e r. .Silberstift 96 f., 198.
grundiert 88, 202. I edcr 199, getont, an^
ger()tclt 46, 199, Crolk- 199, l ntcrricht
200, Aufteilung u. Neuordnung 20l, Pu =
blikationen 202, Kopierung 2U. 2.V)
Skizzieren siehe E n t \s c r f e n
Skulptur. Einfluß .5f»I
S k u 1 p t u r e n z e i c h n e n 272
Skulptur = Karton 5.U
Skurz (.Scorei) 421, 44^, Behelfe 422. .34.3.
liegende 422. stehende u. sit/en«le 423.
schwebende 42.3. fallende u. fliegcule
424. von Pferden o22
S m e ; k o o 1 63 n. 8
S n y d c r s. E., Tierstudien 4.36
Socii (Gesellen) 241
S o d o m a. G. A.. Karton .527
Solario. A., Kohle 103
Solls, X'irgil. farbige Tinten 71. kunst»
gewerbl. N'orlagen 341
Sonnenlicht 628, Landschaft <t2*'
S o 1 1 o i n s u, Eiguren 420, 42.3. 622. Korn«
Position 307
S p e c c h i o piano siehe .Spiegel
Speckstein (Schneiderkreide) 118
S p e c c k a e r t. H. 373
S p i c c a r c da piano .391
Spie g e 1, plane 42.3, .347. konvexe 477.
349, schwarze 477. 3.30. Bewegungen 2*>1.
41.5, Skurz 41.5. 42.3. Kopfstudien 132.
Porträts 469, 347. Perspektive (»02. in
Bildern .548. weitere N'erwendung 348
Spielbein 406
S p o g 1 i a r e ignudi 2.34. modello 37''. 388
S p o 1 V e r a r e 213
S p o I V e r i (Kartons) .328. 330
S p o 1 v e r i z z a r c 337
S p o I v e r t). Spolverizzo (Staubbeutel) 32S
S p r a n g e r. B., leder .38
S p r i n g i n k I e e. 11.. I'eder 31
Squadra (Winkellineal) 189
S q u e I e 1 1 e s 2.37
Staffage 492. 317
S t a m m b ü c h e r 648
S t a m p a r e chiaro et scuro .390
S t a m p e sopra i disegni 3.39 n. 8
Standbein 40f». =motive. antike 4<M.
:posen 419
S t ä n gel g ra ph i t 14i»
Stanza, Privatakademie 214 n. 3
S t a r k e k 1 e i s t e r .S7
Statuten. Leipzig 211. 24<l, Nürnberg
212. Padua 20«'. 211. 214. Prag 210, 247.
.Siena 2(N, 210, Idine 249
S t a u b b e u t e 1 32S
Stecher, reproduzierende .333 n. I. 3.37.
(y»9 n. 4
S t e f t. Stef/en. Stcfziin 81
Stein, schwarzer (CJraphit) M^ n 10
S t e i n f a rbe (grau) .390
S t c i n k r c i d c U»". Eigenschaften I H».
Wh. auf (Jrundierung 112. Naturpupur
113. zur Lavicrung '».5. 110. bunt laviert
736
Namen* und Sachregister.
114. Kombinationen 113, Pauscniittel
537. Landschaft 31^, als Farbe 110
Stellung, soziale 208
Stempelschneider 371
Stevenson, R. A. M. 28
S t e y n ^ Estriehfelder
Stifte, Rosen sehe 75 n. 1
Stil und Manier 17
Stile d'argento 79, d'ottone 81, del
piombo 72, 74 n. 5, de plomb 72
Stilleben, Flächenanordnung 303, Vor;
Zeichnungen 457
S t i 1 o darzento 76 n. 1
S t i 1 u s aeris, argenti, auri, eupri, ex auris
ehalco 81, ferreus lK3, latonis 81, plum::
beus 73
Stilwechscl 20
S t i m a r c, stime 327, 329
Stimmer, T., Glaszeichnung 352
Stimmungsei ementc 490, 629
Stipendisten, Rom 245, 262
S t i p p e 1 n = Punktiertechnik 576
Stoffbetonung 131, 450, 574
Storchschnabel 99, 189, 190, 371
Stoß, Veit 367
Streifendarstellung 286
S t r i c h f ü h r u n g s. Schattierung
Stückkohle 100, 106
Studien, theoretische 218 f.
Studienbuch = Skizzenbuch
Studio (Ateher) 645
Stufengang siehe Z e i e h e n u n t c r^
rieht
Stütz Vorrichtungen, Akte 419
Stylographie 99, 146
Symbole, Landschaft 494
Symmetrie,. Komposition 290, 298, Per^
spcktive 605, Landschaft 481
Tabakabsud 67
Tabak.Erde (Pfeifenton) 119
T a b e 1 1 a e siehe Zeichentäfelchen
T a b 1 e s de Preceptes 235, 433
Tabula lignea incretata 87, 165
T a b u 1 a e pergamenae, albae 73, busuli
165 n. 1, cerae 164 n. 1
T a c u i n o siehe Skizzenbücher
Täfelchen s. Zeichentäfelchcn
Tafclkarton 523
Taglohn (Gesellen) 241
Talk, Höhung 118
Tapeten 336, Technisches 337, Kartons
3.37, 339, 522, Zeichner .337
Tapijt^patrooncn siehe 1 a p e t e n
Tastwerte 565
Tauschhandel 250
Tavolettc s. Zeichentäfelchen
T e e a b s u d, Fixage 193
Teilstudien 373, Akte 379 ff.. Köpfe
427, Hände u. Füße 434, Gewandung 437,
Tiere 378, 450, Landschaft 378, 471 f.
T c 1 a linea 181
Tele apparecchiati 45 n. 7
Tempera siehe D e c k f a r b e n«
m a 1 e r e i
T e m p e r a r e, Tempera mischen 213
Teniers d. J. 108, 158, 293
T e p p i c h V o r 1 a g c n siehe Tapeten
Terra nigra siehe Stein kreide
— verde 91, 114
— rubrica siehe Rötel
Testa (Kopflänge) 224
Teste colorite 180, 432, granite 579 n. 1
Testelin, H., Preceptes 235
T e t e s d'Exprcssion 237, 402, 433
Teutschc Schwärtz (Tusche) 65
Teyckenboeck = Skizzenbuch
Theaterprospekte 344, Entwürfe
323, Zeichner 230, Augenpunkte 620
Theatralingenieure 230
T h c a t r a sacra 232
T h e o p h i 1 u s über Bleigriffel 74, Glas?
maierei 74, 347, 522
Theorien, Einteilung 219
T h o p a s, J., Graphit 145, 588
T h u 1 d e n, Th. v., Abklatsche 539
Tiefenansatz, Landschaft 483, 629,
kubische Körper 621
Tief endrehung 488, 629
Tiefenerzeuger, Landschaft 498
Tief enlciter, Landschaft 487, 621
T i e f e n 1 i n i e n, konstruierte 628
Tiefen werte 565
Tiefenwirkung, malerische 627
T i e p o 1 o, Giov. B. 40, Fleckenlavierung
55, Pinsel 156, Schwebefiguren 425, Son=
nenlicht 628
T i e r b i 1 d e r, antike 451
Tierblick 450
Tierra negra (Steinkreide) 110
Tierskurz 454
Tierstilleben 451
T i e r s t ü c k, Komposition 332, 451, 457
Tierstudien 450, Bedarf 451, Stufen
450, Pisanello 453, Leonardo 454, Dürer
455, Rembrandt 456, radierte 457, Spe^
zialisten 456
Namen; und Sachregister.
737
T i n t a bcrrcttina 90, indica 90
Tinte, chinesische, sienesische, ostindi^
sehe siehe Tusche
— Galläpfeltinte 62, Rost erzeugend 63 u.
n. 4, Vergilben 63 u. n. 2, mit Tusche 63
Tinten, farbige 71
Tintenfaß, =horn, =stachel 62
Tintenprobe 63 n. 6
Tintoretto, Kohle 104, Pinsel 156, gc^
öltes Papier 180. Skizzenbuch 2%, Akte
421, Modelli 417, Karton 523, Konkur;
renzzeichnen 329, Liehtführung 629, 630.
Behelfe 634, Helldunkel 630
T i r o c i n i o (Lehrzeit) 211
Tizian, Kohle 104, Krcuzlagen 575, Land;
Schaft 473, 503, Pinsel 156
Toccalapis (Kreidehalter) 119. 185
Tocchi (Skizze) 284
— d'acquarello (Lavicrung) 54. di ros.so
(Rötcldrucker) 131
Tonen des Papieres 46. 47
Tonfigürchen siehe M o d e 1 1 m ä n n;
c h e n
T o n m o d e 1 1 c s. M o d e 1 1 in a n n c h e n
Tonpapier (plätre) 78, 89, 100. 191
Töpfererde, Kunstkreiden 117. 135
Tour, Quentin de la, Pastelle 134 n. 1
Tragant, Fixage 191
Trajansäule 269
Transparente (Glasscheibe) 468. 547
Trans versalc = Parallelhorizontale
Trecentozcichnungen 170
Trennung u. Bindung der Körper 591
Triptychonzeichnungcn 334, 346
T r i t a r e (Farbenreiben) 213
T u b e ^ Stifthalter
T ü c h 1 e i n f a r b e n 57 n. 2
T ü c h 1 e i n m a 1 e r e i 154, 181, 588
Tüpfelmanier 576
Tusche 57, 64, Zubereitung 65 u. n. 2, 3,
nachgeahmte 65, Fi.xage 193
Tuschele n, Tuschen, Tuschiercn 51, 58
Tuschiermanier 359
Tyro picturae (Lchrknabe) 21
Ü b c r c i n a n d c r s t e 1 1 e n 599
Ü b e r g a t t e r n 527 n. 8
(Jbertragungsnctz Setzlinien
Ü b e r t r a g u n g s s p u r e n 333
Überzeichnen 679
Übung s zeichnen. Stufengang 251,
Täfelchen 73, 93, 164, 168. Kopieren 213.
253 f., 259 f., Antiken 263 f., Natur 277 f.
Med er, Die Handzeichnung.
l c c c l I o, Pinsel 151. Cjlasrisse 34.S. Akte
385, Liet,eskurz 422. 621, Profilporträt
460. Tierstudien 453, Fresken mit Gc«
witter 603, perspektivische Probleme
(M, iMazzocchio 222. 024
L' d i n e. Giov. da 504
U f f e n b a c h. Philipp M4
Umdruck e. N'erfahren 43, 538, in der
CJraphik 358, 538, 539, lithographische
075, neuere X'ersuche 540, nach Zeichs
nungen 12«^ .>71, 538, 539, 674, kunst»
gewerblichen \'orlagen 343. Schrcibvor»
lagen 539, bei Bestellungen 539. Wert»
.Schätzung u. Merkmale 540. als Fixage
193, nach Gemälden 540 f.. MilM-.r.iuclic
541, 684
l' m r a h m u n g s I i n i e 299
l ' m r i ß siehe Kontur
l'ni versitä (Gilde) 2W
r n i V e r s i t ä t e n, Seminar 3, 676
U n t e r s i c h t siehe S o 1 1 o i n s u
Va c c h e t t i n a (Skizzenbuch) 198
\' a g a. Perino del 5t»4. <»4S
Vaillant. Wall. 138. 177
Van D y c k siehe D y c k
V a s a r i. G.. über Kreide 111. Rotel 121
n. 2. Tinten 63 n. 1. Ciranieren 57<S n. 2.
Kopieren 260. Medici^Garten 26«^ Re»
lievo 264. Ghiaroscuro 588 n. 3. Bruder«
Schäften 243, Mcisterschulcn 214. Skiz»
zen 284 n. 4. 293 n. 3. Seorci 422. Kar»
tons ^22, 525. .Nlodelli 527. ?>^2. Pavi«
ment WH; L'ccello 49(>. 004. Bartolommeo
383, 556. Leonardo 227, Michelangelo
5,>0. Bandinelli 215, Peruzzi 52.1 Becca»
fumi 2.55, T. Zuccheri 242. (Jiorgionc
331, Tizian 272. ^)X Tintoretto .^2^>: Ver.
träge 326, 329. als Sammler r>44. 054.
Dürer 574 n. 2
\' e d u t e n 472
Velde, W. van de. Feder 45
V e 1 1 e r t, Dirk. Rotel 127, Akte MH. CiUs.
risse 350, 571. Rahmenentwurf .V47, Per»
spektive 620, 621
\' e I o, X'orteile 544. Natur/cKiiiKM 2s|.
Akt .K5. Skurz 422. o22. K-miircn 541
Velo nero 5.V)
\cnezian... Ag. 215. 26.5. 0.i4
Vereinfachung, lineare 18
\' e r f ä I s e h u n g 675
\erflossen (Lavieren) 5!
Vergilben der Tinte o3 n. 2. P«picrc
67H
r
■5S
Namens und Sachregister.
\' e r g r öß e r u n g s= u. X'crklcincrungss
apparat == Storchschnabel
V e r k e h r t z e i c h n e n, graph. Vorlagen
50, 353, 358, Tapeten 337
V e r 1 a u f e r, tuschierte 54
\'erlieren = sich verjüngen
Verluste an Zeichnungen 677
Vermeer, Joh., Pinsel 160, Ölkohle 108
\'ermillons (rote Pastellstifte) 128
V e r n e t, J., Landschaft 519
V e r o n e s e, P., Prunkfeste 313, Perspek;
tive 614, Asymmetrie 618
\' e r r e noir 549, concave 550
\'errocchio, Silberstift 86, 94, Kohle
104, Korperplastik 568, Akt 386, Dra::
perie 448, Karton 529, Skizzenbuch 47
Versch wachen (Schattieren) 563
Vertragszeichnung 326
V e s a 1 i u s, A., Anatomie 229, 558
Ve stire alla moderna 441, al modo ans
tico 441
V e t r i piani 546
V i e 1 z e i c h n e r 22, 296
\'' i e r u n g (Estrichfeld) 610
Vigee Le Brun, Elisab. 433
Vignali, Jac. 163, 586
Vignola, Giac. Barozzi, Regole 231
Villard de Honneqourt 195, 220,
224, 379
Virtuosentum 38
V i s a m e n t (Visierung) 285
V i s c h e r, Peter u. Familie 368
Visieren (Visierung, Visier), zeichnen,
konstruieren 285
Visierungsbücher 648
\M t e 1 1 i o (Witello) 601
V i t i, Timoteo 305, 316, 645
V i t r u V i u s, De architectura 224, 231,
Kanon 226
Voll i cht 628
Vollplastik 562
Volpato, G. B., Pastellrezept 116, 135,
Umdrucke 541, Velo 544
Vordergrund der Landschaft 485, 487,
479, 498, 516
Vorlagen werke 252, 254, 274, 432,
433 n. 2, radierte 274, Klcinmeister 339
V o r s t e r m a n n, L. 359
Vorstufen, zeichnerische 251
Vorzeichnungen für andere, Ges
mälde 329, 330, 644, Tapeten 336, 522,
Glasscheiben 50, graphische 355, kunst^
gewerbliche 257, 339, 341, 372, siehe '
auch Entwürfe
V^ achsabdrücke (Münzen) 274
Wachskorn (Fadennetz) 389, 545
\V a c h s =L i b r e 1 1 i 166
W a c h s m o d e 1 1 e siehe M o d e 1 1^
männchen
Wanderjahre 207, 240, 242 f.
Wandmalereien, ägyptische 582
Wandteppich siehe Tapeten
W a s c h e n = Tuschen, Lavieren
Wasserbley (Graphit) 143
Wasserzeichen 174, 202, 661, 695 f.,
Nebenmarken 697
Watelet, M., über Antike 275, Beiichs
tung 581 n. 3, Anatomie 237
Watteau, A., Kunstkreide 117, Kreide«
Rötel 132, Gewandung 450, Landschaft
519, Abklatsche 540, 543
Weenix, J. B., Graphit 145
WeißbraunsZeichnung 51
WeißrotsZeichnung 351
WeißschwarzsZeichnung, Feder
50, Pinsel 162, Glasrisse 351
Welstandt = Aktpose
Werkzeichnung 326, 330, 361, 366 ^,
W e y d e n, Rogier van der, Silberstift ^,i.
Italienreise 242
W i c a r, Chevalier 652
Wie rix, Jan, Federkunststücke 44, 361
W i 1 1 e, J. G. 128 n. 5, 145, 668
W i n c k e 1 m a n n, J. J., über Antiken 273
Wischen 44, 579, Steinkreide 112, von
Kunstkreide 117, Rötel 129, Pastellstif.
ten 134, mit Graphitpulver 147, Lavier^
pinsel 579, Gummistücken 580
Wischer 185, 393, 579
i W i t z, K., Landschaft 472, 507, Reflexe 596,
Schlagschatten 597
Wohlgemut, M. 5, Skizzenbuch 46
Wollenpapier 172 n. 3
Z a g a n e 1 1 i. F., Draperie 443
Z a p o n, Fixage 193
Z e c h e = Gilde
Zechmeister 209
Zeichenbrettchen (Tavolette) 194
Zeichenfeder (Stifthalter) 119, sflä«
chen 164, Libretti 167, smappe 193, smit=
tel, Wahl derselben 22, ^schulen 355
n. 1, sstufen, technische 252
Zcichentäfelchcn 164, 281, gekrei^
det 87, gefirnißt 165, Bleigriffel 74, Sil*
Xamerii und Sachregister.
"39
bcrstift 93, lo7, 252, im Kunsthandwcrk
168 u. n. 4, Diptycha 166 n. 2
Zeichentechnik, individuelle 1 4, ge»
mischte 113, 130, 292
Zeichenunterricht, Stufengang 214.
251, 252, 254, der Lehrlinge u. Gehilten
210, 213, 215, 220, 228, 234. 236, 23«,
siehe auch Ubungszeichnen
Zeichenvorlagen siehe \' o t-
1 a g e n w e r k e
Zeichnerisch und bildmäßig 11. 12
— und malerisch 134
Zeichnung als Pfadfinderin 23 — 25
Zeichnungen, gemalte (Pastelle) 133.
gestochene 258, 656
— Schenkung, Vererbung 645, ^Diebstähle
645, Lehrbehelfe 652, wissenschaftliche
Wertung 2, 275, materielle 650, 653
Zeichnungenpublikationen 2,
258 359, 656, 669
ZeittSstüm 449
Zc n t raU ich tc r 631. 633
Zerschneiden von Zeichnungen 684
Z e V i o, Stefano da, Skizzenbuch 47
Ziegenpergament 169
Z i e r s c h e i b e n 35 1
Zinn bleigriff ei siehe H 1 e i z i n n^
griffe!
Z i n n g r i f f e I 74, 77
Zinnobertonen 46
Zirkel 187, =figurcn 188. ^griffel 77
Z u e c a t o, Sebastiano 175
Zuccheri, Federigo, Cartoncino 532. Ri«
lievozeichncn 265, 272. über Disegno 27
— Taddeo 242, X'ertrag 329
Zuckerkandis (Pastelle) 135
Zunftbefreiung 210, 247. ^einkauf
247, =meister 209, sordnung siehe S t a»
tuten, svcrgliederung 210. ^Verhältnisse
209, 242
Z \v e i s c h a I c n 5 S y s t e m 54
-^Z y 1 i n d e r p r i n z i p (Schattierung) 572
>73^
»
11
^
m
-V *
Meder, Joseph
Die Hand Zeichnung
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